Evolution der Religion

Worte sind nur Symbole von Symbolen. So sind sie zweifach von der Wirklichkeit entfernt. Daher können Worte nur auf die Wahrheit jenseits der Worte verweisen. Und da es naturgemäß der gespaltene Geist ist, das sich mit Spiritualität beschäftigt, ist dies das Thema, bei dem seit jeher die größte Verwirrung herrscht, denn das Ego tarnt sein wahnsinniges Denksystem seit Anbeginn der Zeit auch als Religion und Spiritualität. Um etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen, kann es hilfreich sein, die Evolution der Religion zu betrachten, vom primitiven Aberglauben zur wahren Natur der Religion - zur Religion des Geistes, zur wahren Spiritualität - wie sie auch Ein Kurs in Wundern lehrt.

Die “Gesetze” des Egos können ans Licht gebracht, wenn auch niemals verstanden werden, weil Wahnsinn außerhalb der Sphäre der Vernunft liegt. Je mehr wir über das Ego lernen, desto klarer wird uns, dass es nicht glaubhaft ist. Jedoch ist es grundlegend wichtig, dass verstanden wird, wozu die “Gesetze” des Egos da sind, weil es ihr Zweck ist, bedeutungslos zu machen und die Wahrheit anzugreifen.

Alle Fragmente dieser Welt sind Traumsymbole für den einen schlafenden Geist der Trennung träumt. Alle Symbole dienen dem einen Träumer des Traums dazu, um mit der Hilfe des HEILIGEN GEISTES zu erwachen. Wenn ich im Folgenden Menschen und Menschengruppen als Symbole verwende, um bestimmte Aspekte des Ego-Denksystems zu verdeutlichen, dann dürfen wir dabei nicht vergessen, dass alle Dinge, von denen wir denken, dass wir sie sehen, Ideen widerspiegeln. Das, was wir sehen, spiegelt einen Prozess in unserem Geist, der mit unserer Idee dessen beginnt, was wir wollen. Das ist der Grundgedanke der Erlösung. Es geht hier also einzig und allein um die Berichtigung unseres Geistes.

Es geht bei diesen Betrachtungen auch nicht um geschichtliche Tatsachen, weil es keine geschichtlichen Tatsachen gibt. Es gibt keine Vergangenheit und GOTT und seine Schöpfung - die ist wie ER SELBST - ist die einzige TATSACHE. Es geht einzig und allein darum mit dem GROSSEN WANDLER der Wahrnehmung eine sorgfältige Erforschung unseres Geistes zu unternehmen, der diese Welt gemacht hat, um die scheinbaren Beweggründe aufzudecken, um derentwillen wir sie gemacht haben. Im Licht der wirklichen Vernunft, die ER uns bringt, wenn wir IHM nachfolgen, wird ER uns zeigen, dass es in dieser Welt des Egos überhaupt keine Vernunft gibt.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die lineare Zeit eine Illusion ist und der Weg mit dem Kurs dazu dient, aus ihr zu erwachen. Die Evolution der Religion ist Teil der horizontalen Ebene, der Ebene von Raum und Zeit, während wahre Spiritualität eine Evolution auf der vertikalen Ebene ist, raus aus der Illusion von Raum und Zeit. So ist jede Idee von "Evolution" in der Zeit immer nur ein Hilfsmittel, das uns hilft unsere Werte in Frage zu stellen, denn das Ego neigt dazu, die Vergangenheit immer und immer wieder zu wiederholen. Den Kurs zu lernen erfordert die Bereitwilligkeit, jeden Wert in Frage zu stellen, den wir haben. Es gibt nicht einen einzigen, den wir versteckt und verschleiert halten können, ohne unser Lernen zu gefährden. Keine Überzeugung ist neutral. Eine jede hat die Macht, jede Entscheidung zu diktieren, die wir treffen. Denn eine Entscheidung ist eine Schlussfolgerung, die auf allem gründet, was wir glauben.

Nochmal etwas anders ausgedrückt dient die Betrachtung der Evolution dazu, dem Ego auf die Finger zu schauen, seine „Dynamik“ zu bemerken und sie dann in unserem eigenen Geist zu betrachten. Da wir in der Ego-Identifikation den ganzen Wahnsinn nach außen projizieren, werden wir ihn zunächst nur dort bemerken. Auf dem spirituellen Weg sein bedeutet, all diese Projektionen zurückzunehmen und den Wahnsinn im eigenen Geist dem HEILIGEN GEIST (SPIRIT) zur Berichtigung zu übergeben.

Darüber hinaus werden wir bei der Betrachtung der “Evolution” entdecken, dass es seit Jahrtausenden immer wieder wertvolle Hinweise auf die Wahrheit jenseits dieser Welt gegeben hat, von denen im Folgenden auch einige genannt werden. Bisher waren es immer nur wenige, die die Wahrheit erkannten, jetzt besteht die berechtigte Hoffnung, dass es viel mehr werden.

Formen religiöser Hingabe

Der Begriff Religion wird üblicherweise in zwei Bedeutungen verwendet. Einerseits im Sinne institutionalisierter Religionsgemeinschaften, also formalisierter Religion, und andererseits im Sinne von Spiritualität im weitesten Sinne. Auf dieser Website werden beide Bedeutungen verwendet. Was gemeint ist, ergibt sich aus dem Kontext.

Die Religionen der Welt haben einen doppelten - einen natürlichen und einen offenbarten - Ursprung, und man findet zu jeder Zeit und in jedem Volk drei verschiedene Formen religiöser Hingabe. Und diese drei Manifestationen des religiösen Dranges sind:

1. Primitive Religion: Der halbnatürliche und instinktive Drang, geheimnisvolle Energien zu fürchten und höhere Mächte anzubeten, hauptsächlich eine Religion der physischen Natur, die Religion der Furcht.

2. Die Religion der Zivilisation: Die sich fortentwickelnden religiösen Vorstellungen und Praktiken der sich zivilisierenden Völker - die Religion des Verstandes - die intellektuelle Theologie, die auf der Autorität der herrschenden religiösen Tradition beruht.

3. Wahre Religion - die Religion der Offenbarung: Die Offenbarung übernatürlicher Werte, ein teilweiser Einblick in ewige Realitäten, ein flüchtiger Blick auf die Vollkommenheit und die bedingungslose, grenzenlose Liebe GOTTES - die Religion des Geistes, wie sie sich in der menschlichen Erfahrung zeigt.

Der große Unterschied zwischen der Religion des Verstandes und der Religion des Geistes besteht darin, dass sich die erste auf kirchliche Autorität stützt, während die zweite einzig auf menschlicher Erfahrung fußt. Die großen Weltreligionen sind in erster Linie Religionen des Verstandes, und doch gibt es in allen diesen großen Religionsgemeinschaften auch Strömungen und Traditionen, die eindeutig Religionen des Geistes sind. Im Hinduismus ist es der Vedanta, die frühindische Texttradition, die als Offenbarung verstanden wird. Im Islam ist es der Sufismus. Im Judentum ist es die Kabbala, eine im Mittelalter entstandene Ausdrucksform der mystischen Tradition des Judentums. Die christliche Mystik ist besonders reich an wunderbaren Traditionen und Strömungen, wie der wohl berühmteste christliche Mystiker Meister Eckhart und Traditionen wie die der Katharer. Auch die Gnosis ist eine Religion des Geistes.

Religiösen Frieden auf Erden - Brüderlichkeit - kann es niemals geben, wenn nicht alle Religionen willens sind, jede kirchliche Autorität vollständig abzulegen und jeden Gedanken an geistige Souveränität völlig aufzugeben. GOTT allein ist geistiger Souverän. Es kann auf der Erde keinen dauerhaften religiösen Frieden geben, solange nicht alle religiösen Gruppen aus freien Stücken all ihre Vorstellungen von göttlicher Gunst, auserwähltem Volk und religiöser Souveränität aufgegeben haben. Nur wenn GOTT der Vater an die höchste Stelle rückt, werden die Menschen religiöse Brüder werden und zusammen in religiösem Frieden leben.

“Theologische Erwägungen als solche sind notgedrungen kontrovers, da sie vom Glauben abhängig sind und deswegen angenommen oder zurückgewiesen werden können. Eine universelle Theologie ist unmöglich, aber eine universelle Erfahrung ist nicht nur möglich, sondern nötig. Diese Erfahrung ist es, auf die dieser Kurs abzielt. Nur hier wird Beständigkeit möglich, weil nur hier die Ungewissheit endet.”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, BEGRIFFSBESTIMMUNG, EINLEITUNG, 2. 4.-7.)

Die Religion offenbart dem Menschen seine göttliche und ewige Bestimmung. Wahre Religion/Spiritualität ist eine geistige Erfahrung und muss für immer von allen anderen hohen Formen menschlichen Denkens unterschieden werden. Selbst sein Sinn für menschliche Sittlichkeit ist an und für sich nicht religiös. Die Religion entdeckt der Seele jene höchsten Werte, die im Kontrast stehen zu den relativen, vom Verstand entdeckten Werten. Solch übermenschliche Erkenntnis kann nur durch echte spirituelle Erfahrung gewonnen werden.

Die Ursprünge der Anbetung

In der Evolution der Menschheit erscheint die Anbetung in ihren primitiven Äußerungen, lange bevor der menschliche Verstand fähig ist, die komplexeren Vorstellungen vom hiesigen und jenseitigen Leben zu formulieren, die es verdienen, als Religion bezeichnet zu werden. Die Gegenstände der Verehrung bestanden aus den Dingen der Natur, welche sich gerade in Reichweite befanden oder die den einfachen Gemütern der primitiven Menschen in ihrer alltäglichen Erfahrung bedeutungsvoll erschienen. Der Wilde betrachtete die ganze Natur als etwas Belebtes, wovon irgendetwas Besitz ergriffen hatte. Es gab Naturgeister für Seen, Bäume, Wasserfälle, Regen und hundert andere gewöhnliche irdische Phänomene. Als die Religion sich über die Anbetung der Natur hinaus entwickelte, gewann sie Wurzeln geistigen Ursprungs, war aber trotzdem immer noch durch das soziale Umfeld bedingt.

Zu irgendeinem Zeitpunkt hat der Mensch alles angebetet, was es auf der Erdoberfläche gibt, sich selber mit eingeschlossen. Er hat auch so ziemlich alles verehrt, was sich im Himmel und unter dem Erdboden nur ausdenken lässt. Der primitive Mensch fürchtete alle Äußerungen von Naturgewalt; er verehrte jedes Naturphänomen, das er nicht verstehen konnte. Immer noch werden die unerklärlichen Dinge des Lebens als „Handlungen Gottes“ und „geheimnisvolles Walten der Vorsehung“ bezeichnet.

Der erste Gegenstand, den der sich entwickelnde Mensch verehrte, war ein Stein. Auch heute noch ist der Steinkult auf der ganzen Welt weit verbreitet. Der Grabstein ist ein symbolisches Überbleibsel der in Stein gemeißelten Stand- und Götzenbilder im Zusammenhang mit dem Glauben an Geistwesen und an die Geister verstorbener Gefährten. Auch der moderne westliche Mensch glaubt noch an die Wirkung von Steinen, vor allem in Form von Kristallen und bestimmten Mineralien. Allein daran können wir erkennen, was Jesus im Kurs meint, wenn er darauf hinweist, dass "es keine Geschichte geben würde, wenn dieselben Fehler in der Gegenwart nicht wiederholt würden.“

Der Glaube an das Unwirkliche führt zu Anpassungen der Wirklichkeit, damit sie zum Ziel der Verrücktheit passt. Das, wonach der Mensch verlangt, das wird er sehen. Und ist dessen Wirklichkeit falsch, so wird er sie dadurch aufrechterhalten, dass er all die Anpassungen, die er eingeführt hat, um sie zu dem zu machen, nicht bemerken. Der Glaube, beispielsweise an die Wirkung von Steinen, wird zur Wahrnehmung der Wirkung von Steinen führen, aber das ist lediglich ein für wahr nehmen und keine Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Die Welt ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Auf die Anbetung der Steine folgte die Anbetung der Berge. Rasch stellte sich der Glaube ein, dass die Götter auf den Bergen wohnten, so dass hohe Landerhebungen aus diesem zusätzlichen Grund verehrt wurden. Mit der Zeit verknüpfte man bestimmte Berge mit bestimmten Göttern, und sie wurden deshalb heilig.

Der Versuch, die Form zu vergöttlichen, ist eine der zentralen Strategien des Egos, um von der Wahrheit abzulenken. Dabei macht es keinen Unterschied, ob Berge für heilig erklärt werden, eine Religion die Erschaffung der Welt Gott zuschreibt oder in esoterischen Konzepten von der heiligen Mutter Erde die Rede ist. Es ist derselbe Irrtum.

"Alles, was des Körpers Augen sehen können, ist ein Fehler, ein Wahrnehmungsirrtum, ein verzerrtes Fragment des Ganzen ohne die Bedeutung, die das Ganze geben würde. Und dennoch können Fehler ungeachtet ihrer Form berichtigt werden. Die Sünde ist nur ein Irrtum in einer besonderen Form, die das Ego verehrt. Es möchte alle Irrtümer bewahren und sie zu Sünden machen. Denn darin liegt seine eigene Stabilität, sein schwerer Anker in der wechselhaften Welt, die es gemacht hat, der Felsen, auf den es seine Kirche baute und wo seine Anbeter an Körper gebunden sind und glauben, dass des Körpers Freiheit ihre eigene sei."
(EKIW: Kapitel 22, III. 4. 2.-6.)

"Es gibt nichts, was so blind macht wie die Wahrnehmung der Form."
(EKIW: Kapitel 22, III. 6. 7.)

“GOTT kennt keine Form.”
(EKIW: Kapitel 30, III. 4. 5.)

“Die Welt kann nichts zur Macht und Herrlichkeit GOTTES und SEINER heiligen SÖHNE beisteuern, aber sie kann die SÖHNE für den VATER blind machen, wenn sie die Welt sehen. Du kannst nicht die Welt sehen und GOTT erkennen. Nur eins ist wahr. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass die Entscheidung darüber, was wahr ist, nicht bei dir liegt.”
(EKIW: Kapitel 8, VI. 2. 1.-4.)

Das Naturerlebnis wird auch vom modernen Menschen zum Kult stilisiert. Es gibt Orte, die der Mensch immer wieder besucht, da hier die Natur scheinbar in ihrer besonderen Größe sichtbar wird und er zugleich weiß, dass all dies momentan nur für ihn selbst existiert, einen unglaublich exklusiven Charakter besitzt und die eigene Person erhöht. Die Natur ist beim modernen Menschen auch deswegen so beliebt, weil sie, ganz im Gegensatz zu seinen Mitmenschen, nicht sein persönliches Selbstbild gefährdet - sie stört seine Vorstellung von der eigenen Besonderheit nicht. Der moderne, nach Individualität strebende Mensch reagiert daher zusehends verärgert, wenn er an seinen „heiligen“ Orten auf andere Menschen trifft. Berge eignen sich ganz besonders als Metapher für individuelle Einzigartigkeit. Nicht zuletzt wegen dieser Bedeutung ist das Gebirge die Pilgerstätte der Individualitätshungrigen.

Wenn man sich hingibt, wird man wie ein Tal. Man wird zur Tiefe, nicht Höhe. In der Hingabe beginnt sich die ganze Schöpfung in uns zu ergießen, von allen Seiten her. Aber man muss ein Tal sein, ein Schoß, um IHN zu empfangen. In der Ego-Identifikation aber sind wir ein Gipfel. Ego bedeutet, dass wir über allen andern stehen: Wir sind jemand. Ob die andern uns anerkennen oder nicht, das steht auf einem anderen Blatt. Wir jedenfalls wissen, dass wir über allen andern stehen. Wir sind wie ein Gipfel: Nichts reicht an uns heran.

“Bitte lasst mich zum Himalaya gehen. Ich hoffe, dass es mir dort in der ungestörten Einsamkeit eher gelingen wird, Gott zu finden.” Diese Worte richtete der junge Yogananda einmal an seinen Meister Giri Yukteswar. Der Guru antwortete ihm: “Viele Bergbewohner leben im Himalaya, ohne Gott zu kennen. Weisheit muss man bei einem erleuchteten Meister suchen und nicht bei leblosen Bergen.”

Der zentrale Irrtum liegt in der fragmentierten Wahrnehmung, sie ist Ausdruck des gespaltenen Geistes. Die Unterscheidung zwischen Natur und Nicht-Natur ist ein Aspekt der fragmentierten Wahrnehmung. Die Unterscheidung zwischen Natur und Nicht-Natur ist Dualität und damit das Problem und nicht die Lösung. Aber der Heilige Geist kann alles, was das Ego geschaffen hat, zu unserer Erlösung verwenden - auch das, was üblicherweise Natur genannt wird. Die westlich adaptierte Form der Vision Quest ist beispielsweise eine Art Sinnsuche im Spiegel der Natur. Wenn sie der Führung durch den Heiligen Geist (Spirit) unterstellt wird, ist sie ein kraftvolles Ritual. Doch Ziel des spirituellen Weges ist es, nicht nur gelegentlich im Rahmen eines Rituals auf die Stimme für Gott zu hören, sondern in ständiger Verbindung mit ihr zu stehen. Das einzig Natürliche in dieser Welt ist das Verlangen, GOTT zu erkennen.

“Es ist sehr wohl möglich, GOTT zu erreichen. In der Tat ist es sehr leicht, weil es das Natürlichste in der Welt ist. Du könntest sogar sagen, dass es das einzig Natürliche in der Welt ist.”
(EKIW: Lektion 41, 8. 1.&2.)

Ein Kurs in Wundern ist ein spiritueller Weg dessen zentrales Mittel die heilige Beziehung ist - mit Jesus (in der Einheit mit dem Heiliger Geist) als Meister -, weil dies der schnellste Weg zu GOTT ist. In der Beziehung zu seinen Mitmenschen kommt der Mensch am schnellsten in Kontakt mit seinem unbewussten Gedankensystem. Jesus lehrt in EKIW: „Dein Bruder ist der Spiegel, in dem du das Bild deiner selbst siehst, solange die Wahrnehmung währt.“

Die Pflanzen wurden wegen der berauschenden Flüssigkeiten, die man aus ihnen gewann, zuerst gefürchtet und dann angebetet. Die primitiven Menschen glaubten, dass man durch den Rausch göttlich wurde. Man nahm an, dass in einer solchen Erfahrung etwas Ungewöhnliches und Heiliges liege. Auch heutzutage noch bezeichnet man den Alkohol als „Geist“. Die Kulte der Baumverehrung finden sich bei den ältesten religiösen Gruppen. Alle frühen Heiraten wurden unter Bäumen abgehalten, und wenn Frauen Kinder wünschten, fand man sie manchmal draußen im Wald, wo sie liebevoll eine starke Eiche umarmten.

Der primitive Mensch besaß ein ganz besonderes und kameradschaftliches Gefühl für die höheren Tiere und so wurden auch Tiere verehrt und mit symbolischer Bedeutung belegt. Schon früh in der evolutionären Religion wurde das Lamm zum typischen Opfertier und die Taube zum Symbol für Frieden und Liebe.

Tiere sind in gewissem Grade unentbehrlich sowohl für die intellektuelle als auch für die physische Entwicklung des Menschen, die Wiedersehensfreude eines Hundes über sein Herrchen ist ein wunderbares Symbol für bedingungslose Liebe, doch Pflanzen und Tiere überleben in der Zeit lediglich durch die Technik der Weitergabe identischer Partikel ihrer selbst von einer Generation zur anderen. Nur das vergeistigte Bewusstsein des Menschen überlebt den irdischen Tod durch die enge Verbindung ihrer Identität mit dem ihr innewohnenden Funken der Göttlichkeit, der unsterblich ist.

Eine Strategie des Ego-Geistes, die gerade in unserer Zeit wieder sehr beliebt ist, um den Konflikt im eigenen Geist nicht wahrnehmen zu müssen, ist die Abkehr von den Mitmenschen und die Hinwendung zu den Tieren. “Wer den Menschen kennt, liebt die Tiere." lautet ein beliebter Spruch, der meist Arthur Schopenhauer zugeschrieben wird. Wahrheitsgemäß müsste diese Aussage lauten: "Wer nicht bereit ist, die dunklen Seiten seines eigenen Selbst zu betrachten, wendet sich von den Menschen ab und den Tieren zu.” Tiere kann man abrichten und trainieren. Das funktioniert bei einem menschlichen Beziehungspartner nicht so einfach – und wäre auch der völlig falsche Ansatz.

Auch spirituelle Konzepte lassen sich missbrauchen, um vor weltlichen Herausforderungen - insbesondere vor zwischenmenschlichen - zu flüchten. Gerade das wird durch den Kurs in Wundern vermieden, denn sein Mittel zur Befreiung ist die heilige Beziehung.

Der berichtigte Geist schaut auf alles mit der LIEBE GOTTES. Dann gibt es keine Fragmentierung und keine Unterscheidung zwischen Mensch und Tier mehr. Wenn wir uns der LIEBE nähern, stehen “Tierliebe“ und “Menschenliebe“ also in einem engen, sich ergänzenden Verhältnis zueinander. Dann zeigt sich, dass unser Mitgefühl für Tiere mit einer hohen sozialen Kompetenz und Empathie gegenüber Menschen einhergeht.

Die Menschheit verehrte die Elemente und hat Erde, Luft, Wasser und Feuer angebetet. Die primitiven Menschen verehrten die Quellen und beteten die Flüsse an. Noch jetzt blüht in der Mongolei ein bedeutender Flusskult und Indien ist voll heiliger Flüsse. Einige frühere Stämme verehrten das Feuer als eine wirkliche Gottheit; andere verehrten es als das flammende Symbol des reinigenden und läuternden Geistes der Gottheiten, denen sie huldigten. Jungfräulichen Vestalinnen wurde das Amt anvertraut, über heilige Feuer zu wachen, und im einundzwanzigsten Jahrhundert brennen immer noch überall Kerzen als Teil des Rituals vieler religiöser Dienste.

Die Fünf-Elemente-Lehre ist eine sehr alte Theorie zur Beschreibung der Natur und erfreut sich auch beim modernen Menschen wieder großer Beliebtheit. Die Fünf-Elemente-Lehre untersucht die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich dynamische Transformationsprozesse im Bereich des Materiellen abspielen, betont also Werden, Wandlung und Vergehen. Es handelt sich also um eine Beschäftigung mit dem Vergänglichen - mit der Illusion - und nicht um eine Beschäftigung mit dem ewigen Sein - mit der Wahrheit jenseits der Illusion des Vergänglichen. Diese alte Lehre wirkt weiter in der traditionellen chinesischen Medizin, in der Akupunktur und in den sogenannten ganzheitlichen Ansätzen der neueren westlichen Medizin. In diesem Zusammenhang von ganzheitlichen Ansätzen zu sprechen ist widersinnig, wenn nicht auf das Wesentliche, das einzig Wirkliche und einzig Ursächliche - den Geist - geachtet wird, sondern in erster Linie die Materie und damit der Körper betont wird. Viele moderne, westliche Menschen wenden sich vom modernen westlichen Materialismus angewidert ab und wenden sich stattdessen alten materialistischen Traditionen zu. Das alles klingt dann irgendwie alternativ, ist aber keine wirkliche Alternative, denn es ändert nichts am grundlegenden Irrtum - dem Glauben an die Wirkung von Materie.

Die Anbetung von Felsen, Bergen, Bäumen und Tieren entwickelte sich über die furchtsame Verehrung der Elemente ganz natürlich hinauf zur Vergöttlichung von Sonne, Mond und Sternen. Die Mondanbetung ging der Sonnenanbetung voraus.

Nachdem der Mensch auf dem Erdboden und droben im Himmel alles angebetet hatte, zögerte er nicht, nun auch sich selber mit solcher Anbetung zu ehren. Der frühe Mensch betrachtete alle ungewöhnlichen Personen als übermenschlich, und er fürchtete sich vor solchen Wesen so sehr, dass er sie in heiliger Scheu verehrte; in gewissem Maße betete er sie buchstäblich an. Geisteskranke und Epileptiker wurden von ihren normalen Gefährten oft angebetet, weil sie glaubten, dass in solchen abnormen Wesen Götter wohnten. Priester, Könige und Propheten wurden verehrt. Die Anbetung des Menschen durch den Menschen erreichte ihren Höhepunkt, als zeitliche Herrscher solche Verehrung von ihren Untertanen forderten und sich zur Unterstützung ihres Anspruchs auf ihre Abstammung von der Gottheit beriefen.

Was die Verehrung der Person angeht, so ist Jesus im Kurs absolut klar, wenn er sagt: „Du bist eine vollkommene Schöpfung und solltest Ehrfurcht nur in Gegenwart des SCHÖPFERS der Vollkommenheit empfinden. Das Wunder ist daher ein Zeichen der Liebe zwischen Ebenbürtigen. Ebenbürtige sollten keine Ehrfurcht voreinander haben, weil Ehrfurcht Ungleichheit impliziert. Sie ist daher eine unangemessene Reaktion mir gegenüber. Ein älterer Bruder hat Anspruch auf Achtung um seiner größeren Erfahrung und auf Gehorsam um seiner größeren Weisheit willen. Er hat auch Anspruch auf Liebe, weil er ein Bruder ist, und auf Hingabe, wenn er hingebungsvoll ist. Nur meine Hingabe gibt mir ein Anrecht auf die deine. Ich habe nichts an mir, was du nicht erreichen kannst. Ich habe nichts, was nicht von GOTT kommt. Der jetzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich nichts anderes habe. Dadurch bin ich in einem Zustand, der in dir nur potenziell vorhanden ist.“

Alle Formen der Anbetung tauchen auch in der modernen Zivilisation immer wieder auf. Die Selbstanbetung - der Glaube an die eigene Besonderheit - erreicht gerade einen noch nie dagewesenen Höhepunkt. Die Menschheit befindet sich aktuell in einem recht ungünstigen Geisteszustand, in einer Kombination aus absurdem Aberglauben und individuellem Größenwahn, in einem Geisteszustand der auf möglichst schnelle Bedürfnisbefriedigung und Durchsetzung des individuellen Willens abzielt.

Frühe Evolution der Religion

Die Evolution der Religion, ausgehend vom bereits vorhandenen primitiven Drang zur Anbetung, ist nicht von Offenbarung abhängig. [In diesem Abschnitt über die Evolution der Religion wird der Begriff Offenbarung in einem allgemeineren Sinne als im Kurs verwendet.] Nebst dem natürlichen Drang zur Anbetung hatte die frühe evolutionäre Religion ihre Wurzeln in der menschlichen Erfahrung des Zufalls - im so genannten Glück, in ganz alltäglichen Geschehnissen. Der beschränkte intellektuelle Horizont des Wilden konzentriert seine Aufmerksamkeit so sehr auf den Zufall, dass Glück und Pech in seinem Leben zu einem ständigen Faktor werden. Der frühe Mensch lebte in Unsicherheit und ständiger Furcht vor den Launen des Schicksals - vor Unglück. Es verwundert nicht, dass teilweise zivilisierte Menschen immer noch an den Zufall glauben und einen hartnäckigen Hang zum Spielen zeigen.

Der primitive Verstand war logisch, enthielt aber nur wenig Ideen, die sich intelligent miteinander verknüpfen ließen; der Verstand des Wilden war ungebildet, völlig unverbildet. Wenn auf ein Ereignis ein anderes folgte, betrachtete der Wilde sie wie Ursache und Wirkung. Was der zivilisierte Mensch heute als Aberglauben betrachtet, war beim Wilden nichts als schlichte Unwissenheit. Doch es geht weit darüber hinaus, denn der grundlegende Glaube an Ursache und Wirkung in der Zeit ist ein zentraler Gedanke der Ego-Illusion.

Der Mensch neigt ganz natürlich dazu, an das zu glauben, was ihm für sich das Beste scheint, was in seinem unmittelbaren oder ferneren Interesse liegt; Eigeninteresse verdunkelt die Logik weitgehend. Die moderne Psychologie verwendet dafür den Begriff Barnum-Effekt. Er bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden. Dieses psychologische Phänomen wird auch als Forer-Effekt oder Täuschung durch persönliche Validierung bezeichnet und findet seine Anwendung bei Horoskopen, beim Handlesen und generell bei allen Formen von „Readings“. Der Unterschied zwischen den Gemütern von Wilden und von zivilisierten Menschen besteht mehr im Inhalt als im Wesen, ist mehr ein gradueller als ein qualitativer Unterschied.

Glück im weltlichen Sinne ist nur ein Wort, das geprägt wurde, um in jedem Zeitalter menschlicher Existenz das Unerklärliche zu verhüllen; es bezeichnet jene Phänomene, welche zu ergründen die Menschen unfähig oder nicht willens sind. Glück ist ein Ausdruck, der bedeutet, dass der Mensch zu unwissend oder zu träge ist, um die Ursachen zu bestimmen. Die Menschen betrachten ein natürliches Ereignis nur dann als bösen Zufall oder Pech, wenn sie ohne Neugier und Einfallsreichtum sind, wenn es den Menschen an Initiative und Abenteuergeist fehlt.

Der Tod war für den sich entwickelnden Menschen der allergrößte Schock, die verwirrendste Kombination aus Zufall und Geheimnis. Der Tod als natürliches und zu erwartendes Lebensende war dem Bewusstsein der Primitiven nicht klar, und der Mensch brauchte ganze Zeitalter, um die Unausweichlichkeit des Todes zu realisieren. Die Vorstellung von einer übermateriellen Phase der sterblichen Persönlichkeit entstand aus der unbewussten und rein zufälligen Verknüpfung von Begebenheiten des täglichen Lebens mit dem Phantomtraum.

Die Tatsache, dass der Glaube an eine künftige Existenz seine Wurzeln im Traum hat, erklärt die Neigung, sich nie erblickte Dinge stets in Gestalt bekannter Dinge vorzustellen. Und bald begann diese aus Phantomträumen hervorgegangene neue Vorstellung von einem zukünftigen Leben, ein wirksames Gegengift gegen die mit dem biologischen Instinkt der Selbsterhaltung einhergehende Todesangst zu liefern.

Die primitive Lehre von einem Fortleben nach dem Tode war nicht notwendigerweise ein Glaube an Unsterblichkeit. Die Menschen damals waren schwerlich imstande, sich die Unendlichkeit oder Ewigkeit vorzustellen; sie dachten eher an wiederkehrende Inkarnationen. Die Idee der Reinkarnation entsprang der Beobachtung, dass Nachkommen in Erbmerkmalen und Wesenszügen oft ihren Ahnen glichen. Der Brauch, Kinder nach ihren Großeltern und anderen Vorfahren zu benennen, hatte seinen Grund im Glauben an die Reinkarnation.

Der frühe Mensch dachte weder an Hölle noch an künftige Bestrafung. Der Wilde stellte sich das zukünftige Leben gerade so wie das hiesige vor, abzüglich des Pechs. Später kam man auf die Idee einer getrennten Bestimmung für gute Phantome und böse Phantome - Himmel und Hölle.

Der nichtmaterielle Teil des Menschen ist verschiedentlich als Phantom, Geist, Schatten, Gespenst und später als Seele bezeichnet worden. Die Seele war der Traum-Doppelgänger des frühen Menschen; sie glich in jeder Hinsicht genau dem Sterblichen selber, außer dass sie nicht auf Berührung reagierte. Dieser Glaube an Traum-Doppelgänger führte direkt zu der Vorstellung, dass gleich den Menschen alle lebendigen und leblosen Dinge Seelen hätten. Und diese Auffassung trug lange Zeit dazu bei, den Glauben an Naturgeister aufrechtzuerhalten; die Eskimos leben noch immer mit der Vorstellung, dass alles in der Natur einen Geist habe.

Mit fortschreitender Zivilisation wird diese abergläubische Vorstellung von der Seele abgebaut, und der Mensch ist nun auf Offenbarung und persönliche spirituelle Erfahrung angewiesen für seine neue Idee von der Seele. Da der Begriff Seele noch immer sehr kontrovers verwendet wird, wird er im Kurs außer in wörtlichen biblischen Zitaten nicht verwendet. Er wäre richtig verstanden gleichbedeutend mit dem reinen Geist, in dem Verständnis, dass sie, da sie von GOTT ist, ewig ist und nie geboren wurde.

Den frühen Menschen gelang es gewöhnlich nicht, die beiden Konzepte eines innewohnenden Geistes und einer Seele evolutionärer Natur auseinanderzuhalten. Das Fehlen vernünftigen Denkens bei so viel Ratlosigkeit erklärt die krasse Unlogik, die der Wilde in seinen Ansichten über Seelen, Phantome und Geister bewies.

Der Primitive empfand die Notwendigkeit einer Versicherung, und er bezahlte deshalb willig seine drückenden Prämien aus Angst, Aberglauben, Bedrohung und Priestergeschenken für seine magische Versicherungspolice gegen Pech. Die primitive Religion war nichts anderes als die Bezahlung von Versicherungsprämien gegen die Gefahren der Wälder; der zivilisierte Mensch bezahlt materielle Prämien, um sich gegen Industrieunfälle und die Risiken moderner Lebensweisen abzusichern. Jede vorbeigehende Generation lächelt über die läppischen abergläubischen Vorstellungen der Altvorderen, während sie in Denken und Religion an irrigen Vorstellungen festhält, die ihrerseits eine aufgeklärte Nachwelt zum Lächeln bringen werden.

Die moderne Gesellschaft verlagert das Versicherungswesen aus dem Zuständigkeitsbereich der Priester und der Religion in den wirtschaftlichen Sektor. Die Religion selber beschäftigt sich immer mehr mit der Lebensversicherung jenseits des Grabes. Die bewussteren unter den modernen Menschen bezahlen keine kostspieligen Prämien mehr, um sich das Glück gefügig zu machen. Langsam erhebt sich die Religion zu höheren philosophischen Ebenen im Gegensatz zu ihrer früheren Rolle als Versicherungssystem gegen Pech.

Doch während die Menschen im Begriff sind, die irrige Vorstellung aufzugeben, dass die Wechselfälle des Lebens durch Geister verursacht werden, legen die meisten eine erstaunliche Bereitschaft an den Tag, eine fast ebenso trügerische Lehre anzunehmen, die sie einlädt, alle menschlichen Ungleichheiten politischen Fehlanpassungen, sozialer Ungerechtigkeit und industriellem Wettbewerb zuzuschreiben.

“Es ist unmöglich, dass der SOHN GOTTES nur durch Ereignisse außerhalb von ihm angetrieben wird. Es ist unmöglich, dass er Geschehnisse, die ihm widerfahren, nicht gewählt hat. Seine Macht der Entscheidung bestimmt jede Situation, in der er sich zufällig oder versehentlich zu befinden scheint. Weder Zufall noch Versehen sind im Universum möglich, wie GOTT es schuf und außerhalb von dem nichts ist. Leide, so hast du entschieden, dass Sünde dein Ziel ist. Sei glücklich, und du hast die Macht der Entscheidung IHM gegeben, DER SICH für dich für GOTT entscheiden muss.”
(EKIW: Kapitel 21, II. 3. 1.-6.)

Die Phantomkulte

Der Mensch hat mit dem Phantomkult einen langen und erbitterten Kampf gefochten. Nichts in der ganzen Menschheitsgeschichte vermag mehr Mitleid zu erregen als dieses Bild des durch seine Furcht vor phantomatischen Geistern elendiglich geknechteten Menschen. Aber gerade mit der Geburt dieser Furcht leitete die Menschheit den Aufstieg der religiösen Evolution ein. Die menschliche Einbildungskraft hat die Küste des Selbst verlassen und wird nicht eher wieder einen Ankerplatz finden, als bis sie zum Konzept wahrer Göttlichkeit gelangt.

Man fürchtete den Tod, weil er bedeutete, dass sich wieder ein Phantom aus seinem physischen Körper befreit hatte. Die Alten taten, was sie nur konnten, um dem Tod vorzubeugen, um der Schwierigkeit, mit einem neuen Phantom ringen zu müssen, aus dem Wege zu gehen. Sie waren immer ängstlich bemüht, das Phantom dazu zu bewegen, die Sterbeszene zu verlassen und sich auf die Reise ins Totenland zu begeben. Am meisten fürchtete man sich vor dem Phantom während der vermuteten Übergangsphase zwischen seiner Befreiung zum Zeitpunkt des Todes und seiner späteren Abreise in die Heimat der Phantome, dem einer verschwommenen und primitiven Vorstellung entsprungenen Pseudohimmel.

Die Alten glaubten, dass für einen Leichnam Licht beschafft werden müsse; ein toter Körper durfte nie im Dunkeln liegen bleiben. Im zwanzigsten Jahrhundert lässt man in den Totenzimmern immer noch Kerzen brennen, und die Menschen halten immer noch Totenwache. Der so genannte zivilisierte Mensch hat die Furcht vor Leichen kaum vollständig aus seiner Lebensphilosophie verbannt.

Der Phantomkult war in ständiger Entwicklung. So wie von den Phantomen angenommen wurde, sie schritten von einer unvollkommenen zu einer höheren Existenzphase weiter, so entwickelte sich der Kult schließlich zur Verehrung von Geistern und sogar von Göttern. Aber ungeachtet des verschieden gearteten Glaubens an weiter fortgeschrittene Geister glaubten sämtliche Stämme und Rassen einmal an Phantome.

Als die Lehre von den guten und bösen Geistern schließlich ausreifte, wurde sie zu dem am weitesten verbreiteten und dauerhaftesten religiösen Glauben überhaupt. Das Konzept von Gut und Böse als gleichwertigen kosmischen Gegenspielern ist in der menschlichen Philosophie auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch sehr lebendig; die meisten Religionen der Welt tragen noch immer dieses kulturelle Muttermal aus den längst entschwundenen Tagen des aufblühenden Phantomkults, weil die Unterscheidung in gut und böse die Basis des Ego-Gedankensystems bildet.

Nicht nur aus Neugier versuchten die Alten, die Zukunft zu kennen; sie wollten dem Unglück ausweichen. Hellseherei war ganz einfach ein Versuch, Schwierigkeiten zu vermeiden. In jener Zeit hielt man die Träume für prophetisch, und alles, was aus dem gewöhnlichen Rahmen fiel, wurde als Omen betrachtet. Und noch heute sind die zivilisierten Menschen mit dem Glauben an Zeichen, Symbole und andere abergläubische Überbleibsel aus dem einstigen fortschreitenden Phantomkult gestraft. Langsam, nur sehr langsam trennen sich die Menschen von den Methoden, mit deren Hilfe sie so allmählich und unter Schmerzen die evolutionäre Lebensleiter hinaufgestiegen sind.

Seit der Morgendämmerung der Zivilisation hat jede ansprechende Bewegung gesellschaftlicher Kultur oder religiösen Fortschritts ein Ritual, ein symbolisches Zeremoniell, hervorgebracht. Der Kult hat die Gefühle geschützt und die Empfindungen befriedigt, aber er ist immer das größte Hindernis gesellschaftlichen Umbaus und geistigen Fortschritts gewesen. Der frühe christliche Kult war das wirksamste, ansprechendste und dauerhafteste aller je ersonnenen oder erfundenen Rituale.

Die große Schwierigkeit, einen neuen und befriedigenden Symbolismus zu finden, besteht darin, dass die modernen Menschen als Gruppe eine wissenschaftliche Haltung einnehmen, sich gegen Aberglauben sträuben und Unwissenheit verabscheuen, während sie sich einzeln heftig nach dem Geheimnisvollen sehnen und das Unbekannte verehren. Der Mensch muss sich vom Kult lösen, um zu persönlicher geistiger Erfahrung zu gelangen.

Fetische, Zauber und Magie

Aus einem völlig falschen Verständnis von Ursache und Wirkung heraus wollten die primitiven Menschen immer aus allem Außerordentlichen einen Fetisch machen. Jemand ist krank, da geschieht etwas, und es geht ihm wieder gut, also machte man daraus einen Fetisch. Der gute Ruf vieler „Heilmittel“ beruht auf diesem völlig falschen Verständnis. Im 21. Jahrhundert glauben moderne Menschen noch an die Homöopathie, die auf Vorstellungen aus dem Jahr 1796 beruht. Ein Fetisch hat keine Wirkung, sondern lediglich der Glaube an einen Fetisch erzeugt die entsprechende Wahrnehmung.

“So legen wir denn unsere Amulette, unsere Talismane und Arzneien, unsere Litaneien und magischen Mittelchen weg, welche Form sie auch annehmen mögen. Wir wollen still sein und auf die STIMME der Heilung horchen, die alle Übel als eins heilen und die geistige Gesundheit des SOHNES GOTTES wiederherstellen wird. Keine Stimme außer dieser kann heilen.”
(EKIW: Lektion 140, 10. 1.-3.)

Die moderne Medizin ist eine Wissenschaft. Das heißt, sie nutzt die physikalischen und chemischen Gesetze der materiellen Welt, um Veränderungen im Körper herbeizuführen. Selbstverständlich bietet auch die moderne Medizin keine Heilung im spirituellen Sinne – das verspricht sie aber auch nicht. Sie macht lediglich das, was sie verspricht: Sie führt Veränderungen im Körper durch und beseitigt so Symptome. Das generelle Problem mit der Wissenschaft ist, dass man damit sowohl Nützliches als auch Schädliches anrichten kann. Ein Beispiel hierfür ist die Atomenergie. Aberglaube ist - aus rein weltlicher Sicht - immer harmlos, nie gefährlich. Wenn uns homöopathische Medizin gegeben wird, kann sie zumindest nicht schaden. Ob es hilft oder nicht, hängt von unserem Glauben an das Mittel ab, aber eines ist sicher: Schaden kann es nicht. Homöopathie ist harmlos; es ist tiefer Aberglaube. Wenn etwas in dieser Welt nur helfen kann, ist es tiefer Aberglaube. Wenn es ebenso helfen wie schaden kann, dann ist es Wissenschaft.

Der primitive Mensch machte aus dem Geschlecht keinen übertriebenen Fetisch; der Fortpflanzungsfunktion wurde nur beschränkte Aufmerksamkeit geschenkt. Der Wilde hatte ein natürliches und kein obszönes oder laszives Empfinden. Nur der moderne Mensch macht aus seinem Geschlecht einen Fetisch und inszeniert sich und sein Geschlecht. Den Höhepunkt dieser Inszenierung bildet die Idee einer Geschlechtsidentität unabhängig vom biologischen Geschlecht des Körpers. Das Ego benutzt den Körper für Angriff, Lust und Stolz. Die Idee der Geschlechtsidentität lässt sich für alle drei Zwecke verwenden - für Stolz bei regelmäßig stattfindenden Pride Parades, zur Glorifizierung sexueller Lust und für Angriff auf all jene die sich diesem Diktat nicht unterwerfen wollen.

Die Idee einer vom Körper unabhängigen Geschlechtsidentität weist hilfreicher weise auch darauf hin, dass das Geschlecht lediglich eine Idee im schlafenden Geist ist, nicht aber eine Wirklichkeit. Auch der Begriff Transgender weist auf eine tiefere Wahrheit hin, nämlich dass es darum geht, über die Idee des Geschlechts hinauszugehen. Das Geschlecht ist eine durch den Körper manifestierte Idee aus dem egoischen Gedankensystem der Trennung. In der Form gibt es nur Unterschiede, Gleichheit in der Form ist unmöglich. Die Befreiung aus der Identifikation mit dem Körper und damit mit dem Geschlecht ist das Ziel des spirituellen Weges. Unsere Wirklichkeit kennt kein Geschlecht, weil unsere Wirklichkeit EINHEIT ist.

Früher nahm man an, die Phantome bewohnten mit Vorliebe Gegenstände, die ihnen zu Lebzeiten gehört hatten. Dieser Glaube erklärt die Wirksamkeit vieler moderner Reliquien. Die Alten verehrten stets die Gebeine ihrer Führer, und die Skelettreste von Heiligen und Helden werden noch immer von vielen mit abergläubischer Ehrfurcht umgeben. Auch heute noch werden Pilgerfahrten zu den Gräbern großer Menschen unternommen.

Als Moses dem alten Sittenkodex das zweite Gebot hinzufügte, geschah es in dem Bemühen, die Fetischverehrung der Hebräer in den Griff zu bekommen. Er verfügte mit Bedacht, dass sie keine Bilder herstellen sollten, die zu Fetischen hätten geweiht werden können. Er machte deutlich: „Du sollst dir kein Götzenbild und keine Darstellung von irgendetwas machen, was im Himmel oben oder auf der Erde hienieden oder im Wasser der Erde ist.“ Das Bilderverbot wurde vielfach von den Christen als für ungültig vernachlässigt. Um die Zehnzahl zu bewahren, unterteilen sie das Verbot des Begehrens in zwei Verbote.

Und schließlich wurden die Worte zu Fetischen, insbesondere diejenigen, die als Gottes Worte betrachtet wurden; auf diese Weise wurden die heiligen Bücher vieler Religionen zu fetischistischen Gefängnissen, die für die geistige Einbildungskraft des Menschen zu Kerkern wurden. Was die angehäuften Fetischschriften betrifft, die die verschiedensten Gläubigen für heilige Bücher halten, so wird nicht nur geglaubt, dass, was im Buch steht, wahr ist, sondern auch, dass das Buch die ganze Wahrheit enthält. Wenn eines dieser heiligen Bücher die Erde zufällig als flach beschreibt, dann werden ansonsten vernünftige Männer und Frauen sich generationenlang weigern, eindeutige Beweise dafür, dass sie rund ist, zu akzeptieren.

Im deutschen Sprachraum ist das Gendern Ausdruck modernen Fetischismus. Der moderne Mensch ist inzwischen so sexualisiert, dass er den Unterschied zwischen genus und sexus gar nicht mehr kennt. Das grammatische Geschlecht (= genus) und das biologische Geschlecht (= sexus) sind etwas völlig anderes, wie sich an Worten wie das Mädchen, die Polizei, der Käse und die Wurst sehr deutlich erkennen lässt. Die Nachsilbe -in bezeichnete ursprünglich gar nicht eine weibliche Person an sich, sondern war besitzanzeigend. Die Frau Apothekerin war ursprünglich nicht eine Frau, die Pharmazie studiert hatte, sondern die Frau des Apothekers. Die Frau des Huber Bauern war die Huberin. Wo es in der deutschen Sprache auf den Unterschied des sexus besonders ankommt, wird von alters her gar nicht die Nachsilbe -in gebraucht, sondern es werden Wörter mit anderem Stamm verwendet: Mann und Frau, nicht Männin; Bruder und Schwester, nicht Bruderin, Sohn und Tochter, nicht Sohnin. Etwa die Hälfte aller Sprachen der Welt kennt gar kein genus. Im Englischen ist dessen Bedeutung stark abgeschwächt. In Ländern deren Sprache gar kein genus kennt, ist es um die Gleichbehandlung allerdings schlechter bestellt als in den deutschsprachigen Ländern - trotz genus. Allein das sollte zu denken geben. Doch inzwischen wird nicht nur die Person Betreffendes gegendert, sondern auch materielle Dinge und so ist von „deiner Körperin“ zu lesen.

Ein demokratischer Abgeordneter sprach das Eröffnungsgebet bei der Eröffnung des 117. Kongresses am Sonntag, dem 03.01.2021 und entschied sich, das Gebet mit einem "amen and awoman" zu beenden. So groß ist die Verwirrung, die das Ego bei diesem Thema schon angerichtet hat und so groß ist die Schuld in unserem Geist, dass nun alles auf Teufel komm raus gegendert wird, das die drei Buchstaben “m”, “e” und “n” enthält. Doch Amen hat nichts mit Männern zu tun, sondern kommt aus dem Hebräischen und kann übersetzt werden mit „sich ausrichten auf Gott“.

Es ist mehr denn je wichtig zu erkennen, dass nicht Worte an sich diese Welt erschaffen, sondern unser Verlangen nach Trennung. Nicht der Versuch unterschiedlich wahrgenommene Menschen gleich zu behandeln ist die Lösung, sondern die Erlösung aus der fragmentierten Wahrnehmung. Auf der weltlichen Ebene ist Gleichheit unmöglich, denn Ungleichheit ist die Basis für alle Urteile der Welt. Was es zu erkennen gilt, ist die Wirklichkeit der Gleichheit auf der Ebene des Geistes.

Jesus verwendet in Ein Kurs in Wundern die alten christlichen Begriffe und gibt ihnen ihre wahre Bedeutung zurück. So sind auch die Begriffe Vater, Sohn und Bruder geschlechtsneutral zu verstehen. Der Kurs ist eine Geistesschulung und stellt unser altes Denken völlig auf den Kopf. Die Begriffe Vater, Sohn und Bruder geschlechtsneutral zu denken, ist Teil dieser Geistesschulung. Der Bruder ist ein Geist, in dem die Illusionen noch bestehen, der uns jedoch im Geist ein Bruder ist. Es ist seine Wirklichkeit, die unser Bruder ist, so wie es unsere für ihn ist. Der Begriff Sohn verweist auf diese Wirklichkeit. Der Begriff Vater verweist auf den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Der Primitive glaubte, dass Namen, und insbesondere Namen von Göttern, mit Respekt behandelt werden müssten. Der Wilde konnte sich einen neuen Namen verschaffen, indem er ihn vom Stammeshäuptling kaufte; immer noch investieren die Menschen viel in Titel und Grade und viele Menschen die sich mit Spiritualität beschäftigen legen immer noch großen Wert auf einen sogenannten spirituellen Namen.

Wortkombinationen, mit Gesängen und Beschwörungen einhergehende Rituale waren hochmagisch. Einige frühere Beschwörungen entwickelten sich schließlich zu Gebeten. Bald wurde auch imitative Magie geübt; Gebete wurden dargestellt; magische Tänze waren nichts anderes als dramatische Gebete. Allmählich trat das Gebet an die Stelle von Magie, um Opferhandlungen zu begleiten. Auch der moderne Mensch im einundzwanzigsten Jahrhundert glaubt teilweise, er könne durch Tanz („Sweat your Prayers“) oder schamanische Rituale (Schwitzhütte) Gebete ausschwitzen. Jede Handlung ist an sich völlig neutral und ob wir dabei schwitzen oder nicht, ist völlig egal, so dass die alles entscheidende Frage immer lautet: Wozu? Anders formuliert: Worum bete ich?

Die Magie war jener Zweig am Baum der evolutionären Religion, der am Ende die Frucht des wissenschaftlichen Zeitalters trug. Der Glaube an Astrologie führte zur Entwicklung der Astronomie, der Glaube an den Stein der Weisen führte zur Beherrschung der Metalle, während der Glaube an magische Zahlen die Wissenschaft der Mathematik begründete.

Schrittweise entfernt die Wissenschaft das Glücksspiel-Element aus dem Leben. Aber wenn die modernen Erziehungsmethoden scheitern sollten, gäbe es eine fast augenblickliche Rückkehr zum primitiven Glauben an Magie. Solcher Aberglaube verweilt immer noch im Gemüt des modernen Menschen. Auch intelligente Menschen glauben immer noch an Glück, bösen Blick und Astrologie.

Die alte Magie war der Kokon moderner Wissenschaft, zu ihrer Zeit unentbehrlich, aber jetzt nicht mehr von Nutzen. Und so bewegten die aus unwissendem Aberglauben geborenen Phantasmen die primitiven Gemüter der Menschen, bis die Konzepte der Wissenschaft geboren werden konnten. Heute befindet sich die Menschheit in einer zwielichtigen Zone ihrer intellektuellen Entwicklung. Eine Hälfte der Welt strebt begierig nach dem Licht der Wahrheit und den Tatsachen wissenschaftlicher Entdeckung, während die andere Hälfte in den Stricken alten Aberglaubens und kaum verhüllter Magie schmachtet.

Aber selbst in modernen, zivilisierten Gesellschaften ist eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber den Naturwissenschaften zu beobachten. Wie sich einst die Kirche gegen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften wehrte, wehren sich nun moderne Menschen, die meist auch der Kirche ablehnend gegenüberstehen, gegen die Wissenschaft und kehren zu altem Aberglauben zurück.

In vielen alten Kulturen glaubten die Menschen, dass allen materiellen Dingen ein Geist innewohnt, und sie waren in dieser Hinsicht der Wahrheit sogar näher als ein rein materialistisch gesinnter moderner Mensch heute. Die dem Säkularismus innewohnende Schwäche ist, dass er Ethik und Religion zugunsten von Politik und Macht aufgibt. Der Mensch kann jedoch die Bruderschaft der Menschen ganz einfach nicht errichten, solange er die Vaterschaft Gottes ignoriert oder verneint. Säkularer sozialer und politischer Optimismus ist eine Illusion. Ohne Gott werden weder Befreiung und Freiheit noch Besitz und Reichtum zum Frieden führen. Die vollständige Verweltlichung von Wissenschaft, Erziehung, Industrie und Gesellschaft kann nur zu einer Katastrophe führen.

Wenn man also in einer von reinem Materialismus gefühllos gewordenen Welt lebt, spürt man die Lebendigkeit der Verbindung mit Gott nicht. Wenn nur das als real gilt, was mit den Augen des Körpers gesehen werden kann, erzeugt dies ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit. Die Rückbesinnung auf alte religiöse Vorstellungen wie den Schamanismus ist dann zwar ein Fortschritt, aber aus der Sicht der Evolution der Religion ein Rückschritt um Jahrtausende.

Nun gilt es, sich bei all den Anstrengungen, die abergläubischen Vorstellungen vergangener Zeitalter loszuwerden, zu vergewissern, dass wir an der ewigen Wahrheit festhalten. Wenn die gegenwärtige abergläubische Auflehnung einmal vorüber ist, werden die Wahrheiten des Evangeliums Jesu glorreich fortfahren, einen neuen und besseren Weg zu erhellen.

Die Naturwissenschaften sind nicht das Problem, ganz im Gegenteil, die Quantenphysik wird immer spiritueller, sondern die Gottlosigkeit. Eine Welt ohne Vertrauen in GOTT ist bedeutungslos und erzeugt Angst. Wer nur an seine eigene Besonderheit glaubt, fühlt sich bedroht und sieht überall Spiegelungen seiner Angst. Besonderheit muss verteidigt werden. Illusionen können sie angreifen, und sie tun es. Wer seine Verbindung zu GOTT nicht verloren hat, hat auch keine Angst vor den Wissenschaften, sondern wird ihre Erkenntnisse und technischen Entwicklungen unter SEINER Führung zum Zwecke der Erlösung nutzen. Lehrer GOTTES haben heute mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnologien und mit Hilfe der sozialen Medien die Möglichkeit, viele Menschen einfach und schnell zu erreichen.

Solange der Mensch Religion hatte und an Gott glaubte, hatte sein Leben einen tieferen Sinn, ganz gleich, wie falsch seine Vorstellungen von Gott waren. Mit der Befreiung vom falschen christlichen Gottesbild haben sich viele Menschen auch - meist völlig unbewusst - von Gott “befreit”. Sie haben buchstäblich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Aber es ist nicht nötig, den Glauben an Gott zu opfern, um sich der Segnungen der säkularistischen Revolte des zwanzigsten Jahrhunderts zu erfreuen wie: Toleranz, Sozialdienst, demokratische Regierung und bürgerliche Freiheiten. Es war nicht notwendig, dass die Säkularisten zu Widersachern der wahren Religion wurden, um die Wissenschaft zu fördern und die Erziehung voranzubringen.

Die Menschheit bebt jetzt am Rande einer ihrer erstaunlichsten und fesselndsten Epochen gesellschaftlicher Neuausrichtung, sittlicher Wiederbelebung und geistiger Erleuchtung. Die Stunde schlägt für eine Wiederentdeckung der wahren und ursprünglichen Fundamente des heutigen entstellten und kompromittierten Christentums - des wirklichen Lebens und Lehrens Jesu.

Sünde, Opfer und Sühne

Allein wenn wir das Wort Sünde von seiner religiösen und kollektiven Aufladung befreien, verweist es sehr wohl auf die Wahrheit. Der griechische Ausdruck ἁμαρτία (hamartía) des Neuen Testaments und das hebräische Wort chata’a oder chat’at (חַטָּאָה/חַטָּ֣את) des Tanach bedeuten Verfehlen eines Ziels und werden in deutschen Bibelübersetzungen mit Sünde wiedergegeben. Im Deutschen wurde „Sünde“ erstmals als christlicher Begriff gebraucht.

Eine volksetymologische Deutung führt es auf das germanische sund zurück, weil Sund eine Trennung zweier Landmassen (durch eine Meerenge) bezeichnet. Das Wort lässt sich auch vom altnordischen Verb sundr herleiten. Es bedeutet „trennen“ oder „aufteilen“. Das ist es, was Sünde ist, es ist das Verlangen nach Trennung. Dieses Verlangen erzeugt den Traum von Trennung, aber dieser Traum ändert nichts an der Wirklichkeit unserer EINHEIT mit GOTT.

Es gibt keine Sünde im moralischen oder religiösen Sinne. Unser Glaube an das Denksystem des Ego ist ein gewaltiger Irrtum, aber keine Sünde im moralischen oder religiösen Sinne. Es ist sehr wichtig, den Irrtum nicht mit Sünde zu verwechseln, und es ist diese Unterscheidung, die die Erlösung möglich macht. Die Sünde - in ihrem egoischen Verständnis - ist die größenwahnsinnige Illusion, die dem gesamten Größenwahn des Ego zugrunde liegt. Die Idee der Sünde ist das »allerheiligste« Konzept im Denksystem des Ego.

Der primitive Mensch sah sich den Geistern gegenüber als Schuldner, als jemand, der wieder gutzumachen hatte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Vorstellung zu der Doktrin von Sünde und Errettung. Man nahm an, dass die Seele schon schuldbeladen zur Welt kam - mit der "Erbsünde" beladen. Die Seele musste losgekauft werden; ein Sündenbock musste beschafft werden. Zuerst plagten die Menschen nur Sünden, die sie begangen hatten, aber später beunruhigte sie auch die Sünde, gewisse Dinge unterlassen zu haben. Und das ganze spätere Opfersystem wuchs aus diesen beiden Ideen heraus.

Die Beachtung eines Tabus war das Bemühen des Menschen, einem Missgeschick aus dem Wege zu gehen - sich dadurch, dass er etwas zu tun vermied, davor zu bewahren, die Geisterphantome zu beleidigen. Das Tabu ist die Quelle zeremonieller Normen und der Vater primitiver Selbstbeherrschung. Als die Religion in der Entwicklung des Tabus eine bedeutendere Rolle zu spielen begann, wurde ein mit einem Verbot belegter Gegenstand als unrein und später als unheilig betrachtet.

Die zehn Aufforderungen an die Hebräer waren eindeutige Tabus, und sie waren fast alle in derselben negativen Form abgefasst wie die meisten alten Verbote. Aber diese neueren Gesetzessammlungen brachten eine wahre Emanzipation, weil sie an die Stelle von Tausenden von früheren Tabus traten. Und noch mehr als das: Diese späteren Gebote versprachen eindeutig etwas als Gegenleistung für Gehorsam.

Die frühen Nahrungstabus hatten ihre Wurzeln in Fetischismus und Totemismus. Den Phöniziern war das Schwein heilig, den Hindus die Kuh. Das ägyptische Tabu auf Schweinefleisch haben hebräischer und islamischer Glaube fortbestehen lassen. Auch der moderne Mensch hat in den letzten Jahrzehnten begonnen wieder eine Unmenge an Nahrungstabus zu entwickeln.

Als der Verstand des Wilden sich bis zu dem Punkt entwickelt hatte, an dem er die Geister in gute und böse zu scheiden begann, und als das Tabu von der sich entwickelnden Religion feierlich bestätigt worden war, war der Rahmen für das Erscheinen der neuen Vorstellung von Sünde gegeben. Die Sünde-Idee war längst weltweit verbreitet, bevor die offenbarte Religion Einzug hielt. Nur das Sünde-Konzept konnte dem primitiven Verstand eine logische Erklärung für den natürlichen Tod liefern. Sünde war die Übertretung eines Tabus, und der Tod war die Bestrafung für die Sünde.

Sünde war ritueller, nicht rationaler Natur; sie war ein Akt, kein Gedanke. Die gewohnheitsmäßige Verletzung eines Tabus wurde zum Laster; das primitive Gesetz machte das Laster zu einem Verbrechen; die Religion machte es zu einer Sünde.

Die Idee von Beichte und Vergebung trat in der primitiven Religion schon früh auf. Die Menschen pflegten bei einer öffentlichen Versammlung um Vergebung für Sünden zu bitten, die sie in der darauf folgenden Woche zu begehen beabsichtigten.

Entsagung war der nächste Schritt in der religiösen Evolution; Fasten war eine allgemeine Praxis. Bald wurde es Brauch, auf viele Formen physischen Vergnügens, insbesondere sexueller Natur, zu verzichten. Das Fastenritual war in vielen alten Religionen tief verwurzelt, und von da ist es praktisch in alle modernen theologischen Gedankensysteme eingegangen.

Armut war nur ein Teil des Rituals zur Kasteiung des Fleisches, das unglücklicherweise in die Schriften und Lehren vieler Religionen, insbesondere des Christentums, Eingang fand. Buße tun ist die negative Form dieses oft unsinnigen Entsagungsrituals. Aber all dies lehrte den Wilden Selbstbeherrschung, und das war ein lohnender Fortschritt in der gesellschaftlichen Evolution. Selbstverleugnung und Selbstbeherrschung waren zwei der größten gesellschaftlichen Gewinne aus der frühen evolutionären Religion. Selbstbeherrschung brachte dem Menschen eine neue Lebensphilosophie; sie lehrte ihn, einem höheren Wert zu dienen, anstatt immer nur die Anzahl eigennütziger Befriedigungen erhöhen zu wollen.

Es war nur natürlich, dass der Kult der Entsagung und Demütigung sein Augenmerk auf die geschlechtliche Befriedigung lenkte. Der Kult der Enthaltsamkeit entstand als Ritual unter Kriegern, bevor sie sich in den Kampf warfen; in späteren Zeiten wurde er zur Praxis von „Heiligen“. Dieser Kult duldete die Ehe nur als ein Übel, das weniger schlimm war als Hurerei. Manche der großen Weltreligionen sind von diesem alten Kult zu ihrem Nachteil beeinflusst worden, aber keine deutlicher als das Christentum. Paulus, der Jesus nie auf der Ebene der Form begegnet ist, war ein Anhänger dieses Kults, und seine persönlichen Ansichten spiegeln sich in den Lehren wider, die er fest mit der christlichen Theologie verknüpfte: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren.“ „Ich wünschte, alle Menschen wären wie ich.“ „Zu den Unverheirateten und Witwen sage ich deshalb: Es ist gut für sie, wenn sie so bleiben wie ich.“ Paulus wusste sehr wohl, dass solche Lehren nicht zu Jesu Evangelium gehörten, und sein Wissen darum kommt in seiner Erklärung zum Ausdruck: „Ich sage dies, weil es mir gestattet wurde, und nicht, weil es mir geboten wurde.“ Aber dieser Kult führte Paulus dazu, auf die Frauen herabzuschauen. Und das Bedauerliche an alledem ist, dass seine persönlichen Meinungen lange Zeit die Lehren einer großen Weltreligion beeinflusst haben. Wenn der Ratschlag des Paulus buchstäblich und allgemein befolgt würde, käme die Menschheit zu einem plötzlichen und unrühmlichen Ende.

Eines Tages sollte der Mensch lernen, sich seiner Freiheit ohne Zügellosigkeit zu erfreuen, seiner Speisen ohne Unersättlichkeit und seines Vergnügens ohne Ausschweifung. Selbstbeherrschung ist eine bessere Politik zur Steuerung des menschlichen Verhaltens als extreme Selbstverleugnung. Doch nie hat Jesus seine Anhänger solch unvernünftige Ansichten gelehrt.

Wie viele andere Anbetungsrituale hatte das Opfer als Teil religiöser Glaubensübungen nicht einen einfachen und einzigen Ursprung. Der primitive Mensch beurteilte den Wert seines Opfers nach dem Schmerz, den er dabei ausstand. Als die Opferidee sich zum ersten Mal mit dem religiösen Zeremoniell verband, wurde kein Opfer in Betracht gezogen, das nicht Schmerz bereitete. Die ersten Opfer bestanden in Haarausraufen, Schnittwunden, Verstümmelungen, Einschlagen von Zähnen und Fingerabschneiden. Selbstverletzung bei Jugendlichen ist auch in modernen, zivilisierten Gesellschaften wieder ein Thema. Jeder dritte Jugendliche in Deutschland hat sich schon mal selbst geritzt, geschlagen oder verbrüht.

In der Evolution der Religion kam der Mensch auf die Idee, sein wie auch immer geartetes Opfer könnte als Überbringer einer Botschaft an die Götter funktionieren; es könnte wie ein süßer Geruch in den Nasenlöchern der Gottheit sein. Das führte zu Weihrauch und anderen ästhetischen Charakteristiken des Opferrituals, das sich nun auf ein Opferfest hinentwickelte und mit der Zeit stets komplizierter und mit immer reicherem Schmuck ausgestattet wurde.

Umringt von so vielen empfindlichen Geistern und habgierigen Göttern, sah sich der primitive Mensch einem solchen Heer von Gläubigergottheiten gegenüber, dass es ein Leben lang all der Priester, Rituale und Opferhandlungen bedurfte, um ihn von geistiger Schuld zu befreien. Die Lehre von der "Erbsünde" oder Rassenschuld versetzte jeden Einzelnen den geistigen Mächten gegenüber in schwere Schuld.

Obwohl Kannibalismus für die moderne Zivilisation traditionell etwas Entsetzliches ist, war sie ein Teil der gesellschaftlichen und religiösen Struktur der primitiven Gesellschaft. Die Menschenfresserei kam zu einer Zeit auf, als die Menschen die Erfahrung intensiver und erbitterter Gefühle gegenüber ihren Feinden machten. Das Verspeisen von Menschenfleisch wurde Teil einer feierlichen Rachezeremonie; man glaubte, dass das Phantom eines Feindes auf diese Weise zerstört oder mit demjenigen des Essenden vereinigt werden konnte.

Das Menschenopfer war eine indirekte Folge des Kannibalismus und zugleich das Mittel, um von ihm geheilt zu werden. Menschenopfer gab es praktisch überall. Die Idee, das Erstgeborene als Opfer darzubringen, war bei den Alten weit verbreitet. Der auf den feinfühligen Zivilisierten schockierend wirkende Anblick Abrahams, der gezwungen ist, seinen Sohn Isaak zu opfern, hatte für die Menschen jener Tage nichts Neues oder Befremdliches. Es war für Väter lange Zeit eine gängige, gelegentlich mit einer gefühlsmäßigen Zerreißprobe einhergehende Praxis, ihre erstgeborenen Söhne zu opfern.

Moses versuchte, den Menschenopfern ein Ende zu bereiten, indem er als Ersatz den Loskauf einführte. Eine Nebenerscheinung des zu Ende gehenden Kinderopfers war der Brauch, zum Schutz des Erstgeborenen die Türpfosten der Häuser mit Blut zu beschmieren. Später kam die Praxis auf, die erstgeborenen Söhne als Geheiligte oder Geopferte zu weihen; man ließ sie aufwachsen und schickte sie dann ins Exil, anstatt sie zu töten; und das war der Beginn der Kolonisation. Die Römer bedienten sich dieser Sitte in ihrem Kolonisierungsplan.

Viele der seltsamen Verbindungen zwischen sexueller Lockerheit und primitivem Kult entstanden im Zusammenhang mit Menschenopfern. Wenn in alter Zeit eine Frau Kopfjägern begegnete, konnte sie ihr Leben durch sexuelle Preisgabe freikaufen. Später hatte eine den Göttern als Opfer geweihte junge Frau die Möglichkeit, ihr Leben dadurch loszukaufen, dass sie ihren Körper lebenslänglich dem geheiligten sexuellen Tempeldienst verschrieb; auf diese Weise konnte sie ihr Geld für den Loskauf verdienen. Die Alten betrachteten es als höchst erhebend, Geschlechtsverkehr mit einer Frau zu haben, die ihr Leben in dieser Weise freikaufte. Der Verkehr mit diesen heiligen Töchtern war eine religiöse Zeremonie, und zusätzlich bot dieses ganze Ritual einen annehmbaren Vorwand für ganz gewöhnliche sexuelle Befriedigung. Das war eine subtile Art der Selbsttäuschung, der sich sowohl die Töchter als auch ihre Gefährten mit Wonne hingaben. Diese subtile Art der Selbsttäuschung findet sich auch in so manchem modernen Tantra-Workshop, wo ein alter Tantra-Lehrer Sex mit jungen Workshop-Teilnehmerinnen als spirituelle Zeremonie glorifiziert.

Die Menschen kamen schließlich auf die Idee, dass man anstelle des älteren vollständigen Menschenopfers ebenso gut irgendeinen Körperteil opfern konnte. Auch physische Verstümmelung wurde als annehmbarer Ersatz betrachtet. Haare, Nägel, Blut und sogar Finger und Zehen wurden geopfert. Der ältere und so gut wie universelle Ritus der Beschneidung erwuchs aus diesem Kult des partiellen Opfers; er war eine reine Opferhandlung, kein Gedanke an Hygiene war damit verbunden. Die Männer wurden beschnitten, den Frauen wurden die Ohren durchbohrt. Die Kastrierung war am Anfang eine Abwandlung der Idee vom Menschenopfer. Das Durchbohren von Nase und Lippen wird in Afrika immer noch praktiziert, und das Tätowieren ist eine künstlerische Entwicklung der früheren Sitte, den Körper mit rohen Narben zu überziehen. Auch in unserer modernen Zivilisation ist das Durchbohren des Körpers und das Anbringen von Metallteilen sowie von Tätowierungen wieder äußerst beliebt. Hinter der modernen Form der Tätowierungen verbirgt sich aber auch ein ausgeprägter Körperkult - Körperkult als Ersatzreligion. Kirchen werden durch Fitness-Tempel ersetzt.

Aber letzten Endes brach die Idee durch, mit den Göttern einen Bund zu schließen. Der evolutionäre Mensch erwarb schließlich soviel sittliche Würde, dass er es wagte, mit seinen Göttern zu verhandeln. Und so verwandelte sich das Geschäft des Darbringens von Opfern allmählich in das Spiel eines philosophischen Feilschens des Menschen mit Gott. Die primitiven Gebetsformen waren nicht mehr und nicht weniger als ein Feilschen mit den Geistern, eine Auseinandersetzung mit den Göttern. Es war eine Art Tauschgeschäft, bei dem man, anstatt etwas Greifbareres und Kostbareres zu spenden, plädierte und zu überzeugen suchte.

Das frühe Gebet war kaum Anbetung; es war ein feilschendes Gesuch um Gesundheit, Reichtum und Leben. Und in vieler Hinsicht haben sich die Gebete im Laufe der Zeitalter nicht stark verändert. Sie werden immer noch aus Büchern gelesen, förmlich aufgesagt oder abgeschrieben, um an Räder geheftet und an Bäumen aufgehängt zu werden, wo das Blasen des Windes den Menschen der Mühe enthebt, dafür seinen eigenen Atem zu verausgaben.

Im Laufe der Evolution der Rituale ist das menschliche Opfer von der blutigen Angelegenheit der Menschenfresserei zu höheren, symbolischeren Ebenen aufgestiegen. Aus den frühen Opferritualen gingen die späteren sakramentalen Zeremonien hervor. In jüngerer Zeit nahm nur noch der Priester einen Bissen vom kannibalistischen Opfer oder einen Tropfen menschlichen Blutes zu sich, wonach sich alle anderen an einem tierischen Ersatz gütlich taten. In Verbindung mit dem Kult der Mutter Gottes benutzte man in Mexiko und anderswo schließlich ein Sakrament aus Kuchen und Wein anstelle von Fleisch und Blut wie beim älteren Menschenopfer. Die Hebräer befolgten dieses Ritual lange als Teil ihrer Passahzeremonien, und aus diesem Zeremoniell ist die spätere christliche Version des Sakramentes hervorgegangen.

Die alten sozialen Bruderschaften gründeten auf dem Ritus des Bluttrinkens; die frühe jüdische Bruderschaft war eine blutige Opferangelegenheit. Paulus begann, auf dem „Blut des ewigen Bundes“ einen neuen christlichen Kult aufzubauen. Und obwohl er das Christentum vielleicht unnötigerweise mit Lehren über Blut und Opfer belastet hat, so hat er doch den Lehren vom Freikauf durch Menschen- oder Tieropfer ein für alle Male ein Ende gesetzt. Seine theologischen Kompromisse lassen erkennen, dass sogar die Offenbarung sich der stufenweisen Herrschaft der Evolution fügen muss. Paulus zufolge wurde Christus das letzte und allem genügende Menschenopfer; der göttliche Richter ist jetzt völlig und für immer befriedigt.

Und so hat sich nach langen Zeitaltern der Opferkult zum Sakramentenkult entwickelt. Die Sakramente der modernen Religionen sind also die rechtmäßigen Nachfolger jener frühen schockierenden Zeremonien mit Menschenopfern und der noch früheren kannibalistischen Rituale. Viele sind für ihre Errettung immer noch vom Blut abhängig, aber dieses ist wenigstens bildlich, symbolisch und mystisch geworden.

Die Idee des Opfers ist ein zentrales Element des wahnsinnigen Ego-Denksystems. Auch die besondere Beziehung ist Ausdruck dieser Idee. Wir glauben fest daran, dass wir unsere Zeit, unsere Energie, unsere Freiheit und vieles mehr für die Menschen, die wir "lieben", opfern. Ein erleuchteter Geist weiß nichts von Opfern, weil für ihn Geben und Empfangen eins sind.

Jesus lehrt im Kurs Folgendes:

“Opfer ist ein Begriff, der GOTT völlig unbekannt ist. Er entspringt allein der Angst, und Menschen, die Angst haben, können bösartig sein. Jede Art des Opferns ist ein Verstoß gegen mein Geheiß, du sollest barmherzig sein, wie auch dein VATER im HIMMEL barmherzig ist. Vielen Christen ist es schwergefallen, zu begreifen, dass das für sie selber gilt. Gute Lehrer versetzen ihre Schüler niemals in Angst und Schrecken. In Angst und Schrecken versetzen heißt angreifen, und das führt zur Zurückweisung dessen, was der Lehrer bietet. Das Ergebnis ist Lernversagen.

Man hat mich richtig als »das Lamm GOTTES, das hinwegnimmt die Sünden der Welt« bezeichnet, aber diejenigen, die das Lamm blutbefleckt darstellen, verstehen die symbolische Bedeutung nicht. Richtig verstanden ist es ein ganz einfaches Symbol, das meine Unschuld ausdrückt. Der Löwe und das Lamm, die beieinander liegen, symbolisieren, dass Stärke und Unschuld nicht miteinander in Konflikt sind, sondern von Natur aus in Frieden miteinander leben. »Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden GOTT schauen« ist eine andere Art, dasselbe zu sagen. Ein lauterer Geist erkennt die Wahrheit, und das ist seine Stärke. Er verwechselt Zerstörung nicht mit Unschuld, weil er Unschuld mit Stärke und nicht mit Schwäche assoziiert.”

Das Bewusstsein von Sünde ist im Verstand der Menschen weiterhin vorhanden, aber die Gedankenmodelle für die Befreiung davon sind überlebt und veraltet. Die Sünde muss neu definiert werden als vorsätzlicher Irrtum, als vorsätzliche Verleugnung der Wahrheit. Die Möglichkeit, in sich Schuldgefühle zu entdecken, ist ein Kennzeichen, das die Menschheit in transzendenter Weise auszeichnet. Sie stempelt den Menschen nicht zu etwas Gemeinem. Sie sondert ihn vielmehr ab als ein Geschöpf von potentieller Größe und ewig aufsteigender Herrlichkeit. Das Erleben von sich als Person bedeutet, sich mit dem Ego zu identifizieren. Daher ist die persönliche Sichtweise grundsätzlich immer mit der Idee von Schuld verknüpft. Dessen muss man sich zunächst bewusst werden. Das Gefühl der Nichtswürdigkeit ist der anfängliche Anstoß, der rasch und sicher zu jenen Eroberungen des Glaubens führen sollte, die den Verstand des Sterblichen auf die großartigen Ebenen sittlichen Adels, kosmischer Schau und geistiger Lebensweise versetzen; dadurch verwandeln sich alle zeitlichen Bedeutungen der menschlichen Existenz in ewige, und alle Werte steigen vom Menschlichen zum Göttlichen auf.

Sich zu seinen Sünden - im Sinne von Irrtümern - bekennen ist eine beherzte Distanzierung von Illoyalität gegenüber der Wahrheit, schwächt indessen in keiner Weise die zeitlich-räumlichen Folgen dieser Illoyalität ab. Aber das Eingeständnis der Sünde - die aufrichtige Erkenntnis des Wesens der Sünde - ist unabdingbar für religiöses Wachstum und geistigen Fortschritt. Nur wenn wir wirklich bereit sind, unsere Irrtümer aufzugeben und sie SEINER Berichtigung zu überlassen, kann die Erlösung kommen.

Der Kurs lehrt uns, dass es keine Sünde im althergebrachten Sinne gibt. Es handelt sich lediglich um einen Irrtum in unserem schlafenden Geist. Wenn wir nicht versuchen, vor IHM Gedanken privat zu halten, kann ER sie für uns berichtigen. In einer Kursgruppe geschieht dies auch dadurch, dass die eigenen Irrtümer vor der Gruppe ausgesprochen und nicht privat gehalten werden.

Jesus verweist in Ein Kurs in Wundern sehr klar darauf, dass diese Welt ein Bild der Kreuzigung von GOTTES SOHN ist. Und solange uns nicht klar ist, dass GOTTES SOHN nicht gekreuzigt werden kann, ist das die Welt, die wir sehen werden. Doch wird uns dies erst dann klar werden, wenn wir die ewig gültige Tatsache akzeptiert haben, dass GOTTES SOHN nicht schuldig ist. Er verdient nur Liebe, weil er nur Liebe gegeben hat. Er kann nicht verurteilt werden, weil er niemals verurteilt hat. Die SÜHNE, wie sie der Kurs lehrt, ist die letzte Lektion, die er zu lernen hat, denn sie lehrt ihn, dass er der Erlösung nicht bedarf, weil er nie gesündigt hat. Jesus hat sich nicht geopfert und er hat nicht gelitten!

Der Glaube, Jesus habe für uns gelitten - dass sein Leiden um unserer Erlösung willen geschehen ist, ist völlig absurd. Und das stimmt auch nicht mit unserer Erfahrung überein. Denn hätten die Leiden Jesu unsere Erlösung bedeutet, warum leidet die Menschheit dann immer noch? Wenn Jesus für uns gelitten hätte, wenn seine Kreuzigung dazu gedient hätte, unsere Schuld und Sünde zu sühnen, dann wäre sie gescheitert, denn die Schuld geht weiter, die Sünde geht weiter, das Leiden geht weiter. Dann wäre sein Leiden umsonst gewesen, dann hätte die Kreuzigung nichts gebracht. Jesus aber hat sich weder geopfert noch gelitten. Die Botschaft der Kreuzigung ist die, dass wir das Kreuz dieser Welt überwinden können. Die Kreuzigung ist nichts weiter als ein extremes Beispiel. Die Botschaft der Kreuzigung ist vollkommen klar: "Lehre nur Liebe, weil du nur Liebe bist."

“Die Kreuzigung war die Folge einander klar entgegengesetzter Denksysteme, das vollkommene Symbol des »Konflikts« zwischen dem Ego und dem SOHN GOTTES. Dieser Konflikt erscheint jetzt genauso wirklich, und seine Lektionen müssen jetzt genauso wie damals gelernt werden.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 16. 7.-8.)

Auch wenn die Kreuzigung Jesu zu seinen Lebzeiten vor 2000 Jahren sogar von den meisten Aposteln missverstanden wurde, so war selbst die missverstandene Kreuzigung eine wichtige Hilfe für die Menschen der damaligen Zeit, um sich von der Idee der schwer auf ihnen lastenden Idee der "Erbsünde" zu befreien.

Schamanismus - Medizinmänner und Priester

Als das Ritual entsprechend der immer komplexeren Vorstellung des Menschen von den übermateriellen Reichen stets komplizierter wurde, geriet es unweigerlich unter die Herrschaft der Medizinmänner, Schamanen und Priester. Der primitive Mensch gelangte in seinen sich fortentwickelnden Vorstellungen schließlich zu der Überzeugung, dass die Welt der Geister dem gewöhnlichen Sterblichen nicht antworte. Nur ein aus der Menge herausragender Mensch konnte sich bei den Göttern Gehör verschaffen; nur einer außergewöhnlichen Männer- oder Frauengestalt liehen die Geister ihr Ohr. Die Religion tritt jetzt in eine neue Phase ein, in ein Stadium, wo sie schrittweise aus zweiter Hand bezogen wird; denn immer tritt jetzt ein Medizinmann, ein Schamane oder ein Priester zwischen den Glaubenden und den Gegenstand seiner Anbetung.

Auch wenn sie vielleicht in kleineren Dingen zu Täuschungen griffen, so glaubten die Schamanen doch in ihrer großen Mehrheit an die Tatsache ihrer Besessenheit durch Geister. Aber nicht alle Schamanen unterlagen einer Selbsttäuschung; viele waren gerissene und geschickte Schwindler. Die Schamanen entwickelten eine besondere Berufstracht und hatten ein geheimnisvolles Gehabe. Sie gebrauchten oft Drogen, um gewisse physische Zustände herbeizuführen, die die Stammesangehörigen beeindruckten und hinters Licht führten. Taschenspielerkunststücke wurden vom einfachen Volk als übernatürlich empfunden, und Bauchrednerei wurde zuerst von gerissenen Priestern angewandt. Viele der alten Schamanen entdeckten ungewollt den Hypnotismus; andere versetzten sich selber in Hypnose.

Die Medizinmänner setzten großes Vertrauen in Zeichen und Vorzeichen wie: „Wenn du es in den Wipfeln der Maulbeerbäume rascheln hörst, dann beeile dich!“ Sehr früh in der Geschichte der Menschheit wandten die Schamanen ihre Aufmerksamkeit den Sternen zu. Weltweit glaubte man an primitive Astrologie und pflegte sie; auch Traumdeutung breitete sich stark aus. All dem folgte bald das Erscheinen jener leicht erregbaren Schamaninnen, die beteuerten, mit den Geistern der Verstorbenen kommunizieren zu können.

Viele vermeintlich intelligente moderne Menschen glauben immer noch, dass man unter der Herrschaft eines glücklichen oder unglücklichen Sterns geboren werden kann und dass das Nebeneinander der Himmelskörper den Eintritt verschiedener irdischer Ereignisse bestimmt. Immer noch sind die Leichtgläubigen die Schirmherren der Wahrsager.

Auf manche Weise und durch abwegige Methoden bauten die einstigen Schamanen ihren Ruf als Stimmen Gottes und Hüter der Vorsehung auf. Sie besprengten die Neugeborenen mit Wasser, sie verliehen ihnen Namen und beschnitten die männlichen unter ihnen. Sie leiteten alle Begräbniszeremonien und gaben in aller Form die wohlbehaltene Ankunft der Verstorbenen im Lande der Geister bekannt.

Das ganze Leben der alten Menschen war prophylaktisch; ihre Religion war in nicht geringem Maße eine Technik zur Krankheitsverhütung. Und ungeachtet der Irrtümer ihrer Theorien wandten sie diese aus voller Überzeugung an; sie hatten grenzenloses Vertrauen in ihre Behandlungsmethoden, und das ist an sich ein mächtig wirkendes Heilmittel. Der Glaube, den es brauchte, um dank den unsinnigen Handlungen eines dieser alten Schamanen zu genesen, unterschied sich letztlich nicht wesentlich von dem Glauben, der erforderlich ist, um sich von einem seiner Nachfolger späterer Zeiten, der Krankheiten in nichtwissenschaftlicher Weise behandelt, heilen zu lassen.

Das Wesentliche des Rituals ist die Vollkommenheit seiner Ausführung; unter Wilden muss es mit peinlichster Genauigkeit eingehalten werden. Nur wenn das Ritual richtig durchgeführt worden ist, besitzt die Zeremonie zwingende Macht über die Geister. Wenn es fehlerhaft ist, erregt es nur den Ärger und Groll der Götter. Da der sich langsam entwickelnde Verstand des Menschen der Anschauung war, dass die Technik des Rituals der entscheidende Faktor seiner Wirksamkeit sei, war es unvermeidlich, dass die frühen Schamanen sich früher oder später zu einer Priesterschaft entwickelten, die in der Leitung des peinlich genau beobachteten Rituals geschult war. Und so haben während Zehntausenden von Jahren endlose Rituale die Gesellschaft behindert und sich wie ein Fluch auf die Zivilisation gelegt, haben als unerträgliche Bürde auf jedem Lebensakt, jedem Unternehmen der Menschen gelastet.

Die Priester versuchten das einfache Volk immer dadurch zu beeindrucken und mit heiliger Scheu zu erfüllen, dass sie das religiöse Ritual in einer alten Sprache und mit allerlei magischen Kunstgriffen zelebrierten, womit sie die Gläubigen hinters Licht führten und ihren eigenen Ruf der Frömmigkeit und ihre Autorität verstärkten. Die große Gefahr bei alledem ist, dass das Ritual die Tendenz hat, zu einem Ersatz für die Religion zu werden.

Die Evolution des Gebets

Die frühen Menschen erkannten nicht, dass materielle Dinge nicht zum Reich des Gebets gehören. Diese einfachen Gemüter sagten sich, dass Nahrung, Obdach, Regen, Spiele und andere materielle Güter das gesellschaftliche Wohl fördern, und begannen deshalb, für diese physischen Segnungen zu beten. Das war zwar eine Verfälschung des Gebets, aber es ermutigte Anstrengungen zur Verwirklichung dieser materiellen Zielsetzungen durch soziale und ethische Aktionen.

Als die Menschen erkannten, dass das Gebet die Götter nicht zu zwingen vermochte, wurde es mehr zu einem Gesuch, zu einer Bitte um Gunsterweisung. Während der früheren Zeiten der menschlichen Evolution und auch heutzutage in der täglichen Erfahrung der meisten Menschen ist das Gebet hauptsächlich ein Phänomen des Austauschs des Menschen mit seinem eigenen Unterbewussten. Das wahre Gebet ist etwas anderes, es ist eine Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Es gibt keine andere Technik, die jeden Menschen, unabhängig von all seinen anderen irdischen Leistungen, befähigt, sich so wirksam und unmittelbar der Schwelle jenes Reichs zu nähern, wo er mit seinem Schöpfer in Verbindung treten kann, wo das Geschöpf mit der Wirklichkeit des Schöpfers, durch den HEILIGEN GEIST, Kontakt aufnehmen kann.

Die großen religiösen Lehrer und Propheten vergangener Zeitalter waren keine extremen, der Welt abgewandten, Mystiker. Es waren Gott kennende Männer und Frauen, die ihrem Gott dadurch am besten dienten, dass sie sich ihren Brüdern selbstlos widmeten. Jesus führte seine Apostel oft für eine kurze Zeit der Meditation und des Gebets abseits, aber meist hielt er sie in dienendem Kontakt mit der Menge.

Wenn des Gebet allzu ästhetisch wird, wenn es fast ausschließlich aus einer wunderbaren und glückseligen Betrachtung paradiesischer Göttlichkeit besteht, verliert es viel von seiner sozialisierenden Kraft und tendiert zu falschem Mystizismus und zu einer Isolierung derer, die es pflegen. Es liegt eine gewisse Gefahr in allzu häufigem privatem Beten; sie kann durch Beten in der Gruppe, durch gemeinsame Andacht, ausgeglichen und vermieden werden.

Das Gebet kann spontaner Ausdruck von Gottesbewusstsein oder ein sinnloses Hersagen theologischer Formeln sein. Es kann ekstatischer Lobpreis einer Gott kennenden Seele oder sklavischer Gehorsam eines von Furcht gepeinigten Sterblichen sein. Es ist manchmal der ergreifende Ausdruck geistiger Sehnsucht und manchmal das angeberische Ausposaunen frommer Phrasen. Das Gebet kann eine kindische Bitte um das Unmögliche oder das reife Verlangen nach geistigem Wachstum und geistiger Macht sein. Eine Bitte kann das tägliche Brot betreffen oder eine von ganzem Herzen kommende Sehnsucht in sich schließen, Gott zu finden und seinen Willen zu tun. Es kann ein ganz und gar eigensüchtiges Verlangen oder eine wahre und großartige Geste zur Verwirklichung selbstloser Brüderlichkeit sein.

Den modernen Menschen befremdet der Gedanke, mit Gott auf eine rein persönliche Weise Dinge zu besprechen. Viele haben das regelmäßige Gebet aufgegeben; sie beten nur, wenn sie unter außergewöhnlichem Druck stehen - in Notfällen. Der Mensch sollte sich nicht scheuen, mit Gott zu sprechen, aber nur, wer geistig noch sehr unreif ist, würde es wagen, Gott überzeugen zu wollen, oder sich unterfangen, ihn umstimmen zu wollen.

Wahres Beten erreicht tatsächlich die Wirklichkeit. Wahres Beten fördert das geistige Wachstum, ändert die Einstellung und gewährt die Befriedigung, die aus der Verbindung mit der Göttlichkeit fließt. Es ist ein spontaner Ausbruch von Gottesbewusstsein.

Worte sind ohne Bedeutung für das Gebet; sie sind nur der intellektuelle Kanal, in den sich der Strom geistigen Verlangens ergießen kann. Der Wert von Gebetsworten ist rein autosuggestiv bei individueller Andacht und soziosuggestiv bei Gruppenandacht. Gott antwortet auf die Haltung des menschlichen Geistes und nicht auf Worte. Die Sehnsucht des Menschen und sein Verlangen nach der Wahrheit ist das wahre Gebet.

Die Spätere Evolution der Religion

Die Religion ist die starrste, unnachgiebigste aller menschlichen Institutionen, aber sie passt sich jeweils mit Verspätung der sich verändernden Gesellschaft an. Letztenendes ist die evolutionäre Religion ein Spiegel der sich verändernden Sitten, die ihrerseits unter Umständen durch offenbarte Religion beeinflusst worden sind. Langsam, sicher, aber nur sehr ungern schwimmt die Religion (der Kult) im Kielwasser der Weisheit - dem Wissen, das von einer aus Erfahrung schöpfenden Vernunft gelenkt und von göttlicher Offenbarung erleuchtet wird.

Die Religion hat zu irgendeinem vergangenen Zeitpunkt alle möglichen widersprüchlichen und inkonsequenten Verhaltensweisen gebilligt, hat irgendwann einmal praktisch all das gutgeheißen, was jetzt als unmoralisch gilt. Sofern nicht Erfahrung das Gewissen lehrt und Vernunft ihm nicht hilft, ist es nie ein sicherer und unfehlbarer Lenker des menschlichen Verhaltens gewesen und kann es nie sein. Das Gewissen ist keine göttliche Stimme, die zu der menschlichen Seele spricht. Es ist nur die Summe des sittlichen und ethischen Inhalts der Sitten einer laufenden Existenzphase; es stellt nur gerade die vom Menschen erdachte ideale Reaktionsweise unter irgendwelchen gegebenen Umständen dar.

Die menschliche Religion kann nur im Lichte der evolutionären Zivilisation gerechtfertigt werden. Wäre der Mensch nicht das aufsteigende Produkt tierischer Evolution, dann gäbe es für einen derartigen Verlauf religiöser Entwicklung keine Rechtfertigung.

Offenbarung ist evolutionär, aber immer fortschrittlich. Durch alle Zeitalter der Geschichte hindurch werden die Religionsoffenbarungen immer umfassender und erleuchtender. Es ist die Sendung der Offenbarung, die aufeinander folgenden evolutionären Religionen zu sichten und zu zensieren. Damit sie integriert werden kann, hat Offenbarung immer mit der Evolution in Fühlung zu bleiben, und sie tut es auch. Immer muss offenbarte Religion sich durch das menschliche Aufnahmevermögen beschränken lassen.

Die evolutionäre Religion ist gefühlsbetont, nicht logisch. Sie ist die Reaktion des Menschen auf seinen Glauben an eine hypothetische Phantom- und Geisterwelt - der menschliche Glaubensreflex, der durch das Innewerden des Unbekannten und die Furcht vor ihm hervorgerufen wird. Die evolutionäre Religion ist Ausdruck der sich auf Umwegen vortastenden Menschheit auf der Suche nach Wahrheit; die Offenbarungsreligion ist diese Wahrheit selbst.

Die meisten großen religiösen Epochen sind durch das Leben und die Lehren irgendeiner überragenden Persönlichkeit eingeweiht worden; Führerschaft hat die Mehrzahl der nennenswerten sittlichen Bewegungen der Geschichte ausgelöst. Und die Menschen haben immer dazu geneigt, den Führer zu verehren, sogar auf Kosten seiner Lehren, und seine Persönlichkeit zu beweihräuchern, auch wenn sie dabei die Wahrheiten, die er verkündete, aus den Augen verloren. Viele Völker haben sich vorgestellt, dass ihre Führer von Jungfrauen geboren wurden; sie übersäten ihren Lebensweg großzügig mit wunderbaren Episoden, und immer wird ihre Rückkehr von den jeweiligen Gruppen erwartet.

Aber ungeachtet der abergläubischen Ehrfurcht, mit der diese Lehrer oft umgeben wurden, bleibt die Tatsache bestehen, dass sie die zeitlichen persönlichen Stützpunkte für die Hebel der offenbarten Wahrheit waren, um Sittlichkeit, Philosophie und Religion der Menschheit voranzubringen.

Viele Wahrheitsverkünder erhoben sich im sechsten Jahrhundert vor Christus, in diesem Jahrhundert religiösen Erwachens, einem der größten dieser Art, die die Erde je erlebt hat. Unter diesen sollten Gautama, Konfuzius, Laotse, Zarathustra und die jainistischen Lehrer erwähnt werden. Die Lehren Gautamas haben in Asien weite Verbreitung gefunden, und er wird als Buddha von Millionen verehrt. Konfuzius war für die chinesische Sittlichkeit, was Plato für die griechische Philosophie war, und obwohl beide Lehren religiöse Auswirkungen hatten, war genau genommen weder der eine noch der andere ein religiöser Lehrer; Laotse erfasste im Tao mehr von Gott als Konfuzius in der Humanität oder Plato im Idealismus.

Als religiöser Lehrer begann Jesus mit dem Kult, den Johannes der Täufer eingeführt hatte, und er entfernte sich, soweit er nur konnte, von Fasten und Formen. Von Jesus abgesehen waren Paulus von Tarsus (Apostel Paulus) und Philo von Alexandrien die größten Lehrer dieser Ära. Ihre religiösen Vorstellungen haben bei der Entwicklung des Glaubens, der den Namen von Christus trägt, eine beherrschende Rolle gespielt.

Im sechsten Jahrhundert nach Christus gründete Mohammed eine Religion, die vielen religiösen Überzeugungen seiner Zeit überlegen war. Es war ein Protest gegen die sozialen Forderungen, die die fremden Religionen stellten, und gegen die Zusammenhangslosigkeit des religiösen Lebens seines eigenen Volkes.

Das fünfzehnte Jahrhundert nach Christus wurde Zeuge von zwei religiösen Bewegungen: dem Zerbrechen der Einheit des Christentums im Abendland und der Synthese einer neuen Religion im Orient. In Europa hatte das institutionalisierte Christentum einen solchen Grad von Starrheit erreicht, dass sich weiteres Wachstum nicht mehr mit Einheit vereinbaren ließ. Im Orient fassten Nanak (Gründer Guru Nanak Dev) und seine Nachfolger die kombinierten Lehren von Islam, Hinduismus und Buddhismus in der Sikhreligion zusammengefasst, einer der fortgeschrittensten Religionen Asiens.

Die fortgeschrittensten Religionen der alten Zeiten waren Judaismus und Hinduismus, und beide haben jeweils den Lauf der religiösen Entwicklung im Morgen- und Abendland gewaltig beeinflusst. Sowohl Hindus wie Hebräer glaubten, dass ihre eigene Religion inspiriert und offenbart sei, und dachten, dass alle anderen entartete Formen des einzigen wahren Glaubens seien.

Das kollektive Selbstbild der Juden litt furchtbar unter der babylonischen Gefangenschaft. In ihrer Reaktion gegen nationale Unterlegenheit verfielen sie in das andere Extrem nationaler und rassischer Selbstüberhebung, in der sie ihre Überlieferungen verzerrten und verfälschten, um sich als das auserwählte Volk Gottes über alle Völker zu erheben; demzufolge überarbeiteten sie ihre sämtlichen Schriften sorgfältig mit dem Ziel, Abraham und ihre anderen nationalen Führer hoch über alle anderen Personen zu stellen und nahmen davon nicht einmal Melchisedek aus. Deshalb zerstörten die hebräischen Schriftgelehrten alle Berichte die nicht in die neue Lehre passten. Sie verloren die Wahrheit so vollständig aus den Augen, dass nur sehr wenige von ihren Nachkommen fähig oder gewillt waren, Jesus als den zu erkennen, der er war - der Messias wie in die Propheten angekündigt hatten.

Es ist eine beliebte Strategie des Egos, dem unangenehmen Gefühl der Minderwertigkeit durch Selbsterhöhung zu entkommen. Um die neue Idee der eigenen Besonderheit zu stärken, wird die eigene Biografie in diesem Sinne umgedeutet. Der Glaube an die eigene Besonderheit ist die Zurückweisung der Botschaft Jesu.

Die christliche Religion ist die Religion über Leben und Lehren Christi, basierend auf der Theologie des Judaismus, modifiziert durch die Einverleibung gewisser zoroastrischer Lehren und griechischer Philosophie, und in der Hauptsache formuliert durch drei Persönlichkeiten: Philo, Petrus und Paulus. Das Christentum hat seit der Zeit des Paulus viele Evolutionsphasen durchgemacht und ist so durch und durch verwestlicht worden, dass viele nichteuropäische Völker es ganz natürlich als eine seltsame Offenbarung eines seltsamen Gottes für Fremde empfinden.

Der Islam ist das religiös-kulturelle Bindeglied zwischen Nordafrika, der Levante und Südostasien. Es war die jüdische Theologie in Verbindung mit den späteren christlichen Lehren, die den Islam monotheistisch machte. Die Jünger Mohammeds stolperten über die fortgeschrittenen Lehren der Trinität; sie konnten die Doktrin von drei göttlichen Persönlichkeiten und einer einzigen Gottheit nicht begreifen. Es ist immer schwierig, evolutionäre Gemüter dazu zu bringen, fortgeschrittene offenbarte Wahrheit plötzlich anzunehmen. Der Mensch ist ein evolutionäres Geschöpf und muss seine Religion über evolutionäre Techniken erwerben.

Die Religionen können nie hoffen, eine Uniformität der religiösen Überzeugungen, Dogmen und Rituale zu erreichen - diese sind intellektueller Natur; aber sie können und werden eines Tages zu einer Einheit in der wahren Anbetung des Vaters aller gelangen, denn diese ist geistiger Natur, und es ist für immer wahr, dass im Geiste alle Menschen gleich sind.

Der moderne Mensch ist sich in angemessener Weise der Religion bewusst, aber seine Andachtsgewohnheiten sind wirr und durch den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel und die nie dagewesenen wissenschaftlichen Entwicklungen in Misskredit geraten. Der moderne Mensch ist vor die Aufgabe gestellt, im Verlauf einer einzigen Generation bei den menschlichen Werten mehr Neuanpassungen vorzunehmen, als in zweitausend Jahren geschehen sind. Und all das beeinflusst die gesellschaftliche Haltung gegenüber der Religion, denn Religion ist ebenso sehr eine Lebensweise als eine Technik des Denkens.

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita („der Gesang des Erhabenen“) ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Gedichts. Der vermutlich zwischen dem 5. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. entstandene Text ist eine Zusammenführung mehrerer verschiedener Denkschulen des damaligen Indien auf Grundlage der älteren Veden (Frühvedische Schriften ca. 1200 v. Chr. bis 900 v. Chr.), der Upanishaden (Spätvedische Schriften ca. 700 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des orthodoxen Brahmanismus (ca. 800 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des Yoga u. a. m., steht aber den Upanishaden gedanklich am nächsten.

Die Bhagavad Gita wurde schon früh kommentiert. Der älteste bekannte Kommentar stammt vom indischen Philosophen Shankara (788-820). Er schrieb, dass die Bhagavadgita die Quintessenz der Veden sei und dass sie den Menschen in die Befreiung führe. Paramahansa Yogananda, Verfasser der Autobiografie eines Yogi, schrieb einen umfangreichen Kommentar für Yogis und speziell für seinen Kriya-Yoga. Die Bhagavad Gita gehört neben dem Tao de King und der Bibel zu den meist übersetzten Werken der Welt. Ihre Bedeutung geht also weit über Indien hinaus.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) sagte über sie: "Wie wird doch der, dem dieses Buch durch fleißiges Lesen geläufig geworden ist, von seinem Geiste im Innersten ergriffen. Es ist die belehrendste und erhabenste Lektüre, die auf der Welt möglich ist; sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein."

In der Bhagavad Gita bildet sich ein spirituelles Lehrgespräch zwischen Krishna, einer irdischen Erscheinungsform von Vishnu, dem Lehrer, und Arjuna, dem Schüler, ab. Krishna repräsentiert die Verbindung mit dem Höchsten in Form eines mit dem Höchsten verbundenen Lehrers. Er symbolisiert die Verbindung zum Höchsten, wir mögen es Gott, das Absolute, Ursprung, Quelle oder Tao nennen. Das Höchste wird uns immer mit offenen Armen empfangen, egal woher wir kommen und woran wir glauben. Deshalb sagt Krishna in der Gita:

“Auf welche Weise auch die Menschen mich suchen - ich nehme sie an.”

Wenn wir dazu überhaupt "irgendwohin gehen" müssen, dann in unser eigenes Inneres, das ist der Weg der Mystik. Das Wort Mystik kommt vom Griechischen und bedeutet: die Augen schließen. In der Meditation geschieht genau das: wir schließen die Augen und ziehen die Sinne zurück, um uns der Weisheit unserer inneren Dimension zu öffnen. Krishna sagt im zweiten Kapitel der Gita:

“Wer seine Sinne von den Objekten der Welt lösen kann, so wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht, dessen Weisheit schwankt nicht.”

Der Dialog zwischen Krishna und Arjuna ist dramaturgisch angesiedelt auf einem Schlachtfeld unmittelbar vor Beginn eines Kampfes. Auf tiefster Ebene freilich zeigt sich, dass das Schlachtfeld Kurukshetra, das Feld der Kurus, eigentlich Dharmakshetra ist, das Feld der Wahrheit. Dieses Feld ist unser eigener Geist. Und die Feinde sind unsere eigenen mentalen Schöpfungen: Wut, Hass, Groll, Neid, Gier, Angst, Sorge, Eifersucht, Stolz, Trägheit und viele andere unangenehme Geisteszustände. Obgleich sie uns oft leiden lassen, halten wir sie fest. Doch es gibt Hoffnung ...

„Der GEDANKE des Friedens wurde GOTTES SOHN in jenem Augenblick gegeben, als sein Geist an Krieg gedacht hat.“
(EKIW: ÜBUNGSBUCH, ZWEITER TEIL, 2. 2. 1.)

Es geht im Kern um die Frage aller Fragen: Wer bin ich? Die 18 Kapitel der Gita sind die Antwort darauf. Sie lässt sich in letzter Konsequenz auf nur drei Worte verdichten: Tat Tvam Asi - DU bist DAS. In der Sprache des Kurses klingt das in Lektion 229 folgendermaßen: “Die Liebe, die mich schuf, ist, was ich bin.” Oder in Lektion 252: "Der SOHN GOTTES ist meine IDENTITÄT."

Am Beginn der Bhagavad Gita steht die menschliche Krise. Arjuna ist verzweifelt, weil er in einen Krieg ziehen soll, der unsägliches Leid bringen wird. Die Krise war immer schon der Ausgangspunkt allen spirituellen Suchens. Solange wir gesund und munter sind und solange wir Spaß haben, beginnen wir nicht zu suchen. Wozu auch? Erst die Erkenntnis, dass Leid existiert - und sei es auch nur so wenig, dass zum vollkommenen Glück noch irgendetwas fehlt -, öffnet uns für Fragen nach dem Sinn des Seins.

So erging es auch Gautama Siddharta, der Prinz, den man später Buddha, den Erwachten, nennen sollte. Am Beginn seiner Lehre steht die einfache Aussage, dass Leiden existiert. Dukkha (Sanskrit duḥkha: „schwer zu ertragen“) ist ein Schlüsselbegriff im Buddhismus, der meist als „Leiden“ übersetzt wird. Da der Begriff „Dukkha“ jedoch nicht genau mit dem deutschen Begriff „Leid(en)“ gleichzusetzen ist, werden in der deutschsprachigen Literatur zusätzliche Begriffe wie „unbefriedigend“, „unvollkommen“ und „ungenügend“ verwendet. Dieses latente Unbefriedigtsein, dieses Verlangen nach mehr ist das universelle Merkmal des Zustandes der Ego-Identifikation.

Das älteste geschlossene philosophische System Indiens ist Sankhya, die Philosophie, die dem praktischen Weg des Yoga zugrunde liegt. Auch die Sankhya-Philosophie beginnt mit der Feststellung, dass Leiden existiert. Die Krise ist der Ausgangspunkt, der die Suche nach Befreiung einleitet - eine Suche, deren Ziel die existentielle Erkenntnis der eigenen Unsterblichkeit und der Verbundenheit mit allem Sein ist. In diesem Sinne wird die Krise zur Gnade.

“Die Anerkennung deiner eigenen Schwäche ist ein notwendiger Schritt in der Berichtigung deiner Irrtümer, aber er reicht kaum aus, um dir das Vertrauen zu geben, dessen du bedarfst und auf das du ein Anrecht hast.”
(EKIW: Lektion 47, 6. 1.)

Es beginnt mit einer Krise, in der wir unsere eigene Schwäche und Hilflosigkeit als Person erkennen. Doch erst wenn wir erkennen, dass unsere wirkliche Stärke in Gott begründet ist und wir auf diese Stärke vertrauen, beginnt der Weg zurück in die Sicherheit des heiligen Augenblicks.

Die Bhagavad Gita beginnt mit Arjunas Verzweiflung über den bevorstehenden Krieg. Doch im wirklichen Sinne stirbt kein Wesen. Solange wir das nicht erkennen, solange wir nicht wissen, wer wir wirklich sind, leben wir in Avidya, in spiritueller Blindheit. Krishna antwortet daher auf Arjunas Verzweiflung mit folgenden Worten:

“Du versuchst zwar wie ein Weiser zu sprechen, doch weinst du um jene, um die du nicht weinen solltest. Wirklich weise Menschen weinen weder um die Toten noch um die Lebenden. Denn nie war eine Zeit, in der ich nicht war, noch du, noch irgendeiner dieser Könige. Und keine Zeit wird je kommen, da wir aufhören zu sein.”

Jesus widmet diesem Thema einen eigenen Abschnitt im Kurs Kapitel 23, IV. Über dem Schlachtfeld.

Rishis oder Seher werden die alten Weisen in Indien genannt, denen Gott sich einst offenbarte. Die Weisheit der Bhagavad Gita gründet in den Upanishaden, dem esoterischen Teil der Veden, den man auch Vedanta nennt, was so viel heißt wie: der Schluss der Veden. Darin geht es um die Erkenntnis des Höchsten. Bereits im zweiten Kapitel der Gita weist Krishna Arjuna auf die höchste Wahrheit hin:

“Wenn die Sinne die Objekte der Welt berühren, entstehen Empfindungen wie heiß und kalt, angenehm und unangenehm. Sie sind unbeständig, sie kommen und gehen. Deshalb ertrag sie geduldig, Arjuna.
Die Wahrheit ist: Wer sich von seinen Sinneserfahrungen nicht irritieren lässt, wer in Schmerz und Freude sein Gleichgewicht bewahren kann, der ist bereit für die Unsterblichkeit.
Was unwirklich ist, kann niemals sein, was wirklich ist, kann niemals enden. Diese Wahrheit haben die Seher erkannt.”

In der Einleitung von Ein Kurs in Wundern wird der Kurs folgendermaßen zusammengefasst: "Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden GOTTES."

Machiventa Melchisedek

Die Melchisedeks sind überall als Nothelfersöhne bekannt, da sie sich auf den Welten eines Lokaluniversums einem erstaunlich breiten Fächer von Aktivitäten widmen. Machiventa Melchisedek erklärte sich bereit, sich auf der Erde vorübergehend als ein Mensch dieser Welt zu personifizieren, sich als Nothelfersohn im Dienste der Welt hinzugeben. Die effektive Inkarnation von Machiventa Melchisedek wurde in der Nähe des Ortes vorgenommen, aus dem die Stadt Salem in Palästina werden sollte. Es war etwa 2000 Jahre vor Jesu Geburt, als Machiventa sich an die Menschheit der Erde hingab. Sein Kommen war ganz unauffällig; kein menschliches Auge wurde Zeuge seiner Materialisierung.

“Melchisedek, König von Salem und Priester des höchsten Gottes; er, der dem Abraham, als dieser nach der Unterwerfung der Könige zurückkam, entgegenging und ihn segnete und welchem Abraham den Zehnten von allem gab; er, dessen Name König der Gerechtigkeit bedeutet und der auch König von Salem ist, das heißt König des Friedens; er, der vaterlos, mutterlos und ohne Stammbaum ist, ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ähnlich geworden dem Sohn Gottes: Dieser Melchisedek bleibt Priester für immer.”
(Bibel, Einheitsübersetzung, Hebräer 7,1-3)

Die Inkarnation Machiventa Melchisedek diente dazu die Wahrheit soweit aufrechtzuerhalten „bis zu der Ankunft eines sich selbst hingebenden Sohnes“. Innerhalb weniger Jahre hatte Melchisedek eine Gruppe von Schülern, Jüngern und Gläubigen um sich geschart, die den Kern der späteren Gemeinde von Salem bildeten. Man kannte ihn bald in ganz Palästina als den Priester El Elyons, des Allerhöchsten, und als den Weisen von Salem. Unter den Stämmen der Umgebung wurde er oft Scheich oder König von Salem genannt. Salem war der Ort, aus dem nach dem Verschwinden Melchisedeks die Stadt Jebus wurde und der in der Folge Jerusalem hieß. Melchisedek wird in der Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament (Brief an die Hebräer) erwähnt.

Melchisedek lehrte seine Schüler alles, was sie zu empfangen und assimilieren in der Lage waren. Sogar viele moderne religiöse Ideen über Himmel und Erde, Mensch, Gott und die Engel sind nicht weit von diesen Lehren Melchisedeks entfernt. Aber dieser große Lehrer ordnete alles der Doktrin eines einzigen Gottes unter, eines himmlischen Schöpfers, eines göttlichen Vaters. Das Schwergewicht wurde auf diese Lehre gelegt, um die Anbetung der Menschen wachzurufen und den Weg für das spätere Erscheinen Jesu zu bereiten.

Aber sogar ein so kurzes und einfaches Glaubensbekenntnis der Kolonie von Salem war für die Menschen jener Tage eindeutig zu viel und zu fortgeschritten. Sie konnten ganz einfach die Idee, göttliche Gunst umsonst - nur durch den Glauben - zu empfangen, nicht fassen. Zu tief saß ihr Glaube, der Mensch sei in der Schuld der Götter geboren. Zu lange und mit zu großem Ernst hatten sie geopfert und den Priestern Geschenke dargebracht, als dass sie die gute Nachricht hätten begreifen können, Errettung, göttliche Gunst werde all jenen als unentgeltliches Geschenk zuteil, die an den Bund Melchisedeks glauben wollten.

In der Kolonie von Salem waren zwar keine Opfer erlaubt, aber Melchisedek wusste sehr wohl, wie schwierig es ist, tief verwurzelte Sitten plötzlich auszurotten, und so hatte er diesen Menschen als Ersatz für das ältere Opfer aus Fleisch und Blut ein Sakrament aus Brot und Wein gegeben. Es steht geschrieben: „Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus.“ Aber auch diese vorsichtige Neuerung war nicht sehr erfolgreich; die verschiedenen Stämme unterhielten in der nahen Umgebung Salems Hilfszentren, wo sie Opfer darbrachten und Gaben verbrannten. Sogar Abraham wandte diese barbarische Sitte nach seinem Sieg über Kedor-Laomer an; er fühlte sich einfach nicht ganz wohl, solange er kein konventionelles Opfer dargebracht hatte. Und es gelang Melchisedek nie, diese Neigung zu Opfern aus den religiösen Praktiken seiner Anhänger und selbst Abrahams zu entfernen.

Vierundneunzig Jahre lang lehrte Melchisedek in Salem elementare offenbarte Wahrheit, und im Laufe dieser Zeit besuchte Abraham die Schule von Salem zu drei verschiedenen Malen. Er bekannte sich schließlich zu den Lehren Salems und wurde einer der glänzendsten Schüler und eine der hauptsächlichsten Stützen Melchisedeks.

Abraham hatte zu Beginn königliche Ambitionen und militärische Ziele. Als Melchisedek von Abrahams Kriegserklärung gegen seine Nachbarn hörte, machte er sich auf, um ihn davon abzuhalten. Aber er holte seinen ehemaligen Schüler erst ein, als dieser siegreich von der Schlacht zurückkehrte. Abraham pochte darauf, dass der Gott von Salem ihm den Sieg über seine Feinde gegeben habe. Abraham war auf dem besten Weg, in Palästina einen mächtigen Staat zu errichten. Erst im Verlauf einer weiteren Aussprache überzeugte der Priester von Salem Abraham davon, seinen Plan einer materiellen Eroberung und zeitlichen Herrschaft zugunsten des geistigen Konzepts des himmlischen Königreichs fallen zu lassen.

Was die alttestamentlichen Schriften als Gespräche zwischen Abraham und Gott beschreiben, waren in Wirklichkeit Besprechungen zwischen Abraham und Melchisedek. Spätere Schriftgelehrte sahen den Ausdruck Melchisedek als ein Synonym für Gott an. Die Beschreibung so vieler Kontakte Abrahams und Sarahs mit „dem Engel des Herrn“ bezieht sich auf ihre zahlreichen Gespräche mit Melchisedek.

Melchisedek fuhr noch einige Zeit fort, seine Studenten auszubilden und die Missionare Salems zu schulen, die sich danach zu allen Stämmen der Umgebung begaben, insbesondere nach Ägypten, Mesopotamien und Kleinasien. Und während Jahrzehnt um Jahrzehnt verging, entfernten sich diese Lehrer auf ihren Reisen immer weiter von Salem und trugen Machiventas Evangelium des Glaubens und Vertrauens in Gott mit sich hinaus.

Ein Volk, das in Siedlungen an den Ufern des Vansees (heute Türkei) lebte, hörte den Lehrern des Salemkultes willig zu. Von diesem Zentrum aus wurden Lehrer in die entlegensten Gegenden Europas und Asiens entsandt. Missionare aus Salem drangen überall in Europa ein und stießen bis zu den Britischen Inseln vor. Der Ortsname Salem, einer Gemeinde im Süden Deutschlands, in der Nähe des Bodensees, erinnert noch an diese Zeit. Eine Gruppe gelangte über die Färöer bis zu den Andoniten Islands, während eine andere China durchquerte und die Japaner auf den östlichen Inseln erreichte. Leben und Erfahrungen der Männer und Frauen, die von Salem, Mesopotamien und vom Vansee aus zum Abenteuer aufbrachen, um den Stämmen der östlichen Hemisphäre das Licht zu bringen, sind ein heroisches Kapitel in der Geschichte der Menschheit.

Aber die Aufgabe war so groß und die Stämme waren so rückständig, dass die Resultate fraglich und unbestimmt waren. Von einer Generation zur anderen fand das Evangelium da und dort Aufnahme, aber außer in Palästina vermochte die Idee von einem einzigen Gott nie einen ganzen Stamm oder ein ganzes Volk dauerhaft für sich zu gewinnen. Lange vor Jesu Kommen waren die Lehren der Missionare von Salem im Allgemeinen in den älteren und weiter verbreiteten abergläubischen Vorstellungen untergegangen. Das ursprüngliche Evangelium Melchisedeks war fast völlig im Glauben an die Große Mutter und an die Sonne und in anderen alten Kulten aufgegangen.

Eine neue Lehre neigte immer dazu, in der älteren Anhäufung von religiösen Lehren und magischer Praxis aufzugehen. Eine neue Offenbarung wird immer durch die älteren evolutionären Glaubensinhalte infiziert. Das geschieht naturgemäß auch mit Ein Kurs in Wundern. Manche versuchen ihn mit kirchlichen Vorstellungen, mit Seelenkonzepten oder diversen körperlichen Selbstheilungskonzepten in Einklang zu bringen. Manchmal wird auch versucht, moderne Vorstellungen von Selbstverwirklichung mit dem Kurs zu verbinden. Das ist der gröbste Irrtum hinsichtlich der Botschaft des Kurses.

Die Lehren Melchisedeks im Orient

Die Lehren Melchisedeks im vedischen Indien

Die Zurückweisung des Evangeliums Melchisedeks vom Vertrauen in Gott und von der Errettung durch den Glauben stellte für Indien einen entscheidenden Wendepunkt dar. Die Missionare aus Salem hatten viel zum Verschwinden des Glaubens an all die vedischen Götter beigetragen, aber die führenden vedischen Priester weigerten sich, die Lehre von einem einzigen Gott und einem einfachen Glauben anzunehmen.

In dem Bemühen, die Lehrer aus Salem zu bekämpfen, trafen die Brahmanen unter den heiligen Schriften jener Tage eine Auswahl, und diese Zusammenstellung, die später noch überarbeitet wurde, hat sich als Rigveda, als eines der ältesten heiligen Bücher, bis in die heutige Zeit erhalten. Ihm folgten die zweite, dritte und vierte Veda, mit denen die Bramanen versuchten, ihre Anbetungs- und Opferrituale für die Völker jener Tage zwingend zu formalisieren und zu fixieren. Im Besten, was sie enthalten, kommen diese Schriften an Schönheit des Konzepts und an Wahrheit der Erkenntnis jeder anderen Sammlung ähnlichen Charakters gleich. Aber immer mehr wurde diese hoch stehende Religion durch die Tausende und Abertausende von abergläubischen Vorstellungen, Kulten und Ritualen Südindiens infiziert und verwandelte sich allmählich in das buntscheckigste aller jemals von Menschen entwickelten theologischen Systeme. Beim Durchgehen der Veden wird man einige der höchsten und einige der allerniedrigsten jemals konzipierten Gottesvorstellungen entdecken.

Um sich gegen fremde Einflüsse zu wehren, versuchte die Kaste der Brahmanen, sich über alles andere zu erheben. In keinen anderen Völkern maßten die Priester sich an, sich sogar über ihre Götter zu stellen, die ihren Göttern zustehenden Ehren an sich selber weiterzuleiten. Aber sie trieben ihre anmaßenden Ansprüche in so absurder Weise auf die Spitze, dass das ganze zweifelhafte System bei der Begegnung mit den verderblichen Kulten, die von den weniger fortgeschrittenen Zivilisationen der Umgebung hereinströmten, zusammenbrach.

Die ungebührliche Selbstbezogenheit der Brahmanen führte zwangsläufig zu der Furcht vor einem nichtevolutionären Fortdauern des Selbst in einem endlosen Kreis aufeinanderfolgender Inkarnationen als Mensch, Tier oder Unkraut. Und von allen verseuchenden Glaubensvorstellungen, die sich dem anhefteten, was vielleicht ein erwachender Monotheismus war, war keine verdummender als der Glaube an Seelenwanderung - die Lehre von der Reinkarnation der Seelen. Dieser Glaube an den müden und monotonen Kreislauf wiederholter Seelenwanderungen beraubte die Sterblichen ihrer Hoffnung.

Der illusorische Glaube an das sogenannte Karma besagt, dass wir früher oder später erfahren müssen, was wir jetzt aussenden. Das ist nicht wahr! Das würde uns zu einem Opfer machen. Doch wir sind kein Opfer der Welt, die wir sehen. Wir können in Wirklichkeit nicht von irgendwem oder irgendetwas zu irgendeiner Zeit zum Opfer gemacht werden. Karma ist nur eine Wirkung - keine Ursache!

Unter Reinkarnation wird üblicherweise das Fortdauern des persönlichen Selbst verstanden. Doch das persönliche Selbst ist nur ein Eindruck der entsteht, wenn sich ein "individuelles Bewusstsein" mit einer Geschichte, mit der Bewegung eines Körpers durch Raum und Zeit identifiziert. In dem Moment, wo der Körper stirbt und sich das Bewusstsein aus dieser Identifikation löst, ist der Eindruck dieses persönlichen Selbst verschwunden.

Auf die philosophisch entkräftende Lehre von der Reinkarnation der Seelen folgte bald die Erfindung der Doktrin, nach welcher man dem Selbst auf ewig entrinnen kann, indem man in die universale Ruhe und den universalen Frieden der absoluten Einheit mit Brahman, durch völlige Abwendung von der Welt, eintaucht. Irdisches Wünschen und menschlicher Ehrgeiz wurden wirkungsvoll erdrosselt und praktisch zerstört, und so wurden die Türen für den Eintritt jener späteren Kulte und Lehren weit geöffnet, welche viele Hinduvölker praktisch in die Ketten geistiger Hoffnungslosigkeit gelegt haben.

Das im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch Väter oder Brüder ihre Töchter oder Schwestern ermorden, weil diese Sex vor der Ehe hatten und gleichzeitig Massenvergewaltigungen an Frauen nahezu alltäglich sind, zeigt sehr deutlich, dass es noch ein weiter Weg zu wahrer Mitmenschlichkeit ist. Abtreibung weiblicher Babys, Mädchentötung, Ehrenmorde, Mitgiftmorde, Vergewaltigung - das Ausmaß der Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Indien ist enorm.

Der Hinduismus hat überlebt, weil er seinem Wesen nach ein integrierender Bestandteil des grundlegenden gesellschaftlichen Gewebes Indiens ist. Er kennt keine große Hierarchie, die gestört oder vernichtet werden könnte; er ist in das Lebensmuster des Volkes eingewoben. Er besitzt eine Anpassungsfähigkeit an wechselnde Bedingungen, die alle anderen Kulte übertrifft, und er zeigt vielen anderen Religionen gegenüber eine tolerante und aufnahmebereite Haltung; von Gautama Buddha und sogar von Christus wird behauptet, sie seien Inkarnationen Vischnus gewesen.

Das Ringen um Wahrheit in China

Während die Missionare aus Salem durch Asien zogen und die Lehre vom Allerhöchsten Gott und von der Errettung durch den Glauben verbreiteten, nahmen sie auch vieles vom philosophischen und religiösen Denken der verschiedenen Länder an, durch die sie kamen. Aber die von Melchisedek beauftragten Lehrer und ihre Nachfolger verrieten ihren Auftrag nicht; sie gingen tatsächlich zu allen Völkern des eurasischen Kontinents, und um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends gelangten sie nach China.

Eine direkte Folge dieser Lehrtätigkeit war die früheste Form des in China entstehenden Taoismus, einer Religion, die von derjenigen, die heute diesen Namen trägt, sehr verschieden war. Aber die Salemiten hatten sich nicht umsonst abgemüht. Denn auf den Grundlagen ihres Evangeliums bauten die großen chinesischen Philosophen des sechsten Jahrhunderts ihre Lehren auf. Sittliche Atmosphäre und geistige Gefühle der Zeit von Lao-tse und Konfuzius wuchsen aus den in einem früheren Zeitalter gesäten Lehren der Missionare Salems.

Lao-tse stützte sich direkt auf die Konzepte der Überlieferungen Salems, wenn er erklärte, Tao sei die Einzige Erste Ursache der ganzen Schöpfung. Lao war ein Mann mit einer sehr großen geistigen Vision. Er lehrte, dass „des Menschen ewige Bestimmung die nie endende Vereinigung mit Tao, dem Höchsten Gott und Universalen König sei“. Lao-tse verkündete auch als einer der ersten die Lehre, Böses mit Gutem zu vergelten: „Güte erzeugt wiederum Güte, aber im wahrhaft Gütigen erzeugt auch Böses Güte.“

Sein Verständnis vom ewigen Vorhaben Gottes war klar, denn er sagte: „Die Absolute Gottheit kämpft nicht, sondern ist immer siegreich; sie zwingt die Menschheit nicht, sondern hält sich stets bereit, deren wahre Wünsche zu beantworten; Gottes Wille ist ewig geduldig und sein Ausdruck auf ewig unvermeidlich.“ Und damit die Wahrheit ausdrückend, dass es seliger ist zu geben als zu nehmen, sagte er vom wahrhaft religiösen Menschen: „Der gute Mensch versucht nicht, die Wahrheit für sich selber zu behalten, sondern trachtet vielmehr danach, solche Reichtümer seinen Gefährten weiterzugeben, denn das ist die Verwirklichung der Wahrheit. Der Wille des Absoluten Gottes ist immer wohltätig, nie zerstörerisch; der wahre Gläubige nimmt sich stets vor zu handeln, hingegen nie, Zwang auszuüben.“

Laos Lehre von der Widerstandslosigkeit und der Unterschied, den er zwischen Handeln und Zwingen machte, wurden später zum Glauben des „nichts sehen, nichts tun und nichts denken“ pervertiert. Aber Lao lehrte nie einen solchen Irrtum; seine Darlegung der Widerstandslosigkeit war vielmehr ein Faktor in der Weiterentwicklung der Vorliebe der chinesischen Völker für den Frieden.

Aber der volkstümliche Taoismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts hat sehr wenig gemein mit den erhabenen Gefühlen und kosmischen Konzepten des alten Philosophen, der die Wahrheit lehrte, wie er sie wahrnahm, nämlich dass der Glaube an den Absoluten Gott die Quelle jener göttlichen Energie ist, die die Welt neu machen wird und durch welche der Mensch hinaufgelangt zur geistigen Vereinigung mit Tao, der Ewigen Gottheit.

Gautama Siddharta

Zugleich mit Lao-tse und Konfuzius in China trat in Indien ein anderer großer Lehrer auf. Gautama Siddharta wurde im sechsten Jahrhundert vor Christus in der nordindischen Provinz Nepal geboren. Seine Anhänger ließen ihn später als den Sohn eines märchenhaft reichen Herrschers erscheinen, aber in Wirklichkeit war er der gesetzliche Thronfolger eines kleinen Stammesfürsten, der über ein kleines und abgelegenes Bergtal im südlichen Himalaja herrschte.

