Der Fall David - Leseprobe

“Der Roman ist eine Meditation welche über
imaginäre Figuren auf den Grund der Existenz geht.
Ein Thema ist eine existentielle Fragestellung.
Ich konstruiere meine Romane von jeher auf zwei
Ebenen. Auf der ersten Ebene komponiere ich die
romaneske Geschichte, darüber entwickle ich die
Themen. Die Themen werden durchgehend in der
romanesken Geschichte und durch sie verarbeitet.”
Milan Kundera

1. Kapitel

David's on the road again

Schmerz erfüllte sein Bewusstsein. Zunächst nahm David nichts anderes wahr als das hämmernde Pochen in seinem Kopf. Er lag reglos auf dem Rücken und wusste für einen Moment weder, wie spät es war, noch welcher Tag. Alles schien unverändert. Doch was genau war es, das sich nicht verändert hatte? Die Erinnerung kehrte nur langsam zurück, zäh wie der Nebel eines Herbstabends.

Obwohl seine Entscheidung längst gefallen war, fragte er sich noch einmal, ob es nicht vernünftiger wäre, sich einfach umzubringen. Doch ein zweiundvierzigjähriger Katholik bringt sich nicht um. Das war ausgeschlossen. Außerdem stand der Frühling vor der Tür - was allerdings auch keinen Unterschied mehr machte.

So lag David an diesem Dienstag, dem 1. März im Jahre des Herrn 2011, mit seiner stummen Sehnsucht im Bett und starrte an die Decke.

Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.

Alles Denkbare gedacht, dachte er. Jetzt ist die Zeit des Handelns. Er schwang die Beine über die Bettkante, setzte sich auf und zwang sich aufzustehen. Das Morgengrauen machte seinem Namen alle Ehre.

Im Badezimmer schluckte er eine Tablette Oxycodon. Er wusste, dass das Opioid seine Schmerzen lindern würde, zugleich aber auch seinen Geist dämpfte. Er schätzte seine intellektuellen Fähigkeiten sehr und vertraute stets auf sie. Seine Fähigkeit, klar zu denken, war immer sein größtes Kapital gewesen. Nun musste er sie gegen ein erträgliches Maß an Schmerz eintauschen. Ausgerechnet jetzt, wo er in den kommenden Tagen keinen Fehler machen durfte.

Langsam schlurfte er in die Küche, machte sich einen großen Milchkaffee und ging mit der Tasse und einem Glas Wasser ins Wohnzimmer. Dort ließ er sich an den großen Esstisch sinken, griff zur Fernbedienung und schaltete die HiFi-Anlage ein.

Wieder erklangen die ersten vier Töne von Beethovens Fünfter. Die Schicksalssinfonie. Seit Tagen lief sie in Endlosschleife. So pocht das Schicksal an die Pforte, dachte er. Vier Töne. Mehr brauchte Beethoven nicht, um bis ins Mark vorzudringen. David schloss die Augen und ließ die Musik auf sich wirken.

Vielleicht sind das meine letzten Tage in Freiheit. Doch was bedeutete Freiheit überhaupt? Er war Gefangener seines Körpers. Gefangener seines Lebens.

Als er wieder auf seine Tasse blickte, erinnerte ihn der Milchschaum an Puerto Rico, die östlichste und kleinste Insel der Großen Antillen. Dort hatte er Ende der achtziger Jahre einen Winter verbracht. Er liebte Reisen in den Osten oder Westen, denn sie ließen sich unbegrenzt fortsetzen, während Reisen in den Norden oder Süden immer an einem Punkt endeten.

Langsam veränderte sich die Form des Schaums. Aus Puerto Rico wurde Nepal. Kathmandu. Das Ziel seiner großen Reise, die nun unerreichbar geworden war. Er hatte sich ein Jahr freigenommen, um auf dem Landweg dorthin zu gelangen. Dann war alles anders gekommen.

Träume sind Schäume, dachte er.

Während Beethoven das Schicksal an die Pforte klopfen ließ, zogen Bilder ferner Länder und fremder Menschen an seinem inneren Auge vorbei.


Einige Stunden später saß David in seinem Wohnmobil auf der Westautobahn, dem asphaltierten Rückgrat des österreichischen Individualverkehrs, und fuhr Richtung Westen.

Bereits an der ersten Raststätte verließ er die Autobahn. Er suchte sich einen Parkplatz, möglichst weit entfernt von den anderen Fahrzeugen, stellte den Motor ab und blieb einen Moment reglos sitzen. Dann stieg er aus, streckte sich und ließ den Blick unauffällig über den Parkplatz schweifen. Niemand schenkte ihm Beachtung.

Er öffnete die Tür zum Wohnbereich, verschwand in der Nasszelle, rasierte sich den Vollbart ab und kürzte seine Haare auf drei Millimeter. Als er schließlich in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder.

Wer soll das sein?, dachte er. Ich bin es jedenfalls nicht. Mit diesem Gesicht hätte er sich selbst auf einem Fahndungsfoto sofort für den Täter gehalten. Er setzte sich wieder ans Steuer und fuhr dem Sonnenuntergang entgegen.

Als der Traunstein in direkter Verlängerung der Autobahn vor ihm auftauchte, überkam ihn ein Gefühl des Heimkehrens. Das Salzkammergut war für ihn immer das gelobte Land gewesen.

Aus den Lautsprechern erklangen erneut die ersten vier Töne von Beethovens Fünfter. Karajan ließ dem Schicksal keine Zeit für eine Einleitung. Es klopfte sofort an die Tür. David drehte die Musik noch etwas lauter. Für einen kurzen Augenblick war er mit sich und der Welt im Reinen.

Doch das Gefühl verflog schnell. Wieder fragte er sich, ob sein Plan tatsächlich aufgehen konnte.

Bei Seewalchen verließ er die Autobahn. Zu seiner Linken tauchten nun der Attersee und Schloss Kammer auf, und am gegenüberliegenden Ufer leuchtete das Höllengebirge in der Nachmittagssonne. Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte er sich ein wenig.

Wenige Minuten später erreichte er Attersee am Attersee und bog direkt zum Campingplatz Wimmer ein. Vor der Einfahrt zu den Dauerstellplätzen erwartete ihn bereits Mitzi Hufnagel von der Campingplatzverwaltung.

„Servus. Du muast da Georg sein.“

„Georg Trakl“, antwortete David zurückhaltend. „Ich habe einen Dauerstellplatz reserviert.“

„Aha?“

„Ich komme aus Wien“, ergänzte er rasch, noch bevor sie ihre nächste Frage stellen konnte.

Mitzi Hufnagel holte tief Luft.

„Bist alloa?“

David nickte.

Sie ließ ihm keine Zeit zum Antworten.

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum bist du alloa?“

Er musste unwillkürlich lächeln.

„Wenn ich das wüsste, wäre ich vermutlich nicht allein.“

Mitzi überlegte einen Moment.

„Wos mochst denn do bei uns? Urlaub?“

David ließ den Blick über den See zum Höllengebirge schweifen.

„Auch. Aber in erster Linie schreibe ich. Ich bin Schriftsteller.“

„Wos schreibst denn?“

„Einen Kriminalroman, der am Attersee spielt. Deshalb bin ich hier.“

„Oooh!“

Mitzi strahlte.

„Bin i dann a Figur in deinem Roman?“

„Natürlich. Sie dürfen darin nicht fehlen.“

Sie grinste über das ganze Gesicht, zog einen kleinen Zettel aus der Hosentasche und drückte ihn ihm feierlich in die Hand.

David las laut vor:

„Erdäpfelschälen.“

Er sah sie fragend an.

„Ist das meine erste Aufgabe auf dem Campingplatz?“

Mitzi lachte schallend.

„Naa geh! Des is des WLAN-Passwort. Mir san jo net im Urwoid.“



3. Kapitel

Ein anderer Tag, ein anderer Mann

„I wake up in the morning and the sun begins to shine“, sangen die Scorpions und rissen Gottlieb unsanft aus dem Schlaf. Wie in Trance schlug er nach dem Radiowecker, als wollte er eine lästige Mücke erschlagen. Verdammt noch mal. Er hatte gerade einen wunderbaren Traum gehabt – und nun dieses abrupte Erwachen.

