Spiritualität - Transformation

Ein Zen-Einsiedler saß am Ufer eines Flusses, als er von einem jungen Mann beim Zazen gestört wurde. Der junge Mann kniete nieder und sagte: »Meister, ich will euer Schüler werden.«
»Weshalb?«, fragte der Meister.
»Weil ich Befreiung finden will.«
Da sprang der Meister plötzlich auf, packte den jungen Mann am Genick, zerrte ihn zum Fluss und hielt seinen Kopf unter Wasser. Der junge Mann zappelte, doch der Meister ließ nicht locker.
Nach einer Weile ließ er den jungen Mann endlich los. Der Mann spie Wasser aus, das er geschluckt hatte, und rang nach Luft. Minuten später hatte er sich beruhigt.
»Was wolltest du am meisten, als ich deinen Kopf unter Wasser hielt?« fragte der Meister.
»Luft«, sagte der junge Mann.
»Gut«, sagte der Meister. »Geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist, und komm dann wieder zu mir, wenn du die Befreiung genauso sehr willst, wie du eben Luft wolltest.«

Viele Menschen scheinen sich für Spiritualität zu interessieren, aber dieses Interesse kann nicht sehr tief sein, sonst würden nicht nur so wenige transformiert werden. Geht das Interesse wirklich tief, wird ganz von selbst ein Feuer daraus, das einen transformiert.

Das oberflächliche Interesse bedeutet, sich selbst zu täuschen. Die Täuschung ist sehr versteckt, ist aber sicher da. Vielleicht wollen wir im Grunde gar nicht transformiert werden. Diese Angst ist sehr real, die Angst vor der Transformation. Also reden wir uns an der Oberfläche ein, wir wären zutiefst interessiert, aber insgeheim machen wir uns etwas vor.

Die Angst vor der Transformation ist genau wie die Angst vor dem Tod. Sie ist ein Tod, denn das Alte wird weichen müssen, und das Neue muss erst noch entstehen. Uns wird es nicht mehr geben; etwas vollkommen Unbekanntes wird aus uns zum Vorschein kommen.

Wir fürchten uns. Wir möchten zwar transformiert werden, gleichzeitig aber möchten wir auch so bleiben, wie wir sind. Das ist das Täuschungsmanöver: Wir möchten zwar wachsen, aber wir möchten auch wir selbst bleiben. Dann ist kein Wachstum möglich, dann können wir nur falsche Tatsachen vortäuschen.

Die wirkliche Transformation passiert dadurch, dass wir alles daran setzen - nicht durch irgendeine Methode. Die Methode ist nur ein Aufhänger, die Methode ist nur eine Hilfestellung, die Methode ist zweitrangig. Worauf es im Grunde ankommt, ist unsere Bereitschaft. Aber wir sind immer nur damit beschäftigt, davon zu reden, etwas tun zu wollen. Und Wörter können Illusionen spinnen: Wir denken so viel darüber nach, wir reden so viel darüber, wir hören uns so viele Meinungen darüber an, dass wir das Gefühl haben, etwas zu tun. Das Ego hat für die so genannten spirituellen Menschen eine Menge Täuschungsmanöver ausgetüftelt.

Beten - um zu flehen - ist ein Trick, um nicht meditieren, um nicht nach innen gehen zu müssen. Und die so genannte Frömmigkeit hat sich allerlei Gebete ausgedacht. Aus Beten kann zwar auch Meditieren werden - wenn es nicht nur Lippenbekenntnisse sind, sondern ein echtes Bemühen, eine tiefe Anteilnahme. Dann kann Gebet auch zu Meditation werden, aber häufig sind Gebete nur Scheinmanöver. Damit man sich nicht anzustrengen braucht, darum betet man. Beten im herkömmlichen Sinn heißt: Gott möge bitte etwas tun, jemand anders möge etwas tun. Beten heißt, dass wir passiv sind - etwas muss mit uns getan werden.