Sechs Jahre verbrachte er in strenger yogischer Praxis, doch er fand weder innere Ruhe noch die ersehnten Antworten. Dem Hungertod nahe erkannte er, dass dies nicht der Weg zur Befreiung sein könne. Die ganze Sache kam ihm nutzlos, fruchtlos, sinnlos vor. Er war leer. Denn wo es nichts zu tun gibt, kann sich der Verstand nicht mehr vom Fleck rühren. Es gab nichts mehr zu erreichen, und man konnte ohnehin nichts erreichen. Nicht nur die materielle Welt verlor jeglichen Reiz, sondern auch die spirituelle. Er entspannte sich. Er tat von sich aus nicht das Geringste, um zu entspannen. Unter dem Bodhi-Baum war er nicht auf Entspannung aus. Es gab nichts zu tun, nichts, was Anspannung mit sich bringt – nichts zu wünschen, keine Zukunft, keine Hoffnung. Entspannung überkam ihn. Und er “erwachte”.

Jetzt können wir Buddhas Schwierigkeit verstehen. Würde er sagen, dass er durch irgendwelche Methoden ans Ziel gekommen ist, dann wäre das gelogen gewesen, denn er kam erst in dem Moment ans Ziel, als keine Methode mehr da war. Würde er sagen, er hätte es durch Anstrengung geschafft, dann hätte er gelogen, denn er schaffte es ja erst in dem Moment, als keine Anstrengung mehr da war. Aber würde er sagen: “Strengt euch nicht an, dann werdet ihr ankommen”, hätte er wieder gelogen, denn zu seiner Mühelosigkeit gelangte er nur aufgrund jener sechs Jahre der Anstrengung. Ohne diese Anstrengung, diese sechsjährige unerbittliche Anstrengung, hätte es nicht zu diesem Zustand der Mühelosigkeit kommen können. Nur aufgrund jener wahnsinnigen Anstrengung erreichte er einen Gipfel, von wo aus es nirgends mehr weiterging, wo er sich entspannte und ins Tal fallen ließ.

Dies muss man sich aus vielerlei Gründen vor Augen führen. Spirituelle Anstrengung ist das widersprüchlichste Phänomen, das es gibt. Ja, ohne Mühe geht es nicht – aber bei vollem Bewusstsein, dass diese Mühe zu nichts führen wird. Diese Mühe muss man sich nur deshalb machen, um die Nicht-Mühe zu erreichen, nur um zur Mühelosigkeit zu gelangen.

Da ihn alle überlieferten Religionen und ihre Methoden seinen Zielen nicht näher brachten, gab Gautama diese auf und entwickelte seine eigene Lehre. Er nannte dies den „Mittleren Weg“, weil er die Extreme anderer religiöser Lehren meidet. Daraus entwickelte sich die Philosophie des Buddhismus. Gautama kämpfte entschlossen aber fruchtlos gegen das wachsende Kastenwesen. Man spürte an diesem jungen Propheten-Fürsten eine erhabene Aufrichtigkeit und einzigartige Selbstlosigkeit, die auf die Menschen jener Tage eine große Anziehungskraft ausübte. Er wandte sich von der Praxis ab, das individuelle Heil in physischer Peinigung und persönlichem Schmerz zu suchen. Und er forderte seine Anhänger auf, sein Evangelium in alle Welt hinauszutragen.

Mitten in die Wirrnis und extremen Kultpraktiken Indiens kamen die gesünderen und gemäßigteren Lehren Gautamas wie ein erleichtertes Aufatmen. Da Gautama nicht an die Existenz individueller menschlicher Seelen glaubte, kämpfte er natürlich tapfer gegen den altehrwürdigen Seelenwanderungsglauben. Er unternahm eine edle Anstrengung, die Menschen von Furcht zu befreien und dafür zu sorgen, dass sie sich im Großen Universum wohl und wie zu Hause fühlten, aber er war nicht in der Lage, ihnen den Pfad zu jenem realen und himmlischen Zuhause der aufsteigenden Sterblichen und zum wachsenden Dienst in einer ewigen Existenz zu weisen.

Gautama war ein wirklicher Prophet, und hätte er die Anweisungen des Eremiten Godad beachtet, hätte er vielleicht ganz Indien durch das inspirierende Wiederaufleben des Salem-Evangeliums vom rettenden Glauben wachgerüttelt. Godad war der Nachkomme einer Familie, in der die Überlieferungen der Missionare Melchisedeks nie verloren gegangen waren.

In Benares gründete Gautama seine Schule, und es begab sich im zweiten Jahr ihres Bestehens, dass ein Schüler, Bautan, seinem Lehrer eröffnete, was er von der Überlieferung der Missionare Salems über den Bund Melchisedeks mit Abraham wusste; und obwohl Siddharta keine sehr klare Vorstellung vom Universalen Vater hatte, vertrat er nun einen fortschrittlichen Standpunkt in Bezug auf die Errettung durch den Glauben - durch einfaches Vertrauen.

Wenn es in seiner besten Form verkündet wurde, war Gautamas Evangelium von der universalen Errettung, frei von Opfern, Marter, Ritual und Priestern, für seine Zeit eine revolutionäre und erstaunliche Doktrin. Und es kam einem Wiederaufleben des Evangeliums von Salem erstaunlich nahe. Es brachte Millionen von verzweifelnden Menschen Hilfe, und trotz seiner in späteren Jahrhunderten erfolgten grotesken Entstellung bleibt es immer noch die Hoffnung von Millionen menschlicher Wesen.

Die große Wahrheit in Gautamas Lehre war seine Verkündigung eines Universums absoluter Gerechtigkeit. Er lehrte die beste je von sterblichen Menschen erfundene Philosophie ohne Gott; sie war der ideale Humanismus, und sie entzog Aberglauben, magischen Ritualen und der Furcht vor Phantomen und Dämonen sehr wirksam allen Grund.

Die Hindus meinten, Buddha zerstöre alle Religion, er lehre die Gottlosigkeit. Doch Buddha war kein Atheist, aber er klang wie ein Atheist, weil er sagte, dass es nichts Substantielles in der Existenz gibt: “Die Existenz ist leer.” Aber das hat er nur gesagt, um den Geist von all dem erlernten Wissen dieser Welt zu befreien. In Wahrheit erreicht GOTT nur der, der sich vollkommen leer macht. Nichts sollte von uns als Person übrig sein. Deswegen sagt Jesus im Kurs: “Die Funktion der Lehrer GOTTES ist es, wahres Lernen in die Welt zu bringen. Genaugenommen ist es Verlernen, was sie bringen, denn das ist wahres Lernen in der Welt.”

Viele kamen zu Buddha. Sie kamen und gingen. Sie kamen mit ihren vorgefassten Meinungen zu ihm, und dann gingen sie hin und verbreiteten diese. Nur sehr wenige, ganz, ganz wenige verstanden. Denn verstehen können wir nur gemäß unserer Auffassungsgabe. Nur dann, wenn wir bereit sind zu schmelzen, uns zu verändern und transformieren zu lassen, können wir verstehen. So war es auch bei Jesus, dessen Botschaft vor zweitausend Jahren nur wenige verstanden haben, weil nur wenige bereit waren, sich zu verändern.

Gautama lehrte viel mehr an Wahrheit als in den modernen Kulten, die seinen Namen tragen, überlebt hat. Der moderne Buddhismus ist nicht mehr die Lehre Gautama Siddhartas, als das Christentum die Lehre Jesu von Nazareth ist. Doch der Buddhismus ist heute eine lebendige, wachsende Religion, weil es ihm gelingt, viele der höchsten sittlichen Werte seiner Anhänger zu bewahren. Er fördert innere Ruhe und Selbstbeherrschung, erhöht Heiterkeit und Glück und trägt viel dazu bei, Schmerz und Trauer vorzubeugen.

Die Lehren Salems in Arabien

Die Lehren Melchisedeks vom einen Gott wurden in der arabischen Wüste erst in relativ junger Zeit heimisch. Wie in Griechenland scheiterten die Missionare Salems auch in Arabien wegen ihres falschen Verständnisses der Anweisungen Melchisedeks. Nicht einmal in China oder Rom scheiterten die Lehren Melchisedeks vollständiger als in dieser so nahe bei Salem gelegenen Wüstengegend. Lange nachdem die Mehrheit der Völker im Morgen- und Abendland Buddhisten beziehungsweise Christen geworden waren, lebte man in der arabischen Wüste wie vor Jahrtausenden weiter. Jeder Stamm verehrte seinen althergebrachten Fetisch, und viele einzelne Familien hatten ihre eigenen Hausgötter.

Es gab zahlreiche Zentren, die auf Jesu Evangelium hätten ansprechen können, aber die christlichen Missionare dieser Wüstenländer waren eine gestrenge und unbeugsame Gruppe, ganz im Gegensatz zu den kompromissfreudigen Neuerern, die als Missionare in den Mittelmeerländern tätig waren. Hätten Jesu Anhänger seine Weisung, „in alle Welt zu gehen und das Evangelium zu predigen“, ernster genommen und wären sie bei dieser Predigt freundlicher und in den damit einhergehenden gesellschaftlichen Ansprüchen eigener Erfindung weniger streng gewesen, dann hätten viele Länder einschließlich Arabiens glücklich das einfache Evangelium des Zimmermannssohnes angenommen.

Trotz der Tatsache, dass es den großen Monotheismen der Levante misslang, in Arabien Fuß zu fassen, war dieses Wüstenland fähig, einen Glauben hervorzubringen, der, obwohl geringere gesellschaftliche Ansprüche stellend, nichtsdestoweniger monotheistisch war.

Es gab im Zusammenhang mit den primitiven und unorganisierten Glaubensvorstellungen der Wüste nur einen einzigen Faktor stammverwandter oder nationaler Natur, und das war der ganz besondere und allgemeine Respekt, den beinahe alle arabischen Stämme gewillt waren, einem bestimmten Fetisch aus schwarzem Stein in einem bestimmten Tempel in Mekka zu bezeugen. Dieser gemeinsame Punkt des Kontaktes und der Verehrung führte in der Folge zur Errichtung der islamischen Religion.

Die Verehrung des Schwarzen Steins geht auf den altarabischen Steinkult zurück. Im Zuge der Islamisierung dieses Rituals wurde dem Stein eine übernatürliche Herkunft zugeschrieben. Einige Prophetengefährten standen seiner Verehrung dagegen kritisch gegenüber, weil sie darin ein Relikt des altarabischen Heidentums sahen. Während der Belagerung von Mekka im Oktober 683 wurde der Schwarze Stein von einem Katapultgeschoss getroffen und zerbrach in drei Stücke. In späterer Zeit wurde er noch mehrmals beschädigt und wird seither von einer Silbereinfassung zusammengehalten.

Die Stärke des Islams ist seine scharf gezeichnete und klar definierte Darstellung Allahs als der einen und einzigen Gottheit gewesen, seine Schwäche, militärische Gewalt mit seiner Verkündigung zu verbinden, und seine Herabwürdigung der Frau. Aber er hat standhaft an seiner Darstellung der Einen Universalen Gottheit aller festgehalten, des Gottes, „der das Unsichtbare und das Sichtbare kennt. Er ist der Erbarmende und der Mitleidvolle.“ „Gott ist wahrhaft voller Güte zu allen Menschen.“ „Und wenn ich krank bin, ist er es, der mich heilt.“ „Denn wann immer drei miteinander reden, ist Gott als vierter gegenwärtig“, denn ist er nicht „der Erste und der Letzte und auch der Sichtbare und der Verborgene?“

Moses und die Zeit danach

Die Entwicklung der hebräischen Konzepte und Ideale von einem Höchsten Schöpfer beginnt mit dem Auszug der Semiten aus Ägypten unter dem großen Führer, Lehrer und Organisator Moses. Seine Mutter gehörte der königlichen Familie Ägyptens an; sein Vater war ein semitischer Verbindungsoffizier zwischen der Regierung und den gefangenen Beduinen.

Den Verlockungen der Kultur des Königreichs am Nil zum Trotz entschloss sich Moses, sein Los mit dem Volk seines Vaters zu teilen. Zu der Zeit, als dieser große Organisator seine Pläne für die schließliche Befreiung des Volkes seines Vaters schmiedete, besaßen die gefangenen Beduinen kaum eine dieses Namens würdige Religion; sie waren praktisch ohne wahre Gottesvorstellung und ohne Hoffnung in der Welt. Kein Führer hat es je unternommen, eine verlorenere, niedergeschlagenere, hoffnungslosere und unwissendere Schar menschlicher Wesen zu reformieren und aufzurichten.

Auch wenn Moses Versuch den Auszug aus Ägypten auf diplomatische Wege zu erreichen letztendlich scheiterte, ließ Moses sich nicht entmutigen. Er wartete den richtigen Augenblick ab, und nach weniger als einem Jahr, als die militärischen Kräfte Ägyptens voll damit beschäftigt waren, gleichzeitig dem Ansturm von aus dem Süden vorstoßenden Lybiern und einer griechischen Schiffsinvasion aus dem Norden zu widerstehen, führte dieser unerschrockene Organisator seine Landsleute in einer spektakulären nächtlichen Flucht aus Ägypten. Dieser kühne Sprung in die Freiheit wurde sorgfältig geplant und gewandt ausgeführt. Und sie waren erfolgreich, obwohl ihnen der Pharao und eine kleine Abteilung von Ägyptern dicht auf den Fersen folgten, dabei aber von den sich verteidigenden Flüchtlingen sämtlich vernichtet wurden und eine große Beute zurückließen, die noch vermehrt wurde durch die Plünderungen der vorrückenden Scharen befreiter Sklaven auf ihrem Weg nach ihrer angestammten Heimat in der Wüste.

Moses hatte von den Lehren Machiventa Melchisedeks sowohl durch seinen Vater wie durch seine Mutter erfahren, denn der beiden gemeinsame religiöse Glaube war die Erklärung für diese ungewöhnliche Verbindung zwischen einer Frau königlichen Blutes und einem eines gefangenen Volkes angehörenden Mann.

Moses wurde also als ein El Schaddaist aufgezogen; unter dem Einfluss seines Schwiegervaters wurde er El Elyonist; und bis zu der Zeit, als die Hebräer nach ihrer Flucht aus Ägypten am Berg Sinai lagerten, hatte er sich ein neues und erweitertes, aus all seinen vorhergehenden Glaubensvorstellungen bezogenes, Gottheitskonzept ausgedacht, das er sich weise entschloss, seinem Volk als erweitertes Konzept seines alten Stammesgottes Jahve zu verkünden.

Moses hatte versucht, diese Beduinen die Idee El Elyons zu lehren, aber noch vor dem Auszug aus Ägypten war er zu der Überzeugung gelangt, dass sie diese Vorstellung nie recht verstehen würden. Deshalb entschied er sich vorsätzlich für die Kompromisslösung, ihren Stammesgott der Wüste zu übernehmen und ihn zu dem einen und einzigen Gott seiner Gefolgsleute zu machen. Moses lehrte nicht ausdrücklich, dass andere Völker und Nationen nicht auch andere Götter haben könnten, aber er hielt, insbesondere gegenüber den Juden, entschieden daran fest, dass Jahve über allen anderen stehe. Aber immer litt er unter der misslichen Lage, dass er versuchen musste, diesen unwissenden Sklaven seine neue und höhere Gottheitsidee unter der Maske der alten Bezeichnung Jahve darzubieten, der immer im goldenen Kalb der Beduinenstämme symbolisiert worden war.

Die Tatsache, dass Jahve der Gott der fliehenden Hebräer war, erklärt, weshalb sie so lange vor dem heiligen Berg des Sinai verweilten und weshalb sie dort die zehn Gebote erhielten, die Moses im Namen Jahves, des Gottes des Horeb, verkündete. Während dieses langen Aufenthaltes vor dem Sinai wurde das religiöse Zeremoniell des sich neu entwickelnden hebräischen Kultes weiter vervollkommnet.

Es scheint nicht, dass es Moses jemals gelungen wäre, seine ziemlich fortschrittliche zeremonielle Gottesverehrung einzuführen und seine Gefolgsleute während eines Vierteljahrhunderts zusammenzuhalten, wenn es nicht zu einem heftigen Ausbruch des Horebs in der dritten Woche ihres andächtigen Aufenthaltes an seinem Fuße gekommen wäre. „Der Berg Jahves verzehrte sich in Feuer und der Rauch stieg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte gewaltig.“ Angesichts dieser Naturkatastrophe ist es nicht verwunderlich, dass Moses seinen Brüdern die Lehre einhämmern konnte, ihr Gott sei „mächtig, schrecklich, ein verzehrendes Feuer, furchterregend und allmächtig“.

Moses verkündete, dass Jahve der Herr Gott Israels sei, der die Hebräer als sein auserwähltes Volk ausgesucht habe; er war dabei, eine neue Nation aufzubauen, und er gab seinen religiösen Lehren wohlweislich einen nationalistischen Anstrich, wobei er seinen Anhängern sagte, dass Jahve ein harter Arbeitgeber, ein „eifersüchtiger Gott“, sei. Aber nichtdestoweniger versuchte er, ihre Vorstellung von Göttlichkeit zu erweitern, wenn er sie lehrte, dass Jahve der „Gott der Geiste alles Fleisches“ sei, und wenn er sagte: „Der ewige Gott ist eure Zuflucht, und unter euch sind seine ewigen Arme.“ Moses lehrte, dass Jahve ein Gott sei, der Verträge einhalte; dass er „euch nicht verlassen, noch euch vernichten oder den Bund eurer Väter vergessen wird, denn der Herr liebt euch und wird den Eid nicht vergessen, den er euren Vätern geschworen hat“.

Moses unternahm eine heroische Anstrengung, Jahve zu der Würde einer höchsten Gottheit zu erheben, wenn er ihn darstellte als den „Gott der Wahrheit und ohne Falsch, gerecht und gerade in all seinem Tun“. Und doch machte es trotz dieser erhabenen Lehre das begrenzte Verständnis seiner Anhänger nötig, von Gott als von einem Wesen nach dem Bilde des Menschen zu sprechen, das Anfällen von Unmut, Zorn und Strenge unterworfen war, das sogar rachsüchtig und durch menschliches Verhalten leicht beeinflussbar war.

Durch Mose Lehrtätigkeit wurde aus Jahve, diesem Naturgott eines Stammes, der Herr Gott Israels, der ihnen durch die Wüste und schließlich sogar ins Exil folgte, wo man sich ihn sehr bald als den Gott aller Völker dachte. Die spätere Gefangenschaft, die die Juden in Babylon versklavte, befreite endlich das sich entwickelnde Konzept Jahves, der nun die monotheistische Rolle des Gottes aller Nationen übernahm.

Der ganz einmalige und erstaunliche Aspekt der religiösen Geschichte der Hebräer ist diese ununterbrochene Entwicklung des Gottheitskonzeptes vom primitiven Gott des Bergs Horeb über die Lehren ihrer aufeinander folgenden geistigen Führer bis zu der hohen Entwicklungsstufe, die in den Gottheitsvorstellungen der beiden Jesajas zum Ausdruck kommt, die das wundervolle Konzept des liebenden und erbarmenden Schöpfer-Vaters verkündeten.

Moses war eine außergewöhnliche Kombination aus militärischem Führer, sozialem Organisator und religiösem Lehrer. Er war der wichtigste einzelne Lehrer und Führer der Welt zwischen Machiventa und Jesus. Moses versuchte, in Israel viele Reformen einzuführen, von denen es keine Kunde mehr gibt. Im Laufe eines einzigen Menschenlebens führte er die vielsprachige Horde der so genannten Hebräer hinaus aus Sklaverei und unzivilisiertem Herumziehen und legte den Grund zu der späteren Geburt einer Nation und zum Fortdauern eines Volkes.

Von Mose großem Werk ist deshalb so wenig überliefert, weil die Hebräer zur Zeit des Exodus keine geschriebene Sprache besaßen. Der Bericht über die Zeit Mose und seine Taten wurde den Überlieferungen entnommen, die mehr als tausend Jahre nach dem Tod des großen Führers noch vorhanden waren.

Moses glaubte an die Vorsehung; er war vollkommen durchdrungen von den ägyptischen Lehren betreffend die übernatürliche Lenkung des Nils und der anderen Naturkräfte. Er hatte eine großartige Sicht Gottes, aber er war vollkommen aufrichtig, wenn er die Hebräer lehrte, dass wenn sie Gott gehorchten, „Er euch lieben, segnen und vermehren wird. Er wird vermehren die Frucht eures Schoßes und die Frucht eures Landes - Korn, Wein, Öl und eure Herden. Ihr sollt über alle anderen Völker gesegnet sein, und der Herr euer Gott wird alle Krankheit von euch nehmen und keine der schlimmen Leiden Ägyptens über euch bringen.“ Er sagte sogar: „Denkt an den Herrn euren Gott, denn er ist es, der die Macht gibt, Reichtum zu gewinnen.“ „Ihr sollt vielen Nationen leihen, aber ihr sollt nicht borgen. Ihr werdet über viele Nationen regieren, aber sie sollen nicht über euch regieren.“ Die Vorstellung von den Juden als Geldverleiher und damit als das Volk, das die Welt durch Geld beherrscht, ist religiösen Ursprungs und ist über 2500 Jahre alt.

Moses hatte Bedenken, Jahves Barmherzigkeit zu verkünden. Er zog es vor, sein Volk mit heiliger Furcht vor der Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen, und er sagte: „Der Herr euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Herrn, ein gewaltiger Gott, ein mächtiger und schrecklicher Gott, der des Menschen nicht achtet.“ Und wiederum versuchte er, die turbulenten Klane unter Kontrolle zu behalten, wenn er erklärte: „Euer Gott tötet, wenn ihr ihm nicht gehorcht; er heilt und schenkt Leben, wenn ihr ihm gehorcht.“ Aber Moses lehrte diese Stämme, dass sie das auserwählte Volk Gottes nur unter der Bedingung werden würden, „dass sie all seine Gebote hielten und all seinen Gesetzen gehorchten“.

Obwohl Moses die Kinder Israels flüchtige Blicke auf eine universale und wohltätige Gottheit werfen ließ, war ihr alltägliches Jahvebild im Ganzen dasjenige eines Gottes, der nur wenig besser als die Stammesgötter der umliegenden Völker war. Ihr Gotteskonzept war primitiv, roh und anthropomorph; als Moses verschied, kehrten diese Beduinenstämme rasch zu den halbbarbarischen Ideen von ihren alten Göttern des Horeb und der Wüste zurück. Die erweiterte und erhabene Gottesvision, die Moses seinen Führern dann und wann vorlegte, wurde rasch aus den Augen verloren, während sich das Volk überwiegend wieder der Anbetung seiner goldenen Fetischkälber, dem Stierkult, dem Jahvesymbol der palästinensischen Hirten, zuwandte.

Bild Bild Bild Bild Der Stierkult ist in vielen alten Kulturen der Welt zu finden, aber es ist bemerkenswert, dass auch der moderne Mensch zum Stierkult zurückgekehrt ist. Im Bowling Green Park im Financial District in Manhattan, New York City, steht der Charging Bull, auch bekannt als der Wall Street Bull. Er ist das Symbol für aggressiven finanziellen Erfolg. Ein gigantischer Bulle aus Stahl mit goldenen Hörnern steht in der Mitte des Red-Bull-Rings in Spielberg, Österreich, und dient als unverwechselbares Wahrzeichen der Marke Red Bull. Milliarden von Getränkedosen transportieren das Symbol und die Botschaft des aggressiven roten Bullen über den ganzen Planeten. Der Götze des modernen Menschen ist der Erfolg im wirtschaftlichen und sportlichen Wettbewerb, der mit Geld belohnt wird.

Der Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel brachte diese Haltung des modernen Menschen eindrucksvoll zum Ausdruck, als er sich beim Großen Preis von Indien 2013, nach seinem vierten und letzten Gewinn des Weltmeistertitels, in Form einer religiösen Niederwerfung vor seinem roten Bullen verneigte. Auch wenn es in erster Linie ein Ausdruck seines Dankes an sein Team war, so war es gleichzeitig eine beeindruckende Symbolik für das intensive Streben des modernen Menschen nach individuellem, weltlichem Erfolg - dem Götzen des modernen Menschen.

Das Streben nach geistiger Befreiung und die Orientierung an höheren Werten spielt für die meisten modernen Menschen keine Rolle mehr. Selbst die Beschäftigung mit Spiritualität ist vielfach zu einem persönlichen Egotrip verkommen; statt einer wirtschaftlichen oder sportlichen Karriere wird nun eine "spirituelle" Karriere angestrebt. Der klassische Lebenslauf wird durch den "spirituellen" Lebenslauf ersetzt, in dem alles aufgelistet wird, was irgendwie nach Spiritualität klingt. Die selbsternannten spirituellen Lehrer verweisen gerne darauf, wie lange sie sich schon auf einem bestimmten spirituellen Weg befinden. Das ist besonders widersinnig, da es beim spirituellen Weg darum geht, ans Ziel zu kommen, und nicht darum, möglichst lange unterwegs zu sein. Gerade der Kurs ist ein Wegweiser, der hilft, den Weg aus der Illusion der Trennung, mit Hilfe der heiligen Beziehung, zu verkürzen. Eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Kurs, ohne im glücklichen Traum - im Jetzt . anzukommen, ist Ausdruck unseres Widerstands gegen die Wahrheit, aber nichts, was uns zur Ehre gereicht.

Die Hebräer waren damals nahe daran, jede Idee von Monotheismus zu verlieren; sie begaben sich beinah ihrer Chance, das Volk zu werden, das in der geistigen Evolution der Erde als unentbehrliches Bindeglied dienen sollte, die Gruppe, die Melchisedeks Lehre vom einen Gott bis in die Tage der Inkarnation eines sich selbst hingebenden Sohnes des Vaters aller bewahren sollte. Sie wurden götzendienerisch und ausschweifend, und ihre Gottheitsidee fiel tief unter die ägyptischen und mesopotamischen Gotteskonzepte hinab, die von bestimmten überlebenden Gruppen Salems aufrechterhalten wurden und in einigen Psalmen und im so genannten Buch Hiob festgehalten sind.

Die Psalmen sind das Werk von etwa zwanzig oder mehr Verfassern; ägyptische und mesopotamische Lehrer haben viele von ihnen geschrieben. In jenen Zeiten, als man in der Levante die Naturgötter verehrte, gab es immer noch eine stattliche Anzahl von Menschen, die an die alles überragende Stellung El Elyons, des Allerhöchsten, glaubten.

Keine Sammlung religiöser Schriften drückt solch einen Reichtum an Hingabe und inspirierenden Ideen über Gott aus wie das Buch der Psalmen. Und es wäre sehr hilfreich, wenn man sich beim sorgfältigen Durchlesen dieser wundervollen Sammlung andächtiger Literatur die Quelle und die zeitliche Stellung jeder einzelnen Hymne des Lobes und der Anbetung eingedenk dessen vergegenwärtigen könnte, dass keine andere einzelne Sammlung sich über einen derart langen Zeitraum erstreckt. Das Buch der Psalmen ist die Niederschrift der verschiedenen Vorstellungen, die sich die überall in der Levante an die Religion Salems Glaubenden von Gott machten, und es umfasst den ganzen Zeitraum von Amenemope bis Jesaja. In den Psalmen wird Gott in allen Auffassungsphasen dargestellt, von der kruden Idee einer Stammesgottheit bis zu dem gewaltig erweiterten Ideal der späteren Hebräer, worin Jahve als ein liebender Herrscher und erbarmungsvoller Vater geschildert wird.

Und wenn man sie unter diesem Blickwinkel betrachtet, bildet diese Psalmensammlung die wertvollste und hilfreichste Auswahl hingebungsvoller Gefühle, die von Menschen bis hinab ins zwanzigste Jahrhundert je zusammengetragen wurde.

Das im Buch Hiob gezeigte vielgesichtige Bild der Gottheit war die Frucht einer sich über fast dreihundert Jahre erstreckenden Arbeit von mehr als zwanzig religiösen Lehrern Mesopotamiens.

Gottes Weisheit und alles durchdringende Gegenwart wurden in Palästina oft erfasst, aber nur selten seine Liebe und Barmherzigkeit.

Heilige und weltliche Geschichte der Hebräer

Die Gewohnheit, die Berichte über die Erfahrungen der Hebräer als heilige Geschichte und die Geschehnisse der restlichen Welt als profane Geschichte zu betrachten, ist für einen guten Teil der Verwirrung verantwortlich, die im menschlichen Gemüt hinsichtlich der Interpretation der Geschichte herrscht. Und diese Schwierigkeit entsteht, weil es keine weltliche Geschichte der Juden gibt. Nachdem die Priester im babylonischen Exil ihre neue Version vom angeblich mirakulösen Umgang Gottes mit den Hebräern fertig gestellt hatten - die heilige Geschichte Israels, wie sie im Alten Testament dargestellt wird - zerstörten sie die existierenden Berichte über die hebräischen Angelegenheiten sorgfältig und vollständig - Bücher wie „Die Taten der Könige Israels“ und „Die Taten der Könige Judas“ nebst mehreren anderen mehr oder weniger genauen Beschreibungen der hebräischen Geschichte.

Um zu verstehen, wie es kam, dass der von der weltlichen Geschichte ausgehende zerstörerische Druck und unentrinnbare Zwang die gefangenen und von Fremden regierten Juden derart terrorisieren konnten, dass sie eine vollständige Neuschreibung und Neufassung ihrer Geschichte versuchten, sollten wir rasch durch die Stationen ihrer erstaunlichen nationalen Erfahrung gehen. Es muss daran erinnert werden, dass es den Juden nicht gelang, eine angemessene nichttheologische Lebensphilosophie zu entwickeln. Sie schlugen sich mit ihrem ursprünglichen ägyptischen Konzept göttlicher Belohnungen für Rechtschaffenheit, verbunden mit grässlichen Strafen für Sünde, herum. Hiobs Drama war so etwas wie ein Protest gegen diese irrige Philosophie. Der unverhohlene Pessimismus des Predigers Salomo war damals eine nützliche weltliche Reaktion auf diesen übertrieben optimistischen Glauben an die Vorsehung.

Kohelet, der Prediger Salomos, erkannte die Bedeutungslosigkeit der Welt des Egos, aber er kannte keinen Weg zur Erlösung, weil er die Botschaft Jesus nicht kannte. Kohelet verstand, dass alles "Windhauch" ist, also bedeutungslos, weil vergänglich, aber als praktische Konsequenz empfiehlt er am Ende seiner Botschaft, sich eben diesem Windhauch zuzuwenden: ”Also: Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel. Trag jederzeit frische Kleider und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt!” Damals eine verständliche Reaktion, aber an sich eine metaphysische Bankrotterklärung. Es ist die Stimme des Egos, die uns dazu einlädt, die Illusion der Trennung von GOTT erträglich zu gestalten, um sie aufrechtzuerhalten. Es ist der Versuch, aus Windhauch das Beste zu machen. Die Zeit hat an dieser zentralen Strategie des Egos nichts geändert - wir lassen uns immer noch dazu verführen.

Das Ego flüstert uns zu:
“Das Ende des Lebens kommt unweigerlich, auf welche Weise jenes Leben immer zugebracht wird. Vergnüge dich denn mit dem Schnellvergänglichen und Flüchtigen.”
(EKIW: Kapitel 27, I. 7. 7.&8.)

“Dies sind keine Sünden, sondern Zeugnisse für den merkwürdigen Glauben, dass Sünde und Tod wirklich sind und Unschuld und Sünde auf die gleiche Weise mit dem Grabe enden werden. Wenn das wahr wäre, gäbe es einen Grund, sich damit zu begnügen, nach flüchtigen Freuden zu suchen und kleine Vergnügungen zu schätzen, wo immer man kann. Der Körper aber wird in diesem Bild nicht als neutral und ohne Ziel begriffen, das ihm selber innewohnt. Denn er wird zum Symbol des Vorwurfs, zum Zeichen der Schuld, deren Folgen nach wie vor zu sehen sind, so dass die Ursache nie geleugnet werden kann.”
(EKIW: Kapitel 27, I. 8.)

Fünfhundert Jahre fremder Oberherrschaft waren selbst für die geduldigen und langmütigen Juden zu viel. Die Propheten und Priester begannen auszurufen: „Wie lange, oh Herr, wie lange noch?“ Wenn ein ehrlicher Jude die Schriften durchforschte, wurde seine Verwirrung nur noch schlimmer. Ein alter Seher hatte versprochen, dass Gott sein „auserwähltes Volk“ beschützen und befreien werde. Amos hatte gedroht, dass Gott Israel verlassen werde, wenn es nicht zu seinen Kriterien nationaler Rechtschaffenheit zurückkehre. Der Verfasser des Deuteronomiums hatte das Bild der Großen Wahl entworfen - zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch. Der erste Jesaja hatte einen wohltätigen Befreier-König gepredigt. Jeremia hatte eine Ära innerer Rechtschaffenheit verkündet - den auf die Tafeln des Herzens geschriebenen Bund. Der zweite Jesaja sprach vom Heil durch Opfer und Erlösung. Hesekiel verkündete Befreiung durch hingebungsvollen Dienst, und Esra versprach Wohlstand durch Gesetzestreue. Aber trotz alledem schmachteten sie weiter in Sklaverei, und die Befreiung schob sich hinaus. Da entrollte Daniel sein Drama von der unmittelbar bevorstehenden „Krise“ - die Zerschmetterung der großen Statue und unverzügliche Errichtung der ewigen Herrschaft der Rechtschaffenheit, des messianischen Königreichs.

Und all diese falschen Hoffnungen führten zu einem derartigen Grad völkischer Enttäuschung und Frustration, dass die Führer der Juden in ihrer großen Verwirrung die Sendung und das Wirken eines göttlichen Sohnes verkannten und zurückwiesen, als dieser in Menschengestalt auf sie zukam.

Alle modernen Religionen haben beim Versuch, gewisse Epochen der menschlichen Geschichte auf mirakulöse Weise zu deuten, grobe Fehler begangen. Die Verfasser des Neuen Testamentes und spätere christliche Schriftsteller haben die Verdrehung der hebräischen Geschichte durch ihre gut gemeinten Versuche, die jüdischen Propheten ins Transzendente zu deuten, nur noch kompliziert. So ist die hebräische Geschichte sowohl durch jüdische wie christliche Autoren auf verheerende Weise ausgebeutet worden. Die weltliche hebräische Geschichte ist vollständig dogmatisiert worden. Sie ist in eine Fiktion heiliger Geschichte übergeführt und unentwirrbar mit den sittlichen Konzepten und religiösen Lehren der so genannten christlichen Nationen verknüpft worden.

Obwohl die hebräische Theologie sich einer Erweiterung verwehrte, spielte sie eine wichtige Rolle in der Entwicklung zweier anderer Weltreligionen - nicht nur des Christentums, sondern auch des Islams. Von den sogenannten Weltreligionen haben das Judentum und der Islam die meisten Gemeinsamkeiten. Beide Religionen sind monotheistisch und glauben an einen strafenden Gott, beide gehen auf den Stammvater Abraham zurück, die Grundlage ihres Glaubens ist eine heilige Schrift, der Koran im Islam und die Thora (Tanach) im Judentum, beide Schriften beziehen sich auf die Zehn Gebote des Moses, auch wenn sie im Koran in etwas abgewandelter Form erscheinen, beide erkennen Jesus als Propheten oder zumindest teilweise als Rabbi an, beide Religionen haben strenge Speise-, Bekleidungs- und Reinheitsvorschriften, in beiden Religionen haben Frauen keine religiöse Deutungshoheit, und beide Religionen verwenden den gleichen Gruß, Salam im Islam und Schalom im Judentum, was jeweils Frieden und Heil bedeutet. Und gerade die Vertreter dieser beiden Religionsgemeinschaften stehen sich seit Jahrhunderten als erbitterte Feinde gegenüber. Das zeigt wunderbar, wie das Ego-Denksystem funktioniert. Die eigenen unerlösten Themen werden nach außen projiziert und dort verurteilt und angegriffen.

“Du siehst seine [des Bruders] Verrücktheit, die du hasst, weil du sie teilst.”
(Kapitel 19, IV. D. 12. 5.)

“Du hasst deinen Bruder nie um seiner Sünden, sondern nur um deiner eigenen willen. Welche Form seine Sünden auch anzunehmen scheinen, sie verschleiert nur die Tatsache, dass du glaubst, sie seien deine und verdienten deshalb den gerechten Angriff.”
(EKIW: Kapitel 31, III. 1. 5.-6.)

Aus aktuellem Anlass erscheint es mir wichtig, auf Folgendes hinzuweisen: Es ist wichtig, die “Gesetze” des Chaos ans Licht zu bringen und zu verstehen, wozu sie da sind. Es sind die Gesetze, die die vom Ego gemachte Welt beherrschen. Und dennoch herrschen sie über nichts und sind bedeutungslos. Sie brauchen nicht gebrochen, sondern nur betrachtet und überschritten werden. Wenn wir jedoch glauben, im Nahen Osten tatsächlich Hass und Konflikt zu sehen, dann ist es wichtig, uns daran zu erinnern, dass es in Wahrheit keinen Konflikt im Nahen Osten gibt. Es gibt nur einen Konflikt in unserem eigenen gespaltenen Geist, den wir im Nahen Osten zu sehen glauben. Jesus weist uns im Kurs ganz klar darauf hin, dass wir uns nie über eine Tatsache ärgern können. Es ist immer eine Deutung, die negative Gefühle aufkommen lässt, ungeachtet ihrer anscheinenden Rechtfertigung durch das, was als Tatsachen erscheint. Wenn wir also glauben, im Nahen Osten Hass zu erblicken, dann ist es der Hass in unserem eigenen gespaltenen Geist. Alles Böse, das wir im Nahen Osten zu sehen glauben, ist der Konflikt und der Mangel an Liebe in unserem eigenen Geist.

“Die Wahrnehmung ist ein Spiegel, keine Tatsache.
Und das, worauf ich schaue, ist mein Geisteszustand,
der sich außen spiegelt.”
(EKIW: Lektion 304, 1. 3.&4.)

Wir können uns also ganz konkret fragen: Wo habe ich Schwierigkeiten im Zusammenleben mit anderen Menschen auf engem Raum? Wo sind meine Konflikte im Zusammenleben mit Menschen, die den gleichen Lebensraum wie ich als ihr Zuhause betrachten? Wo sind meine ganz konkreten Schwierigkeiten mit Menschen aus anderen Kulturen? Und die zentralen Fragen dahinter lauten: Welchen inneren Konflikt projiziere ich dabei nach außen? Warum schaue ich weiterhin durch die Augen der Angst auf die Welt und bringe so meinem Geist die Zeugnisse des Schreckens? Es ist keine Liebe in der Angst, also warum halte ich weiter daran fest? Warum halte ich weiterhin die Welt der Schatten für die Wirklichkeit?

Platons Höhlengleichnis

Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es stammt von Platon, der es von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt. Obwohl Platon ohne Zweifel ein großer Denker war, wusste er nicht, woher die Schatten kamen. Doch er beschreibt mit seinem Gleichnis - richtig interpretiert - wunderbar den Weg des spirituellen Erwachens, das Erwachen zu jenem Wahrnehmungszustand, den Jesus im Kurs die wirkliche Welt nennt. Jesus verwendete Platons Höhlengleichnis schon vor zweitausend Jahren, und auch ein Teil der Symbolik findet sich im Kurs wieder. Dort erklärt Jesus genau, was unter dem Begriff “wirkliche Welt“ zu verstehen ist.

Die wirkliche Welt ist ein Symbol, wie alles übrige, was die Wahrnehmung anbietet. Doch steht sie für das, was dem entgegengesetzt ist, was wir gemacht haben. Unsere Welt wird durch die Augen der Angst gesehen und bringt unserem Geist die Zeugnisse des Schreckens. Die wirkliche Welt kann nicht wahrgenommen werden außer mit Augen, die die Vergebung segnet, so dass sie eine Welt erblicken, wo Angst und Schrecken unmöglich sind und keine Zeugnisse der Angst gefunden werden können.

Die wirkliche Welt ist das Symbol dafür, dass der Traum von Sünde und von Schuld vorbei ist und dass GOTTES SOHN nicht länger schläft, d.h. nicht mehr in der Höhle gefangen ist. Seine erwachenden Augen nehmen die deutliche Widerspiegelung von seines VATERS LIEBE wahr, das sichere Versprechen, dass er erlöst ist. Die wirkliche Welt bedeutet das Ende der Zeit, denn ihre Wahrnehmung macht die Zeit zwecklos.

Der HEILIGE GEIST braucht die Zeit nicht mehr, wenn sie SEINEM Zweck gedient hat. Jetzt wartet ER nur noch jenen einen Augenblick, da GOTT SEINEN letzten Schritt tut, dann ist die Zeit verschwunden und hat die Wahrnehmung im Gehen mitgenommen und nichts zurückgelassen als die Wahrheit, damit sie sie selbst sei. Jener Augenblick ist unser Ziel, denn er enthält die Erinnerung an GOTT. Und während wir auf eine Welt schauen, der vergeben ist, ist ER es, DER uns ruft und kommt, um uns heimzuholen, indem ER uns an unsere IDENTITÄT erinnert, DIE unsere Vergebung uns zurückerstattet hat.

“Ich bin nicht das Opfer der Welt, die ich sehe.
Wie kann ich das Opfer einer Welt sein, die völlig aufgehoben werden kann, sobald ich mich dafür entscheide? Meine Ketten sind gelöst. Ich kann sie fallen lassen, einfach dadurch, dass ich danach verlange. Das Tor des Gefängnisses steht offen. Ich kann es verlassen, indem ich einfach hinausgehe. Nichts hält mich in dieser Welt. Nur mein Wunsch, zu bleiben, hält mich gefangen. Ich möchte meine wahnsinnigen Wünsche aufgeben und endlich an das Licht der Sonne treten.”
(EKIW: Lektion 57, 1(31))

“Und im Sonnenlicht wirst du stehen, in Stille, in Unschuld und gänzlich ohne Angst. Und von dir wird die Ruhe, die du fandest, sich ausdehnen, sodass dein Frieden niemals wegfallen und dich obdachlos lassen kann. Diejenigen, die allen Frieden schenken, haben eine Wohnstatt im HIMMEL gefunden, die die Welt nicht zerstören kann. Denn sie ist groß genug, um die Welt in ihrem Frieden zu enthalten.”
(EKIW: Kapitel 25, IV. 4. 7.-10.)

Bild

In der Höhle leben Menschen, die dort ihr ganzes Leben als Gefangene verbracht haben. Sie sind sitzend an Schenkeln und Nacken so festgebunden, dass sie immer nur nach vorn auf die Höhlenwand blicken und ihre Köpfe nicht drehen können. Daher können sie den Ausgang, der sich hinter ihren Rücken befindet, nie erblicken und von seiner Existenz nichts wissen. Auch sich selbst und die anderen Gefangenen können sie nicht sehen; das Einzige, was sie je zu Gesicht bekommen, ist die Wand, der sie zugedreht sind. Erhellt wird ihre Behausung von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Die Gefangenen sehen nur dieses Licht, das die Wand beleuchtet, nicht aber dessen Quelle. Auf der Wand sehen sie Schatten.

Da die bewegten Gegenstände auf die Höhlenwand, der die Gefangenen zugewendet sind, Schatten werfen, können die Höhlenbewohner die bewegten Formen schattenhaft wahrnehmen. Wenn jemand spricht, hallt das Echo von der Höhlenwand so zurück, als ob die Schatten sprächen. Daher meinen die Gefangenen, die Schatten könnten sprechen. Sie betrachten die Schatten als Lebewesen und deuten alles, was geschieht, als deren Handlungen. Das, was sich auf der Wand abspielt, ist für sie die gesamte Wirklichkeit und schlechthin wahr. Sie entwickeln eine Wissenschaft von den Schatten und versuchen, in deren Auftreten und Bewegungen Gesetzmäßigkeiten festzustellen und daraus Prognosen abzuleiten.

Würde einer der Gefangenen losgebunden und genötigt werden, aufzustehen, sich umzudrehen, zum Ausgang zu schauen und sich den Gegenständen selbst, deren Schatten er bisher beobachtet hat, zuzuwenden. Diese Person wäre schmerzhaft vom Licht geblendet und verwirrt. Sie hielten die nun in ihr Blickfeld gekommenen Dinge für weniger real als die ihr vertrauten Schatten. Daher hätte sie das Bedürfnis, wieder ihre gewohnte Position einzunehmen, denn sie wäre überzeugt, nur an der Höhlenwand sei die Wirklichkeit zu finden. Gegenteiligen Belehrungen eines wohlgesinnten Befreiers würde sie keinen Glauben schenken.

“Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, und das Licht des hellen Tages erscheint den Augen schmerzhaft, die seit langem an die verschwommenen Wirkungen gewöhnt sind, die im Zwielicht wahrgenommen werden. Und sie wenden sich vom Sonnenlicht und von der Klarheit ab, die es dem bringt, worauf sie schauen. Halbdunkel scheint besser zu sein, leichter zu sehen und besser zu erkennen. Irgendwie erscheint das Vage und Verschleiertere leichter anzusehen und weniger schmerzhaft für die Augen als das, was gänzlich klar und unzweideutig ist. Doch das ist es nicht, wofür die Augen da sind, und wer kann sagen, dass er die Dunkelheit vorzieht, und dennoch behaupten, er wolle sehen?”
(EKIW: Kapitel 25, VI. 2.)

“Gefangene, die jahrelang in schweren Ketten lagen, hungernd und ausgezehrt, schwach und erschöpft, und deren Augen so lange in der Dunkelheit gesenkt gewesen sind, dass sie sich nicht ans Licht erinnern, springen nicht voll Freude auf im Augenblick, in dem sie freigelassen werden. Es dauert eine Weile, bis sie verstehen, was Freiheit ist.”
(EKIW: Kapitel 20, III. 9. 1.-2.)

Wenn man einen Befreiten mit Gewalt aus der Höhle schleppte, würde er sich dagegen sträuben und wäre noch verwirrter, denn er wäre vom Glanz des Sonnenlichts geblendet und könnte daher zunächst gar nichts sehen. Langsam müsste er sich an den Anblick des Neuen gewöhnen, wobei er erst Schatten, dann Spiegelbilder im Wasser und schließlich die Menschen und Dinge selbst erkennen könnte. Nach diesen Erlebnissen und Einsichten hätte er keinerlei Bedürfnis mehr, in die Höhle zurückzukehren, um sich mit der dortigen Schattenwissenschaft zu befassen.

Sollte er dennoch an seinen alten Platz zurückkehren, so müsste er sich erst wieder langsam an die Finsternis der Höhle gewöhnen. Daher würde er einige Zeit bei der dort üblichen Begutachtung der Schatten schlecht abschneiden. Das Leben von Eckhart Tolle ist ein wunderbares Beispiel für diese Situation. Er verbrachte die ersten zwei Jahre nach seinem spontanen Erwachen bei Freunden oder in buddhistischen Klöstern und übernachtete ohne Obdach in einem Park im Norden von London auf einer Bank. Das aber in einem total glücklichen Zustand. Seine Familie hielt ihn für „unverantwortlich, gar von Sinnen“. Erst viel später begannen die Menschen in seinem Umfeld, Tolle's Glückszustand zu spüren und ihn nach seinen Überzeugungen zu fragen. Und so wurde aus Eckhart Tolle ein spiritueller Lehrer.

Auch das Höhlengleichnis beschreibt, dass die Höhlenbewohner das innere Glück des Zurückgekehrten nicht erkennen könnten und so würden sie daraus folgern, er habe sich oben die Augen verdorben. Sie würden ihn auslachen und meinen, es könne sich offenbar nicht lohnen, die Höhle auch nur versuchsweise zu verlassen. Wenn jemand versuchte, sie zu befreien und nach oben zu führen, würden sie ihn umbringen, wenn sie könnten.

Die Feststellung, dass die Höhlenbewohner einen Befreier am liebsten umbrächten, ist eine Anspielung auf das Ende des Sokrates, der im Jahr 399 v. Chr. wegen seines unerwünschten Einflusses auf die Jugend zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Auch Jesus wurde etwa vierhundert Jahre nach der Erzählung dieses Gleichnisses zum Tode verurteilt und hingerichtet, weil er die frohe Botschaft vom Licht verkündet hatte.

Was bedeutet das Höhlengleichnis nun für uns als Lehrer GOTTES?

“Das, was du also brauchst, sind Zeitspannen an jedem Tag, in denen das Lernen der Welt zu einer vorübergehenden Phase wird, einem Gefängnis, aus dem du in das Licht der Sonne trittst und die Dunkelheit vergisst. Hier verstehst du das WORT, den NAMEN, den GOTT dir gab, die eine IDENTITÄT, in die sich alle Dinge teilen, die eine Anerkennung dessen, was wahr ist. Und dann tritt in die Dunkelheit zurück, nicht weil du sie für wirklich hältst, sondern nur, um ihre Unwirklichkeit in Begriffen zu verkünden, die in der Welt, die von der Dunkelheit beherrscht wird, noch immer von Bedeutung sind.”
(EKIW: Lektion 184, 10.)

Die christliche Religion

Das Christentum wurde in der Levante und im Abendland durch die Jünger Jesu verbreitet, und ihr missionarischer Eifer kam dem ihrer illustren Vorgänger, der Sethiter und Salemiten, und dem ihrer ernsten asiatischen Zeitgenossen, der buddhistischen Lehrer, gleich.

Die christliche Religion als Glaubenssystem entstand aus der Vermengung folgender Lehren, Einflüsse, Glaubensvorstellungen, Kulte und individueller persönlicher Haltungen:
  1. Die Lehren Melchisedeks. Sie bilden den Grundfaktor aller Religionen von Okzident und Orient, die in den letzten viertausend Jahren entstanden sind.

  2. Das hebräische System der Sittlichkeit, Ethik, Theologie und des Glaubens an die Vorsehung sowie an den höchsten Jahve.

  3. Die zoroastrische Auffassung vom Kampf zwischen dem kosmischen Guten und Bösen, die ihren Stempel bereits dem Judaismus und dem Mithraismus aufgedrückt hatte. Durch den lang währenden Kontakt, den die Kämpfe zwischen Mithraismus und Christentum mit sich brachten, wurden die Lehren des iranischen Propheten zu einem mächtigen und bestimmenden Faktor in der theologischen und philosophischen Art und Bauweise der Dogmen, Lehrsätze und der Kosmologie der hellenisierten und latinisierten Versionen von Jesu Lehren.

  4. Die Mysterienkulte, insbesondere der Mithraismus, aber auch die Verehrung der Großen Mutter im phrygischen Kult. Selbst auf die Legenden über Jesu Geburt färbte die römische Version von der wunderbaren Geburt des iranischen Retters und Helden Mithras ab, bei dessen Ankunft auf Erden nur eine Handvoll Hirten zugegen waren, die Geschenke darbrachten und denen Engel das unmittelbar bevorstehende Ereignis bekannt gegeben hatten.

  5. Die historische Tatsache des menschlichen Lebens Josua ben Josephs, die Realität Jesu von Nazareth als des verherrlichten Christus, des Sohnes Gottes.

  6. Der persönliche Gesichtspunkt von Paulus von Tarsus. Und es sollte daran erinnert werden, dass während seiner Adoleszenz die dominierende Religion von Tarsus der Mithraismus war. Paulus hätte sich nie träumen lassen, dass seine in guter Absicht verfassten Briefe an seine Bekehrten eines Tages von späteren Christen als „Wort Gottes“ betrachtet würden. Man darf solche wohlmeinenden Lehrer nicht für den Gebrauch verantwortlich machen, den spätere Nachfolger von ihren Schriften machen.

  7. Das philosophische Denken der hellenistischen Völker, von Alexandrien und Antiochien über Griechenland bis nach Syrakus und Rom. Die Philosophie der Griechen stand mehr in Harmonie mit der paulinischen Version des Christentums als mit jedem anderen der damaligen religiösen Systeme und wurde zu einem wichtigen Faktor des Erfolges des Christentums im Abendland. Immer noch bildet die griechische Philosophie im Verein mit der Theologie des Paulus die Grundlage der europäischen Ethik.
Während die ursprünglichen Lehren Jesu im Abendland eindrangen, wurden sie verwestlicht, und mit ihrer Verwestlichung begannen sie, ihre potentiell universale Anziehungskraft auf alle Völker und Arten von Menschen einzubüßen. Das heutige Christentum ist zu einer Religion geworden, die den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sitten der westlichen Welt gut angepasst ist. Es hat seit langem aufgehört, Jesu Religion zu sein, obwohl es Einzelnen, die aufrichtig seiner Unterweisung nachzuleben trachten, immer noch mutig eine schöne Religion über Jesus bietet. Es hat Jesus als den Christus, den messianischen Gesalbten Gottes verherrlicht, aber es hat weitgehend des Meisters Evangelium vergessen.

“Ein weiterer Punkt muss völlig klar sein, bevor der letzte Rest von Angst, die immer noch mit Wundern assoziiert wird, verschwinden kann. Nicht die Kreuzigung begründete die SÜHNE, sondern die Auferstehung. Viele aufrichtige Christen haben dies missverstanden. Niemand, der vom Glauben an Mangel frei ist, könnte diesen Fehler überhaupt begehen. Betrachtet man die Kreuzigung in einer Sichtweise, die auf dem Kopf steht, so erscheint es tatsächlich so, als hätte GOTT erlaubt, dass einer SEINER SÖHNE leidet, weil er gut war, und als hätte ER ihn sogar dazu ermutigt. Diese besonders unglückselige Deutung, die aus der Projektion entstand, hat dazu geführt, dass viele Menschen bitterliche Angst vor GOTT haben. Solch antireligiöse Vorstellungen gehen in viele Religionen ein. Der wirkliche Christ aber sollte innehalten und fragen: »Wie ist das möglich?« Ist es denn anzunehmen, dass GOTT SELBST einer Art von Denken fähig wäre, das SEINE EIGENEN Worte klar als SEINES SOHNES unwürdig bezeichnet haben?”
(EKIW: Kapitel 3, I. 1.)

Natürlich ist es völlig wahnsinnig, an einen allmächtigen Gott zu glauben, der die Kreuzigung seines eigenen geliebten Sohnes braucht, um vergeben zu können. Doch wenn wir nun versucht sind, über das traditionelle Christentum die Nase zu rümpfen oder uns darüber lustig zu machen, sollten wir daran denken, dass nicht das Christentum das Problem ist, sondern das Denksystem des Egos, von dem wir selbst noch nicht befreit sind. Schuld, Opfer und Strafe sind zentrale Eckpfeiler des Ego-Denksystems, unabhängig davon, ob wir Christen oder Atheisten sind. Und beispielsweise die Vorstellung, GOTT könnte in unser Leben eingreifen und etwas tun, was wir nicht wollen, ist Ausdruck unserer Angst vor Wundern, ist Ausdruck unserer Angst vor GOTT und damit Ausdruck unserer Vorstellung von einem strafenden GOTT. Diese Irrtümer in unserem Geist bedürfen der Berichtigung.

Amerikanische Kurs Lehrer sind immer wieder überrascht, wie schwer sich die Menschen in Europa, vor allem in den deutschsprachigen Ländern, mit den christlichen Begriffen tun und wie schwer es ihnen fällt, von Jesus oder Gott zu sprechen. Das hat seine Gründe. In den modernen Industrienationen Europas, in denen sich die meisten Menschen von den kirchlichen, vor allem von den römisch-katholischen Glaubensvorstellungen befreit haben, tun sich diese Menschen nun besonders schwer mit den christlichen Begriffen in Ein Kurs in Wundern. Zweitausend Jahre Kirchengeschichte mit all den Gräueltaten der Vergangenheit und den sexuellen Missbrauchsfällen der Gegenwart sind eine tiefrote Spur im kollektiven Bewusstsein der Europäer.

Die Aussage „Zustände wie im alten Rom“ verweisen auf die Zustände der römischen Kirche vergangener Zeiten. Das christliche Fälschungswesen, der Wunder- und Reliquienschwindel, die Wallfahrtswirtschaft, die Verdummung und der Ruin der antiken Bildung durch die Kirche, die christliche Büchervernichtung, die innige Verfilzung weltlicher und kirchlicher Macht, die doppelzüngige Soziallehre und die tatsächliche Sozialpolitik der Großkirche sind im Bewusstsein vieler Menschen noch nicht vergeben.

Die Konstantinische Schenkung ist wahrscheinlich die größte Urkundenfälschung der Weltgeschichte. Dann gab es da noch die Kreuzzüge in alle Himmelsrichtungen, die Kreuzzüge von Christen gegen Christen, die Vernichtung der Templer, die Ausrottung der Heiden im Nordosten, das christliche Judenmorden und nicht zuletzt die totalitäre Inquisition. Dem folgten die Hexenverfolgung, das Abendländische Schisma (Glaubensspaltung innerhalb der lateinischen Kirche mit konkurrierenden Papstansprüchen in Rom und Avignon von 1378 bis 1417), die Renaissance-Päpste, der Kampf gegen die innerchristliche Opposition (Wycliff, Hus und das Konzil von Konstanz, Luther und der Bauernkrieg).

Und auch heute ist offensichtlich, dass es in Rom um persönliche Interessen und nicht um den Willen Gottes geht. Zwar beten die Kardinäle beim Konklave um den Beistand und die Führung des Heiligen Geistes, damit die Papstwahl kein politischer Machtkampf, sondern ein geistlicher Prozess des Hörens auf Gottes Willen ist. Würden sie tatsächlich auf seine Stimme hören, bräuchte es nur einen einzigen Wahlgang, denn der Wille des Heiligen Geistes ist nicht gespalten.

Moderne, an Spiritualität interessierte Menschen in Europa begeistern sich daher eher für Quantenphysik, Neo-Advaita-Vedanta, Schamanismus, Engeln und selbst mit Maria Magdalena haben sie kein Problem, aber mit Jesus und Gott tun sie sich schwer.

Es ist daher nicht überraschend, dass Ein Kurs in Wundern in Amerika und nicht in Europa offenbart wurde. In den USA gab es mit der von Mary Baker Eddy gegründeten Christian Science Church bereits eine wunderbare Basis für die Botschaft des Kurses. Zur Zeit seiner Geburt und frühen Kindheit waren die Eltern von Bill Thetford, der viele Jahre später maßgeblich an der Veröffentlichung des Kurses beteiligt war, Mitglieder der Christian Science Church.

Die Kirche als soziale Einrichtung

Die Kirche als soziale Folgeerscheinung des Königreichs Gottes wäre völlig natürlich und sogar wünschenswert gewesen. Das Schlimme an der Kirche war nicht ihre Existenz, sondern vielmehr, dass sie Jesu Vorstellung vom Königreich fast vollständig verdrängte. Die institutionalisierte Kirche des Paulus wurde praktisch zum Ersatz für das Königreich des Himmels, das Jesus verkündet hatte.

Das Königreich, wie Jesus es lehrte, das geistige Ideal individueller Rechtschaffenheit und die Vorstellung von der göttlichen Gemeinschaft des Menschen mit Gott ging allmählich in der mystischen Vorstellung von Jesu Person als dem Erlöser-Schöpfer und geistigen Haupt einer sozialisierten, religiösen Gemeinschaft unter. Auf diese Weise wurde eine offizielle und institutionelle Kirche zum Ersatz für die individuell durch den Geist gelenkte Bruderschaft des Königreichs.

Und so hat die christliche Kirche jahrhundertelang unter großer Behinderung gelitten, weil sie es gewagt hatte, jene geheimnisvollen Kräfte und Privilegien des Königreichs für sich zu beanspruchen, Kräfte und Privilegien, die nur zwischen Jesus und seinen gläubigen Brüdern im Geiste ausgeübt und erfahren werden können.

Gerade weil Jesu Evangelium so vielschichtig war, spalteten sich innerhalb weniger Jahrhunderte die Exegeten der Aufzeichnungen seiner Lehren in so viele Kulte und Sekten. Diese erbärmliche Unterteilung der christlichen Gläubigen resultiert aus dem Unvermögen, in des Meisters vielfältigen Lehren die göttliche Einheit seines unvergleichlichen Lebens zu erkennen.

Doch täuschen wir uns nicht! In Jesu Lehren wohnt eine ewige Natur, die ihnen nicht erlaubt, in den Herzen der denkenden Menschen auf immer unfruchtbar zu bleiben. Das Königreich, wie Jesus es entwarf, hat auf Erden weitgehend fehlgeschlagen; einstweilen hat eine vordergründige Kirche seinen Platz eingenommen; aber es gilt zu begreifen, dass diese Kirche nur ein Larvenstadium des verhinderten geistigen Königreichs ist und dieses durch das materielle Zeitalter hindurch in eine geistigere Dispensation tragen wird, wo die Lehren des Meisters sich günstigerer Entwicklungsbedingungen erfreuen werden. So wird die so genannte christliche Kirche zum Kokon, in dem das Königreich nach Jesu Vorstellung jetzt schlummert. Das Königreich der geistigen Bruderschaft ist immer noch lebendig und wird schließlich und sicher aus seiner langen Versenkung auftauchen, ebenso sicher, wie der Schmetterling letzten Endes prächtig entfaltet aus dem unscheinbareren Geschöpf metamorphischer Entwicklung hervorgeht.

Ein Beispiel für diese Entwicklung

In der Bibel ist Folgendes zu lesen:
"Da ging Jesus mit ihnen. Als er nicht mehr weit von dem Haus entfernt war, schickte der Hauptmann Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemüh dich nicht! Denn ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst."
(Bibel EÜ, Lukas 7,6)

Das Wort des Hauptmanns von Karfarnaum an Jesus ist ein Gebet geworden. Es wird in der Messe vor dem Austeilen der Kommunion gebetet: "Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Jesus korrigiert diesen Irrtum im Kurs. Lektion 186 stellt einen besonders deutlichen Hinweis dar.

"Die Erlösung der Welt hängt von mir ab.
Hier ist der Satz, der eines Tages jede Arroganz von jedem Geiste nehmen wird. Hier ist der Gedanke wahrer Demut, die keine andere Funktion als die, die dir gegeben wurde, als deine nimmt. In ihm wird angeboten, dass du den Teil annehmest, der dir zugewiesen wurde, ohne auf einer anderen Rolle zu bestehen. [...]
Das Einzige, was von uns verlangt wird, ist, unseren Teil in aufrichtiger Demut anzunehmen und nicht mit selbstbetrügerischer Arroganz zu verleugnen, dass wir würdig sind. [...]"
(EKIW: Lektion 186)

Bibel

Die Bibel, als die Heilige Schrift bezeichnet, ist die wichtigste religiöse Textsammlung im Christentum sowie im Judentum (ausgenommen Neues Testament). Die Bezeichnung Bibel leitet sich dabei von dem altgriechischem Wort biblia ab, welches übersetzt Bücher bedeutet - die Bibel besteht nämlich nicht nur aus einem Buch, sondern aus einer ganzen Bibliothek, denn sie enthält bis zu 73 Bücher. Die Bibel beinhaltet Geschichten, Erfahrungen und Briefe, von denen vieles zunächst mündlich überliefert und erst später schriftlich festgehalten wurde. Die Bibel ist das am häufigsten gedruckte und publizierte und in die meisten Sprachen übersetzte schriftliche Werk der Welt.

Das Alte Testament wurde in hebräischer und teilweise in aramäischer Sprache verfasst, das Neue Testament in altgriechischer Sprache. Die Originalhandschriften existieren heute nicht mehr, stattdessen wird auf Abschriften der Originalschriften zurückgegriffen. Das ist auch der Grund, warum es heute so viele verschiedene Bibelübersetzungen gibt. Die sogenannte "Red Letter Bible" wird vor allem von protestantischen Christen in den USA bevorzugt. In einer "Red Letter Bible" sind die Worte Jesu rot gedruckt. Inzwischen gibt es auch deutschsprachige Versionen. Ich bin ein großer Fan der Neuen Leben Bibel, einer kommunikativen Bibelübersetzung.

Der Kanon der Bibel ist jene Liste von Schriften, die das Judentum und das Christentum als Bestandteile ihrer Bibel festgelegt (kanonisiert) und so zum Maßstab (Kanon) ihres Glaubens und ihrer Lebensgestaltung gemacht haben. Apokryphen (altgriechisch apokryphos, deutsch ‚verborgen, dunkel‘) sind religiöse Schriften jüdischer bzw. christlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden. Unter ihnen befindet sich leider auch der wohl wertvollste Text, nämlich das Thomasevangelium. Es zeugt von einem viel tieferen Verständnis der Lehre Jesu als dies in allen anderen Evangelien der Fall ist. Aber selbst in diesem Evangelium stammen von den 114 Aussagen (Logion 1- 114) nicht einmal ganz zwei Drittel tatsächlich von Jesus oder sind zumindest einigermaßen genau. Die anderen sind gefälscht.

Thomasevangelium Download

Die Bibel uneingeschränkt als “Wort Gottes“ zu bezeichnen, ist absurd. Sie besteht aus einer Vielzahl von Büchern, die zu unterschiedlichsten Zeiten von unterschiedlichen Menschen mit völlig unterschiedlichem Verständnis geschrieben wurden.

Das wiederkehrende Motiv des Bruderzwists im Alten Testament spiegelt den Wahnsinn des Ego-Denksystems wider, insbesondere die besondere Beziehung. Die Erzählungen beginnen in der Urgeschichte mit dem ersten Brudermord aus Neid (Kain und Abel) und ziehen sich durch die Epoche der Erzväter, in der Bevorzugung, Erbstreitigkeiten und Betrug die Familien spalten (Ismael/Isaak, Jakob/Esau sowie Josef und seine Brüder). In den Büchern der Richter und Könige eskalieren diese Konflikte schließlich zu blutigen Machtkämpfen um die Thronfolge (Abimelech, Davids Söhne). Beispiele für radikale Vergebung finden sich dort nur wenige.

Eigentlich sollte uns das Neue Testament mit der frohen Botschaft Jesu vertraut machen. Es enthält jedoch nur sehr wenig von dieser Botschaft. Es verliert sich vielmehr in der Beschreibung des Geschehens aus der Sicht des Egos und in einer Vielzahl von Briefen. So ist auch das Christentum eine Religion über Jesus statt von Jesus.

Das Neue Testament enthält auch nicht die tatsächlichen Worte Jesu. Was Jesus zu seiner Zeit gesagt hat, wurde damals nicht schriftlich festgehalten, sondern erst Jahrzehnte später aufgeschrieben. Es wurde auch nicht in der Sprache Jesu verfasst und dann noch mehrfach übersetzt.

Die Lebensgeschichten Jesu, die später als Evangelien bezeichnet wurden, wurden erst nach den paulinischen Briefen aufgeschrieben. In der Bibel stehen die Evangelien allerdings vor diesen Briefen. Paulus, der Jesus nie persönlich begegnet war, schrieb einige Briefe an Freunde in anderen Gemeinden. Paulus hätte sich nie träumen lassen, dass seine in guter Absicht verfassten Briefe an seine Bekehrten eines Tages von späteren Christen als “Wort Gottes“ betrachtet würden. Man darf solche wohlmeinenden Lehrer nicht für den Gebrauch verantwortlich machen, den spätere Nachfolger von ihren Schriften machen.

Doch Jesus hat bereits vor zweitausend Jahren unmissverständlich auf die Wahrheit hingewiesen und seine zentralen Aussagen finden sich bis heute in der Bibel. Da fragt man sich, wie das über die Jahrtausende hinweg derart missverstanden werden konnte. Johannes 17 ist eines der bekanntesten Kapitel der Bibel und enthält “Das Gebet des scheidenden Jesus”. Es bildet den Höhepunkt seiner Abschiedsreden nach dem letzten Abendmahl, in denen er direkt zum himmlischen Vater spricht.

"Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus."
(Bibel EÜ, Johannes 17,3)

"Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin."
(Bibel EÜ, Johannes 17,16)

"Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast."
(Bibel EÜ, Johannes 17,21-23)

Es ist wichtig zu verstehen, warum Jesus in Gegenwart seiner Jünger laut zum VATER gebetet hat. Dies ist ein zentraler Punkt, der viele Missverständnisse späterer Generationen aufklärt. Die laut gesprochenen Gebete Jesu vermittelten seinen Zuhörern stets bestimmte Lehrinhalte. Sie dienten dazu, den Zuhörern die Inhalte bewusster zu machen, und waren weniger Ausdruck seiner eigenen Kommunikation mit dem VATER.

Mit der Bibel verhält es sich wie mit den Veden: In ihr finden sich einige der höchsten und einige der niedrigsten Gottesvorstellungen, die je ersonnen wurden. Neben zentralen Irrtümern finden wir in der Bibel aber auch vieles, was wir an Wahrhaftigen lernen können.

Jesus deutet einige bekannte Bibelstellen im Kurs neu:

“An die Stelle der durch Angst erzeugten Leere muss die Vergebung treten. Das ist es, was die Bibel mit dem Satz meint: »Es gibt keinen Tod« und weshalb ich aufzeigen konnte, dass der Tod nicht existiert. Ich bin gekommen, um das Gesetz zu erfüllen, indem ich es neu deutete.”
(EKIW: Kapitel 1, IV. 4. 1.-4.)

“Das Paradies oder der Zustand vor der Trennung war ein Geisteszustand, in dem nichts benötigt wurde. Als Adam auf die »Lügen der Schlange« hörte, war alles, was er hörte, Unwahrheit. Du brauchst nicht weiterhin zu glauben, was nicht wahr ist, es sei denn, du entscheidest dich dazu. Das alles kann buchstäblich plötzlich, in einem Augenblick verschwinden, weil es lediglich eine Fehlwahrnehmung ist. Was man in Träumen sieht, erscheint sehr wirklich. Indessen heißt es in der Bibel, dass ein tiefer Schlaf auf Adam fiel, und nirgends findet sich ein Hinweis auf sein Erwachen. Die Welt hat noch kein umfassendes Wiedererwachen oder eine umfassende Wiedergeburt erfahren. Eine solche Wiedergeburt ist unmöglich, solange du fortfährst, zu projizieren oder fehlzuerschaffen. Doch liegt es weiterhin in dir, dich auszudehnen, so wie GOTT SEINEN GEIST auf dich ausdehnte. In Wirklichkeit hast du nur diese eine Wahl, weil dir dein freier Wille zu deiner Freude, das Vollkommene zu erschaffen, gegeben wurde.”
(EKIW: Kapitel 2, I. 3.)

“Denke daran: Da, wo dein Herz ist, da ist auch dein Schatz. Du glaubst an das, was du schätzt. Wenn du dich fürchtest, schätzt du das Falsche. Dein Verständnis wird dann unausweichlich das Falsche schätzen, und weil du alle Gedanken mit gleicher Macht ausstattest, zerstörst du unweigerlich den Frieden. Deshalb spricht die Bibel vom »Frieden GOTTES, der höher ist als alle Vernunft«. Dieser Frieden ist durch Irrtümer irgendwelcher Art nicht zu erschüttern.”
(EKIW: Kapitel 2, II. 1. 5.-11.)

“Weil ihr Herz rein ist, verteidigen die Unschuldigen die wahre Wahrnehmung, anstatt sich gegen sie zu verteidigen. Da sie die Lektion der SÜHNE verstehen, sind sie ohne den Wunsch, anzugreifen, und daher sehen sie wahrheitsgemäß. Das ist gemeint, wenn es in der Bibel heißt: »Wenn ER erscheint (oder wahrgenommen wird), werden wir IHM gleich sein, denn wir werden IHN sehen, wie ER ist.«”
(EKIW: Kapitel 3, II. 5. 8.-11.)

“Wenn in der Bibel steht: »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet«, heißt das, dass du es nicht vermeiden kannst, über deine eigene Wirklichkeit zu urteilen, wenn du über die Wirklichkeit anderer urteilst. Die Entscheidung, zu urteilen, statt zu erkennen, ist die Ursache für den Verlust des Friedens. Urteilen ist der Prozess, auf dem die Wahrnehmung, nicht aber die Erkenntnis, beruht.”
(EKIW: Kapitel 3, VI. 1. 4.-6. & 2. 1.-2.)

“In der Bibel steht, dass du mit einem Bruder doppelt so weit gehen sollst, wie er dich bittet. Gewiss rät sie nicht, dass du ihn auf seinem Weg zurückwerfen sollst. Hingabe an einen Bruder kann auch dich nicht zurückwerfen. Sie kann nur zu gegenseitigem Fortschritt führen. Die Folge aufrichtiger Hingabe ist Inspiration, ein Wort, welches das Gegenteil von Erschöpfung ist, wenn man es richtig versteht. Erschöpft sein heißt uninspiriert sein, inspiriert sein aber heißt im reinen Geist sein. Egozentrisch sein ist uninspiriert sein, aber im richtigen Sinne SELBSTzentriert sein heißt inspiriert oder im reinen Geist sein. Die wahrhaft Inspirierten sind erleuchtet und können nicht in der Dunkelheit weilen.”
(EKIW: Kapitel 4, Einleitung, 1.)

“Es gibt eine Art der Erfahrung, die sich so sehr von allem unterscheidet, was das Ego bieten kann, dass du sie niemals wieder zudecken oder verbergen wollen wirst. Es ist notwendig, zu wiederholen, dass dein Glaube an Dunkelheit und Verbergen der Grund dafür ist, dass das Licht keinen Einlass findet. Die Bibel enthält viele Hinweise auf die unermesslichen Gaben, die für dich sind, um die du aber bitten musst. Das ist keine Bedingung, wie das Ego Bedingungen aufstellt. Es ist die herrliche Bedingung dessen, was du bist.”
(EKIW: Kapitel 4, III. 5.)

“In der Bibel wird wiederholt gesagt, dass du GOTT loben sollst. Das bedeutet wohl kaum, dass du IHM sagen sollst, wie wunderbar ER ist. ER hat kein Ego, mit dem er solches Lob annehmen könnte, und keine Wahrnehmung, um es zu beurteilen. Solange du aber deine Rolle in der Schöpfung nicht übernimmst, ist SEINE Freude nicht vollkommen, weil die deine unvollkommen ist.”
(EKIW: Kapitel 4, VII. 6.)

“Ich habe bereits gesagt, dass ich hinaufreichen und den HEILIGEN GEIST zu dir herunterbringen kann, aber ich kann IHN nur auf deine eigene Einladung hin zu dir bringen. Der HEILIGE GEIST ist in deinem rechtgesinnten Geist, so wie ER auch in meinem war. In der Bibel heißt es: »Ein Jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war«, und dies wird als Segnung verwendet. Es ist der Segen der Wundergesinntheit. Er bittet dich, so zu denken, wie ich dachte, indem du dich im CHRISTUSdenken mit mir verbindest.”
(EKIW: Kapitel 5, I. 3. 2.-11.)

“Das Ego spricht urteilend, und der HEILIGE GEIST kehrt dessen Entscheidung um, ganz ähnlich, wie es in dieser Welt in der Macht einer höheren Instanz steht, die Entscheidung einer unteren Instanz zu revidieren. Die Entscheidungen des Ego sind immer falsch, weil sie auf dem Irrtum beruhen, zu dessen Aufrechterhaltung sie getroffen wurden. Nichts, was das Ego wahrnimmt, wird richtig gedeutet. Nicht nur zitiert das Ego die Heilige Schrift für seine Zwecke, sondern es legt sie sogar als Zeugnis für sich selbst aus. Die Bibel ist, dem Urteil des Ego zufolge, etwas Furchterregendes. Da es sie als beängstigend wahrnimmt, legt es sie auf furchterregende Weise aus. Und da du Angst hast, appellierst du nicht an die HÖHERE INSTANZ, weil du glaubst, dass ihr Urteil sich auch gegen dich richten würde.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie die Deutungen des Ego irreführend sind, doch werden einige wenige ausreichen, um aufzuzeigen, wie der HEILIGE GEIST sie in SEINEM EIGENEN LICHT neu deuten kann.

»Wie du säst, so sollst du ernten« deutet ER so, dass du das, was du als der Pflege wert erachtest, in dir kultivierst. Wenn du etwas als würdig beurteilst, wird es dadurch für dich würdig.

»Die Rache ist mein, spricht der Herr« ist leicht neu zu deuten, wenn du bedenkst, dass Ideen sich nur mehren, wenn man sie mit andern teilt. In dieser Aussage wird betont, dass Rache sich nicht teilen lässt. Gib sie daher dem HEILIGEN GEIST, DER sie in dir aufheben wird, weil sie nicht in deinen Geist gehört, der ein Teil GOTTES ist.

»Ich will die Missetat der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied« wird vom Ego besonders bösartig gedeutet. Damit versucht es bloß sein eigenes Überleben zu gewährleisten. Für den HEILIGEN GEIST bedeutet diese Aussage, dass ER in späteren Generationen das, was vergangene Generationen missverstanden hatten, immer noch neu deuten und so den Gedanken die Fähigkeit nehmen kann, Angst zu erzeugen.

»Denn die Gottlosen werden umkommen« wird zu einer Aussage der SÜHNE, wenn das Wort »umkommen« als »aufgehoben werden« verstanden wird. Jeder lieblose Gedanke muss aufgehoben werden, ein Wort, welches das Ego nicht einmal verstehen kann. Für das Ego bedeutet »aufgehoben werden« zerstört werden. Das Ego wird nicht zerstört werden, weil es Teil deines Denkens ist; weil es aber unschöpferisch ist und deshalb nicht teilen kann, wird es neu gedeutet werden, um dich von der Angst zu befreien. Der Teil deines Geistes, den du dem Ego gegeben hast, wird einfach in das HIMMELREICH zurückkehren, wohin dein ganzer Geist gehört. Du kannst die Vollständigwerdung des HIMMELREICHS verzögern, aber du kannst die Vorstellung der Angst dort nicht einführen.

Du brauchst nicht zu befürchten, dass die HÖHERE INSTANZ dich verurteilen wird. Sie wird einfach die Klage gegen dich abweisen. Es kann keine Klage gegen ein Kind GOTTES geben, und jeder, der Schuld in GOTTES Schöpfungen bezeugt, legt falsches Zeugnis wider GOTT SELBST ab. Bringe frohgemut alles, was du glaubst, vor GOTTES HÖHERE INSTANZ, denn sie spricht für IHN, und deshalb spricht sie die Wahrheit. Sie wird die Klage gegen dich abweisen, wie sorgfältig du sie auch vorbereitet haben magst. Die Klage mag narrensicher sein, aber GOTTsicher ist sie nicht. Der HEILIGE GEIST wird sie nicht hören, weil ER nur wahrhaft Zeugnis ablegen kann. SEIN Urteilsspruch wird immer lauten: »Dein ist das Reich«, weil ER dir gegeben wurde, um dich daran zu erinnern, was du bist.

Als ich sagte: »Ich bin gekommen in die Welt als ein Licht«, da habe ich damit gemeint, dass ich gekommen bin, um das Licht mit dir zu teilen. Erinnere dich, dass ich vom dunklen Spiegel des Ego sprach, und erinnere dich auch, dass ich sagte: »Schau nicht dorthin.« Es ist nach wie vor wahr, dass es bei dir liegt, wohin du schauen willst, um dich selbst zu finden. Deine Geduld mit deinem Bruder ist deine Geduld mit dir selbst. Ist ein Kind GOTTES nicht der Geduld wert? Ich habe dir unendliche Geduld bezeigt, weil mein Wille der unseres VATERS ist, bei DEM ich unendliche Geduld erlernt habe. SEINE STIMME war in mir, wie SIE auch in dir ist, und sie spricht für Geduld mit der SOHNSCHAFT im NAMEN IHRES SCHÖPFERS.”
(EKIW: Kapitel 5, VI. 4.-11.)

“Meine Brüder schliefen, während ich angeblich »auf dem Ölberg mit dem Tode rang«, aber ich konnte ihnen nicht zürnen, weil ich wusste, dass ich gar nicht verlassen werden konnte.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 7. 6.)

“Die Botschaft der Kreuzigung ist vollkommen klar:

Lehre nur Liebe, weil du nur Liebe bist.

Wenn du die Kreuzigung auf irgendeine andere Weise deutest, benutzt du sie als Angriffswaffe statt als Friedensaufruf, als der sie gedacht war. Die Apostel haben sie oft missverstanden, und zwar aus demselben Grund, aus dem auch andere sie missverstehen. Ihre eigene unvollkommene Liebe machte sie für die Projektion anfällig, und aus ihrer eigenen Angst heraus sprachen sie vom »Zorn GOTTES« als SEINER Waffe der Vergeltung. Auch konnten sie von der Kreuzigung nicht völlig ohne Ärger reden, weil ihr Gefühl der Schuld sie ärgerlich gemacht hatte.

Das sind einige der Beispiele eines auf den Kopf gestellten Denkens im NEUEN TESTAMENT, obschon das Evangelium in Wirklichkeit nur eine Botschaft der Liebe ist. Hätten die Apostel sich nicht schuldig gefühlt, hätten sie mich nie so zitieren können: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Das ist eindeutig das Gegenteil all dessen, was ich lehrte. Ebenso wenig hätten sie meine Reaktionen Judas gegenüber so beschreiben können, wie sie es taten, wenn sie mich wirklich verstanden hätten. Ich hätte nur sagen können: »Verrätst du den MENSCHENSOHN mit einem Kuss?«, wenn ich an Verrat geglaubt hätte. Die ganze Botschaft der Kreuzigung war ja, dass ich das nicht tat. Die »Strafe«, die ich auf Judas herabbeschworen haben soll, war ein ähnlicher Fehler. Judas war mein Bruder und ein SOHN GOTTES und ebenso ein Teil der SOHNSCHAFT wie ich. Ist wohl anzunehmen, dass ich ihn verurteilen würde, wenn ich bereit war, aufzuzeigen, dass Verurteilung unmöglich ist?

Auch das folgende Zitat aus der Bibel zeigt sehr deutlich die wahre Gesinnung Jesu und steht im krassen Gegensatz zum obigen Zitat über seinen angeblichen Auftrag: "Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.” (Bibel, Einheitsübersetzung,Matthäus 26,52)

Wenn du die Lehren der Apostel liest, denke daran, dass ich selbst ihnen sagte, sie würden vieles später verstehen, weil sie in jener Zeit noch nicht voll und ganz bereit waren, mir nachzufolgen.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 13.-16.1.)

“In der Bibel steht: »Das WORT (oder der Gedanke) ward Fleisch.« Genaugenommen ist das unmöglich, da es die Übersetzung einer Rangordnung der Wirklichkeit in eine andere zu beinhalten scheint. Verschiedene Rangordnungen der Wirklichkeit existieren nur scheinbar, genau wie verschiedene Rangordnungen der Wunder. Das Denken kann nicht Fleisch werden außer durch den Glauben, da das Denken nicht körperlich ist. Das Denken aber ist Kommunikation, und dafür kann der Körper verwendet werden. Das ist die einzige natürliche Verwendung, die ihm gegeben werden kann. Den Körper unnatürlich anzuwenden heißt, den Zweck des HEILIGEN GEISTES aus den Augen zu verlieren und damit das Ziel SEINES Lehrplans misszuverstehen.”
(EKIW: Kapitel 8, VII. 7.)

“Die Bibel ermahnt dich, vollkommen zu sein, alle Irrtümer zu heilen, keinen Gedanken zu hegen, dass der Körper separat sei, und alle Dinge in meinem Namen zu vollbringen. Es ist nicht nur mein Name, denn gemeinsam teilen wir uns in die gleiche Identifikation. Der NAME von GOTTES SOHN ist eins, und du wirst ermahnt, die Werke der Liebe zu tun, weil wir dieses Einssein miteinander teilen. Unser Geist ist ganz, weil er eins ist. Wenn du krank bist, ziehst du dich von mir zurück. Doch du kannst dich nicht nur von mir zurückziehen. Du kannst dich nur von dir selbst und mir zurückziehen.”
(EKIW: Kapitel 8, IX. 7.)

“In der Bibel wird betont, dass jedes Gebet erhört wird, und das ist in der Tat wahr. Allein die Tatsache, dass man etwas vom HEILIGEN GEIST erbeten hat, stellt eine Antwort sicher. Doch es ist ebenso gewiss, dass keine Antwort, die ER gibt, jemals die Angst vermehren wird. Es ist zwar möglich, dass SEINE Antwort nicht gehört wird. Aber es ist unmöglich, dass sie verloren geht. Es gibt viele Antworten, die du bereits empfangen, aber noch nicht gehört hast. Ich versichere dir, dass sie auf dich warten.”
(EKIW: Kapitel 9, II. 3.)

“Die Welt, wie du sie wahrnimmst, kann der VATER nicht erschaffen haben, denn die Welt ist nicht, wie du sie siehst. GOTT hat nur Ewiges erschaffen, und alles, was du siehst, ist vergänglich. Daher muss es eine andere Welt geben, die du nicht siehst. In der Bibel ist die Rede von einem neuen HIMMEL und einer neuen Erde; das kann jedoch nicht wörtlich stimmen, denn die Ewigen werden nicht neu erschaffen. Neu wahrzunehmen heißt nur, wieder wahrzunehmen, was besagt, dass du vorher oder in der Zeitspanne dazwischen überhaupt nicht wahrgenommen hast. Was also ist die Welt, die deine Wahrnehmung erwartet, wenn du sie siehst?”
(EKIW: Kapitel 11, VII. 1.)

“In der Bibel heißt es, ihr sollet werden wie die Kinder. Kindern ist es klar, dass sie nicht verstehen, was sie wahrnehmen, und deshalb fragen sie, was es bedeutet. Begehe nicht den Fehler, zu glauben, du verstündest, was du wahrnimmst, denn seine Bedeutung ist für dich verloren. Doch hat der HEILIGE GEIST seine Bedeutung für dich bewahrt, und wenn du IHM die Deutung überlässt, wird Er dir zurückerstatten, was du weggeworfen hast. Solange du aber seine Bedeutung zu kennen glaubst, wirst du keine Notwendigkeit sehen, IHN danach zu fragen.”
(EKIW: Kapitel 11, VIII. 2.)

“... In der Bibel steht: Bitte im Namen Jesu Christi. … Es bedeutet, dass du, wenn du dich an Jesus erinnerst, dich an GOTT erinnerst. Die ganze Beziehung des SOHNES zum VATER liegt in ihm. Sein Teil an der SOHNSCHAFT ist auch der deine, und sein vollendetes Lernen bürgt für deinen eigenen Erfolg. … Der NAME Jesu CHRISTI als solcher ist nur ein Symbol. Aber er steht für Liebe, die nicht von dieser Welt ist. Er ist ein Symbol, das sicher verwendet werden kann als Ersatz für die vielen Namen all der Götter, zu denen du betest. Er wird zum leuchtenden Symbol für das WORT GOTTES, das dem, wofür es steht, so nahe ist, dass der kleine Raum zwischen den beiden in dem Augenblick verloren ist, in dem der NAME in Erinnerung gerufen wird. Sich an den NAMEN Jesu CHRISTI zu erinnern heißt, für all die Gaben, die GOTT dir gab, zu danken. Und Dankbarkeit GOTT gegenüber wird zu der Art und Weise, in der du dich an IHN erinnerst, denn Liebe kann nicht weit entfernt sein von einem dankbaren Herzen und dankerfüllten Geist. GOTT tritt leicht ein, denn dies sind die wahren Bedingungen für deine Heimkehr. … Jesus ist auf dem Weg vorangegangen. Warum möchtest du ihm nicht dankbar sein? Er hat um Liebe gebeten, aber nur um sie dir zu geben. Du liebst dich selbst nicht. Doch in seinen Augen ist deine Lieblichkeit so vollständig und makellos, dass er in ihr ein Bild seines VATERS sieht. Du wirst zum Symbol seines VATERS hier auf Erden. An dich wendet er sich um Hoffnung, weil er in dir keine Grenze und keinen Makel sieht, um deine wunderschöne Vollkommenheit zu verderben. In seinen Augen leuchtet CHRISTI Schau in vollkommener Konstanz. Er ist bei dir geblieben. Möchtest du nicht durch sein Lernen die Lektion der Erlösung lernen? Warum solltest du beschließen, noch einmal anzufangen, wenn er die Reise für dich unternommen hat? … Wende dich denn an einen, der alle Grenzen abgelegt hat und über die äußerste Grenze des Lernens hinausgegangen ist. Er wird dich mit sich nehmen, denn er ist nicht allein gegangen. Und du warst damals bei ihm, wie du es jetzt bist.
Dieser Kurs ist von ihm gekommen, weil seine Worte dich in einer Sprache erreichen, die du lieben und verstehen kannst. Sind andere Lehrer möglich, um denjenigen voranzugehen, die andere Sprachen sprechen und andere Symbole anrufen? Ganz Gewiss gibt es sie! Würde GOTT irgend jemanden in schweren Zeiten alleine lassen ohne eine sehr gegenwärtige Hilfe, einen Erlöser, der IHN symbolisieren kann? Doch brauchen wir einen vielfältigen Lehrplan nicht der inhaltlichen Unterschiede wegen, sondern weil die Symbole wechseln und sich ändern müssen, um dem jeweiligen Bedürfnis zu entsprechen. Jesus ist gekommen, um dem deinen zu entsprechen. In ihm findest du die ANTWORT GOTTES. Lehre du also mit ihm, denn er ist bei dir - er ist immer hier.”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, 23.)

Jüngstes Gericht und Apokalypse

Dies sind zwei völlig missverstandene Begriffe, die sich nicht nur in den unterschiedlichsten Religionen, sondern auch in Literatur, Musik, Malerei und Film in vielfältiger Form wiederfinden. Die vier apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes als Vorboten der Apokalypse, des Jüngsten Gerichts, sind jedem bekannt, auch wenn er die Bibel nie gelesen hat. Nach dem Johannesevangelium könnte man sie als Sieg, Krieg, Hunger und Tod bezeichnen, wobei in der modernen Literatur der erste Reiter, der Sieg, meist durch einen Reiter namens Krankheit oder Pestilenz ersetzt wird.

Aus Sicht der Evolution der Religion handelt es sich beim Jüngsten Gericht (auch Endgericht, Apokalypse, Jüngster Tag, Letztes Gericht) meist um die antike bzw. alttestamentliche endzeitliche Vorstellung der abrahamitischen Religionen von einem das Weltgeschehen abschließenden göttlichen Gericht. Die Idee des Gottesgerichts dürfte ihren Ursprung im Zoroastrismus, im babylonischen Gottkönigtum und altägyptischen Jenseitsvorstellungen haben. Das Neue Testament überhöht manche alte Vorstellung als Anmahnung des nahenden Gerichtes über alle Lebenden und Toten. Es entscheidet über Himmel und ewige Verdammnis und ist notwendiges Moment der endgültigen und vollständigen Errichtung des Reiches Gottes. Die bildreiche Darstellung des Gerichts in der Apokalypse des Johannes beschließt das Neue Testament.

Bei allen Schreckensvorstellungen vom Jüngsten Gericht handelt es sich allein um eine Idee des Ego-Denksystems, die genau genommen nichts mit einer bestimmten Religion zu tun hat, sondern nur in verschiedenen Religionen unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Das JÜNGSTE GERICHT ist eine der bedrohlichsten Ideen im Ego-Denksystem. Das liegt daran, dass das Ego es nicht versteht. Richten oder Urteilen ist keine Eigenschaft GOTTES. Es wurde erst nach der Trennung ins Leben gerufen, als es zu einer der vielen Lerneinrichtungen wurde. In Wahrheit ist das JÜNGSTE GERICHT ein Prozess, in dem wir uns laufend befinden, es ist der Berechtigungsprozess, der uns von unserem Glauben an Krieg, Hunger, Krankheit und Tod befreit. Im Glauben an die “vier apokalyptischen Reiter” sind wir bereits, darauf brauchen wir nicht mehr zu warten.

Das JÜNGSTE GERICHT wird gewöhnlich als ein Verfahren angesehen, das von GOTT vollzogen wird. Tatsächlich ist es ein vom SELBST ausgehender Prozess. Es ist eine letzte Heilung statt eines Zumessens von Strafe. Das JÜNGSTE GERICHT könnte man einen Prozess der richtigen Bewertung nennen. Es bedeutet einfach, dass jeder schließlich ein Verständnis dessen erlangen wird, was würdig ist und was nicht.

Der erste Schritt zur Freiheit beinhaltet ein Aussortieren des Falschen vom Wahren. Das ist ein Trennungsprozess im konstruktiven Sinn und spiegelt die wahre Bedeutung der APOKALYPSE wider. Ein jeder wird letztlich seine eigenen Schöpfungen betrachten und sich entscheiden, nur das zu bewahren, was gut ist, genau wie GOTT SELBST ansah, was ER erschaffen hatte, und erkannte, dass es gut war. An diesem Punkt kann der Geist beginnen, seine eigenen Schöpfungen um ihrer Würdigkeit willen mit Liebe zu betrachten. Gleichzeitig wird der Geist unvermeidlich seine Fehlschöpfungen nicht als sein eigen anerkennen, die, ohne Glauben, nicht länger existieren werden.

“Der Begriff »JÜNGSTES GERICHT« ist nicht nur deshalb beängstigend, weil er auf GOTT projiziert worden ist, sondern auch wegen der Assoziation mit dem Tod. Das ist ein hervorragendes Beispiel für eine Wahrnehmung, die auf dem Kopf steht. Wenn man der Bedeutung des JÜNGSTEN GERICHTS unvoreingenommen auf den Grund geht, so ist es ganz offensichtlich, dass es in Wirklichkeit das Tor zum Leben ist. Niemand, der in der Angst lebt, ist wirklich lebendig. Dein eigenes letztes Gericht kann nicht gegen dich selbst gerichtet werden, weil du nicht deine eigene Schöpfung bist. Du kannst es jedoch bedeutungsvoll und jederzeit auf alles anwenden, was du gemacht hast, und nur das in Erinnerung behalten, was schöpferisch und gut ist. Das ist es, was deine Rechtgesinntheit nicht umhin kann, dir vorzuschreiben. Der Sinn und Zweck der Zeit ist einzig und allein, »dir Zeit zu geben«, zu diesem Urteil zu kommen. Es ist dein eigenes vollkommenes Urteil über deine eigenen vollkommenen Schöpfungen. Wenn alles, was du beibehältst, liebenswert ist, gibt es keinen Grund für die Angst mehr, bei dir zu bleiben. Das ist dein Teil an der SÜHNE.”
(EKIW: Kapitel 2, VIII. 5.)

“Wird über jeden am Ende ein Urteil gefällt?

Ja, in der Tat! Niemand kann GOTTES LETZTEM URTEIL entrinnen. Wer könnte für immer vor der Wahrheit fliehen? Doch das LETZTE URTEIL wird so lange nicht kommen, als es mit Angst in Verbindung gebracht wird. Eines Tages wird jeder es willkommen heißen, und genau an diesem Tag wird es ihm gegeben werden. Er wird hören, wie seine Sündenlosigkeit immer wieder rund um die Welt verkündet wird und sie befreit, während GOTTES LETZTES URTEIL über ihn empfangen wird. Das ist das URTEIL, in dem die Erlösung liegt. Das ist das URTEIL, das ihn befreien wird. Das ist das URTEIL, in dem alle Dinge mit ihm befreit werden. Die Zeit hält inne, während die Ewigkeit näher kommt, und Schweigen liegt über der Welt, auf dass jeder dieses URTEIL über den SOHN GOTTES hören möge:

Heilig bist du, ewig, frei und ganz, für immer in Frieden im HERZEN GOTTES. Wo ist die Welt, und wo ist jetzt der Kummer?”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER 15, 1.)

Meister Eckhart

Meister Eckhart war ein einflussreicher thüringischer Theologe und Philosoph des Spätmittelalters. Er war eine wahre Lichtgestalt unter den christlichen Theologen und hatte die Essenz der Lehre Jesu erkannt, die uns nun in vollkommener Klarheit in Ein Kurs in Wundern zur Verfügung steht.

Der wohl bekannteste spirituelle Lehrer unserer Zeit Eckhart Tolle änderte seinen Vornamen Ulrich in Eckhart, was einigen Berichten zufolge zu Ehren Meister Eckharts geschah.

Nach langjähriger Tätigkeit im Dienst des Ordens der Dominikaner wurde Meister Eckhart erst in seinen letzten Lebensjahren wegen Irrlehre denunziert und angeklagt. Eckhart starb vor dem Abschluss des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens. Papst Johannes XXII. (1316–1334) verurteilte einige seiner Aussagen als Irrlehren und verbot die Verbreitung der Werke, die diese enthielten. Dennoch hatte Eckharts Gedankengut beträchtlichen Einfluss auf die spätmittelalterliche Spiritualität im deutschen und niederländischen Raum. Im Benediktinerkloster Melk wurden im 15. Jahrhundert deutsche Predigten und Sprüche Eckharts abgeschrieben, wobei der Name des Autors sogar angegeben wurde. In einer bearbeiteten, entschärften Fassung sollten sie zur Belehrung der Laienbrüder dienen. Auch in anderen österreichischen Klöstern waren im Spätmittelalter Texte Eckharts bekannt.

In Eckharts Lehre ging es vor allem um Einsicht, die auf Vernunft und Erfahrung beruht. Er hielt seine Einsichten für universal gültig und wollte seinem Publikum den Nachvollzug auch anspruchsvoller Inhalte ermöglichen. Allerdings erfordert der Nachvollzug viel mehr als ein rein gedankliches Erfassen der Schlüssigkeit der Darlegungen. Jeder, der Eckharts zentrale Aussagen wirklich verstehen und beurteilen will, hat erst in sich selbst die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen: “Denn, solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen; denn dies ist eine unverhüllte Wahrheit, die da gekommen ist aus dem Herzen Gottes unmittelbar. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig erfahren, dazu helfe uns Gott.” Sind die Voraussetzungen geschaffen, so kann die Wahrheit als solche mit Gewissheit erkannt werden.

Laut Eckhart ist für das Verhältnis des Menschen zu Gott der Unterschied zwischen Glauben und Kennen fundamental; der Glaube verhält sich zum Schauen oder vollkommenen Erkennen wie eine Meinung zum Beweis, wie etwas Unvollkommenes zum Vollkommenen. Es gilt also nicht beim Glauben zu bleiben, sondern vom Glauben zum Kennen voranzuschreiten.

Damit bringt Eckhart etwas zum Ausdruck, was sich auch in Ein Kurs in Wundern wiederfindet: “Überhaupt ist der Glaube an GOTT kein wirklich sinnvolles Konzept, denn GOTT kann nur erkannt werden.” Erkennen lässt sich wohl am besten als vergeistigtes Denken, d.h. als nicht-sprachliches Denken beschreiben.

Eckhart weist den Begriffen „Gott“ und „Gottheit“ nicht die gleiche Bedeutung zu, sondern er bezeichnet mit ihnen unterschiedliche Ebenen, auf denen sich die göttliche Wirklichkeit dem Menschen zeigen kann. Er behauptet, Gott und Gottheit seien so weit voneinander verschieden wie Himmel und Erde. Durch die Offenbarung begegnet dem nach Gotteserkenntnis strebenden Menschen zunächst der im Sinne der Trinitätslehre dreifaltige Gott. Vom Dasein Gottes, insoweit er Schöpfer ist und seinen Geschöpfen in dieser Eigenschaft entgegentritt, unterscheidet Eckhart eine höhere Ebene der Wirklichkeit des Göttlichen, auf der dieses als „Gottheit“ oder als „einfaltiges Eins“ erscheint, „oberhalb von Gott“. Die Gottheit ist der überpersönliche Aspekt der göttlichen Gesamtwirklichkeit. Nichts Bestimmtes kann über sie ausgesagt werden, da sie sich jenseits jeglicher Differenzierung befindet. Terminologisch ist die Unterscheidung zwischen Gott und Gottheit bei Eckhart allerdings nicht durchgängig konsequent durchgeführt. Er verwendet das Wort „Gott“ auch für Aussagen, die sich auf das beziehen, was er sonst „Gottheit“ nennt. Damit richtet er sich nach der seinem Publikum - insbesondere den Hörern seiner Predigten - geläufigen Ausdrucksweise. Was gemeint ist, ist jeweils aus dem Zusammenhang ersichtlich.

Gott als Person mit persönlichen Eigenschaften, die in seinen Namen ausgedrückt werden, existiert auf einer Ebene, die von derjenigen der Gottheit abgetrennt und ihr untergeordnet ist. Wenn er sich seinem eigenen unpersönlichen Aspekt zuwenden wollte, so müsste er - ebenso wie ein Mensch, der dies tut - alles beiseitelassen, was seine Besonderheit ausmacht. Somit kommt auch die Eigenschaft, Dreifaltigkeit zu sein, zwar Gott zu, nicht aber der Gottheit. Dazu bemerkt Eckhart: "Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: Soll Gott je darein lugen, so muss es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine personhafte Eigenheit; das muss er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen."

Das Denken (im Sinne von Erkennen) ist das höherrangige Prinzip die Grundlage von Gottes Sein. Denken und Sein werden allerdings nur zum Zweck einer analytischen Betrachtung getrennt. Hinsichtlich ihres Vorhandenseins in Gott sind sie nicht getrennte Elemente, sondern existieren ununterschieden in ihm. Die Aussage „Gott ist Sein“ ist ebenso wahr wie die Aussage „Gott ist Denken (Erkennen)“, wobei seine Seinsweise allerdings von derjenigen der Schöpfung scharf zu unterscheiden ist.

Eckhart betont jedoch die Schärfe des fundamentalen Gegensatzes zwischen Gott und allem Geschaffenen. Gottes Einfachheit, Erhabenheit, Unwandelbarkeit und Allursächlichkeit (universalis causalitas) steht in Kontrast zu den entgegengesetzten Merkmalen des Geschaffenen. Alles Geschaffene ist mannigfaltig, veränderlich, erleidend (patiens), verursacht und vergänglich. Nichts Wandelbares kann einfach sein, denn zu jedem Zeitpunkt ist es in einer bestimmten Hinsicht beharrend und in einer anderen im Wandel begriffen.

Aufgrund seiner Vergänglichkeit weist das Geschaffene kein „Sein“ im eigentlichen Sinne, im Sinne einer absoluten, überzeitlichen Existenz auf. So gesehen existiert es nicht wirklich. Verwendet man den Begriff „Sein“ im Sinne des absoluten Seins Gottes, so „sind“ die Dinge nicht; verwendet man ihn in dem Sinne, in dem er auf die Dinge angewendet wird, so „ist“ Gott nicht.

Doch Eckhart verwendet auch für den Schöpfer des Zeitlichen den Begriff "Gott". Für Kursschüler bedeutet dies, dass Eckhart auch für den schlafenden Geist des SOHNS den Begriff "Gott" verwendet und für GOTT den Begriff “Gottheit”.

Verständnis der Schöpfung bedeutet somit Verständnis des Phänomens Zeit. Der überzeitlich existierende Gott im Sinne Eckharts schafft in einer permanenten Gegenwart, im „Jetzt“ oder „Nun“ (lateinisch nunc, mittelhochdeutsch nû) seiner Zeitlosigkeit (Ewigkeit). Eckhart unterscheidet zwischen dem nû der zît, dem Zeitpunkt innerhalb des Zeitflusses, und dem nû der êwicheit, dem Jetzt der Ewigkeit (lateinisch nunc aeternitatis). Die Überzeitlichkeit des Ewigen wird in Eckharts Sprache als „Augenblick“ („nun“) wiedergegeben, doch ist dieser „Augenblick“ nicht mit einem Zeitpunkt zu verwechseln, sondern er umfasst „alle Zeit“, also die Gesamtheit dessen, was in aller Zeit gegeben ist. Das Jetzt der Ewigkeit ist auch nicht im Sinne eines statischen Zustands zu verstehen, es bedeutet keinen Stillstand (das wäre eine unangemessene Beschreibung aus der Perspektive der Zeitlichkeit). Gemeint ist eine überzeitliche „Gegenwart“, die wegen ihrer Gegenwärtigkeit (lateinisch praesentialitas) eine Bezeichnung erhält, die an den innerzeitlichen Gegenwartsbegriff anknüpft. Als „Fülle der Zeit“ unterscheidet sich die Gegenwärtigkeit des ewigen „Jetzt“ vom Zeitpunkt dadurch, dass sie nicht der vergangenen und künftigen Gegebenheiten beraubt ist, sondern diese in sich einschließt.

Eckhart Tolles erstes Buch heißt “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen.” Jesus verwendet im Kurs dafür den Begriff „heiliger Augenblick“.

Meister Eckhart verweist weiters darauf, dass aus der Perspektive der Ewigkeit die Welt als anfangslos erscheint, weil ihr Dasein nicht eine Aneinanderreihung von Zeitpunkten ist. Dass sie einen Anfang in der Zeit gehabt habe, ist nur eine für das menschliche Denken nötige und angemessene Vorstellung, nicht eine Aussage über die Schöpfung an sich. Nur aus der menschlichen Perspektive, die auf der Vorstellung einer linearen zeitlichen Ordnung mit „vorher“ und „nachher“ basiert, ist die Schöpfung ein zeitlicher Vorgang. In Wirklichkeit ist Gott nicht zeitlich „früher“ als die Welt. Der Mensch lebt aber in der Zeit, in der die Einheit des göttlichen Seins zerfallen ist. Daher bewegen sich seine Vorstellungen innerhalb eines Rahmens, der sich aus seinem Erleben von Zeit ergibt.

Der göttliche Kernbereich der Seele, ihr „Innerstes“, ist der zeit- und raumlose „Seelengrund“, in dem völlige Ruhe herrscht. Eckhart verwendet dafür auch andere Bezeichnungen. Er betont aber auch, dass der Seelengrund eigentlich so wie die Gottheit namenlos ist. Der Seelengrund steht so hoch über der Sinneswelt wie der Himmel über der Erde.

Von den vergänglichen und daher nichtigen Aspekten seines Daseins kann der Mensch sich emanzipieren, indem er sich dem zuwendet, was in ihm - das heißt in der Seele - göttlich ist. Dank Gottes Anwesenheit in der Seele ist ihre Selbsterkenntnis Gotteserkenntnis. Unter diesem Aspekt sind alle menschlichen Seelen gleich. Die hier gemeinte Gotteserkenntnis ist nicht eine reflektierte, in der ein Subjekt einem Objekt betrachtend gegenübersteht, sondern eine unmittelbare, in der keine Distanz zwischen dem Erkennenden und seinem göttlichen Erkenntnisobjekt besteht.

Als höchste Manifestation seelischer Aktivität betrachtet Eckhart wie andere Dominikaner den Intellekt. Dabei verwendet Eckhart den Begriff Intellekt in einem anderen Sinn als dem heute gängigen. Der Intellekt „als solcher“ (intellectus inquantum intellectus) ist für Eckhart nicht eine der Fähigkeiten („Seelenvermögen“) oder Instrumente, über welche die Seele verfügt, sondern eine eigenständige in der Seele tätige Instanz. Er ist etwas nicht Geschaffenes, sondern Göttliches im Menschen, das einer Dimension oberhalb von Raum und Zeit angehört.

Dem Willen misstraut Eckhart, denn er sieht in ihm den gottfernen, auf das Geschaffene abzielenden Eigenwillen, der auch dann, wenn er sich auf Gott richtet, die Getrenntheit von Subjekt und Objekt, Seele und Gott voraussetzt: “Darum ist die Vernunft allwegs nach innen suchend. Der Wille hingegen geht nach außen auf das hin, was er liebt.”

Zu den genannten Annahmen passt Eckharts Verständnis der Sünde, die in seinen Werken ebenso wie Beichte und Buße eine auffallend geringe Rolle spielt. Mit der Lehre von der "Erbsünde" und der Vorstellung einer Sühne durch ein stellvertretendes Leiden Christi setzt er sich nicht auseinander. Sünde ist für ihn eine willentliche Abkehr von Gott. Philosophisch ausgedrückt ist sie „immer ein Zurückschreiten vom Einen zu den vielen Dingen“. Das bedeutet, dass „die Ordnung der Dinge aufgehoben wird und das Obere dem Niederen unterworfen wird“. Man soll zwar nicht sündigen, aber man soll auch eine begangene Sünde nicht bereuen in dem Sinne, dass man wünscht, sie wäre nicht geschehen. Ein solcher Wunsch wäre Ausdruck eines Eigenwillens, der sich gegen den Willen Gottes richtet, denn Gott hat das Geschehene zum Besten des Menschen gewollt.

Die Hinwendung zu Gott soll zu einer Erfahrung führen, die in Eckharts Lehre eine zentrale Rolle spielt. Er nennt sie Gottesgeburt in der Seele. Gemeint ist, dass die Seele die Göttlichkeit ihrer eigenen Natur wahrnimmt und so Gott in sich selbst findet. Sie wird nicht etwas, was sie vorher nicht war, sondern erkennt das, was sie überzeitlich ist. Die Gottesgeburt geht vom Seelengrund des einzelnen Menschen aus und erfasst die Seele in ihrer Gesamtheit. Es handelt sich nicht um ein punktuelles Ereignis, das zum Abschluss kommt, sondern um einen fortdauernden Vorgang ohne Ende. Die Betonung der Prozesshaftigkeit des Geschehens ist ein besonderes Merkmal von Eckharts Denken.

Die Gottesgeburt in der Seele geschieht, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, zwangsläufig. Sie zu veranlassen ist für Gott eine Naturnotwendigkeit, er folgt dabei seiner eigenen Natur, könnte also gar nicht anders wollen und handeln. Die Grundlagen der Gottesgeburt sind nicht der Glaube, ein Gefühl oder eine Vision des betreffenden Individuums, sondern seine Erkenntnis und Vernunft („Vernünftigkeit“). Die Erkenntnis „läuft voran“ und „bricht durch“; die Vernunft „fällt ins reine Sein“.

Eckhart betont, dass die menschliche Natur Christi keine andere sei als die jedes anderen Menschen. Alle Menschen haben die menschliche Natur mit Christus gemeinsam, und zwar in gleichem Sinn und auf die gleiche Weise (univoce et equaliter). Da Eckhart überdies jedem Menschen eine in der Seele liegende Göttlichkeit zuspricht, besteht aus seiner Sicht auch hinsichtlich der göttlichen Natur kein prinzipieller Unterschied zwischen Christus und anderen. Christus ist zwar ein unerreichtes Vorbild, nicht aber von Natur aus von anderen Menschen prinzipiell verschieden. Grundsätzlich ist jeder befähigt, das zu verwirklichen und zu vollbringen, was Christus verwirklicht und vollbracht hat.

Voraussetzung für die Gottesgeburt ist, dass sich die Seele von dem reinigt, was nicht zu ihr gehört, und dadurch ihre wahre Natur hervortreten lässt. Gott kann nur in der Seele geboren werden, wenn der Mensch ihm dafür Raum schafft und das entfernt, was im Wege steht. Das sind nicht nur Sünden und Laster im herkömmlichen Sinn, sondern schlechthin alles Ungöttliche und daher Vergängliche. Dazu gehören insbesondere die „Bilder“ der Sinnesobjekte, die man aufgenommen hat, denn sie binden und behindern den Menschen. In dem Maße, wie der Mensch die Hindernisse beiseiteschafft, wird er für Gott empfänglich. Was dabei in der Praxis zu beachten ist, erläutert Eckhart ausführlich.

Für die Ermöglichung der Gottesgeburt ist nicht eine diskursiv gewonnene Einsicht in den Wahrheitsgehalt philosophisch-theologischer Lehrsätze ausschlaggebend, sondern die Lebenspraxis. Daher besteht ein Unterschied zwischen dem „Lesemeister“, der in seinen Schriften argumentiert, beweist und widerlegt, und dem „Lebemeister“, der das von der Theorie Geforderte in seinem eigenen Leben umsetzt. Ein Eckhart zugeschriebener Ausspruch lautet, ein Lebemeister sei nötiger als tausend Lesemeister.

Gott kann auf viele verschiedene Weisen ergriffen werden. Niemand kann alle Weisen verwirklichen, sondern man soll eine von ihnen haben - diejenige, die Gott einem zugewiesen hat - und konsequent bei ihr bleiben. Einem anderen, der auf eine andere Weise lebt, die eigene Weise aufzudrängen ist verkehrt, vielmehr soll jeder in seiner Weise das Gute aller Weisen finden. Christus hatte zwar die höchste Weise, aber das bedeutet nicht, dass jeder versuchen soll, die Weise Christi zu übernehmen.

Die Hinwendung zu Gott ist mit einem auf die Welt gerichteten Wollen und Begehren unvereinbar. Daher ist die erste Aufgabe des Menschen, der eine Einigung mit Gott erstrebt, sich von allen solchen Bestrebungen zu reinigen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass er vergöttlicht wird. Das Ergebnis der Abtrennung von der Welt nennt Eckhart „Abgeschiedenheit“. Der Seelengrund ist von Natur aus immer abgeschieden. Es kommt aber darauf an, auch die übrigen Seelenbereiche restlos von „allen Dingen“ zu trennen, sodass der Mensch leer wird wie ein aufnahmebereites Gefäß. Dann kann Gott die gesamte Seele ausfüllen. Der Mensch “soll Gott in allen Dingen ergreifen und soll sein Gemüt daran gewöhnen, Gott allzeit gegenwärtig zu haben.”

Zu den „Dingen“, von denen der Mensch sich befreien soll, gehört in erster Linie er selbst: “Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da lass von dir ab; das ist das Allerbeste.” Er soll seine persönliche Hauptschwäche herausfinden und seinen Fleiß darauf richten, sie zu überwinden. Befreiung von sich selbst bedeutet aber mehr als das: Wer sich für Gott empfänglich machen will, hat alle Hoffnungen, Wünsche und Ziele, die sein eigenes Wohlergehen im Diesseits oder Jenseits bezwecken, aufzugeben. Er vergisst sich selbst und alle Dinge. Damit verzichtet er auf seinen Eigenwillen. Alle Erwartungen und alle damit verknüpften Empfindungen verschwinden gänzlich. Dadurch werden Gemütsbewegungen wie Hoffnung, Furcht und Jammer verunmöglicht. Alles Leid endet, denn es ist ausnahmslos eine Folge der Hinwendung zu den geschaffenen Dingen. In der Seele tritt an die Stelle des Weggeräumten die Leere und geistige Armut. So erlangt man die „Gelassenheit“. Dieser anscheinend von Eckhart neu gebildete Begriff bezeichnet die Haltung dessen, der nicht nur die Dinge gelassen hat, sondern gelassen ist. Beim Lassen geht es zuerst um ein innerliches Sein, erst danach um ein äußerliches Handeln. Man kann nicht durch ein Lassen im Handeln zu einem gelassenen Sein gelangen.

Dieser Hinweis auf das Loslassen von sich selbst klingt im Kurs wie folgt: “Lass mich nicht vergessen, dass mein Selbst nichts ist, dass aber mein SELBST alles ist.”

Aufzugeben ist der Eigenwille nicht nur insoweit er auf das eigene Wohlergehen zielt, sondern auch in einer anderen seiner Erscheinungsformen, in welcher er scheinbar verschwunden ist, indem das Individuum seinen Willen mit dem Willen Gottes identifiziert hat. Zu wollen, was Gott will, ist aber immer noch ein Eigenwille und bildet als solcher ein Hindernis zwischen dem Menschen und Gott. Der Abgeschiedene will nicht das, was Gott will, sondern er will gar nichts, damit Gott in ihm wollen kann. Auch das Streben nach der Ewigkeit und nach Gott, das den ursprünglichen Antrieb zum Beschreiten des Erkenntniswegs bildete, ist als Eigenwille abzustreifen. Wer die Ewigkeit und Gott begehrt, ist noch nicht richtig arm (aller Wünsche entblößt). Ein wahrhaft armer Mensch ist nur der, der nichts will und nicht begehrt. Er lässt nicht nur sich selbst los, sondern auch Gott. Seine Armut besteht darin, dass er nichts „hat“; er verfügt weder über einen Willen noch über Wissen noch über Besitz. Gott soll nicht im Menschen eine Stätte zum Wirken finden, sondern erforderlich ist, dass der Mensch „so ledig Gottes und aller seiner Werke steht“, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, jeweils selbst die Stätte ist, in der er wirken will.

Die Lebensweise, für die Eckhart eintritt, ist ein Leben „ohne Warum“ (mittelhochdeutsch sunder warumbe). Gott hat kein „Warum“ außer und neben sich, und auch seine Liebe ist grundlos. Ebenso sind auch göttliche Werke des Menschen dadurch gekennzeichnet, dass sie ohne Grund vollbracht werden. Was einen Grund hat, besteht um des Grundes willen und ist ihm somit untergeordnet. Das Grundlose ist sein eigener Grund und Zweck und damit höherrangig als das, was einer Begründung durch etwas anderes bedarf.

Eckhart fordert Abwendung von allem, was in der Welt ist, und ausschließliche Konzentration auf den eigenen Seelengrund, wo Gott zu finden ist. Die damit erreichte Abgeschiedenheit äußert sich aber nicht als Gleichgültigkeit gegenüber der Welt. Der Mensch hat sich zwar auf der Suche nach Gott konsequent von der Welt abgewendet, aber Gott, den er in seinem Seelengrund gefunden hat und dem er die Herrschaft über sich restlos überlassen hat, ist den Menschen zugewandt. Das äußert sich darin, dass der Abgeschiedene und Gelassene kein zurückgezogenes Leben führt, sondern ein aktives und soziales. Er vollbringt Werke, die seinen Mitmenschen zugutekommen. Im Unterschied zu denen, welche die Gottesgeburt nicht erlebt haben, verfolgt er damit nicht weltliche Ziele, sondern göttliche. Nur wenn dies der Fall ist, haben seine Werke einen Wert, und dann ist er ein „Gerechter“. Anderenfalls können sich gute Werke sogar als Hindernis erweisen, denn sie bieten dem, der sie verrichtet, „Halt, Stütze und Verlass“. Damit trennen sie die „guten Menschen“ von Gott, der „will, dass er allein ihr Halt und Verlass sei“.

Eckharts Gerechtigkeitsbegriff hat mit modernen Gerechtigkeitsvorstellungen nichts zu tun. Unter Gerechtigkeit versteht Eckhart nicht eine bestimmte Art der Verteilung irdischer Güter, sondern die Haltung desjenigen, der nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus göttlichem Impuls handelt und daher stets das Richtige - der jeweiligen Situation Angemessene - tut. Der im Sinne Eckharts Gerechte bewahrt gegenüber allen äußeren Verhältnissen und Ereignissen Gleichmut, sein Gemütszustand kann von äußeren Entwicklungen nicht berührt werden: “Wenn die Menschen ein Ding erfreuen kann und ein anderes sie betrüben, so sind sie nicht gerecht; vielmehr, wenn sie zu einer Zeit froh sind, so sind sie zu allen Zeiten froh.”

Eckhart betont, dass die Heiligkeit niemals auf ein Tun gegründet ist, sondern ausschließlich auf ein Sein. Die Werke heiligen den, der sie vollbringt, ganz und gar nicht, sondern soweit jemand heilig ist, heiligt er alle seine Werke, „sei es Essen, Schlafen, Wachen oder was immer“. Für den spirituellen Status einer Person sind ihre Werke bedeutungslos; wesentlich ist nur, ob ihr Sein von Abgeschiedenheit geprägt ist. Die Werke sind aber untrennbar mit der Spiritualität verbunden. Daher sind sie keineswegs nebensächlich oder gar entbehrlich, sondern eine notwendige Folge des rechten Seins; der Gerechte kann nicht anders als gerecht handeln.

Eckharts Hochschätzung der von einem göttlichen Impuls geleiteten sozialen Aktivität führt ihn sogar zu einer unkonventionellen Auslegung der biblischen Erzählung von den Schwestern Maria und Martha, die dem herkömmlichen Verständnis völlig widerspricht. Er folgt nicht der traditionellen Interpretation der Darstellung im Lukasevangelium (Lk 10,38–42 EU), wonach Christus dort den Vorrang der rein kontemplativen Haltung Marias gegenüber der aktiven Marthas feststellt. Vielmehr steht nach Eckharts Deutung die äußerlich aktive Martha höher als die nur Christus zuhörende Maria. Martha war zwar mitten in den Sorgen der Welt tätig, aber unbekümmert, auf besonnene Weise und ohne dabei Gott aus dem Auge zu verlieren. So verband sie in ihrer Haltung die Vorzüge von Kontemplation und Aktion. Maria hingegen beschränkte sich auf die Kontemplation, da sie das rechte Handeln noch nicht gelernt hatte. Martha war die ältere der beiden Schwestern und hatte daher mehr Erkenntnis gewinnen können als die noch unerfahrene, auf kontemplativen Genuss ausgerichtete Maria. Das Lob, das Christus Maria spendete, bezieht sich nach Eckharts Auslegung auf eine Einsicht, die Maria damals noch nicht hatte, sondern die ihr noch bevorstand. Eckharts Ablehnung einer weltflüchtigen Haltung ergibt sich aus seiner Überzeugung, dass nicht die Dinge an sich Hindernisse sind, sondern nur ein verkehrtes Verhältnis des Menschen zu ihnen.

Die Liebe unter den Menschen, soweit sie aus einem menschlichen Impuls kommt, erkennt auch Eckhart als spirituell wertlos: “Alle Liebe dieser Welt ist gebaut auf Eigenliebe. Hättest du die gelassen, so hättest du die ganze Welt gelassen.” Im Kurs klingt dies wie folgt: “Du kannst nur lieben, wie GOTT liebt. Suche nicht, anders als ER zu lieben, denn es gibt keine Liebe losgelöst von der SEINEN.” “Es gibt keine Liebe außer der LIEBE GOTTES.”

Die Religion in Menschlicher Erfahrung

Während Religion ein Wachstum an Bedeutungen und eine Steigerung der Werte bewirkt, entsteht immer dann Übles, wenn rein persönliche Beurteilungen auf absolute Ebenen gehoben werden. Die wichtigsten Wachstumshemmnisse sind Vorurteil und Unwissenheit.

Wir sollten daher jedem heranwachsenden Kind Gelegenheit geben, in seiner eigenen religiösen Erfahrung zu wachsen und ihm nicht eine fertige Erwachsenenerfahrung überstülpen. Der von Jahr zu Jahr erzielte Fortschritt in einem bestehenden Erziehungssystem bedeutet nicht notwendigerweise intellektuellen Fortschritt und noch viel weniger geistiges Wachstum. Erweiterung des Vokabulars heißt nicht Entwicklung des Charakters. Wachstum bekundet sich nicht wirklich in bloßen Resultaten, sondern vielmehr im Fortschritt. Wahres erzieherisches Wachstum gibt sich in einer Verstärkung der Ideale kund, in wachsender Würdigung von Werten, in neuen Bedeutungen, die Werten gegeben werden, und in einer stärkeren Treue gegenüber höchsten Werten.

Kinder werden bleibend nur durch die Wahrhaftigkeit ihrer erwachsenen Gefährten beeindruckt; Vorschriften oder sogar Beispiele sind auf die Dauer nicht wirksam. Wahrhaftige Personen sind wachsende Personen, und Wachstum ist eine eindrückliche und inspirierende Realität. Wenn wir heute wahrhaftig leben und wachsen, so wird morgen für sich selber sorgen. Die rascheste Art für eine Kaulquappe, zu einem Frosch zu werden, ist, jeden Augenblick authentisch als eine Kaulquappe zu leben.

Der für religiöses Wachstum unerlässliche Nährboden setzt voraus: ein dynamisches Leben der Selbsterforschung, Koordinierung natürlicher Neigungen, Betätigung der Neugierde und Freude an vernünftigen Abenteuern, Empfinden von Gefühlen der Befriedigung, das Funktionieren der Furcht, um Aufmerksamkeit und Bewusstheit zu stimulieren, Staunen vor dem Wunderbaren und ein normales Bewusstsein der persönlichen Kleinheit. Wachstum gründet auch auf der Erforschung des Selbst einhergehend mit Selbstkritik - Bewusstheit, denn Bewusstheit ist in Wirklichkeit Kritik an sich selbst anhand der eigenen Wertmaßstäbe, der persönlichen Ideale.

Religion kann man nicht schenken, empfangen, ausleihen, lernen oder verlieren. Sie ist eine persönliche Erfahrung, die im Maße des zunehmenden Verlangens nach der endgültigen Wahrheit wächst. Deshalb gehen die Anhäufung von Bedeutungen und unablässig erhöhte Werte mit kosmischem Wachstum einher. Aber Seelenadel an sich ist immer ein unbewusstes Wachstum.

“[...] du kannst nicht zwischen Fortschritt und Rückschritt unterscheiden. Einige deiner größten Fortschritte hast du als Misserfolge beurteilt, und einige deiner größten Rückschritte hast du als Erfolge gewertet.”
(EKIW: Kapitel 18, V. 1.)

“Wunder sind Gewohnheiten und sollten unwillkürlich geschehen. Sie sollten nicht unter bewusster Kontrolle stehen. Bewusst ausgewählte Wunder können fehlgeleitet sein.”
(EKIW: Kapitel 1, I. 5.)

Die unbewusste Natur des religiösen Wachstums bedeutet indessen nicht, dass es eine Aktivität ist, die sich in den angeblich unterbewussten Bereichen des menschlichen Intellekts abspielt; sie ist vielmehr ein Zeichen schöpferischer Aktivitäten auf den überbewussten Ebenen des menschlichen Geistes. Die Erfahrung, sich der Realität unbewussten religiösen Wachstums innezuwerden, ist der einzige positive Beweis der funktionellen Existenz des Überbewusstseins.

Die geistige Entwicklung hängt erstens von der Aufrechterhaltung einer lebendigen geistigen Verbindung mit wahren geistigen Kräften ab, und zweitens vom steten Hervorbringen geistiger Früchte: von der dienenden Weitergabe dessen an seine Mitmenschen, was man von seinen geistigen Wohltätern empfangen hat. Geistiger Fortschritt gründet auf dem intellektuellen Feststellen der eigenen geistigen Armut sowie auf dem Bewusstsein, nach Vollkommenheit zu hungern, auf dem Wunsch, Gott zu kennen und ihm zu gleichen, und auf der rückhaltlosen Entschlossenheit, den Willen des Vaters im Himmel zu tun.

Geistiges Wachstum ist erst einmal ein Erwachen zu Bedürfnissen, dann ein Erkennen von Bedeutungen und schließlich ein Entdecken von Werten. Der Beweis wahrer geistiger Entwicklung besteht im Erscheinen einer menschlichen Persönlichkeit, deren Motivation die Liebe, deren Triebkraft selbstloser Dienst ist und die beherrscht wird von einer aus ganzem Herzen kommenden Verehrung der Vollkommenheitsideale der Göttlichkeit. Und diese ganze Erfahrung bildet die Realität der Religion im Gegensatz zu bloß theologischem Fürwahrhalten.