In der letzten Szene seines Traums war er auf eine Frau zugegangen, die ihm hinter der Glasscheibe eines Cafés zuwinkte. Voller Vorfreude hatte er den Eingang angesteuert, doch irgendetwas stimmte nicht. Je schneller er ging, desto weiter schien sie sich von ihm zu entfernen. Je schneller er lief, desto unerreichbarer schien sie zu werden. Zwischen ihnen lagen nur wenige Meter – und doch kam er ihr keinen Schritt näher.

Noch bevor er begreifen konnte, was vor sich ging, war er aufgewacht. Er versuchte, den Traum zurückzuholen und sich an die Einzelheiten zu erinnern, als plötzlich auch noch sein Handy läutete. Ein Blick aufs Display zeigte ihm, dass seine Mutter anrief. Er starrte das Handy an, noch zu benommen, um den Anruf entgegenzunehmen. Schließlich sprang die Mailbox an, doch sie hinterließ keine Nachricht. Stattdessen verriet ihm das Display, dass heute Montag, der 7. März 2011, war. Keine zehn Sekunden später klingelte das Handy erneut. Diesmal nahm er ab.

„Griaß di, God“, murmelte er verschlafen ins Telefon.

„Host du de boadn Poar Sockn kriagt, de i da gschickt hob?“, fragte seine Mutter, ohne jede Begrüßung.

„Jaaa, hab ich bekommen. Das grüne Paar habe ich sogar gerade an“, log er.

„Und des rote Poar hot da net gfoin?“, fragte sie mit hörbarem Vorwurf.

„Doch, das gefällt mir auch“, erwiderte er mit einem Anflug von Verdrießlichkeit. „Aber ich kann schlecht zwei Paar gleichzeitig tragen.“

„Du host di jo net g'mödt. Deswegn muaß i di wieda amoi oarufa. Du mödst di jo goa nimma.“

„Du kannst mir jederzeit eine E-Mail schreiben“, sagte Gottlieb und unterdrückte ein Gähnen. „Ich antworte dir auch. Du musst nur den Computer einschalten, den ich dir letztes Jahr geschenkt habe.“

„Na, des Ding schoit i net ei. I mecht ma do kan Computavirus vom Bill Gates eifanga.“

Gottlieb stöhnte. „Mama, von einem Computervirus wird man nicht krank. Der schadet nur dem Computer.“

„A so? Jetzt bist du also net bloß Kommissar, sondern aa no Computerspezialist und Oberarzt.“

Gottlieb musste trotz seiner Müdigkeit grinsen.

„Okay, Mama. Ich ruf dich später zurück. Aber jetzt muss ich Schluss machen, ich muss ins Kommissariat.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, beendete er das Gespräch.

Da es ein außergewöhnlich klarer und angenehm milder Frühlingsmorgen war, beschloss Gottlieb, im Café Glockenspiel zu frühstücken. Er genoss den Luxus, in einem Haus mit integriertem Café zu wohnen – mitten am Linzer Hauptplatz. Er trat durch das schwere Haustor ins Freie und blinzelte in die Morgensonne, die ungerührt vom Geschehen des Alltags über den Platz schien. Der Himmel über Linz spannte sich in einem Blau, das selbst hartnäckige Skeptiker überrascht hätte. Gottlieb nahm an einem Tisch Platz, der direkt an der Hauswand stand. So hatte er die Mauer im Rücken, den Hauptplatz vor sich und die wärmende Sonne im Gesicht.


Das Klirren von Porzellan und das gedämpfte Murmeln der Gäste legten sich wie ein sanfter Klangteppich über den Morgen. Menschen eilten über den Platz, andere blieben stehen, um ein paar Worte zu wechseln. Gottlieb ließ den Blick schweifen, ohne nach etwas Bestimmtem zu suchen. Er beobachtete die Welt mit jener stillen Aufmerksamkeit, die ihm als Kommissar längst zur Gewohnheit geworden war.

Am Nachbartisch fiel ihm eine Frau auf. Ihre Hand verharrte ungewöhnlich lange in ihrer Handtasche. Sie warf einen kurzen Blick auf die Rechnung, tastete erneut nach ihrer Geldbörse und wurde dabei sichtlich unruhiger. Keine große Katastrophe – nur dieser kleine, unangenehme Moment, in dem einem bewusst wird, dass etwas nicht stimmt. Die Frau schien ihre Brieftasche nicht zu finden.

Als die Kellnerin an den Tisch trat, sagte Gottlieb leise: „Die Rechnung von der Dame geht auf mich.“

Die Kellnerin nickte kaum merklich. Die Frau blickte überrascht auf, ihre Augen trafen für einen Augenblick die seinen.

„Vielen Dank“, sagte sie leise.

Ein freundliches Nicken war alles, was Gottlieb als Antwort gab.

Wenig später verließ sie das Café. Vielleicht ging sie mit etwas leichterem Herzen über den Hauptplatz, ohne genau zu wissen warum. Doch es blieb etwas zurück, unsichtbar und doch wirklich - ein stiller Beweis dafür, dass Nächstenliebe nicht laut sein muss, um Gewicht zu haben.

Gottlieb dachte nicht weiter darüber nach. Für ihn war es nur eine kleine Selbstverständlichkeit gewesen. Er dachte schon wieder an etwas ganz anderes, doch diese Gedanken wurden unterbrochen, als die Kellnerin erneut an seinen Tisch trat. Sie war eine südländische Schönheit mit glänzend schwarzem Haar.

„Einen Espresso und ein Croissant, bitte.“

Unwillkürlich sah er ihr nach, als sie im Lokal verschwand. Ich lasse mich also immer noch von Äußerlichkeiten ablenken, dachte er und musste über sich selbst schmunzeln. Aber wovon eigentlich? Wahrscheinlich vom Wesentlichen. Nur – was war das Wesentliche? Eine Frage von ganz anderem Kaliber, eine Frage, die man möglichst früh im Leben geklärt haben sollte. Es erschien ihm sinnlos, erst auf dem Sterbebett danach zu suchen. Eine grundsätzliche Antwort hatte er für sich längst gefunden. Schwieriger war es, sie Tag für Tag in den kleinen Entscheidungen des Alltags auch wirklich zu leben.


Nach dem Frühstück machte sich Gottlieb, einem leidenschaftslosen inneren Antrieb folgend, auf den Weg ins Kommissariat. Das außergewöhnlich schöne Frühlingswetter und die Tatsache, dass Linz für ihn noch immer Neuland war, sprachen ohnehin dafür, den Weg zu Fuß zurückzulegen.

Er lebte erst seit Anfang Jänner in der Stadt. Nach einem handfesten Eklat mit seinem Vorgesetzten hatte er sich von Wien nach Linz versetzen lassen. Noch immer ging er deshalb mit den Augen eines Touristen durch die Straßen – aufmerksam, neugierig und gelegentlich sogar mit offenem Mund. Linz überraschte ihn immer wieder. Die ehemalige Stahlstadt, die viele noch immer mit Hochöfen und Industrie verbanden und die als Lieblingsstadt Adolf Hitlers einen düsteren Platz in der Geschichte einnahm, hatte sich zu einer lebendigen, modernen Stadt entwickelt. Manchmal kam ihm der augenzwinkernde Gedanke, Linz sei so etwas wie der „Big Apple“ des Mostviertels – jener Ort, an dem der bodenständige Mostviertler all das fand, was unter seinem Birnbaum eben nicht wuchs.

Eine gute Viertelstunde später bog Gottlieb in die Nietzschestraße ein, in der sich das Landeskriminalamt befand. Wie fast jeden Morgen musste er dabei an einen Satz Friedrich Nietzsches denken: Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave. Da Gottlieb nicht die Absicht hatte, als Sklave durchs Leben zu gehen, nahm er es mit den Arbeitszeiten gelegentlich etwas lockerer. Von jenen Ermittlern, die in skandinavischen Krimis ihre Gesundheit, ihre Beziehungen und oft auch ihr Seelenheil dem Beruf opferten, hielt er herzlich wenig. So wollte er auf keinen Fall enden.

Beim Betreten des Landeskriminalamts wappnete sich Gottlieb innerlich. Sein Ziel war es, möglichst unauffällig an Frau Fellner vorbeizukommen.