Es war einmal, dass Mulla Nasrudin aufs Postamt gerannt kam, packte den Postmeister am Kragen, schüttelte ihn und sagte: “Ich werde wahnsinnig! Meine Frau ist verschwunden!”
Er tat dem Postmeister leid; der sagte: “Wirklich? Sie ist verschwunden? Aber leider ist das hier ein Postamt und nicht die Polizeiwache. Erstatten Sie Ihre Anzeige besser dort!”
Aber Mulla schüttelte ablehnend den Kopf und sagte: “Nein, darauf fall ich kein zweites Mal rein. Das letzte Mal, als meine Frau verschwand, bin ich zur Polizei gegangen, und nachdem ich Anzeige erstattet hatte, hat man sie gefunden. Das soll mir nicht noch mal passieren. Wenn Sie die Anzeige aufnehmen wollen, bitte sehr. Wenn nicht, dann geh ich.”

Anzeige möchte er wohl erstatten, damit er sich besser fühlt, damit er sich nichts vorzuwerfen hat - er hat ja etwas unternommen. Aber zur Polizei gehen will er lieber nicht, das ist ihm zu heikel. Genauso machen wir alles Mögliche, um ein gutes Gefühl zu haben, dass wir etwas tun. Aber in Wirklichkeit sind wir oft nicht bereit, transformiert zu werden. Also können wir uns auf den Kopf stellen, es kommt nichts dabei heraus. Mehr noch: Es ist sogar schädlich, weil es eine Verschwendung von Zeit, Energie und echten Chancen ist.

Die Schwierigkeiten kommen erst, wenn wir anfangen, uns wahrhaftig zu engagieren. Nachdenken ist sehr leicht, denn dann sind wir nicht wirklich unterwegs; aber wenn wir Ernst damit machen, tauchen Schwierigkeiten auf. Wenn wir also merken, dass es jetzt langsam schwierig wird, sind wir auf dem richtigen Weg. Etwas passiert mit uns. Dann werden alte Dämme brechen, werden alte Gewohnheiten verschwinden, werden sich Veränderungen einstellen, kommt es zu Störungen und Chaos. Alle Kreativität kommt aus dem Chaos. Wir werden nur dann neu geschaffen werden, wenn alles, was wir sind, chaotisch wird. Ein wahrhaftig spiritueller Weg wird zunächst einmal alles Alte zerstören, und erst danach kann etwas Neues auftauchen.

Wenn Schwierigkeiten auftauchen, dann seien wir froh - das ist ein Zeichen von Wachstum. Kein Wachstum läuft glatt. Und schon gar nicht spirituelles Wachstum, das liegt nicht in seiner Natur. Denn spirituell zu wachsen bedeutet, nach oben zu wachsen; spirituelles Wachstum heißt, ins Unbekannte vorzustoßen, auf unbefahrene Meere hinauszufahren. Da können Schwierigkeiten nicht ausbleiben. Aber denken wir daran, dass jede überwundene Schwierigkeit uns mehr kristallisieren wird. Wir werden gefestigter sein. Wir werden wirklicher geworden sein. Zum ersten Mal werden wir das Gefühl haben, dass sich etwas zentriert, etwas stabil wird.

Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus ist eine wunderbare Metapher für die spirituelle Reise. Kolumbus brach nach Westen auf, um Indien zu erreichen, er tat dies voller Begeisterung und tiefster Überzeugung, aber er tat dies letztendlich nur, weil er die Entfernung nach Indien völlig falsch berechnet hatte. Die tatsächliche Entfernung nach Indien war mit den damaligen Schiffen nicht zu überwinden. Irgendwann kam der Punkt auf seiner Reise, an dem es zum allerletzten Mal möglich war, umzukehren und mit den verbliebenen Vorräten die Heimat zu erreichen. Und gegen den Widerstand seiner Mannschaft entschied er sich, weiterzufahren, obwohl nun klar war, dass sie Land erreichen mussten, um zu überleben. Und so erreichte er das erhoffte Paradies, aber es war ein ganz anderes Land, als er es sich vorgestellt hatte, er hatte einen neuen Kontinent entdeckt.

So ist es auch mit der spirituellen Reise: Am Anfang der Reise haben wir keine wirkliche Vorstellung vom Ziel, denn das Ziel liegt jenseits unseres Verstandes. Und wenn wir es ernst meinen mit unserem spirituellen Weg, dann kommen wir irgendwann an den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und wir trotz aller Schwierigkeiten gezwungen sind, bedingungslos zu vertrauen und weiterzumachen. Und eines Tages wird unsere Bereitschaft belohnt werden und wir werden in der Erkenntnis des Paradieses erwachen.