Jesus beschrieb die tiefe Sicherheit eines Gott kennenden Sterblichen, als er vor zweitausend Jahren sagte: „Was kümmert es den, der Gott kennt und an das Königreich glaubt, wenn alle irdischen Dinge in Trümmer gehen?“ Zeitliche Sicherheiten sind verwundbar, aber geistige Sicherheiten sind unbezwingbar. Wenn die Wogen menschlicher Not, Selbstsucht, Grausamkeit, Todfeindschaft, Bosheit und Eifersucht über der menschlichen Seele zusammenschlagen, können wir in der Sicherheit ruhen, dass es eine innere Bastion, die Zitadelle des Geistes, gibt, die absolut uneinnehmbar ist; wenigstens trifft das für jedes menschliche Wesen zu, das seine Seele der Obhut des ihm innewohnenden Geistes des ewigen Gottes anvertraut hat.

Das Gleichnis Jesu vom Haus auf Fels oder auf Sand beschreibt wunderbar die beiden unterschiedlichen geistigen Ausrichtungen. Das Haus gilt allgemein als Symbol für das Ich, so dass die Art und Weise, wie wir wohnen, immer auch einen Hinweis auf unsere geistige Haltung liefert. Wenn die Identifikation mit dem Körper noch sehr stark ist und kein Gottvertrauen vorhanden ist, wird ein Einbruch in die eigene Wohnung, oder ins eigene Haus, als persönlicher Angriff erlebt und kann traumatische Folgen haben, selbst dann, wenn der Einbruch in der eigenen Abwesenheit erfolgte. Der Hausbau steht symbolisch für das Leben des Menschen. Sein Haus auf Fels zu bauen bedeutet auf Gott zu vertrauen. Der Bau auf Sand symbolisiert das Vertrauen des Menschen in die eigene Kraft und die eigenen Werke ohne das Vertrauen auf Gott. Geistiges Wachstum bedeutet aufzuhören sein Haus auf Sand zu bauen und statt dessen einzig und allein auf den Fels in der Brandung des Lebens zu vertrauen.

Nach einer derartigen geistigen Vollbringung, die durch allmähliches Wachstum oder durch eine besondere Krise herbeigeführt worden ist, geschieht eine Neuorientierung des Bewusstseins und entwickelt sich ein neuer Wertemaßstab. Solche aus dem Geiste geborene Wesen sind in ihrem Leben derart neu motiviert, dass sie ruhig zusehen können, wie ihre teuersten Ambitionen sterben und ihre innigsten Hoffnungen zusammenbrechen; sie wissen mit Sicherheit, dass solche Katastrophen nur in eine neue Richtung weisende Erschütterungen sind, die ihre zeitlichen Schöpfungen vernichten, bevor mit dem Bau edlerer und dauerhafterer Realitäten auf einer neuen und erhabeneren Ebene universeller Vollbringung begonnen werden kann.

Es sollte klar gemacht werden, dass das Sich-Bekennen zu höchsten Idealen - das psychische, gefühlsmäßige und geistige Erleben des Gottesbewusstseins - ein natürliches, allmähliches Wachstum sein kann oder manchmal zu einem kritischen Zeitpunkt, wie anlässlich einer Krise, erfahren wird. Gerade eine solch plötzliche und Aufsehen erregende Bekehrung erfuhr der Apostel Paulus an jenem denkwürdigen Tag auf der Straße nach Damaskus. Gautama Siddharta machte eine ähnliche Erfahrung in jener Nacht, als er allein dasaß und in das Geheimnis letzter Wahrheit einzudringen versuchte. Viele andere machten verwandte Erfahrungen, aber viele echte Gläubige sind ohne plötzliche Bekehrung im Geiste fortgeschritten.

Wenn die mentale Mobilisierung auf jeder Ebene psychischen Verlangens nach geistiger Erfüllung absolut total geworden ist, wenn die menschliche Motivation der Treue zur göttlichen Idee vollkommen ist, dann ereignet sich sehr oft ein plötzliches Zupacken des innewohnenden Geistes, um sich mit dem konzentrierten und geweihten Vorsatz des überbewussten Geistes des gläubigen Sterblichen zu synchronisieren. Es sind solche Erfahrungen der Einigung intellektueller und geistiger Phänomene, welche die Bekehrung bilden; und diese besteht aus Faktoren, die jenseits und oberhalb rein psychischer Vorgänge liegen.

Aber Gefühlswallung allein ist eine falsche Bekehrung; man muss ebenso stark vertrauen wie fühlen. In dem Maße, wie die psychische Mobilisierung nur partiell ist, wie die Motivation der menschlichen Treue nicht vollständig ist, in dem Maße wird die Bekehrungserfahrung eine gemischte intellektuelle, gefühlsmäßige und geistige Realität sein.

Eine große Gefahr ist mit der geläufigen Praxis der religiösen Träumerei verbunden; Mystizismus kann eine Technik zur Umgehung der Realität werden, obwohl er manchmal ein Mittel echter geistiger Kommunikation gewesen ist. Kurze Perioden des Rückzugs aus den geschäftigen Szenen des Lebens bilden kaum eine ernsthafte Gefahr, aber eine länger dauernde Absonderung des Bewusstseins ist höchst unerwünscht. Unter gar keinen Umständen sollte der tranceartige Zustand visionären Bewusstseins als religiöse Erfahrung gepflegt werden.

Für den mystischen Zustand charakteristisch ist ein verschwommenes Bewusstsein mit grellen Inseln gespannter Aufmerksamkeit bei relativ passivem Intellekt. Alles Derartige zieht das Bewusstsein eher ins Unterbewusste hinab als in Richtung des Bereichs geistigen Kontaktes, ins Überbewusste. Viele Mystiker haben ihre mentale Dissoziation bis zum Auftreten abnormaler mentaler Phänomene getrieben.

Eine der Gesundheit zuträglichere Art geistiger Meditation findet man in nachdenklicher Anbetung und im Dankgebet. Die direkte Verbindung mit dem HEILIGEN GEIST, wie sie in den späteren Lebensjahren des inkarnierten Jesus stattfand, sollte nicht mit diesen so genannten mystischen Erfahrungen verwechselt werden. Die Faktoren, die zum Eintritt der mystischen Vereinigung beitragen, sind ein Hinweis auf die Gefahren solcher psychischer Zustände. Der mystische Zustand wird begünstigt durch Umstände wie: physische Ermüdung, Fasten, psychische Dissoziation, tiefe ästhetische Erlebnisse, lebhafte sexuelle Impulse, Furcht, Bangigkeit, Wut und wildes Tanzen. Ein Großteil des im Gefolge solcher Vorbereitungen an die Oberfläche geschwemmten Materials hat seinen Ursprung im Unterbewussten, also in der Domäne des Egos.

Wie günstig auch immer damals die Bedingungen für mystische Phänomene gewesen sein mögen, sollte doch klar verstanden werden, dass Jesus von Nazareth zur Verbindung mit dem VATER nie zu solchen Methoden griff. Jesus unterlag keinen unterbewussten Täuschungen oder überbewussten Illusionen.

Für den Gläubigen wird das Wort Gott zu einem Symbol, das die Annäherung an die höchste Realität und die Anerkennung göttlicher Werte bedeutet. Menschliche Vorlieben und Abneigungen bestimmen nicht, was gut und böse ist; sittliche Werte gehen nicht aus der Erfüllung von Wünschen oder aus enttäuschten Gefühlen hervor.

Bei der Betrachtung von Werten müssen wir zwischen dem unterscheiden, was ein Wert ist, und dem, was einen Wert hat. Wir müssen die Beziehung erkennen zwischen angenehmen Tätigkeiten und ihrer bedeutungsvollen Integration und gesteigerten Verwirklichung auf immer höheren Ebenen menschlicher Erfahrung.

Werte können nie statisch sein; Realität bedeutet Veränderung, Wachstum. Veränderung ohne Wachstum, ohne Bedeutungserweiterung und Steigerung der Werte - ist wertlos, potentiell übel. Je höher die Qualität kosmischer Anpassung ist, umso mehr Bedeutung besitzt jede Erfahrung. Werte sind keine vorstellungsmäßigen Illusionen, sie sind wirklich, aber sie hängen immer von der Tatsache von Beziehungen ab. Werte sind immer zugleich wirklich und potentiell - nicht was war, sondern was ist und was sein soll.

Die Verknüpfung von Wirklichem und Potentiellem ist gleich Wachstum, erfahrungsmäßige Verwirklichung von Werten. Aber Wachstum ist nicht nur Fortschritt. Fortschritt ist immer bedeutungsvoll, aber ohne Wachstum ist er relativ wertlos. Der höchste Wert des Menschenlebens besteht im Wachstum von Werten, im Fortschritt der Bedeutungen und in der Verwirklichung der kosmischen gegenseitigen Verflechtung dieser beiden Erfahrungen. Und ebendiese Erfahrung ist gleichbedeutend mit Gottesbewusstsein. Ein solcher Sterblicher wird, wenn auch nicht übernatürlich, so doch wahrhaft übermenschlich; eine unsterbliche Seele entwickelt sich.

Der Mensch kann Wachstum nicht verursachen, aber er kann günstige Bedingungen dafür schaffen. Wachstum, ob physischer, intellektueller oder geistiger Natur, geschieht immer unbewusst. Die Liebe wächst in dieser Art; sie kann nicht geschaffen, hergestellt oder gekauft werden; sie muss wachsen.

Ein Kurs in Wundern zielt nicht darauf ab, die Bedeutung der Liebe zu lehren, denn das ist jenseits dessen, was gelehrt werden kann. Er zielt vielmehr darauf ab, die Blockaden zu entfernen, die uns daran hindern, uns der Gegenwart der Liebe, die unser angestammtes Erbe ist, bewusst zu sein. Das Gegenteil von Liebe ist Angst, doch was allumfassend ist, kann kein Gegenteil haben.

Das große Problem religiösen Lebens besteht in der Aufgabe, die Seelenkräfte der Persönlichkeit durch die Herrschaft der LIEBE zu einen. Gesundheit, intellektuelle Leistungsfähigkeit und Glück ergeben sich aus der Einigung der physischen Systeme, der mentalen Systeme und der geistigen Systeme. Der Mensch versteht viel von körperlicher und mentaler Gesundheit, aber an Glück hat er wahrhaft herzlich wenig vollbracht. Das höchste Glück ist unauflöslich an geistigen Fortschritt gebunden. Geistiges Wachstum zeitigt bleibende Freude und einen Frieden, der alles Begreifen übersteigt.

Evolutionäre Religionen und offenbarte Religionen mögen sich in ihren Methoden stark voneinander unterscheiden, aber in ihrem Beweggrund sind sie sich sehr ähnlich. Religion ist keine spezifische Lebensfunktion; sie ist vielmehr eine Lebensweise. Wahre Religion ist eine rückhaltlose Hingabe an eine Realität, die in den Augen des Glaubenden für ihn selber sowie für die ganze Menschheit allerhöchsten Wert besitzt. Und die hervorstechenden Merkmale sämtlicher Religionen sind: bedingungslose Treue gegenüber höchsten Werten und völlige Hingabe an sie. Diese religiöse Hingabe an höchste Werte zeigt sich in der Beziehung einer angeblich areligiösen Mutter zu ihrem Kind und im glühenden Einstehen Nichtgläubiger für die Sache, der sie sich verschrieben haben.

Was ein Glaubender als höchsten Wert angenommen hat, mag niedrig oder gar falsch sein, aber es ist nichtsdestoweniger religiös. Eine Religion ist genau in dem Maße authentisch, wie der Wert, den sie für den höchsten hält, wirklich eine kosmische Realität von echter geistiger Gültigkeit ist.

Aber wahre Religion ist eine lebendige Liebe, ein Leben des Dienens. Die Loslösung des Gläubigen von vielem rein Zeitlichen und Trivialen führt nie zu gesellschaftlicher Isolation und sollte den Sinn für Humor nicht zerstören. Echte Religion nimmt der menschlichen Existenz nichts weg, hingegen bereichert sie das ganze Leben mit neuen Bedeutungen; sie erzeugt neue Arten von Enthusiasmus, Eifer und Mut.

Eines der erstaunlichsten Merkmale wahren religiösen Lebens ist jener dynamische und sublime Friede, jener Friede, der alles menschliche Begreifen übersteigt, jenes kosmische Gleichgewicht, das von Abwesenheit allen Zweifels und jeglicher Aufregung zeugt. Solche Ebenen geistiger Stabilität sind immun gegen Enttäuschung. Solche Gläubige sind wie der Apostel Paulus, der sagte: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder gegenwärtige noch zukünftige Dinge, weder Höhen noch Tiefen noch irgendetwas anderes uns von der Liebe Gottes wird scheiden können.“

Ein Gefühl von Sicherheit, das mit dem Erleben triumphierender Herrlichkeit einhergeht, herrscht im Bewusstsein des Gläubigen, der die Realität des Supremen erfasst hat und das Ziel des Ultimen verfolgt.

Die große Charaktervollkommenheit die Jesus von Nazareth während seines Aufenthaltes in Menschengestalt erwarb, kann jedem menschlichen Gläubigen als Vorbild dienen. Der einmalige Wesenszug der Persönlichkeit des Meisters war weniger ihre Vollkommenheit als ihre Symmetrie, ihre wunderbare und ausgewogene Einigung.

Die nie versiegende Freundlichkeit Jesu rührte die Herzen der Menschen, aber seine robuste Charakterstärke erstaunte seine Anhänger. Er war wahrhaftig aufrichtig; es gab in ihm keine Spur von Heuchelei. Er war frei von jeder Affektiertheit; er war stets von so erfrischender Echtheit. Er ließ sich nie zu Verstellung herab und nahm nie zu Täuschung Zuflucht. Er lebte die Wahrheit gerade so, wie er sie lehrte. Er war die Wahrheit.

Der Menschensohn war immer eine wohlausgewogene Persönlichkeit. Selbst seine Feinde bewahrten immer einen heilsamen Respekt vor ihm; sie fürchteten seine Gegenwart sogar. Jesus war unerschrocken. Er quoll über von göttlichem Enthusiasmus, wurde aber nie fanatisch. Er war emotional aktiv, aber nie sprunghaft. Er war imaginativ, aber immer praktisch. Er trat den Realitäten des Lebens offen gegenüber, war aber nie langweilig oder prosaisch. Er war mutig, aber nie verwegen; vorsichtig, aber nie feige. Er war mitfühlend, aber nie sentimental; einmalig, aber nicht exzentrisch. Er war fromm, aber nicht frömmelnd. Und er war so ausgewogen, weil er so vollkommen geeint war.

Jesu Originalität wurde durch nichts unterdrückt. Er war nicht durch Tradition gebunden oder durch Hörigkeit gegenüber engen Konventionen behindert. Er sprach mit zweifelsfreier Zuversicht und lehrte mit absoluter Autorität. Aber seine prachtvolle Originalität ließ ihn die Juwelen der Wahrheit in den Lehren seiner Vorgänger und Zeitgenossen nicht übersehen. Und die originellste seiner Lehren war die Betonung von Liebe und Barmherzigkeit anstelle von Furcht und Opfer.

Jesus war eine ungewöhnlich fröhliche Person, aber er war nicht blind und unvernünftig optimistisch. Seine ständige Aufforderung war: „Seid guten Mutes!“ Er konnte seine vertrauensvolle Haltung beibehalten wegen seines unerschütterlichen Vertrauens an Gott und seines unbeirrbaren Vertrauens in die Menschen. Er brachte allen Menschen stets rührende Aufmerksamkeit entgegen, weil er sie liebte und an sie glaubte. Und doch blieb er seinen Überzeugungen immer treu und war wunderbar fest in seiner Hingabe an die Ausführung des Willens seines Vaters.

Der Meister war immer freigebig. Er wurde nie müde zu sagen: „Es liegt größerer Segen im Geben als im Nehmen.“ Er sagte: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Und doch war er bei all seiner grenzenlosen Großzügigkeit nie verschwenderisch oder extravagant.

Dieser Mann aus Galiläa war nicht ein Mann der Schmerzen; er war eine von Freude erfüllte Seele. Immer wieder sagte er: „Freut euch und seid über alles fröhlich.“ Aber wenn die Pflicht es verlangte, war er willens, tapfer durch das „Tal der Todesschatten“ zu schreiten. Er war freudig, aber zugleich demütig.

Seinem Mut kam nur seine Geduld gleich. Wenn man ihn zu verfrühtem Handeln drängte, erwiderte er nur: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Er war nie in Eile; seine Fassung war sublim. Aber Irrtümer im Geiste duldete er nicht. Er fühlte sich oft mächtig gedrängt, sich gegen Dinge aufzulehnen, die dem Wohl seiner Erdenkinder zuwiderliefen. Aber seine Empörung angesichts von Irrtümern im Geiste führte ihn nie zu Zorn über den Irrenden.

Sein Mut war großartig, aber er war nie tollkühn. Seine Losung war: „Fürchtet euch nicht.“ Seine Bravour war umwerfend und sein Mut oft heroisch. Aber sein Mut war mit Diskretion verbunden und durch Vernunft beherrscht. Es war ein aus Vertrauen geborener Mut und nicht die Verwegenheit blinder Anmaßung. Er war wahrhaft unerschrocken, aber nie waghalsig.

Jesus war die vollkommen geeinte menschliche Persönlichkeit. Und heute wie damals in Galiläa fährt er fort, die menschliche Erfahrung zu einen und die Anstrengungen der Sterblichen zu koordinieren. Er eint das Leben, veredelt den Charakter und vereinfacht die Erfahrung. Er zieht in den menschlichen Geist ein, um ihn zu heben, zu verwandeln und zu verklären. Es ist buchstäblich wahr: „Hat jemand Jesus Christus in sich, ist er ein neues Geschöpf; das Alte geht dahin; siehe, alle Dinge werden neu.“

Die Wahre Natur der Religion

Die Wahre Natur der Religion und Religion als Kult, wie sie gewöhnlich verstanden wird, als evolutionäre oder formalisierte Religion, ist etwas grundsätzlich anderes. In dieser Welt gibt es die erstaunliche Tendenz, widersprüchliche Wörter in einem Begriff zu verbinden, ohne den Widerspruch überhaupt wahrzunehmen. Die Spaltung im Geiste drückt sich auch in Form der unterschiedlichen und teilweise unversöhnlichen Weltreligionen aus. Doch damit nicht genug, die Weltreligionen sind auch in sich selbst gespalten und selbst diese Gruppierungen stehen sich teilweise feindlich gegenüber. Der Versuch, die Religion zu formalisieren, ist so offensichtlich ein Egoversuch, das Unvereinbare miteinander zu vereinen, dass er hier keiner genaueren Ausführung bedarf. Wahre Religion ist Erfahrung.

Überhaupt ist der Glaube an GOTT kein wirklich sinnvolles Konzept, denn GOTT kann nur erkannt werden. Glaube beinhaltet, dass Unglaube möglich ist, aber die Erkenntnis GOTTES hat kein wirkliches Gegenteil. GOTT nicht zu erkennen heißt, keine Erkenntnis zu haben. Und ohne Erkenntnis kann man nur Glauben haben.

Auch Atheismus ist eine Religion im Sinne eines Glaubens, der eine klare Vorstellung von Gott beinhaltet, denn es kann nur an etwas nicht geglaubt werden, von dem man eine Vorstellung hat.

Es gibt tatsächlich eine wahre, echte innere Stimme, jenes wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt. Und diese geistige Führung, in Ein Kurs in Wundern als HEILIGER GEIST bezeichnet, ist verschieden von der ethischen Eingebung des menschlichen Bewusstseins. Das Gefühl religiöser Gewissheit ist mehr als ein emotionales Gefühl. Die Gewissheit der Religion übersteigt die Vernunftgründe des Verstandes und sogar die Logik der Philosophie. Wahre Religion ist Glaube, Vertrauen und Gewissheit.

Wahre Religion ist nicht ein System philosophischer Anschauungen, die man durchdenken und durch natürliche Beweise erhärten kann, noch ist sie eine phantastische, mystische Erfahrung unbeschreiblicher ekstatischer Gefühle, die nur von den romantischen Anhängern des Mystizismus genossen werden kann. Religion ist nicht das Produkt der Vernunft, aber von innen her betrachtet, ist sie ganz und gar vernünftig. Religion leitet sich nicht von der Logik menschlicher Philosophie ab, aber als eine menschliche Erfahrung ist sie ganz und gar logisch. Religion ist das Erfahren der Göttlichkeit im Bewusstsein eines sittlichen Wesens evolutionären Ursprungs; sie stellt eine wahre Erfahrung mit ewigen Realitäten im Zeitlichen dar, die Verwirklichung des Friedens GOTTES schon in Menschengestalt.

Der göttliche Geist tritt mit dem Menschen nicht über Gefühle und Emotionen in Kontakt, sondern in der Zone des höchsten und vergeistigten Denkens. Unsere Gedanken sind es, und nicht unsere Gefühle, die uns gottwärts leiten. Der Geist, der Gott tatsächlich erkennt, ist der reine Geist. Solch innere und geistige Verbindung nennt man geistige Schau oder CHRISTI Schau.

Die Tatsache der wahren Religion besteht ganz und gar in der religiösen Erfahrung. All jene Menschen, die eine derartige Erfahrung gemacht haben, brauchen keine Argumente, die für GOTTES Realität sprechen, während für alle anderen Menschen, die GOTTES nicht in dieser Weise sicher sind, kein denkbares Argument je wahrhaft überzeugend sein kann.

Die Tatsache menschlicher Erfahrung ist der Beweis, dass Offenbarung wirklich Offenbarung ist: die Tatsache, dass Offenbarung effektiv die scheinbar auseinanderklaffenden Naturwissenschaften und die Theologie der Religion miteinander in einer harmonischen und folgerichtigen Metaphysik des Lebens versöhnt.

Auch wenn das Ziel jedes spirituellen Weges die Erfahrung ist, braucht es als Basis eine wahrhaftige und klare Metaphysik, denn wenn die Metaphysik falsch ist, führt die darauf aufbauende Praxis nicht zum Erwachen.

Die Offenbarung der Wahrheit erfolgt, entweder durch direktes persönliches Wirken des HEILIGEN GEISTES, in diesem Sinne wird der Begriff in Ein Kurs in Wundern verwendet, oder durch die Selbsthingabe göttlicher Söhne an die Welt (Jesus), oder durch Offenbarungen des geschriebenen Wortes, wie sie Ein Kurs in Wundern darstellt. Ein Kurs in Wundern ist eine inspirierte Offenbarung von Jesus, der zum auferstandenen SOHN GOTTES geworden ist. Jesus ist die Manifestation des HEILIGEN GEISTES, DEN er auf die Erde herabrief, nachdem er vollständig mit dem CHRISTUS gleichgesetzt ward, dem SOHN GOTTES, wie ER IHN schuf.

Offenbarungen - im allgemeinen Sinne und nicht wie der Begriff im Kurs verwendet wird - sind nicht notwendigerweise inspiriert. Die Kosmologie der Offenbarung, aus der die hier gemachten Aussagen über die Evolution der Religion weitgehend stammen, kommt aus dem Urantia-Buch, stammt also von geistigen Entitäten, ist aber nicht inspiriert. Sie hält sich in den Grenzen zur Koordinierung und Sortierung des heutigen Wissens. Geistige oder CHRISTI Schau ist ein Wunder, aber menschliche Weisheit muss sich entwickeln. Obwohl Ausführungen über Kosmologie nie inspiriert sind, sind derartige Enthüllungen doch von immensem Wert in dem Sinne, dass sie das Wissen wenigstens vorübergehend klären.

Die Natur bietet keinen Ansatzpunkt für einen logischen Glauben an das Fortleben des menschlichen Geistes. GOTT kann durch die Natur allein nicht gefunden werden, aber wenn der Mensch ihn auf anderem Weg gefunden hat, wird das Studium der Natur ganz und gar mit einer höheren und geistigeren Interpretation des Universums vereinbar. Wenn unser Geist berichtigt ist und wir uns nicht mehr auf die Sinne des Körpers verlassen, sondern auf die Stimme für GOTT hören, dann wird Lektion 151 aus dem Kurs zu unserer alltäglichen Erfahrung: "Alle Dinge sind ein Echo der Stimme für Gott."

Jesu Lehren bildeten die erste Religion der Erde, die eine volle harmonische Koordination von Wissen, Weisheit, Glauben, Wahrheit und Liebe enthielt, dass sie gleichzeitig und vollständig gewähren konnte: Ruhe in der Zeit, intellektuelle Gewissheit, sittliche Erleuchtung, philosophische Stabilität, ethisches Feingefühl, Gottesbewusstsein und die eindeutige Gewissheit geistigen Fortlebens. Jesu Lehre wies den Weg nach der Endgültigkeit menschlicher Errettung, nach der Ultimität menschlicher Vollbringung im Universum, da er gewährte:
  1. Errettung aus den materiellen Ketten durch das persönliche Innewerden der Sohnesbeziehung zu GOTT, der Geist ist.

  2. Errettung aus intellektueller Versklavung: Der Mensch soll die Wahrheit kennen lernen, und die Wahrheit wird ihn befreien.

  3. Errettung aus geistiger Blindheit, das menschliche Gewahrwerden der Brüderlichkeit aller Universumsgeschöpfe; die Entdeckung geistiger Realität durch Dienen, und die Offenbarung der Güte der Geisteswerte durch tätige Liebe.

  4. Errettung aus der Unvollständigkeit des Selbst.

  5. Errettung vom Selbst, Erlösung aus den Begrenzungen des Selbstbewusstseins.

  6. Errettung aus der Zeit, die Erringung eines ewigen Lebens nie endenden Fortschritts in der Erkenntnis GOTTES und im Dienst an ihm.

  7. Errettung vom Endlichen, das vervollkommnete Einssein mit der Gottheit.
Jesu Erkenntnis kam dem Status eines universalen Absoluten nahe, insoweit etwas Derartiges in dem sich entwickelnden Kosmos von Zeit und Raum überhaupt manifestierbar ist. Der Mensch, der sich Jesu Lehre aneignet, kann schon in der Zeit einen Vorgeschmack von den Realitäten der Ewigkeit bekommen. Jesus machte - in menschlicher Erfahrung - die Entdeckung des VATERS, und wir irdischen Brüder können ihm in dieser selben Erfahrung der VATER-Entdeckung nachfolgen. Wir können sogar, so wie wir sind, in dieser Erfahrung mit dem VATER dieselbe Befriedigung erreichen wie Jesus, so wie er war. Jesus ist auf dem Weg vorangegangen.

Jesus war und ist der neue und lebendige Weg, über den der Mensch seine göttliche Erbschaft antreten kann, die nach des VATERS Beschluss die seine sein soll, wenn ihn bloß danach verlangt. Jesus bleibt ein ERLÖSER, weil er das Falsche sah, ohne es als wahr zu akzeptieren. Und CHRISTUS brauchte seine Gestalt, auf dass ER Menschen erscheinen und sie aus ihren eigenen Illusionen erlösen konnte. In Jesus zeigen sich im Überfluss Anfang und Ende der Glaubenserfahrung der Menschheit. Doch es genügt nicht bloß ein Fan von Jesus zu sein, sondern es braucht die bedingungslose Bereitschaft zur Nachfolge.

In seiner vollständigen Identifikation mit dem CHRISTUS - dem vollkommenen SOHN GOTTES, SEINER einen Schöpfung und SEINEM Glück, für immer wie ER SELBST und eins mit IHM - wurde Jesus zu dem, was wir alle sind. Er ging auf dem Weg voran, auf dass wir ihm folgen. Er führt uns zu GOTT zurück, weil er die Straße vor sich sah und ihr folgte. Er traf eine klare Unterscheidung, die für uns immer noch verschleiert ist, zwischen dem Falschen und dem Wahren. Er hat uns eine endgültige Demonstration geboten, dass es unmöglich ist, GOTTES SOHN zu töten; noch kann sein Leben in irgendeiner Weise durch Sünde und das Übel, Böswilligkeit, Angst oder Tod verändert werden.

Die Fundamente Religiösen Glaubens

Zu Überzeugungen über Gott kann man durch weise Überlegung gelangen, aber das Wissen um Gott erlangt der Einzelne nur durch persönliche Erfahrung. Bei vielem, was das Leben betrifft, muss man mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, aber wenn es sich um den Kontakt mit der kosmischen Realität handelt, kann man Gewissheit erfahren, wenn man sich solchen Bedeutungen und Werten durch lebendiges Gottvertrauen nähert. Der Gott kennende Mensch wagt zu sagen „Ich weiß“, selbst wenn dieses Wissen um Gott durch den Unwissenden in Frage gestellt wird, der eine solche Gewissheit verneint, weil sie nicht gänzlich auf intellektueller Logik beruht. Jedem derartigen Zweifler antwortet der Wissende nur: „Wie weißt du, dass ich nicht weiß?“

Gott ist die erste Wahrheit und die letzte Tatsache; deshalb hat alle Wahrheit ihren Ursprung in ihm, während alle Tatsachen in Beziehung zu ihm existieren. Gott ist absolute Wahrheit. Deshalb lehrt uns Jesus in EKIW: "Vielleicht wird es hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass sich niemand über eine Tatsache ärgern kann. Es ist immer eine Deutung, die negative Gefühle aufkommen lässt."

Der überzeugende Beweis dieser geistigen Gewissheit besteht in den sozialen Früchten des Geistes, die solche Menschen aufgrund dieser echten geistigen Erfahrung hervorbringen. Jesus sagte: „Wenn ihr eure Nächsten liebt, wie ich euch geliebt habe, werden alle Menschen wissen, dass ihr meine Jünger seid.“

Für die Wissenschaft ist Gott eine Möglichkeit, für die Psychologie eine Wünschbarkeit, für die Philosophie eine Wahrscheinlichkeit, für die Religion eine Gewissheit, eine Wirklichkeit religiöser Erfahrung. Der Materialismus setzt den Wert des menschlichen Lebens herab; das Evangelium Jesu erhöht jeden Sterblichen auf unerhörte Weise und vergöttlicht ihn. Die menschliche Existenz muss als etwas angesehen werden, das aus der fesselnden und faszinierenden Erfahrung besteht, sich der Realität der Begegnung zwischen menschlichem Aufschwung und göttlichem, rettendem Herabbeugen bewusst zu werden.

Es ist wahr, dass aus nichtreligiösen Wurzeln viele anscheinend religiöse Wesenszüge wachsen können. Der Mensch kann in seinem Intellekt Gott verneinen und trotzdem sittlich gut, treu, ein guter Sohn, ehrlich und gar idealistisch sein. Der Mensch kann seiner zugrunde liegenden geistigen Natur viele rein humanistische Zweige aufpfropfen und damit scheinbar seine Behauptungen über eine Religion ohne Gott beweisen, aber solch eine Erfahrung ist ohne Fortlebenswerte, ohne Kenntnis Gottes und ohne Aufstieg zu Gott. In einer solchen menschlichen Erfahrung erscheinen nur soziale, aber keine geistigen Früchte.

Der Gott Kennende ist nicht jemand, der für Schwierigkeiten blind wäre oder Hindernisse nicht gewahren würde, die einem Finden Gottes angesichts des Irrgartens aus Aberglauben, Tradition und materialistischen Tendenzen der modernen Zeit im Wege stehen. Er ist all diesen Abschreckungsmitteln begegnet und hat über sie gesiegt, sie durch lebendiges Gottvertrauen überwunden und ihnen zum Trotz das Hochland geistiger Erfahrung betreten. Aber es ist wahr, dass viele, die Gottes in ihrem Inneren sicher sind, sich davor fürchten, solche Gefühle der Gewissheit laut auszusprechen wegen der Vielzahl und Gerissenheit jener, die Einwände gegen das Vertrauen in Gott zusammentragen und die damit verbundenen Schwierigkeiten aufbauschen. Es braucht keine große Tiefe des Intellekts, um Schwachpunkte aufzugreifen, Fragen zu stellen oder Einwände zu erheben. Hingegen bedarf es eines glänzenden Verstandes, um auf solche Fragen zu antworten und solche Schwierigkeiten zu lösen; Glaubensgewissheit ist die größte Technik, um mit all diesen oberflächlichen Anfechtungen zurechtzukommen. Dabei geht es jedoch nicht darum, auswendig gelernte Konzepte herunterzubeten, sondern darum den Geist für den Heiligen Geist zu öffnen und den Verstand seiner Führung zu unterstellen.

Der stärkste Beweis für die Realität und Wirksamkeit der Religion liegt in der Tatsache der menschlichen Erfahrung, nämlich darin, dass der Mensch, von Natur aus furchtsam und argwöhnisch, mit einem angeborenen starken Selbsterhaltungstrieb ausgestattet und sich nach einem Fortleben nach dem Tode sehnend, gewillt ist, die wesentlichsten Interessen seiner Gegenwart und Zukunft der Obhut und Leitung jener Macht anzuvertrauen, die sein Glaube mit Gott bezeichnet. Das ist die zentrale Wahrheit aller Religion. Aber hinsichtlich dessen, was diese Macht vom Menschen im Gegenzug für seine Behütung und schließliche Errettung verlangt, sind sich nicht zwei Religionen einig; in der Tat sind sie alle mehr oder weniger verschiedener Meinung.

Die Unterschiede zwischen den Religionen verschiedener Zeitalter hängen allein von den Unterschieden im menschlichen Erfassen der Realität ab und von der unterschiedlichen Einstufung sittlicher Werte, ethischer Beziehungen und geistiger Realitäten.

Während die persönliche Religion der Entwicklung menschlicher Sittlichkeit vorauseilt, ist es eine bedauerliche Tatsache, dass die institutionelle Religion ausnahmslos den sich langsam verändernden Sitten der menschlichen Völker nachgehinkt ist. Organisierte Religion hat sich als konservativ träge erwiesen. Im Allgemeinen haben die Propheten das Volk zu religiöser Entwicklung geführt, während die Theologen es gewöhnlich zurückgehalten haben. Da Religion eine Angelegenheit innerer oder persönlicher Erfahrung ist, kann sie sich nie sehr weit über die intellektuelle Evolution der Völker hinausentwickeln.

Immer und ewig wurzelt Religion in persönlicher Erfahrung und gründet auf ihr. Und unsere höchste Religion, das Leben Jesu, war gerade solch eine persönliche Erfahrung: der Mensch, der sterbliche Mensch, der Gott sucht und ihn während eines einzigen kurzen Erdenlebens in Fülle findet, während in derselben menschlichen Erfahrung Gott erschien, der den Menschen suchte und ihn fand. Und das ist Religion, ja sogar die höchste bis dahin in unserem Universum offenbarte Religion - das irdische Leben Jesu von Nazareth.

Die Realität Religiöser Erfahrung

Die Einheit religiöser Erfahrung ist auf die identische Natur des dem Einzelnen innewohnenden Gottesfragmentes zurückzuführen. Es ist dieses Göttliche im Menschen, was sein selbstloses Interesse am Wohlergehen anderer Menschen entstehen lässt. Aber da die Persönlichkeit einmalig ist - keine zwei Menschen sind sich gleich - folgt daraus zwangsläufig, dass keine zwei menschlichen Wesen die Weisungen und Impulse des in ihrem Verstand wohnenden göttlichen Geistes gleich interpretieren werden. Eine Gruppe von Menschen kann eine geistige Einheit erfahren, aber nie zu philosophischer Uniformität gelangen.

Wenn ein Mensch mit der religiösen Philosophie eines anderen Menschen voll übereinstimmt, zeigt dieses Phänomen, dass diese beiden Wesen in den Dingen, auf die sich ihre gleichartige philosophische religiöse Interpretation bezieht, eine gleiche religiöse Erfahrung gehabt haben.

Zwar ist unsere Religion eine Sache persönlicher Erfahrung, aber es ist äußerst wichtig, dass wir mit einer großen Zahl verschiedener Interpretationen anderer Menschen bekannt werden, um unser religiöses Leben davor zu bewahren, egozentrisch zu werden - eng, eigensüchtig und asozial.

Es fällt den Menschen viel leichter, über religiöse Werte - Ziele - einer Meinung zu sein als über Glaubensvorstellungen - Interpretationen. Und das erklärt, weshalb Religion sich in Werten und Zielen einig sein kann, während sie das verwirrende Schauspiel bietet, an Hunderte von sich bekämpfenden Vorstellungen - Kredos - zu glauben. Und das erklärt auch, weshalb eine gegebene Person an ihrer religiösen Erfahrung festhalten kann, obwohl sie viele ihrer religiösen Überzeugungen aufgibt oder ändert.

Alles wird ganz einfach, wenn Erlösung unser einziges Ziel ist. Wenn wir in jeder Situation nur dieses eine wahre Ziel sehen, sie wird es ein Mittel sein, nur dies zu bringen. Wenn wir die Wahrheit als Ziel für unsere Beziehungen akzeptieren, werden wir sicher zu einem Friedensbringer. Dann wird sich unser Ziel nie verändern, denn wir haben angenommen, was sich niemals ändern kann. Unsere Befreiung ist gewiss. Wir geben so, wie wir empfangen haben. Und zeigen auf, dass wir uns weit über jede Situation erhoben haben, die uns zurück - und von IHM getrennt halten könnte, auf DESSEN Ruf wir geantwortet haben.

Schon bevor die Religion in das menschliche Bewusstsein eintritt, wirkt sie im menschlichen Verstand und ist als Erfahrung verwirklicht worden. Ein Kind hat bereits etwa neun Monate lang existiert, bevor es die Erfahrung der Geburt macht. Aber die „Geburt“ der Religion ist nichts Plötzliches; es handelt sich vielmehr um ein allmähliches Erwachen. Trotzdem gibt es früher oder später einen „Tag der Geburt“ (siehe Filmanalyse von Die Truman Show). Man findet keinen Eintritt ins Königreich des Himmels, außer man sei „wiedergeboren“ - aus dem Geiste geboren. Viele geistige Geburten sind von großer geistiger Angst und ausgeprägten psychologischen Störungen begleitet, gerade so wie viele physische Geburten durch „starke Wehen“ und andere Anomalien der „Entbindung“ gekennzeichnet werden. Andere geistige Geburten sind ein natürliches und normales Wachstum des Erkennens höchster Werte, einhergehend mit einer verstärkten geistigen Erfahrung, obwohl keine religiöse Entwicklung ohne bewusste Anstrengung und eindeutige individuelle Entscheidungen vor sich geht. Religion ist nie eine passive Erfahrung, eine negative Haltung.

Aber all jene, die von ihren Eltern so erzogen wurden, dass sie im Bewusstsein aufwuchsen, die Kinder eines liebenden himmlischen Vaters zu sein, sollten jene Mitmenschen nicht scheel ansehen, die nur durch eine psychologische Krise, einen Gefühlsaufruhr zu einem solchen Bewusstsein der Kameradschaft mit Gott gelangen konnten.

Der evolutionäre Boden des menschlichen Gemütes, in dem der Samen offenbarter Religion keimt, ist die sittliche Natur, die schon so früh ein soziales Bewusstsein entstehen lässt. Die ersten Eingebungen der sittlichen Natur eines Kindes haben nichts mit Geschlecht, Schuld oder persönlichem Stolz zu tun, sondern sind Regungen der Gerechtigkeit und Fairness, der Drang, Liebes zu tun, seinen Mitmenschen zu helfen. Und wenn solch ein frühes sittliches Erwachen unterstützt wird, findet eine allmähliche Entwicklung des religiösen Lebens statt, das von Konflikten, Erschütterungen und Krisen vergleichsweise frei ist.

Jedes menschliche Wesen erlebt schon sehr früh so etwas wie einen Konflikt zwischen seinen selbstsüchtigen und seinen altruistischen Regungen, und viele Male gelangt man zur ersten Erfahrung von Gottesbewusstsein, nachdem man zur Lösung solch sittlicher Konflikte übermenschliche Hilfe gesucht hat.

Die Psychologie eines Kindes ist von Natur aus positiv und nicht negativ. So viele Sterbliche sind negativ, weil man sie so erzogen hat. Wenn wir sagen, dass das Kind positiv ist, beziehen wir uns auf seine sittlichen Impulse, jene mentalen Kräfte, deren Erwachen die Ankunft des Heiligen Geistes verrät.

Sittliche Entscheidungen sind gewöhnlich mehr oder weniger von sittlichen Konflikten begleitet. Und der allererste Konflikt im kindlichen Verstand entsteht zwischen dem Drängen des Egoismus und den Regungen der Selbstlosigkeit. Der Heilige Geist übersieht den Wert des egoistischen Motivs für die Persönlichkeit nicht, aber er arbeitet im Sinne einer leichten Bevorzugung des selbstlosen Impulses, der zum Ziel menschlichen Glücks und zu den Freuden des Himmelreichs führt.

Wenn sich ein sittliches Wesen, das den Drang zu egoistischem Handeln verspürt, zu selbstlosem Handeln entschließt, ist das eine primitive religiöse Erfahrung. Kein Tier kann eine solche Wahl treffen; solch eine Entscheidung ist sowohl menschlich als auch religiös. Sie schließt die Tatsache des Gottesbewusstseins ein und lässt den Impuls zu sozialem Dienen, der Grundlage menschlicher Brüderlichkeit, erkennen. Wenn sich der Verstand in einem freien Willensakt für ein echt sittliches Urteil entscheidet, ist solch eine Entscheidung eine religiöse Erfahrung.

Aber bevor sich ein Kind genügend entwickelt hat, um sittliche Fähigkeiten zu erwerben und deshalb den selbstlosen Dienst wählen zu können, hat es bereits eine starke, gut geeinte egoistische Natur entwickelt. Und die Tatsache dieser Situation lässt die Theorie vom Kampf zwischen der „höheren“ und der „niedrigeren“ Natur entstehen, zwischen dem „alten sündigen Menschen“ und der „neuen Natur“ der Gnade. Dies ist der scheinbare Kampf von der Dunkelheit gegen das Licht. Es ist ein Prozess im Geiste des Menschen und kein Kampf gegen dunkle Mächte im Außen. Außerdem ist es nur ein scheinbarer Kampf, weil die Dunkelheit eine Illusion ist. Wer sich wahrhaftig dem Licht zuwendet wird zur Erkenntnis gelangen, dass es keine Dunkelheit gibt und nie gegeben hat.

Der Mensch neigt dazu, den Trieb, sich selbst zu dienen, mit seinem Ich - mit sich selber - zu identifizieren. Im Gegensatz dazu identifiziert er den Willen, selbstlos zu sein, eher mit einem von außen kommenden Einfluss - mit Gott. Und in der Tat hat er mit seinem Urteil recht, denn alle derartigen selbstlosen Wünsche entspringen wirklich den Weisungen des Heiligen Geistes. Der Impuls des geistigen Mentors wird im menschlichen Bewusstsein als das Verlangen wahrgenommen, selbstlos, auf das Wohl seiner Mitgeschöpfe bedacht zu sein. Wenigstens ist dies die frühe, grundlegende Erfahrung des kindlichen Gemütes. Wenn dem heranwachsenden Kind die Einigung der Persönlichkeit misslingt, kann ein fehlgeleitetes Bewusstsein für manchen Konflikt, für viel Sorgen und Leid und menschliches Unglück ohne Ende verantwortlich werden.

Der charakteristische Unterschied zwischen einem gesellschaftlichen Ereignis und einer religiösen Versammlung besteht darin, dass die religiöse im Kontrast zur weltlichen Veranstaltung von einer Atmosphäre geistiger Verbundenheit durchdrungen ist. Auf diese Weise erzeugt ein menschlicher Zusammenschluss ein Gefühl der Verbindung mit dem Göttlichen, und das ist der Beginn der Anbetung in der Gruppe. Die Teilnahme an einem gemeinsamen Mahl war die früheste Art sozialer Verbindung mit Gott, und so sorgten die frühen Religionen dafür, dass ein Teil des zeremoniellen Opfers von den zur Anbetung Versammelten verspiesen wurde. Selbst im Christentum behält des Herrn Abendmahl diese Art der Verbindung bei. Jesus hatte sich dieses Mittels bedient, aber sein Ziel war es nicht, sein Blut und Fleisch zu teilen, sondern die Menschen dazu zu bringen, zumindest während der Mahlzeiten innezuhalten und sich mit Gott zu verbinden. Die Mahlzeiten sollten als Hilfsmittel dienen, damit die Menschen sich regelmäßig an seine Lehre erinnern würden. Die Atmosphäre des gemeinsamen Teilens gewährt eine erfrischende und stärkende Atempause im Konflikt des sich selbst suchenden Ego mit dem altruistischen Drängen des innewohnenden geistigen Mentors. Und das ist das Vorspiel zu wahrer Anbetung - der Praxis, sich der Gegenwart Gottes stets bewusst zu sein - die zum Erwachen der Bruderschaft unter den Menschen führt.

Schuldgefühl (nicht die Idee der Sünde) kommt entweder von unterbrochener geistiger Verbindung oder einer Herabwürdigung der eigenen sittlichen Ideale. Befreiung aus einer solch misslichen Lage kann nur die Erkenntnis bringen, dass unsere höchsten sittlichen Ideale nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit dem Willen Gottes sind. Der Mensch kann nicht hoffen, auf der Höhe seiner erhabensten Ideale zu leben, aber er kann seinem Vorsatz treu bleiben, Gott zu finden und ihm immer mehr zu gleichen.

Jesus fegte alles Opfer- und Sühnezeremoniell hinweg. Er zerstörte die Grundlage all dieser fiktiven Gefühle der Schuld und des Alleinseins im Universum durch seine Erklärung, dass der Mensch ein Kind Gottes ist; dadurch wurde die Geschöpf-Schöpfer-Beziehung auf das Kind-Eltern-Fundament gestellt. Gott wird für seine sterblichen Söhne und Töchter zu einem liebenden Vater. Alles Zeremonielle, das nicht ein berechtigter Teil dieser innigen Familienbeziehung ist, wurde für immer abgeschafft.

Das Idee-Ideal, anderen Gutes zu tun - der Impuls, seinem Nächsten zuliebe dem Ego etwas zu versagen - hält sich am Anfang in sehr engen Grenzen. Der primitive Mensch betrachtet als seine Nächsten nur die ihm sehr nahe Stehenden und freundlich Gesinnten; mit dem Fortschritt der religiösen Zivilisation erweitert sich die Vorstellung vom Nächsten und schließt den Klan, den Stamm und die Nation ein. Und dann dehnte Johannes der Täufer ihren Gültigkeitsbereich auf die ganze Menschheit aus, dermaßen, dass wir sogar unsere Feinde lieben sollen. Wenn Johannes der Täufer sagt, man solle seinen Feind so lieben wie sich selbst, geht es nicht um ein soziales Verhalten, um keine Gesellschaftsveränderung, keine Verbesserung der Verhältnisse, sondern darum, uns ein umfassenderes Gefühl von unserem Dasein und unserem Bewusstsein zu geben. Johannes der Täufer hebt den Feind nur deshalb hervor, weil wir, sobald wir den Feind einbeziehen können, auch alles Übrige einbeziehen können - wieso dann noch irgendwas ausschließen? Was Johannes der Täufer unter Liebe versteht, ist kein Tun, sondern ein Geisteszustand. Wenn das Lieben kein Akt ist, wenn es eine Geistesverfassung ist, dann geht es nicht um Feind oder Freund – wir lieben einfach. Und im Inneren jedes normalen Menschenwesens gibt es etwas, das ihm sagt, dass diese Lehre sittlich - richtig - ist. Selbst diejenigen, die diesem Ideal am wenigsten nachleben, lassen gelten, dass es theoretisch richtig ist.

In Ein Kurs in Wundern korrigiert Jesus die alte Vorstellung von der Feindesliebe: „An Feinde glauben ist deshalb an Schwäche glauben, und was schwach ist, ist nicht der WILLE GOTTES.“ „Wenn ich mir selbst vergeben und mich daran erinnert habe, WER ich bin, werde ich alles und jeden segnen, den ich sehe. Es wird keine Vergangenheit geben - und deshalb keine Feinde. Ich werde mit Liebe auf alles schauen, was ich vorher nicht sehen konnte.“ Mit anderen Worten: Wenn wir an Feinde glauben, müssen wir beten, aber nicht für unsere Feinde, sondern für die Berichtigung unserer Wahrnehmung von Feinden.

Die menschliche Interpretation der frühen Konflikte zwischen Ego-Willen und anders-als-eigensüchtigem Willen ist allerdings nicht immer zuverlässig. Am Beginn des Weges ist es mitunter schwierig zwischen der lauten Stimme des Egos und der leisen inneren Stimme für GOTT zu unterscheiden. Nur ein schon recht gut geeintes Bewusstsein kann Schiedsrichter sein im vielgestaltigen Widerstreit der Ego-Sehnsüchte mit dem knospenden religiösen Bewusstsein.

Menschliches Glück wird nur erreicht, wenn der Ego-Wunsch des Selbst und das selbtslose Drängen des höheren Selbst (des göttlichen Geistes) durch den geeinten Willen der integrierenden und überwachenden Bewusstseins miteinander koordiniert und versöhnt werden. Der Verstand des evolutionären Menschen sieht sich ständig mit dem verwickelten Problem konfrontiert, zu entscheiden im Streit zwischen der natürlichen Expansion emotionaler Impulse und dem sittlichen Wachstum selbstloser Regungen, die auf geistiger Schau gründen. Jesus spielte auf dieses Paradox an, als er sagte: „Wer immer sein Leben rettet, wird es verlieren, aber wer immer sein Leben um des Himmelreichs willen verliert, wird es finden.“

Die Verfolgung des einzig wahren Ziels - das Streben nach der Einheit mit GOTT - ist eine ständige Anstrengung, vor dem natürlichen Tode und danach. Das Leben nach dem Tode unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von der irdischen Existenz. Alles Wahrhaftige, das wir in diesem Leben tun, trägt direkt zu einer Bereicherung des künftigen Lebens bei. Wirkliche Religion fördert nicht sittliche Überempfindlichkeit und geistige Trägheit, indem sie die leere Hoffnung unterhält, das Durchschreiten der Pforte des natürlichen Todes genüge, um mit allen Tugenden eines edlen Charakters beschenkt zu werden. Wahre Religion verringert keineswegs die menschlichen Bemühungen um Fortschritt während der irdischen Lebensfrist. Jeder Gewinn des Sterblichen trägt direkt zur Bereicherung der ersten Stadien der Fortlebenserfahrung als Unsterblicher bei.

Es trägt den Menschen aus sich und weit über sich hinaus, wenn ihm einmal voll zum Bewusstsein kommt, dass in ihm etwas lebt, das ewig und göttlich ist. Und so kommt es, dass ein lebendiger Glaube an den übermenschlichen Ursprung unserer Ideale unsere Vorstellung, dass wir die Söhne Gottes sind, bestätigt und unsere selbstlosen Überzeugungen, die Gefühle menschlicher Brüderlichkeit, wirklich werden lässt.

In seinem geistigen Bereich, besitzt der Mensch tatsächlich einen freien Willen - die einzige Freiheit die Freiheit der Wahl - immer zwischen zwei Wahlmöglichkeiten oder zwei Stimmen - vom HEILIGEN GEIST oder vom Ego. Der sterbliche Mensch ist weder ein hilfloser Sklave der unnachgiebigen Souveränität eines allmächtigen Gottes noch das Opfer der hoffnungslosen Fatalität eines mechanistischen kosmischen Determinismus. Der Mensch ist im wahrhaftigsten Sinne der Architekt seiner eigenen ewigen Bestimmung.

Der Verstand - Schauplatz des Wählens

Obwohl das Wirken des Heiligen Geistes geistiger Natur ist, muss er all seine Arbeit zwangsläufig auf einer intellektuellen Grundlage verrichten. Der materielle Verstand ist der Schauplatz, wo die menschlichen Persönlichkeiten leben, ihrer selbst bewusst sind, Entscheidungen treffen, Gott wählen oder sich von ihm abwenden.

Die materielle Evolution hat uns eine Lebensmaschine, unseren Körper, zur Verfügung gestellt; der Vater selber hat uns mit der reinsten im Universum bekannten geistigen Realität, mit dem Heiligen Geist ausgestattet. Aber in unsere Hände ist der Verstand gelegt worden, der unseren eigenen Entscheidungen unterworfen ist. In diesem Verstand und mittels dieses Verstandes treffen wir jene sittlichen Entscheidungen, die uns befähigen, dem Heiligen Geist ähnlich zu werden, was heißt, Gott ähnlich zu werden.

Der sterbliche Verstand ist ein vorübergehendes intellektuelles System, das den menschlichen Wesen für die Dauer eines materiellen Lebens zum Gebrauch geliehen ist, und je nachdem, wie wir diesen Verstand benutzen, akzeptieren oder verwerfen wir unser Entwicklungspotential. Der Verstand ist so ziemlich das Einzige, das unserem Willen unterworfen ist.

"Die Einführung der Vernunft in das Gedankensystem des Ego ist der Anfang von dessen Aufhebung, denn die Vernunft und das Ego widersprechen einander."
(EKIW: Kapitel 22, III. 1. 1.)

"Vernunft an sich ist nicht Erlösung, aber sie schafft Platz für den Frieden und versetzt dich in einen Geisteszustand, in dem Erlösung dir gegeben werden kann."
(EKIW: Kapitel 22, III. 3. 1.)

Das menschliche Bewusstsein arbeitet im Verstand, dessen es bewusst ist. Und nicht so sehr das, was der Verstand versteht, als das, was der Verstand zu verstehen wünscht, ist entscheidend. Nicht so sehr, wie der Verstand ist, als wie er sich zu sein anstrengt, bedeutet eine Identifikation mit dem Geist. Nicht so sehr die Tatsache, dass der Mensch sich Gottes bewusst ist, als dass er sich nach Gott sehnt, hat den Aufstieg zur Folge. Was wir heute sind, ist weniger wichtig, als was wir Tag für Tag und in der Ewigkeit werden.

Der Verstand ist das kosmische Instrument, auf dem der menschliche Wille die Missklänge der Zerstörung spielen kann, oder dem derselbe menschliche Wille die erlesenen Melodien der Identifikation mit Gott und des daraus folgenden ewigen Fortlebens entlocken kann. Der dem Menschen geschenkte Heilige Geist ist letztlich gegen alles Schlechte gefeit und des Irrtums unfähig, aber der menschliche Verstand kann durch das Ränkespiel eines perversen und eigensüchtigen menschlichen Willens verdreht, verbogen, schlecht und hässlich werden. Ebenso kann derselbe Verstand im Einvernehmen mit dem vom Geist erleuchteten Willen eines Gott kennenden Menschenwesens edel, schön, wahr und gut - wirklich groß - werden.

Die hier verwendeten Begriffe wie gut und schlecht stellen keine Wirklichkeit dar, sondern sind lediglich als anschauliche Hinweise auf Irrtum beziehungsweise Wahrheit zu verstehen. Es gibt scheinbar den Irrtum und es gibt die Wahrheit. Nur die Wahrheit ist wahr. Die Wahrheit ist. Innerhalb der Illusion gibt es zwei Gedankensysteme, das des Egos und das des reinen Geistes. Zwischen diesen beiden gibt es keinen Berührungspunkt. Sie sind völlig gegensätzlich zueinander. Deshalb ist der Wechsel von einem zum anderen naturgemäß ein äußerst herausfordernder Prozess und eine Zeit voller innerer Widersprüche.

Gänzlich stabil und verlässlich ist der evolutionäre Verstand nur, wenn er sich an den beiden extremen Enden der kosmischen Intellektualität manifestiert - dem völlig mechanisierten und dem durch und durch vergeistigten. Zwischen den intellektuellen Extremen rein mechanischer Kontrolle und wahrer geistiger Natur befindet sich das gewaltige Heer der sich entwickelnden und aufsteigenden Verstandeswesen, deren Stabilität und Ruhe von unserer persönlichen Wahl und Identifikation mit dem Geiste abhängen. Für einen Menschen mit einem rein mechanistischen Weltbild erscheinen spirituelle Sucher daher ganz natürlich als verrückt. Und das sind sie in gewisser Weise auch, denn sie schwanken zwischen zwei Weltanschauungen und ihre Ansichten sind daher voller Widersprüche. Das ist das menschliche Paradoxon, dem jeder Mensch auf seinem Weg zu Gott begegnet. Unser innerer Friede auf unserem Weg hängt davon ab, ob wir der Stimme des Egos oder der Stimme für GOTT folgen.

Aber der Mensch übergibt dem Heiligen Geist seinen Willen nicht in passiver, sklavischer Weise. Vielmehr entschließt er sich, dessen Führung aktiv und in positivem und kooperativem Geiste zu folgen, wenn ihm bewusst wird, dass diese Führung von den Wünschen und Impulsen des natürlichen menschlichen Verstandes abweicht. Der Heilige Geist manipuliert wohl den Verstand des Menschen, beherrscht ihn aber nie gegen seinen Willen; für den Heilige Geist steht der menschliche Wille zualleroberst. Er achtet ihn hoch und respektiert ihn, während er sich bestrebt, auf dem beinah unbegrenzten Kampfplatz des sich entwickelnden menschlichen Intellektes die geistigen Ziele der Berichtigung und der Charakterverwandlung zu erreichen.

Der Verstand ist unser Schiff, der Heilige Geist unser Lotse, und der menschliche Wille ist der Kapitän. Der Herr über das menschliche Boot sollte die Weisheit haben, es dem göttlichen Lotsen vertrauensvoll zu überlassen, im Prozess der Berichtigung. Nur aus Eigensucht, Trägheit und Verblendung kann der menschliche Wille die Führung eines so liebevollen Lotsen ablehnen, kann die irdische Laufbahn an den üblen Klippen zurückgewiesener Barmherzigkeit und an den Felsen bejahten Irrtums Schiffbruch erleiden. Mit unserem Einverständnis wird uns dieser treue Lotse unversehrt durch die Sperren der Zeit und die Behinderungen des Raums zur Quelle führen.

Bedeutungen werden abgeleitet aus einer Kombination von sensorischen Wahrnehmen und Verstehen. In einer restlos sensorischen oder materiellen Welt gibt es keine Bedeutungen. Bedeutungen und Werte werden nur in den inneren oder übermateriellen Sphären der menschlichen Erfahrung wahrgenommen.

Die Lektionen 1 und 2 von EKIW lauten: „Nichts, was ich sehe, bedeutet etwas.“ „Ich habe allem, was ich sehe, die gesamte Bedeutung gegeben, die es für mich hat.“

Nur auf den höheren Ebenen des überbewussten Verstandes, wo dieser an das geistige Reich menschlicher Erfahrung grenzt, kann man jene höheren Konzepte zusammen mit wirksamen Haupt-Urmustern finden, die zum Bau einer besseren und dauerhafteren Zivilisation beitragen werden. Das individuelle Bewusstsein ist von Natur aus schöpferisch, aber es kann nur im Innenleben des Einzelnen schöpferisch wirken.

Glück und Freude entspringen dem inneren Leben. Wahre Freude kann nicht allein erfahren werden. Ein einsames Leben ist für das Glück unheilvoll. Selbst Familien und Nationen werden sich stärker am Leben freuen, wenn sie es mit anderen teilen.

Die Lektionen 93 und 355 in EKIW lauten: „Licht und Freude und Friede weilen in mir.“ „Aller Friede und alle Freude und alle Wunder, die ich geben werde, haben kein Ende, wenn ich GOTTES WORT annehme.“

Wir können die äußere Welt - unser Umfeld - nicht vollständig kontrollieren. In Wahrheit können wir sie persönlich gar nicht kontrollieren, aber es gibt einen gewissen Bereich der scheinbaren Kontrolle. Unserer Führung am stärksten unterworfen ist die Kreativität der inneren Welt, weil unser "individuelles Bewusstsein" dort so weitgehend von den Fesseln der weltlichen Gesetze von Ursache und Wirkung befreit ist. Mit den individuellen Bewusstsein ist eine begrenzte Souveränität des Willens verbunden.

Die Entscheidung für den Vaterwillen ist das geistige Finden des Geist-Vaters durch den sterblichen Menschen. Diese Wahl besteht nicht so sehr in der Verneinung des Geschöpfeswillens - „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ - als in der positiven Bekräftigung des Geschöpfes: „Es ist mein Wille, dass der deine geschehe.“ Lektion 102 in EKIW lautet daher: "Ich teile den WILLEN GOTTES, DER mein Glück will." Und ist diese Wahl einmal getroffen, wird der sich für Gott entscheidende Sohn früher oder später die innere Vereinigung mit dem ihn bewohnenden Fragment Gottes finden, und derselbe sich vervollkommnende Sohn wird höchste persönliche Erfüllung in der anbetenden Verbindung der menschlichen Persönlichkeit mit seinem Schöpfer finden: Es ist die Geburt einer neuen ewigen Partnerschaft zwischen dem Willen des Menschen und dem Willen Gottes.

Das menschliche Paradox

“Erlösung ist fürwahr ein Paradox! Was könnte sie denn sein außer einem glücklichen Traum? Sie bittet dich nur darum, alles zu vergeben, was niemand je getan hat; zu übersehen, was nicht da ist; und auf Unwirkliches nicht als Wirklichkeit zu schauen. Du wirst nur gebeten, zuzulassen, dass dein Wille geschehe, und nicht länger nach Dingen zu suchen, die du nicht willst. Und du wirst gebeten, zuzulassen, dass du frei von allen Träumen über das bist, was du niemals warst, und nicht mehr zu suchen, GOTTES WILLEN durch die Stärke eitler Wünsche zu ersetzen.”
(EKIW: Kapitel 30, IV. 7.)

Dem sterblichen Menschen erwachsen viele seiner zeitlichen Schwierigkeiten aus seiner zweifachen Beziehung zum Kosmos. Der Mensch ist ein Teil der Natur - er existiert in der Natur - und doch ist er fähig, die Natur zu transzendieren. Der Mensch ist endlich, aber er wird von einem Funken der Unendlichkeit bewohnt. Diese doppelte Situation liefert nicht nur das Potential zum Üblen, sondern schafft auch viele gesellschaftliche und sittliche Situationen, die mit viel Unsicherheit und recht großer Angst verbunden sind.

Der Mut, den es zur Bezwingung der Natur und zur Transzendierung des Selbst braucht, ist ein Mut, welcher den Versuchungen des Hochmutes erliegen könnte. Der Mensch, der sein Selbst transzendieren kann, könnte der Versuchung nachgeben, sein eigenes Selbstbewusstsein zu vergöttlichen.

Das Dilemma des Sterblichen liegt in der doppelten Tatsache, dass der Mensch in den Fesseln der Natur liegt und zugleich eine einmalige Freiheit besitzt - die Freiheit geistigen Wählens. Auf den materiellen Ebenen sieht sich der Mensch der Natur unterworfen, während er auf geistigen Ebenen über die Natur und alle zeitlichen und endlichen Dinge triumphiert. Ein solches Paradox ist untrennbar verbunden mit Versuchung, potentiell Üblem und Entscheidungsirrtümern; und wenn das Selbst hochmütig und arrogant wird, führt dies zu Verstärkung des zentralen Irrtums, anstatt zur Erlösung.

"Nichts, was die Augen des Körpers zu sehen scheinen, kann irgend etwas anderes als eine Form der Versuchung sein, weil dies der Sinn und Zweck des Körpers selber war. Doch haben wir gelernt, dass der HEILIGE GEIST eine andere Verwendung für all die Illusionen hat, die du gemacht hast, und deshalb sieht ER einen anderen Sinn und Zweck in ihnen. Für den HEILIGEN GEIST ist die Welt ein Ort, an dem du lernst, dir das zu vergeben, was du für deine Sünden hältst. In dieser Wahrnehmung wird die physische Erscheinung der Versuchung zur geistigen Anerkennung der Erlösung."
(EKIW: Lektion 64, 2.)

Der Mensch kann Gottes Gesetze ohne Liebe entdecken, aber nie kann er beginnen, die unendliche Symmetrie, himmlische Harmonie und herrliche Fülle der allumfassenden Natur des Ersten Zentralen Ursprungs zu würdigen, bevor er göttliches Gesetz und göttliche Liebe gefunden und sie auf dem Erfahrungsweg in seiner eigenen, sich entwickelnden kosmischen Philosophie geeint hat.

Es ist nur natürlich, dass der sterbliche Mensch von Gefühlen der Unsicherheit bedrängt wird, wenn er sich unauflösbar an die Natur gebunden sieht, während er geistige Kräfte besitzt, die alle zeitlichen und endlichen Dinge völlig transzendieren. Nur Vertrauen in Gott kann dem Menschen inmitten solch schwieriger und verwirrender Probleme Halt geben.

Wenn der Mensch sich von einer Seite zur anderen begibt, von einem Denksystem zum anderen, von der falschen zur wahren Wahrnehmung, von der Dunkelheit zum Licht, befindet er sich auf einer Brücke zwischen zwei Welten. Das Bild von der Brücke verweist auf jenen Zustand, der durch einen ständigen Wechsel zwischen den beiden Seiten gekennzeichnet ist, durch einen ständigen Wechsel zwischen dem Denksystem des Egos und dem des reinen Geistes, durch einen ständigen Wechsel zwischen dem Nein und dem Ja zu Gott. Diese grundlegenden Konzepte kennen keine Grade. Bestimmte fundamentale Konzepte können nicht in Form von Gegensätzen verstanden werden. Es ist unmöglich, sich Licht und Dunkelheit oder alles und nichts als nebeneinander bestehende Möglichkeiten vorzustellen. Sie sind entweder ganz wahr oder ganz falsch. Der Verstand des Gott suchenden Menschen schwankt zwischen den beiden extremen Enden der kosmischen Intellektualität, dem völlig mechanisierten Verstand und dem durch und durch vergeistigten Verstand. Es ist für den Menschen daher unerlässlich zu begreifen, dass sein Denken so lange unberechenbar sein wird, bis er sich fest dem einen oder anderen verpflichtet hat. Deshalb ist es wichtig, dass er sich nicht unnötig lange mit diesem Übergang aufhält, dass er die Brücke zwischen den beiden Denksystemen so schnell wie möglich überquert. Eine Brücke ist im wahrsten Sinne des Wortes nur eine Übergangslösung, der Mensch soll sich also kein persönliches Konzept daraus machen. In den Worten der Bibel ausgedrückt: Der Mensch soll sein Haus nicht auf Sand und auch nicht auf einer Brücke bauen, sondern einzig und allein auf Fels.

Das Ego versucht jedoch bei der Beschäftigung mit Spiritualität immer die Wahrheit in die Illusion zu bringen, Licht in die Dunkelheit zu bringen. Egal, ob es Advaita-Konzepte gebetsmühlenartig wiederholt, oder ob es alles Dunkle aus dem eigenen Umfeld nach außen projiziert. Dahinter steckt immer derselbe Irrtum, zu glauben, dass Licht und Dunkelheit nebeneinander bestehen könnten. Es ist unmöglich, Licht in die Dunkelheit zu bringen, sondern es geht darum, die scheinbare Dunkelheit ans Licht zu bringen, damit sie erleuchtet, das heißt als Illusion erkannt wird.

Bild Auch wenn der Ausdruck dieses Bildes sehr veraltet ist, drückt es doch wunderbar aus, worum es geht. Vereint als Brüder und Schwestern, unter der Führung des Heiligen Geistes, begeben wir uns auf den Weg vom Denksystem des Egos zum Denksystem des reinen Geistes. Das erfordert Bereitschaft, Mut und bedingungsloses Vertrauen in Gott. Und Vergebung ist die Brücke der Wahrheit auf die andere Seite:

“Über diese Brücke, die so machtvoll wie die Liebe ist, die ihren Segen darauf legte, werden alle Träume vom Bösen und von Hass und Angriff schweigend der Wahrheit überbracht.”
(EKIW: Lektion 134, 11. 1.)

“Und was außer der Wahrheit könnte einen Gedanken haben, der eine Brücke zu ihr baut, die Illusionen auf die andere Seite bringt?”
(EKIW: Lektion 198, 8. 3.)

“Der Frieden ist die Brücke, die ein jeder überqueren wird, um diese Welt zurückzulassen. Doch beginnt der Frieden innerhalb der Welt, die als anders wahrgenommen wird, und führt von dieser neuen Wahrnehmung zur HIMMELSpforte und zum Weg dahinter.”
(EKIW: Lektion 200, 8. 1.&2.)

Von allen Gefahren, die die sterbliche Natur des Menschen belagern und seine geistige Integrität gefährden, ist der Hochmut, der Glaube an die eigene Besonderheit, die größte. Mut ist heldenhaft, aber Selbstüberhebung ist prahlerisch und selbstmörderisch. Ein vernünftiges Selbstvertrauen ist nicht zu beklagen. Die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst hinauszuwachsen, ist das, was ihn vom Tierreich unterscheidet. Doch Hochmut ist betrügerisch, berauschend und gebiert Leid, ob er sich in einem Einzelnen, einer Gruppe, eines Volkes oder einer Nation findet. Es ist buchstäblich wahr, dass „Hochmut vor dem Fall kommt“.

Der uns innewohnende Heilige Geist kann dem Kampf, den wir während unserer Laufbahn in der Zeit fechten, nicht Einhalt gebieten oder ihn auch nur materiell verändern; der Heilige Geist kann die Härten des Lebens, denen wir auf unserer Reise durch diese Welt der Mühsal begegnen, auf der Ebene der Form nicht lindern. Der göttliche Bewohner kann sich nur geduldig im Hintergrund halten, während wir den Kampf des Lebens, wie es auf unserem Planeten gelebt wird, liefern; aber wir könnten, wenn wir nur wollten - während wir arbeiten und uns sorgen, kämpfen und uns abmühen - dem Heiligen Geist erlauben, mit uns und für uns zu arbeiten. Wir könnten uns außerordentlich bestärken und inspirieren, fesseln und faszinieren lassen, wollten wir dem Heiligen Geist nur erlauben, ständig die Bilder des wahren Beweggrundes, letztendlichen Ziels und ewigen Zwecks dieses ganzen schwierigen Sich-Emporarbeitens und Ringens mit den alltäglichen Problemen unserer gegenwärtigen materiellen Welt vor unser Augen zu halten.

Warum helfen wir dem Heiligen Geist nicht bei der Aufgabe, uns das geistige Gegenstück all dieser harten materiellen Anstrengungen zu zeigen? Warum erlauben wir ihm nicht, uns mit den geistigen Wahrheiten kosmischer Macht zu stärken, während wir mit den zeitlichen Schwierigkeiten der menschlichen Existenz ringen? Warum ermutigen wir den himmlischen Helfer nicht, uns mit der klaren Vision des ewigen heiligen Ausblicks auf das ewige Leben zu erfreuen, während wir mit Perplexität die Probleme der zerrinnenden Stunde betrachten? Warum weigern wir uns, uns durch die Sichtweise des Universums erleuchten und inspirieren zu lassen, während wir uns inmitten der Hindernisse der Zeit abmühen und im Irrgarten der Ungewissheiten umhertappen, die unsere irdische Lebensreise umstellen? Warum erlaubt wir dem Heiligen Geist nicht, unser Denken zu vergeistigen, obwohl unsere Füße auf den materiellen Pfaden irdischer Anstrengung gehen müssen?

Solange wir uns nicht vollständig der Führung des Heiligen Geistes unterstellt haben, ist es äußerst hilfreich, uns immer wieder die Frage zu stellen, nach dem warum nicht, denn die Antwort auf diese Frage wird uns jene Aspekte der Illusion zeigen, an denen wir noch festhalten.

Bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass es in Wahrheit kein Paradoxon gibt, nur die Illusion dieser Welt schafft ein scheinbares Paradoxon. Wenn wir uns wirklich SEINER Führung unterstellen, verschwindet jedes Gefühl des Paradoxes. In Wahrheit sind wir reiner Geist ohne jedes Gegenteil.

Unterschied zwischen individuellem Bewusstsein und Selbst

Die evolutionären Planeten sind die Sphären des menschlichen Ursprungs, die Ausgangswelten für die aufsteigende Laufbahn der Sterblichen. Wenn die Zeit durchschritten ist und das Endziel des Glaubens erreicht ist; werden wir ewig mit dem HEILIGEN GEIST vereint werden. Dann wird unser wirkliches Leben beginnen, das aufsteigende Leben, wozu unser gegenwärtiger sterblicher Zustand nur das Vorspiel ist. Dann ist die Reise zum HIMMELREICH vorbei und die Reise in IHM kann beginnen. Und in all diesen aufeinander folgenden Zeitaltern und Stadien evolutionären Wachstums gibt es einen Teil von uns, der absolut unverändert bleibt, und das ist das individuelle Bewusstsein - Beständigkeit inmitten des Wandels.

Was ich hier als "individuelles Bewusstsein" bezeichne, kann auch als Fragment des Geistes, getrennter, individueller Geist, als höhere Form der Persönlichkeit oder als Seele bezeichnet werden. Da aber der Begriff Seele mit den unterschiedlichsten Vorstellungen verbunden ist, verwende ich ihn hier nicht und er wird deswegen auch im Kurs nicht verwendet. Im illusionären Zustand der Welt scheint das Konzept eines individuellen Geistes bedeutungsvoll zu sein. Er wird deshalb im Kurs so beschrieben, als ob er zwei Teile hätte - den reinen Geist und das Ego. Der Illusion eines individuellen Geistes entsprechend gibt es auch die Illusion eines "individuellen Bewusstseins". Da das Bewusstsein der Empfangsmechanismus ist, der Botschaften vom HEILIGEN GEIST oder vom Ego empfängt, verwende ich hier den Begriff "individuelles Bewusstsein". Es geht einfach um die individuelle Erfahrung innerhalb der Illusion der Trennung, also um jenen Zustand, der der Erlösung bedarf.

Diese individuelle Facette des Bewusstseins werde ich in diesem Artikel mit IB abkürzen. Seine Reise zurück in die Einheit geht nach dem Tod des Körpers weiter - wenn es seinen Willen dem EINEN WILLEN untergeordnet hat. Es gibt letztlich nur ein Bewusstsein, aber dieses bildet eine Matrix aus scheinbar individuellen Facetten, deren Erlösungserfahrungen zu der einen Bewegung zurück in die EINHEIT beitragen. Niemand erwacht allein zu seiner wahren IDENTITÄT als SOHN GOTTES - weil es nur EINEN von UNS gibt. Es gibt nur einen von UNS, weil es nur einen Geist gibt.

Obgleich das IB keine Identität besitzt, kann es die Identität jedes lebendigen Energiesystems einen. Es kann seinen freien Willen der Ausführung von Gottes Willen widmen. Es ist etwas, was zum Geist hinzutreten kann, und illustriert damit das Primat des Vaters gegenüber dem Sohn. (Es ist nicht nötig, dass dem Geist Verstand hinzugefügt wird!) Das IB ist sich auf einzigartige Weise der Zeit bewusst, doch das ist etwas anderes als die Zeitwahrnehmung durch den Verstand. Das IB als eine potentiell ewige Gabe ist bestimmt, auf zahlreichen Ebenen und in aufeinander folgenden Universumssituationen zu funktionieren, von den niedrigsten endlichen - bis an die Grenzen der absoluten.

Alles, was wir erleben, alles, was wir sehen, alles, was wir fühlen, alles, was wir wissen, einfach alles, ist genau jetzt, in diesem erlebten Augenblick, in unserem Bewusstsein enthalten. Denn wenn es nicht dort wäre, würde es für uns nicht existieren. Da wir niemals aufhören zu existieren, bedeutet das, dass wir wie eine Welle des Bewusstseins gewesen sind, die so wie sie war, jedes Zeitalter, jedes Planetensystem, jede Dimension durchreist hat. Und auf dem Weg ist eine Sache konstant geblieben. Wir waren in konstanter, beständiger Beziehung mit der gesamten Schöpfung. Und diese Gesamtheit ist nicht auf das beschränkt, was jetzt passiert, so wie wir als Menschen Zeit verstehen. Uns ist auch alles zugänglich, was wir als die Vergangenheit und die Zukunft bezeichnen würden. Während eines Aufenthalts im Casino von Brisbane an der Ostküste Australiens wurde ich mir einmal der nächsten Zahl beim Roulette bewusst - und genau diese Zahl kam auch.

Die physische Form ist das, was wir in unserer äußerst temporären dreidimensionalen Form der Aufmerksamkeit auf dem Planeten umher schieben, während wir überall um uns herum und direkt unter der Oberfläche unseres bewussten Tagesbewusstseins mit allem in Kommunikation verbleiben. Wir mögen einige wenige Menschen ausgewählt haben, ein paar Dinge, einen Planeten, eine Dimension, und haben unsere gesamte Aufmerksamkeit darauf fokussiert. Und Aufmerksamkeit ist nichts anderes als die Entscheidung, wofür wir die Macht unseres Bewusstseins nutzen werden, um sie darauf zu fokussieren. Und es scheint so, als hätten wir alles andere ausgeschlossen. Das ist wie eine optische Täuschung des Bewusstseins. Und wir sind derjenige, der auswählt, wessen wir uns bewusst sein werden und was wir daher in unsere gelebte Erfahrung ziehen.

Während es sehr wohl wahr ist, dass wir Aspekte ausgesondert haben, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, so sind wir doch darunter - in der Tiefe der Welle, die mit physischen Augen unsichtbar ist, unsichtbar für das, was man üblicherweise bewusste Aufmerksamkeit nennt, unser Alltagsbewusstsein - in vollkommener Gemeinschaft mit allem verblieben. Wir sind daher in Beziehung mit allem und es gibt eine Kommunikation, die ununterbrochen geschieht.

Wir könnten auch sagen, dass jede Person und jedes Ding geradezu ein Feld von Beziehungen ist - einzigartig und scheinbar verschieden von uns und dennoch ein Netz von Beziehungen. Alles ist ein Netz aus Beziehung. Und alle Netze sind in Beziehung mit allen anderen Netzen und sie werden ins Unendliche größer und größer und größer.

Wir sind ein Netz aus Beziehungen, aus dem heraus wir bestimmte Aspekte ausgewählt haben - seien es Gedanken oder Sichtweisen oder Erfahrungen - und wir haben sie in den ruhigen, klaren Fokus unseres Bewusstseins gelegt, um sogar noch mehr Wellen zu erzeugen. Und dann haben wir gewählt, welche die größte Bedeutung für uns haben werden.

Dies bedeutet: Ich bin derjenige, der die Wirkungen wählt, die ich erfahre. Ich alleine interpretiere alle neutralen Beziehungen oder Erfahrungen. Ich alleine verleihe den Gegenständen, Dingen, Gedanken, Glaubenssätzen ihren Wert. Ich alleine bin der tatsächliche Macher meiner Erfahrung, von Moment zu Moment.

Das IB ist in der Vereinzelung - als Selbst - nicht sehr leistungsfähig. Der Mensch ist von Natur aus ein geselliges Geschöpf; die Sehnsucht nach Zugehörigkeit beherrscht ihn. Es ist buchstäblich wahr, dass „kein Mensch für sich allein lebt“.

Aber das Bewusstseinskonzept, worunter man das Ganze des lebendigen Geschöpfes versteht, bedeutet viel mehr als die Integration von Beziehungen; es bedeutet ebenso sehr Einigung aller Faktoren der Realität wie Koordination von Beziehungen. Zwischen zwei Objekten bestehen Beziehungen, aber drei oder mehr Objekte rufen ein System ins Leben, und ein solches System ist viel mehr als nur ein erweitertes oder komplexes Beziehungsgeflecht. Dieser Unterschied ist entscheidend, denn in einem kosmischen System sind die individuellen Glieder miteinander nie anders verbunden als in Beziehung zum Ganzen und durch die Individualität des Ganzen. Darauf hat Jesus schon vor zweitausend Jahren mit den Worten hingewiesen: "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." (Matthäus 18,20)

Im menschlichen Organismus bildet die Summe seiner Teile das Selbst - die Individualität - aber dieser Prozess hat überhaupt nichts zu tun mit dem IB, das all diese Faktoren in ihrer Beziehung zu den kosmischen Realitäten eint.

Es könnte hilfreich sein, sich beim Studium des Selbst zu vergegenwärtigen:
  1. Dass die physischen Systeme untergeordnet sind.
  2. Dass die intellektuellen Systeme beigeordnet sind.
  3. Dass das IB übergeordnet ist.
  4. Dass die innewohnende geistige Kraft potentiell führend ist.
Bei allen Auffassungen vom Selbst sollte man erkennen, dass die Tatsache des Lebens zuerst kommt und erst danach seine Beurteilung oder Interpretation. Ein Kind lebt zuerst und denkt erst später über sein Leben nach.

Jesus Botschaft in Ein Kurs in Wundern ist klar und unmissverständlich:

„Das Lernen der Welt baut auf ein Konzept des Selbst auf, das angepasst ist an die Wirklichkeit der Welt. Es passt gut zu ihr. Denn es ist ein Bild, welches sich für eine Welt der Schatten und der Illusionen eignet. Hier ist es zu Hause, wo das mit ihm eins ist, was es sieht. Der Aufbau von einem Konzept des Selbst ist es, wozu das Lernen der Welt dient.“

„Ein Konzept des Selbst wird von dir gemacht. Es hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dir. Es ist ein Götze, der dazu gemacht ist, den Platz deiner Wirklichkeit als SOHN GOTTES einzunehmen. Das Konzept des Selbst, das die Welt lehrt, ist nicht das Ding, das es zu sein scheint.“

Teile des Selbst können in mancher Weise funktionieren - als Denken, Fühlen, Wünschen - aber nur die koordinierten Attribute des IB konzentrieren sich in einer intelligenten Handlung; und all diese Gaben verbinden sich mit der geistigen Begabung des sterblichen Verstandes, wenn ein menschliches Wesen ein anderes menschliches oder göttliches Wesen aufrichtig und selbstlos liebt.

Während des physischen Lebens ist das materielle Selbst, die Ego-Wesenheit der menschlichen Identität, abhängig vom ununterbrochenen Funktionieren des materiellen Lebensträgers, von der dauernden Existenz des unausgewogenen Gleichgewichts der Energien und des Intellekts, dem man auf der Erde den Namen Leben gegeben hat. Aber ein Selbst mit Fortlebenswert, ein Selbst, das die Todeserfahrung transzendieren kann, entwickelt sich nur durch die Schaffung einer potentiellen Verlegung des Identitätssitzes der sich entwickelnden des IB vom vergänglichen Lebensträger - dem materiellen Körper - in die dauerhaftere und unsterbliche Natur und weiter auf jene Ebenen, wo sich die Seele von der geistigen Realität durchdringen lässt und schließlich deren Zustand erreicht. Dieser tatsächliche Übergang von der Vereinigung mit der Materie zu morontieller Identifikation geschieht durch die Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit und Standhaftigkeit der Entscheidungen des menschlichen Geschöpfes auf seiner Suche nach Gott.

Was vom Vater kommt, ist ewig wie der Vater, und diese Wahrheit gilt ebenso sehr für das IB, wie für den HEILIGEN GEIST, der ein Fragment Gottes ist. Da das IB als Antwort auf den Willen des Vaters erschienen ist, wird es die Bestimmung der Gottheit erreichen, aber der Mensch muss wählen, ob er bei der Erreichung dieser Bestimmung dabei sein wird oder nicht. Der Zyklus ist vorherbestimmt, aber die Teilnahme des Menschen daran ist freiwillig, persönlich und erfahrungsmäßig.

Wir können die Letzte Wirklichkeit nicht ändern, aber wir können unsere Erfahrung von ihr verändern. GOTT ist immer da, doch wir müssen ihn auch erkennen. Wenn wir im Nicht-GOTT-erkennen in den irdischen Tod eintreten, wird GOTT da sein und wir werden GOTT - nicht anders als im irdischen Leben - nicht erfahren. Es geschieht nach unserem Verlangen. Da wir aber die Wirklichkeit nicht verändern können, werden wir letztendlich mit Hilfe himmlischer Begleiter aus diesem Zustand erweckt werden und zur Wahrheit geführt werden.

Der HEILIGE GEIST ist wahrhaftig der Pfad zum Paradies, aber der Mensch muss diesem Pfad aufgrund seiner eigenen Entscheidungen, der Wahl seines freien Willens, folgen.

Wenn man sagt, der Mensch habe eine Identität, stellt man damit fest, dass er einen Verstandeskreislauf besitzt, der den Handlungen und Entscheidungen des Willens der menschlichen Persönlichkeit unterworfen ist. Aber dabei handelt es sich um eine materielle und rein zeitweilige Erscheinung, genauso wie der menschliche Embryo ein vorübergehendes, parasitisches Stadium des menschlichen Lebens ist. Aus kosmischer Perspektive kommen, leben und vergehen die menschlichen Wesen vergleichsweise in einem Augenblick; sie dauern nicht. Aber das menschliche Bewusstsein besitzt kraft seiner eigenen Wahl die Macht, den Sitz seiner Identität vom vorübergehenden materiell-intellektuellen System in das höhere morontiell-seelische System zu verlegen, das in Zusammenarbeit mit dem HEILIGEN GEIST als neues Instrument für den Bewusstseinsausdruck geschaffen wird.

Und gerade diese Macht zu wählen, dieses universelle Kennzeichen der mit freiem Willen ausgestatteten Geschöpfeswelt, stellt die größte Chance des Menschen und seine höchste kosmische Verantwortung dar. Von der Integrität des menschlichen Verlangens, von der Ehrlichkeit der menschlichen Wahl, hängt das Schicksal des künftigen Finalisten ab.

Der Aufstieg des "individuellen Bewusstseins"

Es gibt in Wirklichkeit nichts Individuelles, das wandert, daher ist weder Reinkarnation noch Aufstieg im wirklichen Sinne möglich. Was hier als Aufstieg des "individuellen Bewusstseins" beschrieben wird, ist der Prozess der Loslösung von der Idee von Individualität. Wenn sich das individuelle Bewusstsein immer mehr seiner Verbindung mit der göttlichen EINHEIT bewusst wird, ist das wunderbar und erzeugt für das individuelle Bewusstsein bis dahin unbekannte Erfahrungen von Glück und Verbundenheit, doch die Wahrheit ist EINHEIT jenseits von Bewusstsein und Individualität - die EINHEIT, DIE alle Dinge in SICH SELBST hält.

Der zentrale Irrtum am Reinkarnationsglauben besteht darin, dass an eine zeitliche Abfolge von physischen Leben geglaubt wird. Doch es passiert alles gleichzeitig - in einem Augenblick. Der Glaube an Reinkarnation verschiebt die Hoffnung auf das Erwachen in die ferne Zukunft, in ein nächstes Leben und fördert somit die Bindung des Menschen an die Illusion der linearen Zeit und verhindert so das Erwachen im Jetzt. Das heißt, auch wenn wir jetzt einen scheinbar zeitlichen Prozess betrachten, geht es immer um Erlösung, egal an welchem Punkt der linearen Zeit wir uns zu befinden scheinen.

Üblicherweise werden für diesen Prozess des etappenweisen Wieder-Erinnerns die Begriffe physische, astrale und kausale Welt, Sphäre oder Ebene verwendet. Astrale oder kausale Sphäre oder astrale oder kausale Welt sind lediglich Hilfsbegriffe für uns im Zustand der Verkörperung. Wir dürfen uns daran nicht festhalten. Deshalb sind die Informationen über diese Ebenen, die immer wieder auftauchen, unterschiedlich, denn jeder Versuch, uns etwas darüber zu sagen, kann nur eine Annäherung an etwas für uns Unverständliches sein.

Außerdem gibt es neben diesen drei häufig beschriebenen Ebenen noch weitere höhere Ebenen. Aber das ist alles nicht wichtig, es gilt lediglich zu verstehen, dass es sich um einen kontinuierlichen Prozess des Wiedererinnerns handelt. Ein Meister hört niemals auf damit, sich zu entwickeln. Ein Meister ist niemals fertig. Es ist unmöglich, an das Ende irgendeiner Form der Erfahrung zu kommen, eine Ziellinie zu erreichen. Denn es gibt so etwas wie eine Ziellinie nicht. Es gibt nur Bereiche, in die wir hineinwachsen können, in denen die SCHÖPFUNG in der Tat viel glückseliger ist, als sie es in dem physischen Bereich ist. Doch die SCHÖPFUNG geht weiter. Unsere Verantwortung und unsere Hoheitsgewalt und unsere Herrschaft gehen weiter.

“Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?”
(Bibel EÜ, Johannes 14,2)

Die astrale Welt besteht aus feinen Licht und Farbschwingungen und ist viel größer als der physische Kosmos, die ganze grobstoffliche Welt. Der astrale Kosmos kann sich viel leichter als die Erde dem göttlichen Willen und dem vollkommenen göttlichen Erlösungsplan angleichen. Die Menschen können nicht in die astralen Sphären schauen, es sei denn, dass ihr sechster Sinn bis zu einem gewissen Grad entwickelt ist. Es gibt einige Erdenbewohner die für kurze Augenblicke ein Astralwesen oder eine der Astralwelten erblickt haben.

Die geheimnisvolle Kausalsphäre ist kaum zu beschreiben. Für ein Kausalwesen passiert alles nur in Gedanken.

Als "individuelles Bewusstsein" gesehen, ist der Mensch im Wesentlichen ein Kausalkörper. Der astrale und der physische Körper sind dem untergeordnet. Die Kohäsionskraft, die alle drei Körper zusammenhält, sind die Wünsche. Es ist diese Triebkraft der unerfüllten Wünsche, welche die Knechtschaft des Menschen verursacht. Körperliche Wünsche wurzeln im Egoismus und in der Sinneslust. Der Zwang, den die Sinne ausüben, und die sinnlichen Verlockungen sind meist stärker als der Wunsch nach astralen oder kausalen Wahrnehmungen.

Astrale Wünsche wurzeln in Genüssen der astralen Wahrnehmung, z.B. in Lichterscheinungen und der ätherischen Musik, die sich durch Schwingungen mitteilen.

Kausale Wünsche können nur durch geistige Wahrnehmungen erfüllt werden. Kausale Wesen nehmen den ganzen Kosmos als projizierte Traumgedanken wahr. Ein Wesen, das nur noch mit einem feinen Kausalkörper bekleidet ist, besitzt ungeheure Kraft zur Erschaffung von Welten.

Das individuelle Bewusstsein kann nur dann wahrgenommen werden, wenn es sich mit einem oder mehreren Körpern bekleidet. Das bloße Vorhandensein eines Körpers bedeutet also, dass er aufgrund unerfüllter Wünsche entstanden ist. Solange das individuelle Bewusstsein in ein, zwei oder drei körperliche Gefäße eingeschlossen ist, die fest mit dem Korken der Unwissenheit und der Wünsche verschlossen sind, kann es nicht mit der EINHEIT des GEISTES verschmelzen. Wenn das grobstoffliche körperliche Gefäß im Tode zerstört wird, bleiben noch die beiden anderen Behälter bestehen, der astrale und der kausale und hindern das individuelle Bewusstsein daran, sich mit der allgegenwärtigen EINHEIT zu vereinigen.

Erst wenn man Weisheit und dadurch Wunschlosigkeit erlangt hat, lösen sich auch die anderen beiden Gefäße auf. Dann endlich ist das individuelle Bewusstsein frei und wird eins mit der unermesslichen EINHEIT des GEISTES. Die Suche nach dem Glück als "individuelles Bewusstsein" ist zu Ende. Es herrscht dann ewige Freude, ewiges Glück, ewiges Leben. Christus hatte diese endgültige Freiheit bereits erlangt, bevor er als Jesus geboren wurde, um der Menschheit als Erlöser zu dienen.

Das wechselseitige Durchdringen der drei Körper zeigt sich auch in der dreifachen Natur des Menschen. Im Wachzustand ist sich der Mensch mehr oder weniger aller drei Körper bewusst. Wenn seine Sinne mit schmecken, riechen, tasten, hören und sehen beschäftigt sind, wirkt er vor allem durch seinen physischen Körper. Wendet er Willens- und Vorstellungskraft an, wirkt er in erster Linie durch seinen Astralkörper, und wenn er tief nachdenkt, Innenschau oder Meditation übt, wirkt er hauptsächlich durch seinen Kausalkörper.

Der Mensch identifiziert sich täglich etwa 16 Stunden mit seiner körperlichen Hülle, dann schläft er ein. Wenn er träumt, bleibt er in seinem Astralkörper und erschafft ebenso mühelos wie die Astralwesen beliebige Formen. Im tiefen und traumlosen Schlaf aber versetzt er sein Bewusstsein, das heißt sein "individuelles Bewusstsein", sein Ich-Bewusstsein, für einige Stunden in den Kausalkörper. Ein solcher Schlaf ist erquickend. Solange er jedoch träumt, ist er mit seinem astralen und nicht mit seinem kausalen Körper in Verbindung und fühlt sich nach dem Schlaf nicht völlig erfrischt. Ein Asket der viel Zeit in tiefer Meditation verbringt, braucht so gut wie keinen Schlaf.

Der Versuch, all diese Ebenen und Welten im Detail zu verstehen, ist nicht hilfreich und lenkt vom Wesentlichen ab. Es ist jedoch wichtig, zwei Aspekte zu verstehen.

Erstens, dass alle Welten, ob physisch, astral oder kausal, Ebenen der Traumwelt sind. Sie alle sind Ausdruck des Traums der Trennung. In vielen spirituellen Konzepten wird fälschlicherweise angenommen, dass GOTT auch die Traumwelt erschaffen hat, doch es ist der getrennte Geist der Trennung träumt und nicht GOTT SELBST.

Zweitens, dass auf allen Ebenen und in allen Stadien der Entwicklung das einzige wirkliche Ziel immer die Erlösung ist - wie immer wir es nennen wollen, ob Erlösung, Sühne, Berichtigung, Vergebung, wahre Wahrnehmung, Befreiung, Erwachen, Aufhebung der Trennung, Gottverwirklichung. Dies ist der einzige Sinn und Zweck, der dieser Welt und der langen Reise durch alle Welten jegliche Bedeutung gibt, die überhaupt in ihnen liegt. Darüber hinaus sind sie bedeutungslos.

Das Physische-Materielle umfasst nur einen ganz kleinen Teil des gesamten multidimensionalen Universums, der von untergeordneter Bedeutung ist und die Verkörperung eines "individuellen Bewusstseins" in der Physis ist in diesem Teil noch weiter untergeordnet. Und es bedarf eines besonderen Mutes, sich als Mensch auf unserem Planeten zu inkarnieren. Das liegt daran, dass die Einsamkeit, die Getrenntheit vom Ganzen hier besonders groß ist.

“Wir sind hier einsam und sehnen uns nach dem HIMMEL, wo wir zu Hause sind.”
(EKIW: Lektion 223, 2. 5.)

“Nichts, was die Welt glaubt, ist wahr. Sie ist ein Ort, dessen Sinn und Zweck es ist, ein Zuhause zu sein, wohin die, die behaupten, dass sie sich selber nicht erkennen, kommen können, um zu fragen, was sie sind. Und sie werden so lange wiederkommen, bis die SÜHNE angenommen ist und sie lernen, dass es unmöglich ist, dich selber anzuzweifeln und dessen nicht bewusst zu sein, was du bist.”
(EKIW: Lektion 139, 7.)

Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Wut, Hass - all dies sind Symptome einer fundamentalen Täuschung, die in der Tiefe des Geistes geschehen ist. Sie ist geschehen, weil es eine lange Vorgeschichte gab, in der die Kunst, der falschen Stimme zuzuhören, kultiviert worden ist. Die falsche Stimme ist die Stimme des Ego. Sie hat uns gelehrt zu urteilen, auszuwählen, zu selektieren, wofür wir verantwortlich sein wollen und wofür nicht. Je mehr wir uns in dieses Bewusstsein hineinbewegen, umso schwerer scheint es, jemals auf eine Möglichkeit zu hoffen, das Gefühl der Trennung, des Konfliktes und des Friedensverlustes zu überwinden.

Es ist daher nützlich, ein Grundwissen über die Welten zu haben, um uns daran zu erinnern, dass wir uns in der Identifikation mit einem physischen Körper im schlimmstmöglichen Zustand der Trennung befinden und dass wir selbst innerhalb des physischen Universums eine äußerst primitive Zivilisation sind. Dieses Wissen bewahrt uns vor der größten Gefahr auf dem spirituellen Weg, dem Stolz.

“Du, der du dein Leben damit zugebracht hast, die Wahrheit der Illusion und die Wirklichkeit der Phantasie zu überbringen, du bist den Weg der Träume gegangen. Denn du bist vom Wachsein in den Schlaf gegangen und immer weiter in einen noch tieferen Schlaf hinein. Jeder Traum hat zu anderen Träumen geführt, und jede Phantasie, die ein Licht in die Finsternis zu bringen schien, hat nur die Finsternis noch tiefer gemacht. Dein Ziel war Finsternis, in die kein Lichtstrahl dringen konnte. Du hast eine so vollständige Schwärze gesucht, dass du dich für immer vor der Wahrheit verstecken könntest, in vollständigem Wahnsinn. Was du dabei vergessen hast, ist nur, dass GOTT SICH SELBER nicht zerstören kann. Das Licht ist in dir. Die Finsternis kann es zwar bedecken, aber nicht auslöschen.”
(EKIW: Kapitel 18, III. 1.)

“Inkarnationszyklus” und Erleuchtung

Der Begriff Inkarnationszyklus bezieht sich auf den Zustand des Gefangenseins in der Illusion der Zeit. Innerhalb dieser Illusion findet Entwicklung - im Sinne von Entfaltung - statt, wenn wir die Zeit SEINER Führung unterstellen. Doch Inkarnation ist keine Wirklichkeit, sondern nur der Versuch, die Illusion von Entwicklung zu beschreiben. Innerhalb dieser Illusion kann es Momente der Befreiung geben, Augenblicke der Erleuchtung, Augenblicke der Erkenntnis, eine kurze Erfahrung der direkten Vereinigung mit GOTT.

Erleuchtung ist ein Zustand des Erkannthabens. Die Befreiung von Angst führt zu einer so großen Erleichterung, einer so immensen Entspannung, zu einem so unglaublichen Lustgefühl, dass der Mensch, der solches erlebt, zunächst einmal in ein Staunen verfällt, dass sich in einem Lachen löst, das oft als kosmisches Gelächter bezeichnet wird. Kosmisch deshalb, weil diejenigen, die davon ergriffen werden, sich durch dieses Lachen eingebunden und vereint fühlen mit all dem, was außerhalb von ihnen ist. Sie haben die Illusion ihrer Begrenzungen erkannt. Sie sind bereit, sie aufzugeben, solange sie sich in diesem Zustand halten können. Und auch wenn dieser Zustand abgeklungen ist, verflüchtigt sich doch nicht das Wissen darum, dass es einen solchen Zustand gibt, und auch nicht die Erinnerung an die Wonnen, die sich auftun in dieser Befreiung.

Erleuchtung kann für einen Menschen im Körper kaum ein Zustand der Dauer sein. Dennoch verändert dieses fundamentale Erlebnis von Angstfreiheit den Menschen, dem er zu Teil wird, so nachhaltig, dass es ihm, selbst wenn er wollte, nicht gelingen könnte, zu dem Status zurückzukehren, wenn er vor der Erleuchtung innehatte.

Erleuchtung tritt dann ein, wenn der Mensch bereit ist, das Drama seiner inkarnierten Existenz nach dem finalen Akt als beendet anzuerkennen und sich aus dem Theater, indem er selbst so viele verschiedene Rollen gespielt hat, zu entlassen. Aber das Drama muss einen sinnvollen, einleuchtenden Abschluss gefunden haben. Es ist irrig anzunehmen, dass ein Mensch in der Mitte seines Existenzdramas Erleuchtung erleben kann, ohne die Erlösung aus der Verstrickung in die Handlung erfahren zu haben.

“Wo jedes Ende feststeht, gibt es keine Wahl. Vielleicht möchtest du sie lieber alle ausprobieren, ehe du wirklich lernst, dass sie nur eins sind. Die Zahl der Wege, die die Welt anbieten kann, scheint ziemlich groß zu sein; die Zeit muss aber kommen, wo jeder zu sehen beginnt, wie ähnlich sie einander sind. Manche Menschen sind gestorben, als sie dieses sahen, weil sie keinen Weg erblickten außer jenen Pfaden, die angeboten werden von der Welt. Und als sie lernten, dass sie nirgendwohin führen, verloren sie die Hoffnung. Und dennoch war dies ebenjene Zeit, in der sie ihre größte Lehre hätten lernen können. Alle müssen diesen Punkt erreichen und über ihn hinausgehen. Es ist tatsächlich wahr, dass es innerhalb der Welt gar keine Wahl gibt. Doch das ist nicht die eigentliche Lehre. Die Lektion hat einen Sinn und Zweck, und damit wirst du schließlich auch verstehen, wozu sie dient.”
(EKIW: Kapitel 31, IV. 3.)

Das Angebot der vollständigen Erleuchtung von Seiten des HEILIGEN GEISTES gibt es natürlich immer, genauer: es gibt es jetzt - im heiligen Augenblick! Aber in der Illusion der Zeit ist es ein Weg.

“Dieser [der Frieden] ist allein darum die Voraussetzung für die Erkenntnis, weil jene, die sich in Konflikt befinden, nicht friedvoll sind, und Friede ist die Bedingung für Erkenntnis, weil er die Bedingung für das HIMMELREICH ist. Erkenntnis kann nur wiederhergestellt werden, wenn du ihre Bedingungen erfüllst. Das ist kein Handel von Seiten GOTTES, DER keinen Handel eingeht. Es ist lediglich die Folge deines Missbrauchs SEINER Gesetze zugunsten eines eingebildeten Willens, der nicht der SEINE ist. Erkenntnis ist SEIN WILLE.”
(EKIW: Kapitel 8, I. 1. 3.-6.)

Damit soll klargestellt werden, dass jene Lehrer irren, die verkünden: Ein jeder kann unmittelbar dort, wo er steht, erleuchtet werden. Erleuchtung bedeutet Abschluss. Erleuchtung bedeutet, bereit zu sein, ohne Angst zu leben. Erleuchtung bedeutet, in der Lage zu sein, die veränderte, fast unerträglich scheinende Energie mit ihrer ungewohnten Frequenz ertragen zu können, anstatt sie zur Begründung einer neuen Angst zu verwenden. Diese Fähigkeit wird erst auf den letzten Stufen der individuellen Entwicklung in der Körperwelt erreicht.

Wenn dies auf einer frühen Entwicklungsstufe passiert, wird das individuelle Bewusstsein, was ihm als Wahrheit und Gewissheit zu Teil wurde, nicht halten können. Und nicht selten wird eine neue Angst an seine Stelle treten, die - gepaart mit der Sehnsucht nach Wiederholung - verhindert, dass sich ein solcher Befreiungs- und Erleuchtungsvorgang verankern kann.

Solche Erlebnisse, die unter dem Namen ”Satori” bekannt sind oder auch mit “Verzückung” bezeichnet werden, treten auf früheren Stufen durch Veränderungen des Bewusstseins ein, die auf unterschiedlichen Maßnahmen des Körpers oder des Geistes beruhen. Es kann sich um das Ergebnis langjähriger Meditationen handeln, um Veränderungen, die durch Drogen oder Krankheit vorgerufen werden, durch religiöse Ekstase oder auch durch ein Nahtoderlebnis. Man erkennt einen Menschen, der ein solches Erlebnis gehabt hat, daran, dass er eine Fähigkeit zum Schweigen erworben hat, eine Stille, die von ihm ausgeht, die anderen nicht zugänglich ist. Solch ein Mensch ist still, auch wenn er redet, und sein Schweigen ist lebendig. Seine Augen sind von einem Leuchten erfüllt, von dem Leuchten der Erinnerung an das, was er geschaut hat. Das, was er geschaut hat, ist Einheit als Liebe und Liebe als Einheit. Und das wird ihn nie mehr verlassen. Auch wenn das Licht seiner punktuellen Erleuchtung mit der Zeit weniger hell scheint, an Kraft verliert und sogar fast erloschen ist, wird doch dadurch sein Wissen um das, was er geschaut hat, nicht ungültig.

Wir dürfen daher die innere Wahrheit eines Menschen, der die Verzückung vorübergehend erlebt hat, nicht an dem Zustand messen, indem wir ihn später erblicken. Wir dürfen seine innere Wahrheit nicht an den Maßstäben messen, die wir aus unerfindlichen Gründen für die Erleuchtung aufgestellt haben.

Wenn die Erleuchtung auf der letzten Entwicklungsstufe passiert und sich verankert hat, dann hat der Erleuchtete keine Angst mehr um sein Überleben im Körper. Und so wird Essen, Trinken und Schlafen für ihn nicht mehr wichtig sein. Er wird es vernachlässigen. Er wird vergessen, seinen Körper zu pflegen, da er nicht mehr davon zu überzeugen ist, dass der Körper ihm dienlich sein muss. Die einzige Motivation seinen Körper nicht augenblicklich abzulegen besteht darin, wenn Menschen um ihn herum sich seiner annehmen, ihn umsorgen und ihn auffordern, unter ihnen zu bleiben, weil sie von seiner hohen Energieniveau das den ganzen Menschen umfasst, lernen wollen und sich daran wärmen möchten. Ramana Maharshi befand sich in dieser Situation.

Erleuchtung und das Ausscheiden aus dem Zyklus der Inkarnationen gehen nicht so eng Hand in Hand, wie es von einigen Religionen postuliert wird. Erleuchtung wird nur dann zur Krönung des abgeschlossenen Inkarnationszyklus führen, wenn sie eben an seinem Ende, auf der letzten Entfaltungsstufe, geschieht.

Auch ist Erleuchtung kein Begriff, der sich von seiner inneren Wirklichkeit her genau umreißen und fest definieren ließe. Die Begriffe Erleuchtung und innerer Friede sind so häufig verwendet und missbraucht worden, dass sie eine fast sinnentleerte Hülse darstellen. Es sollte nicht "Ereignislosigkeit" bedeuten, sondern Freude am Ereignis. Die Sehnsucht oder Sucht nach Erleuchtung wird oft verwechselt mit der Suche nach der Ereignislosigkeit des intra-uterinen Traums.

Ganz allgemein können wir sagen: Wer mit sich selbst und der Welt, mit dem inneren und äußeren Geschehen, das er wahrnimmt und erlebt, in vollkommenem Frieden ist, befindet sich auf der höchsten Stufe der Erfahrung und der ungetrennten Empfindung. Der Erleuchtete kann nur noch lachen, weil er im Moment der Erleuchtung erfährt, wie einfach alles, wie klar, wie durchsichtig, wie lächerlich simpel. Der Erleuchtete liebt ohne Grund. Er liebt.

Wir dürfen jedoch diejenigen Lehrer nicht verschmähen, die nach unserer Definition der Erleuchtung zwar sehr nahe sind, sie aber dennoch nicht vollzogen haben. Von keinem lebenden Menschen können wir mehr lernen als von denen, die kurz davor stehen, den Zyklus ihrer Inkarnationen abzuschließen. Sie sind ein leuchtendes und weithin strahlendes Beispiel für das, was wir alle erreichen können und erreichen werden, auch wenn es nach irdischen und nach kosmischem Gesetz seine Zeit braucht. Wenn wir einen Lehrer suchen, so orientieren wir uns immer daran, ob wir seine Liebe zum Menschen spüren können. Dazu genügt es häufig, dass ein Mensch, der uns etwas lehren kann, in seiner individuellen Entwicklung einige Stufen weiter fortgeschritten ist. Wir sind nicht unweigerlich darauf angewiesen, von einem schon fast Erleuchtenden zu lernen. Die Möglichkeit, an der Liebe eines Menschen zu wachsen, besteht immer, unmittelbar in unserer Nähe.

Im Handbuch für Lehrer in Ein Kurs in Wundern finden wir zum Thema dieses Kapitels unter anderem Folgendes:

“Im eigentlichen Sinne ist Reinkarnation unmöglich. Es gibt keine Vergangenheit oder Zukunft, und die Idee der Geburt in einen Körper - ob einmal oder mehrere Male - hat keine Bedeutung. Reinkarnation kann also nicht in irgendeinem wirklichen Sinne wahr sein. Unsere einzige Frage sollte sein: Ist das Konzept hilfreich? Und das hängt natürlich davon ab, wofür es verwendet wird. Wenn es verwendet wird, um die Einsicht in das ewige Wesen des Lebens zu stärken, ist es in der Tat hilfreich. Ist irgendeine andere Frage dazu wirklich nützlich, um den Weg zu erhellen? Wie viele andere Überzeugungen kann es bitter missbraucht werden. Geringstenfalls bietet ein solcher Missbrauch Beschäftigung mit der Vergangenheit und vielleicht auch Stolz darauf an. Schlimmstenfalls ruft er Trägheit in der Gegenwart hervor. Dazwischen sind viele Arten von Torheit möglich.”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, 24. 1.)

“Es gibt diejenigen, die GOTT direkt erreicht haben, ohne eine Spur weltlicher Grenzen beizubehalten, und die sich vollkommen an ihre eigene IDENTITÄT erinnern. Diese könnte man die LEHRER der Lehrer nennen, weil ihr Bild, obwohl sie nicht mehr sichtbar sind, noch angerufen werden kann. Und sie werden erscheinen, wann und wo es hilfreich ist, dass sie es tun. Denjenigen, für die solche Erscheinungen beängstigend wären, geben sie ihre Ideen. Niemand kann sie vergeblich anrufen. Auch gibt es niemanden, dessen sie nicht gewahr wären. Alle Bedürfnisse sind ihnen bekannt; und alle Fehler werden von ihnen wahrgenommen und übersehen. Die Zeit wird kommen, wenn dies verstanden werden wird. Und in der Zwischenzeit geben sie alle ihre Gaben den Lehrern GOTTES, die sich um Hilfe an sie wenden und in deren NAMEN und in keinem anderen um alle Dinge bitten.

Manchmal mag ein Lehrer GOTTES eine kurze Erfahrung der direkten Vereinigung mit GOTT haben. In dieser Welt ist es fast unmöglich, dass diese von Dauer ist. Sie kann vielleicht nach viel Andacht und Hingabe gewonnen und dann für einen großen Teil der Zeit auf Erden aufrechterhalten werden. Aber das ist so selten, dass es nicht als ein realistisches Ziel betrachtet werden kann. Wenn es geschieht, so sei es. Wenn es nicht geschieht, so sei es ebenso. Alle weltlichen Zustände müssen illusionär sein. Wenn GOTT in einem anhaltenden Bewusstseinszustand direkt erreicht würde, würde der Körper nicht lange aufrechterhalten. Diejenigen, die ihren Körper abgelegt haben, nur um ihre Hilfe auf diejenigen auszudehnen, die zurückbleiben, sind wenige für wahr. Und sie brauchen Helfer, die immer noch in Knechtschaft sind und noch immer schlafen, so dass durch ihr Erwachen GOTTES STIMME gehört werden kann.

Verzweifle also nicht wegen der Begrenzungen. Es ist deine Funktion, ihnen zu entrinnen, aber nicht, ohne sie zu sein. Wenn du von denjenigen gehört werden möchtest, die leiden, musst du ihre Sprache sprechen. Wenn du ein Erlöser sein möchtest, musst du verstehen, woraus zu entrinnen ist. Die Erlösung ist nicht theoretisch. Sieh das Problem, bitte um die Antwort, und dann nimm sie an, wenn sie kommt. Auch wird ihr Kommen nicht lange verzögert werden. Alle Hilfe, die du annehmen kannst, wird bereitgestellt werden, und kein Bedürfnis, das du hast, wird nicht befriedigt werden. Wir wollen uns denn nicht zu sehr um Ziele kümmern, für die du nicht bereit bist. GOTT nimmt dich, wo du bist, und heißt dich willkommen. Was könntest du mehr wünschen, da dies alles ist, was du brauchst?”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, 26. 2.-4.)

Das Leben Jesu

Bevor wir uns mit dem Leben Jesu beschäftigen, ist es wichtig, uns daran zu erinnern, dass es nicht in erster Linie um die Person Jesu geht. Es geht um unsere Erlösung aus der Illusion einer Person, und die können wir nicht von einer Person erwarten. Entscheidend ist die Botschaft Jesu und die verweist auf die Erlösung aus der fragmentierten Wahrnehmung einer Person. Ein Kurs in Wundern entstand nicht als Durchgabe von einer Person Jesus zu einer Person Helen. Jesus und Helen sind nur die Bewegung von Schatten. Der Kurs entstand, weil der kollektive Geist sich für die Weisheit seiner nicht-individuellen Wahrheit geöffnet hat.

Jesus hat uns durch die Kreuzigung der Person so deutlich wie möglich gezeigt, dass die Person und damit der Körper eine Illusion ist und nicht von GOTT erschaffen wurde, dass also der SOHN GOTTES nicht gekreuzigt werden kann. Daher sind auch alle Darstellungen von Jesus als besonders schönem Mann meist nur eine Ablenkung des Egos vom Wesentlichen.

“In der Kommunion will ich nicht meinen Körper mit andern teilen, weil das heißt, nichts zu teilen. Würde ich je versuchen, eine Illusion mit den allerheiligsten Kindern eines allerheiligsten Vaters zu teilen? Hingegen will ich meinen Geist mit dir teilen, weil wir eines GEISTES sind, und dieser GEIST ist unser. Sieh überall nur diesen GEIST, weil nur dieser überall und in allem ist. Er ist alles, weil er alle Dinge in sich schließt. Selig bist du, der nur dies wahrnimmt, weil du nur das wahrnimmst, was wahr ist.”
(EKIW: Kapitel 7, V. 10. 7.-12.)

Jesus von Nazareth, mit jüdischem Namen Joshua ben Joseph, ist genauso eine Illusion wie Zeit und Raum selbst. Deshalb ist es auch nicht entscheidend, wie sich das persönliche Leben Jesu auf der Ebene der Form genau abgespielt hat. Die Frage ist nur: Passt die Symbolik der Geschichte zur Botschaft? Und so ist beispielsweise die beliebte Frage nach einer romantischen Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena nur ein Versuch des Egos, von SEINER Botschaft abzulenken, insbesondere von der Botschaft der heiligen Beziehung. Wichtig ist allein SEINE Botschaft und die persönliche Führung durch den Geist Jesu in Einheit mit dem HEILIGEN GEIST. Das Leben der Person Jesu ist einfach ein wundervolles und zugleich extremes Beispiel für das Wirken eines erwachten Geistes in dieser Welt und daher äußerst inspirierend, weil es auf die Wahrheit jenseits dieser Welt verweist.

“Der Name Jesu ist der Name von einem, der ein Mensch war, jedoch das Antlitz CHRISTI in allen seinen Brüdern sah und sich an GOTT erinnerte. So wurde er mit CHRISTUS eins - nicht länger ein Mensch, sondern eins mit GOTT. Der Mensch war eine Illusion, denn er schien ein getrenntes Wesen zu sein, das für sich dahinwandelte in einem Körper, der sein Selbst vom SELBST abzuhalten schien, wie es alle Illusionen tun.”
(EKIW: BEGRIFFSBESTIMMUNG, 5. 2. 1.-3.)

Eine wunderbare Darstellung des Lebens Jesu bietet die US-amerikanische Fernsehserie The Chosen (deutsch: Die Auserwählten). The Chosen ist die erste Fernsehserie mit mehreren Staffeln über das Leben von Jesus. Auch wenn einige offensichtlich falsche Bibelzitate enthalten sind und mit mirakulösen Aktionen übertrieben wird, ist die Darstellung Jesu, der in jedem Menschen das Antlitz CHRISTI sieht, sehr berührend. Der Film zeigt wunderbar, wie die Jünger Jesus liebten, obwohl er wiederholt ihre Hoffnungen zerschlug und all ihren Ehrgeiz nach persönlicher Erhöhung gründlich zunichte machte. Die ganze Produktion dieser Fernsehserie war von Anfang an vom HEILIGEN GEIST geführt, und jeder, der sie mit offenem Herzen sieht, spürt das. Dass Jesus in den letzten Tagen seines Lebens in Jerusalem immer wieder mit negativen Emotionen wie Trauer und Wut dargestellt wird, liegt einfach daran, dass sich der mit dem Ego identifizierte Geist angesichts der Geschehnisse nichts anderes vorstellen kann. Über das wahre Empfinden des Geistes Jesus sagt das jedoch nichts aus.

Die ersten beiden Folgen von The Chosen auf Deutsch, mit Impulsen und Hintergrundinformationen findet sich unter:
THE CHOSEN - DEUTSCHE PREMIERE | Episoden 1+2
Alle Staffeln und Folgen auf deutsch und kostenlos:
bibel.TV
Alle Staffeln und Folgen im englischen Original mit Untertiteln:
THE CHOSEN

All die Verfasser der biblischen Evangelien gaben ehrliche Darstellungen von Jesus, so wie sie ihn sahen, sich an ihn erinnerten oder von ihm gehört hatten und wie ihre spätere Annahme der christlichen Theologie des Paulus ihre Sicht jener fernen Ereignisse beeinflusste. Die ursprünglichen Niederschriften sind danach noch beträchtlich abgeändert worden. Zahlreiche Abschnitte wurden daraus entfernt und spätere Inhalte hinzugefügt. Und diese Schriften genügten trotz ihrer Unvollkommenheit, um den Lauf der Geschichte der Erde seit fast zweitausend Jahren zu verändern.

Die hier angeführten Ereignisse aus dem Leben Jesus stammen aus dem IV. Kapitel des Urantia Buch. Sie sind eine Neudarstellung der Lehren Jesu von Nazareth und eine Neuerzählung seines Wirkens auf Basis aller Quellen von Aufzeichnungen und planetarischer Information. Der leitende Gedanke des Autors war die Erstellung eines Berichtes, der nicht nur für die Generation der heute lebenden Menschen erhellend, sondern auch allen zukünftigen Generationen hilfreich wäre. Aus dem ihm zugänglich gemachten, umfangreichen Informationsmaterial hat er für das zur Erreichung dieses Ziels am besten Geeignete ausgewählt. Der folgende Text ist wiederum eine Auswahl und Zusammenfassung dieser 774 kleingedruckten Seiten des Urantia Buches und wurde um den einen oder anderen kleinen Hinweis des Autors dieser Website ergänzt.

Die ersten beiden Kapitel des Urantia Buches enthalten äußerst detaillierte Informationen über all die unterschiedlichsten Universen. Wichtig ist dabei nur zu verstehen, dass es weit mehr als unser Universum gibt und dass wir, die menschliche Rasse, so ziemlich die niedrigste Stufe der GOTT suchenden Geschöpfe sind. Für den einzig wahren Zweck - die Vergebung - brauchen wir die Details über all die Universen nicht zu wissen. Es lenkt uns höchstens vom Wesentlichen ab. Dass es aber verschiedene Universen in verschiedenen Dimensionen gibt, darauf wird auch von Jesus in Ein Kurs in Wundern hingewiesen.

“Was würdest du ohne die Angst vor dem Tod sehen? Was würdest du fühlen und denken, wenn der Tod keine Anziehung auf dich ausübte? Ganz einfach: Du würdest dich an deinen VATER erinnern. An den SCHÖPFER des Lebens, die QUELLE alles Lebendigen, den VATER des Universums und des Universums der Universen und von allem, was noch jenseits von ihnen liegt, würdest du dich erinnern. Und während diese Erinnerung in deinem Geist ersteht, muss der Frieden noch ein letztes Hindernis überwinden, wonach die Erlösung vervollständigt und die geistige Gesundheit des GOTTES SOHNES völlig wiederhergestellt ist. Denn hier endet deine Welt tatsächlich.”
(EKIW: Kapitel 19, IX. D. 1.)

Da die Aussagen zum Leben Jesu aus dem Urantia Buch auf planetarischen Informationen beruhen, enthalten sie zwangsläufig auch ein paar planetarische Fehlinformationen, wie z.B. Missverständnisse und Irrtümer der Apostel selbst. Jesus weist in Ein Kurs in Wundern mehrmals ganz konkret auf Irrtümer und Missverständnisse der Apostel hin, und so wurden diese offensichtlichen und entscheidenden planetarischen Fehlinformationen für diesen Text - entsprechend den Aussagen des Kurses - korrigiert.

Das Urantiabuch online lesen: Urantia Buch

Jesus kam nicht zu einer Zeit geistigen Niedergangs in diese Welt. Zur Zeit seiner Geburt erlebte die Erde eine Renaissance geistigen Denkens und religiösen Lebens, wie es sie weder in seiner ganzen vorangegangenen Geschichte gekannt noch in irgendeiner Epoche danach erfahren hat. Zur Zeit Jesus bot die Welt für die Selbsthingabe des Schöpfersohns eine günstigere Voraussetzung, als sie je zuvor oder danach existierte. In den diesen Zeiten unmittelbar vorausgehenden Jahrhunderten hatten sich griechische Kultur und Sprache über das Abendland und den Vorderen Orient ausgebreitet. Die Juden als levantinisches Volk und von Natur aus halb abend-, halb morgenländisch, brachten hervorragende Voraussetzungen mit, um derartige kulturelle und sprachliche Grundlagen zur wirksamen Verbreitung einer neuen Religion in Ost und West zu verwenden. Diese äußerst günstigen Umstände wurden durch das tolerante politische Regiment der Römer in der Mittelmeerwelt noch verbessert.

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Bei Jesu Geburt war die ganze Mittelmeerwelt ein geeintes Imperium. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte verbanden gute Straßen viele wichtige Zentren. Die Meere waren von Piraten gesäubert, und schnell entwickelte sich eine große Ära des Handels und der Reisen. Zur Zeit Jesu erfreuten sich Palästina und Syrien einer Phase des Wohlstands, relativen Friedens und ausgedehnter Handelsbeziehungen mit den Ländern des Ostens und Westens. Europa erfreute sich danach nie wieder einer solchen Handels- und Reiseperiode bis zum neunzehnten Jahrhundert nach Christus.

Dieses ganze Ineinandergreifen von Welteinflüssen wird durch das Wirken des Paulus gut veranschaulicht, der, seiner religiösen Kultur nach ein Hebräer unter den Hebräern, das Evangelium eines jüdischen Messias in griechischer Sprache verkündete, während er selber ein römischer Bürger war.

Ungefähr zweitausend Jahre später, als Ein Kurs in Wundern in die Welt kam, begann zur genau gleichen Zeit die Entwicklung des Internets. Wiederum ein äußerst günstiger Zeitpunkt für die Verbreitung der Offenbarung Jesu in zeitgemäßer Sprache und Form. Anstelle der römischen Straßen stehen nun die Datenautobahnen des Internets zur Verfügung, um die Botschaft schnell und einfach in der Welt zu verbreiten. Außerdem wurde der Kurs in Englisch offenbart, der Sprache, die als die Weltsprache schlechthin gilt. Auch wenn der Kurs inzwischen in 26 Sprachen übersetzt wurde, können viele Menschen ihn im Original lesen und sich mit Gleichgesinnten in aller Welt austauschen. Der Beginn des 3. Jahrtausends kann zum Beginn einer neuen Renaissance (französisch: Wiedergeburt, Wiedererweckung) des geistigen Denkens und des religiösen Lebens werden - wenn wir die Bereitschaft und das Verlangen nach der Wahrheit aufbringen, die dafür notwendig sind.

Obgleich Palästina die Heimat der religiösen Kultur der Juden und die Geburtsstätte des Christentums war, wohnten die Juden überall in der Welt, lebten in vielen Nationen und trieben in jeder Provinz Roms und Partiens Handel. Griechenland steuerte seine Sprache und Kultur bei, Rom baute die Straßen und einte ein Imperium, aber die Zerstreuung der Juden, mit ihren mehr als zweihundert über die ganze römische Welt verteilten Synagogen und ihren gut organisierten religiösen Gemeinden, lieferte die kulturellen Zentren, wo das neue Evangelium des Himmelreichs zuerst Aufnahme fand, und von wo aus es danach bis in die entlegensten Gegenden der Welt verbreitet wurde.

Jede jüdische Synagoge duldete eine kleine Zahl nichtjüdischer Glaubensbrüder, „devoter“ oder „gottesfürchtiger“ Menschen, und gerade aus den Reihen dieser Proselyten gewann Paulus die meisten seiner früh zum Christentum Bekehrten. Sogar der Tempel in Jerusalem besaß einen reich geschmückten Hof der Heiden. Zwischen der Kultur, dem Handel und dem Kult von Jerusalem und Antiochia (heute Antakya in der Türkei) bestanden sehr enge Bande. In römischer und byzantinischer Zeit war Antiochia neben dem ägyptischen Alexandria und (später) Konstantinopel (heute Istanbul) die größte und bedeutendste Stadt im östlichen Mittelmeerraum und zeitweise die drittgrößte Stadt der Welt. Die Anhänger von Paulus wurden zuerst in Antiochia „Christen“ genannt.

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Jesus

Jesus von Nazareth erreichte in der menschlichen Erfahrung die volle Verwirklichung dieses Potentials geistiger Entität; deshalb wird sein der Ausführung des väterlichen Willens gewidmetes Leben für den Menschen zur wirklichsten und idealsten Offenbarung der Natur Gottes.

Jesus offenbarte einen Gott der Liebe, und die Liebe umfasst alle Wahrheit, Schönheit und Güte.

Die griechische Religion hatte die Losung „Kenne dich selbst“; die Lehre der Hebräer hatte „Kenne deinen Gott“ zum Mittelpunkt; die Christen predigen ein Evangelium, dessen Ziel die „Kenntnis des Herrn Jesus Christus“ ist; Jesus verkündete die gute Nachricht, „Gott zu kennen, und dich selber als Sohn Gottes“.

Jesus zerschmetterte die Tradition, zerstörte das Dogma und rief die Menschheit zur Verwirklichung ihrer höchsten Ideale in Zeit und Ewigkeit auf - vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist.

Die Stunde schlägt, da dem Buddhismus, dem Christentum, dem Hinduismus und sogar den Völkern aller Bekenntnisse nicht das Evangelium über Jesus, sondern die lebendige, geistige Wahrheit des Evangeliums Jesu darzubringen ist.

Bei seiner Mission der Selbsthingabe als Sterblicher wird ein Paradies-Sohn immer von einer Frau geboren und wächst als ein männliches Kind der Welt heran, gerade so wie Jesus auf der Erde.