Die Abteilungsassistentin Brigitte Fellner war eine ausgesprochen herzliche Frau in den Wechseljahren – stets gut gelaunt, fürsorglich und mit einer bemerkenswerten Begabung, unangenehme Tatsachen einfach zu übersehen. Sie trug einen weiß gefärbten Bob, hatte helle graublaue Augen und eine mütterliche Art, der man sich nur schwer entziehen konnte. Vor allem aber redete sie. Ununterbrochen.

Stille war für sie keine Alternative, sondern höchstens eine kurze Atempause zwischen zwei Gedankengängen. Ihre Worte sprudelten hervor wie Wasser aus einer übervollen Quelle. Kaum war ein Thema angeschnitten, war sie gedanklich schon beim nächsten. Sie kommentierte alles, assoziierte ohne Unterlass und führte im Grunde ein fortwährendes Selbstgespräch, das sich zwangsläufig in die Ohren anderer ergoss. Und doch lag in diesem unermüdlichen Reden eine eigentümliche Verletzlichkeit - als würde hinter der Fülle der Worte die leise Angst stehen, dass ohne sie etwas Wesentliches von ihr selbst verschwinden könnte, oder, dass etwas Ungeheuerliches zum Vorschein kommen könnte.

Diesmal muss ich schneller sein, dachte er, als er das Vorzimmer betrat. Ich gebe ihr sofort eine Aufgabe.

„Ach, Herr Chefinspektor …“, begann Frau Fellner mit einem strahlenden Lächeln.

Zu spät. Er sah ihr an, wie sich die ersten Sätze bereits formierten. Der Gesprächszug hatte den Bahnhof verlassen.

„Guten Morgen“, fiel er ihr freundlich ins Wort. „Ich hätte gerne eine Liste aller Dinge, die wir heute nicht tun – priorisiert nach Wichtigkeit.“

Frau Fellner blinzelte irritiert. Gottlieb nutzte den kurzen Moment der Verwirrung, ging an ihr vorbei und bemerkte im Vorübergehen ihren hellblau-rosa gestreiften Pullover. Normalerweise hätte sie dafür ein Kompliment erwartet. Heute verzichtete er darauf und verschwand in seinem Büro.

Dort wartete bereits sein Kollege und Assistent Hans Moosbacher. Der junge Mühlviertler wirkte auf den ersten Blick etwas behäbig, erzählte mit Vorliebe Witze – auch wenn er gelegentlich die Pointe vergaß.

„Habe die Ehre“, sagte Gottlieb, deutete ein knappes Nicken an und ging zu seinem Schreibtisch.

„Guten Morgen, Chef“, begrüßte ihn Moosbacher und musste sich ein Grinsen verkneifen. „Draußen wartet eine Femme fatale auf dich. Sie will ausschließlich mit dir sprechen.“

Gottlieb richtete sich auf und sah ihn streng an. „Geh, Hans. Das klingt wie aus einem schlechten Krimi. Der Mund des Narren ist sein Untergang, seine Lippen bringen ihn ins Verderben. Sprüche. Kapitel achtzehn. Vers sieben.“

„War nur ein Scherz. In Wahrheit ist es ein älterer Herr mit Aktentasche.“, gab Moosbacher lachend zu. „Aber dass er nur dich sprechen will, stimmt.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Frau Fellner trat ein. Sie zupfte nervös an ihrem neuen Pullover.

„Herr Chefinspektor“, begann sie, „langsam durchschaue ich Ihren Humor. Ich nehme an, Sie brauchen diese Liste gar nicht.“

Gottlieb nickte schmunzelnd.

„Aber es gibt tatsächlich etwas zu tun. Seit einer Viertelstunde wartet ein Herr draußen auf Sie. Ich wollte ihn zu Herrn Inspektor Moosbacher schicken, aber er besteht darauf, nur mit Ihnen zu sprechen. Ich verstehe ja gar nicht, warum ausgerechnet Sie. Vielleicht ist es etwas sehr Persönliches. Er sieht jedenfalls ausgesprochen seriös aus. Ein Oberarzt könnte er sein. Oder ein Anwalt. Oder vielleicht ist er ja …“

„Schicken Sie ihn bitte sofort herein“, unterbrach Gottlieb sie freundlich.

Ein Mann mit ergrautem Haar und einer breiten Stirnglatze betrat den Raum. Er schien um die fünfzig zu sein, vielleicht etwas älter. Er trug einen dunkelblauen Anzug und ein hellblaues Hemd ohne Krawatte. Der oberste Knopf seines Hemdkragens war geöffnet, was ihm einen weltoffenen Ausdruck verlieh. Sein Gesichtsausdruck verriet allerdings nichts Gutes. Er sah ein bisschen so aus, als würde er einen Beichtstuhl betreten, dachte Gottlieb.

„Mein Name ist Magister Peter Friedensreich. Ich leite das Institut für Religionspädagogik an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz.“

„Grüß Gott. Karl Gottlieb. Das ist mein Kollege Hans Moosbacher. Womit können wir Ihnen helfen?“

Friedensreich zögerte. „Es geht um eine heikle Angelegenheit. Genauer gesagt um den Fall Jacqueline Bernhuber.“

Gottlieb hob den Blick. „Der Fall ist abgeschlossen. Der Täter wurde rechtskräftig verurteilt.“

„Das weiß ich. Doch er hat nicht gestanden“, sagte Friedensreich leise. „Gerade deshalb bin ich hier.“

Bevor er weiterredete, schien sich Friedensreich zu sammeln.

„Was mir in besonderem Maße Sorge bereitet, ist der von mir außerordentlich geschätzte Lehrbeauftragte Dr. David Gutmann. Er ist einer der besten deutschsprachigen Experten für die Katharer. Vor einem Jahr bat er mich um eine einjährige Freistellung, um ein Buch über diese mittelalterliche Glaubensbewegung fertigzustellen. Ich habe seinem Wunsch entsprochen.“

Er machte wieder eine kurze Pause, als wollte er seiner folgenden Aussage mehr Gewicht verleihen.

„Zunächst erschien mir nichts daran ungewöhnlich. Mit der Zeit jedoch verdichteten sich gewisse Auffälligkeiten. Bereits im Verlauf des vergangenen Jahres wurde es zunehmend schwierig, ihn zu erreichen. Wenn er antwortete, dann in einer bemerkenswert knappen, beinahe formelhaften Weise. Seit Beginn dieses Jahres war schließlich selbst eine telefonische Kontaktaufnahme nicht mehr möglich.“

Friedensreich blickte Gottlieb an und suchte sein Verständnis.

„Vor einer Woche fuhr ich zu seiner Wohnung. Dort wohnte bereits der neue Eigentümer. Er erklärte mir, Herr Dr. Gutmann habe die Wohnung verkauft und sei nach Uruguay ausgewandert. Das kam mir merkwürdig vor. Meine Sekretärin spricht ausgezeichnet Spanisch. Sie telefonierte mit den Behörden am angeblichen Wohnort. Niemand dort kennt einen David Gutmann. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er jemals dort angekommen ist.“

„Doch worin genau erkennen Sie einen Zusammenhang mit dem Fall Jacqueline Bernhuber?“, fiel ihm Gottlieb ins Wort.

Friedensreich senkte für einen Augenblick den Blick, als müsse er seine Gedanken erst in eine Form bringen, die dem Gewicht des Gesagten gerecht wurde.

„Herr Doktor Gutmann“, begann er schließlich mit bedächtiger Stimme, „stand in persönlicher Bekanntschaft zu Jacqueline Bernhuber. Im Zuge der von uns im vergangenen Osterfestkreis veranstalteten Glaubenstage in Nußdorf am Attersee kam es zwischen beiden zu einer Begegnung. Sie werden verstehen, Herr Gottlieb, dass derartige Zusammenkünfte - getragen von geistiger Gemeinschaft, religiöser Einkehr und nicht zuletzt der intensiven Atmosphäre mehrtägiger Seminare - naturgemäß eine gewisse Nähe zwischen Vortragenden und den teilnehmenden Jugendlichen entstehen lassen.

Ich verhehle nicht, dass bereits die bloße Erwähnung eines möglichen Zusammenhangs mit dem tragischen Tod des jungen Mädchens einen unerträglichen Verdacht evoziert. Gleichwohl sah ich mich, um meines Gewissens willen, verpflichtet, Ihnen diese Umstände mitzuteilen. Es kostet mich erhebliche Überwindung, dergleichen auszusprechen; doch erschien es mir ebenso unverantwortlich, das spurlose Verschwinden von Herrn Doktor Gutmann unerwähnt zu lassen.“

Friedensreich beugte sich etwas vor. Dann fuhr er fort.

„Ich habe Ihnen gesagt, was ich weiß. Mehr kann ich nicht tun. Ab jetzt liegt die Angelegenheit in Ihren Händen.“


„Was hältst du von seiner Geschichte?“, fragte Gottlieb, nachdem Friedensreich den Raum verlassen hatte.

Moosbacher zuckte mit den Schultern.

„Dieser Gutmann hat sich ein Jahr freigenommen und ist schwer erreichbar. Was soll daran verdächtig sein?“

„Und die Verbindung zu Jacqueline Bernhuber?“

„Wir können doch nicht jeden verdächtigen, der irgendwann einmal Kontakt zu ihr hatte. Friedensreich steigert sich da in etwas hinein. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.“

„Ich meine, wir sollten uns von den Fakten nicht irritieren lassen. Vielleicht gibt es ja auch alternative Fakten?“

„Wie meinst du das?“, fragte Moosbacher.

„Ich kann nur mutmaßen was ich meine, aber wie ich mich kenne, wird's schon stimmen,“ antwortet Gottlieb, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Nicht alles was du meinst stimmt auch ... und Fakten sind nun mal Fakten“, entgegnet Moosbacher leicht genervt."

Gottlieb lehnte sich zurück.

„Du hast wahrscheinlich recht, aber meine Meinung gefällt mir besser. Mein Bauchgefühl sagt mir jedenfalls, dass an der Geschichte etwas nicht stimmt.“

„Dein Bauchgefühl hat vor Gericht aber keine Beweiskraft.“

„Zum Glück muss mein Bauchgefühl niemanden verurteilen. Es soll uns nur sagen, wo wir genauer hinschauen.“

Moosbacher nickte widerwillig. „Also gut. Was ist der Plan?“

„Du überprüfst alles, was wir von hier aus über Gutmann herausfinden können. Vor allem interessiert mich, ob es Verwandte, Bekannte oder eine Partnerin gibt, mit denen wir sprechen können.“

„Und du?“

„Ich fahre zur PÄDAG und höre mich bei seinen Kollegen um.“

Gottlieb stand auf und griff nach seiner Jacke.

„Um halb eins treffen wir uns wieder hier. Dann vergleichen wir unsere Erkenntnisse und gehen anschließend ins montägliche Jour fixe. Wir legen der Chefin alles vor. Sie soll entscheiden, ob wir den Faden aufnehmen oder die Sache auf sich beruhen lassen.“


Als Gottlieb das Sekretariat des Instituts für Religionspädagogik betrat, wurde er von einer gut gelaunten jungen Frau mit einem Lächeln empfangen, das ihn aus unerfindlichen Gründen an einen Sommer in der Toskana erinnerte.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Karl Gottlieb, Kripo Linz. Ich suche Herrn Doktor Gutmann. Ich benötige seine Aussage als Zeugen. Mir ist bekannt, dass er derzeit freigestellt ist und selbst Magister Friedensreich ihn nicht erreichen kann. Deshalb wollte ich hier im Institut nachfragen, ob einer seiner Kollegen weiß, wo er sich aufhält oder noch Kontakt zu ihm hat.“

„Ich selbst hatte so gut wie keinen Kontakt zu Doktor Gutmann“, erwiderte sie bedauernd. „Am besten fragen Sie im Aufenthaltsraum der Professoren nach. Vielleicht ist gerade jemand dort. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, wer.“

„Das wäre schon eine große Hilfe. Wenn Sie mir noch den Weg beschreiben, sind Sie mich auch schon wieder los.”

Sie lächelte. „Ganz einfach. Gehen Sie den Gang entlang. Der letzte Raum auf der linken Seite.“

„Vielen Dank. Den werde ich finden.“

Im Aufenthaltsraum traf Gottlieb tatsächlich nur auf einen einzigen Professor. Dafür schien der Mann sämtliche Klischees seines Berufsstandes in sich zu vereinen: weißer Vollbart, schütteres weißes Haar und eine runde Nickelbrille, die auf seiner Nase balancierte.

Nachdem Gottlieb sich vorgestellt hatte, kam er rasch auf Professor Gutmann zu sprechen.

„Ach ja, Kollege Gutmann“, sagte der Professor nachdenklich. „Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Ich habe sämtliche seiner Manuskripte gelesen – wirklich ausgezeichnete Arbeiten. Persönlich ist er allerdings ausgesprochen zurückhaltend. Dazu kommt eine ganz eigene, fast exaltierte Art zu kommunizieren. Deshalb hatte ich kaum Kontakt zu ihm. Den meisten Kollegen geht es wohl ähnlich.“

Er schmunzelte.

„Bei den Studentinnen soll er allerdings ziemlich beliebt sein. Man sagt, er sehe einem berühmten Schauspieler ähnlich. Mir fällt der Name nur nie ein. Derjenige, der damals die Hauptrolle in Saturday Night Fever gespielt hat.“

„John Travolta?“

„Ganz genau. Der ist es.“

Der Professor warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Meine nächste Vorlesung beginnt gleich.“

Gottlieb verabschiedete sich und machte sich auf den Rückweg ins Büro.

Während der Fahrt dachte er über den Berufsstand der Lehrer nach. Lange Zeit hatte es wohl kaum einen Beruf gegeben, in dem man seine Eigenheiten so ungeniert ausleben konnte. Als Schüler nahm man solche skurrilen Gestalten meist achselzuckend hin; erst Jahrzehnte später, in einem melancholischen Rückblick auf die eigene Schulzeit, begegnete man ihnen mit einer gewissen Nachsicht und sogar Zuneigung.

Heute war das anders. Exzentrik war längst kein Privileg von Lehrern oder Universitätsprofessoren mehr. Selbst Vorstandsvorsitzende und Unternehmer kultivierten ihre Eigenheiten mit sichtlichem Stolz. Bloß nicht gewöhnlich wirken – das schien inzwischen das unausgesprochene Motto der Zeit zu sein.


Lea-Sophie Böhm-Wagner, Leiterin des Ermittlungsbereichs „Leib und Leben“ im Landeskriminalamt Oberösterreich, stürmte in den Besprechungsraum wie ein wohlig warmer Herbstwind an einem sonnigen Oktobertag. Die attraktive Frau Ende vierzig mit den schulterlangen, blond gefärbten Haaren nahm am Kopfende des Konferenztisches Platz und eröffnete das Jour fixe.

„Liebe Kollegin, liebe Kollegen, herzlich willkommen. Wir haben alle unsere Hausaufgaben gemacht, sind hervorragend aufgestellt und bereit, auf alle Eventualitäten proaktiv zu reagieren. Unser erklärtes Ziel ist es, gemeinsam die Kontinuität zu wahren, Herausforderungen kraftvoll anzupacken, auf Augenhöhe zu kommunizieren und partnerschaftlich zusammenzuarbeiten.“

Gottlieb hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Er runzelte die Stirn und suchte den Blickkontakt mit Moosbacher. Der hob nur mit einem gequälten Gesichtsausdruck die Schultern.

Na ja, dachte Gottlieb. Sie war wohl wieder auf einem Führungskräfte-Seminar. Irgendjemand hat ihr dort beigebracht, dass ein Satz ohne Managementfloskeln kein richtiger Satz ist. Dabei muss sie uns gar nichts beweisen. Wir lieben sie. Verglichen mit unserem früheren Chef Rainer Wahnsinn ist sie eine Offenbarung – auch wenn Rainer Wahnsinn in Wirklichkeit Rainer Hofstätter hieß.

„Von meiner Seite gibt es derzeit keine To-dos zu verteilen“, fuhr Böhm-Wagner fort. „Ich halte mich deshalb kurz, denn ich habe gleich noch einen wichtigen Call. Gibt es von Ihrer Seite etwas Neues?“

Betretenes Schweigen. Die sieben Mitarbeiter wirkten gleichermaßen eingeschüchtert wie irritiert. Schließlich räusperte sich Gottlieb.

„Herr Peter Friedensreich, war heute Morgen bei uns ...“

„Herr Magister Friedensreich?“, fiel ihm Böhm-Wagner ins Wort.