Manchmal nennt man all diese von Sterblichen bewohnten Schulungswelten die „Wohnungen“, und gerade auf solche Sphären spielte Jesus an, als er sagte: „In meines Vaters Haus gibt es viele Wohnungen.“ Von da an werden die Aufsteiger innerhalb einer gegebenen Sphärengruppe wie derjenigen der Residenzwelten von Sphäre zu Sphäre und von einer Lebensphase zur nächsten individuell vorrücken, aber von einem Abschnitt des Universumsstudiums zum anderen gehen sie immer in Klassenformation (“Seelenfamilien”) weiter.

Die Erde gehört zu einem Lokaluniversum, dessen Herrscher der Gottmensch von Nebadon, Jesus von Nazareth und Michael von Salvington, ist.

Die Selbsthingabe eines Schöpfersohnes in dieser Form war einmalig. Doch auch wenn es sich um eine ganz besondere Inkarnation handelte, waren die Empfängnis und die Geburt Jesus von Nazareth ein völlig natürlicher Vorgang. Gabriels Verkündigung an Maria hatte am Tag nach der Empfängnis Jesu stattgefunden und war das einzige übernatürliche Ereignis im Zusammenhang mit Marias gesamter Erfahrung, das Kind der Verheißung zu tragen und zu gebären.

Sowohl Palästina als Land, als auch die Familie Josephs und Marias waren sorgfältig ausgewählt. Joseph, der menschliche Vater von Jesus (Josua ben Joseph), war ein Hebräer unter Hebräern, er war Zimmermann und später Unternehmer. Maria, Jesu irdische Mutter, war Nachfahrin einer langen Reihe von einzigartigen Ahnen, die viele der bemerkenswertesten Frauengestalten der Geschichte der Erde einschloss. Maria als Gottesmutter zu bezeichnen ist allerdings widersinnig. GOTT hat keine Mutter. Maria ist lediglich die Mutter von Jesus.

Über Maria/Maryam wird im Koran mehr und ausführlicher erzählt als im Neuen Testament der Bibel. Nach ihr ist sogar eine ganze Sure benannt (Sure 19), was eine besondere Ehre ist, da nur fünf weitere Suren Personennamen tragen. In Sure 3 wird Maria als die besonders erwählte Frau beschrieben. Sie ist die Mutter des Propheten Jesus und damit das Symbol für die Offenheit der Seele. An ihr, so sagt es Sure 19, zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes. Das hohe Ansehen, das Maria unter Muslimen genießt, ist zu einem Großteil auf ihre Stellung im Koran zurückzuführen. Frauen werden im Koran nicht sehr häufig erwähnt und Maryam wird als einzige Frau namentlich genannt. Außerdem berichtet der Koran sowohl von der Verheißung Gottes als auch von der Geburt Jesu. In Sure 19 Vers 34 heißt es: „Das ist Jesus, der Sohn Marias. Es ist das Wort der Wahrheit, woran sie [die Juden] zweifeln.“

Jesu Lebenswerk auf der Erde wurde schon durch Johannes den Täufer begonnen. Zacharias, der Vater des Johannes, gehörte zur jüdischen Priesterschaft, während seine Mutter Elisabeth ein Mitglied des wohlhabenderen Zweiges desselben großen Familienverbandes war, dem auch Maria, die Mutter Jesu, angehörte. Zacharias und Elisabeth, obschon seit vielen Jahren verheiratet, waren kinderlos geblieben.

Es war spät im Monat Juni des Jahres 8 v. Chr., ungefähr drei Monate nach der Heirat von Joseph und Maria, als Gabriel eines Tages um die Mittagsstunde Elisabeth erschien, genauso wie er später Maria seine Gegenwart kundtat. Er sprach: „Während dein Mann Zacharias in Jerusalem vor dem Altar steht und das versammelte Volk für das Kommen eines Erlösers betet, bin ich, Gabriel, gekommen, um dir zu verkünden, dass du bald einen Sohn gebären wirst, der der Vorläufer des göttlichen Lehrers sein wird. Und du sollst deinen Sohn Johannes heißen. Er wird ganz dem Herrn, deinem Gott hingegeben aufwachsen, und als Mann wird er dein Herz erfreuen, weil er viele Seelen zu Gott hinwenden wird. Er wird auch das Kommen des Seelenheilers deines Volkes und des Geist-Befreiers der ganzen Menschheit ankündigen. Deine Verwandte Maria wird die Mutter dieses Kindes der Verheißung sein, und ich werde ihr ebenfalls erscheinen.“

Johannes wurde am 25. März des Jahres 7 v. Chr. in der Stadt Juda geboren. Zacharias und Elisabeth waren von großer Freude erfüllt, als ihnen klar wurde, dass ihnen ein Sohn geschenkt worden war, wie Gabriel es versprochen hatte. Vom zartesten Kindesalter an wurde Johannes von seinen Eltern mit Bedacht die Idee eingepflanzt, er sei bestimmt, zu einem geistigen Führer und religiösen Lehrer heranzuwachsen. Und der Boden seines Herzens nahm solch eine suggestive Saat immer willig auf. Schon als Kind fand man ihn oft im Tempel während der Dienstzeiten seines Vaters, und die Bedeutung all dessen, was er sah, beeindruckte ihn gewaltig.

Gabriel erschien Maria etwa Mitte November des Jahres 8 v. Chr., während sie in ihrem Heim in Nazareth bei der Arbeit war. Gabriel sprach zu ihr, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte: „Ich komme auf Geheiß eines, der mein Meister ist und den du lieben und nähren sollst. Dir, Maria, bringe ich eine frohe Botschaft mit der Kunde, dass deine Empfängnis vom Himmel bestimmt ist und dass du zur gegebenen Zeit Mutter eines Sohnes werden wirst. Du sollst ihn Josua nennen, und er wird unter den Menschen das Königreich des Himmels auf Erden eröffnen. Sprich mit niemandem darüber außer mit Joseph und deiner Verwandten Elisabeth, der ich ebenfalls erschienen bin und die auch bald einen Sohn zur Welt bringen wird; er wird Johannes heißen und der Wegbereiter für die Erlösungsbotschaft sein, die dein Sohn den Menschen mit großer Macht und tiefer Überzeugung verkünden wird. Und zweifle nicht an meinen Worten, Maria; denn dieses Haus wurde zum menschlichen Heim des Kindes der Vorsehung ausgewählt. Mein Segen ruht auf dir, die Kraft der Allerhöchsten wird dich stärken und der Herr der ganzen Erde wird über dir wachen.“

Joseph konnte sich mit der Idee, Maria würde die Mutter eines außergewöhnlichen Kindes werden, nur schwer anfreunden bis zu dem Augenblick, als er einen sehr eindrucksvollen Traum hatte. In diesem Traum erschien ihm ein strahlender himmlischer Bote, der ihm unter anderem sagte: „Joseph, ich erscheine dir auf Geheiß Dessen, der jetzt im Himmel herrscht, und ich habe den Auftrag, dich über den Sohn, den Maria gebären und der ein großes Licht in der Welt sein wird, zu unterrichten. In ihm wird das Leben wohnen, und sein Leben soll zum Licht der Menschheit werden. Er wird zuerst zu seinem eigenen Volk kommen, aber dieses wird ihn kaum aufnehmen. All jenen hingegen, die ihn aufnehmen, wird er offenbaren, dass sie Kinder Gottes sind.“ Nach dieser Erfahrung zweifelte Joseph nie wieder gänzlich an Marias Geschichte vom Besuch Gabriels und an dessen Versprechen, dass das ungeborene Kind ein göttlicher Sendbote für die Welt werden würde.

Während all dieser Besuche wurde das Haus David mit keinem Wort erwähnt. Es fehlte auch jeglicher Hinweis darauf, dass Jesus der „Befreier der Juden“ oder gar der lang erwartete Messias sein würde. Jesus war nicht ein Messias, wie ihn die Juden erwartet hatten, aber er war der Befreier der Welt. Seine Sendung galt allen Völkern, nicht nur einer bestimmten Gruppe.

Die meisten der so genannten messianischen Prophetien des Alten Testaments wurden lange nachdem Jesus auf Erden gelebt hatte geschrieben, um auf ihn Anwendung zu finden. Jahrhundertelang hatten die hebräischen Propheten das Kommen eines Erlösers verkündet, und diese Verheißungen deuteten die aufeinander folgenden Generationen so, als bezögen sie sich auf einen neuen jüdischen Herrscher, der auf dem Throne Davids sitzen und es unternehmen würde, mit Hilfe der angeblich mirakulösen Methoden des Moses die Juden in Palästina als mächtige, von aller Fremdherrschaft befreite Nation wiederherzustellen. Wiederum wurden viele bildliche Stellen, die überall in den hebräischen Schriften zu finden waren, später fälschlich auf Jesu Lebenssendung angewendet. Viele alttestamentliche Aussagen wurden so verändert, dass sie sich auf irgendeine Episode des irdischen Lebens des Meisters zu beziehen schienen. Jesus selber bestritt einmal öffentlich jede Verbindung mit dem königlichen Hause Davids. Sogar die Stelle „eine junge Frau wird einen Sohn gebären“ lautete nun: „eine Jungfrau wird einen Sohn gebären“. Dasselbe trifft auch auf die vielen Stammbäume sowohl Josephs wie auch Marias zu, die nach Jesu Erdentagen konstruiert wurden. Manche dieser Abstammungslinien enthalten viele Vorfahren des Meisters, sind aber im Großen und Ganzen nicht authentisch und, was die Fakten betrifft, nicht verlässlich. Die frühen Anhänger Jesu unterlagen nur allzu oft der Versuchung, all die alten prophetischen Äußerungen in ein solches Licht zu rücken, dass sie im Leben ihres Herrn und Meisters in Erfüllung zu gehen schienen.

Joseph war ein Mann von sanftem Umgang, äußerst gewissenhaft und in jeder Weise den religiösen Sitten und Gebräuchen seines Volkes treu ergeben. Er sprach wenig, aber dachte viel. Die missliche Lage des jüdischen Volkes erfüllte ihn mit großer Trauer.

Marias Temperament war demjenigen ihres Ehemanns ganz und gar entgegengesetzt. Sie war im Allgemeinen fröhlich, war nur sehr selten niedergeschlagen und besaß ein immer sonniges Wesen. Maria gab ihren Gefühlen gern frei und häufig Ausdruck, und niemand hatte sie bis zum plötzlichen Tod Josephs je traurig gesehen. Kaum hatte sie sich von diesem Schock erholt, als die Ängste und Fragen im Zusammenhang mit dem außerordentlichen Werdegang ihres ältesten Sohnes, der sich vor ihren erstaunten Augen so schnell entwickelte, sie bedrängten. Aber während dieser ganzen ungewöhnlichen Erfahrung war Maria gefasst, mutig und recht besonnen im Umgang mit ihrem seltsamen und wenig verstandenen erstgeborenen Sohn und seinen überlebenden Brüdern und Schwestern.

Von Joseph erhielt Jesus seine strenge Schulung in den Gebräuchen des jüdischen Zeremoniells und seine außergewöhnliche Vertrautheit mit den hebräischen Schriften; Maria verdankte er eine weniger enge Auffassung vom religiösen Leben und eine großzügigere Vorstellung von persönlicher geistiger Freiheit.

Die Familien beider, sowohl Josephs als auch Marias, waren für ihre Zeit sehr gebildet. Die Bildung Josephs und Marias lag weit über dem Durchschnitt jener Tage und ihrer gesellschaftlichen Stellung. Er war ein Denker; sie war eine Planerin, verstand es, sich mit Leichtigkeit anzupassen und war praktisch in der unmittelbaren Ausführung.

Der größere Teil von Josephs Familie schloss sich Jesu Lehren an, aber nur sehr wenige von Marias Anhang glaubten an ihn, bevor er aus dieser Welt schied. Joseph neigte mehr dem geistigen Konzept vom erwarteten Messias zu, aber Maria und ihre Familie, besonders ihr Vater, hielten sich an die Idee vom Messias als einem zeitlichen Befreier und politischen Herrscher.

Im März des Jahres 8 v. Chr. (dem Monat der Heirat Josephs und Marias) verordnete Kaiser Augustus, dass alle Einwohner des Römischen Reiches gezählt werden sollten. Diese Volkszählung sollte einer besseren Besteuerung dienen. Die ablehnende Haltung der Juden zur Volkszählung und innenpolitische Schwierigkeiten des Herodes, König von Judäa, bewirkten eine Verschiebung der Volkszählung im jüdischen Königreich um ein Jahr, sodass sie erst im Jahre 7 v. Chr., abgehalten wurde.

Es war nicht nötig, dass Maria zur Eintragung in die Register nach Betlehem ging - Joseph war dazu für die ganze Familie ermächtigt - aber Maria, die eine unternehmungslustige und energische Person war, bestand darauf, ihn zu begleiten. Eigentlich verbot Joseph es Maria, ihn zu begleiten, aber ohne Erfolg. Maria fürchtete sich davor, das Kind allein und in Josephs Abwesenheit zur Welt zu bringen, und da Betlehem nicht weit von der Stadt Juda entfernt war, sah sie außerdem der Möglichkeit eines angenehmen Besuchs bei ihrer Verwandten Elisabeth entgegen.

Am 20. August erreichten Joseph und Maria Jerusalem, besuchten den Tempel und langten in Betlehem, ihrem Reiseziel, mitten am Nachmittag an. Die Herberge war überfüllt und Joseph sah sich deshalb nach einer Unterkunft bei entfernten Verwandten um, aber jeder Raum in ganz Betlehem war überbelegt. Bei seiner Rückkehr in den Hof der Herberge erfuhr er, dass man aus den Karawanenställen, die in die Felswand gehauen waren und sich gerade unterhalb der Herberge befanden, die Tiere entfernt und die Ställe für die Aufnahme von Gästen gereinigt hatte. Joseph ließ den Esel im Hof, lud ihre Kleider- und Proviantsäcke auf die Schultern und stieg mit Maria die Steinstufen zu ihrer Unterkunft hinab. Sie fanden sich in einer früheren Kornkammer auf der Vorderseite der Boxen und Krippen untergebracht. Vorhänge aus Zeltstoff waren aufgehängt worden, und sie schätzten sich glücklich, ein so bequemes Quartier zu haben.

Die ganze Nacht über war Maria unruhig, so dass keiner von beiden viel schlief. Bei Tagesanbruch war es klar, dass die Geburtswehen eingesetzt hatten, und um die Mittagsstunde des 21. August 7 v. Chr. wurde Maria dank der Hilfe und den freundlichen Diensten mitreisender Frauen von einem Knaben entbunden. Jesus von Nazareth war in diese Welt hineingeboren, man wickelte ihn in die Tücher, die Maria für solch einen Fall mitgebracht hatte und legte ihn nahebei in eine Krippe.

Weihnachten ist im Christentum das Fest der Geburt Jesu Christi. Festtag ist der 25. Dezember, dessen Feierlichkeiten am Vorabend, dem Heiligen Abend, beginnen. Nach einer religionsgeschichtlichen Hypothese ist das Weihnachtsdatum als Reaktion auf den kultisch begangenen Geburtstag des römischen Reichsgottes Sol Invictus entstanden, den Kaiser Aurelian im Jahre 274 auf die Wintersonnenwende am 25. Dezember legte; am selben Tag des Jahres wurde in der Yalda-Nacht auch die Geburt des Mithras gefeiert. Der Mithraismus hatte starken Einfluss auf das Christentum. Selbst auf die Legenden über Jesu Geburt färbte die römische Version von der wunderbaren Geburt des iranischen Retters und Helden Mithras ab, bei dessen Ankunft auf Erden nur eine Handvoll Hirten zugegen waren, die Geschenke darbrachten und denen Engel das unmittelbar bevorstehende Ereignis bekannt gegeben hatten.

Als Kaiser Konstantin den Sonntag als „verehrungswürdigen Tag der Sonne“ durch Erlass zum öffentlichen Ruhetag erklärte, war dies eine Regelung, die für Anhänger verschiedener Religionen konsensfähig war, neben Christen auch Verehrer des Mithras und des Sol invictus. Die Vorstellung Christi als des wahren Sol invictus, des Siegers über den Tod, konnte zu einer harmonischen Ordnung des Kalenders systematisiert werden: Danach war das Sonnenjahr so geordnet, dass zur Zeit der Herbsttagundnachtgleiche am 24. September die Verkündigung und Empfängnis Johannes des Täufers, zur Sommersonnenwende am 24. Juni dessen Geburt, zur Frühlingstagundnachtgleiche die Empfängnis Jesu und zur Wintersonnenwende seine Geburt stattfanden.

In eben der Weise, in der alle Säuglinge seit eh und je zur Welt gekommen sind, wurde auch Jesus geboren. Und am achten Tage wurde er nach jüdischem Brauch beschnitten und in aller Form Josua (Jesus) genannt. Da der Mensch dazu neigt aus allem einen Kult zu machen, entstand im Mittelalter ein Kult um die heilige Vorhaut (sanctum praeputium). Sie gilt als christliche Reliquie, bei der es sich um die Vorhaut Jesu von Nazaret handeln soll. Von Jesu Körper sollen nach seiner Himmelfahrt nur jene Bestandteile auf Erden zurückgeblieben sein, die er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr hatte. Im Mittelalter behaupteten mehrere Kirchen, im Besitz dieser Reliquie zu sein. Dieser Kult führte zu den skurrilsten Geschichten. Im 13. Jahrhundert berichtete ein Bauernmädchen aus Plambach, einer Marktgemeinde im Bezirk Sankt Pölten-Land in Niederösterreich, die sogenannte Mystikerin Agnes Blannbekin, sie hätte beim Kosten der Eucharistie das Empfinden von Christi Vorhaut in ihrem Munde verspürt. Die diesbezüglichen Aufzeichnungen ihres Seelsorgers (Vita et Revelationes), 1731 von dem Benediktiner Bernhard Pez veröffentlicht, wurden auf Betreiben der Jesuiten eingezogen. Derartige Geschichten sind Auswüchse eines falschen, romantisch verklärten Mystizismus.

Am Tag nach Jesu Geburt schrieb Joseph sich ein. Er traf auf einen Mann, mit dem sie sich zwei Abende zuvor in Jericho unterhalten hatten, und dieser brachte ihn zu einem wohlhabenden Freund, der ein Zimmer in der Herberge hatte und sie wissen ließ, dass er gerne bereit wäre, mit dem Paar aus Nazareth die Quartiere zu tauschen. Am selben Nachmittag zogen sie in die darüber liegende Herberge um und blieben dort fast drei Wochen lang, bis sie im Hause eines entfernten Verwandten Josephs Unterkunft fanden.

An jenem Mittag der Geburt Jesu sangen die versammelten Seraphim Hymnen der Lobpreisung über der Krippe von Betlehem, aber kein menschliches Ohr vernahm sie. Weder Hirten noch irgendwelche anderen menschlichen Geschöpfe kamen, um das Kind von Betlehem zu verehren, bis zum Tage der Ankunft gewisser Priester aus Ur, die Zacharias von Jerusalem herabgesandt hatte.

Ein eigenartiger Religionslehrer ihres Landes hatte diesen Priestern aus Mesopotamien einige Zeit zuvor eröffnet, ihm sei in einem Traum mitgeteilt worden, dass das „Licht des Lebens“ in Kürze auf Erden als ein Kind und unter den Juden erscheinen werde. Dahin lenkten diese drei Lehrer ihre Schritte auf der Suche nach dem „Licht des Lebens“. Nach vielen Wochen vergeblichen Nachforschens in Jerusalem waren sie nahe daran, nach Ur zurückzukehren, als Zacharias sie traf und ihnen seine Ansicht eröffnete, dass Jesus das Objekt ihrer Suche sei, und sie nach Betlehem wies, wo sie das Kind fanden und ihre Geschenke bei seiner irdischen Mutter Maria ließen. Das Kind war zur Zeit ihres Besuchs fast drei Wochen alt.

Diese weisen Männer sahen keinen Stern, der sie nach Betlehem führte. Die schöne Legende vom Stern von Betlehem entstand folgendermaßen: Jesus wurde am Mittag des 21. August 7 v. Chr. geboren. Am 29. Mai 7 v. Chr. fand eine außergewöhnliche Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische statt. Und es ist eine bemerkenswerte astronomische Tatsache, dass gleiche Konjunktionen sich auch am 29. September und am 5. Dezember desselben Jahres ereigneten. Von diesen außerordentlichen, aber völlig natürlichen Vorgängen ausgehend, schufen die Glaubenseiferer der nächsten Generation in gut gemeinter Absicht die rührende Legende vom Stern von Betlehem und den verehrenden Magiern, die von ihm zur Krippe geführt wurden, wo sie das neugeborene Kind erblickten und anbeteten. Die fern- und nahöstlichen Gemüter ergötzen sich an Märchen, und sie weben immer wieder solch schöne Mythen um das Leben ihrer religiösen Führer und politischen Helden. Als der größte Teil des menschlichen Wissens in Ermangelung von Druckerzeugnissen mündlich von einer Generation auf die nächste überging, geschah es sehr leicht, dass Mythen zu Traditionen und diese schließlich als Tatsachen anerkannt wurden.

Moses hatte die Juden gelehrt, dass jeder erstgeborene Sohn dem Herrn gehöre, dass er aber, anstatt geopfert zu werden, wie es bei den heidnischen Völkern der Brauch war, unter der Voraussetzung am Leben bleiben könne, dass seine Eltern ihn gegen Bezahlung von fünf Schekel bei irgendeinem bevollmächtigten Priester loskauften. Es gab auch eine mosaische Verordnung, welche verlangte, dass eine Mutter nach Ablauf einer bestimmten Zeit zur Reinigung im Tempel zu erscheinen hatte (oder das angemessene Opfer durch jemand anderen an ihrer Stelle erbringen lassen musste). Es war Sitte, beide Zeremonien gleichzeitig zu vollziehen. Also gingen Joseph und Maria selber zum Tempel nach Jerusalem, um Jesus den Priestern darzubringen, seinen Loskauf zu erwirken und auch, um das erforderliche Opfer zu bringen, das die zeremonielle Reinigung Marias von der angeblichen Unreinheit der Geburt gewährleisten sollte.

Aber die Späher des Herodes waren nicht untätig. Als sie ihm über den Besuch der Priester von Ur in Betlehem Meldung erstatteten, forderte Herodes diese Chaldäer auf, vor ihm zu erscheinen. Er erkundigte sich bei den weisen Männern eingehend nach dem neuen „König der Juden“, aber sie gaben ihm nur die unbefriedigende Auskunft. Als die Häscher des Herodes nach mehr als einjähriger Suche Jesus nicht gefunden hatten, und weil der Verdacht bestand, dass das Kind noch immer in Betlehem versteckt gehalten wurde, ordnete er eine systematische Durchsuchung jedes Hauses in Betlehem und die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an.

Dieser Kindermord geschah Mitte Oktober 6 v. Chr., als Jesus etwas über ein Jahr alt war. Es gab aber sogar unter den Höflingen des Herodes einige, die an den kommenden Messias glaubten, und einer von ihnen, der vom Befehl zur Abschlachtung der Knäblein von Betlehem Kenntnis erhalten hatte, setzte sich mit Zacharias in Verbindung, der seinerseits einen Boten zu Joseph sandte. Am Abend vor dem Massaker verließen Joseph und Maria Betlehem mit ihrem Kind in Richtung Alexandria in Ägypten. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, reisten sie allein mit Jesus nach Ägypten. Sie bestritten die Reise nach Alexandria mit Geldmitteln, die Zacharias zur Verfügung gestellt hatte. Dort arbeitete Joseph in seinem Beruf, während Maria und Jesus bei wohlhabenden Verwandten der Familie Josephs Wohnung fanden. Ihr Aufenthalt in Alexandria dauerte zwei volle Jahre, und sie kehrten erst nach dem Tode des Herodes nach Betlehem zurück.

* * *

Als Jesus neun Jahre alt war, begann sein spirituelles Erwachen. In seinem zehnten Lebensjahr drückte Jesus zum ersten Mal Gefühle und Ideen aus, die darauf hinwiesen, dass er sich der ungewöhnlichen Natur seiner Lebensaufgabe bewusst wurde. Seine Eltern hörten den bedeutsamen Worten ihres Sohnes aufmerksam zu, sagten aber nur wenig dazu und gaben selber keine Auskunft. Es dauerte fast zwei Jahre, bevor Jesus erneut mit seinen Eltern über die zunehmende Offenbarung im eigenen Bewusstsein bezüglich der Natur seiner Persönlichkeit und der Art seiner Sendung auf Erden sprach.

Jesus ungewöhnlichster und auffallendster Charakterzug in seinen Jugendjahren war vielleicht, dass er es ablehnte, für seine Rechte zu kämpfen. Da er doch ein für sein Alter so gut entwickelter Knabe war, kam es seinen Spielgefährten merkwürdig vor, dass er eine Abneigung hatte, sich selber zu verteidigen, sogar wenn er Unrecht erlitt oder persönlich misshandelt wurde. Es fügte sich, dass er dank seiner Freundschaft mit Jakob, einem um ein Jahr älteren Nachbarsjungen, wegen dieser Eigenheit nicht viel zu leiden hatte. Dieser war der Sohn des Steinmetzen, eines Geschäftspartners Josephs. Jakob war ein großer Bewunderer von Jesus und machte es sich zur Aufgabe, darüber zu wachen, dass niemand es wagte, Jesu Abneigung gegen körperlichen Kampf auszunützen.

In seinem zehnten Lebensjahr begann Jesus, eine offenkundige Vorliebe für die Gesellschaft älterer Personen zu zeigen. Er liebte es, sich mit Älteren über kulturelle, erzieherische, soziale, wirtschaftliche, politische und religiöse Dinge zu unterhalten, und die Tiefe seiner Gedankengänge und die Schärfe seiner Beobachtung bezauberten seine erwachsenen Gesprächspartner so sehr, dass sie ihn nur zu gern für ein Gespräch aufsuchten.

Im elften Jahr (5 n. Chr.) wurde Jesus Bruder Jude geboren. Die Geburt dieses siebenten Kindes war mit Komplikationen verbunden. Maria war mehrere Wochen lang so sehr krank, dass Joseph zu Hause blieb. Jesus war vollauf beschäftigt mit Besorgungen für seinen Vater und mit vielen Pflichten, die sich aus der ernsthaften Erkrankung seiner Mutter ergaben. Nie wieder wurde es diesem Jungen möglich, zu dem kindlichen Verhalten seiner früheren Jahre zurückzukehren. Von der Krankheit seiner Mutter an - gerade bevor er elf Jahre alt wurde - war er gezwungen, die Verpflichtungen des erstgeborenen Sohnes zu übernehmen, und zwar ein oder zwei Jahre früher, als diese Last normalerweise auf seine Schultern hätte fallen sollen.

Das zwölfte Jahr (6 n. Chr.) war ein ereignisreiches Jahr in Jesu Leben. Während dieses Jahres durchlebte er manche Zeit der Unsicherheit, wenn nicht gar richtigen Zweifels bezüglich der Natur seiner Sendung. Sein sich natürlich entwickelnder menschlicher Verstand erfasste die Tatsache seiner Doppelnatur noch nicht ganz. Der Umstand, dass er nur eine einzige Persönlichkeit besaß, machte es seinem Bewusstsein schwer, den doppelten Ursprung der Faktoren zu erkennen, die die Natur ausmachten, mit der ebendiese Persönlichkeit verbunden war.

Ungefähr um diese Zeit kam ihm auch der Unterschied zwischen den Standpunkten Josephs und Marias hinsichtlich der Natur seiner Sendung klar zu Bewusstsein. Und im Laufe der Jahre vertiefte sich diese Kluft zwischen ihren Auffassungen. Maria verstand die Bedeutung von Jesu Sendung immer weniger, und immer gekränkter war diese gute Mutter darüber, dass ihr Lieblingssohn ihre teuersten Erwartungen nicht erfüllte. Der Glaube Josephs an die geistige Natur der Sendung Jesu hingegen wuchs.

Im dreizehnten Jahr ging der Junge aus Nazareth vom Knabenalter zum Jünglingsalter über; der Stimmbruch begann und andere Zeichen an Geist und Körper kündeten den herannahenden Status des Mannesalters an. In dieser Zeit gelangte Jesus menschlich zur Gewissheit, dass er dazu ausersehen sei, auf Erden eine Sendung zur Erleuchtung der Menschheit und zur Offenbarung Gottes auszuführen.

Jesus, der nun die Schwelle des Jünglingsalters erreicht und seine Abschlussprüfung an der Synagogenschule in aller Form bestanden hatte, erfüllte die Voraussetzungen, um sich mit seinen Eltern nach Jerusalem zu begeben und dort mit ihnen an seinem ersten Passahfest teilzunehmen. Als Jesus auf der Kuppe des Ölberges stand, sah er zum ersten Mal die Heilige Stadt, die anmaßenden Paläste und den inspirierenden Tempel seines Vaters. Zu keiner Zeit seines Lebens erlebte Jesus so eine rein menschliche Erregung wie jene, die ihn ganz und gar ergriff, als er an diesem Aprilnachmittag auf dem Ölberg stand und zum ersten Mal den Anblick Jerusalems in sich aufnahm. Jahre danach stand er an derselben Stelle und weinte über die Stadt, die sich wiederum anschickte, einen Propheten, den letzten und größten ihrer himmlischen Lehrer, zurückzuweisen.

Am Abend des Passah-Sabbats rollten Flutwellen geistiger Erleuchtung durch das sterbliche Bewusstsein Jesu und füllten sein menschliches Herz bis zum Überquellen mit liebendem Erbarmen für die geistig blinden und sittlich unwissenden Massen, die da zur alten Passaherinnerungsfeier versammelt waren. Dies war einer der außerordentlichsten Tage, die der Mensch gewordene Sohn Gottes erlebte; und während der Nacht erschien ihm zum ersten Mal auf seinem irdischen Lebensweg ein himmlischer Bote, der sagte: „Die Stunde ist gekommen. Es ist Zeit, dass du beginnst, dich um die Angelegenheiten deines Vaters (Gott) zu kümmern.“

Damit endet der Werdegang des Knaben von Nazareth und beginnt die Geschichte des heranwachsenden Jünglings - des sich seiner selbst immer bewusster werdenden göttlichen Menschen - der sich nun anschickt, über seinen weltlichen Lebensweg nachzusinnen, während er sich gleichzeitig bemüht, seine sich entfaltende Lebensaufgabe mit den Wünschen seiner Eltern und den Verpflichtungen gegenüber seiner Familie und der damaligen Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Kein Vorkommnis auf dem gesamten ereignisreichen irdischen Lebensweg Jesu war anziehender, menschlich erregender als dieser in seiner Erinnerung erste Besuch Jerusalems. Die Erfahrung, an den Tempeldiskussionen ganz auf sich selber gestellt teilzunehmen, regte ihn besonders an, und lange hob sie sich aus seinen Erinnerungen als das große Ereignis seiner späten Kindheit und frühen Jugend heraus. Das war die erste Gelegenheit, einige Tage unabhängigen Lebens und das Vergnügen zu genießen, ohne Zwang und ohne Einschränkung zu kommen und zu gehen. Diese kurze, ohne Führung verlebte Zeit in der auf das Passahfest folgenden Woche war das erste vollkommene Freisein von Verantwortung, das er je genossen hatte. Und es sollte danach viele Jahre dauern, ehe ihm wiederum, und sei es auch nur für kurze Zeit, eine ähnliche, von allem Verantwortungsgefühl freie Periode vergönnt war.

Vom Ölberg aus und von außen, bei näherer Betrachtung, erfüllte und übertraf der Tempel Jesu Erwartungen; aber sobald er durch die heiligen Portale geschritten war, begann die große Ernüchterung. Er war enttäuscht von dem allgemeinen Verhalten der Menge im Tempel, aber den ersten großen Schock des Tages erhielt er, als seine Mutter sich von ihnen trennte, um auf die Frauengalerie zu gehen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass seine Mutter ihn nicht zu den Weihehandlungen begleiten dürfte, und er war zutiefst empört darüber, dass sie eine solch ungerechte Diskriminierung zu erdulden hatte.

Auch wollte Jesus ganz einfach keine Erklärungen über Anbetung und religiöse Verehrung annehmen, die einen Glauben an den Zorn Gottes oder den Unwillen des Allmächtigen beinhalteten. Jesus schaute seinem Vater flehend in die Augen und sagte: „Mein Vater, es kann nicht wahr sein - so kann der Vater im Himmel seine verirrten Kinder auf Erden nicht anschauen. Der himmlische Vater kann seine Kinder nicht weniger lieben als du mich liebst. Und ich weiß genau - ganz gleich, was für unbesonnene Dinge ich auch immer täte - du würdest nie deine Wut an mir auslassen, noch deiner Empörung gegen mich Luft machen. Wenn du, mein irdischer Vater, solch einen menschlichen Widerschein des Göttlichen besitzt, wieviel gütiger und voll überfließender Barmherzigkeit muss dann der himmlische Vater sein! Ich weigere mich zu glauben, dass mein Vater im Himmel mich weniger liebt als mein Vater auf Erden.“

Wo immer Jesus in den Tempelhöfen hinkam, war er schockiert und angewidert vom Geist der Ehrfurchtslosigkeit, den er beobachtete. Er fand, dass das Benehmen der Menschenmenge im Tempel mit ihrer Gegenwart im „Hause seines Vaters“ nicht vereinbar sei. Dein Anstandsgefühl wurde beim Anblick der frivolen Kurtisanen verletzt, die sich innerhalb des Tempelvorhofes zur Schau stellten. Der Anblick der diensttuenden Schlächterpriester, das blutverschmierte Pflaster und die Schreie der verendenden Tiere waren mehr, als dieser naturliebende Knabe ertragen konnte. Jesus Sinn war aufgewühlt und sein Herz zerrissen angesichts der Ungereimtheiten und Absurditäten der Theologie des ganzen jüdischen zeremoniellen Systems.

Während sich die Gruppe aus Nazareth nach der Passahwoche schon auf der Rückreise nach Bethanien befand, war Jesus im Tempel vollkommen in eine Diskussion vertieft und sich überhaupt nicht bewusst, dass die Zeit der Abreise seiner Eltern verstrichen war. Viele Stunden lang setzte dieser Knabe aus Nazareth den jüdischen Lehrern mit zum Nachdenken herausfordernden und das Gewissen erforschenden Fragen zu. Zu den Bemerkungen der Älteren nahm er nur wenig Stellung. Er übermittelte seine Unterweisung durch die Fragen, die er stellte. Als Junge und später als Mann schien er vollkommen frei von jedem egoistischen Wunsch, eine Auseinandersetzung zu gewinnen, bloß um den Triumph der Logik über seine Gefährten auszukosten; denn nur eines interessierte ihn im höchsten Maße: die ewige Wahrheit zu verkünden und dadurch eine umfassendere Offenbarung des ewigen Gottes zu bewirken.

Als nach mehr als drei Tagen der Suche Joseph und Maria Jesus im Tempel wieder fanden, erteilte ihm seine Mutter vor all den versammelten Leuten eine eher unsanfte Rüge. Nach kurzer Überlegung antwortete Jesus seiner Mutter folgendermaßen: „Warum habt ihr mich so lange gesucht? Würdet ihr nicht erwarten, mich in meines Vaters Haus zu finden, da die Zeit gekommen ist, dass ich mich um die Angelegenheiten meines Vaters kümmere?“ Jedermann staunte über des Jungen Art zu sprechen. Schweigend zogen sich alle zurück und ließen ihn mit seinen Eltern allein. Augenblicklich verscheuchte er die Betretenheit aller drei, als er ruhig sprach: „Kommt, meine Eltern, jeder von uns hat nur getan, was ihm das Beste zu sein schien. Unser Vater im Himmel hat diese Dinge so angeordnet; lasst uns nach Hause gehen.“

Von allen irdischen Lebenserfahrungen Jesu waren jene des vierzehnten und fünfzehnten Jahres besonders entscheidend. Es waren dies die zwei Jahre zwischen dem Zeitpunkt, da er sich seiner Göttlichkeit und Sendung bewusst wurde und jenem, da er mit dem HEILIGEN GEIST einen weitgehenden Kontakt erreichte. Es war der Übergang vom Kindes- zum Mannesalter.

Zu Beginn des Kalenderjahrs seines vierzehnten Geburtstags traf Joseph Vorkehrungen, das Einkommen aus seinem Besitz in Nazareth und Kapernaum zur Seite zu legen, um Jesu langen Studiengang in Jerusalem bezahlen zu können; denn es war geplant, dass Jesus im August des nächsten Jahres mit Erreichen des fünfzehnten Lebensjahres nach Jerusalem gehen sollte. Die Aussichten für die Familie schienen gut; die Zukunft war hell.

Alles ging gut bis zu jenem verhängnisvollen Dienstag, dem 25. September, als Joseph, während er am Amtssitz des Landesherrn arbeitete, durch das Umstürzen eines Hebebaums schwer verletzt wurde und seinen Verletzungen erlag. Durch den Tod Josephs wurde das Leben dieses nazarenischen Haushalts jäh unterbrochen, und jeglicher Plan für Jesus und seine zukünftige Erziehung war zunichte gemacht worden. Dieser Junge von Nazareth, der gerade sein vierzehntes Lebensjahr vollendet hatte, wurde auf einmal inne, dass er nicht nur den Auftrag seines himmlischen Vaters, die göttliche Natur auf Erden und im Fleisch zu offenbaren, zu erfüllen hatte, sondern dass seine junge menschliche Natur auch die Verantwortung für seine verwitwete Mutter und sieben Brüder und Schwestern - und ein noch Ungeborenes - auf sich nehmen musste.

Jesus nahm die Verantwortung, die so plötzlich auf ihn fiel, willig an, und trug sie getreu bis zum Ende. Auf diese Weise hatte wenigstens ein großes Problem und eine voraussehbare Schwierigkeit in seinem Leben eine wenn auch tragische Lösung gefunden - niemand erwartete jetzt mehr von ihm, dass er nach Jerusalem ginge, um bei den Rabbinern zu studieren. Es blieb immer wahr, dass Jesus „niemand zu Füßen saß“. Er war stets bereit, sogar vom unscheinbarsten kleinen Kind zu lernen, aber nie leitete er die Autorität, Wahrheit zu lehren, aus menschlichen Quellen ab.

Im Laufe der Jahre maß dieser junge Zimmermann aus Nazareth immer mehr jede gesellschaftliche Einrichtung und jede religiöse Gepflogenheit an dem unveränderlichen Kriterium: Was tut sie für die menschliche Seele? Bringt sie Gott dem Menschen näher? Bringt sie den Menschen Gott näher? Auch wenn dieser Junge die gesellschaftlichen und freizeitlichen Aspekte des Lebens nicht ganz vernachlässigte, so verwandte er doch seine Zeit und Energie immer mehr auf zwei Aufgaben: die Sorge für seine Familie und die Vorbereitung darauf, seines Vaters himmlischen Willen auf Erden zu tun.

Im fünfzehnten Jahr formulierte Jesus zum ersten Mal das Gebet, das er später seine Apostel lehrte und das so vielen als „Vaterunser“ bekannt wurde. Es war in gewissem Sinne eine Weiterentwicklung des Familienaltars; die Familie besaß viele Formen der Lobpreisung und mehrere förmliche Gebete. Nach seines Vaters Tod versuchte Jesus, die älteren Kinder zu lehren, sich individuell im Gebet auszudrücken - gerade wie er es selber so gern tat - aber sie vermochten seine Idee nicht zu fassen und fielen unweigerlich immer wieder in ihre auswendig gelernten Gebetsformen zurück. In dem Bemühen, seine älteren Brüder und Schwestern anzuregen, sich im Gebet individuell auszudrücken, versuchte Jesus, sie mit suggestiven Sätzen anzuleiten, und nun fand es sich, ganz ohne seine Absicht, dass sie alle eine Gebetsform benutzten, die weitgehend auf den Leitlinien aufbaute, die Jesus sie gelehrt hatte.

Im Laufe dieses Jahres fand Jesus im sogenannten Buch Enoch einen Abschnitt, der ihn bei der späteren Wahl des Ausdrucks „Menschensohn“ als Bezeichnung für seine Mission der Selbsthingabe auf der Erde beeinflusste. Der Verfasser dieses so genannten Buchs Enoch fuhr fort, von dem Menschensohn zu erzählen, indem er das Werk beschrieb, das dieser auf Erden verrichten würde, und erklärte, dass dieser Menschensohn, bevor er auf die Erde hinabgestiegen war, um den Menschen das Heil zu bringen, mit seinem Vater, dem Vater von allem, durch die Hallen himmlischer Herrlichkeit geschritten war; und dass er all diese Größe und Pracht hinter sich gelassen hatte, um auf die Erde hinab zu kommen und den bedürftigen sterblichen Menschen das Heil zu verkünden. Während Jesus diese Zeilen las (und dabei sehr wohl begriff, dass vieles vom östlichen Mystizismus, das diesen Lehren beigemischt worden war, falsch war), sagten ihm Herz und Verstand, dass von allen messianischen Weissagungen der hebräischen Schriften und allen Theorien über den jüdischen Befreier keine der Wahrheit so nahe kam wie gerade diese Geschichte, die im nur teilweise anerkannten Buch Enoch verborgen lag; dort und damals beschloss er, sich unter dem Titel „Menschensohn“ einzuführen. Und genau das tat er zu Beginn seines späteren öffentlichen Wirkens. Jesus hatte ein untrügliches Gespür bei der Wahrheitsfindung, und er zögerte nie, die Wahrheit anzunehmen, aus welcher Quelle auch immer sie stammen mochte.

Von seinem fünfzehnten Geburtstag an stand es Jesus offiziell zu, am Sabbat auf der Synagogenkanzel zu stehen. Deshalb wurden die nötigen Vorbereitungen getroffen, damit Jesus am ersten Sabbat nach seinem fünfzehnten Geburtstag den Morgendienst in der Synagoge übernehmen konnte. Und nachdem sich alle Gläubigen von Nazareth versammelt hatten, stand der junge Mann, der seine Auswahl unter den Schriften getroffen hatte, auf und begann zu lesen (siehe Jesaja 61):

„Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Sanftmütigen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, die gebrochenen Herzens sind; damit ich den Gefangenen die Freiheit verkündige und die in geistiger Gefangenschaft sind befreie; damit ich ein Gnadenjahr des Herrn und den Tag der Abrechnung unseres Gottes ausrufe; damit ich alle Trauernden tröste und ihnen Schönheit statt Asche bringe, Freudenöl statt Wehklagen und ein Preislied anstelle des Trauergeistes. Und man wird sie die Bäume der Rechtschaffenheit nennen, die Pflanzung des Herrn, durch die er verherrlicht werden möge.”

Jesus beendet seine Lesung mit den Worten: „Und du bist mein Zeuge, spricht der Herr, und mein Diener, den ich auserwählt habe, damit alle mich kennen und mir glauben und begreifen, dass ich der Ewige bin. Ich, ja ich bin der Herr, und außer mir gibt es keinen Retter.“

Und nachdem er gelesen hatte, setzte er sich, und die Leute gingen nach Hause und dachten über die Worte nach, die er ihnen so freundlich vorgelesen hatte: Nie hatten seine Mitbürger ihn so wunderbar feierlich gesehen; nie hatte sich seine Stimme so ernst und aufrichtig angehört; nie war er ihnen so männlich und entschlossen, so voller Autorität, erschienen.

Mit Beendigung seines fünfzehnten Jahres vollendete Jesus auch die Durchquerung jenes gefährlichen und schwierigen Abschnittes der menschlichen Existenz, jener Übergangszeit zwischen den eher unbeschwerten Jahren der Kindheit und dem Bewusstsein des nahenden Mannesalters mit seinen wachsenden Verantwortlichkeiten und Gelegenheiten, immer mehr Erfahrungen zum Erwerb eines edlen Charakters zu sammeln. Die Wachstumsphase für Verstand und Körper war abgeschlossen, und nun begann der wirkliche Lebensweg dieses jungen Mannes aus Nazareth.

Er wusste, dass er nicht dazu bestimmt war, der erwartete jüdische Messias zu werden, und kam zu dem Schluss, dass es so gut wie nutzlos war, über diese Dinge mit seiner Mutter zu sprechen; er entschied, ihr freizustellen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen; denn alles, was er in der Vergangenheit gesagt hatte, hatte sie nur wenig oder überhaupt nicht beeindruckt, und er erinnerte sich, dass sein Vater nie in der Lage gewesen war, sie durch Worte umzustimmen. Von diesem sechzehnten Jahr an sprach er immer weniger mit seiner Mutter oder irgendjemand anderem über diese Probleme. Seine Sendung war von so besonderer Art, dass niemand auf Erden ihm Ratschläge für ihre Durchführung geben konnte. Obwohl es bei ihrem Sohn vieles gab, was Maria nicht verstehen konnte, so liebte sie ihn doch wirklich und hatte größte Achtung vor der Willigkeit, mit der er die Verantwortung für das Elternhaus trug.

Um die Zeit des siebzehnten Jahres entstand eine starke nationalistische Partei, die man bald die Zeloten nannte. Im Unterschied zu den Pharisäern waren die Zeloten nicht gewillt, das Kommen des Messias abzuwarten. Sie schlugen vor, die Dinge durch einen politischen Aufstand zu entscheiden. Jesus lehnte eine Mitarbeit ab und weigerte sich, alle Gründe für die Ablehnung anzugeben. Jesus sah sich mit einer der heikelsten und schwierigsten Situationen seines jungen Lebens konfrontiert. Jesu Lage erschwerte sich durch den Umstand, dass seine Mutter, sein Onkel und sogar sein jüngerer Bruder Jakobus in ihn drangen, sich der nationalistischen Sache anzuschließen.

Jesus musste seinen Standpunkt bekannt geben und tat dies mutig und diplomatisch zur Zufriedenheit vieler, aber nicht aller. Er blieb seiner ursprünglichen Begründung treu und hielt daran fest, dass seine erste Verpflichtung gegenüber seiner Familie bestehe, dass eine verwitwete Mutter und acht Geschwister mehr brauchten, als man einfach mit Geld kaufen könne - das materiell Lebensnotwendige -, dass sie vielmehr ein Anrecht auf die Obhut und Führung eines Vaters hätten und er sich nicht mit reinem Gewissen der Verpflichtung, die ein grausamer Unfall ihm aufgebürdet hatte, entziehen könne. Er lobte seine Mutter und seinen ältesten Bruder für ihre Bereitschaft, ihn davon zu entbinden, und wiederholte, dass die Treue zum verstorbenen Vater es ihm verbiete, die Familie zu verlassen, ganz unabhängig davon, wieviel Geld sich für ihren materiellen Unterhalt finde. Dabei sagte er das unvergessliche Wort: „Geld kann nicht lieben.“ Im Laufe seiner Erklärung machte Jesus einige versteckte Anspielungen auf seine „Lebenssendung“. Jakobus erklärte, er sei sicher, dass Jesus bei der Befreiung seines Volkes helfen würde, wenn er (Jakobus) nur alt genug wäre, um die Verantwortung für die Familie auf sich zu nehmen. Auf diese Weise brachte der Junge eine sehr gespannte und bedrohliche Situation zu einem recht glücklichen Ende.

Die Krise war für diesmal abgewendet, aber dieser Zwischenfall wurde in Nazareth nie vergessen. Von diesem Tag an hegte man in Nazareth gegenüber dem Menschensohn gespaltene Gefühle. Und dies, gesteigert durch andere Ereignisse der Folgezeit, war einer der Hauptgründe, weshalb er in späteren Jahren nach Kapernaum zog.

In diesem Jahr machte Jesus große Fortschritte in der Ordnung seiner Gedanken. Nach und nach hatte er seine göttliche und menschliche Natur zusammengebracht, und er vollbrachte diese ganze Organisation des Intellekts kraft seiner eigenen Entscheidungen und einzig mit Hilfe des ihm innewohnenden Mentors (HEILIGER GEIST), genau eines solchen Mentors, wie ihn alle Sterblichen auf allen Welten nach der Selbsthingabe eines Sohnes in ihrem Gemüt beherbergen.

Im September des achtzehnten Jahres kamen Elisabeth und Johannes die Familie in Nazareth besuchen. Johannes, der seinen Vater verloren hatte, stand vor einer Entscheidung über sein weiteres Leben. Jesus und Johannes führten viele Gespräche miteinander; sie redeten über einige sehr vertrauliche und persönliche Angelegenheiten. Am Ende dieses Besuches beschlossen sie, einander nicht eher wiederzusehen, als bis „der himmlische Vater sie riefe“, an ihre Arbeit zu gehen, und sie sich während ihres öffentlichen Wirkens wiederbegegneten. Und nie sahen Johannes und Jesus einander wieder bis zu jenem Tag, als Jesus am Jordan erschien, um sich taufen zu lassen.

Bis zu seinem neunzehnten Jahr hatte Jesus in seinem Leben nur wenig Unterschied in seinen Beziehungen zu Knaben und Mädchen, zu jungen Männern und jungen Frauen gemacht. Aber nun fand er sich noch einem jener Probleme gegenüber, mit denen jedes gewöhnliche sterbliche Wesen konfrontiert wird und die es lösen muss. Er wurde tatsächlich „in jeder Beziehung geprüft wie ihr“. Rebekka, die älteste Tochter Ezras, eines reichen Kaufmanns und Händlers von Nazareth, hatte sich in Jesus verliebt. Sie vertraute ihre Zuneigung zuerst Miriam, der Schwester Jesu an, doch eines Tages kam es zu einem denkwürdigen Gespräch mit Rebekka.

Nachdem er ihr aufmerksam zugehört hatte, dankte er Rebekka aufrichtig dafür, dass sie ihm soviel Bewunderung entgegenbrachte und fügte hinzu: „Es wird mich alle Tage meines Lebens beglücken und ermutigen.“ Er erklärte, er sei nicht frei, mit irgendeiner Frau andere Beziehungen aufzunehmen als solche, die einzig auf brüderlicher Achtung und reiner Freundschaft beruhten. Er machte klar, dass seine erste und hauptsächlichste Pflicht die Erziehung der Familie seines Vaters sei, und dass er, solange dies nicht erfüllt sei, an keine Heirat denken könne; und dann fügte er hinzu: „Wenn ich ein Sohn der Vorsehung bin, darf ich keine lebenslänglichen Verpflichtungen eingehen vor der Zeit, in der sich meine Bestimmung kundtun wird.“

Zuerst war Rebekka, aber in den Jahren danach gab sie den vielen Männern, die um ihre Hand anhielten, immer nur dieselbe Antwort: Sie lebe nur einem Ziel - der Erwartung der Stunde, in der dieser für sie größte Mann, der je gelebt habe, seine Sendung als Lehrer der lebendigen Wahrheit antreten werde. Und sie folgte ihm mit Hingabe durch die bewegten Jahre seines öffentlichen Wirkens. Sie war (von Jesus unbemerkt) am Tage anwesend, da er triumphierend in Jerusalem einritt, und sie stand „unter den anderen Frauen“ an der Seite Marias an jenem schicksalsschweren und tragischen Nachmittag, als der Menschensohn am Kreuz hing.

Man erzählte sich in Nazareth und später in Kapernaum die Geschichte von der Liebe Rebekkas für Jesus, so dass er, obschon ihn in den folgenden Jahren viele Frauen als auch Männer liebten, nie wieder das persönliche Liebesangebot einer anderen achtbaren Frau zurückzuweisen hatte. Von dieser Zeit an hatte die menschliche Zuneigung für Jesus mehr den Charakter verehrender und anbetender Hochachtung. Sowohl Männer wie Frauen liebten ihn mit Hingabe als den, der er war, ganz ohne jeden Anflug selbstbezogener Befriedigung oder eines Wunsches nach gefühlsmäßiger Inbesitznahme. Aber viele Jahre lang, wann immer die Geschichte der menschlichen Persönlichkeit Jesu erzählt wurde, war auch von Rebekkas Liebe die Rede.

Obgleich sie es sich kaum leisten konnten, hatte Jesus in seinem zwanzigsten Jahr ein seltsames Verlangen, zum Passahfest nach Jerusalem hinaufzugehen. Am meisten suchte er, auch wenn er sich dessen nicht deutlich bewusst war, eine Gelegenheit, mit Lazarus zu reden und mit Martha und Maria zu plaudern. Lazarus war im selben Alter wie Jesus und jetzt Familienoberhaupt. Martha war etwas über ein Jahr älter als Jesus, während Maria zwei Jahre jünger war. Jesus war das angebetete Ideal aller drei. Da Lazarus nicht wusste, dass Jesus kommen würde, hatte er Vorkehrungen getroffen, das Passahfest mit Freunden in einem Nachbardorf zu feiern. Jesus schlug nun vor, das Fest da, wo sie waren, im Hause des Lazarus, zu begehen. „Aber wir haben kein Passahlamm“, sagte Lazarus. Darauf begann Jesus eine lange und überzeugende Rede des Inhalts, dass der Vater im Himmel sich wahrlich nicht um solch kindische und bedeutungslose Riten kümmere. Nach einem feierlichen und inbrünstigen Gebet erhoben sie sich, und Jesus sagte: „Lasst die kindlichen und verdunkelten Gemüter meines Volkes ihrem Gott dienen, wie Moses es gelehrt hat; sie tun besser so, aber wir, die wir das Licht des Lebens gesehen haben, wollen unserem Vater nicht länger in der Dunkelheit des Todes entgegengehen. Lasst uns frei sein im Wissen um die Wahrheit der ewigen Liebe unseres Vaters.“

An diesem Abend bei Sonnenuntergang setzten sich die vier und nahmen am ersten Passahfest teil, das je von frommen Juden ohne Passahlamm gefeiert wurde. Das ungesäuerte Brot und der Wein waren für dieses Fest vorbereitet worden, und Jesus reichte seinen Freunden diese Sinnbilder, die er „Brot des Lebens“ und „Wasser des Lebens“ nannte, und sie aßen feierlich in Befolgung der eben erhaltenen Unterweisung. Er pflegte diese sakramentale Handlung jedes Mal vorzunehmen, wann immer er in Zukunft nach Bethanien auf Besuch kam.

Im Laufe dieses Jahres führte Maria mit Jesus ein langes Gespräch über die Ehe. Sie fragte ihn frei heraus, ob er heiraten würde, wenn er seiner Familienpflichten enthoben wäre. Jesus erklärte ihr, dass er darüber nicht viel nachgedacht habe, da seine unmittelbare Pflicht eine Heirat ausschließe. Er drückte seine Zweifel aus, dass er jemals in den Ehestand treten werde; er sagte, dass all diese Dinge auf „meine Stunde“, die Zeit, da „meines Vaters Werk beginnen muss“, zu warten hätten. Da er sich bereits darüber klar geworden war, dass er nicht Vater leiblicher Kinder werden dürfe, dachte er kaum über das Thema der menschlichen Heirat nach.

Die Jahre vergehen, und dieser junge Mann aus Nazareth macht weiterhin die Erfahrung des Lebens, wie es im sterblichen Fleisch auf den Welten von Zeit und Raum gelebt wird. Er lebt auf der Erde ein vollständiges, beispielhaftes und erfülltes Leben. Er verließ diese Welt mit der reifen Erfahrung, durch die seine Geschöpfe während der kurzen und mühsamen Jahre ihres ersten Lebens, des Lebens im Fleische, gehen. Und diese ganze menschliche Erfahrung ist nun ewiger Besitz des Herrn des Universums. Er ist unser verstehender Bruder, teilnehmender Freund, erfahrener Herrscher und erbarmungsvoller Vater.

Und nun, als voll erwachsener Mann - als ein Erwachsener dieser Welt - macht er sich daran, seine höchste Sendung fortzusetzen, Gott den Menschen zu offenbaren und die Menschen zu Gott zu führen.

Jesus war nie im Zweifel über seine menschliche Natur; diese sprach für sich selbst und war in seinem Bewusstsein stets gegenwärtig. Aber bezüglich seiner göttlichen Natur gab es stets Raum für Zweifel und Mutmaßungen: wenigstens war das bis zum Ereignis seiner Taufe der Fall. Das Gewahrwerden seiner Göttlichkeit war eine langsame und vom menschlichen Standpunkt aus natürliche, evolutionäre Offenbarung. Diese Offenbarung und Bewusstwerdung seiner Göttlichkeit begann in Jerusalem mit der ersten übernatürlichen Begebenheit seiner menschlichen Existenz, als er noch nicht ganz dreizehn Jahre alt war; und der Prozess der Bewusstwerdung seiner göttlichen Natur vollendete sich bei seiner zweiten übernatürlichen Erfahrung als Mensch, bei dem Geschehen, das mit seiner Taufe durch Johannes im Jordan einherging und am Anfang seiner öffentlichen Seelsorge- und Lehrtätigkeit stand.

Jesus fuhr auch im zweiundzwanzigsten Jahr mit Fertigstellungsarbeiten an Häusern und mit Möbeltischlerei fort, aber die meiste Zeit verbrachte er in der Karawanen-Reparaturwerkstatt. Später in diesem Jahr, als es in Nazareth wenig Zimmermannsarbeiten gab, übertrug Jesus Jakobus die Reparaturwerkstatt und Joseph die Werkbank zu Hause, und er selbst ging nach Sepphoris hinüber, um bei einem Schmied zu arbeiten. Er hatte mit dem langsamen Ablösungsprozess von seiner Familie begonnen.

Im dreiundzwanzigsten Jahr unterbrach Jesus seine Arbeit drei Wochen lang, um mit seinem Bruder Simon nach Jerusalem zum Passahfest zu gehen. Während Simon den Passahzeremonien beiwohnte, mischte sich Jesus unter die Besucherscharen und nahm an vielen interessanten, persönlichen Unterhaltungen mit zahlreichen heidnischen Proselyten teil. Vielleicht der bemerkenswerteste all dieser Kontakte war der mit einem jungen Hellenisten namens Stephanus. Jesu Worte beeindruckten Stephanus zutiefst; er vergaß sie niemals. Dieser Stephanus war es, der später an die Lehren Jesu zu glauben begann, und dessen Unerschrockenheit beim Predigen des frühen Evangeliums bewirkte, dass er durch erzürnte Juden zu Tode gesteinigt wurde. Ein Teil der außerordentlichen Kühnheit, mit der er seine Sicht des neuen Evangeliums verkündete, war die direkte Folge dieser früheren Unterhaltung mit Jesus. Aber Stephanus ahnte nie auch nur im Entferntesten, dass der Galiläer, mit dem er fünfzehn Jahre zuvor gesprochen hatte, mit demjenigen, den er später zum Retter der Welt erklärte, identisch war. Als Stephanus sein Leben hingab war da ein Bürger von Tarsus mit Namen Saulus zugegen. Und als Saulus sah, wie dieser Grieche für seinen Glauben zu sterben bereit war, bemächtigten sich seines Herzens jene Gefühle, die ihn schließlich dazu führten, sich für die Sache, für die Stephanus sein Leben hingegeben hatte, einzusetzen; später wurde aus ihm der draufgängerische und unbezwingbare Paulus, der Philosoph, wenn nicht gar alleinige Begründer der christlichen Religion.

Jesus verbrachte die vier letzten Monate dieses Jahres in Damaskus als Gast des Kaufmanns, dem er zum ersten Mal in Philadelphia auf dem Weg nach Jerusalem begegnet war. Dieser Kaufmann mit teilweise jüdischer Abstammung schlug vor, eine außergewöhnliche Summe Geldes für die Gründung einer Schule für religiöse Philosophie in Damaskus aufzuwenden. Er plante die Schaffung eines Studienzentrums, das Alexandria den Rang ablaufen würde. Und er schlug Jesus vor, sich unverzüglich auf eine lange Reise zu den Weltzentren der Bildung zu begeben, bevor er Leiter dieses neuen Projektes würde. Dies war eine der größten Versuchungen, denen Jesus im Laufe seines rein menschlichen Lebens ausgesetzt war. Aber Jesus willigte nicht ein. Er wusste gut, dass seine Sendung auf Erden nicht durch Bildungsinstitute unterstützt werden durfte; er wusste, dass er keine Verpflichtungen eingehen durfte, die ihn auch nur im geringsten von den „Ratsversammlungen der Menschen“ abhängig machen würden, ganz gleich, wie wohlgemeint sie sein mochten.

Wenn Jesus sich bemühte, gewisse Aspekte seiner irdischen Erfahrung voneinander zu sondern, so verfolgte er damit ein bestimmtes Ziel. Er wollte vermeiden, dass sein Lebensweg zu vielgestaltig und Aufsehen erregend erschiene und künftige Generationen dazu bewegen könnte, den Lehrer zu verehren, anstatt der Wahrheit zu gehorchen, die er gelebt und gelehrt hatte. Jesus wollte nicht Anlass zum Entstehen solch eines menschlichen Leistungskataloges geben, der die Aufmerksamkeit von seinen Lehren ablenken würde. Er erkannte schon sehr früh, dass seine Anhänger versucht sein würden, eine Religion über ihn zu begründen, die mit dem Evangelium des Königreichs, das er der Welt zu verkündigen beabsichtigte, in Konkurrenz treten könnte. Deshalb trachtete er ständig danach, auf seinem bewegten Lebensweg alles zu verhindern, was ihm dieser natürlichen menschlichen Neigung entgegenzukommen schien, den Lehrer zu vergöttern, anstatt seine Lehren zu verkünden.

Das vierundzwanzigste Jahr war das erste Jahr, da Jesus vergleichsweise frei von Familienverantwortung war. Bis zum Jahresende folgten die sechs ereignisärmsten Monate seines ganzen Daseins. Er genoss diese vorübergehende Atempause im üblichen Programm von zu lösenden Aufgaben und zu überwindenden Schwierigkeiten. Er war viel mit seinem himmlischen Vater in Verbindung und machte gewaltige Fortschritte in der Beherrschung seines menschlichen Verstandes.

Im fünfundzwanzigsten Jahr wurden seine tiefen Meditationen oft durch Ruth und ihre Spielgefährten unterbrochen. Und jedes Mal war Jesus bereit, die Betrachtung seines künftigen Werks für die Welt und das Universum auf später zu verschieben, um in die kindliche Freude und jugendliche Fröhlichkeit dieser Kleinen einzustimmen, die nie müde wurden, Jesus erzählen zu hören, was er auf seinen verschiedenen Reisen nach Jerusalem alles erlebt hatte. Sie hatten auch große Freude an seinen Geschichten über Tiere und die Natur. Die Kinder liebten Jesus, und Jesus liebte die Kinder.

Zu Beginn des sechsundzwanzigsten Jahres wurde sich Jesus von Nazareth zutiefst bewusst, dass er sehr weitreichende potentielle Macht besaß. Aber er war ebenso fest überzeugt, dass seine Persönlichkeit als Menschensohn sich dieser Macht nicht bedienen dürfe, zumindest nicht, bevor seine Stunde käme. Zu dieser Zeit dachte er viel über seine Beziehung zu seinem Vater im Himmel nach, sprach aber kaum darüber. Das Ergebnis dieser ganzen Gedankenarbeit drückte er einmal oben auf der Anhöhe in einem Gebet aus, als er sagte: „Ganz gleich, wer ich bin und welche Macht auch immer ich ausüben mag oder nicht, habe ich stets dem Willen meines Vaters im Paradies gehorcht und werde ihm stets gehorchen.“

Jesus schloss die schwierige Aufgabe ab, seine Familie aus der Abhängigkeit von seiner unmittelbaren Anwesenheit zu entlassen. Er bereitete sich rasch auf den Tag vor, an dem er sein Heim in Nazareth bedenkenlos verlassen könnte, um die aktivere Einleitung seines wahren Dienstes an den Menschen zu beginnen.

Im siebenundzwanzigsten Jahr nahm Jesus von seiner Familie Abschied und gehörte fortan diesem Haushalt nie wieder als ständiges Mitglied an. So kam er nach einigen Zwischenstopps nach Kapernaum, wo er Halt machte, um Zebedäus, den Freund seines Vaters zu besuchen. Zebedäus lud den auf Besuch weilenden Zimmermann ein, sich an dem Unternehmen zu beteiligen, und Jesus willigte sofort ein. Jesus arbeitete etwas länger als ein Jahr mit Zebedäus als Bootsbauer. Jesus leitete während dieses Jahres mehr als die Hälfte der Gottesdienste in der neuen Synagoge von Kapernaum. In den Schränken der Synagogenbibliothek von Kapernaum fand er viele neue Bücher und verbrachte mindestens fünf Abende pro Woche mit intensivem Studium. Das war Jesus letztes Jahr mit festem Wohnsitz.

Im achtundzwanzigsten Jahr verbrachte Jesus einige Monate in Jerusalem, wo er einen reichen Reisenden und dessen Sohn traf. Diese Reisenden kamen aus Indien, und da sie sich auf dem Weg nach Rom und verschiedenen anderen Orten am Mittelmeer befanden, hatten sie geplant, zur Passahzeit in Jerusalem einzutreffen in der Hoffnung, jemanden zu finden, den sie als Dolmetscher für beide und als Privatlehrer für den Sohn anstellen könnten. Der Vater drängte Jesus, dass er einwillige und mit ihnen reise.

Jesus verbrachte sein ganzes neunundzwanzigstes Jahr mit der Rundreise durch die Welt des Mittelmeers. Das war eine ereignisreiche Zeit im Leben Jesu. Auch wenn er auf dieser Reise viele Kontakte mit seinen Mitmenschen hatte, blieb diese Erfahrung in seinem Leben doch ein Abschnitt, den er weder irgendeinem Familienmitglied noch irgendeinem Apostel mitteilte. Jesus beendete sein irdisches Leben und verließ diese Welt, ohne dass irgendjemand (mit Ausnahme des Zebedäus von Bethsaida) etwas davon wusste, dass er diese ausgedehnte Reise unternommen hatte. Einige seiner Freunde dachten, er sei nach Damaskus zurückgekehrt; andere dachten, er sei nach Indien gegangen. Seine eigene Familie neigte zur Annahme, er befinde sich in Alexandria, da sie wusste, dass er früher einmal dorthin eingeladen worden war, um Stellvertreter des Chazans zu werden.

Um Jesu Leben auf Erden zu verstehen, wird es auch immer hilfreich sein, wenn sich alle Sterblichen, die seine göttliche Selbsthingabe studieren, daran erinnern, dass er das inkarnierte Leben, das er auf der Erde lebte, für das gesamte Universum lebte. Für jeden einzelnen bewohnten Planeten im ganzen Universum von Nebadon gab es etwas Besonderes und Inspirierendes im Zusammenhang mit dem Leben, das er als Sterblicher lebte.

Das wahre Ziel seiner Reise rund um das Mittelmeerbecken war, die Menschen kennen zu lernen. Er kam während der Reise mit Hunderten von Menschen in sehr engen Kontakt. Er traf und liebte alle Arten von Menschen, reiche und arme, hohe und niedrige, schwarze und weiße, gebildete und ungebildete, kultivierte und unkultivierte, sinnliche und vergeistigte, religiöse und irreligiöse, sittliche und unsittliche.

Jesus kennt die Gedanken und Gefühle, die Triebe und Impulse der evolutionären und aufsteigenden Sterblichen der Welten von der Geburt bis zum Tod. Er hat das menschliche Leben vom Erwachen des physischen, intellektuellen und geistigen Selbst an über Säuglingsalter, Kindheit, und Jugendzeit bis zum Erwachsenendasein - und sogar bis zur menschlichen Todeserfahrung - durchlebt. Er schritt nicht nur durch diese gewöhnlichen und uns vertrauten menschlichen Perioden intellektuellen und geistigen Wachstums, sondern er machte auch die vollständige Erfahrung jener höheren und fortgeschritteneren Phasen des Einklangs zwischen Mensch und HEILIGEN GEIST, die so wenige Sterbliche auf der Erde je erreichen. Solcherweise machte er die vollständige Erfahrung des menschlichen Lebens, und zwar nicht nur, wie es auf unserer Welt, sondern auch auf allen anderen evolutionären Welten von Zeit und Raum gelebt wird, und sogar auf den höchsten und fortgeschrittensten aller Welten, den im Licht und Leben verankerten.

Jesus ist der neue und lebendige Weg vom Menschen zu Gott, vom Bruchstückhaften zum Vollkommenen, vom Irdischen zum Himmlischen, von der Zeit zur Ewigkeit.

Die Rundreise durch die römische Welt füllte das ganze neunundzwanzigste Jahr von Jesu Erdenleben aus. Durch eigene Beobachtung und direkten Kontakt machte sich Jesus mit der gehobeneren materiellen und intellektuellen Zivilisation des Abendlandes und der Levante vertraut; von Gonod und dessen hochbegabtem Sohn erfuhr er sehr viel über die Zivilisation und Kultur Indiens und Chinas, denn Gonod, der selber indischer Bürger war, hatte drei ausgedehnte Reisen ins Reich der gelben Rasse unternommen.

Während ihres Aufenthaltes in Joppe begegnete Jesus dem Philister Gadiah. Die Geschichte von Jonas hatte das Leben des jungen Mannes außerordentlich beeinflusst und so antwortete Jesus auf eine Frage nach der Bedeutung dieser Geschichte: „Mein Freund, wir sind alle Jonasse, die ihr Leben in Übereinstimmung mit Gottes Willen leben sollen, und jedes Mal, wenn wir versuchen, uns der gegenwärtigen Lebensaufgabe zu entziehen, um fernen Lockungen nachzurennen, begeben wir uns unter die unmittelbare Kontrolle von Einflüssen, welche weder von den Mächten der Wahrheit noch von den Kräften der Rechtschaffenheit bestimmt werden. Die Flucht vor der Pflicht ist die Opferung der Wahrheit. Die Flucht vor dem Dienst für Licht und Leben mündet unweigerlich in derartige leidvolle Konflikte mit den schwierigen Riesenfischen der Selbstsucht, die schließlich in Finsternis und Tod führen, es sei denn, solche Jonasse, die Gott aufgegeben haben, besinnen sich, auch wenn sie sich in tiefster Verzweiflung befinden, und suchen Gott und seine Güte. Wenn solche entmutigten Seelen aufrichtig nach Gott suchen - nach Wahrheit hungern und nach Rechtschaffenheit dürsten - dann kann nichts sie noch länger in Gefangenschaft halten. In wie große Tiefen sie auch immer gefallen sein mögen, wenn sie das Licht von ganzem Herzen suchen, wird der Geist Gottes des Herrn im Himmel sie aus ihrer Gefangenschaft befreien; die üblen Lebensumstände werden sie ausspeien aufs trockene Land neuer Gelegenheiten, den Dienst wieder aufzunehmen und weiser zu leben.“

Mit der Zeit begann Ganid zu bemerken, wie sein Hauslehrer seine Freizeit mit dem ungewöhnlichen persönlichen Dienen an seinen Mitmenschen verbrachte, und der junge Inder nahm sich vor, die Beweggründe für dieses unablässige Tätigsein herauszufinden. Er fragte: „Wieso pflegst du so ständigen Umgang mit Fremden?“ Und Jesus antwortete: „Ganid, für einen, der Gott kennt, ist niemand ein Fremder. Wenn man die Erfahrung macht, den Vater im Himmel zu finden, entdeckt man, dass alle Menschen unsere Brüder sind. Ist es dann verwunderlich, dass man sich über das Glück, einen neu entdeckten Bruder zu treffen, freut? Seine Brüder und Schwestern kennen zu lernen, ihre Probleme zu kennen und sie lieben zu lernen, ist die allerhöchste Erfahrung im Leben.“

Am selben Nachmittag hatten sich Jesus und Ganid beim Spiel mit einem sehr intelligenten Schäferhund vergnügt, und Ganid wollte wissen, ob der Hund eine Seele und einen Willen habe, worauf ihm Jesus zur Antwort gab: „Der Hund hat einen Verstand, der einen materiellen Menschen, seinen Meister, kennen kann, aber nicht Gott, der Geist ist; der Hund besitzt also keine geistige Natur und kann sich deshalb auch keiner geistigen Erfahrung erfreuen.“ Der Unterricht dieses Tages hatte zur Folge, dass Ganid nie wieder an die Wanderung von menschlichen Seelen in Tierkörper glaubte.

Am nächsten Tag besprach Ganid all dies mit seinem Vater, und auf eine Frage Gonods erklärte Jesus: „Menschen, deren Wille ausschließlich zeitgebundene Entscheidungen fällt, die mit den materiellen Problemen der animalischen Existenz zu tun haben, sind dazu verurteilt, mit dem Zeitlichen unterzugehen. Diejenigen, die mit ganzem Herzen sittliche Entscheidungen treffen und vorbehaltlos geistige Ziele wählen, identifizieren sich dadurch zunehmend mit dem ihnen innewohnenden, göttlichen Geist und verwandeln sich dabei mehr und mehr in die Werte des ewigen Fortlebens - des endlosen Fortschreitens im göttlichen Dienst.“

An eben diesem Tage hörten wir zum ersten Mal jene bedeutungsvolle Wahrheit, die, in heutiger Sprache ausgedrückt, etwa lauten würde: „Der Wille ist die Manifestation des menschlichen Verstandes, welche das subjektive Bewusstsein befähigt, sich objektiv auszudrücken und das Phänomen des Strebens nach Gottähnlichkeit zu erfahren.“ In diesem Sinne kann jedes nachdenkliche und geistig ausgerichtete menschliche Wesen schöpferisch werden.

Jesus und Ganid verbrachten während ihres Aufenthaltes in Alexandria viel Zeit im Museum. Gelehrte Professoren hielten hier täglich Vorlesungen, und in jenen Tagen war es der intellektuelle Mittelpunkt der abendländischen Welt. Tag für Tag erklärte Jesus Ganid die Vorlesungen; eines Tages während der zweiten Woche rief der junge Mann aus: „Lehrer Joshua, du weißt mehr als diese Professoren; du solltest dich erheben und ihnen die großen Dinge mitteilen, die du mir gesagt hast; sie sind vom vielen Denken benebelt. Ich werde mit meinem Vater darüber sprechen und ihn bitten, es in die Wege zu leiten.“ Jesus lächelte und sagte: „Du bist ein bewundernder Schüler, aber diese Lehrer sind nicht der Ansicht, dass du und ich sie belehren sollten. Der Stolz auf unvergeistigtes Wissen ist etwas Heimtückisches in der menschlichen Erfahrung. Der wahre Lehrer bewahrt seine intellektuelle Integrität, indem er immer ein Lernender bleibt.“

Nachdem die beiden Inder und Jesus Rom erreichten, hatte Jesus ganze Tage zu seiner Verfügung; das gab ihm Zeit, um mit dieser zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt gründlich vertraut zu werden. Jesus sah mit großer Gewissheit voraus, dass seine Sendboten sehr bald nach Rom kommen würden, um das Königreich des Himmels zu verkünden; und so schickte er sich auf die erstaunlichste Art und Weise an, ihnen den Weg für eine bessere und sicherere Aufnahme der Botschaft zu ebnen. Er wählte unter den Stoikern fünf, unter den Kynikern elf und unter den Oberhäuptern der Mysterienkulte sechzehn führende Persönlichkeiten aus und verbrachte fast sechs Monate lang einen großen Teil seiner Freizeit in enger Gemeinschaft mit diesen Religionslehrern. Seine Unterrichtsmethode bestand hierin: Nie griff er ihre Irrtümer an oder erwähnte auch nur die Schwachstellen ihrer Lehren. In jedem Fall entnahm er dem, was sie lehrten, die Wahrheit und ging dann daran, diese in ihrem Gemüt so zu verschönern und erleuchten, dass diese erweiterte Wahrheit in kürzester Zeit den damit verbundenen Irrtum verdrängte; und so waren diese von Jesus unterrichteten Männer und Frauen später vorbereitet, die zusätzlichen und verwandten Wahrheiten in den Lehren der frühen christlichen Missionare zu erkennen. Und gerade diese frühe Annahme der Lehren der Evangeliumsprediger gab der raschen Ausbreitung des Christentums in Rom und von hier aus über das ganze Kaiserreich einen machtvollen Anstoß.

Das dreißigste Jahr war eines der eher ungewöhnlichen an inneren Erfahrungen des Menschensohnes. Er machte große Fortschritte bei der Erlangung einer funktionierenden Harmonie zwischen seinem menschlichen Verstand und dem HEILIGEN GEIST. Dieser hatte aktiv eine Reorganisation seines Denkens vorgenommen und seinen Verstand auf die in nicht ferner Zukunft liegenden großen Ereignisse vorbereitet. Jesu Persönlichkeit stellte sich auf einen großen Wandel in seiner Haltung gegenüber der Welt ein. Es handelte sich um eine Zwischenphase, eine Übergangszeit.

In diesem Jahr begann Jesus auch eine einjährige Karawanenreise zum Kaspischen Meer. Unterwegs zum Kaspischen Meer hatte sich Jesus zur Ruhe und Erholung mehrere Tage in der alten persischen Stadt Urmia am westlichen Ufer des Urmiasees aufgehalten. Auf der größten einer Anzahl von Inseln in der Nähe Urmias und nicht weit von der Küste entfernt befand sich ein großes Gebäude - ein Amphitheater für Vorlesungen -, das dem „Geist der Religion“ gewidmet war. Der Bau war in der Tat ein Tempel der Religionsphilosophie. Die Lehrer der verschiedenen Religionen unternahmen große Anstrengungen, um zu zeigen, wie ähnlich ihre Religionen bezüglich der fundamentalen Dinge dieses Lebens und des nächsten waren. Mehrmals nahm Jesus an diesen Diskussionen teil, und bevor er Urmia verließ, kam der Gründer dieser Schule mit ihm überein, auf seiner Rückreise vierzehn Tage bei ihnen zu verbringen und vierundzwanzig Vorlesungen über „die Bruderschaft der Menschen“ zu halten sowie zwölf Abendsitzungen zu leiten mit Fragen, Diskussionen und Debatten über seine Vorlesungen im Besonderen und die Bruderschaft der Menschen im Allgemeinen.

Das einunddreißigste Jahr ist das Jahr der einsamen Wanderungen Jesu durch Palästina und Syrien. Während dieses Reisejahres kannte man ihn in verschiedenen Landesteilen unter verschiedenen Namen: als Zimmermann von Nazareth, als Bootsbauer von Kapernaum, als Schreiber von Damaskus und als Lehrer von Alexandria.

* * *

Jesus wurde auf dem Höhepunkt von Johannes‘ Predigertätigkeit getauft und war bei seiner Taufe fast einunddreißigeinhalb Jahre alt. Jesus betete: „Mein Vater, der du bist im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme! Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.“ Und als er gebetet hatte, „wurden die Himmel geöffnet“, und der Menschensohn schaute in einer Vision, die ihm der HEILIGE GEIST zeigte, sich selber als Gottessohn so, wie er war, bevor er als Sterblicher zur Erde gekommen war, und wie er wieder sein würde, wenn das Leben im Fleisch einmal vorüber wäre. Nur Jesus sah diese himmlische Vision. An diesem Tag der Taufe ging das rein menschliche Leben Jesu zu Ende. Der göttliche Sohn hatte seinen Vater gefunden, der Universale Vater hatte seinen inkarnierten Sohn gefunden, und sie sprachen miteinander.

Als Jesus getauft wurde, bereute er keine Missetaten, bekannte er keine Sünden. Seine Taufe war eine feierliche Verpflichtung, den Willen des himmlischen Vaters auszuführen. Bei seiner Taufe hörte er den unmissverständlichen Ruf seines Vaters, die endgültige Aufforderung, sich um dessen Angelegenheiten zu kümmern, und er zog sich für vierzig Tage in die Abgeschiedenheit zurück, um über diese vielfältigen Probleme nachzusinnen.

Jesus zog sich nicht zurück, um zu fasten und seine Seele zu betrüben. Die längste ohne Nahrung verbrachte Zeit waren seine beiden ersten Tage in den Bergen, als er so sehr in Gedanken versunken war, dass er völlig zu essen vergaß. Aber am dritten Tag machte er sich auf Nahrungssuche. Er war kein Asket und er kam, um für immer alle derartigen Vorstellungen über die Annäherung an Gott zu zerstören. Die Gründe, weshalb er die Abgeschiedenheit aufsuchte, waren völlig verschieden von jenen, welche Moses und Elija und sogar Johannes den Täufer bewegt hatten. Jesus war sich jetzt seiner Beziehung zum Universum seiner Schöpfung wie auch jener zum Universum der Universen, über dem der Paradies-Vater, sein himmlischer Vater, waltete, voll bewusst. Die vierzig Tage in der gebirgigen Einöde waren nicht eine Zeit großer Versuchung, sondern vielmehr der großen Entscheidungen des Meisters.

Eine Entscheidung bestand darin, dass Jesus für den Rest seines irdischen Wirkens eine weitere und folgerichtige Vorgehensweise festlegte. In allem, was seine persönlichen Bedürfnisse betraf, und im allgemeinen sogar in seinen Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten fasste er ganz bewusst den Entschluss, dem Weg der normalen irdischen Existenz zu folgen; er entschied sich endgültig gegen eine Vorgehensweise, welche die von ihm selber eingesetzten natürlichen Gesetze überschreiten, verletzen oder mit Füßen treten würde. Im Prinzip beschloss Jesus, sein Lebenswerk in Übereinstimmung mit dem Naturgesetz und in Harmonie mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung zu organisieren und auszuführen. Seine übernatürlichen Kräfte würde er möglicherweise für andere anwenden, aber nie für sich selber. Und er blieb dieser Haltung bis zu allerletzt treu, als man ihn mit den Worten verspottete: „Andere hat er gerettet, aber sich selber kann er nicht retten“ - weil er es nicht wollte.

Da Jesus es ablehnte, in Missachtung der gültigen Naturgesetze zu handeln, soweit seine persönliche Lebensweise betroffen war, wissen wir auch mit Bestimmtheit, dass er nie auf dem Wasser wandelte, noch irgend etwas tat, was eine Verletzung der materiellen Ordnung der Weltverwaltung dargestellt hätte.

Die nächste große Entscheidung betraf die Frage, ob er seine übernatürlichen Kräfte einsetzen solle, um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu erregen und ihre Gefolgschaft zu gewinnen, oder nicht. Sollte er seine Universums-Macht auf irgendeine Weise zur Befriedigung der jüdischen Sehnsucht nach dem Aufsehenerregenden und Wunderbaren einsetzen? Er entschloss sich, nicht so zu handeln. Er wählte eine Vorgehensweise, welche alle solchen Praktiken als Mittel, die Menschen mit seiner Sendung bekannt zu machen, verwarf. Und er hielt sich konsequent an diese große Entscheidung. Auch wenn er es erlaubte, dass zahlreiche zeitverkürzende Akte der Barmherzigkeit geschahen, so forderte er doch fast ausnahmslos die von ihm Geheilten auf, niemandem etwas von der erfahrenen Wohltat zu sagen. Und immer wies er die höhnische Herausforderung seiner Feinde zurück, die zum Beweis und zur Demonstration seiner Göttlichkeit von ihm verlangten: „Gib uns ein Zeichen!“

Jesus sah sehr weise voraus, dass das Wirken von Mirakeln und die Ausführung von Wundertaten das materielle Gemüt einschüchtern und lediglich äußerliche Gefolgschaft bewirken würde; solche Demonstrationen würden weder Gott offenbaren noch die Menschen retten. Er weigerte sich, ein bloßer Wundertäter zu werden. Er beschloss, sich nur einer einzigen Sache zu widmen - der Errichtung des Königreichs des Himmels.

Was Jesus damals in der Zeit entschied, spiegelt sich im folgenden Abschnitt des Kurses wider:

“Du bist nur deshalb in einer unmöglichen Situation, weil du es für möglich hältst, in einer solchen zu sein. Du wärst in einer unmöglichen Situation, wenn GOTT dir deine Vollkommenheit zeigen und dir beweisen würde, dass du dich geirrt hast. Das würde zeigen, dass die Vollkommenen unfähig sind, sich ihre Vollkommenheit selbst zu Bewusstsein zu bringen, und damit den Glauben unterstützen, dass die, die alles haben, Hilfe brauchen und daher hilflos sind. Das ist die Art von »Argumentation«, mit der das Ego sich befasst. GOTT, DER weiß, dass SEINE Schöpfungen vollkommen sind, beleidigt sie nicht. Das wäre ebenso unmöglich wie die Auffassung des Ego, dass es IHN beleidigt hat.”
(EKIW: Kapitel 6, IV. 10.)

Jesus zog es vor, das Königreich des Himmels in den Herzen der Menschen durch natürliche, gewöhnliche, schwierige und anstrengende Methoden zu begründen, genau dieselben, die seine irdischen Kinder in Zukunft bei ihren Tätigkeiten zur Erweiterung und Ausbreitung des himmlischen Königreichs anwenden müssten. Denn der Menschensohn wusste genau, dass „viele Kinder aller Zeitalter nur durch große Mühsal ins Königreich gelangen würden“. Jesus ging jetzt durch die große Prüfung des zivilisierten Menschen, nämlich Macht zu besitzen und es standhaft abzulehnen, diese zu egoistischen oder persönlichen Zwecken zu gebrauchen.

Der menschliche Verstand des Menschensohns räumte schließlich und endlich mit all den messianischen Schwierigkeiten und Widersprüchen gründlich auf - hebräische Schriften, elterliche Unterweisung, Unterricht des Chazans, jüdische Erwartungen und ehrgeizige menschliche Sehnsüchte; ein für alle Mal legte er seinen Kurs fest. Er würde nach Galiläa zurückkehren, in aller Ruhe mit der Verkündigung des Königreichs beginnen und auf seinen Vater (dem HEILIGEN GEIST) vertrauen, um Tag für Tag die Einzelheiten seines Vorgehens zu bestimmen.

Sollte der Menschensohn über seine Sendung und deren Natur noch Zweifel gehabt haben, als er nach seiner Taufe in die Berge hinaufstieg, so war er frei davon, als er nach den vierzig Tagen der Entscheidungen in der Einsamkeit zu seinen Gefährten zurückkehrte.

Nachdem Jesus von den Bergen herabgestiegen war, wurden die ersten vier Apostel gewählt: die beiden Brüder Andreas und Simon sowie Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus. Von da an wurde der Ausdruck Apostel gebraucht, um die auserwählte Familie von Beratern Jesu von der großen Menge gläubiger Jünger zu unterscheiden, die ihm später folgte.

Als Jesus mit seinen ersten sechs Jünger-Aposteln, zu denen auch Philipp und Nathanael gekommen waren, Nazareth erreichte, übernachteten sie alle bei Joseph in dem Hause von Jesu Knabenzeit. Jesu Mitarbeiter verstanden kaum, weshalb ihr neu gefundener Lehrer so besorgt war, jegliche Spur des von ihm Geschriebenen, das im Haus in Form der zehn Gebote und anderer Worte und Sinnsprüche noch vorhanden war, radikal zu beseitigen. Aber dieses Vorgehen und die Tatsache, dass sie ihn später nie anders als in Staub oder in Sand schreiben sahen, hinterließ in ihnen einen tiefen Eindruck.

Als sich alle nach Kana zur Hochzeit der Naomi begaben, erwarteten seine Familie und seine Freunde von Kapernaum mit Bestimmtheit, dass Jesus an der bevorstehenden Hochzeit von Kana zum ersten Mal mit messianischer Vollmacht auftreten würde, und dies mit großer Kraft und erhabener Größe. Maria war seit Jahren nicht mehr so fröhlich gewesen. Sie begab sich nach Kana in der Stimmung einer Königinmutter, die sich aufmacht, um der Krönung ihres Sohnes beizuwohnen. Als Jesus Marias Anliegen sich als „der Übernatürliche“ zu offenbaren vorerst ablehnte, war sie sehr enttäuscht.

Zweitausend Jahre später finden wir im Kurs unter anderem folgenden Wundergrundsätze:

“Wunder als Schaustücke zu verwenden, um Glauben zu erwecken, ist ein Missverständnis ihres Sinns und Zwecks.”

“Das Gebet ist das Medium der Wunder. Es ist ein Kommunikationsmittel des Erschaffenen mit dem SCHÖPFER. Durch das Gebet wird Liebe empfangen, und durch Wunder wird Liebe ausgedrückt.”

“Wunder sind Gedanken. Gedanken können die niedrigere oder körperliche Erfahrungsebene darstellen oder aber die höhere oder geistige Erfahrungsebene. Die eine macht das Physische, die andere erschafft das Geistige.”

Als das offizielle Nachtessen beendet war und die Gäste sich im Garten ergingen, vertraute die Mutter des Bräutigams Maria an, dass der Weinvorrat erschöpft sei. Und Maria antwortete zuversichtlich: „Habt keine Sorge - ich will mit meinem Sohn sprechen. Er wird uns helfen.“ Und tatsächlich nahm sie sich heraus, mit ihm zu sprechen, trotz der ihr einige Stunden zuvor erteilten Rüge. Jesus betonte wieder, dass er nicht gekommen war, um derartige Dinge zu tun, sondern einzig und allein den Willen des Vaters. Maria, die Mutter Jesu, war niedergeschmettert und so erbarmte sich Jesus ihrer. Aber Jesus sagte nichts zu den Bediensteten. Es kam ihm jetzt zum Bewusstsein, dass er bereits zu viel gesagt - oder vielmehr in Gedanken gewünscht - hatte. Und dank der Gegenwart und Verbindung bestimmter Kräfte und Persönlichkeiten des Universums, von denen keiner der Anwesenden etwas vermutete, sollte Maria nicht enttäuscht werden. Der Wein, den Maria herbeisehnte und den Jesus, der Gottmensch, aus menschlichem Mitgefühl begehrte, fand sich ein.

Es dämmerte Jesus allmählich, was geschehen war. Von allen am Hochzeitsfest in Kana Anwesenden war er der am meisten Überraschte. Die anderen hatten erwartet, dass er ein Wunder tun würde, aber gerade das war es, was er sich vorgenommen hatte, nicht zu tun. Aber Jesus verstand, da der HEILIGE GEIST ihm zu verstehen gegeben hatte, dass den Wunsch des Sohnes zu vollziehen dem Willen des Vaters in keiner Weise zuwiderlaufe.

Danach kam es zu einer viermonatigen Zeit des Wartens und der Schulung. In dieser Wartezeit bemühte sich Jesus darum, seinen Mitarbeitern beizubringen, wie sie sich gegenüber den verschiedenen religiösen Gruppierungen und politischen Parteien Palästinas verhalten sollten. Jesu Worte waren immer: „Wir wollen versuchen, sie alle zu gewinnen, aber wir gehören keiner von ihnen an.“ Es gab da die Pharisäer, Sadduzäer, Essener, Zeloten, Herodianer und die Samaritaner.

Alle diese Parteien und Sekten einschließlich der kleineren Bruderschaft der Nasiräer glaubten, dass der Messias irgendwann kommen würde. Sie alle hielten nach einem nationalen Befreier Ausschau. Aber Jesus machte unmissverständlich klar, dass weder er noch seine Jünger sich je mit einer dieser Schulen praktischer oder geistiger Richtung verbünden würden. Der Menschensohn würde weder ein Nasiräer noch ein Essener sein.

Am Sabbat, dem 22. Juni, kurz bevor sie sich auf ihre erste Predigtwanderung begaben und etwa zehn Tage nach der Gefangennahme des Johannes, stand Jesus zum zweiten Mal am Rednerpult der Synagoge, seit er mit seinen Aposteln nach Kapernaum gekommen war. Diese denkwürdige Predigt über das Königreich Gottes war die erste anspruchsvolle Handlung Jesus öffentlichen Laufbahn. Auch wenn immer noch Verwirrung bei vielen Gläubigen hinsichtlich Sinn und Bedeutung des Begriffes „Königreich Gottes“ herrscht, so lehrte Jesus seine Apostel ständig, das Königreich beinhalte die persönliche Erfahrung des Menschen mit seinesgleichen auf Erden und mit dem Vater im Himmel. In allem, was das Königreich betraf, war sein letztes Wort immer: „Das Königreich ist in euch.“

Nachdem er so gesprochen hatte, setzte er sich. Alle, die ihn gehört hatten, staunten über seine Worte. Seine Jünger waren verwundert. Aber die Leute waren nicht darauf vorbereitet, die gute Nachricht von den Lippen dieses Gottmenschen zu empfangen. Etwa ein Drittel der Zuhörer glaubte an die Botschaft, obwohl sie sie nicht ganz verstehen konnten; ein weiteres Drittel bereitete sich insgeheim darauf vor, ein solch rein geistiges Konzept vom erwarteten Königreich zurückzuweisen, während das restliche Drittel seine Unterweisung nicht fassen konnte und viele allen Ernstes glaubten, er „sei von Sinnen“.

Nach der Predigt über „das Königreich“ bestimmte Jesus, dass die Sechs immer zu zweit ausziehen sollten, um die gute Nachricht vom Königreich zu lehren. Er verbot ihnen zu taufen und gab ihnen den Rat, nicht öffentlich zu predigen. Er erklärte ihnen, dass er ihnen später öffentliches Predigen erlauben würde. Aus vielen Gründen wünsche er aber, dass sie vorerst einmal im persönlichen Umgang mit ihren Mitmenschen praktische Erfahrung sammelten. Jesus sah vor, dass ihre erste Rundreise ausschließlich eine Angelegenheit persönlicher Arbeit sein würde.

Bevor sie diesen ersten, zweiwöchigen Dienst begannen, eröffnete Jesus ihnen, er wünsche, zwölf Apostel mit der Fortsetzung des Werks für das Königreich nach seinem Weggang zu betrauen, und ermächtigte jeden von ihnen, unter den Bekehrten der ersten Stunde einen Mann als Mitglied für das geplante Apostelkorps auszusuchen.

Diese erste Missionsreise der sechs war äußerst erfolgreich. Sie entdeckten alle den großen Wert direkten und persönlichen Kontaktes mit den Menschen. Als sie zu Jesus zurückkehrten, war ihnen bewusster geworden, dass Religion am Ende ganz und gar eine Angelegenheit rein persönlicher Erfahrung ist. Sie begannen zu fühlen, wie hungrig das einfache Volk war, Worte religiösen Trostes und geistiger Ermutigung zu hören. Als sie um Jesus versammelt waren, legten sie vor dem Meister in aller Form ihre Berichte ab und unterbreiteten ihm ihre Vorschläge für die sechs neuen Apostel.

Die neu gewählten Apostel waren: Matthäus Levi, der Zolleinnehmer von Kapernaum, Thomas Didymus, ein Fischer aus Tarichäa, Jakobus Alphäus, ein Fischer und Bauer aus Keresa, Judas Alphäus, der Zwillingsbruder des Jakobus Alphäus, Simon Zelotes, er nahm in der patriotischen Organisation der Zeloten einen höheren Rang ein und gab seine Stellung auf, um sich Jesu Jüngern anzuschließen und Judas Iskariot, er war einziger Sohn reicher jüdischer Eltern, die in Jericho lebten.

Die 12 Aposteln

Die ersten vier Apostel:
  • Brüder Andreas und
  • Simon (Petrus)
  • Jakobus und
  • Johannes, die Söhne des Zebedäus (Der Apostel Johannes war von den Aposteln der einzige Zeuge der Kreuzigung. Er war auch bei Pilatus mit dabei.)
Die zwei weiteren:
  • Philipp(us)
  • Nathanael (Beiname: Bartholomäus)
Die von den ersten sechs Aposteln gewählten:
  • Matthäus Levi, der Zolleinnehmer von Kapernaum
  • Thomas Didymus, ein Fischer aus Tarichäa
  • Jakobus Alphäus, ein Fischer und Bauer aus Keresa
  • Judas Alphäus (in der Bibel: Thaddäus), der Zwillingsbruder des Jakobus Alphäus
  • Simon Zelotes, er nahm in der patriotischen Organisation der Zeloten einen höheren Rang ein
  • Judas Iskariot

Die nächste Zeit war einem Programm intensiver Schulung gewidmet. Die Zwölf waren weitgehend außerstande, die Bedeutung der wunderbaren Wahrheiten zu verstehen, die Jesus sie zu lehren suchte. Der eine erfasste diesen Punkt, der andere jenen, aber keiner war imstande, das Ganze seines Unterrichts aufzunehmen. Sie begingen immer den Fehler, Jesu neues Evangelium in die alten Formen ihres religiösen Glaubens einpassen zu wollen. Sie konnten die Idee nicht erfassen, dass Jesus gekommen war, um ein neues Evangelium des Heils zu verkünden und eine neue Art der Gottfindung einzuführen; sie erkannten nicht, dass er selber die neue Offenbarung des himmlischen Vaters war.

In Ein Kurs in Wundern weist Jesus auf Folgendes hin: “Wenn du die Lehren der Apostel liest, denke daran, dass ich selbst ihnen sagte, sie würden vieles später verstehen, weil sie in jener Zeit noch nicht voll und ganz bereit waren, mir nachzufolgen.” (EKIW: Kapitel 6, I. 16. 1.)

Jesus bemühte sich, seinen Aposteln den Unterschied zwischen seinen Lehren und seinem Leben unter ihnen und den Lehren, die später über ihn entstehen könnten, klarzumachen. Jesus sagte: „Mein Königreich und das sich darauf beziehende Evangelium sollen der Schwerpunkt eurer Botschaft sein. Geratet nicht auf Seitenpfade, indem ihr über mich und über meine Lehren predigt. Verkündet die frohe Botschaft des Königreichs und schildert meine Offenbarung des Vaters im Himmel, aber verirrt euch nicht auf Nebenwege, indem ihr Legenden schafft und einen Kult errichtet, dessen Inhalt Glauben und Lehren über meinen Glauben und meine Lehren sind.“ Aber wiederum verstanden sie nicht, weshalb er so sprach, und keiner wagte zu fragen, warum er sie solches lehrte. Sie glaubten alle wahrhaftig an Jesus, auch wenn sie seine Unterweisung nicht ganz verstanden.

Jesus unterwies sie, die Vergebung der Sünden durch den Glauben an Gott ohne Buße oder Opfer zu predigen, und dass der Vater im Himmel alle seine Kinder mit derselben ewigen Liebe liebt. Er gebot seinen Aposteln, sich der Diskussion der folgenden Punkte zu enthalten:
  1. Werk und Gefangenschaft von Johannes dem Täufer.

  2. Die Stimme bei der Taufe. Jesus sagte: „Nur jene, die die Stimme gehört haben, mögen darüber sprechen. Sagt lediglich, was ihr von mir vernommen habt, und nichts, was ihr vom Hörensagen wisst.“

  3. Die Verwandlung des Wassers in Wein in Kana. Jesus schärfte ihnen sehr ernsthaft ein: „Sagt niemandem etwas über das Wasser und den Wein.“
Jesus erklärte seinen Aposteln den Unterschied zwischen der Buße durch sogenannte gute Werke, wie die Juden sie lehrten, und dem Geisteswandel durch den Glauben - die Neugeburt - den er als Preis für die Aufnahme ins Königreich verlangte. Er lehrte seine Apostel, dass der Glaube das einzige Erfordernis zum Eintritt in des Vaters Königreich ist. Jesus suchte ihren Sinn von der Wundersuche weg- und hinzulenken auf das Finden einer wirklichen und persönlichen Erfahrung der Zufriedenheit und Gewissheit, vom göttlichen Geist der Liebe und rettenden Gnade bewohnt zu werden.

Die Jünger bemerkten bald, dass der Meister jedem menschlichen Wesen gegenüber, dem er begegnete, tiefen Respekt und mitfühlende Anteilnahme bekundete, und sie waren gewaltig beeindruckt von dieser immer gleichen und unveränderlichen Achtung, die er beständig allen möglichen Männern, Frauen und Kindern entgegenbrachte. Er konnte mitten in einer tiefgründigen Rede innehalten und auf die Straße hinausgehen, um einer mit ihrer körperlichen und seelischen Bürde beladenen Frau, die gerade vorüberging, guten Mut zuzusprechen. Oder er unterbrach eine ernste Besprechung mit seinen Aposteln, um sich väterlich mit einem störenden Kind abzugeben. Nichts schien Jesus jemals wichtiger als der individuelle Mensch, der sich gerade in seiner unmittelbaren Gegenwart befand. Er war Meister und Lehrer, aber er war mehr als das: Er war auch ein Freund und Nachbar, ein verstehender Kamerad.

Während Jesu öffentliche Unterweisung hauptsächlich aus Gleichnissen und kurzen Reden bestand, unterrichtete er seine Apostel stets durch Fragen und Antworten. Später unterbrach er seine öffentlichen Ansprachen immer, um ehrlich gemeinte Fragen zu beantworten.

Die Art, wie Jesus mit den Frauen umging, brachte die Apostel anfangs aus der Fassung, aber sie gewöhnten sich bald daran; er machte ihnen ganz klar, dass den Frauen im Königreich dieselben Rechte wie den Männern zuteil werden.

Ihr persönliches Zusammenleben mit Jesus während dieser fünf Probemonate war es, was die Apostel ihn so sehr liebgewinnen ließ, dass sie ihm alle (außer Judas Iskariot) sogar in den dunklen Stunden des Prozesses und der Kreuzigung aufrichtig die Treue hielten. Wahre Menschen konnten ganz einfach nicht einen verehrten Lehrer verlassen, der so nahe mit ihnen zusammengelebt und sich ihnen so sehr gewidmet hatte wie Jesus.

Diese Monate stiller Arbeit stellten nicht nur die Apostel auf eine harte Probe, die sie bestanden; diese Zeit ohne öffentliche Tätigkeit war auch eine schwere Prüfung für die Familie Jesu. Seine Brüder Jakobus und Jude waren enttäuscht, weil sie nicht in den inneren Kreis von Jesu Mitarbeitern aufgenommen wurden. Aber Jesus wollte keine engen Verwandten unter den Mitgliedern des Korps apostolischer Leiter des Königreichs haben. Zum Zeitpunkt, da Jesus bereit war, seine Öffentlichkeitsarbeit aufzunehmen, hatte ihn (mit Ausnahme von Ruth) praktisch seine ganze Familie verlassen. Nur bei vereinzelten Gelegenheiten versuchten sie später, mit ihm Kontakt aufzunehmen, und dann jedes Mal, um ihn zu überreden, mit ihnen nach Hause zurückzukehren; denn sie waren nicht weit davon entfernt, ihn für verrückt zu halten. Sie konnten seine Philosophie ganz einfach nicht ergründen, noch seine Lehre fassen; es war für sie, sein eigen Fleisch und Blut, einfach zu viel.

Da Johannes der jüngste der Zwölf und mit Jesus in dessen Familienangelegenheiten eng verbunden war, war er dem Meister sehr lieb, aber es wäre nicht wahr zu sagen, dass er „der Jünger war, den Jesus liebte“. Jesus liebte nicht nur alle seine Apostel, sondern alle seine Mitmenschen. Die Nächstenliebe ist ein zentrales Element seiner Lehre, und einen Apostel zu erheben war und ist nicht in seinem Sinne. Während seines vorübergehenden Exils auf Patmos schrieb Johannes das Buch der Offenbarung, das uns jetzt nur noch in bruchstückhafter und verfälschter Form vorliegt.

Simon Petrus war ein impulsiver Mann, ein Optimist. Von klein auf hatte er sich stets erlaubt, seinen starken Gefühlen freien Lauf zu lassen; er geriet dauernd in Schwierigkeiten, weil er fortfuhr, unüberlegt zu sprechen. Der Meister kannte Simon schon einige Zeit, bevor er ihm von Andreas als zweiter Apostel vorgestellt wurde. Als Jesus Simon den Namen Petrus gab, tat er es mit einem Lächeln; es sollte eine Art Scherzname sein. Simon war allen seinen Freunden als sprunghafter und impulsiver Gefährte bekannt. Tatsächlich fügte Jesus diesem leichthin verliehenen Spitznamen später einen neuen und bedeutungsvollen Sinn hinzu. Simon Petrus war der erste Apostel, der sich von ganzem Herzen zu der vereinigten menschlichen und göttlichen Natur Jesu bekannte und - von Judas abgesehen - der erste, der ihn verleugnete. Als er ganz sicher war, dass Jesus ihm vergeben und ihn wieder in seine Gemeinde aufgenommen hatte, brannten die Feuer des Königreichs so hell in seiner Seele, dass er für Tausende, die in der Dunkelheit waren, zu einem großen und rettenden Licht wurde. Obwohl Petrus und Paulus in Temperament und Erziehung und sogar in ihrer Theologie sehr verschieden waren, arbeiteten sie in den späteren Jahren beim Aufbau der Kirchen harmonisch zusammen.

Thomas hatte nur eine geringe Bildung, aber er besaß einen scharf urteilenden Verstand und war der Sohn vorzüglicher Eltern, die in Tiberias wohnten. Thomas hatte den einzigen wahrhaft analytischen Verstand unter den Zwölfen; er war der eigentliche Wissenschaftler der apostolischen Gruppe. Thomas‘ große Stärke lag in seinem vorzüglichen analytischen Verstand gepaart mit unerschütterlichem Mut - wenn er sich einmal zu etwas entschlossen hatte. Seine große Schwäche war seine argwöhnische Zweifelsucht, die er zeitlebens nie ganz überwand. Thomas predigte und taufte, bis er durch die Häscher der römischen Regierung gefasst und in Malta hingerichtet wurde. Nur wenige Wochen vor seinem Tode hatte er begonnen, Leben und Lehren Jesu aufzuzeichnen.

Von Anfang an sah der Meister sehr genau die Schwäche Judas und er war sich der Gefahren, ihn als Gefährten anzunehmen, durchaus bewusst. Aber es liegt in seiner Natur, jedem erschaffenen Wesen eine volle und ebenbürtige Gelegenheit zur Rettung und zum Überleben zu geben. Judas brütete immer mehr über seinen persönlichen Enttäuschungen und wurde schließlich Opfer seines Grolls. Aber diese bösen und gefährlichen Gedanken nahmen erst an dem Tage endgültige Gestalt an, an dem eine dankbare Frau zu Füßen Jesu ein kostbares Weihrauchgefäß zerbrach. Judas empfand das als Verschwendung, und als Jesus seinen lauten Protest in Hörweite aller vehement missbilligte, war das zu viel. Dieses Ereignis bewirkte die Mobilisierung all dessen, was sich während eines ganzen Lebens an Hass, Verletztheit, Bosheit, Vorurteilen, Eifersucht und Groll aufgestaut hatte, und er entschloss sich, mit irgendjemandem abzurechnen; und er konzentrierte seine ganze Projektion auf die einzige unschuldige Person in dem ganzen Drama.

In Ein Kurs in Wundern ist Jesus auch in seiner Haltung gegenüber Judas völlig unmissverständlich:

“Das sind einige der Beispiele eines auf den Kopf gestellten Denkens im NEUEN TESTAMENT, obschon das Evangelium in Wirklichkeit nur eine Botschaft der Liebe ist. Hätten die Apostel sich nicht schuldig gefühlt, hätten sie mich nie so zitieren können: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Das ist eindeutig das Gegenteil all dessen, was ich lehrte. Ebenso wenig hätten sie meine Reaktionen Judas gegenüber so beschreiben können, wie sie es taten, wenn sie mich wirklich verstanden hätten. -Ich hätte nur sagen können: »Verrätst du den MENSCHENSOHN mit einem Kuss?«, wenn ich an Verrat geglaubt hätte. Die ganze Botschaft der Kreuzigung war ja, dass ich das nicht tat. Die »Strafe«, die ich auf Judas herabbeschworen haben soll, war ein ähnlicher Fehler. Judas war mein Bruder und ein SOHN GOTTES und ebenso ein Teil der SOHNSCHAFT wie ich. Ist wohl anzunehmen, dass ich ihn verurteilen würde, wenn ich bereit war, aufzuzeigen, dass Verurteilung unmöglich ist?”
(EKIW: Kapitel 6, I. 15.)

Am Jahresbeginn 27 n. Chr. rief Jesus die Apostel zusammen zu ihrer Weihe als öffentliche Prediger des Evangeliums des Königreichs. Vor dem eigentlichen Weihegottesdienst sprach Jesus zu den zwölf Jüngern, die um ihn herum saßen, unter anderem die folgenden Worte: „Eure Botschaft an die Welt sei: Sucht zuerst das Königreich Gottes und seine Rechtschaffenheit, und wenn ihr diese findet, sollen euch auch alle anderen zum ewigen Leben wesentlichen Dinge sicher sein. Und nun möchte ich euch klarmachen, dass dieses Königreich meines Vaters nicht mit äußerer Machtentfaltung oder unziemlichen Kundgebungen daherkommen wird. Ihr sollt nicht von hier weggehen und das Königreich mit den Worten verkündigen: ‚Es ist hier‘ oder ‚es ist da‘, denn das Königreich, von dem ihr predigt, ist Gott in euch.”

Die Weihepredigt - in der Bibel Bergpredigt genannt - enthielt viele bekannte Bibelverse wie z.B: "Selig sind die …”, “Ihr seid das Salz der Erde, …”, “Ihr seid das Licht der Welt. …”, “Wenn euer Nächster euch auf die rechte Wange schlägt, dann haltet ihm auch die andere hin. …”, “Macht nicht den Fehler, einen Splitter aus eures Bruders Auge entfernen zu wollen, während in eurem eigenen Auge ein Balken ist. …”, “Ich warne euch vor falschen Propheten, …”

Die sogenannte „Bergpredigt“ ist nicht das Evangelium Jesu. Sie enthält wohl viel hilfreiche Unterweisung, aber sie war Jesu Weisung an die zwölf Apostel anläßlich ihrer Weihe. Sie war des Meisters persönlicher Auftrag an jene, die das Evangelium weiter verkündigen und danach trachten sollten, ihn so in der Welt der Menschen zu vertreten, wie er seinen Vater so beredt und vollkommen vertrat.

Licht verscheucht zwar Finsternis, es kann aber auch so „blenden“, dass es verwirrt und entmutigt. Wir werden ermahnt, unser Licht so scheinen zu lassen, dass unsere Mitmenschen auf neue und göttliche Pfade eines höheren Lebens geführt werden. Unser Licht sollte so scheinen, dass es die Aufmerksamkeit nicht auf unser Selbst lenkt. Sogar unsere Berufung kann als ein wirkungsvoller „Reflektor“ zur Ausbreitung dieses Lichts des Lebens dienen.

Starke Charaktere bilden sich nicht, indem man Unrecht nicht tut, sondern vielmehr, indem man das Gute tatsächlich tut. Selbstlosigkeit ist das Merkmal menschlicher Größe. Die höchsten Ebenen der Selbstverwirklichung werden durch Anbetung und Dienen erreicht. Der glückliche und erfolgreiche Mensch wird nicht durch die Angst motiviert, Unrecht zu tun, sondern durch die Liebe, das Rechte zu tun.

Der Hauptirrtum der modernen Religionen ist der Negativismus. Der Baum, der keine Früchte trägt, wird „umgehauen und ins Feuer geworfen“. Sittlicher Wert kann nicht aus bloßer Unterdrückung hervorgehen - aus dem Gehorsam gegenüber dem Befehl „Du sollst nicht.“ Furcht und Scham sind unwürdige Beweggründe für ein religiöses Leben. Religion ist nur dann begründet, wenn sie die Vaterschaft Gottes offenbart und die Brüderlichkeit unter den Menschen steigert.

Eine wirkungsvolle Lebensphilosophie entsteht aus der Verbindung der kosmischen Erkenntnis mit der Gesamtheit unserer gefühlsmäßigen Reaktionen auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld. Ererbte Triebe können nicht grundlegend verändert werden, wohl aber die gefühlsmäßigen Antworten auf solche Triebe; folglich kann die sittliche Natur verändert und der Charakter verbessert werden. In einem starken Charakter sind die gefühlsmäßigen Antworten integriert und koordiniert, und dadurch entsteht eine geeinte Persönlichkeit. Unzureichende Einigung schwächt die sittliche Natur und macht unglücklich.

Ohne ein lohnendes Ziel wird das Leben sinn- und zwecklos, und viel Elend ist die Folge davon. Jesu Rede zur Weihe der Zwölf ist eine meisterhafte Lebensphilosophie. Jesus ermahnte seine Jünger, sich in einem Glauben zu üben, der auf Erfahrung beruht. Er warnte sie, sich nicht auf eine bloß intellektuelle Zustimmung, auf Leichtgläubigkeit und etablierte Autorität zu verlassen.

“Selig sind die Armen im Geiste - die Demütigen.” Die Armen im Geiste suchen Ziele geistigen Reichtums - sie suchen Gott. Und solche Wahrheitssucher brauchen nicht auf Belohnungen in einer fernen Zukunft zu warten; sie werden jetzt belohnt. Sie finden das Königreich des Himmels in ihren eigenen Herzen, und sie erleben diese Glückseligkeit jetzt.

„Selig sind, die nach Rechtschaffenheit hungern und dürsten, denn sie sollen gesättigt werden.“ Nur die, die sich arm im Geiste fühlen, wird es je nach Rechtschaffenheit hungern. Nur die Demütigen suchen nach göttlicher Kraft und sehnen sich nach geistiger Macht. Aber es ist äußerst gefährlich, sich wissentlich in geistigem Fasten zu üben, um seinen Appetit auf geistige Gaben zu vergrößern. Physisches Fasten wird nach vier oder fünf Tagen gefährlich; man neigt dazu, jeden Wunsch nach Nahrung zu verlieren. Längeres Fasten, sei es physisch oder geistig, hat die Tendenz, den Hunger zu vernichten.

Gelebte Rechtschaffenheit ist eine Freude, keine Pflicht. Jesu Rechtschaffenheit ist eine dynamische Liebe - eine väterlich-brüderliche Zuneigung. Sie ist nicht die negative oder Du-sollst-nicht-Art von Rechtschaffenheit. Wie könnte man nach etwas Negativem hungern - nach etwas, das man „nicht tun soll“?

Aus all dem wird offenbar, dass die Seligpreisungen der Bergpredigt auf Glauben und Liebe fußen und nicht auf dem Gesetz - auf Moral und Pflicht.

Am Abend nach der Weihepredigt baten die Jünger Jesus um weitere Erklärungen. Nachdem Jesus die Apostel wieder um sich versammelt hatte und fuhr er fort, sie zu unterrichten, indem er sprach: „Es fällt euch schwer, meine Botschaft aufzunehmen, weil ihr die neue Lehre unmittelbar auf der alten aufbauen möchtet, aber ich erkläre euch, dass ihr wiedergeboren werden müsst. Ihr müsst von vorne beginnen wie kleine Kinder und gewillt sein, meinen Lehren zu vertrauen und an Gott zu glauben. Das neue Evangelium des Königreichs kann nicht mit dem Bestehenden in Übereinstimmung gebracht werden. Ihr habt falsche Ideen vom Menschensohn und seiner Sendung auf Erden. Aber macht nicht den Fehler zu denken, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten abzuschaffen; ich bin nicht gekommen, um zu zerstören, sondern um zu erfüllen, zu erweitern und zu erleuchten. Ich komme nicht, um das Gesetz zu übertreten, sondern vielmehr, um diese neuen Gebote auf die Tafeln eurer Herzen zu schreiben.”

Da sagte Simon Petrus: „Meister, wenn du ein neues Gebot hast, möchten wir es hören. Zeige uns den neuen Weg.“ Jesus antwortete Petrus: „Ihr habt diejenigen, welche das Gesetz lehren, sagen hören: ‚Du sollst nicht töten; wer tötet, muss sich vor Gericht verantworten.‘ Ich aber halte nach dem Motiv hinter der Tat Ausschau. Ich erkläre euch, dass jeder, der auf seinen Bruder böse ist, Gefahr läuft, verurteilt zu werden. Wer in seinem Herzen Hass nährt und auf Rache sinnt, ist in Gefahr, gerichtet zu werden. Ihr müsst eure Gefährten nach ihren Taten beurteilen, aber der Vater im Himmel urteilt nach der Absicht.”

Als Jesus weitere Fragen zu den Gesetzen Moses gestellt wurden, sagte er: „Ich bin nicht gekommen, um Gesetze zu geben, sondern um zu erleuchten. Ich bin nicht gekommen, um die Königreiche dieser Welt zu reformieren, sondern um das Königreich des Himmels zu errichten. Es ist nicht des Vaters Wille, dass ich der Versuchung erliege, euch Regeln über Regieren, über Handel und soziales Verhalten zu lehren, die vielleicht für den heutigen Tag gut, aber weit davon entfernt wären, auf die Gesellschaft eines anderen Zeitalters anwendbar zu sein. Ich bin einzig auf Erden, um die Gemüter aufzurichten, den Geist zu befreien und die Seelen der Menschen zu retten.”

Da fragte Nathanael: „Meister, sollen wir der Gerechtigkeit keinen Platz geben? Das Gesetz des Moses sagt: ‚Auge um Auge, und Zahn für Zahn.‘ Was sollen wir sagen?“ Und Jesus antwortete: „Ihr sollt Böses mit Gutem vergelten. Meine Botschafter sollen nicht mit den Menschen ringen, sondern liebenswürdig zu allen sein. Gleiches mit Gleichem zu vergelten darf nicht eure Regel sein. Die Herrscher der Menschen mögen solche Gesetze haben, aber im Königreich ist es nicht so; stets soll Barmherzigkeit eure Urteile bestimmen und Liebe euer Verhalten. Und wenn dies zu starke Worte sind, könnt ihr auch jetzt noch umkehren. Wenn ihr die Anforderungen des Apostolats zu hart findet, könnt ihr auf den weniger strengen Pfad der Jüngerschaft zurückkehren.“

Als sie diese aufrüttelnden Worte gehört hatten, begaben sich die Apostel jeder für sich eine Zeit lang abseits, aber sie kehrten bald zurück, und Petrus sagte: „Meister, wir wollen mit dir weitergehen; keiner von uns möchte umkehren. Wir sind voll gewillt, den Extrapreis zu zahlen; wir wollen den Kelch trinken. Wir wollen Apostel sein, und nicht bloß Jünger.“

Als Jesus dies hörte, sprach er: „So seid denn willens, eure Verantwortung zu übernehmen und folgt mir. Tut Gutes im Verborgenen; wenn ihr Almosen gebt, lasst die Linke nicht wissen, was die Rechte tut. Und wenn ihr betet, gehe jeder für sich abseits, und gebraucht nicht leere Wiederholungen und bedeutungslose Phrasen. Denkt immer daran, dass der Vater weiß, was euch Not tut, noch ehe ihr ihn bittet. Gebt euch nicht mit trauriger Miene dem Fasten hin, damit die Leute euch sähen. Da ihr als meine gewählten Apostel jetzt für den Dienst am Königreich bestimmt seid, legt für euch selber auf Erden keine Schätze an, sondern legt euch durch euren selbstlosen Dienst Schätze im Himmel an; denn da, wo sich eure Schätze befinden, ist auch euer Herz.”

„Das Auge ist die Leuchte des Körpers; deshalb wird euer ganzer Körper voller Licht sein, wenn euer Auge großzügig ist. Wenn aber euer Auge selbstsüchtig ist, wird der ganze Körper voller Finsternis sein. Und wenn das Licht in euch Finsternis geworden ist, wie groß ist dann diese Finsternis!“

Darauf fragte Thomas Jesus, ob sie damit fortfahren sollten, „alles gemeinsam zu besitzen.“ Der Meister sagte: „Ja, meine Brüder, ich möchte, dass wir wie eine einzige verständnisvolle Familie zusammenleben. Euch ist eine große Aufgabe anvertraut, und ich brauche dringend euren ungeteilten Dienst. Ihr wisst, dass man zu Recht sagt: ‚Niemand kann zwei Herren zugleich dienen.‘ Ihr könnt nicht Gott aufrichtig verehren und zugleich dem Mammon von ganzem Herzen dienen. Jetzt, da ihr euch dem Dienst am Königreich rückhaltlos verschrieben habt, bangt nicht mehr um euer Leben; macht euch noch weniger Sorgen darüber, was ihr essen oder trinken werdet; sorgt euch auch nicht um euren Körper, was für Kleider ihr tragen werdet. Ihr habt bereits gelernt, dass willige Hände und aufrichtige Herzen nicht hungern werden. Und jetzt, da ihr euch bereitmacht, all eure Energien auf die Arbeit am Königreich zu verwenden, seid versichert, dass der Vater euren Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenken wird. Sucht zuerst das Königreich Gottes, und wenn ihr dort Einlass gefunden habt, werden euch alle nötigen Dinge zuteil werden. Bangt deshalb nicht zu sehr vor dem folgenden Tag. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.“

Während der darauf folgenden Woche der Einübung wiederholte Jesus seinen Aposteln immer wieder die zwei großen Beweggründe für seine Erdensendung nach der Taufe:
  1. Den Menschen den Vater zu offenbaren.

  2. Die Menschen dahin zu bringen, sich bewusst als Söhne zu fühlen - durch den Glauben zu erkennen, dass sie Kinder des Allerhöchsten sind.
Obgleich die Apostel vieles von seinen Lehren nicht begriffen, vermochten sie doch sehr wohl, die Bedeutung des bezaubernd schönen Lebens, das er unter ihnen lebte, zu erfassen.

Jesus wusste wohl, dass seine Apostel seine Lehren nicht völlig aufnehmen konnten. Er beschloss, Petrus, Jakobus und Johannes besonders zu instruieren in der Hoffnung, sie würden in der Lage sein, Klarheit in die Gedanken ihrer Gefährten zu bringen. Die beste Art, diese Instruktionen in diesen Bericht aufzunehmen, mag in einer Neugliederung der Zusammenfassung dieses denkwürdigen Nachmittags bestehen, wie sie Simon Petrus am nächsten Morgen seinem Bruder Andreas gab.

Jesus Weisung, auf den Vater zu bauen, darf nicht von den gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bedingungen der Neuzeit oder irgendeines anderen Zeitalters her beurteilt werden. Seine Lehre umfasst die idealen Prinzipien eines gottnahen Lebens in allen Zeitaltern und auf allen Welten. Jesus machte den dreien den Unterschied zwischen den Anforderungen von Apostolat und Jüngerschaft klar. Er lehrte die aktive und wache Unterwerfung unter den Willen Gottes. Er versuchte klarzumachen, dass die Welt nicht als ein Feind betrachtet werden darf; dass die Lebensumstände ein göttliches Walten sind, das für die Kinder Gottes wirkt. Jesus hatte große Mühe, ihnen seine persönliche Praxis der Widerstandslosigkeit begreiflich zu machen. Und er gab an diesem Nachmittag klar zu verstehen, dass er der Bestrafung von Missetätern und Kriminellen durch die Gesellschaft zustimme und dass die Zivilregierung zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und zur Ausübung der Justiz manchmal zur Gewalt greifen muss. Er wurde nie müde, seine Jünger vor der üblen Praxis der Vergeltung zu warnen. Er zog Rache und die Idee der Abrechnung nie in Betracht. Er missbilligte es, Groll zu hegen. Er machte den dreien klar, dass seine Lehren das Individuum, und nicht den Staat betrafen.

Jesus war immer bemüht, die politischen Fallstricke seiner Feinde zu vermeiden, indem er stets erwiderte: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Er weigerte sich, seine Aufmerksamkeit von seiner Sendung, einen neuen Heilsweg zu weisen, ablenken zu lassen; er gestattete sich nicht, sich mit irgendetwas anderem abzugeben. In seinem persönlichen Leben schenkte er allen zivilen Gesetzen und Vorschriften stets gebührende Beachtung; in seiner ganzen öffentlichen Lehrtätigkeit ließ er die staatsbürgerlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche beiseite. Er sagte den drei Aposteln, dass sein Augenmerk allein auf die Prinzipien des inneren und persönlichen geistigen Lebens des Menschen gerichtet sei.

Daraus geht hervor, dass Jesus kein politischer Reformer war. Er kam nicht, um die Welt zu reorganisieren; auch wenn er dies getan hätte, wäre es nur auf jene Zeit und Generation anwendbar gewesen. Dennoch zeigte er den Menschen die beste Art zu leben, und keiner Generation bleibt die Mühe erspart herauszufinden, wie sie Jesu Leben am besten auf die eigenen Probleme anwendet. Aber wir dürfen nie den Fehler begehen, Jesu Lehren mit irgendeiner politischen oder wirtschaftlichen Theorie, mit irgendeinem gesellschaftlichen oder industriellen System zu identifizieren.

Die jüdischen Rabbiner hatten sich lange mit der Frage auseinander gesetzt: Wer ist mein Nächster? Jesus kam und vermittelte die Idee tätiger und spontaner Güte, einer so echten Nächstenliebe, dass sie über die Nachbarschaft hinausging und die ganze Welt umfasste und dadurch alle Menschen zu unseren Nächsten machte. Aber bei alledem galt Jesu Interesse nur dem Einzelnen und nicht der Masse. Jesus war kein Soziologe, aber er arbeitete daran, alle Formen selbstsüchtiger Isolierung niederzureißen. Er lehrte reine Anteilnahme, Mitgefühl. Er ist ein Sohn, der von der Barmherzigkeit bestimmt wird; Mitgefühl ist seine wahre Natur.

Jesus warnte seine Zuhörer häufig vor Begehrlichkeit und erklärte: „Eines Menschen Glück besteht nicht im Überfluss seines materiellen Besitzes.“ Er wiederholte beständig: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei seine eigene Seele verliert?“ Er griff den Besitz von Eigentum nie direkt an, aber er bestand darauf, dass es ewig entscheidend ist, dass die geistigen Werte zuerst kommen. In seinen späteren Unterweisungen bemühte er sich, viele irrige Lebensanschauungen auf der Erde durch das Erzählen zahlreicher Gleichnisse zu korrigieren, die er in seine öffentliche Unterweisung einflocht. Jesus beabsichtigte nie, Wirtschaftstheorien zu formulieren; er wusste sehr wohl, dass jede Epoche ihre eigenen Heilmittel für bestehende Schwierigkeiten entwickeln muss. Und lebte Jesus heute als Mensch auf Erden, wäre er für die Mehrheit guter Männer und Frauen eine große Enttäuschung aus dem einfachen Grunde, weil er in den heutigen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen nicht Partei ergriffe. Er bliebe in majestätischer Reserve und unterwiese uns darin, wie unser inneres geistiges Leben zu vervollkommnen ist, damit wir um ein Vielfaches kompetenter werden, die Lösung unserer rein menschlichen Probleme anzugehen.

Jesus lebte auf der Erde ein ideales Leben, und seine einzigartigen Lehren kann man nur verstehen, wenn man sich dieses Leben vor seinem unmittelbaren Hintergrund vorstellt. Sein Leben ist es, und nicht sein Unterricht für die Zwölf oder seine Predigten für die Menge, was am meisten helfen wird, den göttlichen Charakter und die liebende Persönlichkeit des Vaters zu offenbaren.

Jesus griff die Lehren der hebräischen Propheten oder der griechischen Moralisten nicht an. Der Meister erkannte das viele Gute an, das diese großen Lehrer vertreten hatten, aber er war zur Erde herabgekommen, um etwas Zusätzliches zu lehren: „die freiwillige Übereinstimmung des menschlichen Willens mit dem göttlichen Willen“.