„Ja.“

„Was wollte er?“

„Darauf komme ich gerade.“ Gottlieb wartete einen Augenblick, bevor er weitersprach. „Er macht sich Sorgen um einen Lehrbeauftragten seines Instituts, Herrn Dr. David Gutmann, der seit einiger Zeit verschwunden zu sein scheint. Außerdem hat er einen möglichen Zusammenhang mit einem alten Fall hergestellt – dem Fall Bernhuber. Dass der damals verurteilte Eugen Puceanu seine Tat nie gestanden hat, lässt Herrn Friedensreich bis heute angeblich keine Ruhe. Deshalb hat er sich an uns gewandt.“

„Was heißt angeblich?“, fragte Böhm-Wagner. „Haben Sie Zweifel an seinen Beweggründen?“

„Nein. Weder Zweifel noch Glauben. Ich möchte lediglich sauber zwischen Tatsachen und Vermutungen unterscheiden. Wir wissen nur, was Herr Friedensreich uns erzählt hat. Ob das tatsächlich seine einzigen Beweggründe sind, können wir nicht beurteilen.“

Gottlieb verschränkte die Hände, lehnte sich etwas zurück und fuhr fort.

„Dass Puceanu weder während der Verhöre noch später vor Gericht ein Geständnis abgelegt hat, ist allerdings ungewöhnlich. Mir persönlich ist kein vergleichbarer Fall bekannt. Bei einem Neunzehnjährigen ist es erfahrungsgemäß wahrscheinlicher, dass er unter Druck etwas gesteht, was er gar nicht getan hat, als dass er eine tatsächlich begangene Tat bis zuletzt leugnet. Das soll ausdrücklich kein Urteil über die damaligen Vernehmungsmethoden sein – dafür kenne ich die Akten zu wenig.“

Gottlieb blätterte in seinen Notizen.

„Kollege Moosbacher und ich haben uns heute Vormittag nach Dr. Gutmann erkundigt. Er hat vor einigen Monaten den Kontakt zu seinem Vorgesetzten abgebrochen und seine Eigentumswohnung verkauft. Gekündigt hat er allerdings nicht, und auch umgemeldet hat er sich nicht. Er ist nach wie vor an seiner früheren Adresse in der Rainerstraße gemeldet.“

Gottlieb hob kurz den Blick.

„Das ist zumindest bemerkenswert. Kollege Moosbacher hat außerdem unsere Datenbanken und das Internet durchforstet. Das Ergebnis: praktisch nichts. Nicht einmal ein Mobiltelefon konnten wir ihm zuordnen. Als einzigen Angehörigen fanden wir einen Onkel in Hellmonsödt. Auch der weiß nicht, wo sich Gutmann aufhält. Von einer beruflichen Auszeit oder vom Wohnungsverkauf hatte er ebenfalls keine Ahnung. Er war darüber sichtlich überrascht, weil er zuletzt zu Weihnachten mit seinem Neffen gesprochen hatte und dieser mit keinem Wort entsprechende Pläne erwähnt hatte. Der Onkel hat uns angeboten, jederzeit vorbeizukommen, falls wir weitere Fragen haben.“

Böhm-Wagner nickte nachdenklich. „Derzeit gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass das Verschwinden von Dr. Gutmann mit dem Fall Bernhuber zusammenhängt. Solange es diese Verbindung nicht gibt, gibt es auch nichts zu behandeln. Ist das klar?“

Die Runde nickte.

„Trotzdem gehen wir dem Verschwinden von Dr. Gutmann nach. KGB darum kümmern.“

Sie stand bereits auf.

„Die Sache galoppiert nicht, aber wir behalten sie im Auge. Gibt es noch Fragen? Gut. Dann zurück an die Arbeit. Gottlieb, Sie halten mich auf dem Laufenden.“

Noch ehe jemand antworten konnte, war Böhm-Wagner bereits im Sauseschritt aus dem Besprechungsraum verschwunden.

Der junge Kollege Strasser blickte ihr nach. „Was bedeutet eigentlich KGB?“

Gottlieb grinste. „Karl Gottlieb, bitte. Wenn sie gereizt ist, nennt sie mich nur noch nach meinen Initialen.“

„Dann war sie heute wohl gereizt.“

„Davon kannst du ausgehen.“

Nachdem auch Gottlieb und Moosbacher den Besprechungsraum verlassen hatten, sagte Gottlieb:

„Auch wenn das offiziell nichts mit dem Fall Bernhuber zu tun hat, werde ich noch kurz mit Nowitzki sprechen. Er war damals der Gerichtsmediziner in dem Fall. Glücklich der Mensch, der Weisheit findet und Einsicht gewinnt. Sprüche. Kapitel drei. Vers dreizehn.“

Mit einem Nicken in Richtung Moosbacher verabschiedete er sich.

„Wir sehen uns morgen. Servus.“

„Pfiat di God, Karl“, antwortete Moosbacher.

Gottlieb machte sich auf den Weg zur Gerichtsmedizin in der Johann-Metz-Straße. Dort traf er jedoch nicht, wie erwartet, auf Dr. Nowitzki, sondern auf einen jungen Mann Ende zwanzig mit kurz geschorenem Haar, einem sorgfältig gestutzten Bart, einem Ring im linken Ohr und einer Tätowierung in Form einer Hand, deren Finger sich unter dem Hemdkragen hervorschoben und sich um seinen Hals zu legen schienen. Wenn Gottlieb über den ungewöhnlichen Anblick überrascht war, ließ er sich davon nichts anmerken.

„Chefinspektor Karl Gottlieb. Ich suche Dr. Nowitzki.“

„Dr. Uwe Hein“, erwiderte der Mann und reichte ihm die Hand. „Ich vertrete ihn.“

„Was ist mit Nowitzki?“

„Er ist dienstunfähig.“

„Warum?“

„Er ist tot.“

Gottlieb blinzelte.

„Sie haben gerade gesagt, er sei dienstunfähig.“

„Das stimmt. Aus versorgungsrechtlicher Sicht stellt der Tod die endgültige Form der Dienstunfähigkeit dar.“

Für einen Moment herrschte Schweigen.

„Eine bemerkenswert bürokratische Sicht auf das Ableben“, sagte Gottlieb schließlich. „Woran ist er gestorben?“

„An einem zerebralen Insult.“

Gottlieb nickte langsam.

„In den besten Jahren schon ein tödlicher Schlaganfall. Vielleicht sind die besten Jahre aber auch die besten zum Sterben. Immerhin behaupten die Menschen seit Jahrhunderten, sie könnten vor Glück sterben.“

Er schüttelte leicht den Kopf.

„Aber lassen wir das. Wir sind Kriminalisten und keine Philosophen.“

Er streckte Hein die Hand entgegen.

„Dann werden wir beide wohl künftig zusammenarbeiten. Ich bin der Karl. Willkommen im Club.“

Hein erwiderte den Händedruck.

„Uwe. Freut mich.“



7. Kapitel

Von Tigern und Schmetterlingen

Laut schreiend und wild gestikulierend taumelte der schwer betrunkene junge Mann durch die Straßenbahn. Sein schwarzes T-Shirt klebte schweißnass am Körper. Die Fahrgäste wichen instinktiv zurück.

Mit einem unkoordinierten Schritt rammte er einem Mann im Anzug den Ellbogen in den Rücken. Der Stoß kam hart und völlig unvermittelt. Der Geschäftsmann keuchte auf, verlor das Gleichgewicht und stürzte zwischen die Haltestangen.

Der Betrunkene nahm keine Notiz davon. Sein Blick war nach hinten gerichtet. In der letzten Sitzreihe saß ein junges Mädchen. Als sie bemerkte, dass er auf sie zukam, spannte sich ihr ganzer Körper an.

„Na, du Schlampe …“, brüllte er. „Hältst dich wohl für was Besseres mit deinem Gucci-Täschchen und deiner Ray-Ban?“

Das Mädchen presste sich gegen die Seitenwand. Sie hielt ihre Handtasche umklammert, sagte kein Wort und vermied seinen Blick.

Der Mann blieb unmittelbar vor ihr stehen.

„Auf einen wie mich schaust du doch nur voller Verachtung herunter!“

Dass in Wahrheit er auf sie herabblickte, schien ihm nicht bewusst zu sein. Dann hob er die rechte Hand. Darin hielt er etwas, das wie eine Spritze aussah.

Im selben Augenblick reagierte Gottlieb. Er hatte die Situation die ganze Zeit beobachtet und stand unmittelbar neben der Sitzbank. Als er die Spritze erkannte, zögerte er keine Sekunde. Er konzentrierte sich auf den jahrelang trainierten Bewegungsablauf und schlug mit voller Kraft zu.


An diesem sonnigen Donnerstagvormittag stand Gottlieb nun vor seiner Chefin.

„War das wirklich notwendig?“, fragte sie.

Noch bevor er antwortete, erklang in seinem Kopf Calvin Russell. "I'm standing at the crossroads, there are many roads to take, but I stand here so silently, for fear of a mistake, one path leads to paradise, one path leads to pain, one path leads to freedom, but they all look the same.“

Nachdem seine Chefin, als auch Calvin, mit ihrem Text fertig waren, hörte er sich selber sagen:

„Der junge Mann zeigte einen ausgeprägten Hang zu gewaltvoller Kommunikation und bewegte sich dabei äußerst aggressiv und rücksichtslos durch die Straßenbahn. Unter diesen Umständen erschien es mir wenig zielführend, ihn mit Wattebäuschchen zu bewerfen. Ich hielt es daher für angemessen, ihn außer Gefecht zu setzen – und zwar so, dass ein weiterer, möglicherweise noch heftigerer Angriff ausgeschlossen war.

Dass es dabei zu einer irreversiblen Korrektur seiner Zahnfehlstellung im vorderen Kieferbereich kam, war selbstverständlich nicht beabsichtigt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Hosea. Kapitel 8. Vers 7.“

Gottlieb holte tief Luft, bevor er weitersprach.

„Ich möchte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass ich ihn anschließend unverzüglich in die Unfallambulanz gebracht und ihm dort ein Cornetto Erdbeer gekauft habe. Ich dachte mir, Eis sollte auch ohne Vorderzähne problemlos konsumierbar sein. Zum Abschied habe ich ihn noch umarmt und ihm gute Besserung gewünscht. Das hat ihn zwar etwas irritiert, aber mehr konnte ich beim besten Willen nicht für ihn tun. Was meinen Sie?“

Seine Chefin sah ihn einen Moment schweigend an.

„Herr Kollege, ich weiß nie genau wie Sie das alles meinen, was Sie so sagen. An Sie muss ich mich erst noch gewöhnen. Sie wirken selbst angesichts von Elend und Gewalt immer so friedlich – und dann schlagen Sie mit einer Wucht zu, die ihresgleichen sucht.“

„Ein guter Krieger kämpft ohne Zorn.“

„Tao Te King?“

Gottlieb nickte.

„Ach, Sie und Ihre Sprüche.“

Sie seufzte.

„Vergessen wir die ganze Angelegenheit.“

„Welche Angelegenheit?“

Er zwinkerte seiner Chefin zu und machte sich auf den Weg in sein Büro.


Vor der Tür fing ihn Frau Fellner ab. „Grüß Gott, Herr Chefinspektor! Was ist denn passiert?“

„Ich hatte heute Früh eine Besprechung im Amt der Oberösterreichischen Landesregierung. Auf dem Rückweg ins Büro kam es in der Straßenbahn zu etwas Körperkontakt mit einem jungen Mann. Wir haben ein wenig Räuber und Gendarm gespielt. Jetzt weint er.“

Er machte eine kurze Pause.

„Apropos Wein – ich gehe jetzt Mittag essen. Heute probiere ich das Gasthaus im Kulturzentrum HOF aus. Mahlzeit, Frau Fellner.“

„Ja, in der Hofkneipe soll das Essen wirklich ausgezeichnet sein. Ich ess zwar am liebsten mein Selbstgekochtes, aber wenn ich einmal in ein Wirtshaus gehe, dann bestell ich fast immer Rindsrouladen. Da muss man aufpassen – die meisten sind viel zu trocken. Da ist mir mein eigenes Geheimrezept schon lieber. Ich geb da immer ein bisserl Safran hinein. Aber das bleibt jetzt unter uns ...“

Sie brach mitten im Satz ab.

Gottlieb war längst außer Hörweite.


Am späten Nachmittag erzählte Gottlieb Moosbacher im Büro von seinem gestrigen Gespräch mit Frau Bernhuber.

Er schloss seinen Bericht mit den Worten: „Viele Menschen versuchen, ihrem Leben durch Kinder Sinn zu geben und sich zugleich von der eigenen Sterblichkeit abzulenken. Stirbt das Kind vor den Eltern, bricht für sie oft die ganze Welt zusammen. Besonders dann, wenn es ihr einziges Kind war und sie keine Möglichkeit mehr haben, noch einmal neu anzufangen. Der Tod nimmt ihnen nicht nur einen geliebten Menschen, sondern häufig auch den Sinn ihres eigenen Lebens. Frau Bernhuber ist innerlich gemeinsam mit ihrer Tochter gestorben. Sie ist ihr im Geiste ins Grab gefolgt. Sie ist tot vor ihrem Tod.“

Moosbacher schwieg einen Moment.

„Mein Gott ... was für eine Geschichte. Wenigstens wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass David Gutmann und Jacqueline Bernhuber miteinander in Verbindung standen.“

„Ja. Nur hat die Chefin bisher noch nicht danach gefragt. Spätestens beim Jour fixe am Montag werde ich das Thema noch einmal auf den Tisch bringen.“

Er lehnte sich zurück.

„Aber genug davon. Was hat Steinwandler erzählt? Und was hast du über diese Carmen herausgefunden?“

Moosbacher verzog das Gesicht.

„Beim Steinwandler habe ich ehrlich gesagt nicht besonders gut zugehört. Während seines Monologs habe ich die ganze Zeit überlegt, was ich am Abend essen soll. Ich konnte mich lange nicht entscheiden zwischen einem warmen Schweinsbraten und einer kalten Jause. Schließlich habe ich mich für Schweinsbraten entschieden – mit Knödeln, Sauerkraut und einem naturtrüben Zwickl.“

Gottlieb wartete.

„Das war übrigens ausgezeichnet.“

„Hans.“

„Ja?“

„Der Fall.“

„Ach so. Das Einzige, was ich wirklich mitbekommen habe, war, dass Gutmann angeblich mit dem Besitzer des Papiertigers befreundet ist.“

„Was ist dieser Papiertiger eigentlich? Eine Zoohandlung für Origamitiere?“

Moosbacher schüttelte den Kopf.

„Nein. Der Papiertiger ist wahrscheinlich das bekannteste Papiergeschäft in Linz. In der Waltherstraße. Gleich bei dir ums Eck.“

„Interessant.“

Gottlieb stand auf.

„Dann schaue ich dort auf dem Heimweg noch vorbei. Über Carmen sprechen wir morgen.“

Gottlieb war schon halb zur Tür hinaus, als er Moosbacher zurief: „Servus! Bis morgen – in alter Frische.“

Auf dem Weg in die Waltherstraße machte Gottlieb einen Zwischenstopp beim Würstelstand am Taubenmarkt. Der Platz verdankte seinen Namen dem Vogel- und Kleintiermarkt, der hier einst abgehalten worden war. Heute standen dort, in friedlicher Koexistenz, der Würstelstand und direkt dahinter ein McDonald’s. Gottlieb bestellte sein persönliches Einser-Menü: Bratwürstel mit Sauerkraut und einer Scheibe Schwarzbrot.

An die schmale Metalltheke gelehnt, aß er mit der einen Hand, während die andere locker in der Manteltasche steckte. Der Duft von gebratenen Würsten, Senf und Sauerkraut hing schwer in der kalten Abendluft.

„Wissen S’ …“

Die Stimme kam von der Seite, rau und brüchig.

Gottlieb drehte sich leicht um.

Neben ihm stand ein Mann, dessen oberste Priorität im Leben offensichtlich nicht die Körperpflege war. Vielleicht Mitte fünfzig, vielleicht auch deutlich älter – schwer zu sagen. Sein Mantel war fleckig, sein Gesicht wettergegerbt, der Blick glasig, aber keineswegs leer. Im Gegenteil. In seinen Augen lag eine eigenartige Wachheit.

„Wissen S’, was das Problem is?“, fuhr der Mann fort und machte einen leicht schwankenden Schritt näher. „Alle glauben, sie versteh’n das Leben.“

Gottlieb musterte ihn kurz.