Johannes gewann aus dem Unterricht dieses Tages vor allem das Eine, dass der Kern von Jesu Religion in der Aneignung eines mitfühlenden Charakters besteht, verbunden mit einer Persönlichkeit, deren Triebfeder die Ausführung des Willens des Vaters im Himmel ist.

Petrus erfasste die Idee, dass das Evangelium, das sie sehr bald verkündigen würden, wahrhaftig ein Neubeginn für die ganze menschliche Rasse war. Er teilte diesen Eindruck später Paulus mit, der daraus seine Lehre von Christus als „dem zweiten Adam“ ableitete.

Jakobus begriff die aufregende Wahrheit, dass Jesus wünschte, seine Kinder lebten auf Erden so, als wären sie bereits Bürger des vollkommenen himmlischen Königreichs.

Jesus wusste, dass die Menschen verschieden sind und dies lehrte er seine Apostel. Er ermahnte sie ständig, von dem Versuch abzulassen, die Jünger und Gläubigen nach einem starren Leitbild formen zu wollen. Er trachtete danach, jeder Seele zu erlauben, sich auf ihre eigene Weise zu entwickeln als ein sich vervollkommnendes und gesondertes Individuum vor Gott. In Beantwortung einer der vielen Fragen von Petrus sagte der Meister: „Ich will die Menschen frei machen, so dass sie wie kleine Kinder mit dem neuen und besseren Leben von vorn beginnen können.“ Jesus betonte immer, dass wahre Güte unbewusst sein muss und bei einem guten Werk die Linke nicht wissen darf, was die Rechte tut.

Den nächsten Sabbat widmete Jesus seinen Aposteln. Er kehrte mit ihnen auf jene Anhöhe zurück, wo er sie geweiht hatte; und dort, nach einer langen und wunderbar zu Herzen gehenden Botschaft der Ermutigung schritt er zur feierlichen Handlung der Konsekration der Zwölf. nd dies war die Konsekrationsweisung des Meisters: „Geht hinaus in alle Welt und predigt die frohe Botschaft vom Königreich. Befreit die geistig Gefangenen, tröstet die Bedrückten und steht den Betrübten bei. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“

Am Abend nach der Konsekration sprach Jesus sehr ausführlich und versuchte den Zwölfen zu zeigen, was sie sein sollten, nicht was sie tun sollten. Sie kannten nur eine Religion, die das Tun bestimmter Dinge als Mittel auferlegte, um Rechtschaffenheit - Errettung - zu erlangen. Aber Jesus wiederholte ständig: „Im Königreich müsst ihr rechtschaffen sein, um die Arbeit zu tun.“ Unermüdlich erklärte der Meister seinen verwirrten Aposteln, dass die Errettung, die er der Welt zu bringen gekommen war, nur durch den Glauben, durch einfaches und aufrichtiges Vertrauen zu haben war.

Eine andere große Erschwernis bei der Aufgabe, die Zwölf zu unterweisen, war ihre Neigung, hochgeistige und idealistische Prinzipien religiöser Wahrheit zu nehmen und sie in konkrete Regeln persönlichen Verhaltens umzuwandeln. Jesus zeigte ihnen stets den schönen Geist der Seelenhaltung, aber sie bestanden darauf, solche Lehren in persönliche Verhaltensregeln zu übersetzen. Aber langsam nahmen sie seine Lehre auf, weil Jesus all das war, was er lehrte. Was sie seinem mündlichen Unterricht nicht entnehmen konnten, erlangten sie nach und nach durch ihr Zusammenleben mit ihm.

Es blieb den Aposteln verborgen, dass ihr Meister ein Leben geistiger Inspiration für jede Person jedes Zeitalters auf jeder Welt eines weit ausgedehnten Universums lebte. Ungeachtet dessen, was Jesus ihnen von Zeit zu Zeit sagte, erfassten die Apostel die Idee nicht, dass er zwar sein Werk auf dieser Welt, aber für alle anderen Welten seiner unermesslichen Schöpfung tat. Jesus lebte sein irdisches Leben auf der Erde nicht, um den Männern und Frauen dieser Welt ein persönliches Beispiel sterblichen Lebens zu geben, sondern vielmehr, um für alle sterblichen Wesen auf allen Welten ein hohes geistiges und inspirierendes Ideal zu schaffen.

Diese neue Religion Jesu war natürlich nicht ohne ihre praktischen Auswirkungen, aber was immer man an praktischen politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Werten in seiner Lehre finden kann, ist natürlicher Ausfluss dieser inneren Erfahrung der Seele, die aus echtem, persönlichem religiösem Erleben heraus im spontanen täglichen Dienen die Früchte des Geistes zeigt.

Johannes fragte Jesus: „Meister, was ist das Königreich des Himmels?“ Und Jesus antwortete: „Das Königreich des Himmels besteht aus diesen drei wesentlichen Dingen: Erstens, der Anerkennung der Tatsache der Souveränität Gottes; zweitens, dem Glauben an die Wahrheit, ein Sohn Gottes zu sein; und drittens: aus dem Vertrauen in die Wirksamkeit des allerhöchsten menschlichen Begehrens, den Willen Gottes zu tun - wie Gott zu sein. Und dies ist die gute Nachricht des Evangeliums: dass jeder Sterbliche durch den Glauben alle diese für die Errettung wesentlichen Dinge haben kann.“

Und nun war die Woche des Wartens vorüber, und sie machten sich bereit, am nächsten Morgen nach Jerusalem aufzubrechen.

In diesem ersten Jahr des öffentlichen Wirkens Jesu machten jene, die zuvor Johannes gefolgt waren und dessen Taufe erhalten hatten, über drei Viertel seiner Anhänger aus. Das ganze Jahr 27 n. Chr. wurde damit zugebracht, ruhig die Arbeit des Johannes in Peräa und Judäa zu übernehmen. Die Apostel erzielten großen Fortschritt bei der Unterweisung der Jünger des Johannes, weil sie dessen Predigt in keiner Weise herabsetzten und zu diesem Zeitpunkt nicht einmal die neuen Jünger tauften. Aber es war für die Anhänger des Johannes immer ein Stein des Anstoßes, dass Jesus, wenn er tatsächlich all das war, was Johannes verkündet hatte, nichts tat, um jenen aus dem Gefängnis herauszuholen. Die Jünger des Johannes konnten nie begreifen, weshalb Jesus den grausamen Tod ihres geliebten Führers nicht verhindert hatte.

Es ist immer so, dass die sozialisierte Religion einer neuen Offenbarung den Preis des Kompromisses mit den feststehenden Formen und Gebräuchen der vorausgehenden Religion bezahlt, die sie zu retten versucht. Die Taufe war der Preis, den die Anhänger Jesu bezahlten, um die Anhänger Johannes‘ des Täufers als sozialisierte religiöse Gruppe an ihrer Seite zu behalten. Die Anhänger des Johannes gaben bei ihrem Anschluss an die Anhänger Jesu bis auf die Wassertaufe nahezu alles auf.

Am Abend, bevor sie Pella verließen, gab Jesus seinen Aposteln weitere Unterweisung zum neuen Königreich. Der Meister sprach: „Wenn ihr die Untertanen dieses Königreichs seid, dann werdet ihr in der Tat fähig sein, das Gesetz des Weltenlenkers zu vernehmen; aber wenn ihr euch gestützt auf das Evangelium vom Königreich, das zu verkündigen ich gekommen bin, kraft eures Glaubens als Söhne entdeckt, werdet ihr euch künftig nicht mehr als Geschöpfe betrachten, die den Gesetzen eines allmächtigen Königs unterworfen sind, sondern als privilegierte Söhne eines liebenden und göttlichen Vaters. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn der Wille des Vaters euer Gesetz ist, dann befindet ihr euch schwerlich im Königreich. Aber wenn des Vaters Wille wahrhaftig euer Wille wird, dann seid ihr in Wahrheit im Königreich, weil dieses dadurch zu einer festen Erfahrung in euch geworden ist. Wenn Gottes Wille euer Gesetz ist, seid ihr vornehme Sklaven-Untertanen; wenn ihr aber an dieses neue Evangelium göttlicher Sohnschaft glaubt, wird meines Vaters Wille zu eurem Willen, und ihr werdet erhoben zu der hohen Stellung freier Kinder Gottes, befreiter Söhne des Königreichs.“

Eine der wichtigsten aller abendlichen Zusammenkünfte in Amathus war jene, bei der die geistige Einheit besprochen wurde. Jakobus Zebedäus hatte gefragt: „Wie können wir lernen, gleiche Anschauungen zu haben und uns dadurch größerer Harmonie untereinander zu erfreuen?“ Als Jesus diese Frage hörte, wurde sein Geist sehr aufgewühlt, so sehr, dass er erwiderte: „Jakobus, Jakobus, wann habe ich euch gelehrt, ihr sollt alle gleich denken? Ich bin in die Welt gekommen, um die geistige Freiheit zu verkündigen, damit die Sterblichen die Möglichkeit erhalten, ihr individuelles Leben in Originalität und Freiheit vor Gott zu leben. Ich wünsche nicht, dass soziale Harmonie und brüderlicher Friede durch Opferung der freien Persönlichkeit und der geistigen Eigenart erkauft werden sollen. Was ich von euch, meine Apostel, verlange, ist Einheit im Geiste, und diese könnt ihr in der Freude eurer gemeinsamen Hingabe an den von ganzem Herzen ausgeführten Willen meines Vaters im Himmel erleben. Ihr braucht weder gleicher Anschauung zu sein, noch gleich zu fühlen oder gar gleich zu denken, um im Geiste gleich zu sein. Geistige Einheit entsteht aus dem Bewusstsein, dass jeder von euch vom Geist, der Gabe des himmlischen Vaters bewohnt und zunehmend beherrscht wird. Euer apostolisches Einvernehmen muss aus der Tatsache erwachsen, dass diese geistige Hoffnung eines jeden von euch nach Ursprung, Natur und Bestimmung identisch ist.”

„Eure geistige Einheit schließt zwei Dinge ein, die man im Leben der einzelnen Gläubigen immer in Harmonie antrifft: Erstens besitzt ihr einen gemeinsamen Beweggrund für den Dienst des Lebens; ihr alle wünscht vor allen Dingen, den Willen des Vaters im Himmel zu tun. Zweitens habt ihr alle ein gemeinsames Existenzziel; ihr beabsichtigt alle, den Vater im Himmel zu finden, um dadurch dem Universum zu bekunden, dass ihr ihm ähnlich geworden seid.“

Während der Schulung der Zwölf kam Jesus oft auf dieses Thema zurück. Zu wiederholten Malen sagte er ihnen, er wünsche nicht, dass die, die an ihn glauben, durch Dogmen und Normen gebunden würden entsprechend den religiösen Auslegungen selbst guter Menschen. Immer und immer wieder warnte er seine Apostel vor der Formulierung von Glaubenssätzen und der Schaffung von Traditionen als Mittel zur Führung und Kontrolle derer, die an das Evangelium vom Königreich glauben.

Jesus machte klar, dass er gekommen war, um mit den Menschen persönliche und ewige Beziehungen herzustellen, die für alle Zeiten Vorrang vor allen anderen menschlichen Beziehungen haben würden. Und er betonte, dass diese innige geistige Verbundenheit auf alle Menschen jeden Alters und jeder gesellschaftlichen Stellung in allen Völkern ausgeweitet werden solle. Die einzige Belohnung, die er seinen Kindern in Aussicht stellte, war: In dieser Welt - geistige Freude und göttliche Gemeinschaft; in der nächsten Welt - ewiges Leben im Fortschritt in den göttlichen Geistrealitäten des Paradies-Vaters.

Jesus verkündete, er sei gekommen, um als Lehrer, als ein vom Himmel gesandter Lehrer zu wirken, um dem materiellen Verstand geistige Wahrheit vor Augen zu führen. Und genau das tat er; er war ein Lehrer, kein Prediger. Aus menschlicher Sicht war Petrus ein weit wirkungsvollerer Prediger als Jesus. Jesu Predigten waren so wirkungsvoll wegen seiner einzigartigen Persönlichkeit, weniger wegen unwiderstehlicher rednerischer oder gefühlsmäßiger Anziehungskraft. Jesus sprach direkt zu den Seelen der Menschen. Er war ein Lehrer des menschlichen Geistes, aber durch den Verstand. Er lebte mit den Menschen.

Den April über arbeiteten Jesus und die Apostel in Jerusalem. Diesen ganzen Monat über lehrte Jesus oder einer der Apostel täglich im Tempel. Die zur Feier des Passahfestes herbeigeströmten Scharen hörten diese Lehren Jesu, und Hunderte freuten sich über die gute Nachricht. Aber die Obersten Priester und Führer der Juden wurden wegen Jesus und seinen Aposteln zunehmend beunruhigt und berieten untereinander, was mit ihnen geschehen solle.

In diesen Tagen sprach Jesus auch über den Charakter Gottes und beantwortete viele Fragen über den Vater im Himmel. Er zeigte die Entwicklung des Gottesbildes auf und sagte sinngemäß u.a. folgendes: „Und ferner mögt ihr euch daran erinnern, dass während der größeren geistigen Klarheit in den Tagen Jesajas diese zehn negativen Gebote wiederum in das große und bejahende Gesetz der Liebe umgeformt wurden, in die Aufforderung, Gott über alles zu lieben und euren Nächsten wie euch selber. Und auch ich erkläre euch, dass dieses allerhöchste Gebot der Liebe zu Gott und den Menschen die ganze Pflicht des Menschen darstellt.“

Eine der großen Predigten, die Jesus in dieser Passahwoche im Tempel hielt, war die Antwort auf eine Frage, die einer seiner Zuhörer, ein Mann aus Damaskus, an ihn richtete. Dieser Mann fragte Jesus: „Aber Rabbi, wie können wir mit Sicherheit wissen, dass du von Gott gesandt bist und dass wir tatsächlich in dieses Königreich eintreten können, von dem du und deine Jünger sagen, es sei ganz nah?“ Und Jesus gab zur Antwort:

„Was meine Botschaft und die Unterweisung meiner Jünger betrifft, so solltet ihr sie nach ihren Früchten beurteilen. Wenn wir euch die Wahrheiten des Geistes verkündigen, dann wird der Geist in euren Herzen bezeugen, dass unsere Botschaft echt ist. Was das Königreich und eure Gewissheit, vom himmlischen Vater angenommen zu sein, anbelangt, so lasst mich fragen: Welcher achtbare und gütige Vater unter euch ließe seinen Sohn in Hangen und Bangen über seine Stellung in der Familie oder seinen gesicherten Platz im liebenden Herzen seines Vaters? Macht ihr irdischen Väter euch etwa ein Vergnügen daraus, eure Kinder mit der Ungewissheit zu quälen, ob sie in euren menschlichen Herzen einen Platz bleibender Liebe haben? Ebenso wenig lässt euer Vater im Himmel seine gläubigen Kinder des Geistes in Zweifel und Ungewissheit über ihre Stellung im Königreich. Wenn ihr Gott als euren Vater empfangt, dann seid ihr in Tat und Wahrheit Söhne Gottes. Und als solchen Söhnen sind euch Stellung und Rang in allem sicher, was mit der ewigen und göttlichen Sohnschaft verbunden ist. Wenn ihr meine Worte glaubt, glaubt ihr zugleich an Ihn, der mich gesandt hat, und durch diesen Glauben an den Vater habt ihr euch auch euer himmlisches Heimatrecht gesichert. Wenn ihr den Willen des Vaters im Himmel tut, werdet ihr unfehlbar das ewige Leben der Entfaltung im göttlichen Königreich erlangen.”

„Der Höchste Geist wird mit eurem Geist bezeugen, dass ihr wahrhaft Gottes Kinder seid. Und wenn ihr Gottes Söhne seid, dann seid ihr aus dem Geiste Gottes geboren; und wer immer aus dem Geiste geboren ist, der hat in sich selber die Macht, mit jedem Zweifel fertig zu werden; das ist der Sieg, der alle Ungewissheit überwindet: eben euer Glaube.”

„Der Prophet Jesaja sagte, als er von der jetzigen Zeit sprach: ‚Wenn der Geist vom Himmel auf uns ausgegossen wird, dann wird das Werk der Rechtschaffenheit auf ewig Frieden, innere Ruhe und Gewissheit bewirken.‘ Und für alle, die wahrhaftig an dieses Evangelium glauben, werde ich zur Gewissheit für ihre Aufnahme in die ewige Barmherzigkeit und das immerwährende Leben in meines Vaters Königreich. Also seid ihr, die ihr diese Botschaft vernehmt und an dieses Evangelium des Königreichs glaubt, Söhne Gottes, und ihr habt das ewige Leben; und der Beweis vor aller Welt, dass ihr aus dem Geiste geboren seid, ist die Tatsache, dass ihr einander aufrichtig liebt.“

Eines Abends suchte ein gewisser Nikodemus, ein reicher, älterer Angehöriger des jüdischen Sanhedrins, Jesus im Hause des Flavius auf. Er hatte viel von den Lehren dieses Galiläers gehört, aber er wollte nicht öffentlich in irgendeinen Zusammenhang mit ihm gebracht werden. Folglich war Nikodemus mit Andreas übereingekommen, Jesus an eben diesem Abend privat und nach Einfall der Dunkelheit zu treffen.

Nachdem Flavius ihn vorgestellt hatte, sagte Nikodemus: „Rabbi, wir wissen, dass du ein von Gott gesandter Lehrer bist, denn kein Mensch könnte auf diese Weise lehren, wäre nicht Gott auf seiner Seite. Und ich bin begierig, mehr über deine Lehren vom kommenden Königreich zu erfahren.“

Jesus antwortete Nikodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, Nikodemus, kein Mensch kann das Königreich Gottes sehen, es sei denn, er sei vom Himmel geboren.“ Da erwiderte Nikodemus: „Aber wie kann ein Mensch von neuem geboren werden, wenn er alt ist? Er kann nicht ein zweites Mal in seiner Mutter Leib eintreten, um wieder geboren zu werden.“

Jesus sagte: „Und doch erkläre ich dir, dass ein Mensch, außer er sei vom Geiste geboren, nicht ins Königreich Gottes eintreten kann. Was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was vom Geist geboren ist, ist Geist. Aber du solltest dich nicht darüber wundern, dass ich sagte, ihr müsst vom Himmel geboren sein. Wenn der Wind weht, hörst du das Rascheln der Blätter, aber du siehst den Wind nicht - weder woher er kommt, noch wohin er geht - und dasselbe gilt für jeden aus dem Geiste Geborenen. Mit den leiblichen Augen kann man zwar die Manifestationen des Geistes erblicken, aber man kann den Geist nicht wirklich erkennen.“

Und Nikodemus sprach: „Aber wie kann ich nur erst diesen Geist erfassen, der mich neu schaffen soll als Vorbereitung auf den Eintritt ins Königreich?“ Jesus antwortete: „Schon wohnt der Geist des himmlischen Vaters in dir. Wenn du dich von diesem Geist aus dem Himmel führen lassen wolltest, würdest du sehr bald beginnen, mit den Augen des Geistes zu sehen. Wenn du dann von ganzem Herzen die Führung durch den Geist wähltest, würdest du aus dem Geiste geboren, da ja dein einziges Ziel im Leben wäre, den Willen deines Vaters im Himmel zu tun. Und solcherweise vom Geist geboren und glücklich im Königreich Gottes, würdest du beginnen, in deinem täglichen Leben die Früchte des Geistes in Fülle hervorzubringen.“

Nikodemus war tief beeindruckt, aber er ging verstört weg. Aber Nikodemus brachte genug Glauben auf, um vom Königreich Besitz zu ergreifen. Er erhob kraftlosen Protest, als seine Kollegen vom Sanhedrin versuchten, Jesus ohne Anhörung zu verurteilen; mit Joseph von Arimathäa bekannte er sich später kühn zu seinem Glauben und verlangte den Leichnam Jesu sogar, als die meisten Jünger furchtsam vom Ort der letzten Leiden und des Todes ihres Meisters geflohen waren.

Eines Abends erklärte Jesus seinen Jüngern, dass das Königreich des Himmels eine evolutionäre Erfahrung ist, die hier auf Erden beginnt und durch aufeinander folgende Lebensstationen bis ins Paradies fortschreitet. Im Laufe des Abends machte er die eindeutige Mitteilung, dass er in einem bestimmten zukünftigen Entwicklungsstadium des Königreichs in geistiger Macht und göttlicher Herrlichkeit diese Welt wiederum besuchen werde.

Danach erklärte er, dass die „Idee des Königreichs“ nicht die beste Art sei, um die Beziehung des Menschen zu Gott zu veranschaulichen; dass er diese Metapher nur deshalb gebrauche, weil die Juden das Königreich erwarteten und weil Johannes vom kommenden Königreich gepredigt hatte. Jesus sagte: „Die Menschen eines späteren Zeitalters werden das Evangelium des Königreichs besser verstehen, wenn es in Worten, die die Familienbeziehung zum Ausdruck bringen, dargeboten wird - wenn die Menschen die Religion als die Lehre von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen, der Sohnesbeziehung zu Gott, verstehen.“ Dann sprach der Meister recht ausführlich über die irdische Familie als einer Veranschaulichung der himmlischen Familie und formulierte erneut die zwei fundamentalen Lebensgesetze: das erste Gebot der Liebe zum Vater, dem Haupt der Familie, und das zweite Gebot gegenseitiger Liebe unter den Geschwistern: seinen Bruder wie sich selber zu lieben. Und dann erklärte er, dass eine brüderliche Liebe dieser Art sich unfehlbar als selbstloser und liebender Dienst an der Gemeinschaft kundtue.

Nach dem Besuch des Passahfestes in Jerusalem war unter den Pharisäern und Sadduzäern der Widerstand gegen Jesus so deutlich geworden, dass der Meister und seine Apostel sich entschieden, Jerusalem für eine Weile zu verlassen. Sie reisten nach Betlehem, Hebron, Samaria, zu den Hängen des Berges Gilboa und in die Dekapolis. In einer Predigt in Kapernaum bemühte sich Jesus, die Tatsache klarzumachen, dass die Religion eine persönliche Erfahrung ist. Unter anderem sagte der Meister:

„Ihr wisst es wohl: Ein liebevoller Vater liebt seine Familie als Ganzes. Aber er betrachtet sie in dieser Weise als Gruppe nur zufolge seiner starken Zuneigung für jedes einzelne Mitglied dieser Familie. Nähert euch dem Vater im Himmel nicht mehr als ein Kind Israels, sondern als ein Kind Gottes. Als Gruppe seid ihr allerdings die Kinder Israels, aber als Einzelmenschen ist jeder von euch ein Kind Gottes. Ich bin nicht gekommen, den Vater den Kindern Israels zu offenbaren, sondern vielmehr, um dieses Verständnis Gottes und die Offenbarung seiner Liebe und Barmherzigkeit jedem einzelnen Gläubigen als eine echte persönliche Erfahrung zu bringen. Die Propheten haben euch alle gelehrt, dass Jahve für sein Volk sorgt, dass Gott Israel liebt. Aber ich bin unter euch gekommen, um eine größere Wahrheit zu verkündigen, die manche der späteren Propheten ebenfalls erfasst haben, die Wahrheit, dass Gott euch - einen jeden von euch - als Einzelnen liebt. All diese Generationen hindurch habt ihr eine nationale oder Rassenreligion gehabt; jetzt bin ich gekommen, um euch eine persönliche Religion zu schenken.”

Danach legte der Meister dar, dass der Vater im Himmel will, dass seine Kinder auf Erden, wenn sie diese geistige Freiheit erkennen, mit dem ewigen Aufstieg der Paradies-Laufbahn beginnen. Diese besteht in der bewussten Antwort des Geschöpfs auf das göttliche Drängen des innewohnenden Geistes, den Schöpfer zu finden, Gott zu kennen und danach zu trachten, wie er zu werden.

Diese Predigt half den Aposteln sehr. Allen kam klarer zum Bewusstsein, dass das Evangelium des Königreichs eine Botschaft ist, die sich an den Einzelnen und nicht an die Nation richtet.

In diesen Tagen war die kleine jüdische Stadt Kapernaum gewissermaßen die wahre Hauptstadt des ganzen Lokaluniversums. Die Handvoll Juden in der Synagoge von Kapernaum waren nicht die einzigen Wesen, die die denkwürdige Schlusserklärung der Predigt Jesu hörten: „Hass ist der Schatten der Angst und Rache die Maske der Feigheit.“ Ebenso wenig konnten seine Zuhörer seine gesegneten Worte vergessen, die lauteten: „Der Mensch ist der Sohn Gottes und nicht ein Kind des Teufels.“

Jesus und seine Apostel verweilten noch am Abendtisch, als die Frau von Petrus kurz nach Sonnenuntergang im Vorhof Stimmen hörte. Sie eilte zur Tür und sah, wie sich eine große Zahl kranker Menschen versammelte, und dass auf der Straße von Kapernaum eine Menschenmenge herannahte, die aus den Händen Jesu Heilung empfangen wollte. Kaum hatte sie dies gesehen, eilte sie, ihrem Mann die Nachricht zu bringen, der sie Jesus mitteilte.

Der Anblick all dieser heimgesuchten Sterblichen rührte Jesu menschliches Herz ganz besonders und forderte das göttliche Erbarmen dieses gütigen Schöpfersohnes heraus. Indessen wusste Jesus sehr wohl, dass er nie eine andauernde geistige Bewegung auf der Grundlage rein materieller Wunder aufbauen könnte. Unbeirrbar hatte er sich an seine Richtlinie gehalten, auf die Zurschaustellung seiner Schöpfervorrechte zu verzichten. Seit Kana hatte nichts Übernatürliches oder Wunderbares seine Lehrtätigkeit begleitet; nun aber rührte diese leidende Menge sein mitfühlendes Herz und appellierte mächtig an seine verstehende Güte.

Das war einer jener Augenblicke in der irdischen Laufbahn Jesu, wo sich göttliche Weisheit und menschliches Mitleid im Urteil des Menschensohnes derart vermengten, dass er zur Anrufung des Willens seines Vaters Zuflucht nahm.

Als Petrus den Meister anflehte, den Hilfeschrei der Leute zu erhören, antwortete Jesus, wobei er auf die leidende Menge hinunterblickte: „Ich bin in die Welt gekommen, um den Vater zu offenbaren und sein Königreich zu errichten. Dafür habe ich mein Leben bis zu dieser Stunde gelebt. Sollte es also der Wille Dessen sein, der mich gesandt hat, und sollte es mit meiner Hingabe an die Verkündigung des Evangeliums des Königreichs nicht unvereinbar sein, wünschte ich, meine Kinder heil zu sehen - und -“, aber der Rest der Worte Jesu ging im Tumult unter.

Das riesige Gefolge himmlischen Persönlichkeiten, die Jesus stets begleiteten, stieg mitten unter diese zusammengewürfelte Menge leidender Sterblicher hinab und in einem einzigen Augenblick erlangten 683 Männer, Frauen und Kinder die volle Gesundheit, waren von allen ihren körperlichen Gebrechen und anderen physischen Störungen vollständig geheilt. Nie vor- oder nachher wurde man auf der Erde Zeuge eines solchen Geschehens. Was ein Schöpfersohn wünscht und sein Vater will, IST. Im ganzen späteren Erdenleben Jesu fand keine zweite derartige physische Massenheilung von Sterblichen statt.

Die Wunderheilungen, welche Jesu Erdensendung hie und da begleiteten, waren nicht Teil seines Plans der Verkündigung des Königreichs. Sie waren Begleiterscheinungen des Umstandes, auf der Erde ein göttliches Wesen mit nahezu unbegrenzten Schöpferprivilegien zu haben, in welchem sich göttliche Barmherzigkeit und menschliche Sympathie in nie da gewesener Weise verbanden. Aber solche sogenannten Wunder bereiteten Jesus manche Unannehmlichkeiten, denn sie sorgten für öffentliches Aufsehen, das Voreingenommenheit bewirkte, und trugen ihm einen Ruf ein, den er nicht suchte.

Am Abend, der auf diesen gewaltigen Heilungsausbruch folgte, strömte die jubelnde und glückliche Menge in das Haus des Zebedäus, und die überschwänglichen Gefühle der Apostel Jesu steigerten sich zu höchsten Höhen. Vom menschlichen Standpunkt aus war das wahrscheinlich der großartigste aller großen Tage ihres Zusammenseins mit Jesus. Nie zuvor oder danach stiegen ihre Hoffnungen zu solchen Höhen vertrauensvoller Erwartung an. Die Apostel waren buchstäblich trunken vor ekstatischem und verwirrtem Entzücken.

Jesus lehnte Glückwünsche und Bewunderung ab. Er sagte nur: „Freut euch nicht so sehr darüber, dass mein Vater die Macht hat, den Körper zu heilen, als vielmehr darüber, dass es in seiner Macht liegt, die Seele zu retten. Gehen wir nun zur Ruhe, denn morgen müssen wir uns um des Vaters Angelegenheiten kümmern.“

Das Jahr 28 n. Chr. begann mit der zwei Monate dauernden ersten öffentlichen Predigtrundreise durch Galiläa. Danach folgte ein Zwischenbesuch in Jerusalem. Danach unterhielten Jesus und seine Jünger für fünf Monate ein riesiges Lager am Seeufer nahe dem Haus des Zebedäus in Bethsaida. Jeden Vormittag trugen alle Apostel ihren Teil zum Unterricht der Evangelistengruppen bei, und Lehrer wie Schüler unterwiesen das Volk an den Nachmittagen. An fünf Abenden der Woche leiteten die Apostel nach dem Abendessen Fragestunden zur Förderung der Evangelisten. Einmal pro Woche hatte Jesus bei dieser Fragestunde den Vorsitz und beantwortete von vorausgegangenen Zusammenkünften aufgehobene Fragen. Alle Rassen und Nationen der römischen Welt und des Ostens bis hin nach Indien waren unter den Studenten dieser neuen Prophetenschule vertreten.

Die zweite öffentliche Predigtrundreise durch Galiläa fand in den letzten drei Monaten des Jahres 28 n. Chr. statt. An dieser Arbeit beteiligten sich Jesus und seine zwölf Apostel, unterstützt von dem frisch aufgestellten Korps der 117 Evangelisten sowie zahlreichen anderen Interessierten. Diese ganze zweite Predigtrundreise war vor allem das Bemühen, dem Korps der 117 frisch geschulten Evangelisten praktische Erfahrung zu verschaffen.

Der erstaunlichste und revolutionärste Aspekt Jesus war seine Haltung gegenüber den Frauen. In einer Zeit und Generation, da es sich für einen Mann nicht einmal schickte, in der Öffentlichkeit seine eigene Frau zu grüßen, hatte Jesus die Kühnheit, Frauen als Verkünderinnen des Evangeliums auf seine dritte Rundreise durch Galiläa mitzunehmen. Und er besaß den äußersten Mut, dies angesichts der rabbinischen Lehre zu tun, die erklärte, „dass die Worte des Gesetzes eher verbrannt als Frauen anvertraut werden sollten“.

Im Laufe von nur einer Generation entriss Jesus die Frauen der respektlosen Nichtbeachtung, der Versklavung und Schinderei ganzer Zeitalter. Und es bleibt eine beschämende Tatsache, dass die Religion, die sich anmaßend nach Jesus benannte, nicht den sittlichen Mut aufbrachte, in ihrer späteren Haltung gegenüber den Frauen seinem edlen Beispiel zu folgen.

Das Jahr 29 n. Chr. begann mit der dritten Predigtrundreise durch Galiläa. Diese dritte Mission dauerte sieben Wochen.

Von allen wagemutigen Handlungen der irdischen Laufbahn Jesu war seine plötzliche Ankündigung am Abend des 16. Januars 29 die erstaunlichste: „Morgen werden wir zehn Frauen für den Dienst am Königreich wählen.“ Alle diese Frauen hatten bei der Ausbildung der jungen Evangelisten zugehört, aber keiner von ihnen noch einem ihrer Lehrer wäre es in den Sinn gekommen, dass Jesus es wagen würde, Frauen mit dem Lehren des Evangeliums vom Königreich und mit dem Dienst an den Kranken zu betrauen. Dieses Evangelistenkorps der Frauen bestand aus den zehn folgenden von Jesus ausgewählten und beauftragten Frauen: Susanna, die Tochter des früheren Chazans der Synagoge von Nazareth; Johanna, die Frau des Chuza, des Haushofmeisters von Herodes Antipas; Elisabeth, die Tochter eines reichen Juden aus Tiberias und Sepphoris; Martha, die ältere Schwester von Andreas und Petrus; Rachel, die Schwägerin Judes, des leiblichen Bruders des Meisters; Nasanta, die Tochter Elmans, des syrischen Arztes; Milcha, eine Kusine des Apostels Thomas; Ruth, die älteste Tochter von Matthäus Levi; Celta, die Tochter eines römischen Zenturios; und Agaman, eine Witwe aus Damaskus. Später fügte Jesus dieser Gruppe noch zwei weitere Frauen hinzu: Maria Magdalena und Rebekka, die Tochter Josephs von Arimathia.

Jesus ermächtigte diese Frauen, ihre Organisation selber in die Hand zu nehmen, und wies Judas an, Geld für ihre Ausrüstung und Tragtiere bereitzustellen. Die Zehn wählten Susanna zu ihrem Oberhaupt und Johanna zur Schatzmeisterin. Von da an beschafften sie sich ihre Geldmittel selber und wandten sich nie wieder um Unterstützung an Judas.

In jenen Tagen, da den Frauen sogar der Zutritt zum ebenerdigen Hauptraum der Synagoge verwehrt war (und sie auf die Frauengalerie beschränkt waren), boten sie als anerkannte und beglaubigte Lehrerinnen des neuen Evangeliums vom Königreich einen äußerst erstaunlichen Anblick. Der Auftrag, den Jesus diesen Frauen gab, als er sie zu Lehrerinnen des Evangeliums und Seelsorgerinnen auswählte, war die Emanzipationserklärung, die alle Frauen für alle Zeiten befreite; der Mann sollte nicht länger auf die Frau als eine ihm geistig Unterlegene herabschauen. Dies war selbst für die zwölf Apostel ein entschiedener Schock. Obwohl sie den Meister viele Male hatten sagen hören, es gebe „im Königreich des Himmels weder Reiche noch Arme, weder Freie noch Unfreie, weder Mann noch Frau, und alle seien gleichermaßen Söhne und Töchter Gottes“, waren sie buchstäblich wie betäubt, als er in aller Form ankündigte, diese zehn Frauen offiziell als Religionslehrerinnen zu bevollmächtigen und ihnen sogar zu erlauben, mit ihnen zusammen zu reisen. Das ganze Land erregte sich ob dieser Maßnahme, und die Feinde Jesu schlugen aus diesem Schritt großes Kapital; aber überall stellten sich die Frauen, die an die gute Nachricht glaubten, fest hinter ihre auserwählten Schwestern und stimmten dieser späten Anerkennung der Stellung der Frau in der religiösen Arbeit entschieden zu. Und die Apostel arbeiteten unmittelbar nach des Meisters Weggang weiter an dieser Befreiung der Frauen, die diesen die schuldige Anerkennung gab, wenn auch spätere Generationen wieder in die alten Gewohnheiten zurückfielen. In den frühen Tagen der christlichen Kirche wurden die Lehrerinnen und Seelsorgerinnen Diakoninnen genannt und erfreuten sich allgemeiner Anerkennung. Aber obgleich Paulus dies alles theoretisch gelten ließ, machte er es sich in seinem Verhalten nie wirklich zu Eigen, und er hatte mit der praktischen Anwendung persönliche Schwierigkeiten.

Das Wirken der zehn Frauen (nachher bekannt als die zwölf Frauen) in Magdala hatte zur Folge, dass Maria Magdalena für das Königreich gewonnen wurde. Durch eine Kette von Missgeschicken und infolge der Haltung der ehrbaren Gesellschaft gegenüber Frauen, welche zu solchen Trugschlüssen gelangen, hatte sich diese Frau in einem der berüchtigten Häuser von Magdala wiedergefunden. Martha und Rachel waren es, die Maria klar machten, dass die Tore des Königreichs auch einer wie ihr offen standen. Maria glaubte an die gute Nachricht und wurde am nächsten Tag von Petrus getauft.

Innerhalb der Gruppe der zwölf Evangelistinnen wurde Maria Magdalena die erfolgreichste Lehrerin des Evangeliums. Etwa vier Wochen nach ihrer Bekehrung wurde sie zusammen mit Rebekka in Jotapata zu diesem Dienst berufen. Zusammen mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe arbeiteten Maria und Rebekka fortan während des restlichen irdischen Daseins Jesu treu und wirkungsvoll an der Erleuchtung und Aufrichtung ihrer unterdrückten Schwestern; und als sich der letzte und tragische Akt in Jesu Lebensdrama abspielte und alle Apostel bis auf einen flüchteten, waren alle diese Frauen anwesend, und keine einzige verleugnete oder verriet ihn.

Maria Magdalena

Das Ego neigt dazu, Maria Magdalena entweder als Sünderin zu verurteilen oder ihre Bedeutung auf eine besondere Beziehung als Geliebte Jesus zu reduzieren. Beides hat nichts mit der wahren Bedeutung von Maria Magdalena und nichts mit der Botschaft von Jesus zu tun. Die Reduktion auf die Geliebte Jesus schmälert auch die Bedeutung des Auftrags Jesus selbst. Jesus sagte schon vor 2000 Jahren: „Wenn ihr eure Nächsten liebt, wie ich euch geliebt habe, werden alle Menschen wissen, dass ihr meine Jünger seid.“ Die Frage, wie genau die persönliche Beziehung von Jesus und Maria Magdalena war, ist grundsätzlich die falsche Frage. Die gesamte Geschichte ist eine Illusion; es ist nicht möglich, irgendeine Art von Wahrheit in der Illusion zu finden. Deshalb ist es nicht hilfreich, zu analysieren und zu diskutieren, was damals vor zweitausend Jahren auf der Ebene der Form, also in der Illusion, genau geschah. Das Einzige von Bedeutung, ist die Botschaft Jesu, und auch dabei geht es nicht um bestimmte Worte, sondern um den Geist der Botschaft. Der Wert einer Geschichte hängt immer vom Zweck ab, dem sie dient. Ist sie hilfreich am Erlösungsweg oder nicht - das ist die entscheidende Frage. Unter diesem Gesichtspunkt sind alle Geschichten in diesem Abschnitt über die Evolution der Religion zu betrachten, auch jene über das Leben Jesus.

Das zentrale Thema von Ein Kurs in Wundern ist die heilige Beziehung, und Jesus erklärt in vielen Kapiteln sehr deutlich den Unterschied zur besonderen Beziehung, d.h. zur Vorstellung des Egos von Beziehung. Der zentrale Lehrinhalt des Kurses ist die Entwicklung von der besonderen Beziehung zu einzelnen Menschen zur heiligen Beziehung zu allen Brüdern und Schwestern. Wenn wir uns also auf Jesus Beziehung zu Maria Magdalena konzentrieren, haben wir die zentrale Botschaft Jesus nicht verstanden.

Auch die Geschichte von einem gemeinsamen Kind ist vom Ego erfunden worden. Es war Jesus klarer Auftrag, dass zum Zeitpunkt seines Weggangs auf dem Planeten nichts zurückbleibt, was zu Götzendienst führen könnte. Jesus ist Maria erst sehr spät begegnet und innerhalb der Gruppe der zwölf Evangelistinnen wurde Maria Magdalena die erfolgreichste Lehrerin des Evangeliums. Allein schon deswegen haben Maria und Jesus wenig Zeit gemeinsam verbracht. Doch wenn, so konnten sie miteinander auch Spass haben, aber letzten Endes wussten sie beide genau, wer der andere wirklich war. Sie erkannten sich, das heißt, sie erkannten sich SELBST im anderen, sie erkannten die Einheit des GEISTES.

Während der Kreuzigung Jesu stand Maria Magdalena immer in der Nähe des Kreuzes. Als der Meister seinen letzten Atemzug am Kreuz tat, befanden sich am Fuße seines Kreuzes Johannes Zebedäus, sein Bruder Jude, seine Schwester Ruth, Maria Magdalena und Rebekka.

Es gab einen Moment, in dem Jesus am Kreuz hing, ihm das Blut hinunterlief und er liebevoll Maria ansah und sie ihn. Als ihre Blicke sich trafen, erschien auf ihren beiden Gesichtern ein sanftes Lächeln. Sie wussten, dass er den Tod überwunden hatte. In seinem Geist wusste er, dass er kein Körper war. Was er war, konnte von der Welt nicht getötet werden. Es konnte von der Welt noch nicht einmal verletzt werden! Der reine Geist, der wirklich und nicht anders als GOTT war, würde ewig weiterleben. Das ist die Botschaft der Kreuzigung, oder, wie Jesus im Kurs sagt: "Lehre nur Liebe, weil du nur Liebe bist. Wenn du die Kreuzigung auf irgendeine andere Weise deutest, benutzt du sie als Angriffswaffe statt als Friedensaufruf, als der sie gedacht war."

Maria Magdalena war es die als erste das leere Grab Jesus betrat und feststellte, dass Jesu Leichnam verschwunden war und an seiner Stelle nur die Grabtücher lagen. Maria war auch unter jenen Frauen die dem auferstandenen Jesus als erste begegneten. Maria wurde mit ihrem Namen angesprochen und erkannte die Stimme von Jesus. Als Maria seine Füße umarmen wollte, sagte Jesus: „Berühre mich nicht, Maria, denn ich bin nicht so, wie du mich als Mensch gekannt hast. Ich werde eine Zeit lang in dieser Gestalt bei euch verweilen, bevor ich zum Vater aufsteige. Aber geht nun alle und sagt meinen Aposteln - und Petrus - dass ich auferstanden bin und dass ihr mit mir gesprochen habt.“

Die Jünger waren aus vielen Gründen auf Maria Magdalena eifersüchtig. Zunächst einmal hat Jesus sie öffentlich geküsst, und das hat vielen Aposteln nicht gefallen. Solche Sachen waren damals nicht sehr verbreitet. Außerdem war sie eine großartige Lehrerin. Im Evangelium der Maria Magdalena, welches zu den Apokryphen des Neuen Testaments gehört, kommt die Eifersucht mancher Jünger, insbesondere jene Petrus deutlich zum Ausdruck. Petrus befragte Maria nach dem Retter „Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?“ Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: „Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?“ Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: „Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.“

Über das weitere Schicksal der Maria Magdalena fehlen biblische Hinweise, aber es ist davon auszugehen, dass sie Palästina verließ. Nach einer alten französischen Legende kam Maria Magdalena über Saintes-Maries-de-la-Mer ins Land und missionierte die Provence. Die letzten 30 Jahre ihres Lebens soll sie als Einsiedlerin in der Höhle La Sainte-Baume verbracht haben, nach der das Gebirge benannt ist. Die Höhle ist seit dem Mittelalter ein bedeutender Wallfahrtsort.

Maria Magdalena verkündet als erste den Osterglauben, der eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens darstellt. Deshalb wurde sie vom Kirchenlehrer Augustinus ‚Apostolin der Apostel‘ genannt. Papst Franziskus hat den Gedenktag von Maria Magdalena, den 22. Juli, am 7. Juni 2016 durch ein Dekret zu einem Festtag erhoben. Damit wird sie von der katholischen Kirche nun auch offiziell auf die gleiche Stufe wie die Apostel gestellt.

Nach dem Halt in Magdala hielt Jesus in Tiberias vor der apostolischen Gemeinschaft, bestehend aus Frauen und Männern, einen denkwürdigen Vortrag über „Magie und Aberglauben“. Die damaligen Erklärungen Jesu in moderner Ausdrucksweise lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Der Lauf der Gestirne am Himmel hat überhaupt nichts mit den Ereignissen des menschlichen Lebens auf der Erde zu tun. Die Astronomie ist ein adäquates wissenschaftliches Studium, aber die Astrologie stellt eine Masse von abergläubischen Irrtümern dar, die im Evangelium vom Königreich keinen Platz hat.

2. Die Untersuchung der inneren Organe eines frisch getöteten Tieres kann nichts über das Wetter, zukünftige Ereignisse oder den Ausgang menschlicher Angelegenheiten aussagen.

3. Die Geister der Verstorbenen kehren nicht zurück, um mit ihren Familien oder einstigen Freunden unter den Lebenden in Kontakt zu treten.

4. Talismane und Reliquien sind außerstande, Krankheiten zu heilen, Unglück abzuwenden oder böse Geister zu beeinflussen. Der Glaube, solche materiellen Mittel vermöchten die geistige Welt zu beeinflussen, ist nichts als grober Aberglaube.

5. Das Auslosen mag auf bequeme Weise viele kleinere Schwierigkeiten regeln, ist aber keine geeignete Methode, um den göttlichen Willen in Erfahrung zu bringen. Die einzige Möglichkeit zur Kommunikation mit der geistigen Welt besteht in der geistigen Begabung der Menschheit, dem uns innewohnenden Geist des Vaters, zusammen mit dem ausgegossenen Geist des Sohnes und der allgegenwärtigen Einwirkung des Unendlichen Geistes.

6. Wahrsagerei, Zauberei und Hexenkünste sowie die Täuschungen der Magie sind Aberglaube unwissender Gemüter. Der Glaube an magische Zahlen, Vorzeichen des Glücks und Vorboten von Unglück sind reiner Aberglaube, der jeder Grundlage entbehrt.

7. Die Traumdeuterei ist weitgehend ein abergläubisches, unbegründetes System unwissender und phantastischer Spekulation. Das Evangelium vom Königreich darf mit den wahrsagenden Priestern der primitiven Religionen nichts gemein haben.

8. Gute oder böse Geister können nicht in materiellen Symbolen aus Lehm, Holz oder Metall wohnen; Götzenbilder sind weiter nichts als das Material, aus dem sie angefertigt sind.

9. Die Praktiken der Zauberer, Hexenmeister, Magier und Schwarzkünstler hatten ihren Ursprung im Aberglauben der Ägypter, Assyrer, Babylonier und frühen Kanaaniter. Amulette und alle möglichen Formen der Beschwörung sind zwecklos, um den Schutz guter Geister zu erlangen oder vermeintliche böse Geister zu vertreiben.

10. Jesus entlarvte und verurteilte ihren Glauben an Zauberformeln, schwere Prüfungen, Verhexung, Flüche, Zeichen, Alraune, Schnüre mit Knoten und alle anderen Formen unwissenden und versklavenden Aberglaubens.

In Shunem unterwies Jesus eines Tages eine Gruppe von zwölf jüngeren Evangelisten, die unter der Leitung des Jakobus arbeiteten, sowie die zwölf Frauen. Seine letzte Erklärung an diesem Abend zusammenfassend, sagte Jesus: „Ihr könnt weder die Errettung kaufen, noch die Rechtschaffenheit verdienen. Die Errettung ist eine Gabe Gottes, und die Rechtschaffenheit ist das natürliche Ergebnis des aus dem Geiste geborenen Lebens eines Sohnes im Königreich. Ihr werdet nicht gerettet, weil ihr ein rechtschaffenes Leben führt; vielmehr führt ihr ein rechtschaffenes Leben, weil ihr schon gerettet seid und die Sohnschaft als eine Gabe Gottes und den Dienst am Königreich als höchstes Entzücken des Lebens auf der Erde erkannt habt. Wenn die Menschen an dieses Evangelium glauben, das eine Offenbarung der Güte Gottes ist, werden sie von selber dazu gelangen, all ihre bewussten Sünden zu bereuen. Die Verwirklichung der Sohnschaft ist mit dem Wunsch zu sündigen unvereinbar. Wer an das Königreich glaubt, hungert nach Rechtschaffenheit und dürstet nach göttlicher Vollkommenheit.“

Im März 29 n. Chr. wandte Jesus zum ersten Mal die Gleichnismethode an, um die Menge zu unterrichten, die sich so oft um ihn versammelte. Jesus begann mit dem Gleichnis vom Sämann, einem der ersten in einer langen Reihe solcher Gleichnisse, durch die er die ihm folgende Menge unterwies. Am Abend sagte Matthäus im Garten des Zebedäus zu Jesus: „Meister, was bedeuten die dunklen Worte, die du an die Menge richtest? Warum sprichst du in Gleichnissen zu denen, die die Wahrheit suchen?“ Und Jesus antwortete:

„Mit Geduld habe ich euch all die Zeit unterwiesen. Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Königreichs des Himmels zu kennen, aber der urteilslosen Menge und jenen, die nach unserer Vernichtung trachten, werden die Geheimnisse des Königreichs fortan in Gleichnissen dargeboten. Und das tun wir, damit diejenigen, die wirklich ins Königreich eintreten wollen, die Bedeutung der Unterweisung erfassen und dadurch das Heil finden, während jene, die nur zuhören, um uns eine Falle zu stellen, umso verwirrter werden, da sie sehen werden, ohne zu sehen, und hören, ohne zu hören. Meine Kinder, erkennt ihr nicht das geistige Gesetz, welches bestimmt, dass dem, der hat, gegeben wird, auf dass er reichlich habe, aber dem, der nicht hat, sogar das, was er hat, weggenommen wird? Deshalb werde ich von jetzt an zum Volk viel in Gleichnissen reden, damit unsere Freunde und alle, die die Wahrheit zu kennen begehren, das finden können, was sie suchen, während unsere Feinde und diejenigen, die die Wahrheit nicht lieben, hören werden, ohne zu verstehen. Viele dieser Leute schreiten nicht auf dem Pfad der Wahrheit. Der Prophet hat in der Tat all diese unkritischen Seelen beschrieben, als er sagte: ‚Denn das Herz dieser Leute hat sich verhärtet, und sie sind schwerhörig geworden, und sie haben ihre Augen geschlossen, um nur ja nicht die Wahrheit zu erkennen und in ihren Herzen zu verstehen.‘“

Eine Zusammenfassung über die Funktionsweise von Gleichnissen in heutiger Ausdrucksweise, wie sie Jesus damals seinen Jüngern lehrte, findet sich im Abschnitt “Filme” auf dieser Website.

Auf der Fahrt über den See am Weg nach Kheresa am östlichen Seeufer wurden Jesus und seine Jünger von einem jener heftigen und plötzlichen Stürme überrascht, die besonders in dieser Jahreszeit für das Galiläische Meer charakteristisch sind. Der Wind blies so heftig, dass die Wellen begannen, über dem Boot zusammenzuschlagen. Bevor die Apostel das Segel einrollen konnten, hatte ein Windstoß es weggerissen, und, nun ausschließlich auf ihre Ruder angewiesen, bewegten sie sich nur mühsam auf das knapp drei Kilometer entfernte Ufer zu. Unterdessen lag Jesus schlafend im Schiffsheck unter einem kleinen schützenden Aufbau. Petrus stürzte zu Jesus hinüber, schüttelte ihn heftig, um ihn aufzuwecken, und als er wach war, sagte er zu ihm: „Meister, weißt du nicht, dass wir in einem gewaltigen Sturm sind? Wenn du uns nicht rettest, werden wir alle umkommen.“ Als Jesus in den Regen hinaustrat, schaute er zuerst Petrus an, spähte dann in der Dunkelheit nach den kämpfenden Ruderern, blickte wiederum auf Simon Petrus, der in der Aufregung noch nicht an sein Ruder zurückgekehrt war, und sprach: „Warum seid ihr alle so angsterfüllt? Wo ist euer Glaube? Friede, seid ruhig.“ Kaum hatte Jesus diesen Vorwurf an Petrus und die anderen Apostel gerichtet, kaum hatte er Petrus aufgefordert, Frieden zu suchen, um seine verängstigte Seele zu beruhigen, als die gestörte Atmosphäre ihr Gleichgewicht wiederfand und sich eine tiefe Ruhe einstellte. Jesus setzte den Zwölfen klar auseinander, dass er zu ihren beunruhigten Seelen gesprochen und sich an ihre angstgeschüttelten Gemüter gerichtet habe, dass er den Elementen nicht befohlen habe, seinem Wort zu gehorchen; aber all das war vergeblich. Es fiel den damaligen Menschen besonders leicht, an Naturwunder zu glauben. Von diesem Tag an hielten sie an der Ansicht fest, der Meister habe absolute Gewalt über die Naturelemente.

In jenen Tagen kam es auch zur Heilung der Frau, welche unter einer quälenden Blutung litt und die daher danach trachtete den Saum Jesus Gewandes zu berühren, um geheilt zu werden. Als Jesus das bemerkte, nahm er die Frau bei der Hand, hob sie auf und sagte: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich geheilt; geh hin in Frieden.“ Es war ihr Glaube, und nicht ihre Berührung, der sie geheilt hatte. Und dieser Fall ist ein gutes Beispiel für viele vermeintliche Wunderheilungen, die Jesu irdischen Lebensweg begleiteten, von ihm aber in keiner Weise bewusst gewollt wurden.

Niemals ist es vor Jesu Anwesenheit auf Erden noch seither möglich gewesen, dass der starke und lebendige Glaube von sterblichen Männern und Frauen so unmittelbare und anschauliche Resultate erwirkte. Wenn der Meister auch heute als materielles Wesen abwesend ist, so ist er doch als geistiger Einfluss in den Herzen der Menschen gegenwärtig. Indem er von der Welt schied, ermöglichte Jesus es seinem Geist, neben demjenigen seines Vaters zu leben, der dem Verstand aller Menschen innewohnt.

Ende März ereignete sich die berühmt gewordene Speisung der Fünftausend. Es waren ungefähr fünftausend Männer, Frauen und Kinder in der Parklandschaft südlich von Bethsaida-Julias versammelt, um Jesus zu sehen und zu hören. Sie waren nun schon drei Tage bei Jesus und seinen Jüngern, und viele von ihnen waren hungrig, aber sie hatten nichts zu essen. DIe Jünger hatten nur noch fünf Laibe Gerstenbrot und zwei getrocknete Fische.

Jesus nahm die Brotlaibe in die Hände, dankte, brach das Brot und gab es seinen Aposteln, die es an ihre Gefährten weiterreichten, welche es ihrerseits der Menge brachten. In derselben Weise brach und verteilte Jesus die Fische. Und die Menge aß und wurde satt. Und nachdem sie fertig gegessen hatten, sagte Jesus zu den Jüngern: „Sammelt die übriggebliebenen Stücke ein, damit nichts verloren geht.“ Und als sie mit dem Einsammeln der Reste fertig waren, hatten sie zwölf gefüllte Körbe. Es waren etwa fünftausend Männer, Frauen und Kinder, die an diesem außerordentlichen Festmahl teilgenommen hatten.

Im Urantia Buch wird behauptet, dass dies das erste und einzige Naturwunder war, das Jesus als Resultat bewusster Vorausplanung vollbrachte. Es sei wahr, dass seine Jünger dazu neigten, viele Dinge Wunder zu nennen, die keine waren, aber dieses war ein echtes übernatürliches Werk. In Gary Renards Buch “Die Illusion des Universums“ wird behauptet, dass dieses Naturwunder nie stattgefunden hat, sondern von Anfang an nur eine Metapher war. Da das Universum – also die gesamte Ebene von Zeit und Raum – ohnedies eine Illusion ist, ist es zum Glück bedeutungslos, was damals scheinbar passiert ist. Entscheidend ist allein die Botschaft.

Nun, da sich die Menge satt gegessen hatte und Jesu Ruhm hier und jetzt durch dieses Ereignis noch vermehrt worden war, bedurfte der Plan, sich des Meisters zu bemächtigen und ihn zum König auszurufen, keiner weiteren persönlichen Lenkung. Die Idee schien sich in der Menge wie eine ansteckende Krankheit auszubreiten. Die Reaktion der Menge auf diese plötzliche und Aufsehen erregende Befriedigung ihrer physischen Bedürfnisse war tief und überwältigend. Seit langem war den Juden gelehrt worden, dass der Messias, der Sohn Davids, bei seinem Kommen im Lande wieder Milch und Honig fließen lassen würde, und dass ihnen das Brot des Lebens in der Weise des Himmelsmannas geschenkt werden würde, das angeblich in der Wüste auf ihre Vorväter herabgeregnet war. Und erfüllte sich diese ganze Erwartung nicht gerade jetzt vor ihren Augen? Als diese hungrige, unterernährte Menschenmenge aufgehört hatte, sich an der Wundernahrung satt zu essen, gab es nur eine einzige einmütige Reaktion: „Dies ist unser König.“ Der wunderwirkende Befreier Israels war gekommen. In den Augen dieser einfachen Gemüter schloss die Macht zu ernähren auch das Recht zu herrschen ein. Kein Wunder also, dass sich die Menge, als sie mit Essen fertig war, wie ein Mann erhob und schrie: „Macht ihn zum König!“

Dieser mächtige Ruf begeisterte Petrus und jene Apostel, die immer noch die Hoffnung hegten, Jesus werde seinen Herrschaftsanspruch geltend machen. Aber diese falschen Hoffnungen sollten nicht lange leben. Der mächtige Ruf der Menge hatte kaum aufgehört, von den nahen Felsen zu widerzuhallen, als Jesus einen großen Stein bestieg, mit seiner erhobenen Rechten Aufmerksamkeit gebot und sprach: „Meine Kinder, ihr meint es gut, aber ihr seid kurzsichtig und auf Materielles eingestellt. Ihr wollt mich zum König machen, aber nicht etwa, weil eine große Wahrheit eure Seelen erleuchtet hat, sondern weil eure Mägen mit Brot gefüllt worden sind. Wie oft habe ich euch gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist? Das Königreich des Himmels, das wir verkündigen, ist eine geistige Bruderschaft, und kein Mensch regiert es, der auf einem materiellen Thron sitzt. Mein Vater im Himmel ist der allweise und allmächtige Herrscher über diese geistige Bruderschaft der Söhne Gottes auf Erden. Ist es mir so sehr misslungen, euch den Vater allen Geistes zu offenbaren, dass ihr aus seinem Sohn im Fleische einen König machen möchtet? Geht nun alle von hier nach Hause. Wenn ihr einen König haben müsst, dann errichte jeder von euch in seinem Herzen dem Vater des Lichts als dem geistigen Herrscher aller Dinge einen Thron.“

Diese Worte Jesu schickten die verstörte und entmutigte Menge weg. Viele, die an ihn geglaubt hatten, kehrten um und folgten ihm von diesem Tag an nicht mehr. Die Apostel waren sprachlos; sie standen schweigend um die zwölf mit Essensresten gefüllten Körbe herum. Bevor Jesus sich entfernte, um in den Bergen allein zu sein, wandte er sich an Andreas mit den Worten: „Führe deine Brüder zurück in das Haus des Zebedäus und bete mit ihnen, insbesondere für deinen Bruder, Simon Petrus.“

Die Apostel, von ihrem Meister fortgeschickt, bestiegen ohne ihn das Boot und begannen schweigend, nach Bethsaida am westlichen Seeufer hinüberzurudern. Keiner von den Zwölfen war so zerschmettert und niedergeschlagen wie Simon Petrus. Nach stundenlangem, hartem Rudern in der Dunkelheit wurde Petrus müde und fiel in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Während die anderen Apostel gegen den Wind und die Wellen kämpften, hatte Petrus einen Traum; in einer Vision sah er Jesus auf dem See wandelnd auf sie zukommen. In Verbindung mit seinem Traumes erhob sich Petrus von dem Sitz, auf dem er schlief, und schritt tatsächlich über Bord ins Wasser. Und er erwachte aus seinem Traum, als Andreas, Jakobus und Johannes sich zu ihm hinabbeugten und ihn aus dem Wasser zogen.

Für Petrus war dieses Erlebnis stets Wirklichkeit. Er glaubte aufrichtig daran, dass Jesus in jener Nacht zu ihnen gekommen war. Er überzeugte Johannes Markus nur halbwegs, was erklärt, weshalb Markus in seiner Erzählung einen Teil der Geschichte ausließ. Lukas, der Arzt, der diesen Dingen sorgfältig nachging, kam zu dem Schluss, dass die Episode eine Vision des Petrus war und lehnte es deshalb ab, der Geschichte bei der Abfassung seines Berichtes einen Platz einzuräumen.

Johannes Markus

Da Johannes einer der häufigsten Namen der damaligen Zeit war, ist die Erwähnung eines Johannes immer sehr verwirrend. Johannes Markus ist der Evangelist Markus und ist nicht mit dem Apostel Johannes identisch!

Die vier Evangelien

Alle Schriften des Neuen Testaments wurden ursprünglich auf Griechisch abgefasst. Diese Sprache war in der antiken Welt so weit verbreitet wie Englisch in unserer Zeit. So konnte sich die Frohe Botschaft im gesamten Mittelmeerraum ausbreiten.

Die Verfasser der vier Evangelien werden im Bibeltext nicht namentlich genannt. Sie treten ganz hinter der Botschaft zurück, die sie verkünden. Die Überschriften der Evangelien stammen aus der Zeit zwischen 100 und 200 n. Chr. Man ging damals davon aus, dass Jünger von Jesus oder deren Mitarbeiter die Evangelien geschrieben haben.

Alle Evangelien wurden im Laufe der Zeit beträchtlich abgeändert. Ihre Entstehung verdanken sie den folgenden Umständen:

1. Das Markusevangelium. Johannes Markus schrieb (die Aufzeichnungen des Andreas ausgenommen) den frühesten, kürzesten und einfachsten Bericht über Jesu Leben. Obwohl Markus als Knabe selber Zeuge mancher von ihm beschriebener Szenen war, ist sein Bericht in Wahrheit das Evangelium des Simon Petrus. Er war ein früher Mitarbeiter des Petrus, später des Paulus. Markus schrieb diesen Bericht auf Veranlassung des Petrus und auf das dringende Gesuch der Kirche von Rom hin. Da er wusste, wie konsequent es der Meister ablehnte, seine Lehren niederzuschreiben, als er in Menschengestalt auf Erden war, zögerte Markus gleich den Aposteln und anderen führenden Jüngern, sie schriftlich festzuhalten. Jesus hat besonders am Ende seiner irdischen Lehrtätigkeit sehr deutlich gemacht, worauf die Apostel hören sollen und wer sie führen soll - der HEILIGE GEIST.

2. Das Matthäusevangelium. Der Apostel Matthäus ist nicht der Verfasser dieses Evangeliums. Isidor, einer seiner Schüler, schrieb es. Ihm halfen bei seiner Arbeit nicht nur Matthäus‘ persönliche Erinnerungen an diese Ereignisse, sondern auch eine gewisse Niederschrift der Reden Jesu, die Matthäus unmittelbar nach der Kreuzigung angefertigt hatte. Diese Schrift war auf Aramäisch verfasst. Isidor hingegen schrieb Griechisch. Es geschah nicht in Täuschungsabsicht, wenn das Werk dem Matthäus zugeschrieben wurde. In jenen Tagen war es Brauch, dass die Schüler ihre Lehrer in dieser Weise ehrten.

3. Das Lukasevangelium. Der Arzt Lukas aus Antiochia in Pisidien war ein durch Paulus bekehrter Heide, der eine ganz andere Lebensgeschichte des Meisters schrieb. Beim Zusammenstellen des Materials für sein Evangelium bezog sich Lukas in erster Linie auf die ihm von Paulus mitgeteilte Darstellung von Jesu Leben. Das Lukasevangelium ist deshalb in gewissem Sinne das Paulusevangelium. Aber Lukas hatte noch andere Informationsquellen. Er befragte nicht nur Hunderte von Augenzeugen der von ihm erwähnten zahlreichen Episoden aus Jesu Leben, sondern er besaß auch eine Abschrift des Markusevangeliums, genauer: der ersten vier Fünftel davon, ferner Isidors Darstellung und eine kurze, von einem Gläubigen namens Cedes im Jahre 78 in Antiochia verfasste Aufzeichnung.

4. Das Johannesevangelium. Das Evangelium nach Johannes berichtet vieles über Jesu Wirken in Judäa und in der Umgebung von Jerusalem, was in den anderen Aufzeichnungen nicht enthalten ist. Es ist das sogenannte Evangelium nach Johannes, Sohn des Zebedäus. Auch wenn Johannes es nicht selber schrieb, so inspirierte er es doch. Seit seiner ersten Niederschrift erfuhr es mehrere Überarbeitungen, um den Anschein zu erwecken, als stamme es von der Hand des Johannes selber. Zur Zeit seiner Aufzeichnung verfügte Johannes über die anderen Evangelien, und er sah, dass vieles unerwähnt geblieben war. Folgerichtig ermunterte er im Jahr 101 seinen Mitarbeiter Nathan, einen griechischen Juden aus Cäsarea, mit der Niederschrift zu beginnen. Johannes entnahm den Stoff seinem Gedächtnis und stützte sich auch auf die drei schon bestehenden Berichte. Er besaß keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen. Der als „Erster Johannes“ bekannte Brief wurde als Begleitbrief für das Werk, das Nathan unter seiner Leitung ausführte, von Johannes selber verfasst.

Die Nachricht von der Speisung der Fünftausend und dem Versuch, Jesus zum König zu krönen, erregte weites Aufsehen und rief die Befürchtungen sowohl der religiösen Führer als auch der zivilen Herrscher ganz Galiläas und Judäas wach. Dieses gewaltige Wunder trug nichts dazu bei, das Evangelium vom Königreich in den Seelen von materialistisch eingestellten und halbherzigen Gläubigen zu fördern, aber es diente auf jeden Fall dem Zweck, eine entscheidende Klärung in den Neigungen von Jesu unmittelbarer Familie von Aposteln und engen Jüngern herbeizuführen, die auf Wunder versessen waren und einen König herbeisehnten. Diese Aufsehen erregende Episode brachte die frühe Periode des Lehrens, Schulens und Heilens zum Abschluss und gab den Weg frei für die Einleitung des letzten Jahres der Verkündigung der höheren und stärker vergeistigten Phasen des neuen Evangeliums des Königreichs: göttliche Sohnschaft, geistige Freiheit und ewige Errettung.

An einem Sabbatnachmittag kam es in der neuen Synagoge von Kapernaum zur denkwürdigen Rede von Jesus, die zur sogenannten Krise von Kapernaum führte. Am Vortag waren aus Jerusalem dreiundfünfzig Pharisäer und Sadduzäer angekommen; über dreißig Häupter und Vorsitzende von Synagogen aus der Nachbarschaft waren ebenfalls zugegen. Diese jüdischen religiösen Führer handelten direkt auf Befehl des Sanhedrins in Jerusalem, und sie bildeten die orthodoxe Vorhut, die gekommen war, um den offenen Kampf gegen Jesus und seine Jünger einzuleiten. Auf den Ehrenplätzen der Synagoge saßen Seite an Seite mit diesen jüdischen Führern die offiziellen Beobachter des Herodes Antipas, die angewiesen worden waren, die Wahrheit über die alarmierenden Berichte in Erfahrung zu bringen, denen zufolge die Volksmenge einen Versuch unternommen habe, Jesus zum König der Juden zu proklamieren.

Die Krise, die mit der Speisung der Fünftausend begonnen hatte und mit dieser Predigt am Sabbatnachmittag endete, war der sichtbare Umschwung Jesus Rufs und seiner Gunst beim Volk. Von jetzt an hatte sich die Arbeit für das Königreich immer mehr auf die wichtigere Aufgabe zu konzentrieren, geistig Bekehrte dauerhaft für die wahrhaft religiöse Bruderschaft der Menschen zu gewinnen.

Der Meister wusste genau, dass viele seiner Anhänger sich in Gedanken langsam aber sicher darauf vorbereiteten, ihn letztendlich zurückzuweisen. Ebenso wusste er, dass viele seiner Jünger langsam aber sicher durch jene Gedankenschulung und Seelendisziplin gingen, die es ihnen ermöglichen würde, ihre Zweifel zu besiegen und für ihren gefestigten Glauben an das Evangelium vom Königreich einzustehen. Jesus war sich völlig im Klaren über die Art und Weise, in der sich die Menschen auf die Entscheidungen in einer Krise vorbereiten und mutig beschlossene Taten plötzlich ausführen: nämlich durch den langsamen Vorgang wiederholten Wählens zwischen den stets wiederkehrenden Situationen von Gut und Böse [Anm.: in der Sprache des Kurses “Wahrheit und Illusion"]. Er unterwarf seine ausgewählten Botschafter wiederholten Enttäuschungsübungen und verschaffte ihnen häufige und schwierige Gelegenheiten, bei denen sie zwischen der richtigen und der falschen Art, geistige Prüfungen zu bestehen, zu wählen hatten. Er wusste, dass er sich auf seine Jünger verlassen konnte, dass sie angesichts der letzten Prüfung ihre lebenswichtigen Entscheidungen in Übereinstimmung mit früheren, zur Gewohnheit gewordenen Denkweisen und geistigen Reaktionen fällen würden.

Diese Krise in Jesu Erdenleben begann mit der Speisung der Fünftausend und endete mit dieser Predigt in der Synagoge; die Krise im Leben der Apostel begann mit dieser Predigt in der Synagoge, dauerte ein ganzes Jahr und endete erst mit des Meisters Prozess und Kreuzigung.

Als Einleitung zu seiner Predigt las Jesus aus dem Gesetz im Deuteronomium. Und nachdem Jesus diese Worte gelesen hatte, ging er zu den Propheten über und las aus Jeremia vor. Danach sagte Jesus: „Die damaligen Priester und Lehrer trachteten danach, Jeremia umzubringen, aber die Richter gaben ihre Zustimmung nicht, obwohl sie ihn wegen seiner warnenden Worte an Seilen in ein schmutziges Verlies hinunterließen, wo er bis zu den Achselhöhlen im Schlamm versank. Solches verübte dieses Volk am Propheten Jeremia, als er dem Befehl Gottes gehorchte und seine Brüder vor ihrem kurz bevorstehenden politischen Sturz warnte. Heute möchte ich euch fragen: Was werden die obersten Priester und religiösen Führer dieses Volkes mit dem Mann tun, der es wagt, sie vor dem Tag ihres geistigen Untergangs zu warnen? Werdet auch ihr versuchen, den Lehrer zu töten, der es wagt, das Wort des Herrn zu verkündigen und der nicht davor zurückschreckt, deutlich zu machen, dass ihr euch weigert, auf dem Weg des Lichts zu schreiten, der zum Eingang des Königreichs des Himmels führt?”

„Was braucht ihr noch zum Beweis meiner Sendung auf Erden? Wir haben euch in euren einflussreichen Machtpositionen unbehelligt gelassen, während wir den Armen und Verstoßenen die gute Nachricht predigten. Wir haben das von euch Verehrte nicht feindselig angegriffen, sondern vielmehr der von Angst beherrschten Menschenseele eine neue Freiheit verkündigt. Ich bin in die Welt gekommen, um meinen Vater zu offenbaren und auf Erden die geistige Bruderschaft der Söhne Gottes, das Königreich des Himmels, zu errichten. Und obwohl ich euch immer wieder daran erinnert habe, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist, hat euch dennoch mein Vater über die beweiskräftigeren geistigen Verwandlungen und Regenerationen hinaus viele materielle Wunder zugestanden.”

„Was für neue Zeichen wollt ihr noch aus meinen Händen? Ich erkläre, dass ihr schon genügend Beweise habt, um eure Entscheidung zu fällen. Wahrlich, wahrlich, ich sage zu vielen, die heute vor mir sitzen: Ihr steht vor der Notwendigkeit, den Weg, den ihr gehen wollt, zu wählen; und wie Josua zu euren Vorvätern sage ich zu euch: ‚Entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt.‘ Heute stehen viele von euch am Scheideweg.”

„Meine Brüder, verlangt nicht nach Speise, die verdirbt, sondern sucht vielmehr geistige Kost, die euch sogar für das ewige Leben stärkt; denn diese ist das Brot des Lebens, das der Sohn allen gibt, die es nehmen und davon essen wollen, denn der Vater hat dem Sohn dieses Leben unbeschränkt gegeben. Und als ihr mich fragtet: ‚Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?‘ habe ich euch klar gesagt: ‚Das Werk Gottes ist, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.‘“

„Und nun lasst mich euch ein für alle Mal erklären, dass ich nicht auf die Erde herabgekommen bin, um meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen Dessen, der mich gesandt hat. Und dies ist letztlich der Wille Dessen, der mich gesandt hat, dass ich von allen, die er mir gegeben hat, auch nicht einen einzigen verliere. Und dieses ist des Vaters Wille: Dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, das ewige Leben haben soll. Gestern erst gab ich euch Brot für eure Körper zu essen; heute biete ich euch das Brot des Lebens für eure hungrigen Seelen an. Wollt ihr jetzt das Brot des Geistes ebenso willig annehmen, wie ihr das Brot dieser Welt gegessen habt?“

Inzwischen hatte sich in der Synagoge ein starkes Gemurmel erhoben, und ein solcher Tumult drohte, dass Jesus aufstand und sagte: „Lasst uns Geduld haben; die Wahrheit leidet nie unter einer ehrlichen Prüfung. Ich bin alles, was du sagst, aber mehr. Der Vater und ich sind eins; der Sohn tut nur, was der Vater ihn lehrt, und alle, die der Vater dem Sohn gibt, wird der Sohn bei sich empfangen. Ihr habt bei den Propheten gelesen. ‚Gott wird euch alle unterrichten‘ und ‚Diejenigen, die der Vater lehrt, werden auch seinem Sohn Gehör schenken‘. Jeder, der sich den Weisungen des in ihm wohnenden Geistes des Vaters fügt, wird letzten Endes zu mir kommen. Zwar hat kein Mensch den Vater gesehen, aber des Vaters Geist lebt tatsächlich im Menschen. Und der Sohn, der vom Himmel herabgekommen ist, hat den Vater mit Sicherheit gesehen. Und diejenigen, die wahrhaftig an diesen Sohn glauben, haben schon jetzt das ewige Leben.”

Als Jesus fertig gesprochen hatte, entließ der Synagogenleiter die Versammlung, aber die Leute wollten nicht gehen. Sie umdrängten Jesus, um mehr Fragen zu stellen, während andere murrten und untereinander stritten. Und diese Situation hielt mehr als drei Stunden lang an. Es war schon längst nach sieben Uhr, als sich die Versammlung endlich auflöste.

Einer der auf Besuch weilenden Pharisäer stieg auf einen Lampenständer und schrie seine Frage heraus: „Du sagst uns, du seiest das Brot des Lebens. Wie kannst du uns dein Fleisch zu essen oder dein Blut zu trinken geben? Zu was taugt deine Lehre, wenn sie nicht ausgeführt werden kann?“ Und Jesus beantwortete diese Frage mit den Worten: „Ich habe euch nicht gelehrt, mein Fleisch sei das Brot des Lebens und mein Blut das Wasser des Lebens. Hingegen habe ich gesagt, dass mein Leben im Fleisch eine Verschenkung des Himmelsbrots ist. Die Tatsache des sich im Fleisch hingebenden Wortes Gottes und das Phänomen des sich dem Willen Gottes unterwerfenden Menschensohns stellen eine erfahrbare Realität dar, die soviel bedeutet wie göttliche Nahrung. Ihr könnt weder mein Fleisch essen, noch mein Blut trinken, aber ihr könnt im Geiste eins werden mit mir, so wie ich im Geiste eins bin mit dem Vater. Ihr könnt durch das ewige Wort Gottes genährt werden, das tatsächlich das Brot des Lebens ist und das in sterblicher Menschengestalt verschenkt worden ist; und eure Seele kann vom göttlichen Geist bewässert werden, der wahrhaftig das Wasser des Lebens ist. Der Vater hat mich in die Welt gesandt, um zu zeigen, wie er in allen Menschen zu wohnen und sie zu leiten wünscht; und ich habe mein Leben im Fleisch so gelebt, dass es alle Menschen dazu inspirieren möge, gleichermaßen immer den Willen des in ihnen wohnenden himmlischen Vaters in Erfahrung zu bringen und auszuführen.“

Auf den Angriff eines der Spione aus Jerusalem, der Jesus und seine Apostel beobachtet hatte und sie nun beschuldigte, gegen die Reinheitsgebote verstoßen zu haben, antwortete Jesus nach einer ausführlichen Erklärung: „Seht, wie ihr dem Gebot untreu werdet, während ihr euch an menschliche Tradition klammert. Ihr seid ganz und gar willens, das Wort Gottes abzulehnen, während ihr gleichzeitig eure eigenen Traditionen hochhaltet. Und auf manch andere Weise wagt ihr es, eure eigenen Lehren über das Gesetz und die Propheten zu stellen.“

Darauf wandte sich Jesus mit seinen Bemerkungen an alle Anwesenden. Er sagte: „Aber hört mir jetzt alle zu. Nicht das, was durch den Mund eintritt, verunreinigt den Menschen geistig, sondern vielmehr das, was aus dem Mund und aus dem Herzen kommt.“ Aber sogar die Apostel vermochten den Sinn dieser Worte nicht ganz zu erfassen, denn auch Simon Petrus fragte ihn: „Damit sich einige deiner Zuhörer nicht unnötigerweise gekränkt fühlen, wärest du so gut, uns die Bedeutung dieser Worte zu erklären?“ Darauf sagte Jesus zu Petrus: „Bist auch du schwer von Begriff? Weißt du nicht, dass jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, ausgerissen werden wird? Schenke deine Aufmerksamkeit jetzt denen, die die Wahrheit kennen möchten. Man kann die Menschen nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu lieben. Viele von diesen Lehrern sind blinde Führer. Und du weißt, wenn Blinde die Blinden führen, fallen beide in die Grube. Aber hör zu, während ich dir die Wahrheit bezüglich dessen sage, was die Menschen sittlich verunreinigt und geistig vergiftet. Ich erkläre, dass nicht das den Menschen verdirbt, was durch den Mund in den Körper gelangt oder durch Augen und Ohren ins Bewusstsein eintritt. Der Mensch wird nur von dem Übel verdorben, das im Herzen entstehen kann und sich in den Worten und Taten solch gottloser Personen ausdrückt. Weißt du denn nicht, dass schlechte Gedanken, ruchloses Sinnen auf Mord, Diebstahl und Ehebruch, sowie Eifersucht, Hochmut, Zorn, Rachsucht, Lästerung und falsches Zeugnis allesamt vom Herzen ausgehen? All das besudelt die Menschen, und nicht etwa, dass sie Brot mit zeremoniell unreinen Händen essen.“

Immer wieder hatte Jesus die Hoffnungen seiner Apostel zerschlagen, wiederholt hatte er ihre liebsten Erwartungen vernichtet, aber keine Zeit der Enttäuschung und des Leids kam derjenigen gleich, die sie jetzt durchmachten. Zudem mischte sich jetzt in ihre Niedergeschlagenheit wirkliche Furcht um ihre Sicherheit. Sie waren alle überrascht und verblüfft über die Plötzlichkeit und Vollständigkeit der Abwendung des Volkes. Auch waren sie einigermaßen erschrocken und beunruhigt durch die an den Tag gelegte unerwartete Kühnheit und ausgesprochene Entschlossenheit der Pharisäer, die von Jerusalem herabgekommen waren. Aber am meisten bestürzte sie Jesu plötzlicher Taktikwechsel. Unter gewöhnlichen Umständen hätten sie das Erscheinen dieser mehr kämpferischen Haltung begrüßt, aber deren Plötzlichkeit, zusammen mit so viel anderem Unvorhergesehenem, brachte sie aus der Fassung. Während dieser Stunden der Prüfung saßen die zwölf Frauen im Hause des Petrus beisammen. Sie waren furchtbar bestürzt, aber keine desertierte.

Zu den zwölf und ihren Gefährten, alles in allem ungefähr dreißig an der Zahl, sagte Jesus spät nach Mitternacht noch folgendes: „Meine Lieben, ihr müsst daran denken, dass es der Geist ist, der belebt; das Fleisch und alles, was damit im Zusammenhang steht, ist von geringem Nutzen. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben. Seid guten Mutes! Ich habe euch nicht verlassen. Viele werden sich jetzt durch meine neue offene Sprache verletzt fühlen. Ihr habt schon gehört, dass viele meiner Jünger umgekehrt sind; sie gehen nicht mehr an meiner Seite. Von Anfang an wusste ich, dass diese halbherzigen Gläubigen unterwegs abtrünnig würden. Habe ich euch zwölf Männer nicht ausgewählt und euch als Botschafter des Königreichs eine Sonderstellung gegeben? Und nun möchtet ihr in einem Augenblick wie diesem auch abtrünnig werden? Jeder von euch achte auf seinen Glauben, denn einer von euch befindet sich in großer Gefahr.“ Und nachdem Jesus geendet hatte, sagte Simon Petrus: „Ja, Herr, wir sind traurig und ratlos, aber wir werden dich nie verlassen. Du hast uns die Worte des ewigen Lebens gelehrt. Wir haben all die Zeit an dich geglaubt und sind dir gefolgt. Wir werden nicht umkehren, denn wir wissen, dass Gott dich gesandt hat.“ Und als Petrus schwieg, pflichteten sie alle diesem Treuegelöbnis mit einmütigem Kopfnicken bei.

Eine Zeit lang weigerte sich Herodes, Jesus in seiner Tätigkeit zu behindern. Herodes war einer jener von ihrem Glauben abgefallenen Juden, die an nichts glaubten, aber sich vor allem fürchteten. Er litt am schlechten Gewissen, Johannes hingerichtet zu haben, und er wollte nicht in diese Intrigen gegen Jesus verwickelt werden. Er wusste von vielen Krankheitsfällen, die Jesus, wie es schien, geheilt hatte und er hielt ihn entweder für einen Propheten oder für einen relativ harmlosen religiösen Fanatiker.

Am späten Samstagabend, dem 21. Mai, im Jahre 29 unterzeichnete Herodes dann doch ein Dekret, das die Beamten des Sanhedrins ermächtigte, Jesus auf dem Gebiet des Herodes festzunehmen und ihn mit Gewalt zur Aburteilung nach Jerusalem zu führen. Von vielen Seiten wurde auf Herodes starker Druck ausgeübt, bevor er sich zu dieser Bewilligung bereit fand, wobei er genau wusste, dass Jesus von Seiten seiner erbitterten Feinde in Jerusalem keinen gerechten Prozess erwarten konnte.

Der 22. Mai war ein bewegter Tag im Leben Jesu. An diesem Sonntagmorgen noch vor Tagesanbruch traf in großer Eile einer von Davids Boten aus Tiberias mit der Nachricht ein, dass Herodes die Verhaftung Jesu durch die Beamten des Sanhedrins angeordnet habe oder dabei sei, sie zu verfügen. In einer frühmorgendlichen Zusammenkunft gab Jesus den versammelten Jüngern seine Abschiedsinstruktionen, d. h. er nahm vorläufig von ihnen Abschied, wohl wissend, dass sie bald von Kapernaum weg zerstreut würden. Er wies sie alle an, Gott um Führung zu bitten und die Arbeit für das Königreich ohne Rücksicht auf die Konsequenzen weiterzuführen.

Im Laufe des Morgens trafen auch fünf Mitglieder der irdischen Familie Jesu am Ort des Geschehens ein. Sie waren überein gekommen, Jesus zu überreden, mit ihnen nach Hause zu kommen. Als sie beim Hause des Zebedäus ankamen, befand sich Jesus mitten in seiner Abschiedsansprache an seine Jünger. Sie versuchten, sich Eintritt ins Haus zu verschaffen, aber es war schon überfüllt. Schließlich stellten sie sich an den hinteren Eingang und ließen die Kunde von ihrer Ankunft von einem zum anderen bis zu Simon Petrus weitersagen, welcher Jesus, dessen Ansprache unterbrechend, informierte. Und so waren Maria und seine Brüder tief verletzt, als er zwar innehielt, um die Botschaft entgegenzunehmen, aber nicht gleich zu ihnen hinausstürzte, um sie zu begrüßen. Stattdessen hörten sie seine wohlklingende Stimme etwas lauter sagen: „Sagt meiner Mutter und meinen Brüdern, sie sollen sich nicht um mich ängstigen. Der Vater, der mich in die Welt gesandt hat, wird mich nicht verlassen, noch wird meiner Familie irgendein Leid zustoßen. Sagt ihnen, sie sollen guten Mutes sein und ihr Vertrauen in den Vater des Königreichs setzen. Aber wer ist letzten Endes meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Und indem er seine Hände allen im Raum versammelten Jüngern entgegenstreckte, sprach er: „Ich habe keine Mutter; ich habe keine Brüder. Seht hier meine Mutter und seht hier meine Brüder! Denn wer immer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester.“

Etwas später, während sich Jesus Mutter im Garten vom Schock der Worte „Ich habe keine Mutter“ erholte, erhob sich eine Frau im Raum und rief aus: „Gesegnet sei der Schoß, der dich trug und gesegnet seien die Brüste, die dich genährt haben.“ Für einen Augenblick wandte sich Jesus von seiner Besprechung mit Andreas ab, um der Frau zu antworten: „Nein, gesegnet ist vielmehr derjenige, der auf Gottes Wort hört und es wagt, ihm zu gehorchen.“

Maria und Jesu Brüder dachten, Jesus verstehe sie nicht, er interessiere sich nicht mehr für sie, und hatten keine Ahnung, dass sie es waren, die Jesus nicht verstanden. Jesus verstand völlig, wie schwierig es für Menschen ist, mit ihrer Vergangenheit zu brechen. Er wusste, wie menschliche Wesen durch eines Predigers Beredsamkeit mitgerissen werden, wie das Bewusstsein auf einen Gefühlsappell und der Verstand auf Logik und Vernunft reagieren, aber er wusste auch, wie unendlich viel schwieriger es ist, die Menschen davon zu überzeugen, die Vergangenheit loszulassen.

Jesus hatte beabsichtigt, seine Ansprache zu beenden und alsdann vor seinem Weggehen noch mit seiner Familie zu sprechen, aber dieser Plan wurde durch das Dazwischentreten der unmittelbar folgenden Ereignisse durchkreuzt. Denn nun begann mit seinen zwölf Aposteln und den zwölf Evangelisten die überstürzte Flucht vor den Beamten des Sanhedrins, die sich auf dem Wege nach Bethsaida befanden, um ihn mit Ermächtigung des Herodes Antipas zu verhaften und ihn wegen Gotteslästerung und anderer Verletzungen der heiligen Gesetze der Juden zur Aburteilung nach Jerusalem zu bringen. Es war gegen halb neun an diesem schönen Morgen, als die fünfundzwanzigköpfige Mannschaft sich an die Ruder setzte und dem Ostufer des Galiläischen Meeres zustrebte.

Sie ruderten hinüber bis in die Nähe des Dorfes Kheresa, gaben ihr Schiff in die Obhut von Freunden und begannen mit den Wanderungen dieses letzten ereignisreichen Jahres von Jesu Erdenleben. Sie hielten sich eine Zeit lang im Hoheitsbereich des Philippus auf, indem sie sich von Kheresa aus nach Cäsarea-Philippi begaben und sich von dort der phönizischen Küste zuwandten.

Der Meister versammelte seine Jünger um sich und besprach mit ihnen die Pläne für ihr Reisevorhaben durch Batanea und Nordgaliläa zur phönizischen Küste. Und Jesus fuhr fort, die Vierundzwanzig zu unterweisen, und sprach:

„Die Heiden haben eine gewisse Entschuldigung, wenn sie gegen uns toben. Weil sie nur einen kleinen und engen Blickwinkel besitzen, sind sie fähig, ihre Energien mit Begeisterung zu konzentrieren. Ihr Ziel ist nah und mehr oder weniger sichtbar; deshalb kämpfen sie mutig und erfolgreich für seine Verwirklichung. Ihr habt zwar euren Eintritt ins Königreich des Himmels erklärt, aber die Art, in der ihr unterweist, ist zu schwankend und zu unbestimmt. Die Heiden greifen ihr Ziel direkt an; ihr aber macht euch einer ständigen Sehnsucht schuldig. Wenn ihr ins Königreich eintreten wollt, warum bemächtigt ihr euch seiner dann nicht durch einen geistigen Angriff, so wie die Heiden eine belagerte Stadt einnehmen? Ihr seid des Königreichs kaum wert, wenn euer Dienst so weitgehend in einer Haltung besteht, die der Vergangenheit nachtrauert, die Gegenwart bejammert und vergeblich auf die Zukunft hofft. Warum toben die Heiden? Weil sie die Wahrheit nicht kennen. Weshalb schmachtet ihr in vergeblicher Sehnsucht? Weil ihr der Wahrheit nicht gehorcht. Hört auf, euch unnötig zu sehnen und geht tapfer daran, das zu tun, was die Errichtung des Königreichs verlangt.”

„Lasst mich nachdrücklich diese ewige Wahrheit feststellen: Wenn ihr durch eure Ausrichtung auf die Wahrheit lernt, in eurer Lebensweise diese wunderbare Ganzheit der Rechtschaffenheit beispielhaft zum Ausdruck zu bringen, werden eure Mitmenschen euch aufsuchen, um ebenfalls zu gewinnen, was ihr erworben habt. Das Maß, in dem sich Wahrheitssucher zu euch hingezogen fühlen, ist auch das Maß der Wahrheit, die ihr besitzt, das Maß eurer Rechtschaffenheit. Das Ausmaß, in welchem ihr mit eurer Botschaft zu den Leuten gehen müsst, ist auch in gewissem Sinn das Maß eures Unvermögens, ein ganzes oder rechtschaffenes Leben, ein auf die Wahrheit abgestimmtes Leben zu leben.“

Der Aufenthalt in Cäsarea-Philippi war für die elf Apostel eine echte Prüfung; sie durchlebten zwei schwierige Wochen. Immer mehr lernten die Jünger von Jesus, die menschlichen Persönlichkeiten im Lichte ihrer Möglichkeiten in Zeit und Ewigkeit zu sehen. Sie lernten, dass man viele Seelen am besten dahin bringt, den unsichtbaren Gott zu lieben, indem man sie zuerst lehrt, ihre Brüder zu lieben, die sie sehen können. Und in diesem Zusammenhang gewann des Meisters Ausspruch über den selbstlosen Dienst an unseren Mitmenschen eine neue Bedeutung: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Eine der großen Lektionen dieses Aufenthaltes in Cäsarea handelte vom Ursprung der religiösen Traditionen, von der ernsten Gefahr, es zuzulassen, unheiligen Dingen, gewöhnlichen Ideen oder alltäglichen Ereignissen eine heilige Bedeutung beizumessen. Jesus warnte seine Anhänger hiervor: Wenn ihr religiöses Verlangen nur materieller Art sei, werde die immer bessere Kenntnis der Natur durch die stetige Verdrängung des vermuteten übernatürlichen Ursprungs der Dinge sie letztlich ihres Glaubens an Gott berauben. Sei aber ihre Religion geistig, könne der Fortschritt der Naturwissenschaft ihren Glauben an ewige Realitäten und göttliche Werte nie ins Wanken bringen.

Jesus lehrte seine Apostel wiederholt, dass keine Zivilisation den Verlust des Besten in ihrer Religion lange zu überleben vermag. Und er wurde nie müde, den Zwölfen die große Gefahr auseinanderzusetzen, religiöse Symbole und Zeremonien den Platz religiöser Erfahrung einnehmen zu lassen. Sein ganzes Erdenleben war konsequent der Aufgabe gewidmet, die gefrorenen Formen der Religion aufzutauen in die flüssigen Freiheiten erleuchteter Sohnschaft.

Am Donnerstagmorgen, dem 9. Juni, verließ die fünfundzwanzigköpfige Schar von Lehrern der Wahrheit Cäsarea-Philippi und begann ihre Reise an die phönizische Küste. Während sie in der Nähe von Luz im Schatten eines überhängenden Felssimses ihre Mittagspause machten, hielt Jesus ihnen eine der denkwürdigsten Reden, die die Apostel in all den Jahren ihrer Zusammenarbeit mit ihm je gehört hatten. Es war die Rede über wahre Religion und die drei Manifestationen des religiösen Dranges. Diese Einteilung findet sich ganz am Anfang des Kapitels über die Evolution der Religion.

Solange die Menschheit nicht hochintelligent und zivilisierter geworden ist, werden viele der kindlichen und abergläubischen Zeremonien weiter bestehen, die für die evolutionären religiösen Praktiken primitiver und rückständiger Völker so bezeichnend sind. Solange die menschliche Rasse nicht zur Ebene einer höheren und allgemeineren Erkenntnis der Realitäten geistiger Erfahrung fortschreitet, wird ein großer Teil von Männern und Frauen weiterhin eine persönliche Vorliebe für jene autoritären Religionen bekunden, die nur intellektuelle Zustimmung verlangen im Unterschied zur Religion des Geistes, die die aktive Beteiligung von Verstand und Seele erfordert für das Abenteuer des Glaubens im Ringen mit den harten Realitäten der fortschreitenden menschlichen Erfahrung.

Die traditionellen Autoritätsreligionen zu akzeptieren, ist ein bequemer Ausweg für den Trieb im Menschen, Befriedigung für die Sehnsüchte seiner geistigen Natur zu suchen. Die bestehenden, in festen Formen etablierten Autoritätsreligionen bieten eine stets verfügbare Zuflucht, wohin die verwirrte und beunruhigte menschliche Seele flüchten kann, wenn Furcht sie zermürbt und Ungewissheit sie quält. Eine solche Religion verlangt von ihren Anhängern als Preis für die gespendete Befriedigung und Sicherheit lediglich eine passive und rein intellektuelle Zustimmung.

Die Religion des Geistes bedeutet Anstrengung, Kampf, Konflikt, Glauben, Entschlossenheit, Liebe, Treue und Fortschritt. Die Religion des Verstandes - die Theologie der Autorität - verlangt von ihren formellen Anhängern wenige oder gar keine dieser Bemühungen. Die Tradition ist eine sichere Zuflucht und ein einfacher Weg für all jene ängstlichen und halbherzigen Seelen, die instinktiv den geistigen Auseinandersetzungen und mentalen Ungewissheiten ausweichen, welche mit dem Glauben einhergehen auf seiner kühnen Abenteuerreise auf den Meeren unerforschter Wahrheit und bei seiner Suche nach den fernen Küsten geistiger Realitäten, die vom fortschreitenden menschlichen Verstand entdeckt und von der sich entwickelnden menschlichen Seele erfahren werden können.

Und Jesus fuhr fort: „In Jerusalem haben die religiösen Führer die verschiedenen Glaubenssätze ihrer traditionellen Lehrer und einstigen Propheten als fest gefügtes System intellektueller Glaubensinhalte formuliert, als eine Religion der Autorität. Alle solchen Religionen wenden sich weitgehend an den Verstand. Und nun sind wir dabei, mit einer solchen Religion in tödlichen Konflikt zu geraten, denn wir werden binnen kurzem mit der unerschrockenen Verkündigung einer neuen Religion beginnen - einer Religion, die nicht eine Religion im heute gültigen Sinne des Wortes ist, einer Religion, die hauptsächlich an den göttlichen, dem menschlichen Verstand innewohnenden Geist meines Vaters appelliert: die Autorität dieser Religion leitet sich aus den Früchten ab, die sich mit großer Sicherheit in der persönlichen Erfahrung all derjenigen zeigen werden, die sie angenommen haben und wirklich und wahrhaftig an die Wahrheiten dieser höheren geistigen Gemeinschaft glauben.“

Jesus fuhr fort, sie in der Religion des Geistes zu unterweisen. Er sagte im Wesentlichen:

Ich habe euch aufgerufen, von neuem geboren zu werden, aus dem Geiste geboren zu werden. Ich habe euch aus der Finsternis der Autorität und aus der Lethargie der Tradition herausgerufen in das transzendente Licht der Verwirklichung der Möglichkeit, für euch selber die größte aller Entdeckungen zu machen, die einer menschlichen Seele zu machen gegeben ist - die himmlische Erfahrung, Gott für euch, in euch und durch euch selbst zu entdecken, und all das in eurer persönlichen Erfahrung als Tatsache zu erleben. Und so möget ihr aus dem Tod in das Leben hinüberwechseln, von der Autorität der Tradition zu der Erfahrung, Gott zu kennen; so werdet ihr von der Dunkelheit ins Licht treten, von einem ererbten Glauben der Rasse zu einem persönlichen Glauben kommen, der aus wirklicher Erfahrung wächst; und dabei werdet ihr von einer durch eure Stammväter überlieferten Theologie des Verstandes zu einer wahren Religion des Geistes fortschreiten, die sich in euren Seelen als ewiges Rüstzeug heranbilden wird.

Ich rate euch dringend, die Gewohnheit abzulegen, stets die Propheten von ehedem zu zitieren und das Lob der Helden Israels zu singen, und stattdessen danach zu streben, zu lebendigen Propheten des Allerhöchsten und zu geistigen Helden des kommenden Königreichs zu werden. Es mag wohl lohnend sein, die Führer der Vergangenheit, welche Gott kannten, zu verehren, aber warum solltet ihr darüber die erhabenste Erfahrung der menschlichen Existenz opfern: Gott für euch selber zu entdecken und ihn in eurer eigenen Seele zu kennen?

Vergesst nie, dass es nur noch ein beglückenderes und erregenderes Abenteuer gibt als den Versuch, den Willen des lebendigen Gottes herauszufinden, und das ist die wunderbare Erfahrung, ehrlich zu versuchen, diesen göttlichen Willen zu tun. Und vergesst nicht, dass Gottes Wille in jeder irdischen Beschäftigung getan werden kann. Es gibt nicht geheiligte und weltliche Berufe. Alle Dinge sind heilig im Leben derer, die vom Geist geführt werden, das heißt, die sich der Wahrheit unterordnen und sich durch Liebe veredeln lassen, die durch Barmherzigkeit gelenkt und durch Fairness - Gerechtigkeit - in Schranken gehalten werden. Der Geist, den mein Vater und ich in die Welt senden werden, ist nicht nur der Geist der Wahrheit, sondern auch der Geist der idealistischen Schönheit.

Ihr müsst aufhören, nach Gottes Wort nur auf den Seiten der alten Schriften theologischer Autorität zu suchen. Diejenigen, die aus dem Geiste Gottes geboren sind, werden fortan Gottes Wort erkennen, aus welcher Quelle es auch immer stammen mag. Göttliche Wahrheit muss nicht mit Vorbehalt aufgenommen werden, nur weil der Kanal ihrer Darbringung scheinbar menschlich ist. Viele eurer Brüder akzeptieren die Gottestheorie verstandesmäßig, während sie verfehlen, Gottes Gegenwart geistig wahrzunehmen. Und aus genau diesem Grunde habe ich euch so oft gelehrt, dass man das Königreich des Himmels am besten versteht, indem man die geistige Haltung eines unverdorbenen Kindes erwirbt. Ich empfehle euch nicht die verstandesmäßige Unreife eines Kindes, vielmehr die geistige Einfachheit eines solchen Kleinen, das leicht glaubt und voller Vertrauen ist. Es ist für euch weniger wichtig, Gott als Tatsache zu kennen, als zunehmend in der Fähigkeit zu wachsen, die Gegenwart Gottes zu spüren.

Wenn ihr einmal beginnt, Gott in eurer Seele zu finden, werdet ihr ihn bald auch in den Seelen anderer Menschen und schließlich auch in allen Geschöpfen und Schöpfungen eines mächtigen Universums entdecken. Aber welche Aussicht hat der Vater, als ein Gott höchster Treue und göttlicher Ideale in Menschenseelen zu erscheinen, die nur wenig oder gar keine Zeit auf die gedankenvolle Betrachtung solch ewiger Realitäten verwenden? Obwohl der Verstand nicht der Sitz der geistigen Natur ist, ist er in der Tat die Pforte dazu.

Aber macht nicht den Fehler, anderen Menschen beweisen zu wollen, dass ihr Gott gefunden habt; ihr könnt nicht bewusst einen gültigen Beweis dafür liefern, obwohl es zwei positive und mächtige Hinweise auf die Tatsache gibt, dass ihr Gott kennt, nämlich:

1. Die Früchte des Geistes Gottes, die sich in eurem täglichen gewohnten Leben zeigen.

2. Die Tatsache, dass euer ganzer Lebensplan eindeutig den Beweis liefert, dass ihr für das Abenteuer des Fortlebens nach dem Tode rückhaltlos alles, was ihr seid und besitzt, aufs Spiel gesetzt habt in der Verfolgung der Hoffnung, den Gott der Ewigkeit zu finden, von dessen Gegenwart ihr einen Vorgeschmack in der Zeit bekommen habt.

Am Freitagnachmittag, dem 10. Juni, kamen Jesus und seine Gefährten in der Umgebung von Sidon an und gingen dabei über eine Brücke, die erste, die viele von ihnen je gesehen hatten. Als sie sie überquerten, sagte Jesus unter anderem: „Diese Welt ist nur eine Brücke; man kann darüber gehen, aber man sollte nicht daran denken, ein Haus darauf zu bauen.“ Das war auch die Zeit, in der der Meister zum ersten Mal zu seinen Jüngern sagte: „Sollten auch Himmel und Erde vergehen, meine Worte der Wahrheit werden nicht vergehen.“

Das Thema der Unterweisungen Jesu während des Aufenthalts in Sidon war geistiger Fortschritt. Er sagte ihnen, sie könnten nicht stillstehen; sie müssten in Rechtschaffenheit vorwärts gehen, oder aber zurückfallen in Übel und Sünde. Er ermahnte sie, „zu vergessen, was der Vergangenheit angehört, während ihr energisch danach strebt, die größeren Realitäten des Königreichs zu erfassen“. Er bat sie inständig, sich nicht mit ihrem kindlichen Stadium im Evangelium zufrieden zu geben, sondern alles daranzusetzen, das volle Format göttlicher Sohnschaft in der Zwiesprache mit dem Geist und in der Bruderschaft der Gläubigen zu erreichen.

Jesus sagte: „Meine Jünger müssen nicht nur aufhören, Übles zu tun, sondern lernen, Gutes zu tun; ihr müsst nicht nur von aller bewussten Sünde rein sein, sondern ihr müsst euch auch weigern, irgendwelche Schuldgefühle zu hegen. Wenn ihr eure Sünden eingesteht, sind sie euch vergeben; deshalb sollt ihr euer Gewissen von begangenen Verfehlungen freihalten.“

Jesus hatte große Freude an dem ausgesprochenen Sinn für Humor, den die Heiden in Sidon an den Tag legten. Jesus bedauerte tief, dass sein Volk, die Juden, so sehr des Humors entbehrten. Er sagte einmal zu Thomas: „Meine Landsleute nehmen sich selbst zu wichtig. Sinn für Humor geht ihnen fast gänzlich ab. Die bedrückende Religion der Pharisäer hätte niemals in einem Volk mit Sinn für Humor entstehen können. Es fehlt ihnen auch an Konsequenz; sie seihen Mücken und verschlucken Kamele.“

In mancher Hinsicht würdigten diese nichtjüdischen Gläubigen die Lehren Jesu besser als die Juden. Diese Heiden hatten keine Angst vor Jesus; sie wagten, seine Botschaft anzunehmen. In den Zeitaltern danach waren die Menschen nicht unfähig, Jesus zu verstehen; aber sie hatten Angst davor.

Vom 11. bis zum 24. Juli lehrten Jesus und seine Jünger in Tyrus. Jesu begann seine Unterweisungen in Tyrus damit, dass er seinen Jüngern die Geschichte von der weißen Lilie erzählte, die ihr reines und schneeiges Haupt hoch aufgerichtet der Sonne entgegenhält, während ihre Wurzeln im Schlamm und Schmutz der dunklen Erde gründen. „Ebenso vermag der sterbliche Mensch“, sagte er, „während sein Ursprung und Wesen im tierischen Grund der menschlichen Natur wurzelt, seine geistige Natur kraft seines Glaubens in das Sonnenlicht der himmlischen Wahrheit zu erheben und tatsächlich die edlen Früchte des Geistes zu tragen.“

Im Laufe seiner Ermahnung, „gute Fundamente für das Wachstum eines edlen Charakters mit geistigen Gaben zu bauen“, sagte Jesus: „Um die Früchte des Geistes hervorzubringen, müsst ihr aus dem Geiste geboren sein. Ihr müsst vom Geist belehrt und vom Geist geführt werden, wenn ihr unter euren Mitmenschen ein geisterfülltes Dasein leben wollt.”

Am Abend desselben Tages fragte Nathanael Jesus: „Meister, warum beten wir, Gott möge uns nicht in Versuchung führen, obwohl wir durch deine Offenbarung des Vaters wohl wissen, dass der Vater niemals solche Dinge tut?“ Jesus bestätigte nochmals Nathanaels Aussage und führte dann das Thema Versuchungen weiter aus:

“Du weißt, dass die Menschen nur allzu oft unter dem Drang ihrer Selbstsucht und unter den Impulsen ihrer animalischen Natur in Versuchung geführt werden. Solltest du in dieser Weise versucht werden, so ermahne ich dich, derweilen du die Versuchung ehrlich und aufrichtig als das erkennst, was sie ist, die geistigen, mentalen und körperlichen Energien, die sich ausdrücken möchten, einsichtsvoll in höhere Kanäle und zu idealistischeren Zielen hinzulenken. Auf diese Weise kannst du deine Versuchungen in die höchsten Formen beflügelnden menschlichen Dienstes umwandeln und die vergeudenden und schwächenden Konflikte zwischen der animalischen und der geistigen Natur fast ganz vermeiden.”

„Aber ich möchte dich vor der Torheit warnen, Versuchungen durch das Bemühen überwinden zu wollen, mit bloßer menschlicher Willenskraft das eine Verlangen durch ein anderes, angeblich höher stehendes Verlangen zu verdrängen. Wenn du wirklich über die Versuchungen der geringeren und niedrigeren Natur triumphieren möchtest, musst du erst an jenen Punkt geistiger Überlegenheit gelangen, an dem du wirklich und wahrhaftig tatsächliches Interesse und Liebe für diese höheren und idealistischeren Formen der Lebensführung entwickelt hast, die dein Verstand an die Stelle der niedrigeren und weniger idealistischen Lebensgewohnheiten setzen möchte, welche du als Versuchungen erkennst. Auf diesem Weg wirst du durch geistige Wandlung erlöst werden, anstatt von der illusorischen Unterdrückung der menschlichen Begierden zunehmend belastet zu werden. Das Alte und Niedrigere wird in der Liebe zum Neuen und Höheren vergessen sein. Schönheit triumphiert immer über Hässlichkeit in den Herzen derer, die von der Liebe zur Wahrheit erleuchtet sind. Mächtig ist die eliminierende Energie einer neuen und aufrichtigen geistigen Liebe. Und noch einmal sage ich dir: Lass dich nicht vom Bösen überwältigen, sondern überwältige das Böse durch das Gute.“

Und Jesus lehrte seine Jünger noch vieles andere, bevor sie sich zur Abreise von Tyrus bereitmachten. Sinngemäß handelte es sich dabei unter anderem um Folgendes:

Ein enges und armseliges Leben ist euch beschieden, wenn ihr nur diejenigen lieben lernt, die euch lieben. Menschliche Liebe kann tatsächlich gegenseitig sein, aber göttliche Liebe ist bei all ihrem Suchen nach Befriedigung nach außen gerichtet. Je weniger Liebe in der Natur eines Geschöpfes, umso größer sein Bedarf an Liebe, und umso mehr trachtet die göttliche Liebe danach, diesen Bedarf zu befriedigen. Nie sucht die Liebe sich selbst, und sie kann sich nicht an sich selbst austeilen. Göttliche Liebe kann sich nicht auf sich selber beschränken; sie muss selbstlos verschenkt werden.

Wer an das Königreich glaubt, sollte mit bedingungslosem Glauben und von ganzer Seele auf den sicheren Triumph der Rechtschaffenheit vertrauen. Wer am Königreich baut, darf keinen Zweifel an der Wahrheit des Evangeliums vom ewigen Heil haben. Gläubige müssen immer mehr lernen, sich von der Hektik des Lebens zurückzuziehen - den Belästigungen der materiellen Existenz zu entrinnen - um durch anbetende Versenkung die Seele zu erfrischen, das Denken zu inspirieren und den Geist zu erneuern.

Menschen, die Gott kennen, lassen sich durch Missgeschick nicht entmutigen und durch Enttäuschungen nicht deprimieren. Gläubige sind immun gegen die durch rein materielle Umwälzungen verursachten Depressionen. Wer im Geiste lebt, wird durch die Ereignisse der materiellen Welt nicht aus dem Gleis geworfen. Anwärter auf das ewige Leben üben sich in einer kräftigenden und konstruktiven Methode, den Wechselfällen und Belästigungen des menschlichen Lebens zu begegnen. Mit jedem neuen Tag fällt es einem wahren gläubigen Menschen leichter, das Richtige zu tun.

Das Maß für die geistige Kapazität der sich entwickelnden Seele ist euer Glaube an die Wahrheit und eure Liebe zu den Menschen, aber das Maß für eure menschliche Charakterstärke ist eure Fähigkeit, dem Groll zu widerstehen und euch in tiefem Leid nicht dem Trübsinn zu überlassen. Niederlagen sind der wahre Spiegel, in dem ihr euer wahres Selbst aufrichtig betrachten könnt.

Als Jesus mit Andreas und Petrus eines Tages am See in der Nähe der Bootswerkstatt des Zebedäus wartete, kam ein Einnehmer der Tempelsteuer auf sie zu. Als er Jesus erkannte, nahm er Petrus beiseite und sagte: „Bezahlt dein Meister die Tempelsteuer nicht?“ Petrus’ erste Reaktion war, sich über das Ansinnen zu empören, von Jesus zu verlangen, zur Aufrechterhaltung der religiösen Aktivitäten seiner geschworenen Feinde beizusteuern, aber ein merkwürdiger Ausdruck im Gesicht des Steuereintreibers ließ ihn zu Recht vermuten, dass beabsichtigt war, sie bei der Weigerung zu ertappen, den üblichen halben Schekel zur Unterstützung der Tempeldienste in Jerusalem zu bezahlen. Also erwiderte Petrus: „Aber natürlich bezahlt der Meister die Tempelsteuer. Warte beim Tor, ich kehre sofort mit der Steuer zurück.“

Doch Petrus hatte voreilig gesprochen, denn Judas trug ihre Barmittel bei sich, und er befand sich auf der anderen Seeseite. Weder Petrus noch sein Bruder noch Jesus hatten Geld mitgenommen. Jesus gab Petrus Recht wegen der Tempelsteuer und sagte zu ihm: “Wir wollen diesen Leuten keinen Anlass geben, Anstoß an unserer Haltung zu nehmen. Wir werden hier auf dich warten, während du mit dem Boot hinausfährst und das Netz nach Fischen auswirfst. Und wenn du sie drüben am Markt verkauft hast, bezahle dem Einnehmer die Steuer für uns drei.“

Es ist nicht verwunderlich, dass es einen Bericht über Petrus gibt, wie er einen Fisch mit einem Schekel im Maul fing. In jenen Tagen kursierten viele Geschichten von Schätzen, die man in den Mäulern von Fischen gefunden hatte; solche ans Wunderbare grenzenden Erzählungen waren gang und gäbe. Denn als Petrus von ihnen weg zum Boot gegangen war, hatte Jesus halb im Scherz bemerkt: „Seltsam, dass die Königssöhne Tribut entrichten müssen; gewöhnlich besteuert man die Fremden für die Unterhaltskosten des Hofs; aber es ist unsere Pflicht, den Behörden keinen Stein des Anstoßes zu liefern. Geh nur! Vielleicht erwischst du den Fisch mit dem Schekel im Maul.“ Nachdem Jesus so gesprochen hatte und Petrus kurz darauf mit der Tempelsteuer erschienen war, überrascht es nicht, dass aus dieser Episode später das Wunder gemacht wurde, von dem der Verfasser des Matthäusevangeliums berichtet (Einheitsübersetzung: Mt 17,27: “Damit wir aber bei ihnen keinen Anstoß erregen, geh an den See, wirf die Angel aus und den ersten Fisch, den du heraufholst, nimm, öffne ihm das Maul und du wirst ein Vierdrachmenstück finden. Das gib ihnen als Steuer für mich und für dich.”).

Am Montag, dem 8. August, wurde im Zuge einer abendlichen Zusammenkunft mit Jesus Anhängern beschlossen, eine gemeinsame Mission in allen Städten und Dörfern der Dekapolis zu unternehmen. Der Meister nahm selber an der Vorbereitung der Mission in der Dekapolis teil, und er entließ die Versammelten unter anderem mit den Worten: “Das Ziel wahrer Religion ist nicht nur, Frieden zu bringen, sondern vielmehr, den Fortschritt zu sichern. Und es kann im Herzen keinen Frieden und im Denken keinen Fortschritt geben, solange ihr die Wahrheit, die Ideale der ewigen Realitäten, nicht von ganzem Herzen liebt. Die Kernfragen von Leben und Tod stehen vor euch - die sündhaften Vergnügungen der Zeit gegen die rechtschaffenen Realitäten der Ewigkeit. Schon jetzt, da ihr in ein neues Leben des Glaubens und der Hoffnung eintretet, solltet ihr beginnen, euch aus der Sklaverei der Furcht und des Zweifels zu befreien. Und wenn sich in eurer Seele das Verlangen regt, euren Mitmenschen zu helfen, dann erstickt es nicht; und wenn in eurem Herzen Gefühle der Liebe für euren Nächsten aufsteigen, dann gebt solch spontaner Zuneigung durch intelligentes Eingehen auf die wahren Bedürfnisse eurer Mitmenschen Ausdruck.“

Auf dem Weg nach nach Cäsarea-Philippi konfrontierte Jesus die Zwölf plötzlich mit der ersten ihn selber betreffenden Frage, die er je an sie gerichtet hatte. Er stellte ihnen überraschend die Frage: „Wer, sagen die Menschen, bin ich?” Es war dies eine der denkwürdigsten Besprechungen in Jesus langer Verbindung mit seinen berufenen Aposteln. Mehr als die Hälfte der Apostel nahm an der Beantwortung von Jesu Frage teil. Nachdem Jesus sich diesen Bericht angehört hatte, erhob er sich, schaute auf die im Halbkreis um ihn sitzenden Zwölf, und mit bestürzender Eindringlichkeit zeigte er mit einer weiten Armbewegung auf einen nach dem anderen und fragte: „Aber wer sagt ihr, dass ich bin?“ Ein Augenblick gespannter Stille trat ein, während dessen die Zwölf den Meister unverwandt anblickten. Dann sprang Simon Petrus auf und rief: „Du bist der Erlöser, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und die elf sitzenden Apostel erhoben sich alle einmütig und gaben dadurch zu verstehen, dass Petrus für sie alle gesprochen hatte.

Nachdem Jesus ihnen bedeutet hatte, sich wieder zu setzen, und noch vor ihnen stehend, sagte er: „Das hat euch mein Vater geoffenbart. Die Stunde ist gekommen, wo ihr die Wahrheit über mich wissen sollt. Aber vorläufig weise ich euch an, niemandem etwas davon zu sagen. Lasst uns weitergehen.“ Also machten sie sich wieder auf den Weg nach Cäsarea-Philippi, wo sie spät am Abend eintrafen und im Hause von Celsus, der sie erwartete, Halt machten. Die Apostel schliefen kaum in dieser Nacht; sie schienen zu fühlen, dass sich eben etwas Großes in ihrem Leben und in der Arbeit am Königreich ereignet hatte.

Drei Jahre lang hatte Jesus verkündet, er sei der „Menschensohn“, und während dieser drei Jahre hatten die Apostel immer beharrlicher darauf bestanden, dass er der erwartete jüdische Messias sei. Er enthüllte jetzt, dass er der Sohn Gottes war und entschied, das Königreich des Himmels auf der Vorstellung der Doppelnatur des Menschen- und Gottessohnes aufzubauen. Er hatte beschlossen, von weiteren Anstrengungen abzusehen, sie davon zu überzeugen, dass er nicht der Messias sei. Er gedachte jetzt, ihnen kühn zu offenbaren, was er ist, und ihre Entschlossenheit, ihn beharrlich für den Messias zu halten, nicht mehr zu beachten.

Jesus trat nun in die vierte und letzte Phase seines menschlichen irdischen Daseins ein. Die erste Phase waren die Jahre der Kindheit, als er sich nur dunkel seines Ursprungs, seiner Natur und seiner Bestimmung als menschliches Wesen bewusst war. Die zweite Phase waren die zunehmend selbstbewussten Jahre der Jugend und des fortschreitenden Mannesalters, während welcher er zu einem klareren Verständnis seiner göttlichen Natur und menschlichen Mission gelangte. Diese zweite Phase endete mit den Erfahrungen und Offenbarungen im Zusammenhang mit seiner Taufe. Die dritte Phase der irdischen Erfahrung des Meisters erstreckte sich von der Taufe über die Jahre seines Wirkens als Lehrer und Heiler bis zu der denkwürdigen Stunde des Bekenntnisses von Petrus in Cäsarea-Philippi. Diese dritte Periode seines Erdenlebens umfasste die Zeit, da seine Apostel und unmittelbaren Anhänger ihn als den Menschensohn kannten und ihn als den Messias betrachteten. Die vierte und letzte Phase seiner irdischen Laufbahn begann hier in Cäsarea-Philippi und währte bis zur Kreuzigung. Diese Periode seines Wirkens war von dem Bekenntnis zu seiner Göttlichkeit gekennzeichnet und umfasste die Werke seines letzten Jahres auf Erden. Während die Mehrzahl seiner Anhänger in ihm in dieser vierten Periode immer noch den Messias sah, kannten die Apostel ihn nun als Sohn Gottes.

Damit brachte Jesus durch sein Leben beispielhaft zum Ausdruck, was er in seiner Religion lehrte: das Wachstum der geistigen Natur durch die Methode lebendigen Fortschritts. Im Unterschied zu seinen späteren Anhängern legte er die Betonung nicht auf den unaufhörlichen Kampf zwischen Seele und Körper. Er lehrte vielmehr, dass der Geist leicht zum Sieger über beide werden und manchen dieser Kämpfe zwischen Intellekt und Instinkt wirksam und nutzbringend schlichten kann.

Da er aus Judäa war, empfand Judas es als persönliche Beleidigung, als Jesus die Apostel kurz zuvor warnte, „sich vor dem Sauerteig der Pharisäer in Acht zu nehmen“; er neigte dazu, diese Erklärung als eine verhüllte Anspielung auf sich selber anzusehen. Aber Judas’ großer Fehler war dieser: Immer wieder, wenn Jesus seine Apostel wegschickte, damit sie allein für sich beteten, gab Judas Regungen menschlicher Angst nach, anstatt mit den geistigen Kräften des Universums in aufrichtige Verbindung zu treten. Er unterhielt schleichende Zweifel an Jesu Sendung und gab seiner unglückseligen Neigung nach, Rachegefühle zu hegen.

Am frühen Montagmorgen, dem 15. August, sechs Tage nach dem denkwürdigen mittäglichen Bekenntnis von Petrus, begannen Jesus und drei Apostel mit der Besteigung des Berges Hermon - dem Berg der Verklärung. Da Jesus nicht alle seine Gefährten mitnehmen konnte, beschloss er, nur jene drei mitzunehmen, die es gewohnt waren, ihn in solchen durchwachten Nächten zu begleiten. Infolgedessen teilten lediglich Petrus, Jakobus und Johannes, wenn auch nur teilweise, dieses einmalige Erlebnis mit dem Meister.

Etwa um drei Uhr verließ Jesus die drei Apostel mit den Worten: „Ich will mich jetzt eine Weile zurückziehen, um mit meinem Vater und seinen Botschaftern zu sein. Ich bitte euch, hier auf meine Rückkehr zu warten und dafür zu beten, dass des Vaters Wille geschehe in allem, was ihr im Zusammenhang mit der weiteren Mission der Selbsthingabe des Menschensohnes erfahren werdet.“ Die drei hatten etwa eine halbe Stunde fest geschlafen, als sie plötzlich durch ein nahes Knistern aufgeweckt wurden; und als sie sich umschauten, erblickten sie Jesus sehr zu ihrer Verwunderung und Bestürzung in vertraulichem Gespräch mit zwei strahlenden Wesen, gekleidet in Lichtgewänder der himmlischen Welt.

Während sie wieder den Berg hinunter stiegen, sagte Jesus zu ihnen: „Ihr habt mich nicht als Menschensohn annehmen wollen; deshalb habe ich eingewilligt, von euch euren festen Vorstellungen entsprechend angenommen zu werden, aber täuscht euch nicht: Der Wille meines Vaters ist ausschlaggebend. Wenn ihr es also vorzieht, der Neigung eures eigenen Willens zu folgen, müsst ihr darauf gefasst sein, viele Enttäuschungen zu erleben und durch manche Prüfung zu gehen; aber die Schulung, die ich euch gegeben habe, sollte ausreichen, um euch siegreich auch durch dieses von euch selbst gewollte Leid zu tragen.“

Das, was Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung miterlebten, war nur ein flüchtiger Blick auf die sich an jenem ereignisreichen Tag auf dem Berg Hermon entfaltende himmlische Pracht.

Nachdem Jesus später zu allen Zwölfen gesprochen hatte, fügte er hinzu: “Und zum Abschluss der heutigen Erfahrungen lasst mich jedem von euch erklären, was ich auf dem Berg zu euren Brüdern gesprochen habe, und bewahrt diese Worte tief in euren Herzen: Der Menschensohn tritt nun in die letzte Phase seiner Selbsthingabe ein. Wir werden jetzt unmittelbar mit jenen Tätigkeiten beginnen, welche bald zu der großen und endgültigen Prüfung eures Glaubens und eurer Hingabe führen werden, wenn ich in die Hände der Menschen ausgeliefert werde, die mich vernichten wollen. Und merkt euch, was ich euch sage: Der Menschensohn wird getötet werden, aber er wird wieder auferstehen.“

Sie zogen sich kummervoll für die Nacht zurück. Sie waren bestürzt; sie konnten diese Worte nicht verstehen. Sie hatten Angst, zu dem, was er gesagt hatte, irgendeine Frage zu stellen, aber nach seiner Auferstehung erinnerten sie sich an alles.

Als Jesus und die Zwölf am 18. August im Hain von Magadan eintrafen, erwartete sie eine fast hundertköpfige Evangelisten- und Jüngerschar einschließlich des Frauenkorps, und sie waren bereit, sofort die Lehr- und Predigtreise durch die Städte der Dekapolis anzutreten. Jesus bestimmte, dass sich jeder Apostel mit einem der zwölf Evangelisten zusammentun sollte, um sich dann mit weiteren Evangelisten in zwölf Gruppen zur Arbeit in die Städte und Dörfer der Dekapolis aufzumachen. Das Frauenkorps und andere Jünger wies er an, bei ihm zu bleiben.

In Beantwortung der Frage eines Jüngers lehrte Jesus eines Abends über die Vergebung. Der Meister sagte:

„Wenn ein gutherziger Mann hundert Schafe besitzt und sich eines von ihnen verirrt, verlässt er dann nicht sofort die neunundneunzig und macht sich auf die Suche nach dem einen, das sich verlaufen hat? Und wenn er ein guter Hirte ist, wird er dann nicht so lange nach seinem verlorenen Schaf suchen, bis er es findet? Und wenn der Hirte sein verlorenes Schaf gefunden hat, legt er es über seine Schulter und kehrt freudig nach Hause zurück und ruft Freunden und Nachbarn zu: ‚Freut euch mit mir, denn ich habe mein verlorenes Schaf wieder gefunden.‘ Ich erkläre, dass im Himmel mehr Freude herrscht über einen einzigen reuigen Sünder als über neunundneunzig rechtschaffene Personen, die nichts zu bereuen haben. Desgleichen ist es nicht meines himmlischen Vaters Wille, dass eines dieser Kleinen auf Abwege gerate, und noch viel weniger, dass es umkomme. In eurer Religion mag Gott reuige Sünder annehmen; im Evangelium vom Königreich geht der Vater auf die Suche nach ihnen, noch bevor sie ernsthaft an Reue gedacht haben.”

Und Jesus sagte unter anderem die berühmten Worte: “Und all das ist auf ewig wahr, denn wo zwei oder drei Gläubige zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.”

Jesus zeigte auch die Gefahren auf und veranschaulichte die Ungerechtigkeit, über seine Mitmenschen persönlich zu Gericht zu sitzen. Disziplin muss aufrechterhalten und Recht muss gesprochen werden, aber in all diesen Angelegenheiten sollte die Weisheit der Bruderschaft ausschlaggebend sein. Jesus übertrug die gesetzgeberische und gerichtliche Vollmacht der Gruppe, und nicht dem Individuum. Aber auch diese auf die Gruppe übertragene Autorität darf nicht als persönliche Autorität ausgeübt werden. Es besteht immer die Gefahr, dass Vorurteil oder Leidenschaft das Urteil eines Einzelnen beeinflussen und verzerren. Ein Gruppenurteil macht es wahrscheinlicher, dass die Gefahren und Ungerechtigkeiten persönlicher Befangenheit ausgeschaltet werden. Jesus ging es immer darum, die Faktoren Ungerechtigkeit, Vergeltung und Rache auf ein Minimum zu beschränken.

Auf eine Frage des Johannes antwortete Jesus: “Mein Sohn, in solchen Angelegenheiten solltest du dir eher überlegen, dass wer nicht gegen uns ist, für uns ist. In den kommenden Generationen werden viele nicht ganz ehrenwerte Menschen in meinem Namen viele seltsame Dinge tun, aber ich werde es ihnen nicht verbieten. Ich sage dir, sogar wenn einer durstigen Seele eine Schale kalten Wassers gereicht wird, vermerken die Boten des Vaters immer einen solchen Liebesdienst.“

Diese Belehrung verwirrte Johannes sehr. Hatte er den Meister nicht sagen hören: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich?“ Er begriff nicht, dass Jesus damals auf des Menschen persönliche Beziehung zu den geistigen Lehren vom Königreich angespielt hatte, während er diesmal die äußeren, weit verzweigten Beziehungen der Gläubigen untereinander meinte, soweit es um Fragen administrativer Kontrolle ging und um die Zuständigkeit einer Gruppe von Gläubigen für die Arbeit von anderen Gruppen, die schließlich alle die bevorstehende, weltweite Bruderschaft bilden würden.