„Und Sie verstehen’s?“

Der Mann lachte trocken.

„Na. Aber i weiß zumindest, dass i nix versteh.“

Er tippte sich gegen die Stirn.

„Des is scho mehr als die meisten.“

Für einen Moment schwiegen beide.

„Sie san Polizist“, stellte der Mann schließlich fest.

Gottlieb hob eine Augenbraue.

„Was bringt Sie darauf?“

„Die Augen.“

Der Mann deutete vage auf sein Gesicht.

„Die schauen immer so, als würd’n s’ hinter allem no was suchen. Als wär nix einfach so, wie’s is.“

Gottlieb sagte nichts. Ganz unrecht hatte der Mann nicht.

„Und? Finden S’, was S’ suchen?“

„Selten.“

Der Mann nickte langsam.

„Ja. Weil’s ned dort is, wo S’ suchen.“

„Und wo ist es dann?“

„Im Weglassen.“

Er grinste schief.

„Aber des verkauft sich halt schlecht.“

Wieder entstand eine Pause.

Dann fragte der Mann unvermittelt: „Wissen S’, was Liebe is?“

Gottlieb sah ihn nun direkt an.

„Erklären Sie’s mir.“

Der Mann schwieg lange. So lange, dass Gottlieb schon glaubte, er habe die Frage vergessen.

Dann sagte er leise: „Liebe is, wenn du jemanden anschaust … und für an Moment aufhörst, di selber zu verteidigen.“

Etwas regte sich in Gottlieb. Kaum mehr als eine leise Ahnung zwischen Erinnerung und Schmerz.

„Und warum hält das nie?“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Weil ma Angst kriagn.“

Er lächelte traurig.

„Sobald ma merkt, dass ma ohne unsere Mauern vielleicht gar nix san.“

Gottlieb antwortete nicht. Es gab nichts hinzuzufügen. Das war es.

„Und Sie?“, fragte er schließlich. „Haben Sie das erlebt? Liebe?“

Der Mann lachte leise. Diesmal nicht bitter, sondern müde.

„Einmal. Und des hat greicht, damit i den Rest meines Lebens nimmer ganz ernst nehm.“

Wieder Stille. Diesmal dichter.

„Was ist passiert?“

Der Mann blickte gen Himmel, als suche er dort etwas, das längst verschwunden war.

„Nix Besonderes“, sagte er schließlich. „Sie is gangen. I bin blieben. Und irgendwo dazwischen hab i vergessen, wer von uns beiden eigentlich recht g’habt hat.“

Gottlieb nickte langsam. Das kam ihm seltsam vertraut vor.

Nach einer Weile richtete sich der Mann etwas auf.

„Wissen S’ … das Leben is ka Rätsel, des ma lösen muss.“

„Sondern?“

„Eher … a G’schicht, die ma aushalten muss.“

Gottlieb schüttelte leicht den Kopf.

„Das Wort ,aushalten‘ würde ich nicht verwenden, aber ich verstehe, was Sie meinen. Das weltliche Leben ist an sich völlig bedeutungslos, weil es mit dem Tod endet. Aber es gibt ja noch die geistige Dimension - jenseits von Geburt und Tod.“

Der Mann grinste.

„Ja, die geistige Dimension.“

Er hob seine Flasche.

„Bei mir beschränkt si de inzwischen auf den Geist aus da Flaschen.“

Er lachte.

„Meine einzige spirituelle Handlung is: I verwandel Wein in Wasser … das i lasse.“

Nun musste auch Gottlieb lachen.

„Wie hat ein kluger Mann einmal gesagt? ,Schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann.‘ Aber ich bin auch nur einer, der Wasser predigt und Wein trinkt. Einer, der gerade niemanden zum Streicheln hat und deshalb hin und wieder zur Flasche greift. Die kann man immerhin streicheln.“

Der Mann lachte herzhaft.

Dann wurde es wieder still. Es war keine unangenehme Stille. Eher jene Art von Schweigen, die einem guten Gespräch folgt.

Gottlieb betrachtete den Mann einen Moment. Dann griff er in seine Brieftasche, zog einen Hundert-Euro-Schein hervor und legte ihn auf den Tisch.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Behalten S’ des.“

„Warum?“

Er grinste.

„Weil S’ ma grad mehr geben ham, als i mit Geld anfangen könnt.“

Gottlieb zögerte kurz, dann steckte er den Schein wieder ein.

„Vielleicht sehen wir uns wieder.“

Der Mann zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht. Aber selbst wenn ned …“ Er tippte sich noch einmal an die Stirn. „Jetzt wissen S’ ja, wo S’ suchen müssen.“

Gottlieb nickte. Dann drehte er sich um und setzte seinen Weg in Richtung Waltherstraße fort. Das Gespräch mit dem Unbekannten hallte noch lange in ihm nach.


Als er den Laden in der Waltherstraße betrat, fiel sein Blick unweigerlich auf die junge Frau hinter der Kasse. Ein feines Piercing zierte ihren rechten Nasenflügel, der nackte Oberarm war bis zur Schulter tätowiert. Tätowierungen waren ihm fremd, Piercings erst recht – und doch empfand er keine Spur jener spontanen Ablehnung, die er sonst bei einem solchen Anblick verspürte.

Er blieb vor einem Regal mit Holzspielzeug stehen, mehr aus Vorwand als aus Interesse, und wartete darauf, dass sie sich ihm zuwandte. Noch war sie in ein Gespräch mit einer Kundin vertieft. Während er sie beobachtete, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Es war nicht Neugier. Auch keine gewöhnliche Anziehung. Eher das irritierende Empfinden, dass ihn etwas Unsichtbares längst erreicht hatte, noch bevor ein einziges Wort zwischen ihnen gefallen war.

Rein körperlich entsprach sie durchaus seinem Typ. Doch schon nach wenigen Augenblicken wurde ihm klar, dass das nicht der Grund war, weshalb er den Blick nicht von ihr lösen konnte. Es war, als ginge von ihr eine stille Vertrautheit aus, die sich jeder Erklärung entzog. Nicht die Vertrautheit zweier Menschen, die einander schon einmal begegnet waren, sondern jene rätselhafte Nähe, die man manchmal im Traum empfindet – das sichere Wissen, jemanden zu kennen, ohne sagen zu können, woher.

Je länger er sie betrachtete, desto stärker wurde dieses Empfinden. Es war beinahe, als würde etwas in ihm auf ihre bloße Gegenwart antworten. Kein Gedanke, keine Erinnerung, sondern ein lautloses Wiedererkennen. Er erschrak über sich selbst. Als Kriminalbeamter war er es gewohnt, Menschen zu beobachten, nicht von ihnen berührt zu werden.

Als sie sich schließlich zu ihm umdrehte und ihn ansah, traf ihn ihr Blick mit einer Intensität, auf die er nicht vorbereitet war. Es war kein besonders langer Blick und doch hatte er das Gefühl, sie sähe nicht ihn an, sondern etwas hinter ihm – oder tiefer in ihm, als es irgendeinem Fremden möglich sein sollte. Für einen Moment war sein Kopf völlig leer. Und was schließlich über seine Lippen kam, war ein stockendes, beinahe unbeholfenes:

„Äh ... ich ... ich bin auf der Suche nach einem Mann.“

„Wie bedauerlich“, erwiderte sie trocken. „Aber wie Sie unschwer erkennen können, bin ich eine Frau. Es ist immer dasselbe mit den hübschen Männern: Entweder sind sie vergeben oder homosexuell.“

Sie musterte ihn aufmerksam. In ihren Augen lag weder Neugier noch Misstrauen, sondern eine stille Gegenwärtigkeit, die ihn aus dem Konzept brachte. Es war, als müsste er sich vor ihr nicht erst erklären, weil sie bereits mehr verstand, als er ausgesprochen hatte. Dieser Gedanke war so absurd, dass er ihn sofort verwarf. Dennoch blieb das Gefühl bestehen.

Er war Menschen begegnet, die schön waren. Menschen, die klug waren. Menschen, die charismatisch waren. Doch noch nie einem Menschen, dessen bloße Anwesenheit ihn derart aus seiner inneren Ordnung brachte.