In Edrei, wo Thomas und seine Gefährten wirkten, legte Jesus in der abendlichen Diskussion die Prinzipien dar, die die Prediger der Wahrheit leiten und all jene aktivieren sollten, die das Evangelium vom Königreich lehren. Zusammengefasst und in moderne Ausdrucksweise übertragen, lehrte Jesus Folgendes :

Respektiert immer die Persönlichkeit des Menschen. Nie sollte eine gerechte Sache mit Gewalt vorangetrieben werden; geistige Siege können nur durch geistige Macht errungen werden. Dieses ausdrückliche Verbot der Anwendung materieller Beeinflussungen betrifft sowohl psychische wie physische Kraft. Man darf weder überwältigende Argumente noch intellektuelle Überlegenheit einsetzen, um Männer und Frauen ins Königreich hineinzuzwingen. Der Verstand des Menschen soll nicht durch das bloße Gewicht der Logik erdrückt oder durch scharfsinnige Beredsamkeit überwältigt werden. Emotion kann als Faktor bei menschlichen Entscheidungen nicht ganz ausgeschaltet werden, aber diejenigen, welche die Sache des Königreichs fördern wollen, sollten sich in ihrer Unterweisung nie direkt an sie wenden. Appelliert direkt an den göttlichen Geist, der im Verstand der Menschen wohnt. Appelliert nicht an Furcht, Mitleid oder nur an das Gefühl. Seid fair in eurem Appell an die Menschen; übt Selbstbeherrschung und legt angemessene Zurückhaltung an den Tag; zeigt gebührenden Respekt vor der Persönlichkeit eurer Schüler. Erinnert euch, dass ich gesagt habe: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an, und wenn jemand mir öffnen will, werde ich hereinkommen.“

Wenn ihr Menschen ins Königreich führt, dann mindert oder zerstört nicht ihre Selbstachtung. Während ein Zuviel an Selbstachtung angemessene Demut zerstören und in Stolz, Dünkel und Arroganz ausarten kann, endet ein Verlust der Selbstachtung oft mit der Lähmung des Willens. Ziel dieses Evangeliums ist es, die Selbstachtung in jenen wiederherzustellen, die sie verloren haben, und sie in jenen zu dämpfen, die sie besitzen. Macht nicht den Fehler, nur das Unrecht im Leben eurer Schüler zu verurteilen; denkt auch daran, den lobenswertesten Dingen in ihrem Leben großzügig Anerkennung zu zollen. Vergesst nicht, dass nichts mich aufhalten kann, die Selbstachtung derer wiederherzustellen, die sie verloren haben und wirklich wünschen, sie wiederzuerlangen.

Seht zu, dass ihr schüchterne und ängstliche Seelen in ihrer Selbstachtung nicht verletzt. Lasst euch nicht zu Sarkasmen auf Kosten meiner einfachen Brüder verleiten. Seid nicht zynisch gegen meine verängstigten Kinder. Müßiggang zerstört die Selbstachtung; ermahnt deshalb eure Brüder, immer ihren gewählten Tätigkeiten nachzugehen, und scheut keine Anstrengung, um denen, die ohne Beschäftigung sind, zu Arbeit zu verhelfen.

Macht euch nie solch unwürdiger Taktiken wie des Versuchs schuldig, Männer und Frauen Schrecken einzujagen, um sie ins Königreich zu treiben. Ein liebender Vater erschreckt seine Kinder nicht, damit sie seinen gerechten Forderungen nachkommen.

Manchmal werden sich die Kinder des Königreichs bewusst, dass starke Gefühlsregungen nicht dasselbe sind wie die Führung durch den göttlichen Geist. Der heftige und seltsame Drang, etwas zu tun oder sich an einen bestimmten Ort zu begeben, bedeutet nicht notwendigerweise, dass solche Impulse Weisungen des innewohnenden Geistes sind.

Macht alle Gläubigen im Voraus auf die Konfliktzone aufmerksam, die all jene durchschreiten müssen, die vom im Fleisch gelebten Leben zum höheren, im Geist gelebten Leben übergehen. Für diejenigen, die ganz und gar in einem der beiden Bereiche leben, gibt es kaum Konflikte und Verwirrung, aber während der Übergangszeit zwischen den beiden Daseinsebenen sind alle dazu verurteilt, eine mehr oder weniger große Ungewissheit durchzumachen. Wenn ihr in das Königreich eintretet, könnt ihr seinen Verantwortungen nicht entgehen oder seinen Verpflichtungen ausweichen. Aber denkt daran: Das Joch des Evangeliums ist leicht und die Bürde der Wahrheit drückt nicht.

Die Welt ist voll hungriger Seelen, die selbst in Gegenwart des Brotes des Lebens hungern; die Menschen sterben auf der Suche nach ebendem Gott, der in ihnen selber lebt. Die Menschen suchen mit sehnsuchtsvollem Herzen und müden Füßen nach den Schätzen des Königreichs, die doch dem lebendigen Glauben unmittelbar zugänglich sind. Der Glaube ist der Religion, was die Segel dem Schiff; er ist eine zusätzliche Kraft, nicht eine zusätzliche Lebensbürde. Für diejenigen, die das Königreich betreten, gibt es nur einen Kampf: Sie müssen den guten Kampf des Glaubens kämpfen. Der Glaubende hat nur eine Schlacht zu liefern, nämlich gegen den Zweifel - den Unglauben.

Wenn ihr das Evangelium vom Königreich predigt, lehrt ihr ganz einfach die Freundschaft mit Gott. Und diese Gemeinschaft wird auf Männer und Frauen die gleiche Anziehungskraft ausüben, weil beide darin finden werden, was ihre typischen Sehnsüchte und Ideale im wahrsten Sinne befriedigt. Sagt meinen Kindern, dass mich ihre Gefühle bewegen und ich mit ihren Schwächen Geduld habe, dass ich aber auch ohne Nachsicht gegenüber Sünde bin und Frevelhaftigkeit nicht dulde. Ich bin freilich sanft und demütig in Gegenwart meines Vaters, aber ich bin ebenso schonungslos und unerbittlich gegenüber vorsätzlichen Missetaten und sündiger Auflehnung gegen den Willen meines Vaters im Himmel.

Ihr sollt euren Lehrer nicht als einen Schmerzensmann darstellen. Künftige Generationen werden auch das Strahlende unserer Freude, die belebende Wirkung unseres guten Willens und die Inspiration unseres fröhlichen Wesens kennen lernen. Wir verkünden eine Botschaft guter Nachrichten, die durch ihre verwandelnde Kraft ansteckend wirkt. Unsere Religion pulsiert vor neuem Leben und neuen Bedeutungen. Wer diese Lehre annimmt, wird mit Freude erfüllt und im Grunde seines Herzens gezwungen, sich ewig zu freuen. Zunehmendes Glücksgefühl ist stets die Erfahrung aller, die Gewissheit über Gott haben.

Lehrt alle Gläubigen, sich davor zu hüten, sich auf den unsicheren Halt falschen Mitleids zu verlassen. Wer sich dem Selbstmitleid überlässt, kann keinen starken Charakter entwickeln. Gebt euch ehrlich Mühe, den trügerischen Einfluss einer Brüderlichkeit zu meiden, die nur auf Elend anspricht. Bezieht auch die Tapferen und Mutigen in euer Mitgefühl ein, aber versagt jenen feigen Seelen allzu viel Mitleid, die sich den Herausforderungen des Lebens nur halbherzig stellen. Schenkt denen keinen Trost, die angesichts ihrer Schwierigkeiten kampflos aufgeben. Bringt euren Mitmenschen nicht bloß Sympathie entgegen, damit sie euch ihrerseits wiederum Sympathie bezeigen.

Wenn sich meine Kinder einmal mit Sicherheit der göttlichen Gegenwart bewusst werden, wird dieses Vertrauen den Verstand weiten, die Seele adeln, die Persönlichkeit stärken, die Zufriedenheit steigern, die geistige Schau vertiefen und die Kraft, zu lieben und geliebt zu werden, vergrößern.

Lehrt alle Gläubigen, dass, wer ins Königreich eintritt, dadurch nicht vor den Missgeschicken der Zeit oder vor gewöhnlichen Naturkatastrophen bewahrt wird. Der Glaube an das Evangelium wird nicht verhindern, in Schwierigkeiten zu geraten, aber er wird sicherstellen, dass ihr unerschrocken sein werdet, wenn Schwierigkeiten euch überraschen. So ihr es wagt, an mich zu glauben und mir weiter vorbehaltlos nachzufolgen, werdet ihr euch dadurch mit größter Bestimmtheit auf den sicheren Weg zu Schwierigkeiten begeben. Ich verspreche euch nicht, euch aus den Fluten des Unglücks zu ziehen, aber ich verspreche euch, mit euch durch sie hindurchzugehen.

Und noch vieles mehr lehrte Jesus die Schar der Gläubigen, bevor sie sich zur Nachtruhe begaben. Und diejenigen, die seine Worte gehört hatten, bewahrten sie in ihren Herzen und erzählten sie oft zur Erbauung jener Apostel und Jünger, die abwesend waren, als sie gesprochen wurden.

Und dann begab sich Jesus nach Abila, wo Nathanael mit seinen Gefährten arbeitete. Nathanael war stark beunruhigt durch gewisse Äußerungen Jesu, die die Autorität der anerkannten hebräischen Schriften anzutasten schienen. Auf die Frage nach der Wahrheit über die Schriften seines bedrängten Apostels antwortete Jesus:

„Nathanael, du hast richtig geurteilt; ich sehe die Schriften nicht so wie die Rabbiner. Ich will gerne mit dir über diese Frage reden unter der Bedingung, dass du deinen Brüdern nichts darüber mitteilst; denn nicht alle von ihnen sind bereit, eine solche Betrachtungsweise anzunehmen. Die Worte des Gesetzes von Moses und die Lehren der Schriften existierten nicht vor Abraham. Erst in jüngster Vergangenheit sind die Schriften in ihrer heutigen Form zusammengestellt worden. Sie enthalten zwar das Beste der höheren Gedanken und Sehnsüchte des jüdischen Volkes, aber sie enthalten auch vieles, was weit davon entfernt ist, für den Charakter und die Lehren des himmlischen Vaters repräsentativ zu sein; deshalb muss ich aus den besseren Lehren jene Wahrheiten auswählen, die sich für das Evangelium vom Königreich eignen.”

„Die Schriften sind das Werk von Menschen, von denen einige heilig, andere weniger heilig waren. Die Lehren dieser Bücher repräsentieren die Ansichten und den Grad der Aufgeklärtheit der Zeit, in der sie entstanden sind. Als eine Offenbarung der Wahrheit sind die letzten verlässlicher als die ersten. Die Schriften sind fehlerhaft und haben einen gänzlich menschlichen Ursprung, aber täusche dich nicht: sie bilden die beste Sammlung religiöser Weisheit und geistiger Wahrheit, die man gegenwärtig auf der ganzen Welt finden kann.”

„Viele dieser Bücher sind nicht von den Personen geschrieben worden, deren Namen sie tragen, aber das tut dem Wert der Wahrheiten, die sie enthalten, keinen Abbruch. Wenn die Geschichte Jonas nicht auf Tatsachen beruhen sollte, und selbst wenn Jona nie gelebt hätte, wäre doch die tiefe Wahrheit dieser Geschichte, die Liebe Gottes zu Ninive und den so genannten Heiden, in den Augen derer, die ihre Mitmenschen lieben, nicht weniger kostbar. Die Schriften sind heilig, weil sie Gedanken und Handlungen von Menschen wiedergeben, die auf der Suche nach Gott waren, und die in diesen Aufzeichnungen ihre höchsten Vorstellungen von Rechtschaffenheit, Wahrheit und Heiligkeit festgehalten haben. Die Schriften enthalten viel, sehr viel Wahres, aber du weißt, dass sie im Lichte deiner jetzigen Unterweisung auch vieles enthalten, was ein falsches Bild vom Vater im Himmel gibt, dem liebenden Gott, den allen Welten zu offenbaren ich gekommen bin.”

„Nathanael, erlaube dir nie auch nur für einen Augenblick, den Berichten der Schriften Glauben zu schenken, welche dir sagen, dass der Gott der Liebe eure Vorväter anwies, sich in den Kampf zu stürzen, um alle ihre Feinde — Männer, Frauen und Kinder — zu ermorden. Solche Aufzeichnungen sind Worte von Menschen, von nicht sehr heiligen Menschen, und sie sind nicht Gottes Wort. Die Schriften haben stets die intellektuelle, sittliche und geistige Stufe ihrer Verfasser widergespiegelt und werden es immer tun. Hast du nicht bemerkt, dass die Vorstellung von Jahve in den Aufzeichnungen der Propheten von Samuel bis Jesaja stetig an Schönheit und Herrlichkeit gewinnt? Und du solltest dich daran erinnern, dass die Schriften als religiöse Belehrung und geistige Führung gedacht sind. Sie sind weder das Werk von Historikern noch von Philosophen.”

„Das Betrüblichste ist nicht einmal diese irrige Idee von der absoluten Vollkommenheit dessen, was die Schriften berichten, und von der Unfehlbarkeit ihrer Lehren, sondern vielmehr die verwirrende Falschinterpretation dieser geheiligten Schriften durch die sklavisch der Tradition gehorchenden Schriftgelehrten und Pharisäer in Jerusalem. Und nun wollen sie sowohl die Lehre von der göttlichen Inspiration der Schriften als auch ihre falsche Auslegung derselben für ihren entschlossenen Widerstand gegen diese neueren Lehren des Evangeliums vom Königreich verwenden. Vergiss nie, Nathanael, dass der Vater die Offenbarung der Wahrheit nicht auf eine Generation oder auf irgendein Volk beschränkt. Viele ernsthafte Wahrheitssucher sind durch diese Lehre von der Vollkommenheit der Schriften verwirrt und entmutigt worden, und werden es auch in Zukunft sein.”

„Die Autorität der Wahrheit liegt im Geist selber, der seinen lebendigen Erscheinungsformen innewohnt, und nicht in den toten Worten der weniger erleuchteten und angeblich inspirierten Menschen einer früheren Generation. Und selbst wenn diese heiligen Menschen von einst ein inspiriertes und geisterfülltes Dasein lebten, muss das nicht bedeuten, dass ihre Worte ebenso sehr vom Geist inspiriert waren. Wir halten heute die Lehren des Evangeliums vom Königreich nicht schriftlich fest, damit ihr euch nach meinem Fortgang nicht sofort in Einzelgruppen aufspaltet, die sich über die Wahrheit streiten, weil ihr meine Lehren verschieden auslegt. Für diese Generation ist es am besten, dass wir die Wahrheiten leben und Aufzeichnungen vermeiden.”

„Merke dir meine Worte gut, Nathanael! Nichts, woran menschliche Natur gerührt hat, kann als unfehlbar betrachtet werden. Göttliche Wahrheit kann in der Tat durch den Verstand des Menschen hindurch scheinen, aber immer nur in relativer Reinheit und teilweiser Göttlichkeit. Das Geschöpf kann Unfehlbarkeit ersehnen, aber nur die Schöpfer besitzen sie.”

„Aber der größte Irrtum in der Lehre über die Schriften besteht in der Auffassung, sie seien versiegelte Mysterien- und Weisheitsbücher, deren Auslegung nur die weisen Köpfe der Nation wagen dürften. Die Offenbarungen göttlicher Wahrheit sind nicht versiegelt, es sei denn durch menschliche Unwissenheit, Frömmelei und engstirnige Intoleranz. Das Licht der Schriften wird einzig durch Vorurteile getrübt und durch Aberglauben verdunkelt. Falsche Ehrfurcht vor dem Heiligen hat der Religion den Schutz durch den gesunden Menschenverstand genommen. Die Furcht vor der Autorität der geheiligten Schriften der Vergangenheit verhindert die aufrichtigen Seelen von heute wirksam daran, das neue Licht des Evangeliums anzunehmen, gerade das Licht, das diese Gott kennenden Menschen früherer Generationen so sehnlichst schauen wollten.”

„Aber das Traurigste an alledem ist die Tatsache, dass einige von den Lehrern, die den Traditionalismus als heilig betrachten, diese Wahrheit sehr wohl kennen. Sie verstehen diese Begrenzungen der Schrift mehr oder weniger gut, aber sie sind moralisch feige und intellektuell unehrlich. Sie kennen die Wahrheit über die heiligen Schriften, aber sie ziehen es vor, dem Volk derart störende Tatsachen zu verschweigen. Und auf diese Weise pervertieren und verdrehen sie die Schriften und machen aus ihnen einen Leitfaden für sklavisch zu befolgende Einzelheiten des täglichen Lebens und eine Autorität auf nichtgeistigem Gebiet, anstatt sich auf die heiligen Bücher als einen Hort sittlicher Weisheit, religiöser Inspiration und geistiger Unterweisung von Gott kennenden Menschen früherer Generationen zu berufen.“

Die Äußerungen des Meisters klärten Nathanael auf; zugleich schockierten sie ihn. Er sann in der Tiefe seiner Seele lange über diese Worte nach, aber er erzählte niemandem von dieser Besprechung bis nach Jesu Himmelfahrt; und auch dann noch fürchtete er, die Ausführungen des Meisters in ihrer Gesamtheit mitzuteilen.

In Philadelphia, wo Jakobus arbeitete, belehrte Jesus die Jünger über die positive Natur des Evangeliums vom Königreich. Als er im Laufe seiner Ausführungen die Andeutung machte, dass gewisse Schriftstellen mehr Wahrheit enthielten als andere, und seine Hörer ermahnte, ihren Seelen nur die beste geistige Nahrung zu geben, unterbrach Jakobus den Meister mit der Frage: „Wärest du so gut, Meister, uns einen Vorschlag zu machen, wie wir die besseren Schriftstellen für unsere persönliche Erbauung auswählen sollen?“ Und Jesus antwortete: „Ja, Jakobus, wenn du die Schriften liest, suche nach ewig wahren und göttlich schönen Unterweisungen wie diesen:”

„Schaffe in mir ein reines Herz, oh Herr.”

„Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.”

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.”

„Denn ich, der Herr dein Gott, werde deine rechte Hand halten und zu dir sagen: Fürchte dich nicht; ich werde dir helfen.”

„Nie wieder sollen die Nationen das Kriegshandwerk erlernen.“

Dies ist bezeichnend für die Art und Weise, wie Jesus Tag für Tag das Erlesenste aus den hebräischen Schriften für den Unterricht seiner Jünger und zur Aufnahme in die Lehren des neuen Evangeliums vom Königreich heranzog. Andere Religionen hatten den Gedanken geäußert, dass Gott dem Menschen nahe sei, aber Jesus setzte die Sorge Gottes um den Menschen der Besorgtheit eines liebenden Vaters um das Wohlergehen seiner von ihm abhängigen Kinder gleich und machte diese Lehre dann zum Eckstein seiner Religion. Und so folgte aus dieser Lehre von der Vaterschaft Gottes zwingend die Praxis der Brüderlichkeit unter den Menschen. Die Anbetung Gottes und der Dienst an den Menschen wurden zum Kern seiner Religion. Jesus entnahm der jüdischen Religion das Beste und übertrug es in den würdigen Rahmen der neuen Lehren des Evangeliums vom Königreich.

Jesus brachte in die passiven Lehren der jüdischen Religion den Geist positiver Aktion ein. Anstelle negativer Befolgung zeremonieller Vorschriften machte Jesus die positive Ausführung dessen zur Pflicht, was die neue Religion von denen verlangte, die sie annahmen. Jesu Religion bestand nicht nur darin, zu glauben, was das Evangelium verlangte, sondern es auch wirklich zu tun. Er lehrte nicht, dass das Wesentliche seiner Religion im sozialen Dienen liege, sondern, dass dieses sich unter anderem bei denen mit Sicherheit einstelle, die den Geist wahrer Religion besitzen.

Jesus zögerte nicht, sich die bessere Hälfte einer Schriftstelle anzueignen und den unbedeutenderen Teil derselben zu verwerfen. Seine große Aufforderung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ entnahm er der Schriftstelle, die lautet: „Du sollst dich nicht an den Kindern deines Volkes rächen, sondern deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Jesus eignete sich den positiven Teil der Schriftstelle an und verwarf den negativen. Er war auch ein Gegner von negativer oder rein passiver Widerstandslosigkeit. Er sagte: „Wenn ein Feind dich auf die eine Wange schlägt, stehe nicht stumm und passiv da, sondern halte ihm in positiver Haltung die andere hin; das heißt, tue das Bestmögliche, um deinen irrenden Bruder aktiv von den schlechten Pfaden abzubringen und auf die besseren Wege rechtschaffenen Lebens zu führen.“ Jesus forderte von seinen Anhängern, positiv und energisch auf jede Lebenssituation zu reagieren. Die andere Wange hinzuhalten oder irgendetwas zu tun, wofür diese Handlung typisch ist, verlangt Initiative und bedingt, dass sich die Persönlichkeit des Gläubigen kraftvoll, aktiv und mutig ausdrückt.

Jesus befürwortete nicht, sich auf negative Weise Demütigungen von Leuten zu unterwerfen, die mit Absicht jene zu missbrauchen versuchen, die sich in der Widerstandslosigkeit gegen das Böse üben; vielmehr sollten seine Anhänger weise und aufgeweckt sein, um auf Böses rasch und positiv mit Gutem zu reagieren, um Böses erfolgreich durch Gutes zu überwinden. Das wahrhaft Gute ist ausnahmslos mächtiger ist als das tückischste Böse. Der Meister lehrte einen positiven Maßstab von Rechtschaffenheit: „Wer immer mein Jünger zu sein wünscht, achte sich selber gering, und komme voll und ganz den Verantwortlichkeiten nach, die sich daraus ergeben, mir täglich zu folgen.“ Und er lebte selber danach, indem „er umherging und Gutes tat“. Und diesen Aspekt des Evangeliums veranschaulichten viele Gleichnisse, die er später seinen Anhängern erzählte. Er forderte sie nie auf, ihre Verpflichtungen geduldig zu ertragen, sondern ihrer menschlichen Verantwortung und ihren göttlichen Privilegien im Königreich Gottes mit Energie und Begeisterung voll gerecht zu werden.

Wenn Jesus seine Apostel lehrte, jemandem, der ihnen ungerechterweise einen Mantel wegnahm, noch ein weiteres Kleidungsstück zu geben, meinte er weniger einen wirklichen zweiten Mantel, als die Idee, etwas Positives zu tun, um den Übeltäter zu retten, anstelle des alten Rates zurückzuschlagen - „Auge um Auge“ und so fort. Jesus verabscheute die Idee der Vergeltung ebenso sehr wie Bereitschaft, nur zu einem passiven Dulder oder Opfer der Ungerechtigkeit zu werden. Bei dieser Gelegenheit unterwies er sie in den drei Möglichkeiten, das Böse zu bekämpfen und ihm zu widerstehen:
  1. Böses mit Bösem zu vergelten - die positive, aber nicht rechtschaffene Methode.

  2. Böses klaglos und widerstandslos zu ertragen - die rein negative Methode.

  3. Böses mit Gutem zu vergelten, die Bekundung des Willens, Meister der Situation zu werden, die Überwindung des Bösen durch das Gute - die positive und rechtschaffene Methode.
Einer der Apostel fragte einmal: „Meister, was sollte ich tun, wenn mich ein Fremder dazu zwänge, sein Gepäck eine Meile weit zu tragen?“ Jesus antwortete: „Setz dich nicht hin und seufze nach Erleichterung, während du den Fremden heimlich verwünschst. Rechtschaffenheit erwächst nicht aus einer derart passiven Haltung. Wenn dir nichts Wirksameres und Positiveres zu tun einfällt, kannst du den Packen wenigstens eine zweite Meile weit tragen. Das wird den ungerechten und gottlosen Fremden mit Sicherheit herausfordern.“

Die Juden hatten von einem Gott gehört, der reuigen Sündern vergab und ihre Missetaten zu vergessen suchte, aber bevor Jesus kam, hatten die Menschen nie von einem Gott gehört, der auf die Suche nach verlorenen Schafen ging, der die Initiative zur Suche nach Sündern ergriff und sich freute, wenn er sie willig fand, ins Vaterhaus zurückzukehren. Diese positive Note der Religion weitete Jesus auch auf seine Gebete aus. Und er verwandelte die negative goldene Regel in eine positive Aufforderung zu menschlicher Fairness.

In all seinem Lehren vermied Jesus stets ablenkende Einzelheiten, blumige Redeweise sowie eine mit Worten spielende rein poetische Bildersprache. Kleinen Ausdrücken legte er gewöhnlich große Bedeutungen bei. Zum Zweck der Veranschaulichung änderte Jesus die gebräuchlichen Bedeutungen vieler Ausdrücke wie Salz, Sauerteig, Fischfang, kleine Kinder. Er gebrauchte die Antithese sehr wirksam, indem er das Winzige dem Unendlichen usw. gegenüberstellte. Seine Bilder waren frappierend wie zum Beispiel „die Blinden, welche Blinde führen“. Aber die größte Stärke seiner bildhaften Unterrichtsweise war ihre Natürlichkeit. Jesus brachte die Philosophie der Religion vom Himmel auf die Erde herunter. Er stellte die elementaren Bedürfnisse der Seele mit neuer Einsicht und mit sich neu hingebender Liebe dar.

Nach der vierwöchigen Mission in der Dekapolis versammelte sich das ganze Mitarbeiterkorps am Freitag, dem 16. September, wie zuvor verabredet, wieder im Hain von Magadan. Jesus und seine Mitarbeiter schickten sich nun an, eine Woche lang auszuruhen, bevor sie den letzten Abschnitt ihrer Anstrengungen für das Königreich in Angriff nahmen.

Am Sonntag, dem 25. September 29, versammelten sich die Apostel und Evangelisten in Magadan. Jesus überraschte alle mit der Mitteilung, dass er und die zwölf Apostel am nächsten Morgen in der Frühe nach Jerusalem aufbrechen würden, um dort am Laubhüttenfest teilzunehmen.

Jesus und die Zwölf blieben bis Ende des folgenden Monats (Oktober), ungefähr viereinhalb Wochen lang, in der Nachbarschaft Jerusalems. Jesus selber begab sich nur ein paar Mal in die Stadt, und diese kurzen Besuche machte er während des Laubhüttenfestes.

Lange vor ihrer Flucht aus Galiläa hatten Jesu Jünger ihn inständig gebeten, zur Verkündigung des Evangeliums vom Königreich nach Jerusalem zu gehen, damit seine Botschaft mit dem Prestige ausgestattet würde, am Zentrum jüdischer Kultur und Bildung verkündigt worden zu sein; aber jetzt, da er tatsächlich nach Jerusalem gekommen war, um zu lehren, fürchteten sie für sein Leben. Da die Apostel wussten, dass der Sanhedrin versucht hatte, Jesus nach Jerusalem vor Gericht zu bringen, und sie sich an die kürzlichen, wiederholten Äußerungen des Meisters erinnerten, er müsse den Tod erleiden, waren sie bei seinem plötzlichen Entschluss, dem Laubhüttenfest beizuwohnen, buchstäblich vom Blitz getroffen. Auf alle ihre früheren Bitten, nach Jerusalem zu gehen, hatte er stets zur Antwort gegeben: „Die Stunde ist noch nicht gekommen.“ Nun antwortete er auf ihre ängstlichen Proteste hin nur: „Aber die Stunde ist gekommen.“

Es gab viele Gründe, die es Jesus ermöglichten, während der Festtage in den Tempelhöfen öffentlich zu predigen, aber der wichtigste war die Furcht, die die Amtsträger des Sanhedrins infolge der heimlichen gefühlsmäßigen Spaltung in den eigenen Reihen überkommen hatte. Es war eine Tatsache, dass viele Mitglieder des Sanhedrins entweder heimlich an Jesus glaubten oder aus anderen Gründen einer Verhaftung während des Festes entschieden abgeneigt waren, da eine so große Zahl von Menschen sich in Jerusalem aufhielt, von denen viele an ihn glaubten oder wenigstens die geistige Bewegung, die er anführte, mit Wohlwollen betrachteten.

Die verwegene Kühnheit von Jesu öffentlichem Auftreten in Jerusalem schüchterte seine Feinde ein; sie waren auf solch eine wagemutige Herausforderung nicht gefasst. Während dieses Monats unternahm der Sanhedrin mehrere Male schwache Versuche, den Meister zu verhaften, aber diese Bemühungen blieben ergebnislos. Jesu unerwartetes öffentliches Erscheinen in Jerusalem überraschte seine Feinde derart, dass sie mutmaßten, die römischen Befehlshaber hätten ihm Schutz versprochen. Da die Mitglieder des Sanhedrins wussten, dass Philipp (der Bruder von Herodes Antipas) fast ein Anhänger Jesu war, vermuteten sie, Philipp habe für Jesus das Versprechen auf Schutz vor seinen Feinden erwirkt. Bevor sie gewahr wurden, dass sie sich in dem Glauben getäuscht hatten, Jesu plötzliches kühnes Auftreten in Jerusalem beruhe auf einer geheimen Absprache mit den römischen Beamten, hatte er ihren Rechtsbereich wieder verlassen.

Obwohl Jesu Jünger nicht erwartet hatten, dass er am Fest teilnehmen würde, hatte die überwiegende Mehrzahl der von weither angereisten Pilger, die von ihm gehört hatten, die Hoffnung gehegt, ihn in Jerusalem zu sehen. Und sie wurden nicht enttäuscht, denn verschiedene Male lehrte er in der Vorhalle Salomons und anderswo in den Tempelhöfen. Diese Predigten waren wirklich die offizielle und formelle Verkündigung von Jesu Göttlichkeit an das jüdische Volk und an die ganze Welt.

Es geschah während dieses Besuchs in Jerusalem, dass Jesus mit einer gewissen Frau von zweifelhaftem Ruf zu tun hatte, die von ihren Anklägern und von seinen Feinden vor ihn geführt wurde. Der vorliegende Bericht in der Bibel ist enstellt. Was sich tatsächlich zutrug, war Folgendes: Jesus kam eine Gruppe durch den Sanhedrin angeworbener Agenten entgegen, die eine Frau mit sich schleppten. Als sie ihn erreicht hatten, sagte ihr Sprecher: „Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. Nun befiehlt uns das Gesetz von Moses, eine solche Frau zu steinigen. Was soll deiner Meinung nach mit ihr geschehen?“

Der Plan der Feinde Jesu war dieser: Sollte er sich an Mose Gesetz halten, das die Steinigung der geständigen Übeltäterin forderte, würden sie ihn in Schwierigkeiten mit den römischen Herrschern verwickeln, die den Juden das Recht verwehrt hatten, die Todesstrafe ohne Genehmigung durch ein römisches Gericht zu verhängen. Sollte er die Steinigung der Frau verbieten, würden sie ihn vor dem Sanhedrin anklagen, sich über Moses und das jüdische Gesetz zu stellen. Schwiege er, würden sie ihn der Feigheit bezichtigen. Aber der Meister handhabte die Situation derart, dass das ganze Komplott unter seinem eigenen schmutzigen Gewicht zusammenbrach.

Diese einst attraktive Frau war die Ehefrau eines verkommenen Bürgers von Nazareth, eines Mannes, der Jesus während seiner Jugend immer wieder Schwierigkeiten bereitet hatte. Nach seiner Heirat mit dieser Frau zwang er sie auf schändliche Weise, ihren Körper zu verkaufen, um für beider Lebensunterhalt aufzukommen. Er war zum Fest nach Jerusalem gekommen, damit seine Frau aus der Prostitution ihrer physischen Reize finanziellen Gewinn schlüge. Er hatte mit den Mietlingen der jüdischen Führer einen Handel abgeschlossen, um seine eigene Frau bei ihrem einträglichen Laster zu verraten. Und so kamen sie nun daher mit dieser Frau und dem mit ihr an der Gesetzesübertretung Beteiligten, um Jesus in eine Erklärung zu verstricken, die im Falle seiner Verhaftung gegen ihn benutzt werden könnte.

Jesus überblickte die Ansammlung und bemerkte ihren Mann, der hinter den anderen stand. Er wusste, was für ein Mensch er war und erkannte, dass er an dem abscheulichen Unternehmen beteiligt war. Jesus ging nahe an die Stelle, wo der verkommene Ehemann stand, und schrieb einige Worte in den Sand, die jenen veranlassten, sich eilends zu entfernen. Darauf kehrte er zu der Frau zurück und schrieb wieder auf den Boden, diesmal für ihre Möchtegern-Ankläger; und als diese seine Worte lasen, gingen auch sie einer nach dem anderen weg. Und nachdem der Meister zum dritten Mal in den Sand geschrieben hatte, entfernte sich der Sündengefährte der Frau, so dass der Meister, als er sich vom Schreiben erhob, die Frau allein vor sich stehen sah. Jesus sagte: „Frau, wo sind deine Ankläger? Ist niemand geblieben, um dich zu steinigen?“ Die Frau hob ihre Augen auf und antwortete: „Niemand, Herr.“ Und dann sprach Jesus: „Ich kenne dich; und ich verurteile dich auch nicht. Geh deines Weges in Frieden.“ Und diese Frau, Hildanah, verließ ihren lasterhaften Ehemann und schloss sich den Jüngern des Königreichs an.

Am Nachmittag des letzten Festtages ging Jesus wiederum in den Tempel, um zu lehren, nachdem die Apostel vergeblich versucht hatten, ihn zur Flucht aus Jerusalem zu bewegen. Im Laufe seiner Predigt hatten sich ungläubige Juden und die Agenten des Sanhedrins eingefunden, und als sie Jesus Worte über Abraham hörten, lösten sie einen Tumult aus und riefen: „Du bist keine fünfzig Jahre alt, und sprichst trotzdem davon, Abraham gesehen zu haben. Du bist ein Kind des Teufels!“ Jesus konnte seine Rede nicht fortsetzen. Im Gehen sagte er nur: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, bevor Abraham war, bin ich.“ Viele von den Ungläubigen stürzten hinaus, um Steine zu holen und ihn damit zu bewerfen, und die Agenten des Sanhedrins versuchten, ihn zu verhaften, aber der Meister durchschritt rasch die Tempelkorridore und entwich an einen geheimen Treffpunkt in der Nähe von Bethanien, wo Martha, Maria und Lazarus auf ihn warteten.

Seit Jahren pflegten diese drei alles fallen zu lassen und Jesu Lehren zuzuhören, wann immer er zu ihnen auf Besuch kam. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte Martha die häuslichen Pflichten übernommen, und so bereitete sie bei dieser Gelegenheit das Abendessen zu, während Lazarus und Maria Jesu zu Füßen saßen und seine erfrischenden Lehren begierig in sich aufnahmen. Man muss wissen, dass Martha sich unnötigerweise durch zahlreiche überflüssige Beschäftigungen ablenken ließ und sich viele nichtige Sorgen auflud; das war ihre Art.

Als Martha sich mit all diesen vermeintlichen Pflichten beschäftigte, stieß sie sich daran, dass Maria nichts tat, um ihr zu helfen. Deshalb ging sie zu Jesus und sagte: „Meister, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich bei der ganzen Bewirtung allein gelassen hat? Willst du sie nicht auffordern, mir helfen zu kommen?“ Jesus antwortete: „Martha, Martha, warum bist du immer um so viele Dinge besorgt und beunruhigen dich so viele Nichtigkeiten? Nur eines ist wirklich der Mühe wert, und da Maria diesen guten und notwendigen Teil gewählt hat, will ich ihn ihr nicht nehmen. Aber wann werdet ihr beide lernen, so zu leben, wie ich es euch gelehrt habe: in Zusammenarbeit zu dienen und eure Seelen im Einklang zu erfrischen? Könnt ihr nicht lernen, dass es eine Zeit gibt für jedes Ding - dass die geringeren Dinge des Lebens zurücktreten sollten vor den größeren des Königreichs?“

Einige Tage nachdem Jesus und die Zwölf von Jerusalem nach Magadan zurückgekehrt waren, traf eine weitere Gruppe von Jüngern aus Betlehem ein. Und so waren im Lager an die zweihundert wahre und erprobte Jünger aus allen Teilen Palästinas versammelt. Dieser gut ausgebildeten und erfahrenen Jüngerschar entnahm Jesus anschließend siebzig Lehrer und sandte sie zur Verkündigung des Evangeliums vom Königreich aus. Ihre regelmäßige Unterweisung begann am Freitag, dem 4. November, und dauerte bis zum Sabbat, dem 19. November.

Über fünfzig Jünger, die sich um Weihe und Zulassung zur Mitgliedschaft bei den Siebzig bewarben, wurden vom Ausschuss abgelehnt, den Jesus zur Kandidatenauslese ernannt hatte. In allen Fällen, in denen dieser Ausschuss zu keiner einstimmigen Übereinkunft gelangte, brachten sie den Kandidaten zu Jesus, und obgleich der Meister nie jemanden zurückwies, der sich danach sehnte, zum Botschafter des Evangeliums geweiht zu werden, so gab es ihrer doch mehr als ein Dutzend, die nach ihrem Gespräch mit Jesus nicht mehr wünschten, Evangeliumsverkündiger zu werden.

Ein ernsthafter Jünger kam zu Jesus und sagte: „Meister, ich möchte einer deiner neuen Apostel werden, aber mein Vater ist sehr alt und dem Tode nahe. Kann ich Erlaubnis bekommen, nach Hause zurückzukehren, um ihn zu beerdigen?“ Jesus sprach zu diesem Mann: „Mein Sohn, die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könnte. Du bist ein treuer Jünger, und du kannst ein solcher bleiben, während du nach Hause zurückkehrst und für deine Lieben sorgst, aber mit meinen Botschaftern des Evangeliums verhält es sich anders. Sie haben alles verlassen, um mir nachzufolgen und das Königreich zu verkündigen. Willst du ein geweihter Lehrer werden, musst du andere die Toten begraben lassen, während du selber ausziehst, um die gute Nachricht bekannt zu machen.“ Und dieser Mann entfernte sich tief enttäuscht.

Ein anderer Jünger kam zum Meister und sagte: „Ich möchte die Weihe als Botschafter erhalten, aber zuerst möchte ich für kurze Zeit nach Hause gehen, um meiner Familie Mut zu machen.“ Und Jesus antwortete ihm: „Wenn du die Weihe empfangen möchtest, musst du gewillt sein, alles aufzugeben. Die Botschafter des Evangeliums dürfen in ihrer Liebe nicht geteilt sein. Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat, ist wert, ein Botschafter des Königreichs zu werden, wenn er wieder umkehrt.“

Und dann führte Andreas einen reichen jungen Mann vor Jesus, der mit Hingabe glaubte und die Weihe zu empfangen wünschte. Dieser junge Mann, Matadormus, war Mitglied des Sanhedrins von Jerusalem; er hatte Jesus lehren hören und war anschließend von Petrus und den anderen Aposteln im Evangelium vom Königreich unterwiesen worden. Jesus sprach mit Matadormus und fragte ihn abschließend: “Glaubst du an dieses Evangelium?“ Und Matadormus antwortete: „Ja, Meister, ich glaube alles, was du und deine Apostel mich gelehrt haben.“ Und Jesus sagte: „Dann bist du in der Tat mein Jünger und ein Kind des Königreichs.“

Darauf sagte der junge Mann: „Aber, Meister, es genügt mir nicht, dein Jünger zu sein; ich möchte einer deiner neuen Botschafter werden.“ Als Jesus das hörte, schaute er mit großer Liebe auf ihn herab und sagte: „Ich will dich als einen meiner Botschafter annehmen, wenn du willens bist, den Preis zu bezahlen, wenn du dir das Einzige verschaffen willst, woran es dir mangelt.“ Matadormus erwiderte: „Meister, ich will alles tun, wenn ich nur die Erlaubnis erhalte, dir zu folgen.“ Jesus küsste den knieenden jungen Mann auf die Stirn und sagte: „Wenn du mein Botschafter sein willst, dann geh und verkaufe alles, was du hast, und nachdem du den Erlös unter die Armen oder unter deine Brüder verteilt hast, komm und folge mir, und du wirst einen Schatz im Königreich des Himmels haben.“

Als Matadormus dies vernahm, machte er ein langes Gesicht. Er erhob sich und entfernte sich kummervoll, denn er hatte große Besitztümer. Dieser reiche junge Pharisäer war in dem Glauben erzogen worden, dass Reichtum das Zeichen göttlicher Gunst sei. Jesus wusste, dass er von Eigenliebe und Liebe zu seinem Reichtum nicht frei war. Der Meister wollte ihn von der Liebe zum Reichtum befreien, nicht notwendigerweise vom Reichtum selber. Die Jünger Jesu trennten sich nicht von all ihrem weltlichen Besitz, wohl aber die Apostel und die Siebzig. Matadormus wünschte einer der siebzig neuen Botschafter zu sein, und deshalb verlangte Jesus von ihm, sich von seinem ganzen weltlichen Besitz zu trennen.

Reichtum hat direkt nichts mit dem Eintritt ins Königreich des Himmels zu tun, wohl aber die Liebe zum Reichtum. Geistige Loyalität gegenüber dem Königreich ist mit Unterwerfung unter den materialistischen Mammon unvereinbar. Der Mensch kann seine höchste Treue zu einem geistigen Ideal nicht mit der Hingabe an Materielles teilen.

Während Jesus sein Gespräch mit Matadormus beendete, versammelten sich Petrus und einige andere Apostel um ihn, und als der reiche junge Mann wegging, wandte sich Jesus zu den Aposteln und sprach: „Ihr seht, wie schwierig es für die Reichen ist, ganz und gar ins Königreich Gottes einzutreten! Die Verehrung des Geistes kann nicht mit der Hingabe an Materielles geteilt werden; niemand kann zwei Herren dienen. Eines eurer Sprichworte sagt: ‚Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, als für einen Heiden, das ewige Leben zu erben.‘ Und ich erkläre, dass es für dieses Kamel ebenso leicht ist, durch das Nadelöhr zu gehen, wie für diese selbstzufriedenen Reichen, in das Königreich des Himmels einzutreten.“

Als Petrus und die Apostel diese Worte hörten, waren sie über die Maßen erstaunt, so sehr, dass Petrus sagte: „Wer kann dann gerettet werden, Herr? Müssen alle Reichen vom Königreich ausgeschlossen bleiben?“ Und Jesus erwiderte: „Nein, Petrus, aber alle, die auf den Reichtum vertrauen, werden schwerlich in das geistige Leben eintreten, das zum ewigen Fortschritt führt. Aber auch dann noch liegt vieles, was dem Menschen unmöglich ist, nicht außerhalb der Möglichkeiten des Vaters im Himmel; wir sollten vielmehr erkennen, dass bei Gott alle Dinge möglich sind.“

Sie gingen allein weiter, und Jesus war betrübt, dass Matadormus nicht bei ihnen blieb, denn er liebte ihn sehr. Sie gingen zum See hinunter und setzten sich ans Wasser, und Petrus sprach im Namen der Zwölf, die jetzt alle anwesend waren: „Deine Worte zu dem jungen, reichen Mann machen uns zu schaffen. Müssen wir die, die dir folgen möchten, auffordern, all ihre weltlichen Güter aufzugeben?“ Und Jesus sagte: „Nein, Petrus, nur diejenigen, die Apostel werden möchten und wünschen, mit mir zu leben wie ihr und wie eine Familie. Aber der Vater verlangt, dass die Liebe seiner Kinder rein und ungeteilt sei. Was für eine Sache oder Person auch immer zwischen euch und die Liebe zu den Wahrheiten des Königreichs tritt, muss aufgegeben werden. Wenn der Reichtum nicht in den Bereich ihrer Seele eindringt, hat er keine Auswirkungen auf das geistige Leben derer, die ins Königreich eintreten möchten.“

Da sagte Petrus: „Aber Meister, wir haben alles aufgegeben, um dir zu folgen, was wird uns denn zuteil werden?“ Und Jesus sprach zu allen Zwölf: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es gibt keinen, der Besitz, Heim, Frau, Brüder, Eltern oder Kinder meinetwegen und um des Königreichs des Himmels willen verlassen hat, der nicht schon in dieser Welt, vielleicht nebst einigen Verfolgungen, das Mehrfache davon erhielte und in der künftigen Welt das ewige Leben. Aber viele von den Ersten werden die Letzten sein, während die Letzten oft die Ersten sein werden. Der Vater behandelt seine Geschöpfe entsprechend ihren Bedürfnissen und in Übereinstimmung mit seinen gerechten Gesetzen erbarmender und liebevoller Rücksicht auf das Wohlergehen eines Universums.”

Am Tag, als die Siebzig zu ihrer ersten Mission aufbrachen, herrschte im Lager von Magadan eine erregte Stimmung. Am frühen Morgen legte Jesus in seiner letzten Ansprache an die Siebzig besonderes Gewicht auf Folgendes:

1. Das Evangelium vom Königreich muss der ganzen Welt verkündet werden, den Nichtjuden ebenso wie den Juden.

2. Wenn ihr den Kranken Trost bringt, weckt bei ihnen nicht die Hoffnung auf Wunder.

3. Verkündet eine geistige Bruderschaft der Söhne Gottes, nicht ein äußeres Königreich weltlicher Macht und materiellen Ruhms.

4. Vermeidet Zeitverlust durch zu viel geselliges Zusammensein und andere Nebensächlichkeiten, die euch von eurer rückhaltlosen Hingabe an die Verkündigung des Evangeliums ablenken könnten.

5. Wenn sich das von euch zu Beginn als Quartier gewählte Haus als achtbar erweist, dann bleibt dort während eures ganzen Aufenthaltes in jener Stadt.

6. Macht allen treuen Gläubigen klar, dass die Zeit für einen offenen Bruch mit den religiösen Führern der Juden in Jerusalem jetzt gekommen ist.

7. Lehrt, dass die ganze Pflicht des Menschen in diesem einen Gebot zusammengefasst ist: Liebe den Herrn deinen Gott von ganzem Herzen und ganzer Seele und deinen Nachbarn wie dich selber.

Nachdem Jesus in Gegenwart aller Apostel und Jünger so zu den Siebzig gesprochen hatte, nahm Simon Petrus sie beiseite und hielt ihnen ihre Weihepredigt, die eine Ausarbeitung des Auftrags des Meisters war, als er ihnen die Hände aufgelegt und sie als besondere Botschafter des Königreichs eingesetzt hatte. Petrus ermahnte die Siebzig, in all ihrem Tun die folgenden Tugenden hochzuhalten:

1. Restlose Hingabe. Sie sollten immer um mehr Arbeiter beten, die bereit wären, zur Ernte des Evangeliums ausgesandt zu werden. Er ermahnte sie, ihre tägliche Andacht nicht zu vernachlässigen.

2. Wahrer Mut. Er wies sie warnend darauf hin, dass sie auf Feindschaft stossen und mit Sicherheit verfolgt werden würden. Petrus sagte ihnen, ihre Aufgabe sei nichts für Feiglinge, und denen, die etwa Angst hätten, riet er zurückzutreten, bevor sie anfingen. Aber niemand zog sich zurück.

3. Glaube und Vertrauen. Sie sollten sich völlig unausgerüstet auf diese kurze Mission begeben; sie sollten für Nahrung, Unterkunft und alle übrigen nötigen Dinge ihr Vertrauen in den Vater legen.

4. Inbrunst und Initiative. Sie sollten von Inbrunst und intelligentem Enthusiasmus erfüllt sein; sie sollten sich strikt nur um die Angelegenheiten ihres Meisters kümmern. Die orientalische Begrüßung war eine lange und umständliche Zeremonie; deshalb waren sie dazu angehalten worden, „unterwegs niemanden zu begrüßen“, was eine damals übliche Art war, jemanden zu ermahnen, seinen Geschäften ohne Zeitverschwendung nachzugehen. Es hatte nichts mit freundlichem Grüßen zu tun.

5. Freundlichkeit und Höflichkeit. Der Meister hatte sie angewiesen, unnötigen Zeitverlust durch gesellschaftliche Förmlichkeiten zu vermeiden, aber er machte ihnen Höflichkeit gegenüber allen, mit denen sie in Kontakt treten würden, zur Pflicht. Sie sollten denen, die sie bei sich beherbergten, jede Freundlichkeit erweisen. Eine strikte Warnung war an sie ergangen, nie ein bescheidenes Heim zu verlassen, um sich in einem bequemeren oder einflussreicheren bewirten zu lassen.

6. Fürsorge für die Kranken. Petrus trug den Siebzig auf, die seelisch und körperlich Kranken ausfindig zu machen und alles in ihrer Macht Stehende zur Erleichterung oder Heilung ihrer Krankheiten zu unternehmen.

Und mit solchem Auftrag und derart angeleitet, brachen sie immer zu zweit zu ihrer Mission in Galiläa, Samaria und Judäa auf. Jesus und die Zwölf schickten sich nun an, ihr letztes Hauptquartier in Peräa in der Nähe von Pella zu errichten, wo der Meister im Jordan getauft worden war. Gegen Ende Dezember und vor der Rückkehr der Siebzig waren über achthundert Besucher um den Meister versammelt, und sie fanden im Lager in der Nähe von Pella Unterkunft.

Am Freitag, dem 30. Dezember, während Jesus sich mit Petrus, Jakobus und Johannes in den nahen Bergen aufhielt, trafen die siebzig Botschafter, paarweise und von zahlreichen Gläubigen begleitet, im Hauptquartier von Pella ein.

Am folgenden Tag war Sabbat, und Jesus führte die Siebzig beiseite und sprach zu ihnen: „Ich habe mich wahrhaftig mit euch gefreut, als ihr mit der guten Nachricht zurückgekehrt seid, dass so viele in Galiläa, Samaria und Judäa verstreute Menschen das Evangelium vom Königreich angenommen haben. Aber warum lag in eurer Hochstimmung so viel Überraschung? Hattet ihr nicht erwartet, dass eure Botschaft beim Überbringen eine mächtige Wirkung ausüben würde? Seid ihr mit einem so kleinen Glauben an dieses Evangelium ausgezogen, dass ihr von seiner Wirksamkeit überrascht zurückkehrt? Und jetzt, obzwar ich euren Jubel nicht dämpfen will, möchte ich euch eindringlichst vor der Tücke des Hochmuts, des geistigen Hochmuts warnen. Wenn ihr den Sturz Luzifers, des Frevlers, begreifen könntet, würdet ihr euch ernsthaft vor jeglicher Form geistigen Hochmuts hüten.”

In den nächsten paar Tagen gab es im Lager von Pella viel zu tun; die Vorbereitungen zur Mission in Peräa wurden abgeschlossen. Jesus und seine Mitarbeiter waren dabei, ihre letzte Sendung anzutreten, die dreimonatige Rundreise durch ganz Peräa, die erst mit dem Einzug des Meisters in Jerusalem zu seiner letzten Arbeit auf Erden zu Ende ging. Während dieser Zeit wurde das Hauptquartier Jesu und der zwölf Apostel hier im Lager von Pella aufrechterhalten.

Das Werk des Königreichs steuerte nun auf seine Endphase unter der persönlichen Leitung von Jesus zu. Und dies war eine Phase geistiger Tiefe, die mit den wundergläubigen und nach Mirakeln rufenden Massen kontrastierte, welche dem Meister in den früheren Tagen seiner Popularität in Galiläa nachgefolgt waren. Trotzdem gab es unter seinen Anhängern immer noch viele materiell Gesinnte, die die Wahrheit nicht zu erfassen vermochten, dass das Königreich des Himmels die geistige Bruderschaft der Menschen ist, die auf der ewigen Tatsache der universalen Vaterschaft Gottes gründet.

Während dieser Rundreise durch Peräa übernahm das jetzt zweiundsechzig Mitglieder zählende Frauenkorps den größten Teil der Krankenarbeit. Das war die Schlussphase, in der die höheren, geistigen Aspekte des Evangeliums vom Königreich entwickelt wurden, und dementsprechend fehlten Wundertaten. Kein anderer Teil Palästinas wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu so gründlich bearbeitet, und in keiner anderen Gegend nahmen die gehobeneren Klassen der Bewohner die Lehre des Meisters so generell an.

Mitte Januar waren mehr als zwölfhundert Personen in Pella versammelt, und Jesus lehrte diese Menge wenigstens einmal am Tage, wenn er im Lager anwesend war. Meistens sprach er um neun Uhr morgens. Petrus und die anderen Apostel lehrten jeden Nachmittag. Die Abende blieben den üblichen Frage-und-Antwort-Stunden Jesu mit den Zwölf und anderen fortgeschrittenen Jüngern vorbehalten. Die Abendgruppen zählten im Durchschnitt etwa fünfzig Teilnehmer.

Eines Tages beendete Jesus seine Antwort auf die Frage eines jungen Mannes nach einer Erbschaft mit den Worten: „Mein Sohn, was wird es dir nützen, wenn du die ganze Welt gewinnst und dabei deine Seele verlierst?“ Einem anderen, der dabei stand und Jesus fragte, was die Reichen am Tag des Gerichts zu erwarten hätten, antwortete er: „Ich bin gekommen, um weder die Reichen, noch die Armen zu richten, aber das Leben, das die Menschen führen, wird über sie alle zu Gericht sitzen.”

Als sich Jesus und die Zwölf an diesem Abend nach dem Essen zu ihrem täglichen Gespräch zusammensetzten, beantwortete Jesus auch ihre noch offenen Fragen zum Thema Reichtum:

„Ja, Andreas, ich will mit euch über diese Fragen des Reichtums und des Selbstunterhalts sprechen, aber meine Worte zu euch Aposteln müssen sich etwas von jenen unterscheiden, die ich zu den Jüngern und zu der Menge gesprochen habe, da ihr alles aufgegeben habt, nicht nur, um mir zu folgen, sondern auch, um die Weihe als Botschafter des Königreichs zu empfangen. Ihr habt jetzt bereits eine mehrjährige Erfahrung, und ihr wisst, dass der Vater, dessen Königreich ihr verkündet, euch nicht verlassen wird. Ihr habt euer Leben dem Dienst am Königreich gewidmet; ängstigt und sorgt euch deshalb nicht um die Dinge des weltlichen Lebens, um das, was ihr essen, oder womit ihr euren Körper kleiden werdet. Das Wohlergehen der Seele ist mehr als Speise und Trank, und der geistige Fortschritt steht weit über der Notwendigkeit der Kleidung. Wenn ihr versucht seid, an der Gewissheit eures täglichen Brotes zu zweifeln, dann betrachtet die Raben; sie säen nicht, sie ernten nicht und haben weder Speicher noch Scheunen, und doch hält der Vater Nahrung bereit für jeden von ihnen, der danach sucht. Und wie viel mehr seid ihr wert als viele Vögel! Übrigens kann all euer Bangen, können eure nagenden Zweifel nichts ausrichten, um eure materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Wer von euch kann seiner Statur durch Bangigkeit eine Handbreit hinzufügen oder seinem Leben einen Tag? Da diese Dinge nicht in eurer Hand liegen, weshalb verschwendet ihr dann ängstliche Gedanken an diese Probleme?”

„Schaut die Lilien an, wie sie wachsen; sie rackern sich nicht ab und spinnen nicht; und doch sage ich euch, dass nicht einmal Salomon in seiner ganzen Pracht gekleidet war wie eine von ihnen. Wenn Gott die Gräser des Feldes also kleidet, die heute leben und morgen niedergemäht und ins Feuer geworfen werden, wie viel besser wird er dann euch, die Botschafter des himmlischen Königreichs, kleiden! O ihr Kleingläubigen! Wenn ihr euch von ganzem Herzen der Verkündigung des Evangeliums vom Königreich hingebt, solltet ihr von Zweifeln frei sein, was euren eigenen Unterhalt betrifft oder denjenigen eurer Familien, die ihr verlassen habt. Wenn ihr euer Leben wahrhaftig dem Evangelium gebt, werdet ihr durch das Evangelium leben. Wenn ihr nur gläubige Jünger seid, müsst ihr euer eigenes Brot verdienen und zum Unterhalt all derer beisteuern, die lehren, predigen und heilen. Wenn euch wegen eures Brotes und Wassers bangt, worin unterscheidet ihr euch dann von den Nationen der Welt, die so eifrig nach solchen Notwendigkeiten suchen? Widmet euch eurer Arbeit und glaubt daran, dass sowohl der Vater als auch ich wissen, dass ihr all diese Dinge braucht. Lasst mich euch ein für allemal versichern, dass alle eure tatsächlichen Bedürfnisse befriedigt werden, wenn ihr euer Leben ganz der Arbeit am Königreich verschreibt. Trachtet nach dem Größeren, und das Kleinere wird sich darin finden; fragt nach dem Himmlischen, und das Irdische wird darin inbegriffen sein. Der Schatten folgt der Substanz mit Sicherheit.”

„Ihr seid nur eine kleine Schar, aber wenn ihr Glauben habt und nicht aus Furcht strauchelt, erkläre ich, dass sich mein Vater darüber freut, euch dieses Königreich zu geben. Ihr habt eure Schätze dort angelegt, wo der Geldbeutel sich nicht erschöpft, wo kein Dieb plündern und keine Motte fressen kann. Und wie ich zu den Leuten gesagt habe: Da, wo euer Schatz ist, wird auch euer Herz sein.”

„Aber bei dem Werk, das uns unmittelbar bevorsteht und bei demjenigen, das euch zu tun bleibt, nachdem ich zu meinem Vater gegangen bin, werdet ihr bitter geprüft werden. Ihr müsst alle vor Furcht und Zweifeln auf der Hut sein. Jeder von euch wappne sein Gemüt und halte seine Lampe am Brennen. Verhaltet euch wie Männer, die auf die Rückkehr ihres Meisters vom Hochzeitsfest warten, damit ihr ihm, wenn er kommt und klopft, rasch öffnen könnt. Der Meister segnet solch wachsame Diener, wenn er sie in einem so großen Augenblick treu findet. Dann wird der Meister seine Diener Platz nehmen lassen, und er wird sie selbst bedienen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass eine Krise in eurem Leben unmittelbar bevorsteht, und es ist eure Pflicht, zu wachen und bereit zu sein.”

„Ihr versteht wohl, dass niemand es zuließe, dass man in sein Haus eindringt, wenn er wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt. Möge auch jeder von euch für sich selber auf der Hut sein, denn gerade dann, wenn ihr es am wenigsten vermutet und auf eine Art, an die ihr nicht denkt, wird der Menschensohn weggehen.“

Die ganze dreimonatige Mission in Peräa wurde erfolgreich ohne große Mithilfe der zwölf Apostel fortgeführt, und das Evangelium gab von dieser Zeit an nicht so sehr Jesu Persönlichkeit als seine Lehren wieder. Aber seine Nachfolger hielten sich nicht lange an seine Anweisungen, denn bald nach Jesu Tod und Auferstehung entfernten sie sich von seinen Lehren und begannen, die frühe Kirche um die übernatürlichen Vorstellungen von ihm, um die verherrlichten Erinnerungen an seine göttlich-menschliche Persönlichkeit herum, aufzubauen.

Abner, das frühere Oberhaupt der zwölf Apostel von Johannes dem Täufer, Nasiräer und einst Vorsteher der nasiräischen Schule von Engedi, war jetzt Oberhaupt der siebzig Botschafter des Königreichs, die der Meister mit der Verkündigung des Evangeliums beauftragte. Ihm widerfuhr das scheinbare Unglück, mit allen Führern der frühen christlichen Kirche uneins zu sein. Er überwarf sich mit Petrus und Jakobus (Jesu Bruder) in Fragen der Verwaltung und Rechtsprechung der Kirche von Jerusalem und er trennte sich von Paulus wegen Meinungsverschiedenheiten in Philosophie und Theologie. Abner war in seiner Philosophie mehr babylonisch als hellenistisch, und er widersetzte sich hartnäckig allen Versuchen des Paulus, Jesu Lehren so umzuformen, dass in den Hintergrund gerückt wurde, was auf den Widerspruch zuerst der Juden und dann der griechisch-römischen Anhänger der Mysterienkulte stieß.

Und so wurde Abner zu einem Leben in der Isolation gezwungen. Er war das Haupt einer Kirche, die in Jerusalem kein Ansehen genoss. Er hatte es gewagt, Jakobus, den Bruder des Herrn, herauszufordern, der später die Unterstützung des Petrus genoss. Diese Haltung trennte ihn gänzlich von all seinen früheren Mitarbeitern. Dann wagte er es, Paulus die Stirn zu bieten. Obwohl er mit der Mission des Paulus bei den Nichtjuden völlig übereinstimmte und ihn bei seinen Auseinandersetzungen mit der Kirche in Jerusalem unterstützte, widersetzte er sich erbittert der Version der Lehren Jesu, die Paulus zu predigen gewählt hatte. In seinen letzten Jahren prangerte Abner Paulus als den „geschickten Verderber der Lebenslehren Jesu von Nazareth, des Sohnes des lebendigen Gottes“, an.

Während der späteren Lebensjahre Abners und noch einige Zeit danach hielten sich die Gläubigen von Philadelphia enger als irgendeine andere Gemeinde auf Erden an die Religion Jesu, wie er sie gelebt und gelehrt hatte.

Abner wurde neunundachtzig Jahre alt und starb in Philadelphia am 21. November 74. Und bis an sein Ende glaubte und lehrte er treu das Evangelium vom himmlischen Königreich.

Jesus und die zehn Apostel trafen am Mittwoch, dem 22. Februar in Philadelphia ein. Sehr spät am Sonntagabend, dem 26. Februar, traf ein Läufer aus Bethanien in Philadelphia ein, der eine Botschaft von Martha und Maria überbrachte, die lautete: „Herr, der, den du liebst, ist sehr krank.“ Zuerst gab Jesus keine Antwort. Es fand eines jener seltsamen Zwischenspiele statt, währenddessen er für kurze Zeit in Verbindung mit etwas außerhalb und jenseits von ihm zu stehen schien. Und dann blickte er auf und wandte sich in Hörweite der Apostel mit den Worten an den Boten: „Diese Krankheit führt nicht wirklich zum Tode. Zweifelt nicht daran, dass sie dazu dienen kann, Gott zu verherrlichen und den Sohn zu erhöhen.“

Jesus hatte Martha, Maria und ihren Bruder Lazarus sehr lieb; er liebte sie mit inniger Zuneigung. Sein erster und menschlicher Gedanke war, ihnen sofort zu Hilfe zu eilen, aber dann trat eine andere Idee in seinen Geist. Er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, dass die jüdischen Führer in Jerusalem das Königreich je annehmen würden, aber er fuhr fort, sein Volk zu lieben, und es fiel ihm nun ein Plan ein, der den Schriftgelehrten und Pharisäern Jerusalems vielleicht eine weitere Gelegenheit bieten würde, seine Lehren zu akzeptieren; und er beschloss, vorausgesetzt, sein Vater war einverstanden, aus diesem letzten Aufruf an Jerusalem das tiefgründigste und erstaunlichste äußere Werk seiner gesamten irdischen Laufbahn zu machen. Die Juden hingen an der Idee eines wundertätigen Befreiers. Und obwohl er sich weigerte, sich zur Ausführung materieller Wunder oder zur weltlichen Zurschaustellung politischer Macht herabzulassen, bat er nun um des Vaters Zustimmung zur Manifestation seiner bislang nicht an den Tag gelegten Macht über Leben und Tod.

Die Juden glaubten, dass der Geist oder die Seele wohl zwei oder drei Tage lang in der Nähe des Körpers verweilte, aber nie nach dem dritten Tag; dass die Verwesung am vierten Tag schon stark fortgeschritten sei und dass nie jemand nach Ablauf dieser Frist vom Grab zurückgekehrt sei. Und aus genau diesen Gründen ließ Jesus noch zwei volle Tage in Philadelphia verstreichen, bevor er sich zum Aufbruch nach Bethanien bereitmachte.

Als Jesus die Apostel zum Aufbruch nach Judäa aufforderte, versuchten diese ihn davon abzuhalten. Da die Apostel Jesus erste Bemerkungen zu dieser Angelegenheit nicht verstanden, sagte er unmissverständlich: „Lazarus ist tot. Um euretwillen und auch wenn die übrigen dadurch nicht gerettet werden sollten, bin ich froh, dass ich nicht zugegen war, auf dass ihr jetzt neuen Grund habt, an mich zu glauben; und das, wovon ihr Zeugen sein werdet, sollte euch stärken in Vorbereitung auf den Tag, an dem ich euch verlassen und zu meinem Vater gehen werde.“

Als sie sich Bethanien näherten, antwortete Jesus auf eine Frage Nathanaels über die Engel unter anderem folgendermaßen:

„Die Engelscharen sind eine besondere Ordnung von erschaffenen Wesen; sie sind von der materiellen Ordnung sterblicher Geschöpfe völlig verschieden und wirken als eine selbstständige Gruppe von Universums-Intelligenzen. Die Engel gehören nicht zu der in den Schriften ‚die Söhne Gottes‘ genannten Gruppe von Geschöpfen, noch sind sie die glorifizierten Geiste sterblicher Menschen, die sich auf den Weg des Fortschritts durch die Wohnungen in der Höhe begeben haben. Die Engel sind eine direkte Schöpfung und sie reproduzieren sich nicht selbst. Die Engelscharen haben mit der menschlichen Rasse nur eine geistige Verwandtschaft. Im Verlaufe seiner Reise zum Vater im Paradies durchläuft der Mensch einmal ein Stadium, das demjenigen der Engel entspricht, aber der sterbliche Mensch wird nie ein Engel.”

„Die Engel sterben nie wie die Menschen. Die Engel sind unsterblich, außer es geschähe, dass sie sich in Sünde verstrickten wie einige von ihnen, die dem Betrüger Luzifer folgten. Die Engel sind die geistigen Diener des Himmels, und sie sind weder allweise noch allmächtig. Aber alle treuen Engel sind wahrhaft rein und heilig.”

„Und erinnerst du dich nicht, dass ich früher einmal zu euch gesagt habe: ‚Wären eure geistigen Augen gesalbt, ihr sähet die Himmel offen stehen und erblicktet die Engel Gottes, wie sie auf- und niedersteigen‘? Es geschieht durch den Dienst der Engel, dass eine Welt mit anderen Welten in Kontakt bleiben kann, denn habe ich euch nicht wiederholt gesagt, dass ich noch andere Schafe habe, die nicht zu dieser Herde gehören? Die Engel sind keine Spione der geistigen Welt, die euch überwachen und dann dem Vater die Gedanken eurer Herzen hinterbringen und ihm über die Taten des Menschengeschlechts berichten. Der Vater benötigt keinen derartigen Dienst, da ja sein eigener Geist in euch wohnt. Aber die Funktion dieser Engelsgeiste ist es, einen Teil der himmlischen Schöpfung über die Geschehnisse in anderen und entlegenen Teilen des Universums auf dem Laufenden zu halten. Und viele dieser Engel versehen ihren Dienst in der Regierung des Vaters und in den Universen der Söhne und sind zugleich dem Dienst an den menschlichen Rassen zugeteilt. Als ich euch gelehrt habe, dass viele dieser Seraphim dienende Geiste seien, habe ich weder in bildlicher Sprache noch auf poetische Weise gesprochen. All das ist wahr, unabhängig von eurer Schwierigkeit, solche Dinge zu verstehen.”

„Viele dieser Engel haben die Errettung der Menschen zur Aufgabe, denn habe ich euch nicht von der seraphischen Freude gesprochen, wenn eine Seele den Entschluss fasst, die Sünde aufzugeben und mit der Suche nach Gott zu beginnen? Ich habe euch auch von der Freude im Himmel über einen reuigen Sünder in der Gegenwart der Engel erzählt und damit angedeutet, dass es noch andere und höhere Ordnungen himmlischer Wesen gibt, die sich ebenfalls um das geistige Wohlergehen und um den göttlichen Fortschritt der sterblichen Menschen kümmern.”

„Die Engel befassen sich auch insbesondere mit dem Vorgang, durch welchen der Geist des Menschen aus dem physischen Leib freigelassen und seine Seele zu den himmlischen Residenzen begleitet wird. Die Engel sind die sicheren und himmlischen Führer der Menschenseele während der unerforschten und unbestimmten Zeitspanne, die zwischen dem Tod des Körpers und dem neuen Leben in den geistigen Wohnungen liegt.“

Und er hätte noch länger mit Nathanael über das Amt der Engel geredet, wäre er nicht durch Marthas Nahen unterbrochen worden. Freunde, die beobachtet hatten, dass der Meister im Osten durch die Berge heraufkam, hatten sie unterrichtet, dass er sich Bethanien nähere. Und so eilte sie ihm entgegen, um ihn zu begrüßen.

Es war kurz nach Mittag, als Martha hinaus- und Jesus entgegeneilte, als er gerade über die Kuppe der nahe Bethanien gelegenen Anhöhe kam. Ihr Bruder Lazarus war bereits seit vier Tagen tot. Man hatte ihn am späten Sonntagnachmittag in die private Grabstätte am Ende des Gartens gelegt. Der Stein am Grabeingang war an diesem Donnerstagmorgen an seinen Platz gerollt worden.

Als Martha Jesus erreicht hatte, fiel sie ihm mit dem Ausruf zu Füßen: „Meister, wenn du nur hier gewesen wärest, wäre mein Bruder nicht gestorben!“ Viele angstvolle Gedanken gingen Martha durch den Kopf, aber sie drückte keinen Zweifel aus, noch maßte sie sich an, des Meisters Verhalten im Zusammenhang mit Lazarus‘ Tod zu kritisieren oder in Frage zu stellen. Als sie gesprochen hatte, beugte sich Jesus zu ihr hinab, richtete sie auf und sagte: „Hab‘ nur Vertrauen, Martha, und dein Bruder wird wieder erwachen.“ Da antwortete Martha: „Ich weiß, dass er bei der Auferstehung am letzten Tag wieder erwachen wird; und auch jetzt glaube ich, worum du Gott auch bitten magst, das wird unser Vater dir geben.“

Da blickte Jesus Martha gerade in die Augen und sprach: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, soll leben, obwohl er stirbt. Wahrlich, wer lebt und an mich glaubt, wird niemals wirklich sterben. Martha, glaubst du das?“ Und Martha gab dem Meister zur Antwort: „Ja, ich glaube seit langem, dass du der Erlöser bist, der Sohn des lebendigen Gottes, eben der, der in diese Welt kommen sollte.“

Jesus erkundigte sich nach Maria, und Martha ging sofort ins Haus und führte Maria zu Jesus, und als diese ihn erblickte, fiel sie ihm zu Füßen und rief aus: „Wärest du nur hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben!“ Und als Jesus sah, wie schmerzerfüllt sie alle über den Tod des Lazarus waren, erfüllte Mitleid seine Seele.

Nachdem Jesus Martha und Maria einige Augenblicke lang abseits von den Trauernden Trost gespendet hatte, fragte er sie: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Da sagte Martha: „Komm und schau.“ Und während der Meister schweigend hinter den zwei trauernden Schwestern herging, weinte er. Die wahren Gründe dieser emotionalen Äußerungen sind unbekannt, aber Jesus bedauerte, seinen Freund zurückrufen zu müssen. Denn er wusste sehr wohl, dass Lazarus durch die Erfahrung einer harten Verfolgung zu gehen haben würde, infolge der Tatsache, dass er bei der größten aller Demonstrationen göttlicher Macht des Menschensohns die Hauptperson sein würde.

Und so war an diesem Donnerstagnachmittag etwa um halb drei Uhr in dem Dörfchen Bethanien alles bereit für die Ausführung des größten aller mit dem irdischen Wirken Jesus verbundenen Werke, für die größte Manifestation göttlicher Macht während seiner Inkarnation, da seine eigene Auferstehung erst nach seiner Befreiung von der Bindung an die sterbliche Hülle erfolgte.

Als Jesus die befehlenden Worte sprach: „Nehmt den Stein weg“, machten sich die versammelten himmlischen Scharen bereit, das Drama der Auferweckung des Lazarus in sterblicher Gestalt zu spielen. Mit dieser Art von Auferstehung sind Ausführungsschwierigkeiten verbunden, die bei weitem die gewöhnliche Technik der Wiedererweckung menschlicher Geschöpfe in morontieller Gestalt übersteigen und weit mehr himmlische Persönlichkeiten und ein viel größeres Aufgebot von Hilfsmitteln des Universums erfordern.

Als Martha und Maria Jesu Befehl, den Stein vom Grabeingang wegzurollen, hörten, empfanden sie widerstreitende Gefühle. Maria hoffte, Lazarus werde von den Toten auferweckt werden, aber Martha, obwohl sie den Glauben ihrer Schwester bis zu einem gewissen Grade teilte, wurde mehr durch die Furcht beunruhigt, Lazarus sei in seinem jetzigen Zustand für Jesus, die Apostel und ihre Freunde nicht vorzeigbar. Als sie zögerten, den Stein wegzurollen, sagte Jesus: „Habe ich euch nicht von Anfang an gesagt, diese Krankheit führe nicht zum Tode? Bin ich nicht gekommen, um mein Versprechen einzulösen? Und nachdem ich zu euch gekommen bin, habe ich nicht gesagt, wenn ihr nur glauben wolltet, würdet ihr Gottes Herrlichkeit sehen? Warum zweifelt ihr? Wie lange wird es noch dauern, bis ihr glaubt und gehorcht?“

Als Jesus zu sprechen aufgehört hatte, ergriffen seine Apostel unter Mithilfe bereitwilliger Nachbarn den Stein und rollten ihn vom Grabeingang weg.

Jesus erhob seine Augen und sagte: „Vater, ich danke dir, dass du meine Bitte gehört und gewährt hast. Ich weiß, dass du mich immer hörst, aber um derentwillen, die hier bei mir stehen, spreche ich so mit dir, damit sie glauben mögen, dass du mich in die Welt gesandt hast, und damit sie wissen, dass du bei dem, was wir jetzt gleich tun werden, mit mir zusammenarbeitest.“ Und nachdem er gebetet hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“

Die menschlichen Zuschauer verharrten regungslos, aber das riesige himmlische Heer, dem Wort des Schöpfers gehorchend, arbeitete fiebrig in vereinter Aktion. Nach nur zwölf Sekunden irdischer Zeit begann sich die bislang leblose Gestalt des Lazarus zu bewegen und setzte sich am Rand der Steinplatte, worauf sie geruht hatte, augenblicklich aufrecht. Sein Körper war mit Grabtüchern umwickelt und sein Gesicht mit einem Tuch bedeckt. Und als er vor ihnen aufstand - lebendig - sprach Jesus: „Macht ihn frei und lasst ihn gehen.“

Mit Ausnahme der Apostel, Marthas und Marias flohen alle zum Haus. Sie waren bleich vor Entsetzen und von Staunen überwältigt. Einige blieben noch, aber viele hasteten nach Hause.

Lazarus grüßte Jesus und die Apostel und erkundigte sich nach der Bedeutung der Grabtücher und wieso er im Garten erwacht sei. Jesus und die Apostel begaben sich etwas zur Seite, während Martha Lazarus von seinem Tod, Begräbnis und seiner Auferstehung berichtete. Sie musste ihm erklären, dass er am Sonntag gestorben und jetzt, am Donnerstag, ins Leben zurückgebracht worden sei, denn er hatte ja kein Zeitbewusstsein besessen, seit er in den Todesschlaf gefallen war.

Da ging Lazarus zu Jesus hinüber und kniete mit seinen Schwestern zu des Meisters Füßen nieder, um zu danken und Gott zu lobpreisen. Jesus nahm Lazarus an der Hand, hob ihn auf und sagte: „Mein Sohn, was dir widerfahren ist, werden auch alle, die an das Evangelium glauben, erleben, außer dass sie in einer glorreicheren Gestalt auferstehen werden. Du sollst ein lebendiger Zeuge der Wahrheit sein, die ich gesprochen habe - ich bin die Auferstehung und das Leben. Aber lasst uns jetzt alle ins Haus gehen, um unsere physischen Körper beim gemeinsamen Mahl zu stärken.“

Es war dies auf der Erde der erste und letzte Fall, bei dem ein sterbliches Geschöpf aus seinem toten physischen Körper ins Leben zurückgerufen worden war.

Obwohl auf dieses machtvolle Werk hin viele an Jesus glaubten, verhärteten andere nur ihr Herz und lehnten ihn nur noch mehr ab. Bis zum Mittag des nächsten Tages hatte sich die Kunde davon in ganz Jerusalem verbreitet. Scharen von Männern und Frauen kamen nach Bethanien, um Lazarus zu sehen und mit ihm zu sprechen, und die alarmierten und beunruhigten Pharisäer beriefen in aller Hast eine Sitzung des Sanhedrins ein, um zu beschließen, was nach diesen jüngsten Entwicklungen zu tun sei.

Obwohl der Sitzungsbericht des Sanhedrins die Auferstehung des Lazarus faktisch anerkannte, enthielt das Protokoll auch eine Resolution, die dieses und alle anderen durch Jesus gewirkten Wunder der Macht des Teufelsfürsten zuschrieb, mit dem im Bunde zu stehen Jesus bezichtigt wurde. Bei dieser Sitzung des Sanhedrins äußerte der Hohepriester Kajaphas zum ersten Mal das alte jüdische Sprichwort, das er dann so oft wiederholte: „Es ist besser, dass ein Mensch stirbt, als dass die Gemeinschaft zugrunde geht.“

Auf dem Weg von Bethanien nach Pella stellten die Apostel Jesus viele Fragen, die der Meister alle frei heraus beantwortete mit Ausnahme derer, die sich auf die Einzelheiten der Auferstehung von den Toten bezogen. Diese Probleme lagen jenseits des Fassungsvermögens seiner Apostel; deshalb lehnte der Meister es ab, diese Fragen mit ihnen zu diskutieren. Den ganzen Tag über kamen die Apostel immer wieder auf die Frage der Beantwortung des Gebets zu sprechen. Jesu Antworten auf ihre vielen Fragen können wie folgt zusammengefasst werden:

1. Das Gebet ist Ausdruck des endlichen Verstandes in seinem Bemühen, sich dem Unendlichen zu nähern. Die Formulierung eines Gebets muss deshalb durch das Wissen, die Weisheit und die Attribute des Endlichen beschränkt sein; ebenso muss die Antwort durch die Sichtweise, die Ziele, Ideale und Prärogativen des Unendlichen bedingt sein. Nie kann eine ununterbrochene Kontinuität materieller Phänomene zwischen einer Gebetsformulierung und dem Empfang der ganzen darauf erteilten geistigen Antwort beobachtet werden.

2. Wenn ein Gebet scheinbar unbeantwortet bleibt, bedeutet der Aufschub oft eine bessere Antwort, wenn auch eine, die aus irgendeinem guten Grunde stark hinausgeschoben wird. Als Jesus sagte, die Krankheit von Lazarus führe nicht wirklich zum Tode, war er schon seit elf Stunden tot. Keinem aufrichtigen Gebet wird eine Antwort verwehrt, außer der höhere Gesichtspunkt der geistigen Welt hat eine bessere Antwort ersonnen, eine Antwort, die die Bitte des Geistes des Menschen erhört im Unterschied zum Gebet des bloßen Verstandes des Menschen.

3. Wenn die zeitlichen Gebete vom Geist verfasst und im Glauben gesprochen werden, sind sie oft so weit und allumfassend, dass ihnen erst in der Ewigkeit eine Antwort zuteil werden kann; die endliche Bitte ist manchmal mit einer derartigen Sehnsucht nach dem Unendlichen befrachtet, dass die Antwort lange hinausgeschoben werden muss, um abzuwarten, bis eine angemessene Fähigkeit, sie zu empfangen, geschaffen ist; möglicherweise ist ein Gebet des Glaubens so allumfassend, dass die Antwort darauf erst im Paradies empfangen werden kann.

4. Die Antworten auf die Gebete des sterblichen Verstandes sind oft von solcher Art, dass sie erst empfangen und erkannt werden können, wenn der betreffende betende Verstand den unsterblichen Status erreicht hat. Den Gebeten eines materiellen Wesens kann oft erst entsprochen werden, wenn es zur Geistebene fortgeschritten ist.

5. Das Gebet eines Menschen, der Gott kennt, kann durch Unwissenheit so verzerrt und durch Aberglauben so entstellt werden, dass seine Beantwortung höchst unerwünscht wäre. In diesem Fall müssen die vermittelnden Geistwesen ein solches Gebet anders ausdrücken, so dass, wenn die Antwort darauf kommt, der Bittsteller außerstande ist, sie als Antwort auf sein Gebet zu erkennen.

6. Alle wahren Gebete richten sich an geistige Wesen, und allen solchen Bitten muss in geistigem Sinne entsprochen werden, und alle diese Antworten müssen aus geistigen Realitäten bestehen. Geistwesen können auf die geistigen Bitten von Wesen, auch wenn diese materiell sind, keine materiellen Antworten geben. Materielle Wesen können nur wirkungsvoll beten, wenn sie „im Geiste beten“.

7. Kein Gebet kann auf eine Antwort hoffen, es sei denn aus dem Geiste geboren und vom Glauben genährt. Euer aufrichtiger Glaube schließt ein, dass ihr den Empfängern eurer Gebete faktisch schon im Voraus das volle Recht zugestanden habt, auf eure Bitten mit jener höchsten Weisheit und göttlichen Liebe zu antworten, die die Wesen, zu denen ihr betet, eurem Glauben nach stets zum Handeln bewegen.

8. Das Kind ist immer in seinem Recht, wenn es sich erlaubt, eine Bitte an seine Eltern zu richten; und die Eltern bleiben immer im Rahmen ihrer elterlichen Verpflichtungen gegenüber dem unreifen Kind, wenn ihre höhere Weisheit ihnen gebietet, die Antwort auf das kindliche Gebet zu verschieben, abzuändern, aufzuteilen, einzuschränken, zu überschreiten oder auf ein späteres Stadium des geistigen Aufstiegs zu verlegen.

9. Zögert nicht, Gebete geistiger Sehnsucht zu sprechen; zweifelt nicht daran, dass ihr auf eure Bitten Antwort erhalten werdet. Diese Antworten werden aufbewahrt und warten darauf, dass ihr auf dieser oder anderen Welten jene zukünftigen geistigen Ebenen wirklich kosmischer Vollbringung erreicht, auf denen es euch möglich sein wird, die seit langem wartenden Antworten auf eure einstigen, aber verfrühten Bitten zu erkennen und sie euch zu eigen zu machen.

10. Alle echten, aus dem Geiste geborenen Bitten können einer Antwort sicher sein. Bittet, und ihr werdet empfangen. Aber ihr solltet daran denken, dass ihr in Zeit und Raum fortschreitende Geschöpfe seid; deshalb müsst ihr hinsichtlich eures persönlichen Empfangs der vollen Antworten auf eure vielfältigen Gebete und Bitten stets mit dem Zeit-Raumfaktor rechnen.

Lazarus hatte in der Folge unter erbitterten Verfolgung des Sanhedrin zu leiden. Und so nahm Lazarus in Bethanien eilends von seinen Schwestern Abschied, floh durch Jericho und über den Jordan und gönnte sich kaum Ruhepausen, bevor er Philadelphia erreicht hatte. Lazarus kannte Abner gut, und hier fühlte er sich vor den mörderischen Intrigen des verruchten Sanhedrins sicher.

Bald danach verkauften Martha und Maria ihren Grundbesitz in Bethanien und gingen zu ihrem Bruder in Peräa. Dieser war mittlerweile Schatzmeister der Kirche von Philadelphia geworden. Er wurde zu einer starken Stütze Abners in dessen Auseinandersetzung mit Paulus und der Kirche von Jerusalem und starb schließlich mit siebenundsechzig Jahren an derselben Krankheit, die ihn als jüngeren Mann in Bethanien dahingerafft hatte.

Am Montag, dem 6. März, langte Jesus mit den zehn Aposteln spätabends im Lager von Pella an. Dies war die letzte Woche seines dortigen Aufenthaltes, und er widmete sich sehr aktiv der Unterweisung der Menge und der Ausbildung der Apostel. Jeden Nachmittag predigte er zu den Massen und jeden Abend beantwortete er Fragen der Apostel und gewisser fortgeschrittenerer Jünger, die im Lager wohnten.

Am Donnerstagnachmittag sprach Jesus zu der Menge über die „Gnade der Errettung“. Im Laufe dieser Predigt erzählte er einmal mehr die Geschichte vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Münze und fügte dann sein Lieblingsgleichnis vom verlorenen Sohn an. Jesus sagte:

„Die Propheten von Samuel bis Johannes haben euch ermahnt, Gott zu suchen - nach Wahrheit zu forschen. Sie haben immer gesagt: ‚Sucht den Herrn, solange ihr ihn finden könnt.‘ Alle derartigen Unterweisungen sollte man sich zu Herzen nehmen. Aber ich bin gekommen, um euch zu zeigen, dass, während ihr Gott zu finden versucht, Gott euch ebenfalls zu finden versucht. Viele Male habe ich euch die Geschichte vom guten Hirten erzählt, der die neunundneunzig Schafe seiner Herde verließ, um sich auf die Suche nach dem einen zu machen, das sich verlaufen hatte, und der dann das verirrte Schaf, als er es gefunden hatte, auf seine Schultern lud und es liebevoll zur Herde zurücktrug. Und ihr erinnert euch, dass, nachdem das verlorene Schaf zu der Herde zurückgebracht worden war, der gute Hirte seine Freunde zusammenrief und sie einlud, sich mit ihm über das wiedergefundene Schaf zu freuen, das sich verirrt hatte. Wiederum sage ich, im Himmel herrscht größere Freude über einen einzigen reuigen Sünder als über neunundneunzig Gerechte, die nichts zu bereuen haben. Die Tatsache, dass Seelen sich verirrt haben, verstärkt nur noch das Interesse des himmlischen Vaters. Ich bin in diese Welt gekommen, um meines Vaters Gebot auszuführen, und man hat zu Recht vom Menschensohn gesagt, er sei ein Freund von Zöllnern und Sündern.”

„Man hat euch gelehrt, Gott nehme euch erst nach eurer Reue und zufolge all eurer Opfer- und Bußhandlungen an, aber ich versichere euch, dass der Vater euch schon annimmt, noch bevor ihr reuig geworden seid, und den Sohn und seine Mitarbeiter aussendet, um euch zu finden und euch mit Freude zur Herde zurückzubringen, ins Königreich der Sohnschaft und des geistigen Fortschritts. Ihr seid alle wie Schafe, die vom Wege abgeirrt sind, und ich bin gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.”

„Und ihr solltet ebenfalls an die Geschichte jener Frau denken, die als Schmuck ein aus zehn Silbermünzen gefertigtes Halsband besaß und eine davon verlor. Sie zündete darauf die Lampe an, kehrte fleißig das Haus und gab die Suche nicht eher auf, als bis sie das verlorene Silberstück gefunden hatte. Und sobald sie die verlorene Münze gefunden hatte, rief sie ihre Freunde und Nachbarn herbei und sagte: ‚Freut euch mit mir, denn ich habe das verlorene Geldstück wieder gefunden.‘ So sage ich wiederum, es herrscht stets Freude bei den Engeln des Himmels über einen einzigen Sünder, der Reue zeigt und zu des Vaters Herde zurückkehrt. Und ich erzähle euch diese Geschichte, um euch einzuprägen, dass der Vater und sein Sohn sich auf die Suche nach denjenigen machen, die sich verirrt haben; und bei dieser Suche setzen wir alle Einflüsse ein, die uns bei unseren eifrigen Bemühungen hilfreich sein können, die Verlorenen und der Rettung Bedürftigen zu finden. Und so geht der Menschensohn nicht nur in die Wüste hinaus, um das vom Weg abgeirrte Schaf zu suchen, sondern er sucht auch nach der Münze, die im Hause abhanden gekommen ist. Das Schaf entfernt sich unabsichtlich; die Münze wird vom Staub der Zeit zugedeckt und liegt unter den Dingen verborgen, die der Mensch anhäuft.”

„Und jetzt möchte ich euch die Geschichte von dem unbesonnenen Sohn eines wohlhabenden Bauern erzählen, der seines Vaters Haus willentlich verließ und sich in ein fremdes Land begab, wo ihm viel Widerwärtiges zustieß. Ihr erinnert euch daran, dass das Schaf ohne Absicht in die Irre ging, aber dieser Jüngling verließ sein Heim mit Vorbedacht. Das trug sich folgendermaßen zu:”

„Ein Mann besaß zwei Söhne; der eine, jüngere, war unbeschwert und sorglos, trachtete immer danach, sich zu vergnügen und drückte sich vor Verantwortung, während sein älterer Bruder ernsthaft und sachlich war, hart arbeitete und gewillt war, Verantwortung zu tragen. Nun, diese beiden Brüder vertrugen sich nicht gut; sie stritten und zankten sich dauernd. Der jüngere Bursche war fröhlich und lebhaft, aber träge und unzuverlässig; der ältere Sohn war solide und fleißig, aber zugleich egozentrisch, mürrisch und eingebildet. Der jüngere Sohn liebte es zu spielen, aber mied die Arbeit; der ältere gab sich ganz der Arbeit hin und spielte selten. Das Zusammenleben wurde derart unangenehm, dass der jüngere Sohn zum Vater kam und sagte: ‚Vater, gib mir den dritten Teil deines Besitzes, der mir zufallen würde, und erlaube mir, in die Welt hinauszuziehen und mein Glück zu versuchen.‘ Und als der Vater, der wusste, wie unglücklich der junge Mann zu Hause mit seinem älteren Bruder war, diese Bitte hörte, teilte er seinen Besitz auf und gab dem Jüngling seinen Anteil.”

„Innerhalb weniger Wochen raffte der junge Mann all sein Geld zusammen und begab sich auf die Reise in ein fernes Land. Da er keine einträgliche Arbeit fand, die zugleich auch vergnüglich gewesen wäre, brachte er in kurzer Zeit sein ganzes Erbe in zügellosem Lebenswandel durch. Und als er alles ausgegeben hatte, brach in jenem Land eine lang andauernde Hungersnot aus und stürzte ihn ins Elend. Und dann, als er Hunger litt und seine Not groß war, fand er eine Beschäftigung bei einem Bewohner jenes Landes, der ihn auf die Felder sandte, um die Schweine zu füttern. Und der junge Mann wäre glücklich gewesen, sich an den Schoten satt zu essen, die die Schweine fraßen, aber niemand wollte ihm etwas geben.”

„Eines Tages, als er sehr hungrig war, ging er in sich und sagte: ‚Wie viele angeworbene Knechte meines Vaters haben mehr als genug Brot zu essen, während ich hier vor Hunger schier umkomme und in diesem fremden Land Schweine füttere! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und ich will zu ihm sagen: Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin es nicht länger wert, dein Sohn zu heißen; willige bloß ein, mich zu einem deiner angeworbenen Knechte zu machen.‘ Und nachdem der junge Mann zu diesem Entschluss gelangt war, erhob er sich und machte sich auf den Weg nach dem Hause seines Vaters.”

„Unterdessen hatte der Vater wegen seines Sohnes großen Kummer gelitten; er hatte den fröhlichen, wenn auch unbesonnenen Jungen vermisst. Dieser Vater liebte seinen Sohn und hielt stets nach dessen Heimkehr Ausschau, so dass an dem Tag, als dieser sich dem Hause näherte, der Vater ihn sogar schon sah, als er noch weit entfernt war. Und Liebe und Mitleid trieben ihn, ihm entgegenzueilen, und zur Begrüßung schloss er ihn liebevoll in seine Arme und küsste ihn. Und nachdem sie sich so wieder gefunden hatten, schaute der Sohn auf in das tränennasse Gesicht seines Vaters und sagte: ‚Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin es nicht mehr wert, ein Sohn genannt zu werden‘ — aber der Jüngling konnte seine Beichte nicht zu Ende sprechen, da der überglückliche Vater zu den mittlerweile herbeigeeilten Dienern sagte: ‚Bringt schnell sein bestes Gewand herbei, dasjenige, das ich aufbewahrt habe, und zieht es ihm an, und steckt den Sohnesring an seinen Finger, und holt Sandalen für seine Füße.‘“

„Und dann führte der glückliche Vater den müden Jungen, dessen Füße wund waren, ins Haus und rief seinen Dienern zu: ‚Bringt das gemästete Kalb und schlachtet es, und lasst uns essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig; er war verloren und ist wieder gefunden.‘ Und sie versammelten sich alle um den Vater, um sich mit ihm über die Heimkehr seines Sohnes zu freuen.”

„Und während sie feierten, kehrte der ältere Sohn von seinem Tagewerk auf dem Feld zurück, und als er sich dem Hause näherte, hörte er Musik und Tanzen. Beim hinteren Eingang angelangt, rief er einen Diener heraus und fragte ihn, was diese ganze Festlichkeit zu bedeuten habe. Da sagte der Diener: ‚Dein lange vermisster Bruder ist nach Hause zurückgekehrt, und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, um sich über den heil zurückgekehrten Sohn zu freuen. Komm herein, um deinen Bruder ebenfalls zu begrüßen und ihn wieder daheim in deines Vaters Haus willkommen zu heißen.‘“

„Aber als der ältere Bruder das hörte, war er derart verletzt und ungehalten, dass er das Haus nicht betreten wollte. Als der Vater vernahm, dass er über den seinem jüngeren Bruder bereiteten Empfang aufgebracht war, ging er zu ihm hinaus, um ihn dringend hereinzubitten. Aber der ältere Sohn blieb gegenüber den Versuchen seines Vaters, ihn umzustimmen, unnachgiebig und antwortete ihm: ‚All diese Jahre hindurch habe ich dir gedient und nie gegen den geringsten deiner Befehle verstoßen, und dennoch hast du mir nicht wenigstens einmal ein Zicklein gegeben, um mit meinen Freunden fröhlich zu sein. All diese Jahre bin ich hier geblieben, um für dich zu sorgen, und nie hast du wegen meines treuen Dienstes feiern lassen, aber wenn dieser dein Sohn zurückkehrt, nachdem er dein Gut mit Huren verprasst hat, beeilst du dich, das Mastkalb zu töten und für ihn ein Fest zu geben.‘“

„Da der Vater seine beiden Söhne wahrhaftig liebte, versuchte er, dem älteren gut zuzureden: ‚Aber, mein Sohn, du warst die ganze Zeit bei mir, und alles, was ich besitze, gehört auch dir. Jederzeit hättest du ein Zicklein haben können, wenn du dir Freunde gemacht hättest, um mit ihnen fröhlich zu sein. Aber es ist nur natürlich, wenn du jetzt mein Glück und meine Fröhlichkeit über deines Bruders Rückkehr teilst. Denke daran, mein Sohn, dein Bruder war verloren und ist wiedergefunden worden; er ist lebendig zu uns zurückgekehrt!‘“

Dies war eines der rührendsten und wirkungsvollsten Gleichnisse, die Jesus je vortrug, um seinen Hörern einzuprägen, dass der Vater stets bereit ist, alle zu empfangen, die Einlass ins Königreich begehren.

Jesus erzählte diese drei Geschichten besonders gern zu gleicher Zeit. Mit der Erzählung des Gleichnisses vom verlorenen Schaf wollte er zeigen, dass, wenn Menschen unabsichtlich vom Pfad des Lebens abkommen, der Vater sich um die so Verlorenen kümmert und mit seinen Söhnen, den wahren Hirten der Herde, auf die Suche nach dem verlorenen Schaf geht. Hierauf pflegte er die Geschichte von der im Hause verlorenen Münze zu erzählen, um zu veranschaulichen, wie gründlich die göttliche Suche nach allen ist, die zufolge der materiellen Sorgen und Anhäufungen des Lebens verwirrt, ratlos oder sonstwie geistig blind geworden sind. Und danach ging er jeweils zur Erzählung dieses Gleichnisses vom verlorenen Sohn über, vom Empfang des heimkehrenden Verschwenders, um klarzumachen, wie vollständig die Rehabilitierung des verlorenen Sohnes im Hause und im Herzen seines Vaters ist.

Viele, viele Male während seiner Jahre des Lehrens erzählte Jesus nimmermüde diese Geschichte vom verschwenderischen Sohn. Dieses Gleichnis und die Geschichte vom guten Samariter waren seine bevorzugten Mittel, um die Liebe des Vaters und die Nächstenliebe der Menschen zu lehren.

Außer wenn er aus den hebräischen Schriften zitierte, bezog sich Jesus immer nur unter zwei Namen auf die Gottheit: Gott und Vater. Und wenn sich der Meister auf seinen Vater als Gott bezog, gebrauchte er gewöhnlich das hebräische Wort, das den pluralen Gott (die Trinität) bezeichnete, und nicht das Wort Jahve, das für die sich entwickelnde Vorstellung vom Stammesgott der Juden stand.

Jesus nannte den Vater nie König, und er bedauerte es außerordentlich, dass die jüdische Hoffnung auf ein wiederhergestelltes Königreich und die Verkündigung eines kommenden Königreichs durch Johannes ihn dazu zwangen, seine geplante geistige Bruderschaft Königreich des Himmels zu nennen. Mit der einzigen Ausnahme - der Erklärung „Gott ist Geist“ - bezog sich Jesus auf die Gottheit nie anders als in Ausdrücken, die seine eigene, persönliche Beziehung mit dem Ersten Zentralen Ursprung des Paradieses beschrieben.

Jesus gebrauchte das Wort Gott, um die Idee der Gottheit, und das Wort Vater, um die Erfahrung, Gott zu kennen, zu bezeichnen. Wenn das Wort Vater gebraucht wird, um Gott zu bezeichnen, sollte man es in seiner weitestmöglichen Bedeutung verstehen: Das Wort Gott kann nicht definiert werden und steht infolgedessen für die unendliche Vorstellung vom Vater, während der Ausdruck Vater, der sich teilweise definieren lässt, zur Beschreibung der menschlichen Vorstellung vom göttlichen Vater in seiner Beziehung zum Menschen während dessen sterblicher Existenz angewendet werden kann.

Obwohl Jesus in seinem Erdenleben die wahre Natur des himmlischen Vaters offenbarte, lehrte er nur weniges über ihn. Eigentlich lehrte er lediglich zwei Dinge: dass Gott in seinem Wesen Geist ist und dass er in allem, was seine Beziehungen zu seinen Geschöpfen betrifft, ein Vater ist. An diesem Abend äußerte sich Jesus abschließend über seine Beziehung zu Gott, als er erklärte: „Ich bin aus dem Vater hervorgegangen, und ich bin in die Welt gekommen; und ich werde die Welt wieder verlassen und zum Vater zurückkehren.“

Jesus ist das geistige Objektiv in Menschengestalt, das dem materiellen Geschöpf Ihn, den Unsichtbaren, sichtbar macht. Er ist unser älterer Bruder, der, inkarniert, uns mit einem Wesen bekannt macht, das mit unendlichen Attributen ausgestattet ist und das ganz zu begreifen sich nicht einmal die himmlischen Heerscharen anmaßen. Aber all das muss persönliche Erfahrung des individuellen Gläubigen sein. Gott, der Geist ist, kann nur als eine geistige Erfahrung gekannt werden.

Am Samstag, dem 11. März nachmittags hielt Jesus seine letzte Predigt in Pella. Sie war eine der bemerkenswertesten Ansprachen seines öffentlichen Wirkens und hatte eine vollständige und erschöpfende Abhandlung über das Königreich des Himmels zum Inhalt. Er war sich der Verwirrung bewusst, die in den Köpfen seiner Apostel und Jünger hinsichtlich Sinn und Bedeutung der Begriffe „Königreich des Himmels“ und „Königreich Gottes“ herrschte, die er austauschbar zur Bezeichnung seiner Mission der Selbsthingabe verwendete. Doch Jesus lehrte seine Apostel ständig, das Königreich beinhalte die persönliche Erfahrung des Menschen mit seinesgleichen auf Erden und mit dem Vater im Himmel. In allem, was das Königreich betraf, war sein letztes Wort immer: „Das Königreich ist in euch.“

Die Apostel waren unfähig, die wahre Bedeutung der Äußerungen Jesu zu erfassen, die das Königreich betrafen. Die spätere Entstellung von Jesu Lehren, wie sie im Neuen Testament aufgezeichnet sind, rührt daher, dass die Vorstellung der Evangelienverfasser vom Glauben durchdrungen war, Jesus sei nur für kurze Zeit von der Erde abwesend und werde bald wiederkehren, um das Königreich in Macht und Herrlichkeit zu errichten - genau die Vorstellung, die sie gehabt hatten, als er als Mensch unter ihnen weilte. Aber Jesus verband die Errichtung des Königreichs nicht mit der Idee seiner Rückkehr in diese Welt. Dass Jahrhunderte ohne Zeichen der Ankunft eines „Neuen Zeitalters“ vergangen sind, steht in keiner Weise im Widerspruch zu Jesu Lehre.

Jesus wurde nie müde, ihnen zu sagen, das Königreich des Himmels sei ihre persönliche Erfahrung der Wahrnehmung höherer Qualitäten geistigen Lebens, und dass diese Realitäten geistiger Erfahrung fortschreitend auf immer neue und höhere Ebenen göttlicher Gewissheit und ewiger Größe übergingen.

An diesem Nachmittag lehrte der Meister deutlich ein neues Konzept der Doppelnatur des Königreichs, indem er die folgenden zwei Phasen beschrieb:

„Erstens. Das Königreich Gottes in dieser Welt, der höchste Wunsch, den Willen Gottes zu tun, die selbstlose Liebe des Menschen, die die guten Früchte eines verbesserten ethischen und sittlichen Verhaltens hervorbringt.”

„Zweitens. Das Königreich Gottes im Himmel, das Ziel der sterblichen Gläubigen, der Zustand, in dem die Liebe zu Gott vervollkommnet und der Wille Gottes auf göttlichere Weise getan wird.“

Jesus lehrte, dass der Gläubige kraft seines Glaubens jetzt ins Königreich eintritt. In seinen verschiedenen Reden lehrte er, dass zwei Dinge wesentlich sind, um durch den Glauben in das Königreich einzutreten:

1. Glaube, Aufrichtigkeit. Zu kommen wie ein kleines Kind, um die Gabe der Sohnschaft als ein Geschenk zu empfangen; sich dem Willen des Vaters ohne zu zweifeln in völliger Sicherheit und mit echtem Vertrauen in seine Weisheit zu fügen; vorurteilsfrei und vorbehaltlos in das Königreich einzutreten; offenen Sinnes und belehrbar zu sein wie ein unverdorbenes Kind.

2. Hunger nach Wahrheit. Durst nach Rechtschaffenheit, ein Sinneswandel, Erlangung des Antriebs, Gott zu gleichen und ihn zu finden.

Jesus lehrte, dass die Sünde nicht das Kind einer mangelhaften Veranlagung ist, sondern vielmehr das Erzeugnis eines wissenden Verstandes, der von einem rebellischen Willen beherrscht wird. Bezüglich der Sünde lehrte er, dass Gott bereits vergeben hat und dass wir persönlich zu dieser Vergebung gelangen können, indem wir unseren Nächsten verzeihen. Wenn wir unserem menschlichen Bruder vergeben, schaffen wir dadurch in unserer eigenen Seele die Fähigkeit zum Empfang der tatsächlichen Vergebung unserer Missetaten durch Gott.

Abgesehen davon, dass die Worte Jesu vor zweitausend Jahren schon rein sprachlich eine andere Bedeutung hatten als unsere Begriffe von Sünde und Vergebung, muss man sich immer vor Augen halten, dass Jesus sich damals mit seinen Aussagen dem damaligen Verständnis seiner Zuhörer anpassen musste. Im Sinne des Kurses würden wir in diesem Zusammenhang nicht von Sünde, sondern von Irrtum und nicht von Vergebung, sondern von Berichtigung sprechen, um nicht dem Irrtum zu unterliegen, dass GOTT selbst etwas zu vergeben hätte.

Obwohl Jesus lehrte, dass der Glaube, ein einfacher, kindlicher Glaube, der Schlüssel zum Tor des Königreichs ist, so lehrte er auch, dass jedes gläubige Kind nach dem Durchschreiten des Tors die Stufen der Rechtschaffenheit hinanzusteigen hat, um zu der vollen Statur eines widerstandsfähigen Gottessohnes heranzuwachsen. Und das Empfangen der Vergebung Gottes durch einen, der an das Königreich glaubt, umfasst eine ganz bestimmte und reale Erfahrung und besteht aus den vier folgenden Stufen, den Königreich-Stufen innerer Rechtschaffenheit:

1. Der Mensch kann Gottes Vergebung genau in dem Maße tatsächlich empfangen und persönlich erfahren, wie er seinen Mitmenschen vergibt.

2. Der Mensch wird seinen Mitmenschen nicht wahrhaftig verzeihen, solange er sie nicht liebt, wie sich selber.

3. Deinen Nächsten so zu lieben wie dich selber, ist deshalb die höchste Ethik.

4. Sittliches Verhalten, wahre Rechtschaffenheit wird dann die natürliche Folge dieser Liebe.

Daraus geht klar hervor, dass die wahre und verinnerlichte Religion des Königreichs unfehlbar und zunehmend danach strebt, sich in praktischem, sozialem Dienst zu äußern. Jesus lehrte eine lebendige Religion, welche diejenigen, die sich ihr öffnen, dazu bewegt, sich liebendem Dienen zu verpflichten. Aber Jesus setzte nicht die Ethik an die Stelle der Religion. Er lehrte Religion als eine Ursache und Ethik als ein Resultat.

Die Rechtschaffenheit jeder Handlung muss an ihrem Motiv gemessen werden: Deshalb sind die höchsten Formen des Guten unbewusst. Jesus kümmerte sich nie um Moral oder Ethik als solche. Sein ganzes Bemühen galt der inneren und geistigen Verbundenheit mit Gott dem Vater, die sich so gewiss und direkt im äußeren und liebenden Dienst an den Menschen kundtut. Er lehrte, dass die Religion des Königreichs eine echte, persönliche Erfahrung ist, die niemand für sich selbst behalten kann; dass das Bewusstsein, ein Mitglied der Familie der Gläubigen zu sein, unvermeidlich zur Befolgung der im Familienleben geltenden Regeln führt, nämlich zum Dienst an seinen Brüdern und Schwestern im Bestreben, die Brüderlichkeit zu verstärken und zu erweitern.

Durch seine Lehre, dass das Königreich sich im Inneren befindet, durch sein Feiern des Einzelnen versetzte Jesus der alten Gesellschaft den Todesstoß, womit er eine neue Epoche wahrer sozialer Rechtschaffenheit einleitete. Man hat in der Welt von dieser neuen Gesellschaftsordnung wenig gespürt, weil sie sich geweigert hat, die Prinzipien des Evangeliums vom Königreich des Himmels in die Tat umzusetzen. Aber wenn dieses Königreich geistiger Vormachtstellung auf die Erde kommt, wird es nicht nur durch verbesserte soziale und materielle Bedingungen in Erscheinung treten, sondern vielmehr im Glanz jener erhöhten und bereicherten geistigen Werte, die charakteristisch sind für das nahende Zeitalter verbesserter menschlicher Beziehungen und fortschreitender geistiger Errungenschaften.

Jesus definierte das Königreich nie genau. Einmal mochte er über den einen Gesichtspunkt des Königreichs sprechen und ein andermal einen anderen Aspekt der Brüderlichkeit behandeln, die Gottes Herrschaft in den Herzen der Menschen entstehen lässt. Im Laufe der Predigt dieses Sabbatnachmittags erwähnte Jesus nicht weniger als fünf Phasen, oder Epochen, des Königreichs, nämlich:

1. Des individuellen Gläubigen persönliche und innere Erfahrung der lebendigen geistigen Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

2. Die wachsende Bruderschaft der an das Evangelium Glaubenden, die sozialen Aspekte einer gehobenen Moral und neu aufblühenden Ethik, die eine Folge des in den Herzen der individuellen Gläubigen herrschenden Geistes Gottes sind.

3. Die übersterbliche Bruderschaft unsichtbarer geistiger Wesen, die auf Erden und im Himmel vorherrscht, das übermenschliche Königreich Gottes.

4. Die Aussicht auf eine vollkommenere Erfüllung des göttlichen Willens, der Fortschritt in Richtung des Heraufdämmerns einer neuen gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung mit einem verbesserten geistigen Leben - das nächste Zeitalter des Menschen.

5. Das Königreich in seiner Fülle, das künftige Zeitalter des Lichts und Lebens auf Erden.

Deshalb müssen wir die Unterweisung des Meisters stets aufmerksam studieren, um sicher zu sein, auf welche der fünf Phasen er sich bezieht, wenn er den Ausdruck Königreich gebraucht. Durch den Prozess der allmählichen Veränderung des menschlichen Willens und den dadurch auf die menschlichen Entscheidungen ausgeübten Einfluss verändern Jesus und seine Mitarbeiter ebenfalls allmählich, aber bestimmt den ganzen gesellschaftlichen und übrigen Lauf der menschlichen Evolution.

Bei dieser Gelegenheit unterstrich der Meister insbesondere die folgenden fünf Punkte, die die wesentlichen Züge des Evangeliums vom Königreich darstellen:

1. Der Vorrang des Individuums.

2. Der Wille als entscheidender Faktor in der Erfahrung des Menschen.

3. Geistige Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.

4. Die allerhöchsten Befriedigungen durch den liebevollen Dienst an den Menschen.

5. Die Überlegenheit des Geistigen über das Materielle in der menschlichen Persönlichkeit.

Die Welt hat diese dynamischen Ideen und göttlichen Ideale von Jesu Lehre vom Königreich des Himmels nie ernstlich oder aufrichtig oder ehrlich erprobt. Aber wir sollten uns durch den scheinbar langsamen Fortschritt der Idee des Königreichs auf der Erde nicht entmutigen lassen. Denken wir daran, dass die Ordnung der fortschreitenden Evolution plötzlichen und unerwarteten periodischen Veränderungen sowohl in der materiellen wie in der geistigen Welt unterworfen ist. Die Selbsthingabe Jesu als inkarnierter Sohn war gerade solch ein seltsames und unerwartetes Ereignis im geistigen Leben der Welt. Machen wir auch nicht den verhängnisvollen Fehler, nach der epochalen Manifestation des Königreichs Ausschau zu halten und es darüber zu versäumen, dieses in unserer eigenen Seele zu errichten.

Obwohl Jesus auf eine bestimmte, in der Zukunft liegende Phase des Königreichs hinwies und bei zahlreichen Gelegenheiten zu verstehen gab, dass ein solches Ereignis als Teil einer Weltkrise auftreten könnte; und obwohl er ebenfalls bei mehreren Anlässen mit großer Bestimmtheit und definitiv versprach, eines Tages auf die Erde zurückzukehren, sollte festgehalten werden, dass er diese beiden Ideen nie eindeutig miteinander in Verbindung brachte. Er versprach eine neue Offenbarung des Königreichs auf Erden zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt; er versprach ebenfalls, dereinst auf diese Welt zurückzukehren. Aber er sagte nicht, dass diese beiden Ereignisse dasselbe seien.

Ich halte Ein Kurs in Wundern für die angekündigte neue Offenbarung! Und die Rückkehr Christi bedeutet nichts anderes als das Ende der Herrschaft des Ego und die Heilung des Geistes. Dies ist eine Veränderung in unserem Geist und nicht die Rückkehr der Person Jesus als Körper.

“Die Welt hat noch kein umfassendes Wiedererwachen oder eine umfassende Wiedergeburt erfahren. Eine solche Wiedergeburt ist unmöglich, solange du fortfährst, zu projizieren oder fehlzuerschaffen. Doch liegt es weiterhin in dir, dich auszudehnen, so wie GOTT SEINEN GEIST auf dich ausdehnte.”
(EKIW: Kapitel 2, I. 3. 7.-9.)

“Die ANKUNFT CHRISTI [engl.: First Coming of Christ] ist lediglich ein anderer Name für die Schöpfung, denn CHRISTUS ist der SOHN GOTTES. Die WIEDERKUNFT CHRISTI [engl.: Second Coming of Christ] bedeutet nichts anderes als das Ende der Herrschaft des Ego und die Heilung des Geistes. Ich wurde in der ANKUNFT CHRISTI so wie du erschaffen, und ich habe dich gerufen, dich mir in der WIEDERKUNFT anzuschließen.”
(EKIW: Kapitel 4, IV. 10. 1.-3.)

“Deine Auferstehung ist dein Wiedererwachen. Ich bin das Vorbild für die Wiedergeburt, aber die Wiedergeburt selbst ist nur das Heraufdämmern dessen in deinem Geist, was bereits in ihm liegt. GOTT hat es SELBST in ihn hineingelegt, und somit ist es ewig wahr. Ich habe an es geglaubt und es deshalb für mich als wahr angenommen.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 7. 1.-4.)

“Die Auferstehung ist ganz einfach das Besiegen oder Überwinden des Todes. Sie ist ein Wiedererwachen oder eine Wiedergeburt, eine Veränderung des Denkens über die Bedeutung der Welt. Sie ist das Annehmen der Deutung des HEILIGEN GEISTES in Bezug auf den Sinn und Zweck der Welt, das Annehmen der SÜHNE für sich selbst. Sie ist das Ende der Träume vom Elend und das frohe Bewusstsein vom letzten Traum des HEILIGEN GEISTES. Sie ist das Wiedererkennen der Gaben GOTTES.”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, 28. 1. 1.-5.)

“Lass uns hinausgehen und der neugeborenen Welt begegnen - in der Erkenntnis, dass CHRISTUS in ihr wiedergeboren wurde und dass die Heiligkeit dieser Wiedergeburt ewig währen wird.”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER, BEGRIFFSBESTIMMUNG, EPILOG, 5. 1.)

Am Tag nach der denkwürdigen Predigt über „Das Königreich des Himmels“ kündigte Jesus an, dass er sich am folgenden Tag mit den Aposteln zum Passahfest nach Jerusalem aufmachen und unterwegs zahlreiche Städte im südlichen Peräa besuchen werde.

Als Jesus und die ihm nachfolgende fast tausendköpfige Schar an der manchmal Bethabara genannten Furt des Jordans bei Bethanien ankamen, bestieg Jesus einen großen Felsblock und hielt jene Ansprache, die als „Berechnung des Preises“ bekannt wurde. Der Meister sagte unter anderem:

„Ihr, die ihr mir von jetzt an folgen wollt, müsst gewillt sein, den Preis rückhaltloser Hingabe an die Ausführung des Willens meines Vaters zu bezahlen. Wenn ihr meine Jünger sein möchtet, müsst ihr willens sein, Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder und Schwestern zu verlassen. Wenn irgendeiner von euch jetzt mein Jünger sein möchte, muss er gewillt sein, sogar sein Leben hinzugeben, gerade so, wie der Menschensohn sich jetzt anschickt, sein Leben hinzugeben in Erfüllung seiner Sendung, den Willen des Vaters auf Erden und als Mensch auszuführen.”

„So setze sich nun jeder von euch hin und schätze ab, was es kostet, mein Jünger zu sein. Von jetzt an werdet ihr uns nicht mehr nachfolgen können, um die Unterweisung zu hören und die Werke zu sehen. Es wird von euch verlangt werden, heftigen Verfolgungen ins Auge zu sehen und für dieses Evangelium angesichts vernichtender Enttäuschungen Zeugnis abzulegen. Wenn ihr nicht willens seid, auf alles, was ihr seid, zu verzichten und alles, was ihr habt, hinzugeben, seid ihr nicht wert, meine Jünger zu sein. Wenn ihr euch in euren Herzen bereits selbst besiegt habt, braucht ihr euch vor dem äußeren Sieg nicht zu fürchten, den ihr sehr bald werdet erringen müssen, wenn der Menschensohn von den Hohenpriestern und Sadduzäern zurückgewiesen und den Händen spottender Ungläubiger überantwortet wird.”

„Ihr solltet euch jetzt selber erforschen, um herauszufinden, was euch dazu bewegt, meine Jünger zu sein. Wenn ihr Ehre und Ruhm sucht, wenn ihr weltlichen Sinnes seid, dann gleicht ihr dem Salz, das seinen Geschmack verloren hat. Und wenn das, was wegen seiner Salzigkeit geschätzt wird, seinen Geschmack verloren hat, womit soll man es dann würzen? Eine solche Würze ist nutzlos; sie taugt zu nichts, als zum Abfall geworfen zu werden. Ich habe euch jetzt nahe gelegt, friedlich nach Hause zurückzukehren, wenn ihr nicht gewillt seid, mit mir den Kelch zu trinken, der in Vorbereitung ist. Immer wieder habe ich euch gesagt, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist, aber ihr wollt mir nicht glauben. Wer Ohren hat zu hören, vernehme, was ich sage.“

Wenn Jesus vor zweitausend Jahren diese Worte sinngemäß so gebraucht hat, dann dürfen wir sie nicht missverstehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass der VATER die Kreuzigung seines Sohnes wollte, damit ER den Menschen ihre Sünden vergeben kann, sondern es bedeutet, dass der Wille des VATERS auf Erden unsere Erlösung ist und dass das weltliche Leben Jesus, als extremes Beispiel für den Erlösungsprozess (SÜHNE), diesem grundsätzlichen Willen des VATERS entspricht. Die Auferstehung ist der WILLE GOTTES.

“Der Satz »Denn also hat GOTT die Welt geliebt, dass ER SEINEN eingeborenen SOHN gab, damit alle, die an IHN glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben« bedarf nur einer geringfügigen Berichtigung, um in diesem Zusammenhang bedeutungsvoll zu sein: »dass ER sie SEINEM eingeborenen SOHN gab«.”
(EKIW: Kapitel 2, VII. 5. 14.)

Jesus wollte aufzeigen, dass der SOHN GOTTES nicht gekreuzigt werden kann, weil das Leben ewig ist und SEIN Königreich nicht von dieser Welt ist. “Die Kreuzigung hatte keinen Anteil an der SÜHNE. Nur die Auferstehung wurde zu meiner [Jesus] Rolle darin. Sie ist das Symbol der Befreiung von der Schuld durch die Schuldlosigkeit.” (EKIW: Kapitel 14, V. 10. 1.-3.) Jesus war ein Lehrer der Unschuld des SOHN GOTTES. GOTT SELBST kennt seinen SOHN nur so, wie ER IHN erschaffen hat, die ganze Körper-Geschichte ist nicht SEINE Schöpfung. Der Wille GOTTES bedeutet vollkommenes Glück des erlösten Geistes unabhängig vom Geschehen auf der illusionären Ebene der Form.

Jesus verbreitete gute Zuversicht, wo immer er hinkam. Er war voll gewinnender Güte und Wahrheit. Seine Gefährten hörten nie auf, über den Charme der Worte zu staunen, die aus seinem Munde kamen. Man kann Anmut kultivieren, aber einnehmende Güte ist der Duft der Freundlichkeit, der einer liebeerfüllten Seele entströmt.

Jesus verstand die Menschen wirklich; deshalb konnte er echter Anteilnahme Ausdruck geben und aufrichtiges Mitgefühl zeigen. Aber selten gab er sich der Bemitleidung hin. Während sein Mitgefühl grenzenlos war, zeigte sich seine Anteilnahme auf praktische, persönliche und konstruktive Weise. Nie erzeugte die Vertrautheit mit dem Leiden in ihm Gleichgültigkeit, und er war fähig, betrübten Seelen beizustehen, ohne ihr Selbstmitleid zu vergrößern.

Jesus konnte den Menschen so viel helfen, weil er sie so aufrichtig liebte. Er liebte wahrhaft jeden Mann, jede Frau und jedes Kind. Er konnte ein so treuer Freund sein dank seinem außerordentlichen Einfühlungsvermögen - er wusste ganz und gar, was in Herz und Gemüt der Menschen vor sich ging. Er war ein interessierter und scharfer Beobachter. Er war ein Experte im Verstehen von menschlichen Bedürfnissen und besaß das Geschick, menschliche Sehnsüchte ausfindig zu machen.

Jesus war nie in Eile. Er hatte Zeit, seine Mitmenschen „im Vorübergehen“ aufzurichten. Er sah immer zu, dass sich seine Freunde wohl fühlten. Er war ein charmanter Zuhörer. Er unternahm es nie, die Seelen seiner Gefährten in aufdringlicher Art auszuhorchen. Wenn er hungrige Gemüter erquickte und durstigen Seelen Trost spendete, hatten die Empfänger seiner Barmherzigkeit weniger das Gefühl, ihm etwas zu bekennen als mit ihm auszutauschen. Sie hatten grenzenloses Vertrauen zu ihm, weil sie spürten, dass er so sehr an sie glaubte.

Er schien, was die Leute anbetraf, nie neugierig zu sein, und er bekundete nie den Wunsch, ihnen zu befehlen, sie zu dirigieren oder sich eifrig mit ihnen zu befassen. Er weckte in allen, die sich seines Umgangs erfreuten, tiefes Selbstvertrauen und soliden Mut. Wenn er einem Menschen zulächelte, verspürte dieser Sterbliche eine erhöhte Fähigkeit zur Lösung seiner vielfältigen Probleme.

Jesus liebte die Menschen so sehr und in so weiser Art, dass er nie zögerte, mit ihnen streng zu sein, wenn die Umstände eine derartige Disziplin erforderten. Sehr oft kam er einer Person zu Hilfe, indem er sie um Hilfe anging. Auf diese Weise erregte er ihr Interesse und appellierte an das Bessere in der menschlichen Natur.

Der Meister vermochte in dem groben Aberglauben der Frau, die durch Berühren des Saums seines Gewandes Heilung suchte, den rettenden Glauben zu erkennen. Er war jederzeit bereit und willens, eine Predigt zu unterbrechen oder eine Menge warten zu lassen, um sich den Bedürfnissen einer einzelnen Person oder gar einem kleinen Kind zuzuwenden. Große Dinge ereigneten sich nicht nur, weil die Leute an Jesus glaubten, sondern auch, weil Jesus so stark an sie glaubte.

Die meisten der wirklich wichtigen Dinge, die Jesus sagte oder tat, schienen zufällig zu geschehen, „während er vorüberging“. Es gab so wenig an Professionellem, Wohlgeplantem oder Vorausbedachtem im irdischen Wirken des Meisters. In natürlicher und anmutiger Weise spendete er Gesundheit und teilte inneres Glück aus auf seiner Reise durchs Leben. Es war im wörtlichen Sinne wahr: „Er ging umher und tat Gutes.“

Und in allen Zeitaltern obliegt es den Anhängern des Meisters, zu lernen, „im Vorübergehen“ zu dienen - uneigennützig Gutes zu tun, während sie ihren täglichen Pflichten nachgehen.

Jesus und die Apostel erreichten Bethanien am Freitag, dem 31. März 30. Lazarus, seine Schwestern und ihre Freunde erwarteten sie. Die Hohenpriester waren unterrichtet, dass Jesus in Bethanien wohnte, aber sie hielten es für das Beste, nicht zu versuchen, ihn aus der Mitte seiner Freunde heraus zu verhaften. Sie beschlossen abzuwarten, bis er nach Jerusalem komme. Jesus wusste um all das, aber er war von erhabener Ruhe; nie hatten seine Freunde ihn gelassener und freundlicher gesehen; sogar die Apostel waren erstaunt, dass er so unbeschwert sein konnte angesichts der Tatsache, dass der Sanhedrin alle Juden aufgerufen hatte, ihm Jesus auszuliefern.

Sechs Tage vor Passah, am Abend nach dem Sabbat, kamen ganz Bethanien und Bethphage zusammen, um Jesu Ankunft mit einem öffentlichen Bankett im Haus eines Nachbarn von Lazarus zu feiern. Dieses Abendessen wurde sowohl Jesu wie auch Lazarus zu Ehren gegeben, und es wurde in offener Missachtung des Sanhedrins veranstaltet.

Es geschah nichts Ungewöhnliches, bis gegen Ende des Festes Maria, die Schwester des Lazarus, aus der Gruppe der zuschauenden Frauen heraustrat, sich dahin begab, wo der Meister als Ehrengast lagerte, und sich anschickte, ein großes Alabastergefäß mit einem sehr seltenen und kostbaren Salböl zu öffnen; und nachdem sie des Meisters Kopf damit gesalbt hatte, begann sie, es über seinen Füßen auszugießen, wobei sie ihre Haare löste und die Füße damit trocknete. Das ganze Haus wurde vom Wohlgeruch des Öls erfüllt, und alle Anwesenden staunten über das, was Maria getan hatte. Lazarus sagte nichts, aber als einige Leute murrten und ihre Empörung darüber zum Ausdruck brachten, dass ein so kostbares Öl derart verwendet wurde, schritt Judas Iskariot dahin, wo Andreas lagerte und sagte: „Wieso hat man dieses Öl nicht verkauft und den Erlös zur Speisung der Armen verwendet? Du solltest mit dem Meister sprechen, damit er solche Verschwendung tadle.“

Jesus, der wusste, was sie dachten, und hörte, was sie sagten, legte seine Hand auf den Kopf Marias, die an seiner Seite kniete, und sagte mit freundlichem Gesichtsausdruck: „Lasst sie in Ruhe, ihr alle. Weshalb behelligt ihr sie, da sie doch aus Herzensgrund etwas Gutes getan hat? Euch, die ihr murrt und sagt, dieses Öl hätte verkauft und das Geld den Armen gegeben werden sollen, lasst mich sagen, dass ihr die Armen stets um euch habt, so dass ihr ihnen jederzeit, wenn es euch beliebt, Gutes tun könnt; aber ich werde nicht immer bei euch sein; ich gehe bald zu meinem Vater. Diese Frau hat das Öl seit langem für das Begräbnis meines Körpers aufgehoben, und jetzt, wo sie es für gut fand, diese Salbung in Vorausnahme meines Todes vorzunehmen, soll ihr diese Befriedigung nicht verweigert werden. Durch ihre Handlung hat sie euch allen eine Rüge erteilt, indem sie durch diese Tat ihren Glauben an das, was ich über meinen Tod und meine Auffahrt zu meinem Vater im Himmel gesagt habe, bewiesen hat. Diese Frau soll für das, was sie heute Abend getan hat, nicht getadelt werden; ich sage euch vielmehr, dass, wo immer auf der ganzen Welt in den kommenden Zeitaltern dieses Evangelium gepredigt wird, man sich an sie erinnern und von dem sprechen wird, was sie getan hat.“

Wegen dieses Tadels, den er als persönlichen Vorwurf auffasste, beschloss Judas Iskariot schließlich, sich für seine verletzten Gefühle zu rächen. Oft hatte er unbewusst solche Ideen genährt, aber jetzt wagte er es, sich so abscheulichen Gedanken bei hellwachem Bewusstsein zu überlassen. Und viele andere ermutigten ihn in dieser Haltung, denn der Preis für das Salböl entsprach der Summe, die ein Mann in einem ganzen Jahr verdiente - genug, um fünftausend Menschen Brot zu verschaffen. Aber Maria liebte Jesus; sie hatte dieses kostbare Öl erworben, um seinen toten Körper damit einzubalsamieren, denn sie glaubte seinen Worten, als er sie vorwarnte, er müsse sterben; und man konnte es ihr nicht verdenken, dass sie sich umbesann und beschloss, den Meister mit dieser Gabe zu beschenken, während er noch lebte.

Nachdem er sich für einen öffentlichen Einzug in Jerusalem entschlossen hatte, stand der Meister vor der Notwendigkeit, eine geeignete Methode zur Ausführung dieser Entscheidung zu finden. Jesus dachte über alle mehr oder weniger widersprüchlichen so genannten messianischen Prophetien nach, aber es schien darunter nur eine einzige zu geben, der zu folgen sich für ihn überhaupt eignete. Die meisten dieser prophetischen Äußerungen beschrieben einen König, den Sohn und Nachfolger Davids, einen kühnen und dynamischen weltlichen Befreier ganz Israels vom Joch der Fremdherrschaft. Aber da gab es eine Schriftstelle, die manchmal von denen, die seine Sendung eher im geistigen Sinne auffassten, mit dem Messias in Beziehung gebracht wurde, und von der Jesus dachte, sie könne ihn vernünftigerweise bei seinem geplanten Einzug in Jerusalem leiten. Diese Stelle befand sich in Zacharias und lautete: „Frohlocke, oh Tochter Zions! Jauchze, oh Tochter Jerusalems! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und er bringt Rettung. Er kommt als ein Demütiger, auf einem Esel reitend, einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.”

Ein Kriegerkönig zog stets auf einem Pferd in eine Stadt ein; ein König in friedlicher und freundschaftlicher Mission zog immer auf einem Esel reitend ein. Jesus wollte in Jerusalem nicht als ein Mensch hoch zu Ross Einzug halten, aber er war gewillt, friedlich und guten Willens als der Menschensohn auf einem Esel zu reiten.

Jesus hatte lange Zeit durch direkte Unterweisung versucht, seinen Aposteln und Jüngern einzuprägen, dass sein Königreich nicht von dieser Welt, sondern eine rein geistige Angelegenheit sei; aber seinem Bemühen war kein Erfolg beschieden. Nun wollte er versuchen, durch einen symbolischen Appell zu erreichen, was ihm im klaren und persönlichen Unterricht nicht gelungen war. Also rief Jesus gleich nach dem Mittagsmahl Petrus und Johannes zu sich und wies sie an, nach Bethphage, einem etwas abseits der Hauptstraße und eine kurze Strecke nordwestlich von Bethanien gelegenen Nachbardorf, hinüberzugehen, und fügte hinzu: „Geht nach Bethphage, und wenn ihr bei der Wegkreuzung angelangt seid, werdet ihr dort ein angebundenes Fohlen einer Eselin finden. Bindet das Fohlen los und führt es mit euch zurück. Wenn euch jemand fragt, wieso ihr das tut, sagt nur: ‚Der Meister braucht es.‘“ Und als die beiden Apostel gemäß des Meisters Anweisung in Bethphage anlangten, fanden sie das angebundene Fohlen ganz nah bei seiner Mutter auf offener Straße neben einem Eckhaus. Als Petrus das Fohlen loszubinden begann, kam der Besitzer herüber und fragte, wieso er das tue. Als Petrus ihm antwortete, wie Jesus ihm aufgetragen hatte, sprach der Mann: „Wenn euer Meister Jesus von Galiläa ist, soll er das Fohlen haben.“ Und so kehrten sie mit dem Eselchen zurück.

Als die Prozession Bethanien verließ, herrschte große Begeisterung in der festlichen Menge von Jüngern, Gläubigen und Pilgern, die auf Besuch waren und von denen viele aus Galiläa und Peräa stammten. Gerade bevor sie sich in Bewegung setzten, trafen die zwölf Frauen des ursprünglichen Frauenkorps in Begleitung einiger ihrer Mitarbeiterinnen auf dem Schauplatz ein und schlossen sich der einzigartigen Prozession an, die sich freudig der Stadt zu bewegte.

Jesus war unbeschwert und heiter, während sie dahin zogen, bis er auf der Kuppe des Ölbergs anlangte, von wo sich dem Auge Stadt und Tempeltürme voll darboten. Hier hielt der Meister die Prozession an, und eine große Stille legte sich über alle, als sie ihn weinen sahen. Der Meister blickte auf die riesige Menge hinunter, die aus der Stadt kam, um ihn zu grüßen, und mit großer Bewegung und tränenerstickter Stimme sprach er: „Oh Jerusalem, hättest du, gerade du, nur wenigstens an diesem, deinem Tag, die Dinge erkannt, die zu deinem Frieden gehören und die du so uneingeschränkt hättest haben können! Aber nun sind diese Herrlichkeiten im Begriff, vor deinen Augen verborgen zu werden. Du bist dabei, den Friedenssohn zurückzuweisen und dem Evangelium des Heils den Rücken zu kehren. Bald werden die Tage über dich kommen, da deine Feinde um dich herum einen Graben legen und dich von allen Seiten her belagern werden; sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, und kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Und all das wird dir widerfahren, weil du die Zeit deiner göttlichen Visitation nicht erkannt hast. Du bist im Begriff, das Geschenk Gottes zurückzuweisen, und alle Menschen werden dich zurückweisen.“

Unter der Regierung des Herodes, der als römischer Klientelkönig 30 v. Chr. bis 4 v. Chr. über Judäa herrschte, wurde Jerusalem zur jüdischen Metropole und zugleich zur hellenistisch-römischen Königsstadt ausgebaut. Von seinen Großbauten war der Herodianische Tempel das ambitionierteste Projekt. Die große Tempelplattform, die zugleich als Forum genutzt werden konnte, dominierte das Stadtbild und war durch monumentale Treppen und Brücken mit den Wohngebieten im Süden und im Westen verbunden. Diese Metropole und ihr Tempel wurde im Jahre 70 n. Chr. am Ende des Jüdischen Krieges durch Titus zerstört, die jüdische Bevölkerung getötet, versklavt oder vertrieben.

Als Jesus fertig gesprochen hatte, begannen sie mit dem Abstieg vom Ölberg und trafen kurz danach auf den von Jerusalem herkommenden Besucherstrom, der Palmwedel schwenkte, Hosianna rief und seiner fröhlichen und kameradschaftlichen Stimmung in anderer Weise Ausdruck gab. Der Plan des Meisters sah nicht vor, dass ihnen diese Scharen aus Jerusalem entgegenkommen sollten; das war das Werk anderer. Er plante nie Theatralisches.

Tatsächlich durfte man diesem oberflächlichen und spontanen Ausbruch von Volksbegeisterung keine tiefere Bedeutung beimessen. Obwohl die Begrüßung freudig und aufrichtig war, entsprang sie keiner echten oder tiefen Überzeugung in den Herzen der festlich gestimmten Teilnehmer. Die gleiche Menge war später in der Woche ebenso bereit, Jesus eilig abzulehnen, nachdem der Sanhedrin ihm gegenüber einmal eine feste und entschlossene Haltung eingenommen hatte, und nachdem die Ernüchterung über sie gekommen war - als sie gewahr wurden, dass Jesus das Königreich nicht in Übereinstimmung mit ihren lange gehegten Erwartungen errichten würde.

Während die Alphäus-Zwillinge den Esel seinem Besitzer zurückbrachten, lösten sich Jesus und die zehn Apostel von ihren unmittelbaren Begleitern, und während sie durch den Tempel schlenderten, schauten sie den Vorbereitungen zum Passahfest zu. Kein Versuch, Jesus zu belästigen, wurde unternommen, da der Sanhedrin große Angst vor dem Volk hatte; und das war schließlich einer der Gründe, weshalb Jesus der Menge gestattet hatte, ihm in dieser Art Beifall zu spenden. Die Apostel begriffen nicht, dass dies die einzig wirksame menschliche Vorgehensweise war, um beim Betreten der Stadt einer sofortigen Verhaftung zu entgehen.

Als sie an diesem Sonntagabend nach Bethanien zurückkehrten, schritt Jesus den Aposteln voran. Nicht ein Wort wurde gesprochen. Nie hatten zwölf menschliche Wesen ähnlich verschiedenartige und unerklärliche Gefühle durchlebt wie die, welche jetzt in Gemüt und Seele dieser Botschafter des Königreichs aufwallten. Diese robusten Galiläer waren verwirrt und aus der Fassung gebracht; sie wussten nicht, was sie als Nächstes erwartete; sie waren zu überrascht, um sich allzu sehr zu ängstigen. Sie wussten nichts von den Plänen des Meisters für den nächsten Tag, und sie stellten keine Fragen. Sie begaben sich in ihre Quartiere, obwohl sie, mit Ausnahme der Zwillinge, nicht viel schliefen.

Bei Judas endgültigen Entschluss, Jesus und seine Mitapostel zu verlassen, übte kein einziger anderer Faktor auf ihn einen so mächtigen Einfluss aus wie jener Vorfall, der sich gerade zutrug, als Jesus das Stadttor erreichte: Ein prominenter Sadduzäer (ein Freund der Familie des Judas) eilte voll schadenfrohen Spottes auf ihn zu und klopfte ihm mit den Worten auf die Schulter: „Warum so zerknirscht, mein guter Freund? Kopf hoch! Komm mit uns, um diesem Jesus von Nazareth, dem König der Juden, zuzujubeln, der auf einem Esel sitzt und durch die Tore von Jerusalem reitet.“ Judas hatte sich nie vor Verfolgung gefürchtet, aber er konnte diese Art Spott nicht ertragen.

Am Montag in Jerusalem versuchte Jesus im Tempel inmitten eines lärmenden Haufens von Geldwechslern, Waren- und Viehhändlern das Evangelium vom himmlischen Königreich zu verkündigen. Zur Verblüffung seiner Apostel, die nahe dabei standen und davon absahen, sich an dem, was sofort folgen sollte, zu beteiligen, stieg Jesus vom Rednerpodest herab, ging zu dem jungen Burschen hinüber, der das Vieh durch den Hof führte, nahm ihm seine Schnurpeitsche aus der Hand und trieb die Tiere rasch aus dem Tempel hinaus. Aber das war nicht alles: Unter den staunenden Blicken der Tausende, die im Tempelhof versammelt waren, schritt er majestätisch zu dem entferntesten Viehpferch und machte sich daran, die Boxentore eines nach dem anderen zu öffnen und die gefangenen Tiere hinauszutreiben. Jetzt waren die versammelten Pilger wie elektrisiert, und mit lauten Rufen gingen sie auf die Basare los und begannen, die Tische der Geldwechsler umzustürzen. In weniger als fünf Minuten war alles Markttreiben aus dem Tempel gefegt. Bis die in der Nähe befindlichen römischen Wachsoldaten auf dem Schauplatz eintrafen, war alles ruhig, und die Menge war wieder friedlich geworden. Jesus kehrte zum Rednerpodest zurück und sprach zu ihr: „Ihr seid heute Zeugen dessen geworden, was in den Schriften geschrieben steht: ‚Mein Haus soll ein Haus des Gebets für alle Nationen genannt werden, ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.‘“

Die Tempelvorsteher erschienen zu Mittag bei Jesus nicht nur, um seine Lehre, sondern auch, um seine Handlungen anzufechten. Auf die Fragen der führenden Pharisäer und Schriftgelehrten, die versucht hatten, Jesus durch ihre Fragen zu verwirren, antwortete Jesus mit Gleichnissen, bis die sich zu weiterer Beratung zurückzogen.

Jesus verachtete die Pharisäer und Sadduzäer nicht persönlich. Was er diskreditieren wollte, war das System ihrer Lehren und Bräuche. Er war keinem Menschen feindlich gesinnt, aber hier ereignete sich der unvermeidliche Zusammenprall einer neuen und lebendigen Religion des Geistes mit der älteren, auf Zeremonie, Tradition und Autorität beruhenden Religion. Auch als Jesus die Tiere aus dem Tempel trieb, war er nicht wütend. Er machte nur Theater, um die Botschaft seiner neuen Lehre zu verdeutlichen.

Nach dem Gleichnis vom Hochzeitfest wollte Jesus die Menge gerade entlassen, als ein freundlich gesinnter Glaubender sich durch die Menschenmasse einen Weg zu ihm bahnte und fragte: „Aber Meister, wie sollen wir von diesen Dingen Kenntnis erhalten? Wie können wir uns für die Einladung des Königs bereitmachen? Was für ein Zeichen wirst du uns geben, damit wir wissen, dass du der Sohn Gottes bist?“ Als der Meister das hörte, sprach er: „Nur ein Zeichen soll euch gegeben werden.“ Und dann zeigte er auf seinen eigenen Körper und fuhr fort: „Zerstört diesen Tempel, und innerhalb von drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“ Aber sie verstanden ihn nicht, und im Auseinandergehen sagten sie zueinander: „Fast fünfzig Jahre lang hat man an diesem Tempel gebaut, und doch sagt er, er werde ihn zerstören und in drei Tagen wieder aufbauen.“ Nicht einmal seine Apostel begriffen die Bedeutung dieser Äußerung, aber später, nach seiner Auferstehung, erinnerten sie sich an seine Worte.

Am Dienstagvormittag brach Jesus mit Andreas, Petrus, Jakobus und Johannes nach Jerusalem auf, während die anderen Apostel sich an den Aufbau des Lagers von Gethsemane machten, wo sie diese Nacht verbringen wollten und wo sie ihr Hauptquartier für den Rest des irdischen Lebens des Meisters einrichteten. Etwa auf der Hälfte des Abstiegs vom Ölberg schaltete Jesus eine Pause ein und unterhielt sich mit den vier Aposteln. Simon Petrus und Jakobus waren sich in der Frage der Vergebung nicht einig und baten Jesus um Klärung.

Nach kurzem Schweigen schaute Jesus alle vier bedeutsam an und antwortete: „Meine Brüder, ihr irrt euch in euren Auffassungen, weil ihr die Natur der innigen und liebenden Beziehungen zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer, zwischen Mensch und Gott, nicht versteht. Es gelingt euch nicht, die verständnisvolle Zuneigung zu erfassen, die weise Eltern für ihre unreifen und sich manchmal irrenden Kinder empfinden. Es ist in der Tat zweifelhaft, ob intelligente und liebevolle Eltern je in die Lage geraten, einem durchschnittlichen, normalen Kind vergeben zu müssen. Verständnisvolle Beziehungen in Verbindung mit liebevoller Einstellung beugen wirksam all jenen Entfremdungen vor, die eine spätere reuevolle Neuausrichtung des Kindes und elterliche Vergebung nötig machen.”

„Ein Teil jedes Vaters lebt im Kind. Der Vater genießt in allem, was die Kind-Vater-Beziehung anbelangt, Vorrang und überlegene Einsicht. Er ist imstande, die Unreife des Kindes im Licht der fortgeschritteneren elterlichen Reife, der reicheren Erfahrung des älteren Partners, zu sehen. Was das irdische Kind und den himmlischen Vater betrifft, so besitzt dieser unendliche und göttliche Zuneigung und die Fähigkeit zu liebendem Verstehen. Göttliche Vergebung ist zwangsläufig; sie liegt unveräußerlich in der Natur des unendlichen Verstehens Gottes, in seinem vollkommenen Wissen um alles, was mit dem falschen Urteil und der irrigen Wahl des Kindes zusammenhängt. Göttliche Gerechtigkeit ist von so ewiger Fairness, dass sie unfehlbar verstehende Barmherzigkeit in sich schließt.”

„Wenn ein weiser Mann die inneren Impulse seiner Mitmenschen versteht, wird er sie lieben. Und wenn ihr euren Bruder liebt, habt ihr ihm bereits vergeben. Diese Fähigkeit, die Natur des Menschen zu verstehen und ihm seine offensichtlichen Vergehen zu verzeihen, ist göttlich. Wenn ihr weise Eltern seid, dann ist dies die Art, in der ihr eure Kinder lieben und verstehen und ihnen sogar vergeben werdet, wenn vorübergehende Missverständnisse euch vermeintlich von ihnen getrennt haben. Das Kind, das noch unreif ist und dem es an umfassenderem Verständnis für die Tiefe der Kind-Vater-Beziehung mangelt, muss häufig ein Gefühl schuldhafter Getrenntheit empfinden, wenn sein Vater ihm seine volle Zustimmung verweigert, aber ein wahrer Vater kennt keine solche Getrenntheit. Die Sünde ist eine Erfahrung im Bewusstsein des Geschöpfs; sie gehört nicht zum Bewusstsein Gottes.”

„Eure Unfähigkeit oder euer fehlender Wille, euren Mitmenschen zu verzeihen, ist das Maß für eure Unreife, euer Unvermögen, Zuneigung, Verstehen und Liebe eines Erwachsenen zu erreichen. Ihr hegt Groll und nährt Rachegefühle in direktem Verhältnis eurer Unkenntnis der inneren Natur und wahren Sehnsüchte eurer Kinder und eurer Mitmenschen. Liebe ist die Äußerung des göttlichen, inneren Lebenstriebes. Sie gründet auf Verstehen, nährt sich von selbstlosem Dienst und vervollkommnet sich in der Weisheit.“

Pharisäer und Sadduzäer und sogar die Herodianer waren mehrheitlich der Auffassung, man sollte eine entschiedene Anstrengung unternehmen, um Jesus in den Augen der Menge zu diskreditieren, bevor man ihn verhaftete und vor Gericht brächte. Folglich wurden mehrere Gruppen gelehrter Männer dazu bestimmt, im Tempel zur Stelle zu sein, um zu versuchen, ihn mit schwierigen Fragen zum Straucheln und auf andere Weise vor dem Volk in Verlegenheit zu bringen.

Als Jesus am Dienstagmorgen im Tempelhof anlangte und zu lehren begann, hatte er kaum einige Worte gesprochen, als eine Gruppe jüngerer Studenten von den Akademien, mit denen zu diesem Zweck geprobt worden war, vortrat und sich durch ihren Wortführer an Jesus wandte: „Meister, wir wissen, dass du ein gerechter Lehrer bist, und wir wissen, dass du die Wege der Wahrheit verkündest und einzig Gott dienst, denn du fürchtest keinen Menschen und handelst ohne Ansehen der Person. Wir sind nur Studenten, und wir möchten in einer Angelegenheit, die uns zu schaffen macht, die Wahrheit wissen. Dies nämlich ist unsere Schwierigkeit: Ist es legitim, dem Kaiser Tribut zu entrichten? Sollen wir ihn geben, oder sollen wir ihn nicht geben?“ Jesus, der ihre Heuchelei und Schlauheit durchschaute, sagte zu ihnen: „Warum kommt ihr mich in dieser Weise versuchen? Zeigt mir das Tributgeld, und ich will euch antworten.“ Und als sie ihm einen Denar reichten, schaute er ihn an und sagte: „Wessen Bild und Aufschrift trägt diese Münze?“ Und als sie ihm antworteten: „Des Kaisers“, sagte Jesus: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Später trat eine weitere Pharisäergruppe vor, um bedrängende Fragen zu stellen. Ihr Sprecher gab Jesus ein Zeichen und sagte: „Meister, ich bin ein Gesetzeskundiger, und ich möchte dich fragen, welches deiner Meinung nach das größte Gebot ist?“ Jesus antwortete: „Es gibt nur ein einziges Gebot, und es ist das größte von allen, und lautet: ‚Höre, oh Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist einzig; und ihr sollt den Herrn euren Gott von ganzem Herzen und aus ganzer Seele, mit all euren Gedanken und mit all euer Kraft lieben.‘ Das ist das erste und große Gebot. Und das zweite ist wie das erste; in der Tat geht es direkt aus diesem hervor, und es lautet: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Es gibt kein anderes, größeres Gebot als diese beiden; auf diesen beiden Geboten beruhen das ganze Gesetz und die Propheten.“

Als Jesus später zum Mittagessen mit seinen Jüngern und einer Gruppe von gläubigen Griechen versammelt war, sprach er unter anderem die folgenden berühmten Worte:

„Wer an dieses Evangelium glaubt, glaubt nicht nur an mich, sondern an Ihn, der mich gesandt hat. Wenn ihr mich anschaut, dann seht ihr nicht nur den Menschensohn, sondern auch Ihn, der mich gesandt hat. Ich bin das Licht der Welt, und wer immer an meine Lehre glaubt, wird nicht länger in der Dunkelheit wohnen. Wenn ihr Heiden mich hören wollt, werdet ihr die Worte des Lebens empfangen und unverzüglich in die freudige Freiheit der Wahrheit, Söhne Gottes zu sein, eintreten. Wenn meine Landsleute, die Juden, sich entscheiden, mich zurückzuweisen und meine Lehren zu verwerfen, werde ich nicht über sie zu Gericht sitzen; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um ihr das Heil anzubieten.”

Als Jesus und die Apostel an diesem Dienstagnachmittag den Tempel verließen, um sich zum Lager von Gethsemane zu begeben, lenkte Matthäus die Aufmerksamkeit auf den Tempelbau und so ergab sich jenes Gespräch über die Zerstörung Jerusalems, welches wiederum zu einem Gespräch über Jesus eigenes zweites Kommen führte. Von allen Ansprachen, die der Meister an seine Apostel richtete, hinterließ keine in ihren Gedanken eine solche Verwirrung wie jene vom Dienstagabend auf dem Ölberg über das zweifache Thema der Zerstörung Jerusalems und seines eigenen zweiten Kommens. Deshalb gab es wenig Übereinstimmung zwischen den späteren schriftlichen Berichten, die auf der Erinnerung an das fußten, was der Meister bei dieser außerordentlichen Gelegenheit gesagt hatte. Demzufolge entstanden viele Überlieferungen aufgrund der Tatsache, dass sich die Aufzeichnungen über so manches ausschwiegen, was an jenem Dienstagabend gesagt worden war; und gleich zu Beginn des zweiten Jahrhunderts wurde eine jüdische Apokalyptik über den Messias, dessen Verfasser ein zum Hof des Kaisers Caligula gehörender gewisser Selta war, als Ganzes dem Matthäusevangelium einverleibt und später (teilweise) den Aufzeichnungen von Markus und Lukas hinzugefügt. In diesen Schriften des Selta tauchte auch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen auf. Kein Teil der Evangeliumsberichte hat eine so verwirrende Missdeutung erfahren wie gerade die Unterweisung dieses Abends. Aber der Apostel Johannes geriet nie in eine derartige Verwirrung.

Der Ansprache folgte eine spätere Diskussion im Lager und dabei antwortete Jesus einer Frage von Thomas nochmals in aller Eindeutigkeit:

„Und auch du, Thomas, verstehst nicht, was ich gesagt habe. Habe ich euch denn nicht die ganze Zeit über gelehrt, dass eure Beziehung zum Königreich geistiger und individueller Natur ist - ganz und gar eine Angelegenheit persönlicher Erfahrung im Geiste - die durch den Glauben erlangte Erkenntnis, Söhne Gottes zu sein? Was soll ich dem noch hinzufügen? Was hat der Niedergang von Nationen, der Zusammenbruch von Imperien, die Vernichtung der ungläubigen Juden, das Ende eines Zeitalters oder gar das Ende der Welt, was hat all das mit demjenigen zu tun, der an dieses Evangelium glaubt und der sein Leben in der Sicherheit des ewigen Königreichs geborgen weiß? Ihr, die ihr Gott kennt und an das Evangelium glaubt, habt die Gewissheit des ewigen Lebens bereits empfangen. Da ihr euer Leben im Geiste und für den Vater gelebt habt, kann euch nichts ernsthaft etwas anhaben. Erbauer des Königreichs, beglaubigte Bürger der himmlischen Welten, dürfen sich weder durch weltliche Aufstände beirren, noch durch irdische Katastrophen aus der Fassung bringen lassen. Was hat es für euch, die ihr an dieses Evangelium vom Königreich glaubt, zu bedeuten, wenn Nationen zugrunde gehen, wenn das Zeitalter endet oder alle sichtbaren Dinge zusammenbrechen, da ihr ja wisst, dass euer Leben das Geschenk des Sohnes ist und sich in ewiger Sicherheit beim Vater befindet? Nachdem ihr euer zeitliches Leben aus dem Glauben heraus gelebt und in rechtschaffenem, liebevollem Dienst an euren Mitmenschen die Früchte des Geistes hervorgebracht habt, könnt ihr dem nächsten Schritt auf dem ewigen Lebensweg zuversichtlich mit demselben Glauben an das Fortleben entgegensehen, der euch durch euer erstes, irdisches Abenteuer als Söhne Gottes getragen hat.”

“Aber irrt euch nicht! Dieser Glaube an das Fortleben ist ein lebendiger Glaube, und er bringt in wachsendem Maße die Früchte jenes göttlichen Geistes hervor, der ihn dem menschlichen Herzen zuerst eingegeben hat. Die Tatsache, dass ihr einmal die Sohnschaft im Himmelreich angenommen habt, wird euch nicht retten, wenn ihr wissentlich und beharrlich jene Wahrheiten zurückweist, die damit zu tun haben, dass die sterblichen Söhne Gottes zunehmend geistige Früchte tragen sollen. Ihr, die ihr mit mir am Werk Gottes auf Erden gearbeitet habt, könnt sogar jetzt noch das Königreich verlassen, wenn ihr herausfindet, dass ihr des Vaters Art und Weise, der Menschheit zu dienen, nicht mögt.”

“Die WIEDERKUNFT CHRISTI (engl.: Christ’s Second Coming), die so sicher ist wie GOTT, ist nur die Berichtigung von Fehlern und die Wiederkehr der geistigen Gesundheit. Sie ist ein Teil des Zustands, der das zurückerstattet, was nie verloren war, und wiedereinsetzt, was immer und ewig wahr ist. Sie ist die Einladung an das WORT GOTTES, den Platz der Illusionen einzunehmen, und die Bereitwilligkeit, die Vergebung ausnahmslos und ohne Vorbehalt auf allen Dingen ruhen zu lassen.”

“CHRISTI WIEDERKUNFT ist das eine Ereignis innerhalb der Zeit, das die Zeit selbst nicht beeinflussen kann. Denn jeder, der je herkam, um zu sterben, oder noch kommen wird oder jetzt gegenwärtig ist, wird gleichermaßen befreit von dem, was er gemacht hat. In dieser Gleichheit wird CHRISTUS als eine einzige IDENTITÄT wiederhergestellt, in DER die SÖHNE GOTTES anerkennen, dass sie alle eins sind. Und GOTT der VATER lächelt auf SEINEN SOHN, auf SEINE eine Schöpfung und SEINE einzige Freude.”

“Bete darum, dass die WIEDERKUNFT bald sein möge, doch lass es darauf nicht beruhen. Sie bedarf deiner Augen und Ohren, Hände und Füße. Sie bedarf deiner Stimme. Am meisten aber bedarf sie deiner Bereitwilligkeit. Lass uns frohlocken, dass wir GOTTES WILLEN tun und uns in dessen heiligem Licht vereinen können. Siehe, der SOHN GOTTES ist eins in uns, und wir können die LIEBE unseres VATERS durch IHN erreichen.”
(EKIW: ÜBUNGSBUCH, 9. 1. & 4. & 5.)

Um dies zu verdeutlichen, erzählte Jesus das berühmte Gleichnis von den Talenten. Das Talent war eine rechnerische Größe im antiken Geldsystem, aber es war von Jesus nie als Hinweis auf die Vermehrung weltlichen Besitzes gedacht, sondern als Hinweis auf die Vermehrung geistlicher Früchte. Die Wahrheit ist etwas Lebendiges; der Geist der Wahrheit führt die Kinder des Lichts stets in neue Reiche geistiger Realität und göttlichen Dienstes. Die Wahrheit wird uns nicht gegeben, damit wir sie in festen, sicheren und ehrenwerten Formen erstarren lassen. Die offenbarte Wahrheit muss in unserer persönlichen Erfahrung so gesteigert werden, dass sich allen, die unsere geistigen Früchte sehen, neue Schönheit und wirkliche geistige Gewinne enthüllen und sie dahingeleitet werden, den Vater im Himmel zu lobpreisen. Nur jene treuen Diener, die auf solche Weise in der Kenntnis der Wahrheit wachsen und dabei die Fähigkeit zu einer göttlichen Würdigung geistiger Realitäten entwickeln, können je hoffen, „ganz und gar in die Freude ihres Herrn einzutreten“. Was für einen traurigen Anblick bieten doch die aufeinander folgenden Generationen erklärter Anhänger Jesu, wenn sie über ihre Verwaltung der göttlichen Wahrheit sagen: „Hier, Meister, ist die Wahrheit, die du uns vor hundert oder tausend Jahren anvertraut hast. Wir haben nichts davon verloren; wir haben gewissenhaft alles aufbewahrt, was du uns gegeben hast; wir haben es nicht geduldet, dass an dem, was du uns gelehrt hast, irgendwelche Änderungen vorgenommen würden; hier ist die Wahrheit, so wie du sie uns gegeben hast.“ Aber eine solche Ausrede für geistige Trägheit wird den unproduktiven Verwalter der Wahrheit in Gegenwart des Meisters nicht rechtfertigen.

Das gilt auch für unsere Arbeit mit Ein Kurs in Wundern: Es genügt nicht, das geschriebene Wort zu verteidigen, sondern es muss zu einer lebendigen Erfahrung werden. Und wir sind aufgefordert, unsere besondere Funktion in der Erlösung zu erfüllen. SEIN Plan ist nicht vollständig, solange wir unsere besondere Funktion nicht finden und die Rolle nicht erfüllen.

“Es heißt ganz richtig, dass dem, der hat, gegeben wird. Weil er hat, kann er geben. Und weil er gibt, wird ihm gegeben werden. Das ist das Gesetz GOTTES, und nicht das der Welt.”
(EKIW: Ergänzungen zu EKIW, PSYCHOTHERAPIE, III. 5. 1.-.4)

Wenn sie nicht unter dem Druck der Aufgabe standen, das Volk zu lehren, war es Jesu und seiner Apostel Gewohnheit, jeden Mittwoch von ihren Anstrengungen auszuruhen und so geschah es auch an diesem Tag. Jesus machte sich bereit, allein in die Berge zu gehen, doch des jungen Johannes Markus Wunsch Jesus zu begleiten war in seinem Herzen übermächtig, so daß Jesus sich von ihm begleiten ließ. Jesus kehrte an diesem Abend erst nach Sonnenuntergang ins Lager zurück. Der Meister verbrachte seinen letzten Ruhetag auf Erden damit, sich mit diesem wahrheitshungrigen Jüngling zu unterhalten und mit seinem Paradies-Vater zu sprechen.

Kurz nachdem Jesus und Johannes Markus das Lager verlassen hatten, verschwand Judas Iskariot aus dem Kreise seiner Brüder und kehrte erst spät am Nachmittag wieder zurück. Der verwirrte und unzufriedene Apostel hastete trotz des ausdrücklichen Wunsches seines Meisters, sie sollten Jerusalem nicht betreten, zu seiner Verabredung mit Jesu Feinden ins Haus des Hohenpriesters Kajaphas.

Und jetzt stieg, wie nie zuvor, in Judas ein seltsamer Groll darüber auf, dass Jesus ihm nie eine ehrenvollere Stellung zugewiesen hatte. Bis jetzt war er immer stolz auf die Ehre gewesen, apostolischer Schatzmeister zu sein, aber nun begann er zu fühlen, dass man ihn nicht richtig würdigte, dass seine Fähigkeiten verkannt wurden. Plötzlich überkam ihn Empörung darüber, dass Petrus, Jakobus und Johannes die Ehre engen Kontaktes mit Jesus widerfahren war, und jetzt, auf dem Weg zum Hause des Hohenpriesters, war er mehr darauf aus, mit Petrus, Jakobus und Johannes abzurechnen, als dass er irgendwie daran dachte, Jesus zu verraten. Von diesem Augenblick an gab es in seinem bewussten Verstand nur noch einen neuen und alles beherrschenden Gedanken: Er suchte jetzt nach Ehre für sich, und konnte er das erreichen und es gleichzeitig denen heimzahlen, die zur größten Enttäuschung seines Lebens beigetragen hatten, umso besser. Ein entsetzliches Gemisch aus Verwirrung, Stolz, Verzweiflung und Entschlossenheit ergriff ihn. Daraus geht klar hervor, dass sich Judas nicht um des Geldes willen auf dem Weg zum Hause des Kaiaphas befand, um den Verrat an Jesus vorzubereiten.

Jesus gedachte, den Donnerstag zusammen mit seinen Aposteln und einigen wenigen getreuen und ergebenen Jüngern zu verbringen. Bald nach dem Frühstück führte der Meister sie an diesem prächtigen Morgen etwas oberhalb ihres Lagers an einen abgelegenen Ort und lehrte sie dort viele neue Wahrheiten.

Jesus sprach fast zwei Stunden lang zu ungefähr fünfzig seiner verlässlichen Anhänger und beantwortete Dutzende von Fragen zu der Beziehung zwischen dem Königreich des Himmels und den Königreichen dieser Welt und zu der Beziehung zwischen der Sohnschaft mit Gott und der Staatsbürgerschaft unter irdischen Regierungen. Einige Aspekte dieser Rede sollen nun wie folgt zusammengefasst und in moderner Sprache wiedergegeben werden:

Da die Königreiche dieser Welt materiell sind, finden sie es oft nötig, zur Durchsetzung ihrer Gesetze und zur Aufrechterhaltung der Ordnung physische Gewalt anzuwenden. Im Königreich des Himmels greifen wahre Gläubige nicht zu physischer Gewaltanwendung. Da das Königreich des Himmels eine geistige Bruderschaft von geistgeborenen Söhnen Gottes ist, kann es nur durch die Macht des Geistes verkündet werden. Diese unterschiedliche Vorgehensweise betrifft die Beziehung des Königreichs der Gläubigen zu den Königreichen weltlicher Regierung und hebt keineswegs das Recht sozialer Gruppen von Gläubigen auf, in ihren Reihen für Ordnung zu sorgen und gegen aufsässige und unwürdige Mitglieder disziplinarisch vorzugehen.

Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen der Sohnschaft im geistigen Königreich und der Staatsbürgerschaft unter einer weltlichen oder zivilen Regierung. Es ist des Gläubigen Pflicht, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Es kann zwischen diesen beiden Erfordernissen keinen Widerspruch geben, da die eine materiell und die andere geistig ist, es sei denn, ein Kaiser maße sich an, für sich Gottes Vorrechte zu beanspruchen, und verlange, dass ihm geistige Verehrung erwiesen und höchste Anbetung entgegengebracht werden. In einem solchen Fall sollt ihr allein Gott anbeten und versuchen, solche irregeleiteten irdischen Herrscher aufzuklären und sie dadurch ebenfalls zur Anerkennung des Vaters im Himmel zu bringen. Ihr solltet irdischen Herrschern keine geistige Verehrung zukommen lassen; ebensowenig solltet ihr die physischen Machtmittel irdischer Regierungen, deren Regenten irgendwann einmal zum Glauben kommen mögen, zur Förderung der Sendung des geistigen Königreiches einsetzen.

Vom Standpunkt der fortschreitenden Zivilisation aus sollte euch die Sohnschaft im Königreich dabei helfen, ideale Bürger der Königreiche dieser Welt zu werden, sind doch Brüderlichkeit und Dienen die Ecksteine des Evangeliums vom Königreich. Der Ruf der Liebe des geistigen Königreichs sollte sich als erfolgreicher Zerstörer des Hasstriebs der ungläubigen und kriegerisch gesinnten Bürger der irdischen Königreiche erweisen. Aber diese in der Dunkelheit befindlichen materialistisch gesinnten Söhne werden nie etwas von eurem geistigen Licht der Wahrheit erfahren, wenn ihr nicht sehr nahe an sie herantretet in selbstlosem sozialem Dienen, welches ganz natürlich aus den Geistesfrüchten hervorgeht, die in der Lebenserfahrung jedes einzelnen Gläubigen heranreifen.

Als sterbliche und materielle Menschen seid ihr tatsächlich Bürger der irdischen Königreiche. Ihr solltet gute Bürger sein, und umso bessere, als ihr geistgeborene Söhne des himmlischen Königreichs geworden seid. Als Söhne des Königreichs des Himmels, die der Glaube erleuchtet und der Geist frei macht, steht ihr vor der doppelten Verantwortung der Pflicht gegen die Menschen und gegen Gott, während ihr freiwillig eine dritte und heilige Verpflichtung auf euch nehmt: den Dienst an der Bruderschaft der Gläubigen, die Gott kennen.

Ihr solltet eure weltlichen Herrscher nicht anbeten und zur Förderung des geistigen Königreichs keine weltlichen Machtmittel einsetzen; aber ihr solltet Gläubigen wie Ungläubigen in Rechtschaffenheit liebevoll dienen. Im Evangelium vom Königreich wohnt der mächtige Geist der Wahrheit, und sehr bald werde ich eben diesen Geist über alle Menschen ausgießen. Die Früchte des Geistes, euer aufrichtiges Dienen in der Liebe, sind die mächtigen sozialen Hebel zur Besserung der Völker, die in der Dunkelheit leben, und dieser Geist der Wahrheit wird zu einem Angelpunkt, der eure Kraft vervielfachen wird.

In eurem Umgang mit ungläubigen weltlichen Herrschern zeigt Weisheit und legt Scharfblick an den Tag. Mit Besonnenheit beweist euer Geschick im Ausglätten kleinerer Meinungsverschiedenheiten und im Zurechtrücken geringfügiger Missverständnisse. Sucht in jeder nur erdenklichen Weise - in allem außer dem, was eure geistige Bindung an die Herrscher des Universums berührt -, mit allen Menschen in Frieden zu leben. Seid stets klug wie die Schlangen, aber auch friedfertig wie die Tauben.

Die Tatsache, dass ihr zu erleuchteten Söhnen des Himmelreichs werdet, sollte aus euch umso bessere Bürger unter der weltlichen Regierung machen; ebenso sollten die Leiter irdischer Regierungen die zivilen Angelegenheiten umso besser lenken, je mehr sie an das Evangelium vom himmlischen Königreich glauben. Eine Haltung selbstlosen Dienstes am Menschen und einsichtsvoller Anbetung Gottes sollte aus allen, die an das Königreich glauben, bessere Bürger dieser Welt machen, während eine Haltung ehrlicher Staatsbürgerschaft und aufrichtiger Hingabe an die weltlichen Pflichten einem solchen Bürger dazu verhelfen sollte, leichter vom Aufruf des Geistes zur Sohnschaft im himmlischen Königreich erreicht zu werden.

Solange die Herrscher über irdische Staaten die Autorität religiöser Diktatoren auszuüben suchen, habt ihr, die ihr an dieses Evangelium glaubt, nur Schwierigkeiten, Verfolgung und gar den Tod zu gewärtigen. Aber gerade das Licht, das ihr in die Welt tragt, und gerade die Art, in der ihr für dieses Evangelium vom Königreich leiden und sterben werdet - all das wird schließlich die ganze Welt erleuchten und zu einer schrittweisen Trennung von Politik und Religion führen. Das beharrliche Predigen dieses Evangeliums vom Königreich wird eines Tages allen Nationen eine neue und unvorstellbare Befreiung, intellektuelle Unabhängigkeit und religiöse Freiheit bringen.

Denkt daran, dass ihr den Auftrag habt, dieses Evangelium vom Königreich zu predigen - den höchsten Wunsch, des Vaters Willen zu tun, zusammen mit der höchsten Freude, durch den Glauben zu erkennen, ein Sohn Gottes zu sein - und ihr dürft nichts und niemandem erlauben, euch von eurer Hingabe an diese eine Aufgabe abzulenken. Lasst der ganzen Menschheit in Überfülle euer liebevolles geistiges Wirken, euren erleuchtenden intellektuellen Umgang und euren ermutigenden sozialen Dienst zugute kommen; aber keiner dieser humanitären Bemühungen, ebensowenig wie allen zusammen, darf erlaubt werden, an die Stelle der Verkündigung des Evangeliums zu treten. Diese mächtigen Liebeswerke sind die sozialen Nebenprodukte der noch mächtigeren und erhabeneren Liebeswerke und Verwandlungen, die im Herzen des an das Königreich Glaubenden durch den lebendigen Geist der Wahrheit und die persönliche Erkenntnis bewirkt werden, dass der Glaube eines aus dem Geiste geborenen Menschen die Gewissheit lebendiger Freundschaft mit dem ewigen Gott verleiht.

Ihr müsst nicht versuchen, durch die Macht ziviler Regierungen oder durch den Erlass weltlicher Gesetze die Wahrheit zu verbreiten oder Rechtschaffenheit durchzusetzen. Ihr könnt euch stets bemühen, den Verstand der Menschen zu überzeugen, aber ihr dürft es nie wagen, sie zu zwingen. Vergesst das große Gesetz menschlicher Fairness nicht, das ich euch in positiver Form gelehrt habe: Tut für die Menschen, was ihr wünschtet, sie täten es auch für euch.

Wenn einer, der an das Königreich glaubt, berufen wird, der Zivilregierung zu dienen, soll er diesen Dienst als weltlicher Bürger einer solchen Regierung leisten. Indessen sollten sich im Staatsdienst eines solchen Gläubigen alle gewöhnlichen Qualitäten eines Staatsbürgers auf einer höheren Stufe zeigen dank der geistigen Erleuchtung, die aus der läuternden Verbindung des Verstandes des sterblichen Menschen mit dem ihm innewohnenden Geist des ewigen Gottes kommt.

Denkt in allen Wechselfällen des Lebens stets daran, einander zu lieben. Ringt nicht mit den Menschen, auch nicht mit den Ungläubigen. Zeigt euch barmherzig sogar gegen jene, die euch verachten und misshandeln. Erweist euch als zuverlässige Bürger, aufrechte Handwerker, lobenswerte Nachbarn, hingebungsvolle Angehörige, verständnisvolle Eltern, und glaubt aufrichtig an die Brüderlichkeit im Königreich des Vaters. Und mein Geist wird auf euch ruhen, jetzt und bis ans Ende der Welt.

Die Apostel wussten überhaupt nicht, wie sie des Meisters Ankündigung, sie würden Passah einen Tag früher feiern, verstehen sollten. Sie - oder wenigstens einige von ihnen - dachten, er wisse, dass er noch vor der Zeit des Abendessens am Freitagabend verhaftet werden würde, und sie deshalb zu einem besonderen Mahl an diesem Donnerstagabend zusammenrief. Andere glaubten, das sei nur ein besonderer Anlass, der der ordentlichen Begehung des Passahfestes vorausgehe.

Als Jesus den Raum betrat, der für das letzte Abendmahl vorbereitet war, herrschte unter den Aposteln Zwietracht über die Sitzordnung und Unklarheit hinsichtlich der Fußwaschungen. Nachdem der Meister an seinen Platz gegangen war, wurde einige Augenblicke kein einziges Wort gesprochen. Jesus ließ den Blick über sie schweifen und löste die Spannung mit einem Lächeln und ein paar freundlichen Worten.

Jüdischer Brauch wollte, dass der Gastgeber, nachdem er den ersten Passahkelch getrunken hatte, sich vom Tisch erhob und seine Hände wusch. Im weiteren Verlauf des Mahls und nach dem zweiten Kelch erhoben sich alle Gäste ebenso und wuschen ihre Hände. Da die Apostel wussten, dass ihr Meister sich nie an diesen Ritus zeremonieller Handwaschung hielt, waren sie sehr neugierig zu erfahren, was zu tun er im Sinne hatte, als er, nachdem sie den ersten Kelch getrunken hatten, sich vom Tisch erhob und schweigend auf die Tür zu ging, neben der Wasserkrüge, Waschbecken und Tücher bereitgestellt waren. Und ihre Neugierde verwandelte sich in Erstaunen, als sie sahen, wie der Meister sein Obergewand ablegte, sich ein Tuch umband und damit begann, Wasser in eines der Fußbecken zu schütten. Stellt euch die Verwunderung dieser zwölf Männer vor, die sich noch eben geweigert hatten, einander die Füße zu waschen, und die sich in so unziemlicher Weise um die Ehrenplätze am Tisch gestritten hatten, als sie Jesus um das leerstehende Ende des Tisches herum auf den geringsten Platz des Festes zugehen sahen, wo Simon Petrus lagerte, und wo er in der Haltung eines Dieners niederkniete und sich anschickte, Simon die Füße zu waschen. Als der Meister kniete, sprangen alle Zwölf wie ein Mann auf, in einer Kundgebung von Überraschung, Respekt und äußerster Verblüffung.

Nach einigen Augenblicken größter Verlegenheit sagte Petrus: „Meister, beabsichtigst du tatsächlich, mir die Füße zu waschen?“ Da schaute Jesus zu Petrus auf und sprach: „Vielleicht begreifst du nicht ganz, was zu tun ich mich anschicke, aber später wirst du die Bedeutung all dieser Dinge verstehen.“ Da holte Simon Petrus tief Atem und sagte: „Meister, nie und nimmer wirst du mir die Füße waschen!“ Und jeder der Apostel stimmte mit einem Kopfnicken der entschiedenen Weigerung des Petrus zu, es Jesus zu erlauben, sich in dieser Weise vor ihnen zu demütigen.

Während sie alle in atemloser Verwunderung dastanden, sagte Jesus: „Petrus, ich erkläre, dass, wasche ich dir nicht die Füße, du nicht mit mir an dem teilnehmen wirst, was ich zu vollführen gedenke.“ Als Petrus diese Erklärung hörte und Jesus nach wie vor zu seinen Füßen kniete, fasste er einen jener Entschlüsse blinder Willfährigkeit gegenüber dem Wunsch eines, den er respektierte und liebte. Als es in Simon Petrus zu dämmern begann, dass der geplanten Darstellung des Dienens eine Bedeutung zukam, die für die eigene zukünftige Verbindung mit des Meisters Werk bestimmend war, söhnte er sich nicht nur mit dem Gedanken aus, Jesus zu erlauben, ihm die Füße zu waschen, sondern er sprach in seiner charakteristischen und ungestümen Art: „Dann wasche mir nicht nur die Füße, Meister, sondern auch die Hände und den Kopf.“

Als Jesus mit dem Waschen der Füße der Zwölf zu Ende war, zog er sein Übergewand an, kehrte an seinen Platz des Gastgebers zurück und sagte nach einem Blick auf seine verstörten Apostel:

„Begreift ihr wirklich, was ich an euch getan habe? Ihr nennt mich Meister, und ihr tut gut so, denn ich bin es. Wenn also der Meister euch die Füße gewaschen hat, wie kommt es, dass ihr nicht willens wart, einander die Füße zu waschen? Welche Lehre solltet ihr aus diesem Gleichnis ziehen, in dem der Meister so bereitwillig den Dienst erbringt, den seine Brüder einander gegenseitig verweigert haben? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Diener ist nicht größer als sein Meister; noch ist einer, der gesandt wurde, größer als derjenige, der ihn sendet. Ihr habt die Art des Dienens gesehen, die ich unter euch gelebt habe; und gesegnet sind diejenigen von euch, die den Mut und die Güte aufbringen werden, auf diese Weise zu dienen. Aber wieso seid ihr so langsam zu begreifen, dass das Geheimnis der Größe im geistigen Reich verschieden ist von den Methoden der Macht in der materiellen Welt?”

„Als ich heute Abend diesen Raum betrat, habt ihr euch nicht nur stolz geweigert, einander die Füße zu waschen, sondern ihr habt auch noch darüber zu streiten begonnen, wem die Ehrenplätze an meinem Tisch gebührten. Das sind Ehren, die die Pharisäer und die Kinder dieser Welt suchen, aber unter den Botschaftern des himmlischen Königreichs sollte es anders sein. Wisst ihr nicht, dass es an meinem Tisch keinen Vorzugsplatz geben kann? Versteht ihr nicht, dass ich einen jeden von euch genau so liebe wie alle anderen? Wisst ihr nicht, dass der Platz zunächst von mir - aus menschlicher Sicht ein Ehrenplatz - für eure Stellung im Königreich des Himmels überhaupt nichts bedeuten kann? Ihr wisst, dass die Könige der Nichtjuden die Gewalt über ihre Untertanen besitzen und man diejenigen, die diese Autorität ausüben, manchmal Wohltäter nennt. Aber im Königreich des Himmels wird es nicht so sein. Wer unter euch groß sein möchte, werde wie ein Jüngerer an Jahren; und wer ein Vorgesetzter sein möchte, werde wie einer, der dient. Wer ist größer, derjenige, der beim Mahl sitzt oder derjenige, der bedient? Gilt nicht derjenige, der beim Mahl sitzt, gewöhnlich als der größere? Aber ihr könnt feststellen, dass ich unter euch bin als einer, der dient. Wenn ihr gewillt seid, meine Mitdiener in Ausübung des Willens des Vaters zu werden, werdet ihr im kommenden Königreich in der Fülle der Macht bei mir sein und damit fortfahren, den Willen des Vaters zu tun in künftiger Herrlichkeit.“

Einige Minuten lang aßen die Apostel schweigend, aber unter dem Einfluss des fröhlichen Verhaltens des Meisters begannen sie sich bald zu unterhalten, und binnen kurzem verlief das Mahl, als ob nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre, das die frohe Stimmung und Geselligkeit dieses besonderen Ereignisses gestört hätte. Als einige Zeit verstrichen war, etwa mitten im zweiten Gang der Mahlzeit, ließ Jesus den Blick über sie schweifen und sagte: „Ich habe euch gesagt, wie sehr ich wünschte, dieses Abendessen mit euch einzunehmen; und im Wissen darum, wie die bösen Mächte der Finsternis sich verschworen haben, um den Tod des Menschensohns herbeizuführen, beschloss ich, dieses Abendessen mit euch in diesem geheimen Raum und einen Tag vor Passah einzunehmen, da ich morgen Abend um diese Zeit nicht mehr bei euch sein werde. Ich habe euch wiederholt gesagt, dass ich zum Vater zurückkehren muss. Jetzt ist meine Stunde gekommen, aber es war nicht nötig, dass einer von euch mich verrate und in die Hände meiner Feinde ausliefere.“

Nachdem Jesus Judas ein Stück Brot gereicht hatte und ein paar Worte gesprochen hatte, lehnte er sich zu Judas hinüber und sagte: „Tue rasch, was du zu tun beschlossen hast.“ Und als Judas diese Worte vernahm, erhob er sich vom Tisch und verließ hastig den Raum. Er trat in die Nacht hinaus, um auszuführen, was er in seinem Herzen beschlossen hatte. Als die anderen Apostel Judas hinauseilen sahen, nachdem Jesus zu ihm gesprochen hatte, dachten sie, er sei gegangen, um zusätzlich etwas zum Abendessen zu holen oder irgendeine andere Besorgung für den Meister zu verrichten; denn sie glaubten, er habe die Börse immer noch bei sich.

Dieses Abendmahl mit seinen zarten Episoden und einem Hauch von Rührung war Jesu letzter Appell an den abtrünnigen Judas, aber er war vergeblich. Auch wenn eine Mahnung in der taktvollsten Weise gegeben und im freundlichsten Geiste ausgesprochen wird, verstärkt sie in der Regel nur den Hass und befeuert die böse Entschlossenheit zur vollständigen Ausführung unserer eigennützigen Pläne, wenn die Liebe in unserem Geist einmal tot ist.

Als sie Jesus den dritten Kelch Wein, den „Kelch der Segnung“ brachten, erhob er sich vom Lager, nahm den Kelch in die Hände, segnete ihn und sagte: „Nehmt diesen Kelch, ihr alle, und trinkt daraus. Dies soll der Kelch der Erinnerung an mich sein. Dies ist der Kelch der Segnung einer neuen Dispensation von Gnade und Wahrheit. Er soll für euch das Zeichen der Gabe und des Wirkens des heiligen Geistes der Wahrheit sein. Und ich werde mit euch aus diesem Kelch nicht eher wieder trinken, als bis ich in neuer Gestalt in des Vaters ewigem Königreich mit euch trinke.“

Die Apostel spürten alle, dass etwas Außerordentliches vor sich ging, als sie in tiefer Ehrfurcht und vollkommener Stille aus diesem Kelch der Segnung tranken. Das alte Passahfest gedachte des Entkommens ihrer Väter aus einem Zustand völkischer Sklaverei in die individuelle Freiheit; jetzt setzte der Meister ein neues Erinnerungsmahl ein als Symbol für eine neue Dispensation, bei der das versklavte Individuum aus der Knechtschaft von Zeremoniell und Selbstsucht heraustritt in die geistige Freude der Brüderlichkeit und Kameradschaft der befreiten Glaubenssöhne des lebendigen Gottes.

Nachdem sie alle aus diesem neuen Kelch der Erinnerung getrunken hatten, nahm der Meister das Brot, dankte, brach es in Stücke, wies sie an, es herumzureichen und sagte: „Nehmt dieses Brot der Erinnerung und esst davon. Ich habe euch gesagt, dass ich das Brot des Lebens bin. Und dieses Brot des Lebens ist das vereinigte Leben des Vaters und des Sohnes in einer einzigen Gabe. Das Wort des Vaters, wie es sich im Sohn offenbart, ist tatsächlich das Brot des Lebens.“ Nachdem sie das Brot der Erinnerung zu sich genommen hatten, das Symbol des in Gestalt eines Sterblichen inkarnierten lebendigen Wortes der Wahrheit, setzten sich alle.

Wie es immer seine Gewohnheit war, gebrauchte der Meister Gleichnisse und Symbole, als er dieses Erinnerungsmahl einsetzte. Er benutzte Symbole, weil er gewisse große geistige Wahrheiten auf eine Weise lehren wollte, die es seinen Nachfolgern schwer machen würde, seinen Worten genaue Auslegungen und bestimmte Bedeutungen beizulegen. Auf diese Weise versuchte er, kommende Generationen davor zu bewahren, seine Lehre zu zementieren und das, was er geistig gemeint hatte, in die toten Ketten der Tradition und des Dogmas zu legen. Bei der Einsetzung der einzigen Zeremonie oder des einzigen Sakramentes im Zusammenhang mit seiner gesamten Lebenssendung trug Jesus große Sorge, die Bedeutung seiner Botschaft mehr anzudeuten, als sich auf genaue Definitionen festzulegen. Er wollte des Einzelnen Vorstellung von göttlichem Kontakt nicht durch die Schaffung einer präzisen Form zerstören; ebenso lag ihm die Absicht fern, die geistige Vorstellungskraft des Gläubigen durch formale Eingrenzung zu beengen. Er versuchte vielmehr, die wiedergeborene Seele des Menschen auf den freudigen Schwingen einer neuen und lebendigen geistigen Unabhängigkeit in die Freiheit zu entlassen.

Trotz dem Bemühen des Meisters, das neue Sakrament der Erinnerung in diesem Sinne einzusetzen, sorgten jene, die ihm nachfolgten, im Laufe der Jahrhunderte dafür, dass sein ausdrücklicher Wunsch wirksam durchkreuzt wurde, indem der einfache geistige Symbolgehalt seiner letzten in Menschengestalt verbrachten Nacht auf genaue Auslegungen reduziert und der fast mathematischen Präzision einer starren Formel unterworfen wurde. Von allen Lehren Jesu hat keine eine stärkere Normierung durch die Tradition erfahren.

Wenn dieses Mahl der Erinnerung von denen eingenommen wird, die an den Sohn glauben und Gott kennen, braucht sein Symbolismus mit keiner der menschlichen und kindischen Fehlinterpretationen bezüglich der Bedeutung der göttlichen Präsenz in Zusammenhang gebracht zu werden; denn bei all diesen Gelegenheiten ist der Meister wirklich anwesend. Wenn wir auf diese Weise geist-bewusst werden, ist der SOHN wirklich gegenwärtig, und sein GEIST verbrüdert sich mit dem innewohnenden Fragment des Vaters.

Nachdem sie einige Augenblicke in Meditation verharrt hatten, fuhr Jesus zu sprechen fort: „Wenn ihr diese Dinge tut, dann ruft euch das Leben, das ich unter euch auf Erden gelebt habe, in Erinnerung und freut euch darüber, dass ich weiterhin mit euch auf Erden leben und durch euch dienen werde. Bekämpft euch als Einzelne nicht wegen der Frage, wer der Größte sein werde. Seid alle wie Brüder. Und wenn das Königreich wächst und große Gruppen von Gläubigen umfassen wird, solltet ihr es euch desgleichen verbieten, unter diesen Gruppen um Größe zu wetteifern oder die einen den anderen vorzuziehen.“

Nachdem sie am Ende des Letzten Abendmahls den Psalm gesungen hatten, dachten die Apostel, Jesus beabsichtige, sofort zum Lager zurückzukehren, aber er gab ihnen ein Zeichen, sich zu setzen. Nach einigen Augenblicken zwangloser Unterhaltung erhob sich Jesus und sagte:

„Als ich euch ein Gleichnis vortrug, um euch zu verdeutlichen, wie ihr gewillt sein solltet, einander zu dienen, sagte ich, ich wünsche, euch ein neues Gebot zu geben; und das möchte ich jetzt tun, da ich im Begriff bin, euch zu verlassen. Ihr kennt das Gebot gut, das euch heißt, einander zu lieben; euren Nächsten zu lieben wie euch selbst. Aber selbst diese aufrichtige Hingabe meiner Kinder stellt mich nicht völlig zufrieden. Ich möchte euch im Königreich der gläubigen Bruderschaft noch größere Liebestaten vollbringen sehen. Und deshalb gebe ich euch dieses neue Gebot: Liebet einander so, wie ich euch geliebt habe. Wenn ihr einander so liebt, werden alle Menschen wissen, dass ihr meine Jünger seid.”

„Indem ich euch dieses neue Gebot gebe, lade ich keine neue Bürde auf eure Seelen, sondern bringe euch vielmehr neue Freude und mache es euch möglich, neue Befriedigung zu erfahren, wenn ihr das Glück kennen lernt, eure Herzensgüte an eure Mitmenschen zu verschenken. Obwohl äußeres Leid ertragend, stehe ich im Begriff, von der allerhöchsten Freude erfüllt zu werden, indem ich meine Liebe an euch und eure sterblichen Gefährten verschenke.”

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen: Jesus verlangt Treue, nicht Opfer. Das Bewusstsein, ein Opfer zu erbringen, lässt für jene von Herzen kommende Zuneigung keinen Raum, die aus einem derartigen Liebesdienst eine allerhöchste Freude gemacht hätte. Auch der Idee von Pflicht fehlt es an der mächtigen Begeisterung, um unseren Dienst als Bruder für einen Bruder zu tun. Dieser Impuls geht über alles Pflichtbewusstsein weit hinaus, und der Dienst eines Bruders für einen Bruder kann niemals ein Opfer genannt werden. Der Meister hat die Apostel auch gelehrt, dass sie Söhne Gottes sind. Im Kurs weist Jesus ganz klar darauf hin, was er mit “Liebet einander so, wie ich euch geliebt habe” meint: “Es gibt keine Liebe außer der LIEBE GOTTES.”

Darauf erhob sich Jesus wieder und fuhr fort, seine Apostel zu lehren: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weinbauer. Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. [...] Vergesst nicht: Ich bin der wahre Weinstock, und ihr seid die lebendigen Reben. Derjenige, der in mir lebt und ich in ihm, wird viele Früchte des Geistes tragen und die Erfahrung äußerster Freude machen, wenn er diese geistige Ernte hervorbringt. Wenn ihr diese lebendige geistige Verbindung mit mir aufrechterhaltet, werdet ihr reichlich Früchte tragen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch lebendig sind, werdet ihr fähig sein, frei mit mir zu kommunizieren, und dann kann mein lebendiger Geist euch so erfüllen, dass ihr um alles bitten könnt, was mein Geist will, und ihr könnt all dies in der Gewissheit tun, dass der Vater uns unsere Bitte erfüllen wird. Hierin ist der Vater verherrlicht: dass der Weinstock viele lebendige Reben hat und dass jede Rebe viel Frucht trägt. Und wenn die Welt diese fruchttragenden Reben sieht - meine Freunde, die einander gerade so lieben, wie ich sie geliebt habe - werden alle Menschen wissen, dass ihr wahrlich meine Jünger seid.”

„Wie der Vater mich geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Lebt in meiner Liebe so, wie ich in des Vaters Liebe lebe. Wenn ihr tut, wie ich euch gelehrt habe, sollt ihr in meiner Liebe bleiben gerade so, wie ich das Wort des Vaters gehalten habe und auf ewig in seiner Liebe bleibe.“

Später verursachte die falsche Auslegung der Schlussfolgerungen des Meisters, die sich auf das Gebet bezogen, großes Leid. Es hätte mit diesen Lehren kaum Schwierigkeiten gegeben, wenn man sich der genauen Worte Jesu erinnert und diese später wahrheitsgetreu aufgeschrieben hätte. Aber so wie der Bericht abgefasst war, betrachteten die Gläubigen das Gebet in Jesu Namen als eine Art höchster Magie und dachten, sie würden vom Vater alles erhalten, worum sie baten. Jahrhundertelang ist der Glaube ehrlicher Seelen immer wieder an diesem Hindernis zerbrochen. Wie lange wird die Welt der Gläubigen noch brauchen, um zu begreifen, dass das Gebet kein Mittel ist, um persönlichen Willen zu erreichen, sondern vielmehr ein Verfahren, um Gottes Weg einzuschlagen, eine Lernerfahrung, wie man den Willen des Vaters erkennt und ausführt? Eine solche Willenseinheit wird mit und durch Jesus vollzogen und lebt durch ihn, so wie das Leben des Weinstocks in die lebendigen Reben und durch sie fließt. Der wahre Gläubige existiert allein zu dem Zweck, die Früchte des Geistes zu tragen: die Menschen zu lieben, wie er selber von Gott geliebt worden ist - sie zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat.

Die Elf hatten ihre Erörterungen über die Rede vom Weinstock und von den Reben kaum beendet, als der Meister zu verstehen gab, dass er ihnen noch mehr sagen wolle, und wohl wissend, wie kurz bemessen seine Zeit war, sprach er: „Lasst euch, wenn ich euch verlassen habe, durch die Feindseligkeit der Welt nicht entmutigen. [...] Wenn ihr von dieser Welt wäret, würde die Welt ihresgleichen lieben, aber weil ihr es nicht seid, weigert sich die Welt, euch zu lieben. Ihr lebt in dieser Welt, aber ihr sollt nicht auf ihre Weise leben. Ich habe euch aus dieser Welt ausgewählt, damit ihr in dieser Welt, aus der ihr gewählt worden seid, den Geist einer anderen Welt vertretet.”

„Aber ich werde euch nicht allein in der Welt lassen. Sehr bald nach meinem Weggehen werde ich euch einen geistigen Helfer senden. Ihr werdet einen bei euch haben, der meinen Platz unter euch einnehmen wird, einen, der damit fortfahren wird, euch den Weg der Wahrheit zu lehren, und der euch sogar trösten wird.”

„Eure Herzen seien nicht beunruhigt. Ihr glaubt an Gott; fahrt fort, auch an mich zu glauben. Wenn ich euch auch verlassen muss, werde ich doch nicht fern von euch sein. Ich habe euch schon gesagt, dass es in meines Vaters Universum viele Rastplätze gibt. Wenn dies nicht wahr wäre, hätte ich nicht wiederholt von ihnen gesprochen. Ich werde jetzt in diese Welten des Lichts zurückkehren, zu diesen Stationen in des Vaters Himmel, wohin auch ihr einmal aufsteigen werdet. Von jenen Orten bin ich in diese Welt gekommen, und die Stunde ist jetzt ganz nah, da ich an die Arbeit meines Vaters auf den Sphären in der Höhe zurückkehren muss.”

„So wie ich euch jetzt in das himmlische Königreich des Vaters vorangehe, so werde ich dereinst mit Sicherheit nach euch senden, damit ihr mit mir an den Orten weilt, die für die sterblichen Söhne Gottes eingerichtet wurden, noch ehe es diese Welt gab. Auch wenn ich euch verlassen muss, will ich im Geist bei euch gegenwärtig sein, und schließlich werdet ihr persönlich bei mir sein, nachdem ihr in meinem Universum zu mir aufgestiegen seid, so wie ich jetzt im Begriff bin, zu meinem Vater in seinem größeren Universum aufzusteigen. Und was ich euch gesagt habe, ist wahr und ewig, auch wenn ihr es vielleicht nicht ganz versteht. Ich gehe zum Vater, und obwohl ihr mir jetzt nicht folgen könnt, werdet ihr mir mit Sicherheit in den künftigen Zeitaltern folgen.“

Als Jesus sich setzte, erhob sich Thomas und sagte: „Meister, wir wissen nicht, wo du hingehst; also kennen wir natürlich den Weg nicht. Aber wir wollen dir noch in dieser Nacht folgen, wenn du uns den Weg zeigen willst.“

Als Jesus Thomas hörte, antwortete er: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand geht zum Vater, denn durch mich. Alle, die den Vater finden, finden zuerst mich. Wenn ihr mich kennt, kennt ihr auch den Weg zum Vater. Und ihr kennt mich, denn ihr habt mit mir gelebt und ihr seht mich jetzt.“

Aber diese Lehre war für viele der Apostel zu tief, insbesondere für Philipp, der sich erhob, nachdem er ein paar Worte mit Nathanael gewechselt hatte, und sagte: „Meister, zeige uns den Vater, und alles, was du gesagt hast, wird klar werden.“

Und nachdem Philipp gesprochen hatte, sagte Jesus: „Philipp, ich bin so lange mit euch zusammen gewesen, und trotzdem kennst du mich immer noch nicht? Von neuem erkläre ich: Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du dann sagen: ‚Zeige uns den Vater?‘ Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin, und der Vater in mir? Habe ich euch nicht gelehrt, dass die Worte, die ich spreche, nicht meine Worte sind, sondern die Worte des Vaters? Ich spreche für den Vater und nicht von mir aus. Ich bin in dieser Welt, um den Willen des Vaters zu tun, und das habe ich getan. Mein Vater wohnt in mir und wirkt durch mich. Glaubt mir, wenn ich sage, dass der Vater in mir ist und dass ich im Vater bin, oder glaubt mir wenigstens um des Lebens willen, das ich gelebt habe - um des Werkes willen.“

Jesus fuhr fort zu lehren, indem er sagte: „Wenn ich zum Vater gegangen bin, und nachdem er das Werk, das ich für euch auf Erden getan habe, voll akzeptiert hat, und nachdem ich die endgültige Souveränität über meinen eigenen Herrschaftsbereich erhalten habe, werde ich zu meinem Vater sagen: ‚Da ich meine Kinder allein auf der Erde zurückgelassen habe, will ich ihnen meinem Versprechen gemäß einen anderen Lehrer senden.‘ Und wenn der Vater sein Einverständnis dazu gibt, werde ich den Geist der Wahrheit über alle Menschen ausgießen. Schon wohnt meines Vaters Geist in euren Herzen; und wenn dieser Tag kommt, werdet ihr auch mich bei euch haben, so wie ihr jetzt den Vater habt. Diese neue Gabe ist der Geist der lebendigen Wahrheit. Die Ungläubigen werden zuerst nicht auf die Lehren dieses Geistes hören, aber die Söhne des Lichts werden ihn alle freudig und von ganzem Herzen empfangen. Ihr werdet diesen Geist erkennen, wenn er kommt, gerade so, wie ihr mich gekannt habt, und ihr werdet dieses Geschenk in euren Herzen empfangen, und er wird bei euch wohnen. Ihr seht also, dass ich euch nicht ohne Hilfe und Führung zurücklasse. Ich will euch nicht ohne Trost zurücklassen. Heute kann ich nur als Person bei euch sein. In den kommenden Zeiten aber werde ich bei euch und allen anderen Menschen sein, die meine Gegenwart wünschen, wo immer ihr sein möget, und bei jedem von euch zur selben Zeit. Erkennt ihr nicht, dass es besser ist, wenn ich fortgehe? Dass ich euch körperlich verlasse, damit ich mit euch umso besser und vollkommener im Geiste sein kann?”

„Nur wenige Stunden noch, und die Welt wird mich nicht mehr sehen. Aber ihr werdet mich weiterhin in euren Herzen kennen, bis ich euch diesen neuen Lehrer, den Geist der Wahrheit, sende. So wie ich in Person mit euch gelebt habe, werde ich dann in euch leben und eins sein mit eurer persönlichen Erfahrung im geistigen Königreich. Und wenn das eingetroffen ist, werdet ihr mit Sicherheit wissen, dass ich im Vater bin, und dass, während euer Leben mit dem Vater in mir geborgen ist, ich auch in euch bin. Ich habe den Vater geliebt und mich an sein Wort gehalten. Ihr habt mich geliebt, und ihr werdet euch an mein Wort halten. So wie der Vater mir von seinem Geiste gegeben hat, so will auch ich euch von meinem Geiste geben. Und dieser Geist der Wahrheit, den ich über euch ausgießen will, soll euch leiten und ermutigen und euch schließlich in alle Wahrheit führen.”

Nachdem weitere Fragen folgten, blickte Jesus auf sie alle herab, lächelte und sagte: „Meine kleinen Kinder, ich gehe fort, zurück zu meinem Vater. Über kurz werdet ihr mich nicht mehr, wie jetzt, in Fleisch und Blut, sehen. Nach sehr kurzer Zeit werde ich euch meinen Geist senden, der mir, von diesem materiellen Körper abgesehen, genau gleicht. Dieser neue Lehrer ist der Geist der Wahrheit, der mit jedem von euch, in euren Herzen, leben wird, und so werden alle Kinder des Lichts eins werden und sich zueinander hingezogen fühlen. Und in genau dieser Weise werden mein Vater und ich in der Seele eines jeden von euch und ebenso in den Herzen aller anderen Menschen wohnen können, die uns lieben und die diese Liebe in ihrer Erfahrung Wirklichkeit werden lassen, indem sie einander lieben, wie ich euch jetzt liebe.“

Die göttliche Wahrheit ist eine lebendige Realität, die durch den Geist wahrgenommen wird. Wahrheit existiert nur auf den hohen geistigen Ebenen des Bewusstwerdens der Göttlichkeit und der bewussten Verbindung mit Gott. Wir können die Wahrheit kennen, und wir können die Wahrheit leben. Wir können in unserer Seele das Wachstum der Wahrheit erfahren und uns der Freiheit erfreuen, die das Licht der Wahrheit in das Denken bringt, aber wir können die Wahrheit nicht in Formeln, Codes, Credos oder intellektuelle Leitbilder für menschliche Lebensführung einsperren. Wenn wir uns daran machen, die göttliche Wahrheit menschlich zu formulieren, stirbt sie alsbald. Die posthume Rettung von gefangener Wahrheit kann auch im besten Fall nur eine besondere Form von intellektualisierter und glorifizierter Weisheit hervorbringen. Statische Wahrheit ist tote Wahrheit, und nur tote Wahrheit kann als Theorie festgehalten werden. Lebendige Wahrheit ist dynamisch und kann im menschlichen Verstand nur eine erfahrungsmäßige Existenz haben.

Das wahre Kind universeller Erkenntnis sucht in jedem weisen Wort nach dem lebendigen Geist der Wahrheit. Das Individuum, das Gott kennt, hebt die Weisheit ständig auf die lebendigen Wahrheitsebenen göttlichen Vollbringens empor; eine geistig stagnierende Seele zieht die lebendige Wahrheit ständig auf die toten Ebenen der Weisheit und auf den Bereich bloßen gehobenen Wissens herab.

Wenn die goldene Regel der übermenschlichen Erkenntnis des Geistes der Wahrheit entbehrt, wird sie zu nichts weiter als einer hohen ethischen Lebensregel. Wenn man die goldene Regel wörtlich nimmt, kann sie für die Mitmenschen zu einem Instrument großer Kränkung werden. Ohne die geistige Schau der goldenen Weisheitsregel könntet ihr zu folgendem Schluss gelangen: Da ihr wünscht, dass alle Menschen euch in ungeschminkter Wahrheit sagen, was sie denken, solltet ihr euren Gefährten ebenfalls alles, was ihr denkt, frei heraus sagen. Eine so ungeistige Auslegung der goldenen Regel könnte unsägliches Unglück und Leid ohne Ende zur Folge haben.

Einige Leute begreifen und interpretieren die goldene Regel als eine rein intellektuelle Bekräftigung menschlicher Brüderlichkeit. Andere erleben eine solche Bekundung menschlicher Beziehungen als emotionale Befriedigung der zarten Gefühle der menschlichen Persönlichkeit. Wieder ein anderer Sterblicher sieht in derselben goldenen Regel einen Maßstab, den er allen gesellschaftlichen Beziehungen anlegt, eine Norm für soziales Verhalten. Noch andere sehen in ihr eine eindeutige Aufforderung eines großen sittlichen Lehrers, der in dieser Aussage der höchsten Vorstellung von sittlicher Verpflichtung hinsichtlich aller brüderlichen Beziehungen Ausdruck gab. Im Leben von solchen sittlichen Wesen wird die goldene Regel zum weisen Mittelpunkt und Umfang ihrer gesamten Philosophie.

Im Königreich der gläubigen Bruderschaft all jener, die Gott kennen und die Wahrheit lieben, nimmt diese goldene Regel lebendige Qualitäten geistiger Verwirklichung auf jenen höheren Interpretationsebenen an, die die sterblichen Söhne Gottes veranlassen, in dieser Aufforderung des Meisters den Anspruch zu sehen, sich ihren Mitmenschen gegenüber so zu verhalten, dass diesen aus dem Kontakt mit ihnen das größtmögliche Wohl erwächst. Dies ist die Essenz wahrer Religion: Liebet euren Nächsten wie euch selbst.

Aber die höchste Verwirklichung und wahrste Interpretation der goldenen Regel besteht darin, dass der Geist sich der Wahrheit der dauernden und lebendigen Realität einer solch göttlichen Erklärung bewusst ist. Die wahre kosmische Bedeutung dieser Regel universaler Beziehungen tritt erst in ihrer geistigen Verwirklichung zutage, nämlich in der Interpretation der Lebensregel, die der Geist des Sohnes dem Geist des Vaters gibt, welcher der Seele des sterblichen Menschen innewohnt. Und wenn solche vom Geist geführten Sterblichen die wahre Bedeutung dieser goldenen Regel realisieren, erfüllt sie zutiefst die Gewissheit, Bürger eines freundlichen Universums zu sein, und ihre Ideale von geistiger Realität werden nur zufrieden gestellt, wenn sie ihre Nächsten so lieben, wie Jesus uns alle geliebt hat; und das ist die Realität der Verwirklichung der Liebe Gottes.

“Du reagierst auf das, was du wahrnimmst, und wie du wahrnimmst, wirst du dich verhalten. Nach der Goldenen Regel sollst du anderen das tun, was du willst, dass sie dir tun. Das bedeutet, dass die Wahrnehmung beider akkurat sein muss. Die Goldene Regel ist die Regel für angemessenes Verhalten. Du kannst dich nicht angemessen verhalten, wenn du nicht richtig wahrnimmst. Da du und dein Nächster gleichwertige Mitglieder einer Familie seid, wirst du beide so behandeln, wie du beide wahrnimmst. Du solltest von der Wahrnehmung deiner eigenen Heiligkeit aus zur Heiligkeit der Anderen schauen.”
(EKIW: Kapitel 1, III. 6.)

Liebe und Selbstlosigkeit müssen im Einklang mit der Führung durch den Geist der Wahrheit einen dauernden Prozess lebendiger, sich neu anpassender Interpretation von Beziehungen durchmachen. Dabei muss es der Liebe gelingen, ihre Vorstellungen vom höchsten kosmischen Wohl für die geliebte Person dauernd zu verändern und zu erweitern. Und dann geht die Liebe weiter und nimmt dieselbe Haltung gegenüber allen anderen Individuen ein, die möglicherweise beeinflusst werden könnten durch die wachsende und lebendige Beziehung der Liebe eines vom Geist geführten Sterblichen zu anderen Bürgern des Universums. Und dieser ganze lebendige Anpassungsprozess der Liebe muss im Lichte sowohl des Umfeldes gegenwärtigen Übels als auch des ewigen Ziels der Vollkommenheit göttlicher Bestimmung vorgenommen werden.

Wir müssen also klar erkennen, dass weder die goldene Regel noch die Lehre von der Widerstandslosigkeit je angemessen als Dogmen oder Vorschriften verstanden werden können. Sie können nur begriffen werden, indem man sie lebt und ihre Bedeutungen dank der lebendigen Interpretation durch den Geist der Wahrheit erfasst, der den liebenden Kontakt zwischen zwei Menschen lenkt.

Und all das weist klar auf den Unterschied zwischen der alten Religion und der neuen hin. Die alte Religion lehrte die Selbstaufopferung; die neue Religion lehrt einzig Selbstvergessenheit, höhere Selbstverwirklichung in sozialem Dienen verbunden mit universellem Verstehen. Die alte Religion war motiviert durch Angstbewusstsein; das neue Evangelium vom Königreich wird beherrscht von der Wahrheitsüberzeugung, vom Geist der ewigen und universalen Wahrheit. Und kein Maß an Frömmigkeit oder Kredoergebenheit kann in der Lebenserfahrung derer, die an das Königreich glauben, die Abwesenheit jener spontanen, großherzigen und aufrichtigen Freundlichkeit ersetzen, die die geistgeborenen Söhne des lebendigen Gottes auszeichnet. Weder Tradition noch irgendein zeremonielles System förmlicher Anbetung kann den Mangel an echtem Mitgefühl für unsere Mitmenschen wettmachen.

Nachdem Petrus, Jakobus, Johannes und Matthäus dem Meister zahlreiche Fragen gestellt hatten, fuhr er in seiner Abschiedsrede fort und sprach: „Nun, da ich euch verlasse, weil die Stunde gekommen ist, in der ich mich zum Vater aufmache, überrascht es mich, dass mich keiner von euch gefragt hat Warum verlässt du uns? Trotzdem weiß ich, dass ihr euch insgeheim solche Fragen stellt. Ich will mit euch offen wie ein Freund zu Freunden sprechen. Es ist wirklich nützlich für euch, dass ich fortgehe. Wenn ich nicht gehe, kann der neue Lehrer nicht in eure Herzen kommen. Ich muss zuerst diesen sterblichen Körper ablegen und wieder meinen Platz im Himmel einnehmen, bevor ich diesen geistigen Lehrer senden kann, damit er in eurer Seele lebe und euren Geist in die Wahrheit führe. Und wenn mein Geist in euch Wohnung nimmt, wird er den Unterschied zwischen Sünde und Rechtschaffenheit klar beleuchten und euch befähigen, beide in eurem Herzen weise abzuwägen.”

„Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt im Augenblick nicht noch mehr aufnehmen. Wenn indessen der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch schließlich in alle Wahrheit führen, während ihr die vielen Aufenthaltsorte in meines Vaters Universum durchlauft.”

„Dieser Geist wird nicht aus sich selber heraus sprechen, aber er wird euch das eröffnen, was der Vater dem Sohn offenbart hat, und er wird euch sogar Dinge zeigen, die kommen werden; er wird mich verherrlichen, so wie ich meinen Vater verherrlicht habe. Dieser Geist kommt aus mir, und er wird euch meine Wahrheit offenbaren. Alles, worüber der Vater in diesem Bereich gebietet, gehört jetzt mir; deshalb sagte ich, dass dieser neue Lehrer aus dem Meinigen schöpfen und es euch offenbaren wird.”

„Noch eine kleine Weile, und ich werde euch für kurze Zeit verlassen. Wenn ihr mich danach wieder seht, werde ich mich bereits auf dem Weg zum Vater befinden, so dass ihr mich auch dann nicht lange sehen werdet.“

Und da Jesus wusste, dass sie sich die Apostel nun erst recht weitere Fragen stellten, sagte er: „Fragt ihr einander, was ich meinte, als ich sagte, nach einer kleinen Weile werde ich nicht mehr bei euch sein und dass ich mich, wenn ihr mich wieder sehen werdet, bereits auf dem Weg zum Vater befinde? Ich habe euch klar gesagt, dass der Menschensohn sterben muss, aber dass er wieder auferstehen wird. Könnt ihr denn den Sinn meiner Worte nicht erkennen? Ihr werdet zuerst sehr betrübt sein, aber später werdet ihr euch mit den vielen freuen, die diese Dinge verstehen werden, nachdem sie sich ereignet haben. Eine Frau leidet fürwahr während der Geburtswehen, aber wenn sie einmal von ihrem Kind entbunden ist, vergisst sie ihren Schmerz augenblicklich im freudigen Bewusstsein, dass ein Mensch in die Welt hineingeboren worden ist. Und gerade so werdet ihr bald über meinen Weggang trauern, aber ich werde euch bald wieder sehen, und dann wird sich euer Schmerz in Freude verwandeln, und eine neue Offenbarung des Heils Gottes wird zu euch kommen, die niemand euch je wegnehmen kann. Und alle Welten werden gesegnet sein in dieser selben Offenbarung des Lebens durch die Überwindung des Todes. Bis heute habt ihr all eure Bitten in meines Vaters Namen getan. Nachdem ihr mich wieder gesehen habt, könnt ihr auch in meinem Namen bitten, und ich werde euch hören.”

„Hier auf Erden habe ich euch in Sprichwörtern unterrichtet und zu euch in Gleichnissen geredet. Das tat ich, weil ihr im Geistigen bloß Kinder wart; aber die Zeit kommt, da ich zu euch klar und deutlich über den Vater und sein Königreich reden werde. Und ich werde das tun, weil der Vater euch liebt und euch vollkommener offenbart werden möchte. Die sterblichen Menschen können den Geist-Vater nicht sehen; deshalb bin ich in die Welt gekommen, um euren Geschöpfesaugen den Vater zu zeigen. Aber dereinst, wenn ihr durch geistiges Wachstum vollkommen geworden seid, sollt ihr den Vater selber sehen.“

Nachdem die Apostel die Abschiedsrede besprochen hatten und sich diese in ihre Gemüter zu senken begonnen hatte, rief Jesus sie erneut zur Ordnung und begann, seine letzten Mahnungen und Warnungen an sie zu richten: „Solange ich in Menschengestalt unter euch weile, kann ich nur als ein Einzelner in eurer Mitte oder in der ganzen Welt sein. Aber bin ich erst einmal von dieser vergänglichen Hülle befreit, werde ich als geistiger Bewohner eines jeden von euch und aller anderen, die an dieses Evangelium vom Königreich glauben, zurückkehren können. Auf diese Weise wird der Menschensohn in den Seelen aller wahren Gläubigen eine geistige Inkarnation werden.”

„Wenn ich zurückgekehrt bin, um in euch zu leben und durch euch zu wirken, kann ich euch umso besser durch dieses Leben leiten und euch im kommenden Leben durch die vielen Wohnstätten im Himmel der Himmel führen. Das Leben in des Vaters ewiger Schöpfung ist kein endloses Rasten in Müßiggang und egoistischem Behagen, sondern vielmehr ein unaufhörliches Fortschreiten in Gnade, Wahrheit und Herrlichkeit. Jede der vielen, vielen Stationen in meines Vaters Haus ist ein Halteplatz, ein Leben, das dazu bestimmt ist, euch auf das nächstfolgende vorzubereiten. Und so werden die Kinder des Lichts von Herrlichkeit zu Herrlichkeit vorangehen, bis sie den göttlichen Zustand erreichen, in dem sie geistig vollkommen geworden sind, wie der Vater in allen Dingen vollkommen ist.”

„Wenn ihr mir nachfolgen wollt, nachdem ich euch verlassen habe, dann bemüht euch sehr ernstlich, in Übereinstimmung mit dem Geist meiner Lehren und mit dem Ideal meines Daseins zu leben - den Willen des Vaters zu tun. Tut das, anstatt zu versuchen, mein natürliches Leben in Menschengestalt nachzuahmen, wie es auf dieser Erde zu leben zwangsläufig von mir verlangt worden ist.”

„Der Vater hat mich in diese Welt gesandt, aber nur wenige von euch haben sich entschlossen, mich ganz anzunehmen. Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen, aber nicht alle werden diesen neuen Lehrer als Führer und Tröster der Seele annehmen. Jedoch sollen all die, die ihn wirklich annehmen, erleuchtet, geläutert und getröstet werden. Und dieser Geist der Wahrheit wird in ihnen zu einem Quell lebendigen Wassers werden, der ins ewige Leben emporsprudelt.”

„Und jetzt, im Begriff, von euch zu scheiden, möchte ich euch tröstende Worte sagen. Meinen Frieden lasse ich euch - meinen Frieden gebe ich euch. Ich mache euch diese Geschenke nicht nach Art der Welt - portionenweise; ich gebe jedem von euch alles, was er empfangen will. Euer Herz soll sich weder beunruhigen noch fürchten. Ich habe die Welt überwunden, und in mir sollt ihr alle durch den Glauben triumphieren.”

Der Meister war ans Ende seiner Abschiedsanweisungen und letzten Ermahnungen an die Apostel als Gruppe gelangt. Jetzt schickte er sich an, individuell Abschied zu nehmen und jedem einen persönlichen Rat zusammen mit dem Abschiedssegen mitzugeben. Die Apostel saßen immer noch um den Tisch herum wie am Anfang, als sie sich zum letzten Abendmahl niedergelassen hatten, und während nun der Meister, von einem zum anderen weitergehend, die Runde um den Tisch machte, erhob sich jeder, sobald Jesus sich an ihn wandte.

Und dann wandte sich der Meister an alle und sagte: „Lasst euch nicht beirren, auch wenn ihr die ganze Bedeutung des Evangeliums nicht erfassen könnt. Ihr seid nur endliche, sterbliche Menschen, und das, was ich euch gelehrt habe, ist unendlich, göttlich und ewig. Seid geduldig und guten Mutes, da ihr die ewigen Zeitalter vor euch habt, um weiter Schritt für Schritt die Erfahrung machen zu können, vollkommen zu werden, wie euer Vater im Paradies vollkommen ist.“

Zuletzt ging der Meister zu Simon Petrus, der sich erhob, als Jesus das Wort an ihn richtete: „Petrus, ich weiß, dass du mich liebst und dass du dein Leben der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums vom Königreich an Juden und Nichtjuden widmen wirst, aber ich bin betrübt, dass all die Jahre einer so engen Verbindung mit mir dir nicht besser geholfen haben, jeweils zu überlegen, bevor du sprichst. Durch welche Erfahrung musst du noch gehen, bevor du lernst, deine Zunge zu hüten? Wie viel Sorge hat uns dein gedankenloses Reden, dein anmassendes Selbstvertrauen gemacht! Und du wirst dir selber mit Sicherheit noch viel mehr Schwierigkeiten zuziehen, wenn du dieser Schwäche nicht Herr wirst. Du weißt, dass deine Brüder dich trotz dieses Schwachpunktes lieben, und du solltest auch verstehen, dass diese Unzulänglichkeit meine Liebe zu dir in keiner Weise beeinträchtigt, aber sie mindert deine Brauchbarkeit und wird dir Unannehmlichkeiten ohne Ende bereiten. Aber zweifellos wird dir die Erfahrung, die du noch in dieser Nacht durchmachen musst, von großer Hilfe sein. Und was ich dir jetzt sage, Simon Petrus, sage ich genauso zu all deinen hier versammelten Brüdern: In dieser Nacht werdet ihr alle in großer Gefahr sein, wegen mir zu straucheln. Ihr wisst, dass geschrieben steht: ‚Der Hirte wird geschlagen und die Schafe weit herum zersprengt werden‘. In meiner Abwesenheit besteht für einige von euch große Gefahr, Zweifeln zu erliegen und zu straucheln wegen dessen, was mir widerfahren wird. Aber ich verspreche euch jetzt, dass ich für kurze Zeit zu euch zurückkehren und euch dann nach Galiläa vorausgehen werde.“

Da sagte Petrus, indem er die Hand auf Jesu Schulter legte: „Selbst wenn alle meine Brüder deinetwegen Zweifeln erliegen sollten, verspreche ich, dass, was immer du auch tun magst, ich nicht straucheln werde. Ich werde mit dir gehen und, wenn nötig, für dich sterben.“

Als Petrus so vor seinem Meister stand, zitternd vor starker Erregung und überquellend von echter Liebe zu ihm, blickte Jesus ihm in die tränenfeuchten Augen und sagte: „Petrus, wahrlich, wahrlich, ich sage dir, in dieser Nacht wird der Hahn nicht krähen, bevor du mich drei- oder viermal verleugnet hast. Und so wirst du, was du in friedlicher Zusammenarbeit mit mir nicht gelernt hast, durch viele Sorgen und Leiden lernen. Aber nachdem du diese nützliche Lektion wirklich gelernt haben wirst, solltest du deine Brüder stärken und weiterhin ein Dasein leben, das der Predigt des Evangeliums geweiht ist, auch wenn du in Gefangenschaft geraten und mir vielleicht darin nachfolgen solltest, bei der Errichtung des Königreichs des Vaters den höchsten Preis liebenden Dienstes zu bezahlen.”

Und dann wandte sich der Meister noch einmal an alle und sagte: „Aber denkt an mein Versprechen: Nachdem ich auferstanden bin, werde ich eine Zeitlang bei euch verweilen, bevor ich zum Vater gehe. Noch diese Nacht werde ich den Vater anflehen, einen jeden von euch im Hinblick auf das zu stärken, was ihr so bald durchmachen werdet. Ich liebe euch alle mit der Liebe, mit welcher der Vater mich liebt, und deshalb solltet ihr einander fortan so lieben, wie ich euch geliebt habe.“

Sie sangen noch eine Hymne und machten sich dann auf zum Lager auf dem Ölberg.

Wenige Augenblicke nach ihrer Ankunft im Lager sagte Jesus zu ihnen: „Meine Freunde und Brüder, ich bin jetzt nur noch ganz kurze Zeit bei euch, und ich wünsche, dass wir uns zurückziehen, um von unserem Vater im Himmel Kraft zu erbitten, damit er uns in dieser Stunde und danach bei dem ganzen Werk beistehe, das wir in seinem Namen tun müssen.“

Nach diesen Worten führte Jesus sie eine kurze Wegstrecke den Ölberg hinauf, und hier, mit dem Blick auf ganz Jerusalem, hieß er sie auf einem großen flachen Felsen im Kreis um ihn herum niederknien, wie sie es am Tag ihrer Weihe getan hatten; und als er so, überflutet vom weichen Mondlicht, in ihrer Mitte stand, hob er seine Augen zum Himmel und betete. Im Folgenden ein paar Aussagen aus diesem relativ langem Gebet:

„Vater, meine Stunde ist gekommen; verherrliche jetzt deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche. Ich weiß, dass du mir volle Autorität über alle lebendigen Geschöpfe meines Reichs gegeben hast, und ich will allen, die durch den Glauben Söhne Gottes werden wollen, das ewige Leben schenken. Und das ewige Leben ist, dass dich meine Geschöpfe als den einzigen wahren Gott und Vater aller kennen und an den glauben, den du in die Welt gesandt hast. Vater, ich habe dich auf Erden aufs höchste verehrt und das Werk erfüllt, das du mir aufgetragen hast. Ich habe meine Hingabe an die Kinder unserer eigenen Schöpfung beinahe vollendet; es bleibt mir nur noch, mein sterbliches Leben abzulegen. Und jetzt, oh mein Vater, verherrliche mich in der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, noch ehe diese Welt war, und empfange mich wiederum zu deiner Rechten.”

„Und so wie du mich in diese Welt gesandt hast, will ich diese Männer jetzt in die Welt hinausschicken. Um ihretwillen habe ich unter den Menschen gelebt und mein Leben deinem Dienst geweiht, damit ich sie dazu inspiriere, sich durch die Wahrheit läutern zu lassen, die ich sie gelehrt habe, und durch die Liebe, die ich ihnen offenbart habe. Ich weiß sehr wohl, mein Vater, dass ich dich nicht zu bitten brauche, nach meinem Weggang über diese Brüder zu wachen; ich weiß, dass du sie ebenso sehr liebst wie ich, aber ich tue es, damit es ihnen besser zum Bewusstsein komme, dass der Vater die sterblichen Menschen ebenso liebt wie der Sohn.”

„Diese Welt weiß sehr wenig über dich, gerechter Vater, aber ich kenne dich, und durch mich kennen dich jetzt diese Gläubigen, und durch sie werden andere Generationen deinen Namen kennen. Und jetzt verspreche ich ihnen, dass du bei ihnen sein wirst in der Welt, wie du bei mir gewesen bist - so sei es.“

Einige Minuten lang verharrten die Elf im Kreis um Jesus kniend, bevor sie aufstanden und schweigend in das nahe Lager zurückgingen.

Dies ist ein wichtiger Punkt, der viele Missverständnisse späterer Generationen aufklärt. Die laut gesprochenen Gebete Jesu vermittelten seinen Zuhörern immer Lehrinhalte. Sie dienten dazu, seinen Zuhörern die Inhalte bewusster zu machen und waren nicht so sehr Ausdruck seiner eigenen Kommunikation mit dem Vater.

Die Apostel erlitten einen großen Schock, als sie in ihr Lager zurückkehrten und Judas nicht vorfanden. Während die Elf in einer hitzigen Diskussion über ihren verräterischen Apostelgefährten waren, nahmen David Zebedäus und Johannes Markus Jesus zur Seite und eröffneten ihm, dass sie Judas seit mehreren Tagen beobachtet hätten und wüssten, dass er beabsichtige, ihn den Händen seiner Feinde auszuliefern. Jesus hörte sie an, sagte aber nur: „Meine Freunde, nichts kann dem Menschensohn zustoßen, außer der Vater im Himmel will es so. Seid nicht beunruhigt in euren Herzen; alle Dinge werden zusammenwirken zur Verherrlichung Gottes und zur Rettung der Menschen.“

Das ist wohl die Aussage, die seit Jahrtausenden zu den meisten Missverständnissen geführt hat. Jesus sagt hier nicht, dass Gott die Kreuzigung seines Sohnes gebilligt hat, sondern er weist - in für die Menschen seiner Zeit verständlichen Worten - darauf hin, dass nichts Wirkliches bedroht werden kann, dass der Sohn Gottes nicht gekreuzigt werden kann und dass alles, was dem Menschensohn widerfährt, eine Illusion ist. Die Kreuzigung des Menschensohnes ist eine Illusion und nichts Unwirkliches existiert. Und aus Sicht des Heiligen Geistes und damit aus der göttlichen Perspektive gilt: In der Illusion dienen alle Dinge dem Besten. Es gibt keine Ausnahmen, außer im Urteil des Ego.

Nachdem im Lager alles still und ruhig geworden war, nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit sich und stieg ein kurzes Wegstück weit in eine nahe Schlucht hinauf, wohin er oft zu Gebet und Zwiesprache gegangen war. Es konnte den drei Aposteln nicht verborgen bleiben, dass er sehr bedrückt war; nie zuvor hatten sie ihren Meister so schwer beladen und kummervoll gesehen. Als sie am Ort, wo er zu beten pflegte, angelangt waren, gebot er den Dreien, sich zu setzen und mit ihm zu wachen, während er sich nur ein kurzes Stück entfernte, um zu beten.

Jedes Mal, wenn er im Garten betete, band sich seine menschliche Natur durch den Glauben fester an seine Göttlichkeit und wurde sein menschlicher Wille vollkommener eins mit dem göttlichen Willen seines Vaters. Unter anderen Worten, die der mächtige Engel zu ihm sprach, war die Botschaft, der Vater wünsche, dass sein Sohn seine irdische Selbsthingabe beende, indem er die Todeserfahrung der Geschöpfe genauso durchlebe, wie alle sterblichen Geschöpfe die materielle Auflösung erfahren müssen, wenn sie von der Existenz in der Zeit hinübergehen zum Fortschreiten in der Ewigkeit.

Jesu menschliche Natur war nicht unempfindlich gegenüber dieser Situation persönlicher Verlassenheit, öffentlicher Schande und scheinbaren Misserfolgs seiner Sache. All diese Gefühle lasteten mit unbeschreiblicher Schwere auf ihm. In dieser großen Pein kehrten seine Gedanken zurück zu den Tagen seiner Kindheit in Nazareth und zu seinem frühen Wirken in Galiläa. Im Augenblick dieser großen Prüfung stiegen in seinen Gedanken viele jener angenehmen Szenen aus seinem irdischen Wirken auf. Und es waren diese alten Erinnerungen an Nazareth, an Kapernaum, an den Berg Hermon und an den Sonnenauf- und -untergang auf dem glitzernden Galiläischen Meer, die ihn beruhigten und sein menschliches Herz stärkten und zu der Begegnung mit dem Überläufer bereit machten, der ihn so bald verraten würde.

Auch wenn Jesus in dieser Situation möglicherweise noch einmal mit seiner menschlichen Natur gerungen hat, hat er sich zu keinem Zeitpunkt von Gott verlassen gefühlt.

“Meine Brüder schliefen, während ich angeblich »auf dem Ölberg mit dem Tode rang«, aber ich konnte ihnen nicht zürnen, weil ich wusste, dass ich gar nicht verlassen werden konnte.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 7. 6.)

Bevor Judas und die Soldaten ankamen, hatte der Meister seine gewohnte Gelassenheit wiedergewonnen; der Geist hatte über das Fleisch gesiegt; der Glaube hatte sich gegen alle menschlichen Tendenzen zu Furcht und Zweifel durchgesetzt. Die entscheidende Prüfung zur vollen Verwirklichung der menschlichen Natur war abgelegt und befriedigend bestanden worden. Wiederum war der Menschensohn bereit, seinen Feinden in der völligen Gewissheit seiner Unbesiegbarkeit und mit Gleichmut gegenüberzutreten als ein sterblicher Mensch, der sich rückhaltlos der Ausführung des väterlichen Willens verschrieben hat.

Es besteht große Gefahr, dass die Bedeutung zahlreicher Aussprüche und vieler Begebenheiten missverstanden wird, die das Ende des irdischen Lebensweges des Meisters begleiteten. Im Sinne des göttlichen Auftrages war es, dass der Sohn der Selbsthingabe seine irdische Laufbahn auf natürliche Weise beschließe, genau so wie alle Sterblichen ihr körperliches Leben auf Erden beenden müssen. Doch diese erstaunliche Entfesselung von Hass und nie dagewesener Bekundung von Grausamkeit war das Werk gottloser Sterblicher und nicht der Wille GOTTES. Die Auferstehung ist der WILLE GOTTES. Der Wille GOTTES bedeutet vollkommenes Glück des erlösten Geistes unabhängig vom Geschehen auf der illusionären Ebene der Form.

Da Judas von den vielen Anhängern Jesu in dessen Lager wusste, fürchtete er um das eigene Leben und erlaubte sich deshalb, eine Abteilung von vierzig bewaffneten Soldaten zu verlangen. Da die jüdische Obrigkeit über keine derartige Streitmacht von bewaffneten Männern verfügte, sahen sie sich schließlich gezwungen, an Pilatus selber zu gelangen, um die Erlaubnis zum Einsatz der römischen bewaffneten Gardesoldaten zu erhalten. Es war spät, als sie beim Hause des Pilatus anlangten, und er hatte sich mit seiner Frau bereits in seine Privatgemächer zurückgezogen. Es widerstrebte ihm, mit dieser Angelegenheit irgendetwas zu tun zu haben, zumal seine Frau ihn gebeten hatte, dem Ersuchen nicht stattzugeben. Aber angesichts der Tatsache, dass der Vorsitzende des jüdischen Sanhedrins anwesend war und sich persönlich für diese Hilfeleistung einsetzte, hielt der Statthalter es für klug, dem Verlangen zu entsprechen; denn er dachte, er würde von ihnen etwa begangenes Unrecht später wieder gutmachen können.

Während Judas im Garten mit großen Schritten auf den Meister zuging, um ihn anzureden, machte Jesus eine letzte Anstrengung, um Judas davor zu bewahren, ihn wirklich zu verraten, indem er zur Seite trat, noch bevor der Verräter ihn erreichen konnte, und sich an den ersten Soldaten auf der Linken, den Hauptmann der Römer, mit den Worten wandte: „Wen sucht ihr?“ Der Hauptmann antwortete: „Jesus von Nazareth“. Da trat Jesus direkt vor den Offizier, und er stand da mit der ruhigen Majestät des Gottes einer ganzen Schöpfung und sagte: „Ich bin es.“ Viele im bewaffneten Trupp hatten Jesus im Tempel lehren gehört, andere hatten von seinen mächtigen Werken vernommen, und als sie hörten, wie unerschrocken er sich zu erkennen gab, wichen die Männer in der vordersten Reihe unwillkürlich zurück. Überraschung befiel sie bei dieser ruhigen und majestätischen Erklärung seiner Identität. Judas hatte deshalb keine Veranlassung mehr, seinen verräterischen Plan weiter zu verfolgen. Der Meister hatte sich seinen Feinden unerschrocken zu erkennen gegeben, und sie hätten ihn ohne Judas‘ Mithilfe fassen können. Aber Judas musste etwas tun, um seine Anwesenheit bei dem bewaffneten Trupp zu rechtfertigen, und überdies wollte er demonstrativ seinen Teil am verräterischen Handel mit den Judenführern bekunden, um dann ein Anrecht auf die große Belohnung und die Ehren zu haben, mit denen man ihn, wie er dachte, überhäufen würde als Entgelt für sein Versprechen, Jesus in ihre Hände zu liefern.

Während die Soldaten ihre Fassung wiedergewannen, die sie bei Jesu Anblick und beim Klang seiner ungewöhnlichen Stimme verloren hatten, und während die Apostel und Jünger nähertraten, schritt Judas auf Jesus zu und sagte, indem er ihm einen Kuss auf die Stirne drückte: „Heil dir, Meister und Lehrer.“

Apostel und Jünger waren bei diesem Anblick buchstäblich betäubt. Einen Augenblick lang regte sich niemand. Dann befreite sich Jesus aus der Umarmung durch Judas, schritt auf die Wachen und Soldaten zu und fragte wiederum: „Wen sucht ihr?“ Und wieder sagte der Hauptmann: „Jesus von Nazareth“. Und wieder antwortete Jesus: „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr also mich sucht, dann lasst die anderen ihrer Wege gehen. Ich bin bereit, mit euch zu gehen.“

An dieser Stelle zeigt sich, dass das Urantia Buch nur eine Sammlung planetarischer Informationen ist und daher auch planetarische Fehlinformationen enthält. Dass Jesus Judas einen Verräter nannte, ist einfach nicht wahr, wie Jesus in Ein Kurs in Wundern sehr deutlich macht:

“Das sind einige der Beispiele eines auf den Kopf gestellten Denkens im NEUEN TESTAMENT, obschon das Evangelium in Wirklichkeit nur eine Botschaft der Liebe ist. Hätten die Apostel sich nicht schuldig gefühlt, hätten sie mich nie so zitieren können: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« Das ist eindeutig das Gegenteil all dessen, was ich lehrte. Ebenso wenig hätten sie meine Reaktionen Judas gegenüber so beschreiben können, wie sie es taten, wenn sie mich wirklich verstanden hätten. Ich hätte nur sagen können: »Verrätst du den MENSCHENSOHN mit einem Kuss?«, wenn ich an Verrat geglaubt hätte. Die ganze Botschaft der Kreuzigung war ja, dass ich das nicht tat. Die »Strafe«, die ich auf Judas herabbeschworen haben soll, war ein ähnlicher Fehler. Judas war mein Bruder und ein SOHN GOTTES und ebenso ein Teil der SOHNSCHAFT wie ich. Ist wohl anzunehmen, dass ich ihn verurteilen würde, wenn ich bereit war, aufzuzeigen, dass Verurteilung unmöglich ist?”
(EKIW: Kapitel 6, I. 15.)

Jesus war bereit, mit den Wachen nach Jerusalem zurückzukehren, und der Hauptmann der Soldaten war durchaus gewillt, die drei Apostel und ihre Gefährten in Frieden ihres Weges ziehen zu lassen. Aber noch bevor sie sich in Bewegung setzen konnten und während Jesus dastand und auf die Befehle des Hauptmanns wartete, trat ein gewisser Malchus, syrischer Leibwächter des Hohenpriesters, auf Jesus zu und machte sich daran, ihm die Hände auf den Rücken zu binden, obwohl der römische Hauptmann nicht befohlen hatte, Jesus in dieser Weise zu binden. Als Petrus und seine Gefährten sahen, welcher Schmach ihr Meister unterworfen wurde, vermochten sie sich nicht länger zurückzuhalten. Petrus zog sein Schwert und stürzte sich mit den anderen auf Malchus, um ihn zu schlagen. Aber bevor die Soldaten zur Verteidigung des Dieners des Hohenpriesters herbeieilen konnten, erhob Jesus Einhalt gebietend seine Hand gegen Petrus und sagte in strengem Ton: „Petrus, stecke dein Schwert ein. Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen. Verstehst du nicht, dass es des Vaters Wille ist, dass ich diesen Kelch trinke? Und weißt du darüber hinaus nicht, dass ich sogar jetzt noch mehr als zwölf Engelslegionen samt ihren Mitstreitern aufbieten könnte, die mich aus den Händen dieser wenigen Männer befreien würden?“

Nachdem Jesus gefesselt worden war, gab der Hauptmann aus Furcht, die Anhänger des Meisters könnten versuchen, ihn zu befreien, den Befehl, sie festzunehmen; aber die Soldaten waren nicht schnell genug, weil Jesu Anhänger des Hauptmanns Befehl zu ihrer Verhaftung gehört hatten und eiligst in die Schlucht zurück flohen.

Nachdem sich die Apostelgruppe wieder gesammelt hatte, bestieg Simon Zelotes eine Steinmauer und mit einem leidenschaftlichen Appell, dem Meister und der Sache des Königreichs treu zu bleiben, forderte er seine Mitapostel und die anderen Jünger auf, Jesus zu befreien. Die Mehrzahl der Anwesenden wäre bereit gewesen, seiner aggressiven Führung zu folgen, wäre da nicht Nathanael mit seinem Rat gewesen. Kaum hatte Simon zu sprechen aufgehört, als er sich erhob und ihre Aufmerksamkeit auf Jesu oft wiederholte Lehren von der Widerstandslosigkeit lenkte. Er rief ihnen ferner in Erinnerung, dass Jesus sie eben noch in dieser Nacht dazu angehalten hatte, ihr Leben für jene Zeit zu bewahren, da sie in die Welt hinausziehen sollten, um die gute Nachricht des Evangeliums vom himmlischen Königreich zu verkünden. Und Nathanael wurde in seinem Standpunkt bestärkt durch Jakobus Zebedäus, der nun berichtete, wie Petrus und andere ihre Schwerter gezogen hatten, um den Meister gegen die Verhaftung zu verteidigen, und wie Jesus Petrus und seinen Mitstreitern geboten hatte, ihre Klingen einzustecken. Auch Matthäus und Philipp hielten Ansprachen, aber bei der Diskussion kam nichts Entscheidendes heraus, bis Thomas sie auf die Tatsache aufmerksam machte, dass Jesus Lazarus geraten hatte, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen, und darlegte, dass sie nichts tun konnten, um ihren Meister zu retten, da er seinen Freunden nicht erlaubte, ihn zu verteidigen und da er sich weiterhin weigerte, seine göttlichen Machtmittel einzusetzen, um seine menschlichen Feinde an ihrem Tun zu hindern. Thomas überzeugte sie, auseinander zu gehen, jeder für sich, während vereinbart wurde, dass David Zebedäus im Lager bleiben und hier für die Gruppe ein Koordinationszentrum und ein Botenhauptquartier aufrechterhalten solle. An diesem Morgen um halb drei Uhr war das Lager verlassen; nur David blieb mit drei oder vier Boten dort, denn die anderen waren ausgesandt worden, um Informationen darüber zu sammeln, wohin man Jesus gebracht hatte und was man mit ihm zu tun vorhatte.

Wie Jesus ihm aufgetragen hatte, blieb Johannes Zebedäus bis zum Ende der Kreuzigung stets in seiner Nähe, und er war es, der Davids Boten von Stunde zu Stunde mit Nachrichten versorgte, die sie David zum Lager im Garten brachten und die dann an die Apostel in ihren Verstecken und an die Familie Jesu weitergeleitet wurden.

Johannes Zebedäus erinnerte sich an die Anweisung seines Meisters, immer in seiner Reichweite zu bleiben, und er schloss eiligst zu Jesus auf, der zwischen den beiden Hauptleuten ging. Als der Befehlshaber der Tempelwächter Johannes auf einmal neben sich erblickte, sagte er zu seinem Gehilfen: „Ergreife diesen Mann und fessle ihn. Er ist einer der Mitläufer dieses Kerls hier.“ Aber als der römische Hauptmann dies hörte, sich umschaute und Johannes erblickte, gab er Befehl, der Apostel solle zu ihm herüberkommen und niemand solle ihn behelligen. Dann sagte der römische Hauptmann zu dem jüdischen Hauptmann: „Dieser Mann ist weder ein Verräter noch ein Feigling. Ich habe ihn im Garten gesehen, und er hat nicht das Schwert gezogen, um uns Widerstand zu leisten. Er hat den Mut, sich vorzuwagen, um bei seinem Meister zu sein, und niemand soll Hand an ihn legen. Das römische Gesetz erlaubt, dass jeder Gefangene mindestens einen Freund bei sich habe, wenn er vor dem Richter steht, und dieser Mann soll nicht daran gehindert werden, an der Seite seines Meisters, des Gefangenen, zu bleiben.“

Und das erklärt, weshalb es Johannes Zebedäus erlaubt war, in all den harten Prüfungen dieser Nacht und des nächsten Tages stets in Jesu Nähe zu bleiben. Die Juden wagten nicht, irgendetwas zu Johannes zu sagen oder ihn in irgendeiner Weise zu belästigen, weil er so etwas wie den Status eines römischen Beraters besaß, der zum Beobachter bei den Verhandlungen vor dem jüdischen geistlichen Gerichtshof bestimmt worden war. Die privilegierte Stellung von Johannes wurde noch mehr gefestigt, als der Römer am Eingang zum Palast des Hannas Jesus dem Hauptmann der Tempelwächter übergab, und dabei zu seinem Adjutanten sagte: „Begleite diesen Gefangenen und sorge dafür, dass die Juden ihn nicht ohne die Zustimmung von Pilatus töten. Wache darüber, dass sie ihn nicht ermorden, und sorge dafür, dass es seinem Freund, dem Galiläer, erlaubt wird, dabei zu sein und alles zu beobachten, was vor sich geht.“ Und so war Johannes in der Lage, die ganze Zeit bis zu Jesu Tod am Kreuz in seiner Nähe zu bleiben, während die anderen zehn Apostel gezwungen waren, sich versteckt zu halten. Johannes handelte unter römischem Schutz, und die Juden wagten es bis nach des Meisters Tod nicht, ihn zu belästigen.

Beauftragte des Hannas hatten den Hauptmann der römischen Soldaten insgeheim angewiesen, Jesus nach seiner Verhaftung unverzüglich in seinen Palast zu bringen. Der frühere Hohepriester wünschte sein Prestige als oberste geistliche Autorität der Juden aufrechtzuerhalten. Mit seinem Reichtum aus den Tempeleinkünften, mit seinem Schwiegersohn als amtierendem Hohenpriester und mit seinen Beziehungen zu den römischen Behörden war Hannas in der Tat die mächtigste Person im ganzen Judentum. Er wünschte, die Angelegenheit der Beseitigung Jesu selber zu leiten; er hatte Bedenken, ein derart wichtiges Unternehmen ganz seinem barschen und aggressiven Schwiegersohn zu überlassen.

Hannas wusste, dass ein Richtergremium aus Sanhedristen im Palast seines Schwiegersohnes Kajaphas wartete. An die dreißig Mitglieder des Sanhedrins hatten sich um Mitternacht im Hause des Hohenpriesters versammelt, um bereit zu sein, über Jesus zu Gericht zu sitzen, sobald er vor sie gebracht würde. Doch es widerstrebte Hannas, sich an der Ermordung eines guten Menschen zu beteiligen, und er war zu dem Schluss gekommen, Jesus könnte vielleicht eher wählen, das Land zu verlassen, als den Tod zu erleiden. Aber als Hannas sich dem kräftigen und entschlossenen Galiläer gegenüber sah, wusste er sofort, dass es unnütz wäre, solche Vorschläge zu machen. Jesus war von noch größerer Majestät und Gelassenheit, als er ihn in Erinnerung hatte.

Hannas Versuche, Jesus umzustimmen, scheiterten und als nach drei Stunden der Tagesanbruch näher kam, befand Hannas es für das Beste, Jesus gebunden und unter Aufsicht der Tempelwächter zu Kajaphas zu schicken. Er selbst folgte ihnen bald nach.

Als der Trupp von Wächtern und Soldaten sich dem Eingang zum Palast des Hannas näherte, ging Johannes Zebedäus an der Seite des Hauptmanns der römischen Soldaten. Die Pförtnerin am Tor kannte Johannes, und als er sich mit der Bitte an sie wandte, Petrus einzulassen, tat sie es gerne. Nachdem Petrus den Hof betreten hatte, steuerte er auf ein Holzkohlenfeuer zu und suchte sich zu wärmen, denn die Nacht war kühl. Er fühlte sich hier unter Jesu Feinden sehr fehl am Platze, und das war er in der Tat. Der Meister hatte ihm nicht wie Johannes aufgetragen, in seiner Nähe zu bleiben. Petrus gehörte zu den anderen Aposteln, die ausdrücklich gewarnt worden waren, ihr Leben während der Dauer des Prozesses und der Kreuzigung ihres Meisters nicht aufs Spiel zu setzen.

Kurz nachdem die Türsteherin ihm geöffnet hatte, kam sie zu ihm herüber, während er sich am Feuer wärmte, und sagte schelmisch: „Bist du nicht auch einer der Jünger dieses Mannes?“ Nun hätte Petrus über dieses Erkanntwerden nicht erstaunt sein dürfen, war es doch Johannes gewesen, der das Mädchen gebeten hatte, ihn durch das Palasttor einzulassen; aber er befand sich in einem derartigen Zustand nervöser Anspannung, dass die Identifizierung als Jünger ihn aus dem Gleichgewicht brachte und er, nur von einem einzigen Gedanken beherrscht - dem Gedanken, mit dem Leben davonzukommen - auf die Frage der Magd sogleich zur Antwort gab: „Bin ich nicht.“

Bald darauf trat eine andere Magd vor Petrus und fragte: „Habe ich dich nicht im Garten gesehen, als sie diesen Kerl verhafteten? Bist du nicht auch einer von seinen Anhängern?“ Petrus war jetzt vollends bestürzt; er sah keinen Weg, wie er diesen Anklägerinnen heil entrinnen könnte; also stellte er jede Verbindung mit Jesus vehement in Abrede, indem er sagte: „Ich kenne diesen Mann nicht, noch bin ich einer seiner Anhänger.“

Kurz darauf zog die Pförtnerin Petrus zur Seite und sagte: „Ich bin sicher, dass du ein Jünger von diesem Jesus bist, nicht nur, weil einer seiner Anhänger mich gebeten hat, dich in den Hof einzulassen, sondern weil dich meine Schwester hier mit diesem Mann im Tempel gesehen hat. Warum stellst du es in Abrede?“ Als Petrus hörte, wessen ihn die Magd bezichtigte, bestritt er unter viel Fluchen und Schwören, Jesus zu kennen und sagte wiederum: „Ich bin kein Anhänger dieses Mannes; ich kenne ihn nicht einmal; ich habe nie zuvor von ihm gehört.“

Petrus entfernte sich für eine Weile von der Feuerstelle und ging im Hof umher. Er wäre gerne geflohen, aber er hatte Angst, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Da ihm kalt wurde, kehrte er zur Feuerstelle zurück. Da sagte einer der herumstehenden Männer zu ihm: „Bestimmt bist du einer von den Jüngern dieses Mannes. Dieser Jesus ist ein Galiläer, und deine Sprache verrät dich, denn auch du sprichst wie ein Galiläer.“ Und erneut leugnete Petrus jede Verbindung mit seinem Meister.

In seiner großen Verstörung suchte Petrus den Kontakt mit seinen Anklägern dadurch zu vermeiden, dass er sich vom Feuer weg begab und allein beim Portal blieb. Nach mehr als einer Stunde dieses Alleinseins trafen die Türhüterin und ihre Schwester zufällig auf ihn, und wiederum bezichtigten ihn beide unter Sticheleien, ein Anhänger Jesu zu sein. Und wiederum stritt er ab, wessen man ihn beschuldigte. Gerade als er erneut jede Verbindung mit Jesus geleugnet hatte, krähte der Hahn, und Petrus erinnerte sich der warnenden Worte, die sein Meister zuvor in derselben Nacht zu ihm gesprochen hatte. Als er so dastand, mit schwerem Herzen und von Schuldgefühlen niedergedrückt, gingen die Türen des Palastes auf und die Wächter führten Jesus auf dem Weg zu Kajaphas vorüber. Als der Meister an Petrus vorbeikam, sah er im Schein der Fackeln den Ausdruck von Verzweiflung auf dem Gesicht seines früher so selbstsicheren und oberflächlich mutigen Apostels, und er wandte sich um und sah Petrus an. Petrus vergaß diesen Blick zeit seines Lebens nicht. In diesem Blick mischten sich Mitleid und Liebe in einer Weise, wie kein sterblicher Mensch sie je auf dem Gesicht des Meisters gesehen hatte.

Nachdem Jesus und die Wächter aus dem Palasttor geschritten waren, folgte Petrus ihnen nach, aber nur eine kurze Strecke. Er konnte nicht mehr weitergehen. Er setzte sich an den Straßenrand und weinte bitterlich. Und als er diese Tränen der Qual vergossen hatte, lenkte er seine Schritte zum Lager zurück, wo er seinen Bruder Andreas zu finden hoffte. Aber dort angekommen, fand er nur David Zebedäus. Dieser beauftragte einen Boten damit, ihn zu seinem Bruder zu führen, der sich in Jerusalem versteckt hielt.

Nachdem er den ersten Schritt auf dem Pfad des Kompromisses und des geringsten Widerstandes getan hatte, sah Petrus keine andere Lösung mehr, als an dem einmal eingeschlagenen Kurs festzuhalten. Es bedarf eines großen und vornehmen Charakters, um nach einem Start in die falsche Richtung umzukehren und den richtigen Weg einzuschlagen. Allzu oft neigen wir dazu, unser Weitergehen auf dem irrtümlichen Pfad zu rechtfertigen, wenn wir ihn einmal betreten haben.

Petrus glaubte nie ganz daran, dass ihm vergeben werden könnte, bis er seinem Meister nach der Auferstehung begegnete und sah, dass er von ihm genau so wie vor den Erfahrungen dieser tragischen Nacht der Verleugnungen angenommen wurde.

Es war etwa halb vier Uhr, als der Priesterführer Kajaphas an diesem Freitagmorgen das Untersuchungsgericht der Sanhedristen zur Ordnung rief und befahl, ihnen Jesus zu seinem förmlichen Prozess vorzuführen.

Das jüdische Gesetz verlangte, dass mindestens zwei Zeugen in irgendeinem Punkt übereinstimmen mussten, bevor gegen den Gefangenen Anklage erhoben werden konnte. Judas konnte nicht als Zeuge gegen Jesus benutzt werden, weil das jüdische Gesetz die Aussage eines Verräters ausdrücklich verbot. Mehr als zwanzig falsche Zeugen waren da, um gegen Jesus auszusagen, aber ihre Aussagen waren derart widersprüchlich und so offensichtlich frei erfunden, dass selbst die Sanhedristen sich dieses Schauspiels sehr schämten. Jesus stand da und schaute gütig auf die Meineidigen, und allein sein Gesichtsausdruck brachte die lügnerischen Zeugen aus der Fassung. Während all dieser falschen Aussagen sprach der Meister kein einziges Wort; er erwiderte nichts auf ihre vielen falschen Anschuldigungen.

Kajaphas konnte den Anblick des Meisters, der in vollendeter Selbstbeherrschung und in ungebrochenem Schweigen dastand, nicht ertragen. Er dachte, wenigstens ein Mittel zu kennen, um den Gefangenen zum Sprechen zu bringen. Und so stürzte er auf Jesus zu, schüttelte vor des Meisters Angesicht einen anklagenden Drohfinger und sagte: „Im Namen des lebendigen Gottes beschwöre ich dich, uns zu sagen, ob du der Befreier, der Sohn Gottes, bist.“ Jesus antwortete Kajaphas: „Ich bin‘s. In Kürze gehe ich zum Vater, und alsbald wird der Menschensohn mit Macht ausgestattet sein und wieder über die himmlischen Heerscharen gebieten.“

Als der Hohepriester Jesus diese Worte sprechen hörte, geriet er außer sich vor Zorn und schrie, indem er sein Übergewand zerriss: „Was brauchen wir jetzt noch weitere Zeugen? Seht, jetzt habt ihr alle die Gotteslästerung dieses Mannes gehört. Was soll eurer Meinung nach mit diesem Gesetzesbrecher und Gotteslästerer geschehen?“ Und sie alle antworteten wie aus einem Munde: „Er hat den Tod verdient; lasst ihn kreuzigen.“

Jesus hatte sich für keine Frage interessiert, die Hannas oder die Sanhedristen ihm stellten außer jener, die sich auf seine Mission der Selbsthingabe bezog. Auf die Frage, ob er der Sohn Gottes sei, antwortete er sogleich und unzweideutig mit Ja.

Das jüdische Gesetz verlangte, dass das Gericht bei Verhängung der Todesstrafe zweimal zusammenzutreten hatte. Die zweite Sitzung musste am Tag nach der ersten abgehalten werden, und die Zwischenzeit hatten die Mitglieder des Gerichtshofs mit Fasten und Trauern zu verbringen. Aber diese Männer mochten nicht bis zum nächsten Tag warten, um ihren Entschluss zu bestätigen, Jesus müsse sterben. Sie warteten nur eine Stunde. In der Zwischenzeit ließen sie Jesus im Audienzsaal im Gewahrsam der Tempelwächter, die sich zusammen mit den Dienern des Hohenpriesters damit vergnügten, Demütigung über Demütigung auf den Menschensohn zu häufen.

Während dieser Stunde der Belästigungen und Verspottung durch die unwissenden und gefühllosen Wächter und Diener wartete Johannes Zebedäus in einsamem Entsetzen in einem Nebenraum. Als die Misshandlungen begannen, gab Jesus Johannes mit einem Kopfnicken zu verstehen, er solle sich zurückziehen. Der Meister wusste sehr wohl, dass, erlaubte er seinem Apostel, im Raum zu bleiben und Zeuge der Abscheulichkeiten zu werden, dieser innerlich so aufgewühlt würde, dass es zu einem Ausbruch empörten Protestes käme, der wahrscheinlich seinen Tod zur Folge hätte.

Was ist das für ein tierischer Wesenszug des Menschen, der ihn veranlasst, das beleidigen und physisch angreifen zu wollen, was er geistig nicht erreichen und intellektuell nicht vollbringen kann? Im halbzivilisierten Menschen lauert immer noch eine böse Brutalität, die sich an denen abzureagieren sucht, die ihm an Weisheit und Geistigkeit überlegen sind. Als diese Beleidigungen, Spöttereien und Schläge auf Jesus niedergingen, wehrte er sich nicht, aber er war nicht wehrlos. Jesus war nicht besiegt, er kämpfte nur nicht im materiellen Sinne.

Das sind die Augenblicke der größten Siege des Meisters in seinem langen und ereignisreichen Werdegang als Schöpfer, Erhalter und Erlöser eines sich ins Unermessliche dehnenden Universums. Jesus hat bis ins Kleinste ein Leben gelebt, das den Menschen Gott offenbart, und unternimmt es jetzt, Gott eine neue und beispiellose Offenbarung des Menschen zu geben. Jesus offenbart den Welten jetzt den endgültigen Triumph über alle Ängste, die aus der Isolation der Geschöpfespersönlichkeit erwachsen. Der Menschensohn hat seine Identität mit dem Gottessohn endgültig verwirklicht. Jesus zögert nicht zu erklären, er und der Vater seien eins. Und aufgrund der Tatsache und Wahrheit dieser höchsten und göttlichen Erfahrung ruft er jeden auf, der an das Königreich glaubt, mit ihm eins zu werden, wie er und sein Vater eins sind. Die lebendige Erfahrung in der Spiritualität Jesu wird damit zur sicheren und verbürgten Methode, durch welche die geistig abgetrennten und kosmisch einsamen Sterblichen der Erde in die Lage versetzt werden, der Isolation der Persönlichkeit samt allen damit verbundenen Ängsten und verwandten Gefühlen der Hilflosigkeit zu entrinnen. In den brüderlichen Realitäten des Königreichs des Himmels finden die Glaubenssöhne Gottes sowohl persönlich wie planetarisch endgültige Erlösung von der Isolation des Selbst. Der Gläubige, der Gott kennt, macht in wachsendem Maße die Erfahrung der Ekstase und Größe der geistigen Sozialisierung im universellen Maßstab - der himmlischen Staatsbürgerschaft verbunden mit der ewigen Verwirklichung der göttlichen Bestimmung, Vollkommenheit zu erreichen.

Um halb sechs Uhr versammelte sich das Gericht von neuem, und Jesus wurde in den Nebenraum geführt, wo Johannes wartete. Hier bewachten der römische Soldat und die Tempelwächter Jesus, während das Gericht mit der Formulierung der Anklagepunkte begann, die man Pilatus vorlegen wollte. Hannas machte seinen Kollegen klar, dass der Vorwurf der Gotteslästerung bei Pilatus kein Gewicht haben würde.

Diese Sitzung des Gerichts dauerte nicht länger als eine halbe Stunde, und als sie sie aufhoben, um vor Pilatus zu gehen, hatten sie eine Anklage gegen Jesus in drei Punkten abgefasst.

Kurz nach sechs Uhr früh an diesem Freitag wurde Jesus vor Pilatus, dem römischen Prokurator, gebracht. Pilatus war nicht imstande, die Tatsache zu begreifen, dass diese Hebräer eine wirkliche Religion besaßen, einen Glauben, für den sie zu sterben bereit waren, und dass Millionen und Abermillionen von ihnen, die überall im Kaiserreich verstreut lebten, nach Jerusalem als dem Heiligtum ihres Glaubens schauten und den Sanhedrin als höchsten Gerichtshof auf Erden respektierten.

Pilatus liebte die Juden nicht, und dieser tief wurzelnde Hass begann sich schon früh zu zeigen. Von allen römischen Provinzen war keine schwieriger zu regieren als Judäa. Pilatus begriff die mit der Führung der Juden zusammenhängenden Probleme nie wirklich und machte deshalb in seiner Statthalterpraxis gleich zu Beginn eine Reihe von beinahe verhängnisvollen und fast selbstmörderischen Fehlern. Es waren gerade diese Fehler, die den Juden solche Macht über ihn gaben. Wenn sie seine Entscheidungen beeinflussen wollten, brauchten sie nur mit einer Volkserhebung zu drohen, und Pilatus kapitulierte sofort.