„Nein, nein, Sie missverstehen mich“, sagte er hastig. „Ich bin von der Kriminalpolizei. Sind Sie der Inhaber des Geschäfts? ... Nein, natürlich nicht. Entschuldigen Sie. Wo finde ich den Eigentümer? Und wer sind Sie überhaupt?“

Ein kaum merkliches Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Ich bin Ina. Ich vertrete nur während des Sommers. Der Inhaber, Gregor Weiß, ist heute schon gegangen. Gewöhnlich macht er gegen fünfzehn Uhr Schluss. Wenn Sie also Auskünfte möchten, Herr Kommissar, werden Sie sich wohl mit mir begnügen müssen.“

„Ja ... das werde ich“, erwiderte er etwas zu schnell und stolperte über seine eigene Formulierung.

„Ich meine: Der eigentliche Grund meines Erscheinens ist folgender. Ich suche einen gewissen Doktor David Gutmann. Man hat uns gesagt, er sei Stammkunde gewesen und mit Herrn Weiß befreundet. Würden Sie Herrn Weiß bitte ausrichten, dass er sich bei uns melden soll, falls ihm der derzeitige Aufenthaltsort von Doktor Gutmann bekannt ist? Wir benötigen ihn als Zeugen – Gutmann, nicht Weiß.“

Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick, als würde sie seine Worte an etwas Unsichtbarem messen. Dann nickte sie.

„Für Sie“, sagte sie ruhig, „mache ich das gern.“

Gottlieb ließ den Blick einen Moment unschlüssig durch den kleinen Laden schweifen, als suche er zwischen Regalen und Auslagen nach einem Vorwand, seine Verlegenheit zu überspielen. Schließlich fasste er sich und übernahm wieder die Führung des Gesprächs.

„Wenn ich nun schon einmal hier bin“, sagte er mit gespielter Gelassenheit, „könnte ich ebenso gut ein Holzspielzeug für meine Nichte kaufen. Was würden Sie empfehlen?“

„Wie alt ist Ihre Nichte?“

Gottlieb, der in Wahrheit gar keine Nichte hatte, zögerte einen Herzschlag lang.

„Fünf“, antwortete er schließlich.

„Und spielt sie lieber mit wilden Tieren oder mit etwas Sanftem und Kuscheligem?“

Er hob leicht die Schultern.

„Offen gestanden habe ich keine Ahnung.“

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Herr Kommissar, dann verraten Sie mir doch zuerst: Wie haben Sie es lieber – wild oder kuschelig?“

Er sah sie einen Augenblick verblüfft an.

„Sprechen wir noch immer von Holzspielzeug?“

„Das hängt ganz davon ab, woran Sie gerade denken.“

Für einen kurzen Moment sahen sie einander schweigend an. Es war kein peinliches Schweigen. Eher eines, das beide gleichzeitig bemerkten und keiner zu früh beenden wollte.

Schließlich warf Ina einen Blick auf die Uhr.

„Ich fürchte, unser Gespräch über Holzspielzeug müssen wir an dieser Stelle vertagen. Es ist sechs Uhr, und wenn ich jetzt nicht zusperre, gerate ich womöglich selbst noch mit dem Gesetz in Konflikt.“

Sie nahm den Schlüsselbund von der Theke und lächelte.

„Aber wir könnten den Ort wechseln. Und vielleicht auch das ›Sie‹.“

Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich Gottlieb nicht mehr wie ein Ermittler.

„Ich bin Karl.“

„Ina.“

„Hast du bereits ein Lokal im Sinn?“

Sie legte den Kopf leicht schief.

„Ich hätte da durchaus eine Idee. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sie den Dienstvorschriften der Kriminalpolizei entspricht.“

„Dann werden wir jetzt den Dienstweg verlassen. Ich kenne eine Abkürzung,“ erwiderte Gottlieb.

Sie lachte leise.

Gemeinsam traten sie vor die Tür. Für einen flüchtigen Augenblick berührten sich ihre Hände, als Ina die Ladentür hinter sich abschloss. Es war kaum mehr als eine zufällige Berührung – und doch ging sie Gottlieb näher als die meisten Gespräche, die er in seinem Leben geführt hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das eigentümliche Gefühl, nicht einer fremden Frau zu begegnen, sondern einem Menschen, den seine Seele längst erkannt hatte, lange bevor sich ihre Blicke gekreuzt hatten.


Ihre Begegnung hatte keinen klaren Anfang. Vielleicht war es der Augenblick gewesen, in dem sich ihre Blicke zum ersten Mal trafen – einen Herzschlag zu lang, um Zufall zu sein. Vielleicht aber auch jenes kaum erklärbare Gefühl, sie würden einander nicht kennenlernen, sondern wiederfinden.

Nun stand Ina in seiner Wohnung. Eine Situation, die ebenso ungewohnt wie seltsam vertraut war. Die Tür war eben erst ins Schloss gefallen. Keiner von ihnen sprach.

„Das ist verrückt“, sagte Ina schließlich leise, fast mehr zu sich selbst.

Gottlieb nickte langsam.

„Ja.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Aber es fühlt sich nicht falsch an.“

Zwischen ihnen lag noch ein schmaler Abstand, erfüllt von einer eigentümlichen Erwartung. Es war kein Zögern, sondern ein bewusstes Innehalten – als ahnten beide, dass der nächste Schritt weit mehr bedeuten würde als bloße Bewegung.

Gottlieb trat auf sie zu. Nicht mit der Selbstverständlichkeit eines Eroberers, sondern mit der Vorsicht eines Menschen, der einer Spur folgt, deren Ursprung er selbst nicht kennt.

„Wenn dir das zu schnell geht ...“

Ina schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Es ist nicht zu schnell.“

Sie sah ihn offen an.

„Es fühlt sich nur erstaunlich klar an.“

Langsam hob er die Hand und hielt einen Moment inne – gerade lang genug, dass sie hätte zurückweichen können. Doch sie tat das Gegenteil. Sie kam ihm einen kleinen Schritt entgegen. So wurde aus seiner Bewegung ihre gemeinsame.

Als seine Fingerspitzen ihren Arm berührten, war es kaum mehr als eine flüchtige Berührung. Und doch schien sie etwas in ihnen zu lösen, das weit tiefer reichte als jede körperliche Wahrnehmung. Sie standen einfach da, betrachteten einander, als gäbe es nichts Dringenderes, als den anderen wirklich zu sehen.

Als sich ihre Lippen fanden, geschah es beinahe lautlos – zögernd, behutsam und doch von einer Selbstverständlichkeit, die beide überraschte. Es war kein Kuss, der etwas verlangte. Eher einer, der bestätigte, was längst zwischen ihnen entstanden war.

Immer wieder lösten sie sich voneinander, nur um sich erneut anzusehen. Jeder Blick schien den anderen tiefer zu erkennen. Jede kleine Berührung erzählte mehr als Worte es vermocht hätten. Die Stille zwischen ihnen war nicht leer. Sie trug sie.

Nach und nach verlor die Zeit ihre Bedeutung. Es gab kein Vorher und kein Nachher mehr, sondern nur noch dieses gemeinsame Jetzt. Die Grenzen zwischen Wahrnehmen und Empfinden begannen sich aufzulösen. Es war, als würden sie weniger handeln als geschehen lassen.

Als sie einander schließlich ganz hingaben, geschah auch das ohne Eile. Nichts wirkte erobert oder genommen. Alles entstand aus einem stillen Einverständnis, das keiner Erklärung bedurfte. Nähe wurde zu Vertrauen, Berührung zu Sprache und Schweigen zu einem Gespräch, das tiefer reichte als Worte.

Die Welt außerhalb der Wohnung verblasste. Was blieb, war eine stille Gegenwart, in der Geben und Empfangen nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren. Sie hatten nicht das Gefühl, Zeit miteinander zu verbringen. Vielmehr schien die Zeit für einen Moment stillzustehen.

Vom letzten Gold des Sonnenuntergangs bis zum ersten Licht der Morgendämmerung blieben sie beieinander. Die Nacht floss unmerklich in den neuen Tag über. Beide hatten das Empfinden, an eine Quelle angeschlossen zu sein, die unerschöpflich war – eine Liebe, die nicht von ihnen ausging und doch durch sie hindurchströmte.

Es war ein Zustand wacher Präsenz, vollkommener Hingabe und tiefer Stille, als hätte der Augenblick selbst jede Form von Vergangenheit und Zukunft aufgehoben.