Es ist bedeutungsvoll, dass derselbe wankelmütige römische Herrscher, der Jesus aus Angst vor den Juden und zur Sicherung seiner persönlichen Stellung opferte, schließlich abgesetzt wurde wegen der unnötigen Niedermetzelung von Samaritanern im Zusammenhang mit den Ansprüchen eines falschen Messias. Diese Episode hatte zur Folge, dass der Legat von Syrien Pilatus nach Rom beorderte. Tiberius starb, während Pilatus nach Rom unterwegs war, und er wurde nicht wieder zum Prokurator von Judäa ernannt. Er erholte sich nie ganz von der Reue und Verdammnis, in die Kreuzigung Jesu eingewilligt zu haben. Da er vor den Augen des neuen Kaisers keine Gnade fand, zog er sich in die Provinz von Lausanne zurück, wo er später Selbstmord beging.

Claudia Procula, die Frau des Pilatus, hatte durch ihre Kammerzofe, eine Phönizierin, die an das Evangelium vom Königreich glaubte, viel von Jesus gehört. Nach dem Tod des Pilatus war Claudia führend an der Verbreitung des Evangeliums beteiligt.

Nachdem sich Jesus und seine Ankläger vor der Gerichtshalle des Pilatus eingefunden hatten, kam der römische Statthalter heraus und wandte sich an die Schar der Versammelten mit der Frage: „Was für eine Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?“ Die Sadduzäer und Ratsmitglieder, die es auf sich genommen hatten, Jesus aus dem Wege zu räumen, hatten beschlossen, vor Pilatus zu gehen und die Bestätigung des über Jesus verhängten Todesurteils zu verlangen, ohne eine bestimmte Anklage zu erheben. Deshalb gab der Sprecher des Sanhedristengerichts Pilatus zur Antwort: „Wenn dieser Mann kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht übergeben.“

Als Pilatus feststellte, dass sie sich dagegen sträubten, ihre Anklagepunkte gegen Jesus bekannt zu geben, obwohl er wusste, dass sie die ganze Nacht mit Beratungen über seine Schuld zugebracht hatten, antwortete er ihnen: „Wenn ihr euch auf keine bestimmte Beschuldigung geeinigt habt, warum nehmt ihr diesen Mann nicht und richtet ihn gemäß euren eigenen Gesetzen?“

Pilatus war nicht willens, dem Verlangen, Jesus ohne Prozess zum Tode zu verurteilen, stattzugeben. Deshalb wartete er einige Augenblicke, damit sie ihre Anklagen gegen den Gefangenen vorbringen konnten. Dann wandte er sich mit den Worten an sie: „Ich werde diesen Mann nicht ohne Prozess zum Tode verurteilen; ebenso wenig bin ich bereit, ihn zu vernehmen, solange ihr mir die gegen ihn erhobenen Anklagen nicht schriftlich unterbreitet habt.“

Als der Hohepriester und die anderen ihn das sagen hörten, gaben sie dem Gerichtsschreiber ein Zeichen, worauf dieser Pilatus die geschriebenen Anklagepunkte gegen Jesus überreichte. Und diese lauteten:

„Das Tribunal der Sanhedristen befindet, dass dieser Mann ein Übeltäter ist und den Frieden unserer Nation gefährdet, weil er sich schuldig gemacht hat:”

„1. Unsere Nation zu verführen und unser Volk zur Rebellion anzustiften.”

„2. Den Leuten zu verbieten, Caesar den Tribut zu zahlen.”

„3. Sich selber ‚König der Juden‘ zu nennen und die Gründung eines neuen Königreichs zu lehren.“

In keinem dieser Punkte war Jesus nach den Regeln verhört, noch gesetzlich für schuldig erklärt worden. Er hörte die Anklagen nicht einmal, als sie zum ersten Mal verlesen wurden; aber Pilatus ließ ihn vom Prätorium, wo er sich in der Obhut der Wachen befand, herbeiholen, und bestand darauf, dass die Anklagen in Jesu Gegenwart wiederholt würden. Jesus erwiderte nichts auf ihre falschen Anklagen. Auch als Pilatus ihm gebot, seinen Anklägern zu antworten, öffnete er seinen Mund nicht. Pilatus war über die Ungerechtigkeit des ganzen Verfahrens derart erstaunt und von Jesu Schweigen und seiner vollendeten Haltung so beeindruckt, dass er beschloss, den Gefangenen ins Innere der Halle zu führen und ihn dort privat zu vernehmen.

Pilatus nahm Jesus und Johannes Zebedäus in einen Privatraum mit, während er die Wachen draußen in der Halle stehen ließ, und bat den Gefangenen, sich zu setzen, worauf er an seiner Seite Platz nahm und mehrere Fragen an ihn richtete. Nachdem die ersten beiden Anklagepunkte schnell geklärt waren, wandte sich Pilatus wieder Jesus zu, um ihm weitere Fragen zu stellen, und sagte: „Und nun zu der dritten Anklage gegen dich, bist du der König der Juden?“ Da so etwas wie ehrliches Forschen in Pilatus‘ Stimme mitklang, lächelte Jesus dem Statthalter zu und sagte: „Pilatus, fragst du das von dir aus, oder übernimmst du diese Frage von den anderen, von meinen Anklägern?“ Worauf der Statthalter im Tone einer gewissen Entrüstung erwiderte: „Bin ich ein Jude? Dein eigenes Volk und die höchsten Priester haben dich ausgeliefert und von mir verlangt, dich zum Tode zu verurteilen. Ich ziehe die Gültigkeit ihrer Anschuldigungen in Zweifel, und ich versuche nur, für mich selber herauszufinden, was du getan hast. Sag mir, hast du gesagt, du seiest der König der Juden, und hast du versucht, ein neues Königreich zu gründen?“

Da sagte Jesus zu Pilatus: „Erkennst du nicht, dass mein Königreich nicht von dieser Welt ist? Wäre mein Königreich von dieser Welt, dann würden meine Jünger bestimmt kämpfen, damit ich den Juden nicht in die Hände falle. Meine Gegenwart hier vor dir in diesen Fesseln genügt, um allen Menschen zu zeigen, dass mein Königreich eine geistige Herrschaft ist, eben die Bruderschaft der Menschen, die durch den Glauben und die Liebe Söhne Gottes geworden sind. Und dieses rettende Heil ist ebenso sehr für die Heiden wie für die Juden.“

„So bist du also doch ein König?“ sagte Pilatus. Und Jesus antwortete: „Ja, ich bin ein solcher König, und mein Königreich ist die Familie der Glaubenssöhne meines Vaters, der im Himmel wohnt. Gerade dazu bin ich in diese Welt hineingeboren worden, dass ich allen Menschen meinen Vater zeige und von der Wahrheit Gottes Zeugnis ablege. Und gerade jetzt erkläre ich dir, dass jeder, der die Wahrheit liebt, meine Stimme hört.“

Da sagte Pilatus halb im Spott und halb im Ernst: „Wahrheit, was ist Wahrheit - wer kennt sie schon?“

GOTTES Wille für uns ist vollkommenes Glück, und wir sind wie Kinder, die sich für diese Erfahrung öffnen. “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.” (Matthäus 18, 3) bedeutet, dass wir die wahre Kraft unserer wahren Beziehung zu GOTT nicht erkennen können, wenn wir nicht unsere völlige Abhängigkeit von ihm erkennen. Und wenn wir nicht bereit sind, unser ganzes weltliches Wissen wieder zu vergessen. Verlernen ist wahres Lernen in der Welt.

Pilatus war als römischer Prokurator die bei weitem gebildetste Person, die im Neuen Testament vorkommt. Er war in philosophischen Dingen bewandert. Im letzten Augenblick, kurz bevor Jesus ans Kreuz geschlagen werden sollte, fragte er ihn noch: “Was ist Wahrheit?” So etwas kann nur ein philosophischer Kopf fragen.

Jesus aber reagierte mit Schweigen auf diese Frage; nicht etwa, weil er es für unwert hielt, dieses Rätsel zu lösen - Pilatus war der einzige Mensch, der tiefe Philosophie hätte verstehen können. Nein, Jesus schwieg, weil er nur zu Menschen sprechen konnte, die über den Verstand hinausgehen konnten. Logisches Denken war nutzlos. Wer die Präsenz eines erleuchteten Geistes nicht fühlt, dem können Worte allein nicht helfen. Pilatus hatte eine philosophische Frage gestellt. Die hätte er besser einer Universität, einer Akademie gestellt, aber Jesus philosophische Fragen zu stellen, das war sinnlos. Er schwieg, weil es vergeblich gewesen wäre zu antworten.

Pilatus war nicht fähig, Jesu Worte zu ergründen, noch war er fähig, das Wesen seines geistigen Königreichs zu verstehen, aber er war jetzt sicher, dass der Gefangene nichts Todeswürdiges begangen hatte. Ein einziger Blick auf Jesus, von Angesicht zu Angesicht, genügte, um sogar Pilatus davon zu überzeugen, dass dieser liebenswürdige und müde, aber majestätische und aufrechte Mann kein unbändiger und gefährlicher Revolutionär war, der danach trachtete, sich auf den weltlichen Thron Israels zu setzen. Pilatus dachte, etwas von dem zu verstehen, was Jesus meinte, als er sich einen König nannte, denn er war vertraut mit den Lehren der Stoiker, die verkündeten, dass „der weise Mann ein König ist“. Pilatus war vollkommen überzeugt, dass Jesus, statt ein gefährlicher Volksverhetzer zu sein, nichts mehr und nichts weniger war als ein harmloser Visionär, ein unschuldiger Fanatiker.

Pilatus fühlte sich aber von den Juden arg bedrängt. Was sollte er bloß mit Jesus tun? Und so dachte er, er könnte der Verantwortung, den Fall zu entscheiden, aus dem Wege gehen oder zumindest Zeit zum Nachdenken gewinnen, wenn er Jesus vor Herodes schickte, der sich gerade in der Stadt aufhielt, um am Passahfest teilzunehmen.

Die Tempelwächter brachten Jesus also zu Herodes Antipas, während seine Ankläger und eine wachsende Menge ihnen folgten. Seit langem hatte Herodes von Jesus gehört, und er war sehr neugierig auf ihn. Herodes hatte viel von Jesu Wundertaten gehört, und er hoffte wirklich, ihn irgendein Wunder vollbringen zu sehen.

Als sie Jesus vor Herodes brachten, war der Tetrarch von seiner imposanten Erscheinung und seinem ruhigen Gesichtsausdruck überrascht. Etwa fünfzehn Minuten lang stellte Herodes ihm Fragen, aber der Meister antwortete nichts. Herodes höhnte ihn und forderte ihn heraus, ein Wunder zu tun, aber Jesus erwiderte nichts auf seine vielen Fragen und schwieg zu seinen Sarkasmen.

Als Herodes endlich zu der Überzeugung gelangt war, dass Jesus weder sprechen noch für ihn ein Wunder tun würde, machte er sich eine Zeit lang über ihn lustig, kleidete ihn dann in einen alten purpurnen Königsmantel und sandte ihn zurück zu Pilatus. Herodes wusste, dass sich Jesus in Judäa außerhalb seiner Gerichtsbarkeit befand. Obwohl er über den Gedanken froh war, Jesus in Galiläa endlich los zu sein, war er doch dankbar, dass die Verantwortung für seine Hinrichtung bei Pilatus lag. Herodes hatte sich nie ganz von der Angst erholt, die ihn quälte, seit er Johannes den Täufer umgebracht hatte. Herodes hatte zeitweise sogar gefürchtet, Jesus sei der von den Toten auferstandene Johannes. Jetzt ließ ihn diese Angst los, da er feststellte, dass Jesus eine ganz andere Art Mensch war als der unverblümt sprechende und heftige Prophet, der es gewagt hatte, sein Privatleben aufzudecken und zu brandmarken.

Nachdem die Wachen Jesus zu Pilatus zurückgebracht hatten, trat dieser auf die Vordertreppe des Prätoriums hinaus, wo sein Richterstuhl hingestellt worden war, rief die führenden Priester und Sanhedristen zusammen und sprach mit ihnen.

Die Juden wollten gerade mit Geschrei gegen Jesu Freilassung protestieren, als eine große Menschenmenge vor dem Prätorium aufmarschierte, um von Pilatus zu Ehren des Passahfestes die Freilassung eines Gefangenen zu erwirken. Seit einiger Zeit pflegten die römischen Statthalter an Passah dem Pöbel zu erlauben, einen Gefangenen oder Verurteilten zur Begnadigung auszuwählen. Und nun, da dieser Haufe vor ihm stand, um die Freilassung eines Gefangenen zu verlangen, und da Jesus bei der Menge eben noch in so großer Gunst gestanden hatte, fiel es Pilatus ein, er könnte sich vielleicht aus dieser misslichen Lage befreien, wenn er den Versammelten vorschlüge, ihnen als Zeichen des guten Willens an Passah diesen Mann aus Galiläa zu übergeben, da Jesus jetzt als Gefangener vor seinem Richterstuhl stand.

Als die Menge die Treppen des Gebäudes hinaufdrängte, hörte Pilatus den Namen eines gewissen Barabbas rufen. Barabbas war ein bekannter politischer Agitator und Raubmörder, Sohn eines Priesters, und war vor kurzem auf der Straße nach Jericho beim Begehen eines Raubmordes ergriffen worden. An diesem Mann sollte gleich nach den Passahfestlichkeiten das Todesurteil vollstreckt werden.

Pilatus erhob sich und erklärte der Menge, dass die führenden Priester Jesus vor ihn gebracht hätten, weil sie aufgrund gewisser Beschuldigungen seinen Tod wünschten, dass er selber aber nicht glaube, der Mann habe den Tod verdient. Pilatus sagte: „Was zieht ihr nun vor, dass ich euch den Mörder Barabbas freigebe oder diesen Jesus von Galiläa?“ Kaum hatte Pilatus dies gesagt, als die Priesterführer und die Ratsmitglieder des Sanhedrins so laut sie konnten schrieen: „Barabbas, Barabbas!“ Und als die Leute sahen, dass die Priesterführer Jesu Tod wünschten, stimmten sie rasch in den Ruf nach seinem Tod ein und verlangten mit lautem Geschrei die Freilassung des Barabbas.

Pilatus wusste, dass Jesus der gegen ihn erhobenen Anklagen unschuldig war, und wäre er ein gerechter und mutiger Richter gewesen, hätte er ihn freigesprochen und ihn entlassen. Aber er hatte Angst, den erzürnten Juden zu trotzen. Während er zögerte, seine Pflicht zu tun, erschien ein Bote und überbrachte ihm von seiner Frau Claudia eine versiegelte Botschaft.

Pilatus bedeutete den vor ihm Versammelten, er wünsche die eben erhaltene Mitteilung zu lesen, bevor er den Fall weiter verfolge. Er öffnete den Brief seiner Frau und las: „Ich flehe dich an, habe nichts zu schaffen mit diesem unschuldigen und gerechten Mann, den sie Jesus nennen. Ich habe diese Nacht in einem Traum seinetwegen viel gelitten.“ Nicht nur brachte diese Notiz Claudias Pilatus ziemlich aus der Fassung und verzögerte dadurch den Urteilsspruch in dieser Angelegenheit, sondern sie gewährte unglücklicherweise auch den jüdischen Führern beträchtliche Zeit, in der Menge umherzugehen und die Leute zu drängen, die Freilassung des Barabbas zu verlangen und laut nach Jesu Kreuzigung zu rufen.

Darauf versuchte Pilatus Jesus noch mehrmals Jesus zu verteidigen: „Warum wollt ihr diesen Mann kreuzigen? Welche Missetat hat er begangen? Wer will vortreten, um gegen ihn zu zeugen?“ Aber als sie hörten, dass Pilatus Jesus verteidigte, brüllten sie umso lauter: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“

Das hartnäckige Schreien des Pöbels, der unter der direkten Regie der Priesterführer und Ratsmitglieder des Sanhedrins handelte, versetzte Pilatus in große Angst; trotzdem unternahm er zumindest noch einen weiteren Versuch, die Menge zu besänftigen und Jesus zu retten. Und so gab er den jüdischen Wächtern und den römischen Soldaten den Befehl, Jesus zur Auspeitschung abzuführen. Bevor die Peiniger Jesus zur Geißelung an einen Pfosten banden und sich mit ihren geknoteten Peitschen über ihn hermachten, legten sie ihm wieder die Purpurrobe an und drückten ihm eine aus Dornen geflochtene Krone auf die Stirn. Und dann gaben sie ihm zum Spott ein Rohr als Szepter in die Hand, knieten vor ihm nieder und verlachten ihn.

Danach führte Pilatus den blutenden und zerfetzten Gefangenen hinaus, zeigte ihn der gemischten Menge und sagte: „Seht den Menschen! Ich erkläre euch erneut, dass ich kein Verbrechen bei ihm finden kann, und jetzt, da ich ihn habe auspeitschen lassen, möchte ich ihn freigeben.“

Die Herzen derer, die zu Jesu Vernichtung entschlossen waren, blieben ungerührt. Als sie sich vom ersten Schock beim Anblick des Not leidenden Meisters erholt hatten, riefen sie nur umso lauter und anhaltender: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“

Und jetzt begriff Pilatus, dass es aussichtslos war, an vermutliche Mitleidsregungen zu appellieren. Er trat vor und sagte: „Ich stelle fest, dass ihr entschlossen seid, diesen Mann sterben zu lassen, aber was hat er getan, um den Tod zu verdienen? Wer will sein Verbrechen erläutern?“

Da ging der Hohepriester selber nach vorn, stieg zu Pilatus hinauf und erklärte ungehalten: „Wir haben ein heiliges Gesetz, und nach diesem Gesetz muss dieser Mann sterben, weil er behauptet hat, er sei der Sohn Gottes.“ Als Pilatus das hörte, packte ihn eine noch viel größere Angst, nicht nur vor den Juden, sondern weil er an die Botschaft seiner Frau dachte und an die griechische Mythologie von den Göttern, die zur Erde herabsteigen; und er zitterte jetzt bei dem Gedanken, Jesus könnte am Ende ein göttliches Wesen sein. Er gab der Menge mit einem Wink zu verstehen, sich ruhig zu verhalten, nahm Jesus beim Arm und führte ihn zu weiterer Vernehmung ins Innere des Gebäudes. Die Angst verwirrte jetzt die Gedanken des Pilatus, abergläubische Furcht erfüllte ihn und die Hartnäckigkeit des Mobs saß ihm im Nacken.

Pilatus setzte sich zitternd vor Furcht neben Jesus und fragte ihn: „Woher kommst du? Wer bist du wirklich? Was soll das heißen, wenn sie sagen, du seist der Sohn Gottes?“

Aber Jesus konnte solche Fragen schwerlich beantworten, wenn sie ihm von einem die Menschen fürchtenden, schwachen und wankelmütigen Richter gestellt wurden, der so ungerecht war, ihn geißeln zu lassen, obwohl er ihn jeglichen Verbrechens für unschuldig erklärt hatte, und noch bevor Jesus in aller Form zum Tode verurteilt worden war. Jesus schaute Pilatus gerade ins Gesicht, aber er antwortete ihm nicht. Da sagte Pilatus: „Weigerst du dich, mit mir zu reden? Ist dir nicht bewusst, dass es immer noch in meiner Macht steht, dich freizulassen oder dich zu kreuzigen?“ Jesus antwortete: „Du könntest keine Macht über mich haben, wenn es dir nicht von oben erlaubt würde. Du könntest über den Menschensohn keine Autorität ausüben, wenn der Vater im Himmel es nicht gestatten würde.”

Pilatus wollte gerade daran gehen, Jesus freizulassen, als der Hohepriester Kajaphas an den feigen römischen Richter herantrat, vor dessen Gesicht einen Drohfinger schüttelte und mit zornigen Worten, die die ganze Menge hören konnte, sprach: „Wenn du diesen Mann freilässt, bist du nicht Caesars Freund, und ich werde dafür sorgen, dass der Kaiser alles vernimmt.“ Diese öffentliche Drohung war zu viel für Pilatus.

Pilatus befürchtete einen Tumult oder eine Volkserhebung. Er wagte es nicht, in der Passahzeit das Risiko solcher Unruhen in Jerusalem einzugehen. Er hatte neulich von Caesar eine Rüge erhalten, und er wollte es nicht auf eine zweite ankommen lassen. Der Pöbel spendete Beifall, als er die Freilassung des Barabbas befahl. Dann ließ er ein Becken mit Wasser bringen und wusch sich vor der Menge die Hände und sagte: „Ich bin am Blute dieses Menschen unschuldig. Ihr seid entschlossen, ihn sterben zu lassen, aber ich habe keine Schuld an ihm gefunden. Das ist jetzt eure Sache. Die Soldaten werden ihn abführen.“ Und der Pöbel erhob ein Hurrageschrei und antwortete: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“

Bis die Soldaten so weit waren, mit Jesus nach Golgatha aufzubrechen, hatten seine ungewöhnliche Haltung und außerordentliche Würde und sein klagloses Schweigen begonnen, sie zu beeindrucken.

Ihr Aufbruch mit Jesus zur Kreuzigungsstätte wurde hauptsächlich dadurch verzögert, dass der Hauptmann in letzter Minute entschied, zwei zum Tode verurteilte Diebe mitzunehmen. Da Jesus noch an diesem Morgen gekreuzigt werden sollte, befand der römische Hauptmann, die beiden könnten ebenso gut jetzt mit ihm sterben, anstatt das Ende der Passahfeierlichkeiten abzuwarten.

Bevor die Soldaten den Prätoriumshof verließen, luden sie den Kreuzesbalken auf Jesu Schultern. Es war üblich, den Verurteilten zu zwingen, den Querbalken bis an den Ort der Kreuzigung zu tragen. Der Verurteilte trug nicht das ganze Kreuz, sondern nur dessen kürzeren Balken. Die längeren senkrechten Holzbalken für die drei Kreuze hatte man schon vorher nach Golgatha gebracht, und sie waren bereits fest in den Boden gerammt worden, als die Soldaten mit ihren Gefangenen anlangten.

Dem Brauch entsprechend, führte der Hauptmann die Prozession an. Er trug weiße Holztäfelchen, auf denen mit Kohle die Namen der Verbrecher und die Art des Verbrechens, für das sie verurteilt worden waren, geschrieben standen. War das Opfer einmal am Querbalken festgenagelt und an seinen Platz am senkrechten Balken gehoben worden, pflegte man diese Inschrift oben am Kreuz gerade über dem Kopf des Verbrechers anzunageln, damit alle Zeugen erfahren konnten, für welches Verbrechen der Verurteilte gekreuzigt wurde. Der Text, den der Zenturio trug, um ihn an Jesu Kreuz anzubringen, war von Pilatus eigenhändig auf Lateinisch, Griechisch und Aramäisch geschrieben worden, und lautete: „Jesus von Nazareth - der König der Juden“.

Als sich die Todesprozession durch die engen Gassen Jerusalems fortbewegte, konnten viele zartfühlende Jüdinnen, die Jesu Worte der Ermutigung und des Erbarmens gehört hatten und die um sein Leben des Dienens in Liebe wussten, ihre Tränen nicht zurückhalten, als sie sahen, wie er vorbeigeführt wurde, um eines so schmachvollen Todes zu sterben. Als er vorüberging, seufzten und wehklagten viele dieser Frauen. Und als einige von ihnen es sogar wagten, an seiner Seite mitzugehen, wandte der Meister seinen Kopf nach ihnen um und sagte: „Ihr Töchter Jerusalems, beweint nicht mich, sondern beweint vielmehr euch und eure Kinder. Mein Werk ist so gut wie getan - ich gehe bald zu meinem Vater - aber für Jerusalem beginnen gerade erst die Zeiten schrecklicher Wirrnisse.”

Diese Frauen von Jerusalem zeigten wahrhaft Mut, als sie Jesus ihr Mitgefühl ausdrückten, denn es verstieß strikt gegen das Gesetz, freundliche Gefühle für einen zu zeigen, der zur Kreuzigung geführt wurde. Der Pöbel durfte den Verurteilten verhöhnen, verspotten und verlachen, aber es war nicht erlaubt, irgendwelche Sympathie für ihn auszudrücken. Obwohl Jesus die Sympathiekundgebung in dieser finsteren Stunde, da seine Freunde sich versteckt hielten, schätzte, wollte er doch nicht, dass diese gütigen Frauen das Missfallen der Behörden auf sich zögen, weil sie es wagten, ihm ihr Mitleid zu zeigen. Sogar in einem Augenblick wie diesem dachte Jesus kaum an sich selbst, sondern nur an die schrecklichen Tage der Tragödie, die Jerusalem und der ganzen jüdischen Nation bevorstanden.

Das Leid der Juden und unser aller Leid ist selbstverständlich keine Strafe GOTTES, sondern einfach die Folge unseres Festhaltens am Ego-Denksystem. In der Identifikation mit dem Ego glauben wir tatsächlich, wir hätten GOTTES SOHN gekreuzigt. Wir projizieren blindlings und wahllos Schuld, aber wir haben ihre Quelle nicht aufgedeckt. Denn das Ego will uns tatsächlich töten, und wenn wir uns mit ihm identifizieren, müssen wir glauben, dass sein Ziel das unsere ist. Die Kreuzigung ist das Symbol des Ego. Als es mit der wirklichen Schuldlosigkeit des GOTTESSOHNES konfrontiert wurde, versuchte es, ihn zu töten, und der Grund, den es vorgab, war der, dass Schuldlosigkeit eine Gotteslästerung sei. Am spirituellen Weg werden wir erkennen, dass wir uns selbst gekreuzigt haben. Doch GOTTES Plan ist, dass SEIN geliebter SOHN erlöst sein wird.

Als Jesus, mit dem Kreuzesbalken beladen, auf dem Weg aus der Stadt kurz nach Durchschreiten des Tores ins Wanken geriet, gaben seine physischen Kräfte vorübergehend nach, und er stürzte unter dem Gewicht seiner schweren Last zu Boden. Die Soldaten schrieen ihn an und versetzten ihm Fußtritte, aber er vermochte sich nicht zu erheben. Als der Hauptmann, der wusste, was Jesus schon alles erlitten hatte, das sah, gebot er den Soldaten, von ihm abzulassen. Dann befahl er einem gewissen Simon von Kyrene, der gerade vorüberging, den Kreuzesbalken von Jesu Schultern zu nehmen, und zwang ihn, den Balken auf dem restlichen Weg bis nach Golgatha zu tragen.

Dieser Simon blieb während der ganzen Todesstunden des Meisters am Kreuz und sprach mit vielen seiner Freunde und mit seinen Feinden. Nach der Auferstehung und noch bevor er Jerusalem verließ, wurde er zu einem kühnen Bekenner des Evangeliums vom Königreich, und bei seiner Heimkehr führte er seine Familie in das himmlische Königreich. Seine beiden Söhne Alexander und Rufus wurden sehr erfolgreiche Lehrer des neuen Evangeliums in Afrika. Aber Simon wusste nie, dass Jesus, dessen Last er getragen, und der jüdische Lehrer, der sich einst seines verletzten Sohnes angenommen hatte, ein und dieselbe Person waren.

Bevor Jesus an sein Kreuz geschlagen wurde, waren die beiden Räuber bereits auf die ihrigen gebracht worden, von denen herab sie ihre Henker ohne Unterlass beschimpften und bespuckten. Jesu einzige Worte, als sie ihn auf den Querbalken nagelten, waren: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er hätte nicht so voller Erbarmen und Liebe für seine Henker bitten können, wenn solche Gedanken liebender Hingabe nicht die Haupttriebfeder seines ganzen Lebens in selbstlosem Dienst gewesen wären. Die Ideen, Beweggründe und Sehnsüchte eines ganzen Lebens kommen im Moment der Kreuzigung offen an den Tag.

Nachdem sie den Meister auf das Kreuz gehoben hatten, nagelte der Hauptmann die Inschrift über seinem Kopf fest, und sie lautete in drei Sprachen: „Jesus von Nazareth - der König der Juden.“ Die Juden gerieten in Wut über das, was in ihren Augen eine Beleidigung war. Aber Pilatus war über ihre respektlose Art verärgert; er fühlte, dass er sich hatte einschüchtern und demütigen lassen, und griff jetzt zu dieser Methode kleinlicher Heimzahlung.

Gleich nachdem Jesus in seine Lage auf dem Kreuz gebracht worden war und gerade als der Hauptmann die Inschrift über des Meisters Haupt annagelte, traf der Apostel Johannes mit Jesu Mutter Maria, Ruth und Jude am Ort des Geschehens ein. Johannes war von den elf Aposteln der einzige Zeuge der Kreuzigung, und auch er war nicht während der ganzen Zeit anwesend, denn bald nachdem er Jesu Mutter an den Ort des Geschehens gebracht hatte, lief er nach Jerusalem zurück, um seine eigene Mutter und ihre Freunde zu holen.

Als Jesus seine Mutter mit Johannes, seinem Bruder und seiner Schwester erblickte, lächelte er, sagte aber nichts.

Unterdessen hatten die vier der Kreuzigung des Meisters zugeteilten Soldaten, wie es Brauch war, seine Kleider unter sich aufgeteilt. Es war gut, dass die römischen Soldaten sich des Meisters Kleider aneigneten. Denn wären seine Anhänger in den Besitz dieser Kleidungsstücke gelangt, wären sie versucht gewesen, sich abergläubischer Reliquienverehrung hinzugeben. Der Meister wünschte, dass seine Anhänger nichts Materielles besäßen, das sie mit seinem Leben auf Erden hätten in Verbindung bringen können. Er wollte der Menschheit nur die Erinnerung an ein menschliches Leben hinterlassen, das dem hohen geistigen Ideal der Hingabe an die Ausführung des väterlichen Willens gewidmet war.

Zu verschiedenen Zeiten standen während der Kreuzigung in der Nähe des Kreuzes: Maria, Ruth, Jude, Johannes, Salome (Mutter des Johannes) und eine Gruppe tiefgläubiger Frauen, unter ihnen Maria, Frau des Klopas und Schwester von Jesu Mutter, Maria Magdalena und Rebekka, die vormals in Sepphoris gewohnt hatte. Diese und andere Freunde von Jesus verhielten sich still.

Viele Vorübergehende schüttelten den Kopf und beschimpften ihn mit den Worten: „Du, der du den Tempel in drei Tagen zerstören und wieder aufbauen wolltest, rette dich nun selbst! Wenn du der Sohn Gottes bist, warum kommst du nicht von deinem Kreuz herunter?“ In derselben Weise machten sich einige Führer der Juden über ihn lustig, indem sie sagten: „Er rettete andere, aber sich selber kann er nicht retten.“ Andere sagten: „Wenn du der König der Juden bist, dann komm vom Kreuz herab, und wir werden an dich glauben.“ Und später verlachten sie ihn noch mehr und sagten: „Er hat auf Gott vertraut, dass er ihn befreien werde. Er behauptete sogar, der Sohn Gottes zu sein - schaut ihn euch jetzt an - gekreuzigt zwischen zwei Dieben.“ Sogar die beiden Diebe zogen über ihn her und überhäuften ihn mit Vorwürfen.

Einer der Diebe schimpfte über Jesus mit den Worten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, warum rettest du dich und uns nicht?“ Aber auf diesen an Jesus gerichteten Vorwurf hin sagte der andere Dieb, der den Meister viele Male hatte lehren hören: „Fürchtest du dich nicht einmal vor Gott? Siehst du nicht, dass wir gerechterweise für unsere Taten leiden, dass dieser Mann dagegen ungerechterweise leidet? Wir täten besser daran, um Vergebung für unsere Sünden und für die Rettung unserer Seelen zu bitten.“ Als Jesus den Dieb so sprechen hörte, wandte er ihm sein Gesicht zu und lächelte zustimmend. Als der Übeltäter das ihm zugewandte Gesicht Jesu erblickte, nahm er seinen ganzen Mut zusammen, fachte seine flackernde Glaubensflamme an und sagte: „Herr, erinnere dich meiner, wenn du in dein Königreich kommst.“ Und Jesus sagte darauf: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir heute, du wirst dereinst mit mir im Paradies sein.“

Der Apostel Johannes berichtete über die Kreuzigung so, wie er sich des Ereignisses zwei Jahrhundertdrittel danach entsann. Den anderen Aufzeichnungen liegt die Schilderung des diensttuenden römischen Zenturio zu Grunde, der in der Folge durch das, was er sah und hörte, zum Glauben an Jesus kam und ein vollwertiges Mitglied des Königreichs des Himmels auf Erden wurde.

Gleich nachdem der reuige Dieb des Meisters Versprechen vernommen hatte, sie würden sich dereinst im Paradies wiedersehen, kehrte Johannes mit seiner Mutter und einer Gruppe von fast einem Dutzend gläubiger Frauen aus der Stadt zurück. Johannes nahm seinen Platz neben Maria, Jesu Mutter, wieder ein und stützte sie. Ihr Sohn Jude stand auf ihrer anderen Seite. Als Jesus auf diese Szene herabblickte, war es Mittag, und er sagte zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und zu Johannes sagte er: „Mein Sohn, siehe deine Mutter!“ Und dann wandte er sich an alle beide mit den Worten: „Ich wünsche, dass ihr diesen Ort verlasst.“ Und so führten Johannes und Jude Maria von Golgatha fort. Johannes brachte Jesu Mutter in Jerusalem an den Ort, wo er sich selbst aufhielt, und eilte dann an den Schauplatz der Kreuzigung zurück. Nach Passah kehrte Maria nach Bethsaida zurück, wo sie den Rest ihres natürlichen Lebens im Hause des Johannes zubrachte. Maria überlebte Jesu Tod um ein knappes Jahr.

Als der Meister seinen letzten Atemzug tat, befanden sich am Fuße seines Kreuzes Johannes Zebedäus, sein Bruder Jude, seine Schwester Ruth, Maria Magdalena und Rebekka, die früher in Sepphoris gewohnt hatte. Es war gerade etwas vor drei Uhr, als Jesus mit lauter Stimme ausrief: „Es ist vollbracht! Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Als der römische Zenturio sah, wie Jesus starb, schlug er sich an die Brust und sagte: „Das war in der Tat ein rechtschaffener Mann; er muss wahrhaftig ein Sohn Gottes gewesen sein.“ Und von jener Stunde an begann er, an Jesus zu glauben.

Jesus starb königlich - so wie er gelebt hatte. Er bekannte sich offen dazu, ein König zu sein, und blieb den ganzen tragischen Tag über Herr der Lage. Er ging willentlich in seinen schändlichen Tod, nachdem er für die Sicherheit seiner auserwählten Apostel gesorgt hatte. Weise hielt er Petrus zurück, als dessen Heftigkeit Schwierigkeiten zu schaffen drohte, und er sorgte dafür, dass Johannes ganz bis zum Ende seiner sterblichen Existenz in seiner Nähe blieb. Er bekannte sich vor dem mörderischen Sanhedrin zu seiner wahren Natur und erinnerte Pilatus an die Quelle seiner souveränen Autorität als ein Sohn Gottes. Seinen eigenen Kreuzesbalken tragend, brach er nach Golgatha auf und beendete seine liebende Selbsthingabe, indem er dem Paradies-Vater seinen Geist, den er als Sterblicher erworben hatte, übergab. Nach einem solchen Leben - und angesichts eines solchen Todes - konnte der Meister wahrlich sagen: „Es ist vollbracht.“

Kreuzesworte

Von der Dramatik der Erzählung her gesehen haben letzte Worte ein entscheidendes Gewicht. Ihnen muss eine Schlüsselfunktion zugesprochen werden, weil sie ein Leben abschließen und zugleich auch neue Perspektiven eröffnen. In ihnen liegt die Deutung eines ganzen bisherigen Lebens beschlossen, und sie sind Vermächtnis für die Nachwelt. Dass die letzten Worte bei den Evangelisten so verschieden ausfallen, weist auf unterschiedliche Deutungsakzente der Evangelisten hin, die jeweils ihren theologischen Intentionen entsprechen. Inhaltlich sind die letzten Worte Jesu bei Markus, Lukas und Johannes so verschieden, dass sie sich z. T. gegenseitig ausschließen. Es ist also offensichtlich, dass diese Worte wenig oder gar nichts mit dem zu tun haben, was Jesus wirklich gesagt hat.

Markus verwendet leider Worte aus dem Psalm 22 des Alten Testaments: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” (Mk 15, 34) Jesus hegte auch nicht einen Augenblick lang den leisesten Zweifel daran, in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters gelebt zu haben, und nie zweifelte er daran, dass er jetzt sein irdisches Leben in Übereinstimmung mit seines Vaters Willen ablegte. Er fühlte nicht, dass sein Vater ihn verlassen habe. Jesus' zentrale Botschaft lautete: “Ich und der Vater sind eins.” Wer sich mit seinem Vater eins fühlt, kann sich nicht gleichzeitig von ihm verlassen fühlen. Wie Markus also zu Psalm 22 kam, ist nicht nachvollziehbar. Für das Matthäusevangelium wurden diese Worte offensichtlich übernommen.

Bei Lukas lauten Jesus letzte Worte: “Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.” (Lk 46) Auch Lukas lässt Jesus in der Sterbestunde einen Psalmvers sprechen (Ps 31, 6) jedoch, wie es scheint, versöhnt und im Einverständnis mit Gott und im Gottvertrauen. Wer die Gewißheit des Paradieses hat, kann kaum noch sein Verlassensein beklagen, er darf getrost seinen Weg gehen.

Die johanneischen Kreuzesworte spiegeln die Souveränität des Gottessohnes wider: “Es ist vollbracht.” (Jh 19, 30) Johannes war von den Aposteln der einzige Zeuge der Kreuzigung.

Weil es der Tag der Vorbereitung sowohl auf Passah als auch auf den Sabbat war, wollten die Juden nicht, dass die Leiber auf Golgatha zur Schau gestellt würden. Deshalb gingen sie zu Pilatus und verlangten, dass man den drei Männern die Beine breche und sie töte, um sie von ihren Kreuzen herunternehmen und noch vor Sonnenuntergang in die Totengrube für Verbrecher werfen zu können. Als Pilatus dieses Begehren hörte, schickte er unverzüglich drei Soldaten aus, die Jesus und den zwei Räubern die Beine zu brechen und sie zu töten hatten.

Als die Soldaten auf Golgatha ankamen, führten sie ihren Befehl an den beiden Dieben aus, aber zu ihrer großen Überraschung fanden sie Jesus bereits tot vor. Um jedoch seines Todes sicher zu sein, durchbohrte einer der Soldaten Jesu linke Seite mit seinem Speer. Obwohl die Kreuzigungsopfer sich gewöhnlich zwei bis drei Tage lang lebend am Kreuz dahinquälten, es war das Ziel dieser Hinrichtungsart die Todesqual möglichst zu verlängern, setzte Jesus diesem Schauspiel in etwas weniger als fünfeinhalb Stunden ein Ende, denn seine Botschaft war nicht die des Leidens, sondern die der Auferstehung.

Die Symbolik des Kreuzes

Eines der ältesten und zugleich wichtigsten Symbole der Menschheit ist das Kreuz. Schon in der Frühzeit der Menschheit war das Kreuz ein Kultgegenstand, wie man aus archäologischen Funden weiß. Die Verwendung des Kreuzes geht zurück bis in die Steinzeit. In europäischen Kulthöhlen stellen Kreuze oft die ältesten Felsritzungen dar. Man vermutet allgemein in der Darstellung von vier miteinander verbundenen, einander gegenüberliegenden Kardinalpunkten eine religiöse Weltformel.

In fast allen Kulturen kommt das Symbol des Kreuzes in verschiedensten Variationen vor, sei es als Anch-Kreuz (Symbol der Unsterblichkeit) bei den alten Ägyptern oder als keltisches Kreuz, bei dem um den Schnittpunkt der Balken ein Ring liegt.

Seine größte Verbreitung erfuhr dieses Symbol aber durch die Kreuzigung (eine beliebte Hinrichtungsmethode für Verbrecher im damaligen römischen Reich) des Jesus von Nazareth. Der Apostel Paulus war es dann, welcher das Symbol des Kreuzes zum zentralen Thema seiner Theologie machte und damit den Grundstein für die weitere Verbreitung legte.

Zwar segneten schon die ersten Christen recht früh mit dem Zeichen des Kreuzes, aber die ersten bildlichen Darstellungen erfolgten erst ab dem 3. Jahrhundert (andere Symbole wie Fisch und das Christusmonogramm XP standen im Vordergrund).

Mit dem Ende der Christenverfolgungen im römischen Reich und der Anerkennung des Christentums durch den römischen Staat begann die öffentliche Verwendung des Kreuzzeichens und das Kreuz wurde zum offiziellen Symbol aufgewertet.

Heute ist das Kreuz für die Christenheit das wichtigste Symbol, das auf die Erlösung der Menschheit von Leid und Tod durch Jesus Christus verweist. Es symbolisiert im üblichen Verständnis dessen Opfertod. Daher wird das Kreuz verbreitet als Symbol verwendet, das mit dem Tod in Verbindung gebracht wird, und ist daher häufig auf christlichen Gräbern zu finden. In der Genealogie wird es als Symbol für den Todestag verwendet.

Bild Außerdem lässt sich die Symbolik des Kreuzes auch wie folgt deuten: Die Verbindung von Horizontale und Vertikale kennzeichnet die Beziehung des Menschen zu Gott (auf der senkrechten Achse) und zu seinen Mitmenschen (auf der waagerechten Achse).

Das Kreuz ist aber auch ein wunderbares metaphysisches Symbol. Die Horizontale symbolisiert das "Leben" in der linearen Zeit, d.h. die Illusion eines Lebens, das im Nichts beginnt und im Nichts endet, das nirgendwo hinführt. Während die Vertikale das Erwachen aus der Illusion symbolisiert, den Aufstieg aus der Illusion des physischen Lebens zur Erkenntnis des ewigen Lebens im Geist.

Nachdem der Meister gestorben war, schickte Johannes die Frauen in der Obhut von Jude zum Haus des Elija Markus, wo sie den Sabbat über weilten. Johannes selber, den der römische Zenturio mittlerweile gut kannte, blieb auf Golgatha, bis Joseph und Nikodemus am Ort des Geschehens mit einem Befehl des Pilatus eintrafen, der sie ermächtigte, von Jesu Leichnam Besitz zu ergreifen.

Ein Gekreuzigter konnte nicht auf einem jüdischen Friedhof beigesetzt werden; es gab ein ausdrückliches Gesetz gegen ein solches Vorgehen. Joseph und Nikodemus kannten das Gesetz, und auf ihrem Weg nach Golgatha hatten sie beschlossen, Jesus in Josephs neuer Familiengruft zu bestatten, die, aus hartem Felsen herausgehauen, sich nur wenig nördlich von Golgatha auf der anderen Seite der nach Samaria führenden Straße befand. Bisher hatte noch niemand in diesem Grab gelegen, und sie fanden es angemessen, dass der Meister darin ruhe. Joseph glaubte wirklich, dass Jesus von den Toten auferstehen werde, aber Nikodemus bezweifelte es sehr. Diese vormaligen Mitglieder des Sanhedrins hatten aus ihrem Glauben an Jesus mehr oder weniger ein Geheimnis gemacht, obwohl ihre Kollegen vom Sanhedrin sie seit langem, noch ehe sie sich aus dem Rat zurückzogen, verdächtigt hatten. Von jetzt an waren sie Jesu erklärteste Jünger in ganz Jerusalem.

Jesu Anhänger dachten nicht an sein Versprechen, dass er am dritten Tag aus dem Grab auferstehen werde, wohl aber seine Feinde. Die Priesterführer, Pharisäer und Sadduzäer erinnerten sich daran, Berichte über seinen Ausspruch erhalten zu haben, er werde von den Toten auferstehen. Sie befürchteten, dass Jesu Jünger kommen und ihn nachts stehlen und daraufhin dem Volk verkünden, er sei von den Toten auferstanden. Also baten sie Pilatus um Wachen.

Und so marschierten an diesem Sabbatmorgen zehn jüdische Wächter und zehn römische Soldaten zu Josephs Grab hinaus. Diese Männer rollten noch einen weiteren Stein vor das Grab und brachten auf beiden Steinen und um sie herum das Siegel des Pilatus an, aus Furcht, jemand könnte sich ohne ihr Wissen daran zu schaffen machen. Die zwanzig Männer blieben bis zur Stunde der Auferstehung auf Wache, während die Juden ihnen Essen und Trinken brachten.

Die Bedeutung der Kreuzigung aus Sicht des Urantia Buches

Obwohl Jesus nicht am Kreuz starb, um die Schuld der sterblichen Menschen zu sühnen, noch um ihnen so etwas wie einen wirksamen Zugang zu einem sonst beleidigten und nachtragenden Gott zu verschaffen; obwohl der Menschensohn sich nicht als Opfer darbrachte, um Gottes Zorn zu besänftigen und den sündigen Menschen den Weg zur Errettung aufzutun; und obwohl all diese Vorstellungen von Sühne und Opfer irrig sind, so kommen Jesu Tod am Kreuz doch Bedeutungen zu, die man nicht übersehen sollte. Es ist eine Tatsache, dass man auf anderen bewohnten Nachbarplaneten der Erde als von der „Welt des Kreuzes“ spricht.

Das Kreuz zeigt für immer, dass Jesu Haltung gegenüber Sündern weder Verurteilung noch stillschweigende Duldung war, sondern vielmehr ewige und liebevolle Errettung. Jesus ist wahrlich ein Retter in dem Sinne, dass sein Leben und Sterben die Menschen für Güte und rechtschaffenes Fortleben nach dem Tode gewinnt. Jesus liebt die Menschen so sehr, dass seine Liebe im Menschenherzen antwortende Liebe weckt. Liebe ist wirklich ansteckend und ewig schöpferisch. Jesu Tod am Kreuz ist das Beispiel einer Liebe, die stark und göttlich genug ist, um Sünde zu vergeben und alle Missetat zu vertilgen. Jesus offenbarte dieser Welt eine höhere Art von Rechtschaffenheit als Gerechtigkeit - als rein formales Recht und Unrecht. Göttliche Liebe vergibt Unrecht nicht nur, sie absorbiert und zerstört es tatsächlich. Vergebung aus Liebe transzendiert ganz und gar Verzeihung aus Barmherzigkeit. Barmherzigkeit lässt die Schuld an begangenem Unrecht außer Acht; aber Liebe zerstört die Sünde und alle aus ihr hervorgehende Schwachheit für immer.

Jesu Verzeihen ist nicht Duldung; es ist Rettung vor Verurteilung. Rettung verharmlost Unrecht nicht; sie macht es wieder gut. Wahre Liebe geht mit dem Hass keinen Kompromiss ein, noch sieht sie über ihn hinweg; sie zerstört ihn. Jesu Liebe gibt sich nie mit bloßem Verzeihen zufrieden. Die Liebe des Meisters schließt Rehabilitierung, ewiges Leben ein. Es ist durchaus zutreffend, von der Errettung als Erlösung zu sprechen, wenn man damit diese ewige Rehabilitierung meint.

Der Geist von Jesu Haltung gegenüber seinen Angreifern ist die Quintessenz seines siegreichen Todes am Kreuz. Er machte aus dem Kreuz ein ewiges Symbol für den Triumph der Liebe über den Hass und für den Sieg der Wahrheit über die Lüge.

[Anmerkung: Aus der Sicht eines individuellen Bewusstsein wird dieses Geschehen als Triumph gedeutet, aber aus der Sicht des HEILIGEN GEISTES gibt es keine Schlacht, die vorbereitet, keine Zeit, die aufgewendet, und keine Pläne, die geschmiedet werden müssen, um das Licht einzubringen. Es gibt einen alten Kampf, der gegen das Licht geführt wird, doch das Licht reagiert nicht, weil der Krieg nur innerhalb der Illusion von Dunkelheit stattfindet und das Licht überhaupt nicht berührt. So gibt es auch keinen Sieg der Liebe. Nur die Illusion der Liebe kann über die Illusion des Hasses triumphieren, aber immer nur zum Preis, aus beiden Illusionen zu machen. Solange die Illusion des Hasses währt, so lange wird die Liebe eine Illusion für uns sein. Dann ist die einzig mögliche Wahl, die uns noch bleibt, die, welche Illusion wir vorziehen.]

Sehen wir im Tod des Menschensohnes den Höhepunkt der Offenbarung der göttlichen Liebe des Vaters an seine Söhne auf den Welten der Sterblichen. Und so veranschaulicht das Kreuz die Gabe bereitwilliger Liebe und die Verschenkung freiwilliger Errettung an jene, die gewillt sind, solche Geschenke und eine solche Hingabe anzunehmen. Es gab am Kreuz nichts, was der Vater verlangt hätte - nur das, was Jesus so bereitwillig gab und dem auszuweichen er sich weigerte.

Der Kreuzestod hatte nicht zur Aufgabe, die Menschen mit Gott zu versöhnen, sondern ihnen ein Stimulus zu sein, sich der ewigen Liebe des Vaters und der nie versiegenden Barmherzigkeit seines Sohnes bewusst zu werden, und diese universalen Wahrheiten einem ganzen Universum bekannt zu machen.

Der Ablauf der Auferstehung im Einzelnen ist und bleibt ein Mysterium, aber das Ergebnis ist klar. Am Freitag legte Jesus sein Leben als Sterblicher dieser Welt ab; am Sonntagmorgen nahm er dieses Leben als morontielles Wesen wieder auf. Jesus materieller Körper war kein Bestandteil des auferstandenen Jesus. Die sterblichen Reste wurden den Engeln zur sofortigen Auflösung übergeben.

Außerdem ließen die Engel die Steine vom Eingang des Grabes wegrollen. Als die wachhabenden jüdischen Wächter und die römischen Soldaten im morgendlichen Dämmerlicht wahrnahmen, wie dieser riesige Stein anscheinend aus eigenem Antrieb - ohne irgendwelche sichtbaren, eine solche Bewegung erklärenden Mittel - vom Grabeingang wegzurollen begann, wurden sie von Angst und Panik erfasst und stürzten davon.

Dem christlichen Glauben an Jesu Auferstehung wurde die Tatsache des „leeren Grabes“ zugrunde gelegt. Es war allerdings eine Tatsache, dass das Grab leer war, aber dies ist nicht die Wahrheit der Auferstehung. Das Grab war wahrhaftig leer, als die ersten Gläubigen eintrafen, und diese Tatsache in Verbindung mit jener der unzweifelhaften Auferstehung des Meisters führte zur Bildung eines Glaubens, der unrichtig war, nämlich zu der Lehre, dass Jesu materieller und sterblicher Leib aus dem Grabe auferweckt worden sei. Wahrheit, die mit geistigen Realitäten und ewigen Werten zu tun hat, kann nicht immer auf einer Kombination offensichtlicher Tatsachen aufgebaut werden. Auch wenn einzelne Tatsachen materiell wahr sein mögen, folgt daraus nicht, dass die Verknüpfung mehrerer Tatsachen notwendigerweise zu wahren geistigen Folgerungen führen muss.

Die vorübergehende Erfahrung des Meisters als einer Persönlichkeit auf halbem Wege zwischen dem Materiellen und dem Geistigen hat begonnen. Als Folge der Auferstehung Jesu kam es zu einer Dispensations-Auferstehung. Dies bedeutete den Eintritt vieler Fortlebender der menschlichen Rassen der Erde ins morontielle Leben.

Das morontielle Leben

Das morontielle Leben ist der einzig mögliche Weg, auf dem materielle Sterbliche an die Schwelle der geistigen Welt gelangen können. Die morontiellen Welten sind die Bindeglieder zwischen der materiellen und der geistigen Ebene der Geschöpfesexistenz. Man weiß auf der Erde seit langem um das morontielle Leben. Von Zeit zu Zeit sind Sterbliche über diesen Zwischenzustand unterrichtet worden, und die Vorstellung davon ist in entstellter Form in heutige Religionen eingegangen. Der Apostel Paulus erfuhr von der Existenz der morontiellen Welten und beschrieb sie als “Himmel”.

Während unseres irdischen Daseins bewohnt uns der göttliche Geist fast wie etwas Getrenntes - tatsächlich handelt es sich um eine Invasion des Menschen durch den vom VATER geschenkten Geist. Aber im morontiellen Leben wird der Geist ein wirklicher Teil unseres Wesens, und während wir eine große Zahl von Verwandlungen auf der morontiellen Ebene durchmachen, steigen wir vom materiellen zum geistigen Zustand des Geschöpfeslebens auf.

Frage der körperlichen Auferstehung

Am 2. Oktober 1976, ein paar Monate nach der offiziellen Veröffentlichung von Ein Kurs in Wundern, bat Helen Jesus um Rat in der Frage der körperlichen Auferstehung.

Helen: “Gab es eine physische Auferstehung?”

Jesus: “Mein Körper verschwand, weil ich mir keine Illusionen darüber machte. Die letzte war verschwunden. Er wurde in die Gruft gelegt, aber es gab nichts mehr zu begraben. Er ist nicht zerfallen, denn das Unwirkliche kann nicht sterben. Er wurde lediglich zu dem, was es immer war. Und das ist es, was "den Stein wegrollen" bedeutet. Der Körper entschwindet und verbirgt nicht mehr das, was dahinter liegt. Er hört lediglich auf, die Sicht zu behindern. Den Stein wegzurollen bedeutet, über das Grab, über den Tod hinaus zu schauen und die Nichtigkeit des Körpers zu verstehen. Was als Nichts verstanden wird, muss verschwinden.
Ich habe danach eine menschliche Gestalt mit menschlichen Eigenschaften angenommen, um zu denen zu sprechen, die der Welt die Wertlosigkeit des Körpers beweisen sollten. Das ist sehr missverstanden worden. Ich kam, um ihnen zu sagen, dass der Tod eine Illusion ist und dass der Geist, der den Körper geschaffen hat, einen anderen schaffen kann, da die Form selbst eine Illusion ist. Sie haben es nicht verstanden. Aber jetzt spreche ich zu euch und gebe euch dieselbe Botschaft. Der Tod einer Illusion bedeutet nichts. Sie verschwindet, wenn ihr erwacht und beschließt, nicht mehr zu träumen. Und ihr habt immer noch die Macht, diese Entscheidung zu treffen, so wie ich es tat.
Gott hält Seine Hand Seinem Sohn hin, um ihm zu helfen, aufzustehen und zu Ihm zurückzukehren. Ich kann helfen, denn die Welt ist Illusion und ‚ich habe die Welt überwunden’ [vergl. Johannes 16:33]. Schaut über das Grab, den Körper und die Illusion hinweg. Glaubt an nichts anderes als an den Geist und die Führung, die Gott euch gibt. Er kann den Körper nicht erschaffen haben, weil er (der Körper) eine Grenze ist. Er muss den Geist erschaffen haben, weil er (der Geist) unsterblich ist. Können diejenigen, die wie Er geschaffen sind, begrenzt sein? Der Körper ist das Symbol der Welt. Lasst ihn zurück. Er kann den Himmel nicht betreten. Aber ich kann euch dorthin bringen, wann immer ihr es wählt. Gemeinsam können wir zusehen, wie die Welt vergeht und ihr Symbol dabei ebenso verschwindet. Und dann, und dann ... darüber kann ich nicht sprechen.
Ein Körper kann nicht ohne Illusionen bestehen, und die letzte, die überwunden wird, ist der Tod. Dies ist die Botschaft der Kreuzigung: Es gibt keine Rangfolge der Schwierigkeiten bei Wundern. Dies ist die Botschaft der Auferstehung: Illusionen sind Illusionen. Die Wahrheit ist wahr. Illusionen verschwinden. Nur die Wahrheit bleibt. Diese Lektionen mussten nun aber einmal erteilt werden, denn wenn der Stein des Todes weggewälzt ist, was ist dann zu sehen außer einem leeren Grab? Und das ist es, was ihr seht, die ihr mir ins Sonnenlicht folgt und weg vom Tod, vorbei an allen Illusionen, weiter zum Himmelstor, wo Gott Selbst kommen wird, um euch nach Hause zu holen.”
(A Course in Miracles, Complete & Annotated Edition, Circle of Atonement)

Kreuzigung und Auferstehung aus Sicht von Ein Kurs in Wundern

Jesus wird in der Bibel mit den Worten zitiert: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan”. Was Jesus damit meint, wird im Kurs unmissverständlich dargelegt. Die Aussagen Jesu über Kreuzigung und Auferstehung lassen keine Fragen offen und sind eindeutig:

“Die Kreuzigung war die Folge einander klar entgegengesetzter Denksysteme, das vollkommene Symbol des »Konflikts« zwischen dem Ego und dem SOHN GOTTES. Dieser Konflikt erscheint jetzt genauso wirklich, und seine Lektionen müssen jetzt genauso wie damals gelernt werden.”
(EKIW: Kapitel 6, I. 16. 7.-8.)

“Der finsterste deiner verborgenen Ecksteine hält deinen Glauben an die Schuld aus deinem Bewusstsein fern. An diesem finsteren und geheimen Ort liegt nämlich die Einsicht, dass du GOTTES SOHN verraten hast, indem du ihn zum Tod verurteilt hast. Du vermutest nicht einmal, dass diese mörderische, aber wahnsinnige Idee dort versteckt liegt, denn der Zerstörungsdrang des Ego ist so stark, dass nichts weniger als die Kreuzigung des GOTTESSOHNES das Ego letzten Endes zufrieden stellen kann. Es weiß nicht, wer der SOHN GOTTES ist, weil es blind ist. Doch lass es irgendwo Schuldlosigkeit wahrnehmen, und es wird versuchen, sie zu zerstören, weil es Angst hat.

Lass uns im stillen Licht der Wahrheit begreifen, dass du glaubst, du hättest GOTTES SOHN gekreuzigt. Du hast dieses »schreckliche« Geheimnis nicht eingestanden, weil es immer noch dein Wunsch wäre, ihn zu kreuzigen, wenn du ihn finden könntest. Doch der Wunsch hat ihn vor dir verborgen, weil dieser Wunsch sehr furchterregend ist, und deshalb fürchtest du dich, ihn zu finden. Du wirst mit diesem Wunsch, dich selbst zu töten, fertig, indem du nicht erkennst, wer du bist, und dich mit etwas anderem identifizierst. Du hast blindlings und wahllos Schuld projiziert, aber du hast ihre Quelle nicht aufgedeckt. Denn das Ego will dich tatsächlich töten, und wenn du dich mit ihm identifizierst, musst du glauben, dass sein Ziel das deine ist.

Ich sagte, dass die Kreuzigung das Symbol des Ego ist. Als es mit der wirklichen Schuldlosigkeit des GOTTESSOHNES konfrontiert wurde, versuchte es, ihn zu töten, und der Grund, den es vorgab, war der, dass Schuldlosigkeit eine Gotteslästerung sei. Für das Ego ist das Ego Gott, und Schuldlosigkeit muss als die endgültige Schuld gedeutet werden, die Mord völlig rechtfertigt. Du verstehst noch nicht, dass jede Angst, die du vielleicht im Zusammenhang mit diesem Kurs verspürst, letztlich von dieser Deutung herrührt; wenn du aber überdenkst, wie du auf ihn reagierst, wirst du immer mehr zur Überzeugung kommen, dass dem so ist.”
(EKIW: Kapitel 13, II. 3.&5.-6.)

“Die Kreuzigung hatte keinen Anteil an der SÜHNE. Nur die Auferstehung wurde zu meiner Rolle darin. Sie ist das Symbol der Befreiung von der Schuld durch die Schuldlosigkeit. Wen du als schuldig wahrnimmst, den möchtest du kreuzigen. Doch erstattest du jedem, den du als schuldlos siehst, die Schuldlosigkeit zurück. Kreuzigung ist allezeit das Ziel des Ego. Es sieht jeden als schuldig an, und durch seine Verurteilung möchte es töten. Der HEILIGE GEIST sieht nur Schuldlosigkeit, und in SEINER Sanftheit möchte ER von der Angst befreien und der Liebe Herrschaft wiedereinsetzen. Die Macht der Liebe liegt in SEINER Sanftheit, die von GOTT ist und deshalb weder kreuzigen noch gekreuzigt werden kann. Der Tempel, den du wiederherstellst, wird zu deinem Altar, denn durch dich wurde er wiedererbaut. Und alles, was du GOTT gibst, ist dein. So erschafft ER, und so musst du wiederherstellen.”
(EKIW: Kapitel 14, V. 10.)

“Meine Auferstehung kehrt jedes Mal wieder, wenn ich einen Bruder sicher an den Ort geleite, an dem die Reise endet und vergessen ist. Ich werde jedes Mal erneuert, wenn ein Bruder lernt, dass es einen Weg aus dem Elend und dem Schmerz gibt. Ich werde jedes Mal wiedergeboren, wenn der Geist eines Bruders sich zum Lichte in ihm wendet und Ausschau nach mir hält. Ich habe niemanden vergessen. Hilf mir jetzt, dich dorthin zurückzugeleiten, wo die Reise begann, um eine andere Wahl mit mir zu treffen.”
(EKIW: Lektionen, FÜNFTE WIEDERHOLUNG, Einleitung 7.)

“Die Auferstehung ist ganz einfach das Besiegen oder Überwinden des Todes. Sie ist ein Wiedererwachen oder eine Wiedergeburt, eine Veränderung des Denkens über die Bedeutung der Welt. [...] Sie ist die Einladung an GOTT, SEINEN letzten Schritt zu tun. [...] Sie ist das alleinige Verlangen des SOHNES nach dem VATER.

Die Auferstehung ist die Leugnung des Todes, da sie die Bejahung des Lebens ist. Damit wird alles Denken der Welt völlig umgekehrt. [...]”
(EKIW: HANDBUCH FÜR LEHRER 28, 1.-2.)

Als an diesem Sonntagmorgen kurz vor drei Uhr im Osten die ersten Zeichen des Tages erschienen, machten sich fünf dieser Frauen auf den Weg zum Grab Jesu. Sie hatten reichlich besondere Tinkturen zum Einbalsamieren vorbereitet und trugen viele Leinenbinden bei sich. Sie hatten vor, Jesu Leichnam eine gründlichere Totenölung zu geben und ihn mit den neuen Binden sorgfältiger zu umwickeln.

Die Frauen, die die Aufgabe, Jesu Leichnam einzubalsamieren, übernommen hatten, waren: Maria Magdalena, Maria, die Mutter der Alphäus-Zwillinge, Salome, die Mutter der Zebedäus Brüder, Johanna, die Frau des Chuza, und Susanna, die Tochter Ezras von Alexandrien.

Sie waren sehr überrascht, als sie den Stein vom Eingang des Grabes weggerollt fanden, umso mehr als sie auf dem Hinweg zueinander gesagt hatten: „Wer wird uns helfen, den Stein wegzurollen?“ Sie legten ihre Last nieder und begannen, einander ängstlich und mit großem Erstaunen anzusehen. Während sie vor Furcht zitternd dastanden, wagte sich Maria Magdalena um den kleineren Stein herum vor und war so kühn, die offene Gruft zu betreten. Zu dieser Stunde war der heraufdämmernde neue Tag gerade hell genug, um es Maria zu erlauben, einen Blick auf die Stelle, an der des Meisters Leichnam gelegen hatte, zu werfen und festzustellen, dass er verschwunden war. In der Steinnische, wohin sie Jesus gelegt hatten, erblickte Maria nur das gefaltete Tuch, auf dem sein Kopf geruht hatte, und die Binden, in die er gewickelt worden war - unversehrt und so wie sie auf dem Stein gelegen hatten, bevor die himmlischen Scharen den Körper entfernt hatten. Das bedeckende Laken lag am Fuße der Begräbnisnische.

Nachdem sich die fünf Frauen vom größten Schrecken erholt hatten, setzten sich alle auf den Stein beim Eingang und besprachen die Situation. Es war ihnen noch nicht aufgegangen, dass Jesus auferweckt worden war. Sie waren den Sabbat über allein gewesen, und sie mutmaßten, dass der Leichnam an eine andere Ruhestätte gebracht worden war. Aber während sie in ihrer Ratlosigkeit über eine solche Erklärung nachsannen, waren sie doch außerstande, sich die säuberliche Anordnung der Grabtücher zu erklären. Wie hatte der Leichnam nur entfernt werden können, während doch die ihn umwickelnden Binden in unveränderter Lage und offenbar intakt auf dem Grabsims belassen worden waren?

Turiner Grabtuch

Das Turiner Grabtuch ist eine brillante Fälschung, geradezu das Werk eines Genies. Es gibt widersprüchliche wissenschaftliche Untersuchungen dazu, und einige Ergebnisse sprechen offenbar für die Echtheit des Tuches. Aber diese Ergebnisse lassen sich auch anders erklären. Wir müssen bedenken, dass das Tuch zu einer Zeit gemacht wurde, als es für die Kirche ausnehmend wichtig war, Reliquien berühmter religiöser Figuren zu besitzen. Damals schrieb man ihnen enorme Kraft zu. Aber glauben wir wirklich, Jesus hätte etwas hinterlassen, um die Wirklichkeit seines Körperbildes zu verherrlichen? Nein. Bei der Auferstehung verschwindet der Körper einfach. Jesus Körper bedeutete ihm nichts. Wir sollten daher jetzt nicht versuchen, ein Bild davon wichtig zu machen.

Während die Frauen in der frühen Dämmerstunde des neuen Tages dasaßen, schauten sie zur Seite und erblickten einen schweigenden und unbeweglichen Fremden. Einen Augenblick lang erschraken sie erneut, aber Maria Magdalena stürzte zu ihm hin und sprach ihn an in der Meinung, er sei der Gärtner. Sie sagte: „Wo habt ihr den Meister hingebracht? Wo hat man ihn hingelegt? Sag es uns, damit wir ihn holen können.“ Als der Fremde Maria keine Antwort gab, begann sie zu weinen. Da sprach Jesus zu den Frauen: „Wen sucht ihr?“ Maria erwiderte: „Wir suchen Jesus, der in Josephs Grab beigesetzt worden ist, aber er ist nicht mehr da. Weißt du, wo man ihn hingebracht hat?“ Da sagte Jesus: „Hat dieser Jesus euch nicht schon in Galiläa gesagt, dass er sterben, aber wieder auferstehen werde?“ Diese Worte versetzten die Frauen in großes Staunen, aber der Meister war derart verändert, dass sie ihn, der mit dem Rücken zum Dämmerlicht stand, noch nicht erkannten. Und während sie über seine Worte nachsannen, sagte er zu Magdalena in vertrautem Tonfall: „Maria.“ Und als sie dieses in so vertrautem Tone gesprochene, liebevolle Grußwort vernahm, wusste sie, dass es des Meisters Stimme war, und sie fiel ihm eilig mit dem Ausruf zu Füßen: „Mein Herr und mein Meister!“ Und alle anderen Frauen erkannten, dass es der Meister war, der in verherrlichter Gestalt vor ihnen stand, und sogleich knieten sie vor ihm nieder. Dies war die erste morontielle Erscheinung des Meisters.

Als Maria seine Füße umarmen wollte, sagte Jesus: „Berühre mich nicht, Maria, denn ich bin nicht so, wie du mich als Mensch gekannt hast. Ich werde eine Zeit lang in dieser Gestalt bei euch verweilen, bevor ich zum Vater aufsteige. Aber geht nun alle und sagt meinen Aposteln - und Petrus - dass ich auferstanden bin und dass ihr mit mir gesprochen habt.“

Nachdem sich die Frauen vom Schock ihrer Verblüffung erholt hatten, eilten sie zur Stadt und zum Hause von Elija Markus zurück, wo sie den zehn Aposteln alles, was ihnen zugestoßen war, berichteten; aber die Apostel waren nicht geneigt, ihnen Glauben zu schenken. Sie dachten zuerst, die Frauen hätten eine Vision gehabt; aber als Maria Magdalena die Worte, die Jesus zu ihr gesprochen hatte, wiederholte, und Petrus seinen Namen hörte, stürzte er aus dem oberen Raum, dicht gefolgt von Johannes, um zum Grab hinauszueilen und die Dinge mit eigenen Augen zu sehen.

Die Frauen berichteten den anderen Aposteln erneut von ihrem Gespräch mit Jesus, aber sie wollten ihnen nicht glauben; und sie gingen auch nicht wie Petrus und Johannes, um es selbst herauszufinden.

Da Johannes jünger war als Petrus, überholte er ihn und traf zuerst am Grab ein. Johannes blieb am Eingang stehen und erblickte das Grab genau so, wie Maria es beschrieben hatte. Gleich darauf stürzte Simon Petrus heran und sah beim Eintreten dasselbe leere Grab mit den in so besonderer Weise angeordneten Grabtüchern. Nachdem Petrus herausgekommen war, ging auch Johannes hinein und sah sich alles selber an. Darauf setzten sie sich beide auf den Stein, um über die Bedeutung dessen, was sie gesehen und gehört hatten, nachzusinnen. Und während sie dort saßen, gingen sie in Gedanken alles durch, was man ihnen von Jesus berichtet hatte, aber sie waren nicht in der Lage, klar zu erkennen, was geschehen war.

Petrus äußerte zuerst die Vermutung, das Grab sei geplündert worden und Feinde hätten den Leichnam gestohlen und vielleicht die Wachen bestochen. Aber Johannes hielt dem entgegen, dass das Grab wohl kaum so ordentlich zurückgelassen worden wäre, wenn man den Leichnam gestohlen hätte, und er warf auch die Frage auf, wie es kam, dass die Binden so offensichtlich unversehrt zurückgelassen worden waren. Und sie gingen wieder ins Grab zurück, um die Grabtücher näher zu prüfen. Als sie zum zweiten Mal aus dem Grab heraustraten, fanden sie Maria Magdalena, die zurückgekehrt war und vor dem Eingang weinte. Maria war in dem Glauben zu den Aposteln gegangen, Jesus sei vom Grab auferstanden, aber als sich alle weigerten, ihrem Bericht zu glauben, wurde sie niedergeschlagen und verzweifelt. Es zog sie in die Nähe des Grabes zurück, wo sie meinte, die vertraute Stimme Jesu gehört zu haben.

Als Maria noch so verweilte, nachdem Petrus und Johannes gegangen waren, erschien der Meister erneut vor ihr und sagte: „Zweifle nicht; habe den Mut zu glauben, was du gesehen und gehört hast. Geh zu meinen Aposteln zurück und sage ihnen von neuem, dass ich auferstanden bin, dass ich ihnen erscheinen werde und dass ich ihnen sehr bald nach Galiläa vorangehen werde, wie ich versprochen habe.“

Maria eilte zum Hause des Markus zurück und sagte den Aposteln, dass sie wieder mit Jesus gesprochen habe, aber sie wollten ihr nicht glauben. Als dann aber Petrus und Johannes zurückkehrten, hörten sie auf zu spotten, und Angst und Bangen erfüllten sie. Einzig Johannes Zebedäus war, wenn auch nur schwach, zu glauben geneigt, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.

David Zebedäus wollte nicht mit den Aposteln streiten, aber im Weggehen sagte er: „Ihr seid die Apostel, und ihr solltet euch in diesen Dingen auskennen. Ich will nicht mit euch rechten; dessen ungeachtet kehre ich jetzt zum Hause des Nikodemus zurück, wo ich mich mit meinen Boten für heute morgen verabredet habe; und wenn sie alle beisammen sind, werde ich sie auf ihre letzte Mission als Ankündiger der Auferstehung des Meisters schicken. Ich habe den Meister sagen hören, dass er nach seinem Tode am dritten Tag auferstehen werde, und ich glaube ihm.“ Und mit diesen Worten an die Apostel verließ dieser selbsternannte Kommunikations- und Informationschef die niedergeschmetterten Botschafter des Königreichs. Beim Verlassen des oberen Raumes ließ er den Geldbeutel von Judas, der das ganze apostolische Gut enthielt, in den Schoß von Matthäus Levi fallen.

Die Apostel, das geistige Korps des Königreichs, sind an diesem Tag im Hause Elija Markus versammelt, wo sie Angst bekunden und Zweifel äußern, während die sechsundzwanzig Boten Davids, deren Handeln den ersten Versuch einer Sozialisierung des Evangeliums des Meisters von der Bruderschaft der Menschen darstellt, unter der Leitung ihres furchtlosen und tüchtigen Führers hinausgehen, um die Auferstehung des Retters einer Welt und eines Universums zu verkündigen. Und sie übernehmen diesen denkwürdigen Dienst, noch ehe Jesu berufene Stellvertreter gewillt sind, seinem Wort zu glauben oder die Aussagen von Augenzeugen ernst zu nehmen.

Diese sechsundzwanzig Boten wurden zum Hause des Lazarus in Bethanien und zu allen Glaubenszentren ausgesandt, von Beerscheba im Süden bis nach Damaskus und Sidon im Norden und von Philadelphia im Osten bis nach Alexandrien im Westen.

Nachdem David von seinen Brüdern Abschied genommen hatte, ging er zum Hause des Joseph, um seine Mutter abzuholen, und dann begaben sie sich hinaus nach Bethanien zu der wartenden Familie Jesu. David blieb in Bethanien bei Martha und Maria, bis diese ihr irdisches Besitztum verkauft hatten, und er begleitete sie auf ihrer Reise zu ihrem Bruder Lazarus in Philadelphia.

Von seiner morontiellen Auferstehung an bis zur Stunde seiner Himmelfahrt als Geist erschien Jesus den auf der Erde an ihn Glaubenden bei neunzehn verschiedenen Gelegenheiten in sichtbarer Gestalt. Er erschien weder seinen Feinden noch denen, die aus seinem Erscheinen in sichtbarer Gestalt keinen geistigen Nutzen ziehen konnten. Seine erste Erscheinung galt den fünf Frauen am Grab, seine zweite, ebenfalls am Grab, galt Maria Magdalena.

Die dritte Erscheinung ereignete sich an diesem Sonntag um die Mittagszeit in Bethanien. Kurz nach Mittag stand Jakobus, Jesu ältester Bruder, in Lazarus‘ Garten vor dem leeren Grab des auferweckten Bruders von Martha und Maria und beschäftigte sich in Gedanken mit den Nachrichten, die Davids Bote ihnen eine Stunde zuvor gebracht hatte. Da wurde sich Jakobus einer nahen Gegenwart bewusst, so als hätte ihn jemand an der Schulter berührt. Und als er sich umschaute, sah er neben sich eine seltsame Erscheinung allmählich Gestalt annehmen. Er war zu überrascht, um zu sprechen, und zu erschrocken, um zu fliehen. Und dann sprach die seltsame Gestalt die Worte: „Jakobus, ich komme, um dich zum Dienst am Königreich zu rufen. Tu dich ernsthaft mit deinen Brüdern zusammen und folge mir nach.“ Als Jakobus sich beim Namen nennen hörte, wusste er, dass Jesus, sein ältester Bruder ihn angesprochen hatte. Es fiel ihnen allen mehr oder weniger schwer, den Meister in seiner morontiellen Gestalt wieder zu erkennen, aber nur wenige von ihnen hatten irgendwelche Schwierigkeiten, seine Stimme zu erkennen oder sonst wie seine gewinnende Persönlichkeit zu identifizieren, nachdem er einmal mit ihnen zu sprechen begonnen hatte.

Als Jakobus erkannte, dass Jesus ihn anredete, fiel er auf die Knie nieder und rief: „Mein Vater und mein Bruder“, aber Jesus hieß ihn aufstehen, während er mit ihm redete. Und sie spazierten durch den Garten und unterhielten sich miteinander. Sie sprachen von Erlebnissen früherer Tage und beschäftigten sich mit den Ereignissen der nahen Zukunft. Als sie sich dem Hause näherten, sagte Jesus: „Lebewohl, Jakobus, bis ich euch alle zusammen begrüße.“

Und David musste nicht lange warten, denn Jesu vierte Erscheinung vor menschlichen Augen ereignete sich kurz vor zwei Uhr gerade hier im Hause von Martha und Maria, als er seiner irdischen Familie und ihren Freunden, zwanzig Personen an der Zahl, sichtbar erschien. Der Meister erschien im offenen hinteren Ausgang und sagte: „Friede sei mit euch. Grüße für die, die mir als Mensch vordem nahe waren, und Gemeinschaft mit meinen Brüdern und Schwestern im Königreich des Himmels. Wie konntet ihr nur zweifeln? Weshalb habt ihr so lange gezaudert, bevor ihr euch entschieden habt, dem Licht der Wahrheit von ganzem Herzen zu folgen? Kommt deshalb alle in die Gemeinschaft des Geistes der Wahrheit in des Vaters Königreich.“ Als sie sich vom ersten Schock ihres Staunens zu erholen begannen und auf ihn zugingen, um ihn zu umarmen, entschwand er ihren Blicken.

Die fünfte für menschliche Augen wahrnehmbare morontielle Erscheinung Jesu ereignete sich noch am gleichen Sonntagnachmittag gegen Viertel nach vier in Gegenwart von etwa fünfundzwanzig gläubigen Frauen, die im Hause Josephs von Arimathäa versammelt waren. Maria Magdalena war nur wenige Minuten vor dieser Erscheinung zu Josephs Haus zurückgekehrt. Und sie befand sich mitten in ihrer fesselnden Schilderung, als sich über alle eine plötzliche und feierliche Stille legte. Und sie gewahrten in ihrer Mitte die völlig sichtbare Gestalt des auferstandenen Jesus. Er grüßte sie mit den Worten: „Friede sei mit euch. In der Bruderschaft des Himmelreichs wird es weder Juden noch Heiden, weder Reiche noch Arme, weder Freie noch Sklaven, weder Männer noch Frauen geben. Auch ihr seid aufgerufen, die gute Nachricht von der Befreiung der Menschheit durch das Evangelium der Gottessohnschaft im Königreich des Himmels zu verkündigen. Geht hinaus in alle Welt, dieses Evangelium zu verkündigen und die Gläubigen in ihrem Glauben daran zu bestärken. Und während ihr das tut, vergesst nicht, für die Kranken zu sorgen und die Verzagten und Furchtsamen aufzurichten. Und ich werde immer bei euch sein, sogar in den fernsten Winkeln der Welt.“ Und nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken, und die Frauen fielen in schweigender Anbetung auf die Knie.

Von den fünf morontiellen Erscheinungen Jesu, die bis dahin stattgefunden hatten, war Maria Magdalena Zeugin von vieren geworden.

Der Meister schob seine erste morontielle Erscheinung vor den Aposteln aus mehreren Gründen hinaus. Erstens wollte er, dass sie, nachdem sie von seiner Auferstehung erfahren hatten, Zeit hätten, alles gut zu überdenken, was er ihnen über seinen Tod und seine Auferstehung gesagt hatte, als er noch als Mensch unter ihnen weilte. Der Meister wollte, dass Petrus sich durch einige seiner besonderen Schwierigkeiten hindurchkämpfe, bevor er ihnen allen erscheinen würde. Zweitens wünschte er, dass Thomas zur Zeit seiner ersten Erscheinung bei ihnen sei.

Es war gegen halb neun Uhr an diesem Sonntagabend, als Jesus Simon Petrus im Garten des Hauses von Markus erschien. Es war seine achte morontielle Manifestation. Seit seiner Verleugnung des Meisters hatte Petrus unter einer schweren Last von Schuld und Zweifeln gelitten. Doch als sich Petrus nun an den liebevollen Blick des beim Portal des Hannas an ihm vorübergehenden Meisters erinnerte, und als er sich die wunderbare Botschaft durch den Kopf gehen ließ, die ihm die vom leeren Grabe zurückkehrenden Frauen am frühen Morgen gebracht hatten: „Geht und sagt meinen Aposteln - und Petrus“ -, als er über diese Zeichen des Erbarmens nachsann, begann sein Glaube seine Zweifel zu überwinden, und er stand still, ballte seine Fäuste und sprach mit lauter Stimme: „Ich glaube, dass er von den Toten auferstanden ist; ich geh‘ es meinen Brüdern sagen.“ Und als er das sagte, erschien vor ihm plötzlich die Gestalt eines Mannes, der in vertrautem Tonfall zu ihm sprach: „Petrus, der Feind wollte dich haben, aber ich wollte dich nicht aufgeben. Ich wusste, dass es nicht aus deinem Herzen kam, als du mich verleugnetest; deshalb vergab ich dir, noch ehe du mich darum batest; aber jetzt musst du aufhören, dich mit dir selbst und den Wirren der Stunde abzugeben, sondern dich bereit machen, denen, die in der Dunkelheit sind, die gute Nachricht des Evangeliums zu bringen. Du solltest dich nicht mehr damit befassen, was du vom Königreich bekommen könntest, sondern dir vielmehr darüber Gedanken machen, was du denen geben könntest, die in größter geistiger Armut leben. Gürte dich für den Kampf eines neuen Tages, Simon, für das Ringen mit der geistigen Finsternis und mit dem üblen Hang zum Zweifeln, der in der Natur des menschlichen Denkens liegt.“

Petrus und der morontielle Jesus spazierten durch den Garten und sprachen über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Dinge. Dann entschwand der Meister seinen Blicken mit den Worten: „Lebewohl, Petrus, bis ich dich mit deinen Brüdern wiedersehe.“

An diesem Abend kurz nach neun Uhr als die zehn Apostel dort im oberen Raum, dessen Türen sie aus Angst vor einer Verhaftung verriegelt hatten, beisammen waren, erschien der Meister auf einmal in morontieller Gestalt in ihrer Mitte und sagte: „Friede sei mit euch. Warum erschreckt ihr bei meinem Erscheinen so sehr, als sähet ihr einen Geist? Habe ich euch nicht von diesen Dingen gesprochen, als ich noch als ein Mensch unter euch weilte? Habe ich euch nicht gesagt, dass die obersten Priester und Führer mich dem Tod ausliefern würden, dass einer von euch mich verraten und dass ich am dritten Tag auferstehen würde? Weshalb all eure Zweifel und diese Diskussionen über die Berichte der Frauen, die von Kleopas und Jakob und sogar von Petrus? Wie lange noch wollt ihr meine Worte bezweifeln und euch weigern, meinen Versprechen zu glauben? Wollt ihr jetzt, da ihr mich wirklich seht, endlich glauben? Einer von euch ist jetzt immer noch abwesend. Wenn ihr wieder vollzählig seid und jeder von euch mit Bestimmtheit weiß, dass der Menschensohn vom Grab auferstanden ist, dann begebt euch von hier nach Galiläa. Habt Vertrauen in Gott; vertraut einander; und so sollt ihr in den neuen Dienst am Königreich des Himmels eintreten. Ich werde bei euch in Jerusalem verweilen, bis ihr bereit seid, nach Galiläa zu gehen. Ich lasse euch meinen Frieden.“

Nachdem der morontielle Jesus zu ihnen gesprochen hatte, entschwand er plötzlich ihren Blicken. Und sie fielen alle nieder, priesen Gott und verehrten ihren entschwundenen Meister. Dies war des Meisters neunte morontielle Erscheinung.

Die zehnte menschlicher Wahrnehmung zugängliche morontielle Manifestation ereignete sich am Dienstag, dem 11. April, kurz nach acht Uhr in Philadelphia, als Jesus sich Abner und Lazarus und etwa hundertundfünfzig ihrer Mitarbeiter zeigte, von denen über fünfzig dem evangelischen Korps der Siebzig angehörten. Diese Erscheinung geschah in der Synagoge gleich nach der Eröffnung eines besonderen, von Abner einberufenen Treffens, das der Besprechung der Kreuzigung Jesu und des jüngsten Berichts von seiner Auferstehung galt, den Davids Bote gebracht hatte. Da der auferstandene Lazarus jetzt zu dieser Gruppe von Gläubigen gehörte, fiel es ihnen nicht schwer, an die Nachricht zu glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden sei.

Abner und Lazarus, die zusammen am Lesepult standen, eröffneten gerade das Treffen in der Synagoge, als die gesamte Zuhörerschaft der Gläubigen sah, wie die Gestalt des Meisters plötzlich zwischen Abner und Lazarus erschien, ohne dass die beiden ihn bemerkt hätten. Von dort, wo er erschienen war, schritt er auf die Versammelten zu, begrüßte sie und sagte:

„Friede sei mit euch. Ihr wisst alle, dass wir nur einen Vater im Himmel haben und dass es nur ein Evangelium vom Königreich gibt - die gute Nachricht vom Geschenk des ewigen Lebens, das die Menschen durch den Glauben erhalten. Während ihr freudig dem Evangelium die Treue haltet, bittet den Vater der Wahrheit darum, in eure Herzen eine neue und größere Liebe zu euren Brüdern auszuschütten. Ihr sollt alle Menschen lieben, wie ich euch geliebt habe; ihr sollt allen Menschen dienen, wie ich euch gedient habe. Steht mit verstehender Anteilnahme und brüderlicher Zuneigung all euren Brüdern zur Seite, die sich der Verkündigung der guten Nachricht widmen, ob sie nun Juden oder Nichtjuden, Griechen oder Römer, Perser oder Äthiopier seien. Johannes hat das Königreich im Voraus angekündigt; ihr habt das Evangelium mit Macht gepredigt; schon lehren die Griechen die gute Nachricht; und bald werde ich den Geist der Wahrheit in die Seelen all dieser meiner Brüder senden, die ihr Leben so selbstlos der Erleuchtung ihrer sich in geistiger Finsternis befindlichen Mitmenschen verschrieben haben. Ihr seid alle Kinder des Lichts; stolpert deshalb nicht in die auf Missverständnissen beruhenden Verstrickungen irdischen Argwohns und menschlicher Intoleranz. Wenn ihr durch die veredelnde Gnade des Glaubens dahingelangt, Ungläubige zu lieben, solltet ihr dann eure Glaubensbrüder im weit verzweigten Hause des Glaubens nicht ebenso sehr lieben? Bedenkt, dass alle Menschen euch daran als meine Jünger erkennen werden, dass ihr einander liebt.”

„So geht nun in alle Welt hinaus und verkündet allen Völkern und Rassen dieses Evangelium von der Vaterschaft Gottes und von der Bruderschaft der Menschen, und seid immer weise in der Wahl eurer Methoden, wenn ihr den verschiedenen Rassen und Völkerstämmen der Menschheit die gute Nachricht vermittelt. Umsonst habt ihr dieses Evangelium vom Königreich empfangen, und umsonst werdet ihr allen Nationen die gute Nachricht bringen. Fürchtet euch nicht vor dem Widerstand des Bösen, denn ich bin immer bei euch, sogar bis ans Ende aller Tage. Und ich lasse euch meinen Frieden.“

Nach den Worten „Ich lasse euch meinen Frieden“ entschwand er ihren Blicken. Eine seiner Erscheinungen in Galiläa ausgenommen, als über fünfhundert Gläubige ihn auf einmal sahen, umfasste diese Gruppe in Philadelphia die größte Zahl von Sterblichen, die ihn bei einer einzigen Gelegenheit erblickten.

Dazwischen verbrachte Jesus auch ganze Tage in der Gesellschaft seiner morontiellen Gefährten.

Thomas verbrachte eine einsame Woche mit sich selbst auf den Höhen im Umkreis des Ölbergs. Während dieser Zeit sah er nur die Angehörigen von Simons Haus und Johannes Markus. Am Samstag, dem 15. April, fanden ihn die beiden Apostel gegen neun Uhr und nahmen ihn mit sich zurück zu ihrem Versammlungsort im Hause des Markus. Am nächsten Tag hörte sich Thomas die Erzählungen von den verschiedenen Erscheinungen des Meisters an, aber er weigerte sich beharrlich zu glauben.

Kurz nach sechs Uhr aßen sie ihr Abendbrot. Neben Thomas saßen auf der einen Seite Petrus und auf der anderen Nathanael, als der zweifelnde Apostel sagte: „Und ich werde nicht glauben, es sei denn, ich sehe den Meister mit eigenen Augen und lege meinen Finger auf die Wundmale der Nägel.“ Während sie so hinter sicher verschlossenen und verriegelten Türen beim Abendessen saßen, erschien der morontielle Meister auf einmal in der Mitte des Tischbogens direkt vor Thomas und sagte:

„Friede sei mit euch. Eine ganze Woche lang habe ich mit meinem Wiedererscheinen gewartet, damit ihr alle anwesend wäret, um wieder einmal den Auftrag zu hören, in alle Welt hinauszuziehen und dieses Evangelium vom Königreich zu predigen. Wiederum sage ich euch: So wie der Vater mich in die Welt gesandt hat, so sende ich euch hinaus. So wie ich den Vater offenbart habe, so sollt ihr die göttliche Liebe offenbaren, nicht nur mit Worten, sondern in eurem täglichen Leben. Ich sende euch aus, nicht die Seelen der Menschen zu lieben, sondern vielmehr die Menschen zu lieben. Ihr sollt nicht nur die Freuden des Himmels verkündigen, sondern diese Geistesrealitäten des göttlichen Lebens auch in eurem täglichen Verhalten zeigen, da ihr durch euren Glauben das ewige Leben als ein Geschenk Gottes bereits besitzt. Wenn ihr den Glauben habt und wenn die Macht von oben, der Geist der Wahrheit, auf euch herabgekommen sein wird, werdet ihr euer Licht nicht länger hier hinter verschlossenen Türen verbergen; ihr werdet die ganze Menschheit mit Gottes Liebe und Erbarmen bekanntmachen. Aus Angst geht ihr jetzt den Tatsachen einer unangenehmen Erfahrung aus dem Wege, aber nachdem ihr mit dem Geist der Wahrheit getauft sein werdet, werdet ihr mutig und freudig auf die neue Erfahrung zugehen, die gute Nachricht vom ewigen Leben im Königreich Gottes zu verkünden. Ihr mögt jetzt hier und in Galiläa noch kurze Zeit säumen, um euch zu erholen vom Schock des Übergangs von der falschen Sicherheit überlieferter Autorität zu der neuen Ordnung der Autorität der Tatsachen, der Wahrheit und des Glaubens an die höchsten Realitäten lebendiger Erfahrung. Eure Weltsendung gründet auf der Tatsache, dass ich unter euch ein Leben der Gottesoffenbarung gelebt habe; auf der Wahrheit, dass ihr und alle anderen Menschen die Söhne Gottes seid; und sie soll aus dem Leben bestehen, das ihr unter den Menschen führen werdet - die wirkliche und lebendige Erfahrung, die Menschen zu lieben und ihnen zu dienen, wie ich euch geliebt und euch gedient habe. Lasst euren Glauben der Welt euer Licht offenbaren; lasst die Offenbarung der Wahrheit die durch Tradition blind gewordenen Augen öffnen; lasst euer liebevolles Dienen die aus Unwissenheit hervorgegangenen Vorurteile wirksam zerstören. Indem ihr euch euren Mitmenschen in dieser Weise mit verständnisvoller Zuneigung und selbstloser Hingabe nähert, werdet ihr sie zum rettenden Wissen um des Vaters Liebe führen. Die Juden haben die Güte gepriesen; die Griechen haben die Schönheit gerühmt; die Hindu predigen Hingabe; die fernen Asketen lehren Ehrerbietung; die Römer verlangen Treue; ich aber verlange von meinen Jüngern Leben, eben ein Leben liebevollen Dienens an ihren irdischen Brüdern.“

Nachdem der Meister so gesprochen hatte, schaute er Thomas ins Gesicht und sprach: „Und du, Thomas, der du sagtest, du würdest nicht glauben, solange du mich nicht gesehen und deinen Finger auf die Nägelmale meiner Hände gelegt hättest, du hast mich jetzt gesehen und meine Worte gehört; und obwohl du an meinen Händen keine Nägelmale wahrnimmst, da ich in einer Gestalt auferstanden bin, wie auch du sie haben wirst, wenn du von dieser Welt gehst - was wirst du deinen Brüdern jetzt sagen? Du wirst die Wahrheit anerkennen, denn in deinem Herzen hattest du bereits zu glauben begonnen, selbst als du deinen Unglauben noch so zäh verteidigtest. Thomas, deine Zweifel behaupten sich immer dann am hartnäckigsten, wenn sie zu zerbröckeln beginnen. Thomas, ich sage dir: Lass ab von deinem Unglauben und glaube - und ich weiß, dass du glauben wirst, sogar von ganzem Herzen.“

Als Thomas diese Worte hörte, fiel er vor dem morontiellen Meister nieder und rief aus: „Ich glaube! Mein Herr und mein Meister!“ Da sagte Jesus zu Thomas: „Du hast geglaubt, Thomas, weil du mich wirklich gesehen und gehört hast. Gesegnet seien in den kommenden Zeitaltern jene, die glauben, ohne mit leiblichen Augen gesehen oder mit sterblichen Ohren gehört zu haben.“

Und während sich darauf des Meisters Gestalt zum oberen Tischende hin bewegte, richtete er das Wort an sie alle und sprach: „Geht jetzt alle nach Galiläa, wo ich euch bald erscheinen werde.“ Nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken.

Die elf Apostel waren nun völlig überzeugt, dass Jesus von den Toten auferstanden war, und sehr früh am nächsten Morgen, noch vor Tagesanbruch, brachen sie nach Galiläa auf.

Am Freitagmorgen, dem 21. April gegen sechs Uhr, erschien der morontielle Meister den zehn Aposteln zum ersten Mal in Galiläa - es war seine dreizehnte Erscheinung -, als sich ihr Boot am üblichen Landeplatz in Bethsaida dem Ufer näherte. Die ganze Nacht hindurch mühten sie sich mit ihren Netzen ab, fingen aber keine Fische. Wie sie sich nun dem Ufer näherten, sahen sie am Strand nahe dem Anlegeplatz jemanden bei einem Feuer stehen. Keinem von ihnen kam der Gedanke, dass die Person am Ufer der Meister war.

Als sie den Anker auswarfen und sich anschickten, das kleine Boot zu besteigen, um an Land zu gehen, rief der Mann am Ufer ihnen zu: „Burschen, habt ihr etwas gefangen?“ Und als sie antworteten: „Nein“, sprach er wiederum: „Werft das Netz rechts vom Boot aus, dann werdet ihr Fische finden.“ Obwohl sie nicht wussten, dass es Jesus war, der ihnen den Wink gegeben hatte, warfen sie das Netz einmütig, wie angewiesen, aus, und augenblicklich war es gefüllt, so sehr, dass sie kaum imstande waren, es heraufzuziehen. Nun hatte Johannes Zebedäus eine schnelle Auffassungsgabe, und als er das schwer beladene Netz erblickte, ging ihm auf, dass es der Meister war, der hier zu ihnen gesprochen hatte. Als ihm dieser Gedanke kam, lehnte er sich hinüber zu Petrus und raunte ihm zu: „Es ist der Meister.“ Petrus war stets ein Mann unbesonnener Handlung und ungestümer Verehrung; kaum hatte Johannes ihm dies ins Ohr geflüstert, als er hochschnellte und sich ins Wasser warf, um desto geschwinder an des Meisters Seite zu sein. Nachdem seine Brüder, das Netz voller Fische hinter sich herschleppend, in dem kleinen Boot gelandet waren, folgten sie dicht hinter ihm.

Johannes Markus war mittlerweile aufgestanden, und als er die Apostel mit dem schwer beladenen Netz an Land kommen sah, rannte er zum Strand hinunter, um sie zu begrüßen. Als er aber elf statt zehn Männer erblickte, vermutete er, dass der Unbekannte der auferstandene Jesus sei, und während die erstaunten Zehn schweigend zusahen, stürzte der Jüngling auf den Meister zu, kniete zu seinen Füßen nieder und sagte: „Mein Herr und mein Meister.“ Und darauf sagte Jesus nicht wie in Jerusalem, als er sie mit „Friede sei mit euch“ begrüßt hatte, sondern in vertrautem Ton zu Johannes Markus: „Nun, Johannes, ich freue mich, dich im sorglosen Galiläa wieder zu sehen, wo wir gut miteinander plaudern können. Bleibe bei uns, Johannes, und frühstücke mit uns.“

Als die Apostel ihren Fang an Land gebracht hatten, zählten sie die Fische, und es waren 153 große Exemplare.

Die Zahl 153

Die Zahl 153 hat wegen ihrer außergewöhnlichen mathematischen Eigenschaften und der Erwähnung im Johannesevangelium eine besondere Beachtung gefunden. Auch im Urantia Buch wird sie erwähnt. Da die Anzahl der Fische an sich nicht von Bedeutung ist, muss hinter der Nennung dieser Zahl eine Symbolik stehen. Die Frage ist nur welche?

153 ist eine Dreieckszahl zur Basis 17, das heißt, sie entspricht der Summe der Zahlen von 1 bis 17. Die Zahl 153 ist die kleinste Armstrong-Zahl, da für sie gilt, dass die Summe der Kuben ihrer einzelnen Ziffern wieder 153 ergibt. Die Ziffernsumme von 153 ist 9, also 3 mal 3. Ein Hinweis auf die Trinität ist unübersehbar, aber dafür allein hätte es dieser speziellen Zahl nicht bedurft.

Wegen der Verbindung zur 9 und zur 3 wird die Zahl 153 manchmal auch mit dem Enneagramm in Verbindung gebracht. Nach der Numerologie des Pythagoras ist die Summe aller Arten in der Natur 153. 153 ist auch die Anzahl der Kapitel der ersten vier Bücher der christlichen Bibel (Genesis, Exodus, Levitikus und Numeri), die mit den ersten vier Büchern des jüdischen Tanach identisch sind.

Es ist einer mangelnden Wahrnehmung des Hebräischen als Hintergrund und Kontext der neutestamentlichen Texte zuzuschreiben, wenn in der langen Geschichte der Deutung dieser Zahl die bis heute präsente Bildbedeutung unbeachtet blieb, welche in der hebräischen Philologie jedem Buchstaben zu eigen ist, und deren Heranziehung eine wesentliche verbale Aussage der Zahl entbirgt.

Stellt man die Zahl 153 in der hebräischen Schreibweise dar, in der die Zahlen, vor allem im religiösen Kontext, mit den Schriftzeichen der Buchstabenreihe benannt werden, so enthalten diese Buchstaben in der hebräischen Tradition die Bilder von Kamel, Fisch und Nadelöhr. Die aus den anderen drei Evangelien bekannte Konstellation von Kamel und Nadelöhr erscheint hier um ein drittes Element ergänzt, um den Fisch.

Das Symbol des Fisches für Christus, welches für gewöhnlich mit dem griechischen Akrostichon Ichthys = Fisch, gebildet aus Iesous Christos Theou Hyios Soter (Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser), erklärt wird, geht tatsächlich auf eine ältere hebräische Bedeutung des Fisches zurück.

Die Antwort auf die Frage nach der Symbolik dieser Zahl lautet also: Der Evangelist Johannes erklärt damit den Lesern seiner Niederschrift das Rätsel, wie das Wunder der Errettung auch der Reichen möglich wird: nämlich durch Jesus Christus, der als Sohn Gottes zum Erlöser wird.

Jesus unterhielt sich mit den zehn Aposteln und Johannes Markus über eine Stunde lang, und dann ging er mit jeweils zweien von ihnen im Gespräch am Ufer auf und ab - aber es waren nicht dieselben Paare, die er anfangs zu lehren ausgeschickt hatte. Alle elf Apostel waren zusammen von Jerusalem herabgekommen, aber Simon Zelotes wurde immer mutloser, als sie sich Galiläa näherten, und als sie Bethsaida erreichten, verließ er seine Brüder und kehrte nach Hause zurück.

Bevor sich Jesus an diesem Morgen von ihnen verabschiedete, gab er Weisung, zwei Apostel sollten sich bereit erklären, zu Simon Zelotes zu gehen und ihn noch am selben Tag zurückzubringen. Und das taten Petrus und Andreas.

Als sie fertig gefrühstückt hatten, begann Jesus paarweise Gespräche mit den Aposteln. Er gab immer zwei Aposteln ein Zeichen, dass sie mit ihm einen Spaziergang am Ufer machen sollten. Erwähnt seien hier nur die besonderen Schlussworte zu den Alphäus-Zwillingen Jakobus und Judas: “Nichts, was ein Gottessohn tut, kann gewöhnlich sein. Verrichtet deshalb eure Arbeit von jetzt an wie für Gott. Und wenn ihr auf dieser Welt am Ende angelangt seid, habe ich andere und bessere Welten, wo ihr ebenso für mich arbeiten werdet. Und bei all dieser Arbeit auf dieser und anderen Welten werde ich mit euch arbeiten, und mein Geist soll in euch wohnen.”

Es war fast zehn Uhr, als Jesus von seinem Gespräch mit den Alphäus-Zwillingen zurückkehrte, und als er von den Aposteln schied, sagte er: „Lebt wohl, bis ich euch alle morgen um die Mittagszeit auf dem Berg eurer Weihe wieder sehe.“ Nach diesen Worten entschwand er ihren Blicken.

Samstagmittag, den 22. April, versammelten sich die elf Apostel wie verabredet auf dem Berg in der Nähe von Kapernaum, und Jesus erschien in ihrer Mitte. Dieses Treffen fand auf dem Berg statt, wo der Meister ihnen als seinen Aposteln und Botschaftern des Königreichs des Vaters auf Erden einen Sonderstatus verliehen hatte. Es war die vierzehnte morontielle Erscheinung des Meisters.

Diesmal knieten die elf Apostel in einem Kreis um den Meister und hörten, wie er ihren Auftrag wiederholte, und schauten zu, wie er wiederum den Akt der Weihe vollzog, genau wie damals, als er sie erstmalig in ihre besondere Arbeit für das Königreich einsetzte. Und das alles, des Meisters Gebet ausgenommen, rief ihnen ihre einstige feierliche Verpflichtung auf den Dienst für den Vater in Erinnerung. Als der Meister - der morontielle Jesus - jetzt betete, geschah es in einem Ton von solcher Majestät und mit Worten von solcher Macht, wie die Apostel sie nie zuvor vernommen hatten. Ihr Meister sprach jetzt mit den Lenkern der Universen als einer, der in seinem eigenen Universum alle ihm anvertraute Macht und Autorität übernommen hatte. Und die elf Männer vergaßen dieses Erlebnis der morontiellen Erneuerung ihres früheren Gelöbnisses als Botschafter nie wieder. Der Meister verbrachte genau eine Stunde mit seinen Botschaftern auf dem Berg, und nachdem er liebevoll von ihnen Abschied genommen hatte, entschwand er ihren Blicken.

Die Nachricht von Jesu Erscheinungen verbreitete sich in ganz Galiläa, und jeden Tag kamen Gläubige in größerer Zahl zum Hause des Zebedäus, um etwas über des Meisters Auferstehung zu erfahren und die Wahrheit über diese angeblichen Erscheinungen herauszufinden. Zu Beginn der Woche gab Petrus bekannt, dass am nächsten Sabbat um drei Uhr nachmittags am Seeufer eine öffentliche Versammlung stattfinden werde.

Also fanden sich am Samstag, dem 29. April um drei Uhr, über fünfhundert Gläubige aus der Umgebung von Kapernaum in Bethsaida ein, um Petrus bei seiner ersten öffentlichen Predigt seit der Auferstehung zu hören. Der Apostel war in Hochform, und nachdem er seine mitreißende Ansprache beendet hatte, zweifelten nur noch wenige seiner Zuhörer daran, dass der Meister von den Toten auferstanden war.

Petrus beschloss seine Predigt mit den Worten: „Wir bekräftigen, dass Jesus von Nazareth nicht tot ist; wir erklären, dass er vom Grab auferstanden ist; wir verkünden, dass wir ihn gesehen und mit ihm gesprochen haben.“ Gerade als er dieses Glaubensbekenntnis beendet hatte, erschien der Meister in morontieller Gestalt für alle Leute deutlich sichtbar neben ihm, und in vertrautem Ton sagte er zu ihnen: „Friede sei mit euch, und meinen Frieden lasse ich euch.“ Nachdem er so erschienen war und gesprochen hatte, entschwand er ihren Blicken. Das war die fünfzehnte morontielle Manifestation des auferstandenen Jesus.

Am Donnerstagabend hielten die Apostel im oberen Raum des Hause von Johannes Markus eine wunderbare Versammlung ab, und alle bis auf Thomas, Simon Zelotes und die Alphäus-Zwillinge gelobten, sich zum öffentlichen Predigen des neuen Evangeliums vom auferstandenen Herrn aufzumachen. Und schon hatten die ersten Schritte zur Umwandlung des Evangeliums vom Königreich - von der Gottessohnschaft und Bruderschaft mit den Menschen - in die Verkündigung der Auferstehung Jesu begonnen. Nathanael stemmte sich gegen diese Verlagerung des Kerngedankens ihrer öffentlichen Botschaft, aber er vermochte sich weder der Beredsamkeit des Petrus zu widersetzen, noch kam er gegen die Begeisterung der Jünger, insbesondere der gläubigen Frauen, auf.

Und so, noch ehe der Meister zum Vater aufgestiegen war, begannen seine wohlmeinenden Stellvertreter unter der energischen Führung von Petrus mit dem subtilen Prozess der allmählichen und sicheren Verwandlung der Religion von Jesus in eine neue und abgeänderte Form einer Religion über Jesus.

Jesu sechzehnte morontielle Manifestation ereignete sich am Freitag, dem 5. Mai um neun Uhr abends im Hof des Nikodemus. An diesem Abend hatten die Gläubigen von Jerusalem seit der Auferstehung ihren ersten Versuch gemacht, einander zu treffen. Es waren da zu diesem Zeitpunkt versammelt die elf Apostel, das Korps der Frauen mit ihren Mitarbeiterinnen und rund fünfzig weitere führende Jünger des Meisters einschließlich einer Anzahl Griechen. Über eine halbe Stunde lang hatten diese Gläubigen zwanglos miteinander gesprochen, als plötzlich der morontielle Meister sehr gut sichtbar erschien und sie sofort zu unterweisen begann. Jesus sagte:

„Friede sei mit euch. Dies ist der repräsentativste Kreis von Gläubigen - Aposteln und Jüngern, Männern und Frauen - dem ich seit meiner Befreiung vom Körper erschienen bin. Ich rufe euch jetzt zu Zeugen an, dass ich euch im Voraus gesagt habe, mein Aufenthalt unter euch müsse zu Ende gehen; ich habe euch gesagt, dass ich bald zum Vater zurückkehren muss. Und dann habe ich euch in aller Klarheit gesagt, dass die obersten Priester und Führer der Juden mich dem Tod überantworten würden und dass ich vom Grabe auferstehen würde. Warum habt ihr euch denn erlaubt, derart aus der Fassung zu geraten, als all das eingetreten ist? Und weshalb wart ihr so überrascht, als ich am dritten Tag vom Grabe auferstand? Ihr habt mir nicht zu glauben vermocht, weil ihr wohl meine Worte gehört, aber ihren Sinn nicht verstanden habt.”

„Und ihr solltet jetzt gut auf meine Worte hören, um ja nicht wieder denselben Fehler zu begehen, meiner Unterweisung zwar mit dem Verstand zuzuhören, dabei aber zu verfehlen, in euren Herzen ihren Sinn zu verstehen. Seit ich unter euch weilte als einer von euch, lehrte ich euch, mein einziges Ziel sei, meinen Vater im Himmel seinen Kindern auf Erden zu offenbaren. Ich habe diese Gott offenbarende Selbsthingabe gelebt, damit ihr den Weg der Gotteserfahrung gehen könnt. Ich habe euch Gott als euren Vater im Himmel offenbart; und euch selber habe ich als Gottes Söhne auf Erden offenbart. Es ist eine Tatsache, dass Gott euch, seine Söhne, liebt. Durch euren Glauben an mein Wort wird diese Tatsache in euren Herzen zu einer ewigen und lebendigen Wahrheit. Wenn ihr durch den lebendigen Glauben auf göttliche Weise gottesbewusst werdet, dann seid ihr aus dem Geiste geboren als Kinder des Lichts und Lebens, eben dieses ewigen Lebens, dank dessen ihr im Universum der Universen aufsteigen und die Erfahrung machen werdet, Gott den Vater im Paradies zu finden.”

„Ich ermahne euch, stets zu beherzigen, dass eure Sendung unter den Menschen darin besteht, das Evangelium vom Königreich zu verkünden - die Realität der Vaterschaft Gottes und die Wahrheit der Sohnschaft der Menschen. Verkündet die ganze Wahrheit der guten Nachricht, nicht nur einen Teil des rettenden Evangeliums. Eure Botschaft erfährt durch mein Auferstehungserlebnis keine Änderung. Die Gottessohnschaft durch den Glauben bleibt die rettende Wahrheit des Evangeliums vom Königreich. Ihr müsst hinausziehen, um die Liebe Gottes und den Dienst an den Menschen zu predigen. Was der Welt zu wissen am meisten Not tut, ist dies: Die Menschen sind die Söhne Gottes, und durch den Glauben können sie sich dieser erhebenden Wahrheit tatsächlich bewusst werden und sie täglich erfahren. Meine Selbsthingabe sollte allen Menschen helfen zu wissen, dass sie Kinder Gottes sind, aber ein solches Wissen wird nicht genügen, wenn es ihnen nicht gelingt, durch ihren Glauben persönlich die rettende Wahrheit zu erfassen, dass sie die lebendigen Geistessöhne des ewigen Vaters sind. Das Evangelium vom Königreich handelt von der Liebe des Vaters und vom Dienen seiner Kinder auf Erden.”

„Ihr teilt hier miteinander das Wissen um meine Auferstehung von den Toten, aber daran ist nichts Erstaunliches. Ich habe die Macht, mein Leben abzulegen und es wieder aufzunehmen; solche Macht verleiht der Vater seinen Paradies-Söhnen. Vielmehr sollte das Wissen eure Herzen bewegen, dass bald nachdem ich Josephs neues Grab verlassen habe, die Toten eines Zeitalters mit dem ewigen Aufstieg begonnen haben. Ich habe mein Leben als Mensch gelebt, um zu zeigen, wie ihr durch liebendes Dienen für eure Mitmenschen zu Gottesoffenbarern werden könnt, genau so wie ich für euch dadurch zu einem Gottesoffenbarer geworden bin, dass ich euch geliebt und euch gedient habe. Ich habe unter euch als Menschensohn gelebt, damit ihr und alle anderen Menschen wisst, dass ihr alle in der Tat Söhne Gottes seid. Geht deshalb jetzt in alle Welt hinaus, um allen Menschen dieses Evangelium vom Königreich des Himmels zu predigen. Liebt alle Menschen, wie ich euch geliebt habe; dient euren Mitmenschen, wie ich euch gedient habe. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Wartet hier in Jerusalem nur so lange, bis ich zum Vater gehe und euch den Geist der Wahrheit sende. Dieser wird euch in die umfassendere Wahrheit führen, und ich werde mit euch in alle Welt hinausgehen. Ich bin immer bei euch, und meinen Frieden lasse ich euch.“

Als der Meister so zu ihnen gesprochen hatte, entschwand er ihren Blicken. Die Gläubigen zerstreuten sich erst gegen Morgengrauen; die ganze Nacht hindurch blieben sie zusammen und diskutierten ernsthaft des Meisters Ermahnungen und sannen miteinander über alles nach, was ihnen widerfahren war. Jakob Zebedäus und andere Apostel erzählten ihnen auch von ihren Erlebnissen mit dem morontiellen Meister in Galiläa und berichteten, wie er ihnen dreimal erschienen war.

Früh am Donnerstagmorgen, dem 18. Mai, erschien Jesus zum neunzehnten und letzten Mal als morontielle Persönlichkeit auf Erden. Als sich die elf Apostel im oberen Raum des Hauses von Maria Markus gerade zum Frühstück setzen wollten, erschien er ihnen und sagte:

„Friede sei mit euch. Ich habe euch aufgefordert, hier in Jerusalem zu warten, bis ich zum Vater aufsteige und sogar bis ich euch den Geist der Wahrheit sende, der bald über alle Menschen ausgegossen werden wird und der euch mit Kraft von oben ausrüsten wird.“ Simon Zelotes unterbrach Jesus mit der Frage: „Meister, willst du demnach das Königreich wiederherstellen, und werden wir sehen, wie sich Gottes Herrlichkeit auf Erden zeigt?“ Jesus hörte sich Simons Frage an und antwortete: „Simon, du klammerst dich immer noch an deine alten Vorstellungen von einem jüdischen Messias und einem materiellen Königreich. Aber geistige Kraft wird dir zuteil werden, wenn einmal der Geist auf dich herabgekommen ist, und du wirst bald in alle Welt hinausgehen, um das Evangelium vom Königreich zu predigen. Wie der Vater mich in die Welt gesandt hat, so sende ich euch. Und ich wünsche, dass ihr euch liebt und einander vertraut. Judas ist nicht mehr bei euch, weil seine Liebe erkaltete und weil er euch, seinen treuen Brüdern, das Vertrauen verweigerte. Habt ihr nicht in der Schrift gelesen, wo geschrieben steht: ‚Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein. Niemand lebt für sich selbst‘? Und wo es auch heißt: ‚Wer Freunde haben möchte, muss sich freundlich zeigen‘? Und habe ich euch nicht auch immer zu zweit zum Lehren ausgesandt, damit ihr euch nicht einsam fühltet und nicht auf die Abwege und in die Nöte der Isolation gerietet? Ihr wisst auch gut, dass ich, als ich inkarniert war, mir nie erlaubt habe, lange Zeit allein zu bleiben. Vom Beginn unseres Zusammenlebens an hatte ich ständig zwei oder drei von euch an meiner Seite oder in Reichweite, selbst wenn ich mit meinem Vater in Verbindung trat. Setzt deshalb euer Vertrauen ineinander und vertraut euch einander an. Und das tut umso mehr Not, als ich euch noch heute allein in der Welt zurücklassen werde. Die Stunde ist gekommen; ich bin im Begriff, zum Vater zu gehen.“

Als er gesprochen hatte, gab er ihnen ein Zeichen, mit ihm zu kommen, und er führte sie hinaus auf den Ölberg, wo er sich von ihnen verabschiedete, bevor er die Erde verließ. Es war ein feierlicher Gang zum Ölberg. Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort von dem Augenblick an, da sie den oberen Raum verließen, bis Jesus mit ihnen auf dem Ölberg anhielt.

Es war fast halb acht Uhr an diesem Donnerstagmorgen, dem 18. Mai, als Jesus mit seinen elf schweigenden und ziemlich ratlosen Aposteln auf dem Westabhang des Ölbergs ankam. Von dieser Stelle aus, etwa zwei Drittel bergaufwärts, konnten sie Jerusalem überschauen und auf Gethsemane hinunterblicken. Jesus ging nun daran, sein letztes Abschiedswort an die Apostel zu richten, bevor er die Erde verließ. Als er so vor ihnen stand, knieten sie unaufgefordert im Kreis um ihn nieder, und der Meister sagte:

„Ich habe euch geheißen, in Jerusalem zu bleiben, bis euch Macht vom Himmel gegeben würde. Ich bin im Begriff, euch zu verlassen; ich werde jetzt zu meinem Vater aufsteigen, und bald, sehr bald werden wir den Geist der Wahrheit in diese Welt, in der ich gelebt habe, senden; sobald der Geist gekommen ist, werdet ihr mit der neuen Verkündigung des Evangeliums vom Königreich beginnen, zuerst in Jerusalem und danach bis an die äußersten Enden der Welt. Liebt die Menschen mit derselben Liebe, mit der ich euch geliebt habe und dient euren sterblichen Kameraden so, wie ich euch gedient habe. Nötigt die Seelen, durch die Früchte des Geistes, die ihr in eurem Leben erbringt, an die Wahrheit zu glauben, dass der Mensch ein Sohn Gottes ist und dass alle Menschen Brüder sind. Erinnert euch an alles, was ich euch gelehrt habe und an das Leben, das ich unter euch gelebt habe. Meine Liebe überschattet euch, mein Geist wird bei euch wohnen und mein Friede soll auf euch ruhen. Lebt wohl.“

Nachdem der morontielle Meister so gesprochen hatte, entschwand er ihren Blicken. Diese sogenannte Himmelfahrt Jesu unterschied sich in keiner Weise von der Art, wie er sich während der vierzig Tage seines morontiellen Werdegangs auf der Erde jeweils den Blicken der Sterblichen entzogen hatte.

Nach der Ausgießung des Geistes der Wahrheit zogen die Jünger hinaus, mit Macht von oben erfüllt, und predigten dem Volk die frohe Botschaft - die Errettung durch Jesus - aber sie stolperten ungewollt in den Irrtum, die eigentliche Evangeliumsbotschaft durch einige mit dem Evangelium verknüpfte Tatsachen zu ersetzen. Petrus machte unabsichtlich den Anfang mit diesem Irrtum, und andere folgten ihm darin bis hin zu Paulus, der ausgehend von einer neuen Version der guten Nachricht eine neue Religion schuf.

Das Evangelium vom Königreich ist: die Tatsache der Vaterschaft Gottes in Verbindung mit der sich daraus ergebenden Wahrheit der Sohnschaft-Bruderschaft der Menschen. Das Christentum, wie es sich von diesem Tag an entwickelte, ist: die Tatsache Gottes als des Vaters des Herrn Jesus Christus verbunden mit der Erfahrung des Gläubigen, mit dem auferstandenen und verherrlichten Christus Gemeinschaft zu haben.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese vom Geist erfüllten Menschen die Gelegenheit ergriffen, ihre Gefühle des Triumphs über die Kräfte auszudrücken, die versucht hatten, ihren Meister zu vernichten und dem Einfluss seiner Lehren ein Ende zu setzen. In einem Augenblick wie diesem war es leichter, sich an ihr persönliches Zusammensein mit Jesus zu erinnern und sich von der Gewissheit begeistern zu lassen, dass der Meister weiterlebte, dass ihre Freundschaft kein Ende genommen hatte und dass der Geist tatsächlich über sie gekommen war, wie er es versprochen hatte.

Diese Gläubigen fühlten sich plötzlich in eine andere Welt entrückt, in eine neue Existenz der Freude, der Macht und der Herrlichkeit. Der Meister hatte ihnen gesagt, das Königreich werde mit Macht kommen, und einige von ihnen dachten, sie fingen an zu erfassen, was er damit gemeint hatte.

Und wenn man all das in Betracht zieht, fällt es nicht schwer zu verstehen, wie diese Menschen dazu kamen, anstelle ihrer früheren Botschaft von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen ein neues Evangelium über Jesus zu predigen.

Jesus lebte und lehrte auf Erden ein Evangelium, das den Menschen von dem Aberglauben erlöste, er sei ein Kind des Teufels, und ihn zu der Würde eines durch den Glauben zum Gottessohn Gewordenen emporhob. Jesu Botschaft, wie er sie damals predigte und lebte, vermochte die geistigen Schwierigkeiten der Menschen in den Tagen ihrer Verkündigung wirksam zu lösen. Und jetzt, da er persönlich die Welt verlassen hat, sendet er statt seiner den Geist der Wahrheit, der bestimmt ist, im Menschen zu leben und Jesu Botschaft für jede neue Generation stets neu zu formulieren, damit jede frisch auf der Erde erscheinende Gruppe von Sterblichen eine neue und moderne Version des Evangeliums besitze - d. h. gerade jene persönliche Erleuchtung und kollektive Führung, die sich für die immer neuen und verschiedenartigen geistigen Schwierigkeiten der Menschen als wirksame Lösung erweisen werden.

Die erste Mission dieses Geistes besteht natürlich darin, die Wahrheit wachsen und persönlich werden zu lassen, denn das Erfassen der Wahrheit stellt die höchste Form menschlicher Freiheit dar. Alsdann ist es das Ziel dieses Geistes, dem Gefühl von Verwaistsein des Gläubigen ein Ende zu machen. Nachdem Jesus unter den Menschen gelebt hat, würden alle Gläubigen unter einem Gefühl des Verlassenseins leiden, hätte nicht der Geist der Wahrheit im Menschenherzen Wohnung genommen.

Es geht nicht darum, sich des verliehenen Geistes der Wahrheit intellektuell stark bewusst zu werden. Der Geist bewirkt nie ein Bewusstsein seiner selbst, sondern nur ein Bewusstsein von Michael, dem Sohn. Von Anfang an lehrte Jesus, dass der Geist nicht selber sprechen werde. Deshalb wird man den Beweis der Gemeinschaft mit dem Geist der Wahrheit nicht im Bewusstsein von diesem Geist finden, sondern in der Erfahrung verstärkter Gemeinschaft mit Michael.

Der Geist kam auch, um den Menschen zu helfen, sich der Worte des Meisters zu erinnern und sie zu verstehen, und um sein Erdenleben zu erhellen und neu zu interpretieren.

Und weiter kam der Geist der Wahrheit, um dem Gläubigen zu helfen, selber zu einem Zeugen für die Realität der Lehren Jesu und seines Lebens zu werden, das er als Mensch gelebt hatte und jetzt wieder von neuem und abermals in jedem einzelnen Gläubigen jeder vorübergehenden Generation geisterfüllter Gottessöhne lebt.

Daraus geht hervor, dass der Geist der Wahrheit wirklich kommt, um alle Gläubigen in alle Wahrheit zu führen, in die sich erweiternde Erfahrung eines lebendigen und wachsenden geistigen Bewusstseins von der Realität ewiger und aufsteigender Gottessohnschaft.

Jesus lebte ein Leben, das einen Menschen offenbart, der dem väterlichen Willen unterworfen ist, aber kein Beispiel, dem jeder Mensch wörtlich zu folgen versuchen sollte. Sein irdisches Leben zusammen mit seinem Tod am Kreuz und der darauf folgenden Auferstehung wurde bald zu einem neuen Evangelium vom Sühneopfer, das dargebracht wurde, um den Menschen aus den Klauen des Teufels loszukaufen - um der Verurteilung durch einen beleidigten Gott zu entgehen. Obwohl das Evangelium stark entstellt wurde, bleibt trotzdem die Tatsache bestehen, dass diese neue Botschaft über Jesus viele der fundamentalen Wahrheiten und Lehren seines ursprünglichen Evangeliums vom Königreich enthielt. Und früher oder später werden diese verborgenen Wahrheiten von der Vaterschaft Gottes und der Bruderschaft der Menschen hervorkommen und die Zivilisation der gesamten Menschheit wirksam umwandeln.

Aber diese intellektuellen Irrtümer hinderten die Gläubigen in keiner Weise daran, im geistigen Wachstum große Fortschritte zu machen. In weniger als einem Monat nach der Ausschüttung des Geistes der Wahrheit machten die Apostel bedeutendere individuelle geistige Fortschritte als während ihres fast vierjährigen persönlichen und liebevollen Zusammenseins mit dem Meister. Ebenso wenig behinderte die Ersetzung der rettenden Evangeliums Wahrheit der Gottessohnschaft durch die Tatsache der Auferstehung Jesu in irgendeiner Weise die rasche Ausbreitung ihrer Lehren; im Gegenteil schien diese Überschattung von Jesu Botschaft durch die neuen Lehren über seine Person und Auferstehung das Predigen der guten Nachricht bedeutend zu erleichtern.

Der Ausdruck „Taufe durch den Geist“, der in jener Zeit allgemein gebräuchlich wurde, bedeutete nur den bewussten Empfang der Gabe des Geistes der Wahrheit und die persönliche Anerkennung dieser neuen geistigen Macht als einer Verstärkung der von gottesbewussten Seelen bislang erfahrenen geistigen Einwirkungen.

Das Kommen des Geistes der Wahrheit zu Pfingsten machte eine Religion möglich, die weder radikal noch konservativ ist; sie ist weder alt noch neu; sie soll weder von den Alten noch von den Jungen dominiert werden. Die Tatsache von Jesu Erdenleben liefert einen Fixpunkt für den Anker der Zeit, während die Verleihung des Geistes der Wahrheit für die immerdauernde Expansion und das endlose Wachstum der von Jesus gelebten Religion und des von ihm verkündeten Evangeliums sorgt. Der Geist führt in alle Wahrheit; er ist der Lehrer einer expandierenden und stetig wachsenden Religion endlosen Fortschritts und göttlicher Entfaltung. Dieser neue Lehrer wird dem Gläubigen, der nach der Wahrheit sucht, unaufhörlich das enthüllen, was in der Person und im Wesen des Menschensohnes so göttlich verborgen war.

Die mit der Gabe des „neuen Lehrers“ einhergehenden Manifestationen und die Aufnahme der Predigt der Apostel durch die in Jerusalem zusammengekommenen Menschen verschiedener Rassen und Nationen sind ein Zeichen für die Universalität der Religion Jesu. Das Evangelium vom Königreich sollte mit keiner bestimmten Rasse, Kultur oder Sprache identifiziert werden. Der Pfingsttag sah die große Anstrengung des Geistes, um Jesu Religion von ihren ererbten jüdischen Fesseln zu befreien. Sogar noch nach dieser demonstrativen Ausschüttung des Geistes auf alle Menschen bemühten sich die Apostel am Anfang eifrig darum, ihren Neubekehrten die Forderungen des Judaismus aufzuerlegen. Auch Paulus bekam Schwierigkeiten mit seinen Brüdern in Jerusalem, weil er sich weigerte, die Nichtjuden diesen jüdischen Praktiken zu unterwerfen. Keine offenbarte Religion kann sich über die ganze Welt verbreiten, wenn sie den schweren Fehler macht, sich von nationaler Kultur durchdringen oder sich mit bestehenden völkischen, sozialen oder wirtschaftlichen Praktiken in Verbindung bringen zu lassen.

Vor Pfingsten hatten die Apostel viel aufgegeben, um Jesus zu folgen. Sie hatten ihr Zuhause, ihre Familien, Freunde, weltlichen Güter und Stellungen geopfert. Zu Pfingsten gaben sie Gott sich selbst, und der Vater und der Sohn antworteten, indem sie den Menschen sich selbst gaben - indem sie ihre Geiste sandten, um in den Menschen zu wohnen. Diese Erfahrung, das Selbst zu verlieren und den Geist zu finden, war nicht emotional; es war ein Akt intelligenter Selbstaufgabe und rückhaltloser Weihung.

Das Kommen des Geistes der Wahrheit läutert das menschliche Herz und bringt den Empfänger dahin, seine Lebensaufgabe einzig in der Ausrichtung auf den Willen Gottes und das Wohlergehen der Menschen zu sehen. Der materielle Geist der Selbstsucht ist von diesem neuen geistigen Geschenk der Selbstlosigkeit verschlungen worden. Pfingsten bedeutet damals wie heute, dass der geschichtliche Jesus zum göttlichen Sohn einer lebendigen Erfahrung geworden ist. Wenn die Freude des ausgegossenen Geistes im menschlichen Leben bewusst erfahren wird, belebt sie die Gesundheit, regt das Denken an und ist eine nie versiegende Energie für die Seele.

„Das Reich Gottes ist in euch“ war wahrscheinlich der größte Ausspruch, den Jesus je gemacht hat, neben der Erklärung, dass sein Vater ein lebendiger und liebender Geist sei.